Wo ist Xavier Dupont de Ligonnès?

Nach mehr als zwei Jahren haben die französischen Behörden noch immer keine Spur von dem Mann, der offiziell als wichtiger Zeuge gesucht wird aber in Wahrheit der einzige Verdächtige eines Verbrechens ist, das die Stadt Nantes und die französische Gesellschaft schockiert hat.

Am 21. April 2011 finden Polizeibeamte unter der Terrasse des Hauses 55, Boulevard Robert-Schuman die Leichen seiner Frau, seiner vier Kinder zwischen 13 und 20 Jahren und der beiden Labradorhunde der Familie. Alle wurden mit einer Schusswaffe hingerichtet.

Das ärgerlich banale und triviale Wort „Familientragödie“ vermag keinen ausreichenden Begriff vom Ausmaß der Tat zu geben, vom Ausmaß des Verlusts von 4 jungen Menschenleben, vom Ausmaß des Egoismus, der Verzweiflung und des Wahns, der schon lange im Kopf des Täters geglommen haben mag und auch vom Ausmaß des Horrors und des Entsetzens, das aufkommt, wenn man sich den Ablauf der Tat vergegenwärtigt.

Xavier Dupont de Ligonnès konnte – sehr ähnlich wie Jean-Claude Romand – seine Lebenslüge nicht mehr aufrechterhalten.

Wenige Tage bevor der Gerichtsvollzieher eine Forderung von 20.000 € eintreiben wollte, nur ein kleiner Teil seiner immensen Schulden, schaffte es der Mann nicht mehr seine Familie und letztendlich sich selbst zu belügen. Der Schlag, den sein Selbstbild abbekam, hat ihn ausgeknockt. Der Einbruch der Realität in sein von Lügen getrübtes Bewußtsein setzte eine mörderisch, präzise Mechanik in Gang, die der Mann schon zuvor ausgebrütet und ausgefeilt hatte.

Xavier Dupont de Ligonnès entstammt einer alten Familie aus dem verarmten Adel im Süden Frankreichs. Er wächst in einer bürgerlichen und nach außen hin angepassten Familie in Versailles auf. Wie so oft sind jedoch Sein und Schein zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Sein Vater verließ die Familie als Xavier ungefähr 10 Jahre alt war. Seine Mutter erzog ihn in einer extremen, frömmlerischen, apokalyptischen Auslegung des katholischen Glaubens. Zwei Elemente seiner Biographie, die ihn tief zu prägen scheinen. Nach außen hin ließ sich der Junge nichts anmerken. Auch wenn er als Kind um 6 Uhr vor der Schule die Messe besuchen musste, erlebten ihn seine Klassenkameraden als fröhlich, ausgelassen und gar nicht als gehemmten, gottesfürchtigen Sonderling. Vielleicht hat er schon diesem jungen Alter die Verstellung eingeübt und gelernt, dass das Verbergen der Wahrheit und die Kultivierung eines Anscheins die Dinge erleichtern – zumindest für eine gewisse Zeit.

Xavier Dupont de Ligonnès fasst niemals richtig Fuß im Berufsleben. Nie bleibt er länger als ein paar Monate oder wenige Jahre bei einem Arbeitgeber. Er reist viel und zieht häufig um. Zu Beginn der 90er Jahre heiratet er Agnès, eine Jugendfreundin, die einen Sohn aus einer anderen Beziehung in die Ehe mitbringt. In kurzen Abständen kommen Kinder. Die Familie wechselt immer noch alle zwei Jahre den Wohnsitz innerhalb Frankreichs. Als wollte sie ihre Spuren vor Gläubigern verwischen.

Xavier beschließt, sich selbständig zu machen. Mit der beginnenden Verbreitung des Internets erstellt er Webseiten mit Hotelverzeichnissen für reisende Vertreter gekoppelt mit Getränkegutscheinen für die dort eingenommenen Abendessen. Die Einnahmen sind mager. Nebenher arbeitet er für Hotelketten als Testkunde. Pro Einsatz gibt es 100 oder 150 € Aufwandsentschädigung. Diese sind die meiste Zeit über seine einzige Einnahmequelle. Obwohl Xavier die ganze Woche über unterwegs ist, gehen die Geschäfte schlecht. Das Erbe seiner Frau, immerhin 80.000 € verschleudert er in seinen nutz- und fruchtlosen Projekten.

Wie lange schafft er es, sich selbst zu belügen, den Schein zu wahren? Obwohl er nur ein Einkommen von 4.000 € pro Jahr beim Finanzamt angibt, führt die Familie ein fast großbürgerliches Leben, leistet sich drei Autos und Privatschulen für die Kinder.

Als der Abgrund nicht mehr zu ignorieren ist, im Jahr 2008, lässt er die Beziehung zu einer Jugendliebe wieder aufleben. Die Frau ist mittlerweile Unternehmerin und Geschäftsführerin. Er leiht sich 50.000 € von ihr, um die hartnäckigsten Gläubiger ruhigzustellen und die dringendsten Rechnungen zu bezahlen. Doch das Geld reicht nicht.

Was mag ihm wohl durch den Kopf gegangen sein, in den anonymen Hotels irgendwo in Frankreich, nach einem Tag ohne einen werthaltigen Vertragsabschluss, nur mit einem Taschengeld von 100 € als einziger Einnahmequelle? Hat er das finanzielle Fiasko in seiner Gesamtheit wahrgenommen, hat er über seine Rolle als Vater seiner vier Kinder nachgedacht und das Bild, das er ihnen gegenüber abgibt? Grübelte er darüber nach, dass er als mittlerweile 50jähriger Mann nichts aufgebaut hatte, eine Lüge lebte, die er nicht mehr aufrechtzuerhalten in der Lage war? Bereute er vielleicht das Leben, das er geführt hatte, oder dass er nicht rechtzeitig ausgebrochen war und wie sein Vater? Peinigte ihn die brennende und nagende Einsicht, dass er zwar erfolgreich sein wollte, dass er aber einfach nicht konnte und auch niemals mehr können würde? Führte ihn die Achterbahn aus Größenwahn und Unvermögen zu den morbiden Gedanken, seine Familie aus der Welt zu schaffen?

Die Ausweglosigkeit wurde ihm vermutlich bewußt, als seine Mätresse das Darlehen von 50.000 € von ihm zurückforderte und eine Klage gegen ihn erhob. Hat der Lügner, Träumer und Prokrastinierer erst in diesem Augenblick verstanden, dass sein Leben ins Wanken geraten war und in Richtung Abgrund zutrieb?

Im Dezember 2010 beginnt Xaver Dupont de Ligonnès, in einem Schützenverein zu trainieren. Zunächst mit einer einfachen Kleinkaliberpistole, später mit einem Karabiner Kaliber .22 LR, den er von seinem Vater geerbt hatte. Mitglieder des Vereins sind unangenehm berührt, als der das Gewehr zum Schießen mit einem Schalldämpfer versieht. Im März 2011 ist er mit der Miete drei Monate im Rückstand, kann Strom und Krankenversicherung nicht mehr zahlen. Der Gerichtsvollzieher kündigt sich an. Der tödliche Mechanismus setzt sich in Gang ausgelöst durch eine Mischung aus psychischer Erregtheit und einem Allmachtsgefühl, vielleicht auch einer verdrehten, perversen Mitleidsempfindung mit seiner Familie, das ihm eingab, ihr durch den Tod die Schande und die häßliche Wahrheit zu ersparen.

Am 01. April 2011 kauft er eine Schaufel, eine Sackkarre, Jutesäcke, 40 kg ungelöschten Kalk und ein starkes Reinigungsmittel, dann trainiert er ein letztes Mal im Schützenverein. Am Sonntag, dem 03. April 2011, geht er mit seiner Familie und drei seiner Kinder in ein Restaurant. Alles scheint normal, eine gewöhnliche Familie, die ein alltägliches Abendessen in einem Restaurant zu sich nimmt.  Vermutlich nach diesem Abendessen betäubt Xavier seine Kinder und tötet sie und seine Frau im Schlaf mit Kopfschüssen. Der 13jährige Benoît scheint während der Tat aufgewacht zu sein, denn er hatte drei Einschußlöcher in der Brust.

Am nächsten Tag meldet Xavier seine Frau bei der Arbeit ab und seine Kinder in der Schule. Abends besucht er seinen mittleren Sohn Thomas in Angers, wo er Musik studiert und isst mit ihm in einem Restaurant. Die Bedienung erinnert sich an ein schweigsames, verkrampftes Vater-Sohn-Essen. Spürte Thomas die Anwesenheit des Todes in seinem Vater? Am nächsten Tag erhält Thomas eine SMS von seinem Vater, er solle sofort nach Hause nach Nantes kommen, die Mutter haben einen Fahrradunfall gehabt und liege nun im Krankenhaus. Thomas nimmt den Zug nach Hause, wo ihn der Tod erwartete.

In den folgenden Tagen läuft die wahnsinnige Mechanik weiter. Xavier beschäftigt sich mit dem Verscharren der Leichen unter der Terrasse. Nach vollbrachter Tat fährt er in die Studentenwohnheime der älteren Söhne und räumt ihre Zimmer leer. Einem Studenten, der sein Tun beobachtet, ruft er leichthin zu: „Was tut man nicht alles für seine Kinder!“.

Wieder zu Hause verfasst er einen Brief an Freunde und Verwandte, in dem er erklärt, dass er mit sofortiger Wirkung das Land verlassen müsse. Die amerikanische Drogenbehörde DEA habe ihn als verdeckten Ermittler eingesetzt, jedoch sei er bei seiner Tätigkeit enttarnt worden. Nun werde er ins amerikanische Zeugenschutzprogramm aufgenommen, müsse eine neue Identität annehmen und müsse von nun an jeden Kontakt abbrechen.

Am 10. April 2011 schraubt Xavier Dupont de Ligonnés den Briefkasten von Haus und fährt mit seinem Auto davon. Im Haus hat er alle Gegenstände, selbst die kleinsten, die einen Hinweis auf die ehemaligen Bewohner des Hause geben könnten, entfernt. Er hat seine Frau und seine Kinder nicht nur getötet, sondern ihr Leben und jegliche Erinnerung an ihr Dasein auf Erden ausgelöscht.

Wo er sich in den folgenden Tagen aufhält und was er tut, ist bis heute größtenteils ein Rätsel. Man kann einzelne Übernachtungen in Hotels auf dem Weg in den Süden rekonstruieren. In der Nacht vom 12. auf den 13. April 2011 übernachtet er in einem 5-Sterne-Hotel in Le Pontet in der Vaucluse. Er hebt 1000 € an einem Automaten ab und begleicht eine Hotel- und Restaurantrechnung von fast 600 € per Karte. Angestellten bleibt er als sehr selbstbewußt und freundlich in Erinnerung. Er habe einen entspannten und gelösten Eindruck gemacht.

Am 14. April hebt er 30 € an einem Automaten in Roquebrunes-sur-Argens ab und übernachtet in einem Hotel der Billigkette Formule 1. Am nächsten Morgen verlässt Xavier Dupont de Ligonnès das Hotel mit dem Auto.  An diesem Tag verschwindet die 50jährige Colette Deromme aus dem südfranzösischen Örtchen Lorgues, etwa 30 km von Roquebrunes entfernt. Man findet ihre Leiche einen Monat später unter einem Steinhaufen. Die Familie de Ligonnès hatte im Jahr 1992 in diesem Städtchen gelebt. Ein seltsamer Zufall? Niemand kann sich daran erinnern, dass die Frau und Xavier Dupont de Ligonnès sich kannten. Bis heute wird offiziell ein Zusammenhang zwischen dem fünffachen Mord und dem gewaltsamen Tod der Frau zurückgewiesen.

Am Nachmittag desselben Tages erscheint der Gesuchte wieder und parkt das Auto neben dem Hotelparkplatz im toten Winkel der Überwachungskameras. Zeugen sehen ihn, wie er zu Fuß mit einem Rucksack den Parkplatz verlässt. Danach verliert sich seine Spur.

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Die Augen von Berlin

Ihre Augen sind anders, ihre  Neugier anders. Es kommt vor, dass ein halberwachsener Zigeunerjüngling mit dem Schnitzmesser über seine Kehle geht – die Zigeuner kenne nur den Tod in der Liebe oder den Tod im Leben, und wenn sie glauben, die Sonne stehe tief  genug oder die Mondsichel erhelle das Stück Himmel über ihren Köpfen im  richtigen Licht, sterben sie einfach. Sie sterben meist an einem starken Gefühl. Ihre Sehnsucht ist anders. Ihre Augenblicke sind anders. Es reißen keine Wunden in ihren Lungen auf, sie kommen aufgerissen und aufgewühlt zur Welt.

Feridun Zaimoglu, Leyla

Diese Augen kenne ich auch. Diese seltsamen Augen habe ich im Osten Berlins gesehen, in den 90ern. Als ich da war, ist sind sie mir bewusst gar nicht so aufgefallen. Erst im Nachhinein, als ich das Bild des kleinen Postmanns gesehen habe.

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Ein armes kleines Geschöpf in einem Hinterhof. Fast schon ein androgynes Aussehen. Schmächtige, fallende Schultern unter dem schäbigen Postlermantel und der häßlichen Postlertschapka. Darunter ein abgemagertes Gesicht, das eine verprügelte, unterdrückte Seele zeigt. Ein von Alkohol, Hoffnungslosigkeit, stumpfsinniger Arbeit und noch stumpfsinnigerer Ideologie gezeichnetes Gesicht. Eine zerzauste und gebeutelte Gestalt wie aus einer Geschichte von Wolfgang Borchert. Aber diese seltsamen Augen. Schräg, erloschen, hoffnungslos aber doch von einem eigentümlichen Leben erfüllt. Und diese Augen hatten viele, denn ich habe sie im Osten in den 90er Jahren oft gesehen.

In meinen Augen ist in den Gesichtern und in diesen Augen der Niedergang der DDR eingekerbt. Der Verfall, die politische, soziale und gesellschaftliche Krise, die sich in den 1980ern zuspitzte. Aber der Zusammenbruch war mit dem Mauerfall noch nicht beendet. Die DDR lebte in den Menschen weiter, in ihrem Verhalten und ihren Gesichtern.

Diese Szenerie im Berlin der 90er hatte eine sehr spezielle Atmosphäre, die mit der heutigen nicht zu vergleichen ist. Eine Stimmung der Bewegung und des Übergangs, das noch ziemlich lange anhielt. Viele Paare auf Fahrrädern, die durch die mit Altbauruinen gesäumten Straßen fuhren, viele Leute mit riesigen Rucksäcken auf dem Weg von irgendwoher nach irgendwohin mit einem Zwischenstop in Berlin und eben diese Mädchen mit den seltsamen Augen. Ihre Augen waren in den 90er Jahren nicht mehr mit Hoffnungslosigkeit angefüllt, sonder waren neugierig und lebendig. Dabei waren sie oft hart und gefühllos.

Gastronomie Prenzl.Berg ab 1998

Ich sehe den Übergang hier, die Reste der fleckigen Hausruinen, den Lebenshunger, die noch nicht genormten Lebenswelten. Wo ist jetzt dieser Billy Corgan Typ mit der Glatze?

Jetzt kann ich diese Epoche selbst nur noch aus der zeitlichen Entfernung betrachten, und solche kleinen Mosaiksteinchen meiner Jugend einsammeln. Mit der Jahrtausendwende begann der Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte, eigentlich ganz Berlin begannen „hip“ und „sexy“ zu werden. In die Sauf- und Absturzkneipen sind  Edelitaliener und Yogastudios eingezogen. Es ist nichts mehr übrig vom Schmutz und vom Verkommenen und Gebrochenen. Das Jahr 2000 hat die 10 Jahre währende postmortale Agonie beendet, und die DDR hat aufgehört in den Menschen und Gesichtern zu existieren, diese seltsamen Augen, die diesen eigenartigen Blick erzeugten, sind jetzt verschwunden. Die DDR ist auch aus den Physiognomien der Menschen verschwunden. Sie lebt jetzt nur noch heimlich und verborgen in den Gehirnen sterbender.

Aber wo sind jetzt diese Mädchen mit den seltsamen, schrägen Augen?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur: Ich bin noch da, und mein Herz schlägt und die Flamme in meinen Herzen lodert noch.

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Does Snuff really exist?

„Snuff ist ein Mythos!“, sagte der Sexshopbetreiber zum Privatdetektiv mit einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Der Satz aus dem Film „8 MM“ von Joel Schumacher war vor 15 Jahren vermutlich wahr. Der Reiz, einen Menschen beim Sterben zu betrachten, hat wahrscheinlich schon immer eine bizarre Faszination auf manche Männer ausgeübt, die sich früher allerdings auf schlecht gemachte Mondos-Filme beschränken mussten. Zwei Jahre später endete das ruhige, langweilige und auch etwas überspannte Jahrzehnt, das dem Mauerfall folgte. Das World Trade Center stürzte, von Flugzeugen getroffen, in sich zusammen. Menschen verbrannten im Kerosin oder wählten den Tod durch einen Sprung aus dem 100. Stockwerk. Es folgten Kriege und mit den Kriegen Bilder der Gewalt. Fotos von verletzten, blutenden oder toter Menschen, dazu Berichte von Reportern, Opfern, Soldaten. All diese Bilder und Berichte blieben noch auf merkwürdige Weise abstrakt, auch wenn sie schockierten. Sie kamen in Form von Artikeln und redaktionell ausgewählten Fotos. Der Schmerz, das Grauen, das Leid wurden gefiltert und dadurch gemildert.
Youtube hat den Horror noch eine Umdrehung weitergetrieben. Mit dem Beginn des „Arabischen Frühlings“ kamen auch die Bilder und vor allem die Handyfilme. Vor allem aus Syrien. Sie kommen ungefiltert, ungemildert roh und brutal, treffen auf die Pupille und dringen in die Seele ein. Sie kommen mit Macht und bringen eine Realität, die kaum erträglich ist: Sterbende, die ihre letzten Atemzüge tun. Menschen, mit zerfetzten Kiefern und abgerissenen Beinen. Kleine Mädchen, denen ein Fuß fehlt, denen der Beinstumpf in Fetzen hängt. Menschen, die gefoltert werden; denen anderen Menschen (?Tiere?, nein Menschen, Tiere wären zu solchen Taten nicht fähig) mit einer Eisenstange ein Auge ausstechen. Menschen, die mit Messern erstochen und anschließend mit Betonbrocken beworfen werden, gefilmt von einem sadistischen Mordkomplizen. Exekutionen von Soldaten, Offizieren, Kollaborateuren. Vermeintliche? Zerfetzte Körper in einem Zustand, denen noch nicht einmal der winzigste Rest an Würde geblieben ist. Die vollständige Abwesenheit von Menschlichkeit oder besser gesagt: von Menschsein.
Bilder, die sich in die Seele brennen und fressen, von denen man wünscht, man hätte sie nie gesehen. Jeden Tag und jederzeit online verfügbar.
Snuff ist kein Mythos. Heute ist es real. Das Schlimme ist nur, dass das, was man auf diesen Bildern sieht, tagtäglich in Syrien geschieht und das einen hindert, es zu vergessen oder zu verdrängen, so wie man einen schlechten Horrorfilm schon am nächsten Tag lange vergessen hat.
Wo bleibt der Aufschrei, das Handeln? Tun die Verantwortlichen nichts, weil sie diese Bilder nicht kennen oder weil man sie ihnen vorenthält? Weil sie nur die Artikel und Pressemappen bekommen, in denen abstrakt von „Opfern“ die Rede ist? Oder sind auch sie nur Snuff-Freaks, die heimlich ihrem perversen Hobby hinter heruntergelassenen Rolläden nachgehen und hoffen, dass der Nachbar nichts mitbekommt? Es sind nicht nur Bilder. Es tut weh, sie zu sehen, und doch ist es unmöglich auch nur eine Ahnung zu bekommen, was die Menschen dort durchmachen.
Wer kann das Grauen beenden?

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Skyscraper Blues

Rossi

In der Teeküche im Bürohochhaus gegenüber steht eine Frau traurig am Fenster.

Was mag bloß los sein? Wird sie gemobbt? Haßt sie ihren Job? Ist ihr die Absurdität einer Existenz in einem Großraumbüro für die nächsten 30 Jahre schlagartig klar geworden?

Weint sie jetzt gleich?

Nein. Das Teewasser ist jetzt heiß. Sie geht hinüber zum Wasserkocher. Jetzt brüht sie sich ihren Sonnengruß-Wohlfühltee auf und geht wieder glücklich und zufrieden an ihren Arbeitsplatz zurück.

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Der ostdeutsche Amoklauf

Einige allgemeine Gedanken kurz vor Beginn des Prozesses.

Die Mitglieder der Terrorzelle, die sich selbst den Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ gegeben hat, waren allesamt in der DDR und in Ostdeutschland sozialisiert. Auch das gesamte Unterstützerumfeld aus NPD und freien Kameradschaften hat denselben lebensweltlichen Hintergrund. Ein Umstand, auf den bisher – obwohl offensichtlich  – nicht nachdrücklich genug eingegangen wurde. Der gewaltbereite und terroristisch organisierte Rechtsextremismus hat eine größtenteils ostdeutsche Prägung. Es ist mit Sicherheit lohnenswert die Hintergründe näher zu untersuchen, wobei die folgenden Gedanken keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit haben. Sofern von „Ostdeutschen“ die Rede ist, so handelt es sich hierbei nicht um eine geschlechtsneutrale Sammelbezeichnung, sondern um ein sozialtypisches Phänomen, mit dem Tendenzen herausgestellt werden sollen und ohne die Absicht, Individuen zu stigmatisieren.

Offensichtlich ist die starke Affinität zu autoritären Strukturen bei Ostdeutschen. Das mag daran liegen, dass eine autoritäre Konstante seit dem Dritten Reich stattgefunden hat und es in Ostdeutschland an zivilgesellschaftlichen Korrektiven fehlt. Diese Tendenzen werden auch noch begünstigt durch den Wegzug des klügeren oder besser: des gebildeteren Teils der Bevölkerung vor dem Mauerbau und nach dem Mauerfall. Nach der Wende hat eine neonazistische Kultur die Freizeit und das Leben eines großen Teils der ostdeutschen Jugendlichen in Beschlag genommen, und zwar über viele Jahre, ohne dass dagegen wirksam eingeschritten worden wäre. Toralf Staud spricht in seinem Buch „Moderne Nazis“ von einer „Faschisierung der ostdeutschen Provinz“. Es wußte aber auch niemand, was diesem Umsichgreifen entgegenzusetzen war. Es gibt nur sehr begrenzte Lösungsansätze, da diese Mentalität schon derart verfestigt ist, dass man ihr nur mit sehr langfristigen Konzepten beikommen kann: die über Jahrzehnte nicht vorhandene Zivilgesellschaft stärken und Strukturen aufzubauen, mit denen die nazistische Ideologie durch eine Mentalität der Toleranz ersetzt wird.

Erste These: die Bejahung der neonazistischen Kultur ist ein Ausdruck der Frustration und eines Minderwertigkeitskomplexes, gepaart mit einer Ablehnung des westdeutsch geprägten Gesellschaftskonzepts.

Doch warum ist das so? Aus welchem Grund äußert sich diese Ablehnung dieses Staats und dieser Gesellschaft in Neonazismus und nicht auf andere Weise?

Ein Erklärungsansatz: In der DDR war die Ablehnung des sozialistischen Staats die normale Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung. Die Menschen durchschauten die offensichtlichen Lügen der Führung. Das Leben in der DDR mit ihrem extremen sozial-politischen Gesellschaftsentwurf war mit Widersprüchen und Tabus gespickt. Aber diesen Staat zu kritisieren war riskant. Man tat es nur hinter vorgehaltener Hand. Alle taten es, und das schuf ein Gemeinschaftsgefühl innerhalb der DDR. Die Bevölkerung der DDR war sich einig in der Kritik am Staat und in der Gefahr, die eine laute Äußerung dieser Kritik bedeutete.

Ganz anders in der Bundesrepublik: hier konnte man alles und jeden kritisieren, ohne dass es zu bitteren Konsequenzen wie Gefängnis, staatlichen Repressalien, Berufsverbot o.ä. geführt hätte. Mit einer Ausnahme: der gesellschaftliche Konsens der Bundesrepublik hat feine aber äußerst robuste Stolperdrähte um das Thema Holocaust und Drittes Reich ausgelegt, die denjenigen um Amt und Reputation bringen, der unbedarft auf sei tritt. Die Meinungsfreiheit geht also in einem bestimmten thematischen Sektor in ein Minenfeld über, in das sich nur begibt, wer sich sehr sicher ist oder wem sein Ruf, sein Amt und seine Reputation komplett egal sind.

Will man also gegen den jetzigen Staat und seinen Konsens opponieren, dann gibt es als einzige Möglichkeit nur das sensible Thema des Dritten Reiches, und zwar indem man das Thema anders als vom gesellschaftlichen Konsens akzeptiert behandelt. Nur durch den Bruch eines „Tabus“ kann man einen Skandal entfachen, die persönliche Ablehnung und Unzufriedenheit mit den vorgefundenen Zuständen kundtun. Und da das Dritte Reiche der letzte sensible Bereich ist, den es in der ansonsten toleranten oder gleichgültigen (?) Bundesrepublik gibt, wird er von den Ostdeutschen aufgegriffen und angegriffen.

Dies wäre eine These, die zu überprüfen sich lohnen würde: ist das Verherrlichen des Nationalsozialismus, das Leugnen des Holocausts usw. durch die Ostdeutschen im Kern möglicherweise eine Kritik an der westlich geprägten Gesellschaft und ihren Werten? Gewissermaßen die einzig wirksame und wahrnehmbare Protest- und Trotzreaktion auf den Verlust der eigenen Identität. Besorgniserregender ist folgende These: Ist der Rechtsextremismus das einzige Amalgam, auf das sich große Teile der Ostdeutschen einigen können, um ihre Unzufriedenheit mit diesem Staat und seinem Gesellschaftskonzept zu artikulieren?

Zweite These: Die Neonazis werden als die wahren Oppositionellen angesehen.

Von der DDR-Führung vehement bestritten, waren Neonazis in der DDR jedoch spätestens in den 1980er Jahren ein nicht mehr zu leugnendes Phänomen der DDR-Gesellschaft. Die Neonazis der DDR traten in ihrer Gesinnung und ihrem Auftreten der sozialistischen Verfasstheit des Staates fundamental entgegen. Sie waren eine Provokation, ein „Ding der Unmöglichkeit“. Die Neonazis der DDR liefen dem staatlich verordneten Mainstream entgegen. Forderten sogar: Die Mauer muss weg!

Kann es somit sein, dass Neonazis bei vielen Ostdeutschen als die wahren Widerständler und Systemkritiker angesehen werden? Im Gegensatz zu den intellektuell-verquasten Bürgerrechtlern? Und kann es – konsequent weitergedacht – sein, dass die Neonazis auch heute in Ostdeutschland al die wahren Systemkritiker am westdeutsch geprägten System angesehen werden?

Woher kommt diese Sympathie für den Rechtsextremismus, die Anbetung des Autoritären, auch diese befremdende Unbefangenheit und Ungeniertheit, mit der im Jugendjargon Worte wie Hitler, Juden, Zecken, Fidschis usw. ausgesprochen werden?

Es ist ganz offensichtlich, dass sich bedeutende Teile der Gesellschaft vom gesellschaftlichen Konsens abgewandt haben. Doch warum? Vielleicht weil sie sich nicht mehr als „Bürger“ dieser Gesellschaft sehen und der Ansicht sind, dass sie an dieser Gesellschaft nicht mehr teilhaben. Zu früheren Zeiten war das Schicksal schon vorgegeben. Man war Sklave, Leibeigener, Untertan. Der willensgesteuerte, „hedonistische“ Aufstieg, die freie Wahl des Lebenswegs kam es sehr viel später. In der DDR hatten große Teile der Bevölkerung keine freie Wahl, wie sie ihr Leben gestalten wollten oder nur innerhalb großer Zwänge und Grenzen.

Mit dem Mauerfall war jedoch schlagartig alles auf einmal möglich. Alle Chancen und Möglichkeiten standen allen offen. Die allseits offenstehenden Möglichkeiten müssen jedoch ergriffen werden, das erfordert Anstrengungen. Die heutige Gesellschaft ist eine Wissens- und Leistungsgesellschaft. Die vielen Wahlmöglichkeiten und die Anstrengungen, die zur Verwirklichung der Träume und Ziele erforderlich sind, können überfordern, stoßen manchen ab. Vielleicht auch gerade die intelligenten und gebildeten. Möglicherweise auch Uwe Mundlos, der doch aus einem Professorenhaushalt stammte. Ähnliches kennt man von islamistischen Attentätern, die häufig aus gutsituierten Verhältnissen kommen, z.B. Mohammed Atta, den 9/11-Attentäter.

Wenn man aber nicht mitschwimmt, nicht mitkommt in dieser Anstrengungen fordernden Gesellschaft, kann sich bei einigen das Gefühl einstellen, kein „Bürger“ mehr zu sein. Man bekommt ein frustrierendes Gefühl des „Abgehängtseins“. Gefühle von Misstrauen, Überforderung, Ablehnung, Aggression und schließlich von Hass.

Ist das eine Erklärung für das mörderische Wüten von drei Nazis, die sie jedoch nach den rassischen Kriterien der reinen Ideologie gar nicht sein konnten?

Nachtrag: Einige interessante Gedanken auch hier und hier.

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Frankreich – Eine Allegorie

Wenn man mich fragen würde, womit man Frankreich vergleichen könnte, um einen Eindruck von seiner Mentalität zu erhalten, dann ist für mich das griffigste Beispiel der Sender TF1.

Exemplarisch dafür ist der Jingle zum Programmstart vom Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre. Gleichzeitig für mich auch eine der frühesten Kindheitserinnerungen. Dieser Vorspann drückt die Zuversicht einer selbstbewußten Nation aus, die führend in Industrie, Design und Eleganz ist und an der sich andere Länder ein Beispiel nehmen. Es war die Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Wandels. Mitterand kam an die Macht. Frankreich baute den TGV, der gesamte Strom kam aus modernen Kernkraftwerken, man flog mit der Concorde in drei Stunden nach New York, Stil und Mode wurden in Paris geprägt. So wie die Werbung für Air France von den renommiertesten Designern gestaltet wurde, so wurde auch die Titelmusik des wichtigsten staatlichen Fernsehsenders vom Filmkomponisten Vladimir Cosma geschrieben.

Man sieht deutlich den Einfluß der psychedelischen 70er Jahre, die Verspieltheit und die Kraft großer Träume.

Heute hingegen ist TF1 ein Privatsender und einer der miesesten und miserabelsten noch dazu. Das Programm ist der letzte Schrott. Es wäre ungerecht und zu hart zu sagen, dass Frankreich „Schrott“ ist, dafür liebe ich dieses Land viel zu sehr, aber die sozialen Verwerfungen, die Spannungen in der Gesellschaft, der Rückstand in vielen Bereichen sind unübersehbar.

Durch Zufall habe ich dieses Video entdeckt, ich sehe es mir an und denke nostalgisch an Sommertage in der Kindheit zurück. Viele Franzosen, die es sehen geht es – den Kommentaren nach – ebenso.

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Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt

Woran denkst du?“ sagte sie. An meine Arbeit morgen früh und an das Büro, sagte er, und wie sehr ich diesen Dingen ausgeliefert bin. Wie sind die Leute, deine Kollegen, fragte sie. Nichts Besonderes, wie alle anderen, sagte Abschaffel. Kommt es vor, daß du auch mal gern zur Arbeit gehst, oder gehst du nie gern, fragte sie. Das weiß ich gar nicht mehr, sagte er, ich kann keine Unterschiede mehr feststellen. Ich muß einfach hin. Ich hasse meine Arbeit, sagte er, und der Haß hat mich still gemacht, er erregt mich nicht, und er stimmt mich nicht gegen die Arbeit ein. Der Haß auf meine Arbeit hat mich auch perfekt gemacht, sagte Abschaffel, ich bin eine gute Kraft geworden. Der Haß und die Stille in mir, beide brauchen einander, sagte er, denn der Haß muß still bleiben, und die Stille meines Lebens in dieser Arbeit muß voller Haß sein.

Wilhelm Genazino, Abschaffel.

Wenn man in der Frankfurter City arbeitet, dann schweift manchmal der Blick in die umliegenden Hochhäuser. Durch die Glasarchitektur hat man einen schönen Blick in die Büros und kann die gezähmten Tiere in ihren kleinen Ställen gut beobachten. Wie sie auf ihre Tastaturen tippen, telefonieren, ihre Cargo-Cult-Aufaben erledigen. Ganz vorwitzige nehmen auch eine Abmahnung in kauf und lesen Spiegel-Online.

Ich habe auch mal in so einem Glaskasten gesessen und mich immer gefragt, ob es hier in diesem Hochhaus oder um mich herum auch noch jemanden gibt, der sich durch diese Art die kostbare Lebenszeit zu verwenden – zu verschwenden – beleidigt fühlt. Ich blicke in die erleuchteten Fenster und frage mich: Gibt es in diesen 600 Büros auch noch jemanden wie mich? Unglückliche? Suchende? Sehnsüchtige? In diesen Bürohöllen? Träumer, die was erleben wollen? Leben wollen?

Mittags auf der Fressgass sieht man sie dann von Nahem: strohige Haare, Façonschnitt ohne Gel, Metall- oder randlose Brille. Neuerdings sind dunkle, große Horngestelle modern. Man sieht gute, aber nicht erstklassige Anzüge, mittelpreisige Krawatten von P&C. Sie haben BWL, VWL oder Jura studiert. Alle „erfolgreich“. Sie sind intelligent genug, um ein Jurastudium mit Prädikatsexamen abzuschließen, aber nicht intelligent genug, um über diese Perspektive hinauszudenken, darüber hinauszuleben.

Manche von ihnen schleifen hochpreisige Metallkoffer von Rimowa hinter sich her. Damit will der Träger (fast immer ist es ein Träger und keine Trägerin) einen Ausgleich für einen öden, ereignislosen 12-Stundentag schaffen. Er will bereit sein für den Ernstfall. Urplötzlich könne sich ja der Erdboden auftun, es könnte sich ein Terroranschlag ereignen oder ein Feuersturm ausbrechen. Doch dafür ist gesorgt worden, der wichtige Inhalt des Koffers ist dann geschützt. Wichtige Vertragsunterlagen können nach dem atomaren Erstschlag noch unbeschädigt geborgen und die Vertragsverhandlungen im Bunker per Skype abgeschlossen werden.

Ich habe selbst mal dazugehört, bin entkommen. Konnte die tägliche Unterwerfung nicht mehr ertragen, auch nicht mehr die im Unterlassen steckenden Leben, die erlöschenden Lebensgeister meiner Kollegen täglich sehen. Leben, die aus Arbeit und auf feststehenden, nicht mehr änderbaren Übersprungshandlungen  bestehen: abends Tagesschau, sonntags Tatort, vielleicht mal ein Grauen erregend langweiliger Spieleabend mit Freunden. Die abgesicherte Hölle der Mittelmäßigkeit.

Auf den Bürofluren dominieren Gesprächsthemen, die an Niedrigkeit nicht mehr unterboten werden können: Lästereien über andere Kollegen, Austausch über „spannende“ Dienstreisen, erwünschte Gehaltserhöhungen. Abgerundet wird dieser Alltag durch sozial akzeptierten Druckabbau (Alkoholexzesse, Abfeiern zu bekannten und massentauglichen Bands). So kann sich der moderne Dienstleistungsuntertan cool und verwegen geben und sein Sklavendasein verbergen.

Das ganze greift in Frankfurt extrem um sich. Neue Stadtteile entstehen. Schmutzige, dreckige (menschliche) Ecken verschwinden, wie der Stadtteil im Gallus um den alten Güterbahnhof, wo das neue Europaviertel entsteht. Wohnhäuser in Glasarchitektur stehen jetzt da, damit die modernen Mitarbeiter von heute keinen Schock bekommen, wenn sie aus ihrem Glasbüro plötzlich in einer verstörend ungewohnten Umgebung aufschlagen. Man begegnet in Frankfurt immer weniger Menschen, denen man ansieht, dass sie einen Beruf außerhalb eines Büros ausüben.

Die Voltastraße. Vor 15 Jahren noch ein eher düsteres und leicht heruntergekommenes Viertel. Heute ein Hochglanzviertel mit steril wirkenden Kneipen und Restaurants.

Auf dem Bürgersteig zwei Frauen in der typischen Business-Angestellten-Kluft: dunkler Rock, Regenmantel, Bluse, Scheiß-Blackberry in der Hand. Ich muss an Abschaffel denken und wie wenig sich seit dem Erscheinen seines Buchs eigentlich geändert hat. Anscheinend ist es gelungen ist, die Angestellten noch mehr und noch subtiler zu korrumpieren. Mit Gehalt und schwachsinnigen Utensilien und Insignien. Wie dem Blackberry oder dem Smartphone. Heute gibt jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, so eine schmerzlose Sklavenpeitsche an seine Mitarbeiter. Die dürfen sich wichtig fühlen und mit ihrem blöden Telefon wedeln, aber der Arbeitgeber gewinnt. Die E-Mails kommen auch spätabends. Sie wohnen in diesen kleinen Hasenställen für Angestellte und Wochenendependler, Singles, in denen man immer einen riesigen Flachbildfernseher flimmern sieht.  Diese kleinen Wohnungen sind sicherlich luxuriös, aber an der Situation selbst hat sich nichts geändert: am Phänomen der Abgestumpftheit nach einem langen 12-stündigen Arbeitstag vor dem Computer, an der Entfremdung und Einsamkeit. Es gibt nur mehr Zerstreuung, mit der man verdrängt, dass man ein Sklave ist, der dumme und sinnlose Tätigkeiten verrichtet.

Diese Kontrolle haben die Menschen selbst erschaffen, nicht unbedingt durch aktives Mitwirken, sondern auch (vielleicht vor allem?) durch billigende und hilflose Passivität.

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Un taxi pour Bab Touma

Manche Zustände, denkt man, sind für die Ewigkeit geschaffen. Kein Mensch kommt auf den vorwitzigen Einfall, dass sich jemals etwas an den bleiernen, betonierten Zuständen in Syrien etwas ändern könnte. Die Standbilder, Plakate und Porträts von Bashar, wie er weise, milde, energisch oder dümmlich dreinblickt sind allgegenwärtig. Nirgends entgeht das Auge seinem Antlitz.  Die Angst hatte das Blei und den Beton in die resignierten Köpfe der Menschen gegossen, sie träge, lethargisch und unglücklich gemacht.

Der Oktoberabend ist gerade drei Jahre her, als ich an einem Abend im Westen von Damaskus ins Taxi steige. Ein Nieselregen geht auf die alte Stadt nieder. Er bringt keine Kühlung, denn der Tag war sehr heiß. Er führt nur dazu, dass die Hitze des Tages in den völlig verstopften Straßen einer dumpfen und schwülen Wärme weicht. Die Nacht ist schnell hereingebrochen. Das Taxi ist angenehm dunkel. An der Decke und den Seiten der Innenverkleidung sind rote und grüne Leuchten angebracht, die den Innenraum des Taxis in eine eigenartige Halloweenbeleuchtung tauchen. Der schweigsame Taxifahrer lauscht den an- und abschwellenden getragenen Melodien eines arabischen Orchesters auf einer leiernden Audio-Kassette. Der Regen fällt jetzt etwas dichter. In der Innenstadt herrscht der übliche Verkehrsstau, der sich nur am Freitag auflöst. Eingelullt von den fremden Tönen der Musik schwankt und schaukelt das Taxi angenehm beruhigend durch die Stadt, die man mit Fug und Recht „die Ewige“ nennen kann (sorry, Rom!).

Irgendwann komme ich in Bab Touma an, im Osten der Altstadt. Im gelblichen Licht der Straßenlaternen sitzen ein paar Emo-Jugendliche auf den uralten Steinquadern der Treppe in die Altstadt und unterhalten sich. Ich betrachte Sie wie interessante Wesen, die in dieser Umgebung sehr fremd wirken. Ich betrete das enge Gassengewirr und bin verschluckt.

Damals dachte ich, dass diese kulturelle Wunder niemals verschwinden darf, dies fremde Umgebung, in der man nichts Vertrautes mehr finden kann. Ich dachte daran, dass Syrien auf der Liste der sogenannten „Schurkenstaaten“ steht und hoffte, dass diese wunderbare jahrtausendealte Stadt niemals zum Fraß alliierter Bomben werden dürfe. Heute, nach eineinhalb Jahren des Bürgerkriegs in Syrien, ist diese Stadt von den Schergen Assads bedroht.

Eine Entwicklung, die – hätte sie mir jemand vor drei Jahren prophezeit – nicht für möglich gehalten hätte.

Eine Epoche geht zu Ende, eine Art des Lebens. Eine Welt.

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