Den „Périphérique“ hat er nicht mehr erreicht. Das Leben des Staatsfeindes Nr. 1 endete vor 35 Jahren, am 2. November 1979 an der Porte de Clignancourt. Der Mann, den seine Instinkte sonst niemals im Stich ließen, hatte nicht bemerkt, dass die Polizei ihn seit Tagen auf Schritt und Tritt beschattete. Auch dem Lastwagen, der sich an einer Ampel vor seinem BMW 528i einfädelte, maß er keine Bedeutung bei.
Plötzlich hob sich die Plane über der Ladefläche, ein Scharfschützenkommando eröffnete das Feuer. Jacques Mesrine war auf der Stelle tot.
Innerhalb weniger Augenblicke strömten hunderte Menschen auf den weiten Platz und brachten den Verkehr zum Erliegen. Robert Broussard, der Kommissar mit der markanten grauen Schifferkrause, Chef der Einheit zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität „Antigang“, der Mesrine seit Jahren gejagt hatte, lachte wie gelöst und ließ sich neben der im Sicherheitsgurt hängenden Leiche fotografieren.
Eine Stunde lang hing Mesrines Leiche in dieser Position – vornübergebeugt, nur vom Sicherheitsgurt gehalten – wie eine Jahrmarktsattraktion, dem Gaffen der Reporter, Polizisten und Schaulustigen ausgesetzt.
Augenblicklich kursierte die sensationelle Nachricht: „Mesrine est mort!“. Broussard hatte den Staatsfeind Nummer 1 zur Strecke gebracht.
Das offizielle Frankreich atmete auf, doch nicht wenige linke Intellektuelle beklagten den „Mord im Staatsauftrag“ und auch gewöhnliche Franzosen trauerten mehr oder weniger offen über den Verlust ihres Volkshelden.
Im Allgemeinen sind Franzosen empfänglich für die Taten schneidiger Männer, die sich nichts gefallen lassen und sich nehmen, was sie brauchen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Ist der Mann auch noch schlagfertig, charmant, redegewandt und unterhaltsam, kann ihn nichts vor der Zuneigung der Franzosen retten.
All diese Eigenschaften vereinte Jacques Mesrine in seiner Persönlichkeit. Gleichzeitig war er damit auch das Lehrbuchbeispiel eines Psychopathen: charmant, furchtlos, gewalttätig.
Besonders der Zeitgeist der 70er Jahre, in denen die Theorien beinhart aufeinanderprallten, die ideologischen Debatten hart und unerbittlich geführt wurden und Gewalt ein akzeptiertes Mittel zur Durchsetzung der jeweiligen Position war, hatte viel Sympathie übrig für Gewalttäter, wenn sie ihre Morde und Verbrechen mit „progressiven“, linken Theorien rechtfertigten.
Jacques Mesrine imponierte durch seinen hedonistischen Lebensstil, den er unter anderem durch Geiselnahmen und Erpressungen von Millionären bestritt. Sein Kampf gegen die von ihm als unmenschlich bezeichneten Hochsicherheitstrakte in den Gefängnissen, den er gemeinsam mit seinem Komplizen, dem Gangster Charlie Bauer, einem Kind jüdischer, kommunistischer Résistancekämpfer aus dem Marseiller Arbeiterviertel L‘Estaque, focht, machte beide zu Lieblingen der linken, französischen Intelligenzija.
Mit seiner Ausstrahlung, seinem Charisma und einem schalkhaften Sinn für Humor schlug er Freunde wie Gegner in seinen Bann. Den Kommissar Broussard, der ihn bereits 1973 in seiner Wohnung verhaftet, empfing er mit Zigarre im Mund und zwei Champagnerkelchen, die sie gemeinsam leerten, bevor sich Mesrine abführen ließ.
Sein anderes Gesicht zeigte er, als er in Kanada zwei Waldhüter erschoss, die seine Papiere kontrollieren wollten. Auch der Journalist Jacques Tillier, der einen Artikel über ihn geschrieben hatte, der ihm nicht gefiel, bekam seinen Zorn zu spüren. Mesrine lockte ihn mit der Aussicht auf ein Exklusivinterview in eine Höhle im Wald, wo er ihn folterte und schließlich mit drei Schüssen niederstreckte. Er demütigte Tillier, indem er ihn fotografierte und dann sterbend zurückließ. Mit dem ihm eigenen Sinn für die verdrehte Pointe erklärte er später, er habe ihm eine Kugel in den Mund verpasst, „damit er aufhört, dummes Zeug zu reden“, eine Kugel in den Arm, „damit er aufhört, dummes Zeug zu schreiben“ und eine Kugel ins Bein, „einfach so zum Spaß“.
Mesrine lebte ein Leben voller Gewalt. Er überfiel Banken in Kanada und Casinos in Frankreich, nahm Geiseln, erpresste Lösegeld. Dem „Mann mit den tausend Gesichtern“ bereitete es ein boshaftes Vergnügen, seine Beute mit seinen Geliebten in teuren Restaurants mitten in Paris zu verjubeln, während die Fahndung nach dem Staatsfeind Nummer 1 auf Hochtouren lief. Er liebte es auch, sich einer dienstfertigen Presse als Interviewparter und martialisches Fotomodell zur Verfügung zu stellen.
Nach seinem gewaltsamen Tod versuchten seine Hinterbliebenen eine Verurteilung des Staates zu erreichen, weil keine Notwehrlage vorgelegen habe. Die Scharfschützen hätten ohne Vorwarnung das Feuer eröffnet. Im Fußraum wurden allerdings Handgranaten und zwei Faustfeuerwaffen gefunden. Einer der Schützen gab an, Mesrine habe eine verdächtige Handbewegung gemacht, bevor er erschossen wurde. Erst 2004 wies der französische Kassationsgerichtshof die Klage endgültig ab.
Die Frage bleibt, was den hübschen Jungen mit dem ernsten Blick, dessen Herkunft aus einer wohlhabenden Familie von Textilindustriellen ihn eigentlich nicht für eine kriminelle Karriere prädestinierte, in ein Leben im Gewaltrausch geführt hat.
Der französische Regisseur Jean-Francois Richet hat einen sehr detailgetreuen und sehenswerten zweiteiligen Film über das außergewöhnlichen Leben von Jacques Mesrine mit Vincent Cassel in der Hauptrolle gedreht. Hier die Trailer:
Viel ist in den letzen Wochen und Monaten über die Mordbande namens ISIS, neuerdings IS, geschrieben worden. Fieberhaft versuchen Geheimdienstanalytiker, Soziologen, Orientalisten und Journalisten sich einen Reim auf den Gewaltausbruch zu machen. Sie versuchen der Gewalt einen Sinn zu geben, die Beweggründe und Motive zu ergründen, versuchen zu verstehen, was das für ein Wahn ist, der in diese Männer gefahren ist, welche Dämonen sie reiten, die sie dazu bringen, unbeteiligte Verkehrsteilnehmer mit Kalaschnikows drive-by-shooting-style zu exekutieren.
Doch ist es wirklich möglich, dem einen Sinn zu geben?
Aus deutscher Sicht ist allzuviel Anmaßung hier nicht angebracht, denn die jüngere Geschichte zeigt, wie dünn der zivilisatorische Firniß doch ist. Dennoch fragt man sich, was für eine Vertierung zu solch einem Verhalten führt. Ist es religiöse Verblendung, die den Geist umnachtet, gewissermaßen eine religionsinduzierte Psychose? Oder ist es eine tiefe, bisher unbekannte Form der Soziopathie und Misanthropie, die aus den dunkelsten Tiefen der menschlichen Seele schöpft?
Was mich persönlich am meisten schockiert, sind die sogenannten „Nasheeds“, die die Videos dieser Ausbrüche von Hass, Menschenverachtung und grenzenlosen Abgestumpftheit gegenüber menschlichem Leben begleiten. Schwuchtelige Falsettgesänge, die den Terror und das Morden rühmen, preisen und rechtfertigen.
Mindestens genauso schlimm: das Erkennungszeichen des IS.
Sie bekräftigen mit dem nach oben deutenden Zeigefinger die Festigkeit ihres Glaubens. Ich sehe nur den erhobenen Zeigefinger des Besserwissers, Spießers und Rechthabers. Das wäre nicht so schlimm, wenn diese Barbaren keine blutrünstigen Psychopathen wären, denen Dummheit und Bildungsferne ins Gesicht geschrieben stehen.
Als ich mir neulich den Film „Auge um Auge“ angesehen habe, hatte ich irgendwann ein merkwürdiges Déjà-vu. Das Setting des Films in Pennsylvania, das Stahlwerk, der Veteran, der von der Gewalt nicht lassen kann, riefen eine ferne Erinnerung hervor. Ich kam erst bei der Szene mit der Hirschjagd dahinter.
Vor knapp 35 Jahren hatte schon einmal ein amerikanischer Film das Panorama der vom Krieg demoralisierten USA ausgebreitet. Das Monumentalepos „Deer Hunter“ hatte damals schon die charakteristischen narrativen Elemente besetzt: die Arbeit im Stahlwerk, die Industrie im Niedergang, die Jagd, Veteranen, die von der Gewalt nicht lassen können, und, als bedrohlicher Mahlstrom im Hintergrund, der Krieg.
Trotz seiner hochkarätigen Besetzung mit Woody Harrelson, Christian Bale, Forest Whitaker und dem auch in kleinen Rollen glänzenden Willem Dafoe entwickelt „Auge um Auge“ nicht die Intensität von „Deer Hunter“, wo Robert De Niro seine charakteristisch reservierte, kontrollierte und zurückgenommene Art des Spiels entfalten konnte. Auch lässt der Film keinen Raum für eine Darbietung wie die unfassbar starke Szene von Robert De Niro und Christopher Walken beim Russischen Roulette, die heute schon ins kulturelle Allgemeingut eingegangen ist.
Doch im Gegensatz zu „Deer Hunter“ hat „Auge um Auge“ nicht den Anspruch, mit dem falschen Krieg im Irak abzurechnen und auch nicht mit den Verheerungen, die der Krieg in den Seelen der Soldaten anrichtet. Er ist vielmehr eine Momentaufnahme der Vereinigten Staaten im Sinkflug. Er zeigt ein heruntergekommenes, drogenverseuchtes, amoralisches Hinterhofamerika, das seinen moralischen und ethischen Kompass durch einen mit Lügen herbeigeführten Krieg verloren hat und mit einer Armee von Männern umgehen muss, die aus dem Krieg heimkehrten und ihn doch in jeder Sekunde mit sich im Kopf herumtragen.
Etwas irritiert. Es ist nicht nur die Gleichartigkeit des Schauplatzes und des Themas, das die Wahrnehmung von etwas schon mal Dagewesenem erzeugt. Es hat etwas Fatalistisches an sich, die Bilder der beiden Filme zu betrachten und festzustellen, dass 35 Jahre nach „Deer Hunter“ das äußere Erscheinungsbild der USA fast unverändert ist. Und dass fast 40 Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs, dessen nicht nur militärische, sondern auch moralische Niederlage in der gesamten Bevölkerung widerhallte, Amerika sich erneut in dieser deprimierenden Lage befindet. Fast so als hingen die Menschen in einer unheilvollen Schleife fest. Als ob sie aus den Irrtümern des Vietnamkriegs nichts gelernt hätten und hierdurch verurteilt seien, ihre Fehler zu wiederholen.
Die Hoffnung der belgischen Polizei, eine dreißig Jahre zurückliegende Serie gewalttätiger Überfälle auf Supermärkte mit 28 Toten aufklären zu können, hat sich wieder zerschlagen.
Der Beschuldigte Jean-Marie Tinck, 68, genannt „der Seemann“, ist wieder aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Der Mann war der letzte Strohhalm, an den sich die Ermittler knapp ein Jahr vor der endgültigen Verjährung der Taten geklammert hatten. Dabei hatte sich die Sache gut angelassen. Nachdem Tinck einem bekannten gegebnüber behauptet hatte, Mitglied der „Killerbande von Brabant“ gewesen zu sein und auch Kinder getötet zu haben, griff die Polizei zu. Bei der Verhaftung trug Tinck dieselbe Seemannswollmütze wie der Täter auf dem Phantombild Nr. 17 auf dem Fahndungsaufruf der Polizei.
Konkret werfen die Ermittler ihm vor, der Mann zu sein, der am 10. Mai 1982 unter Waffengewalt einen Austin Allegro in Brüssel geraubt zu haben. Dieses Fahrzeug war Tatmittel für den Diebstahl eines weiteren Autos, eines VW Santana, mit dem gewaltsame Überfälle begangen wurden. Der VW Santana wurde am 30. September 1982 ausgebrannt in einem kleinen Wald in der südlichen Brüsseler Agglomeration im Stadteil Uccle gefunden, dem damaligen Wohnort Tincks.
Die Ermittler verdächtigen ihn außerdem aktiver Mittäter an der ersten Welle der Angriffe zwischen 1982 und 1983 gewesen zu sein und in der zweiten Welle 1985 als Fahrer der Bande Beihilfe geleistet zu haben.
Seltsamer Zufall: bereits im Jahr 1997 wurde Tinck aufgrund des Phantombilds von drei unterschiedlichen Zeugen als Täter wiedererkannt und deswegen von der Polizei verhört.
Die damaligen DNA-Analysen waren jedoch zu ungenau, um ihn eine Tatbeteiligung nachzuweisen. Aktuelle DNA-Analysen haben im Juli jedoch erneut keine konkreten Ergebnisse erbracht ebenso wenig wie die gründliche Überprüfung seines Umfelds im Hinblick auf Verbindungen zu den Tätern. Auch ein Lügendetektortest, dem Tinck sich unterzogen hatte, verlief unauffällig.
Zwar hat er im Lauf des Ermittlungsverfahrens zugegeben, mit seiner Beteiligung an den Morden geprahlt zu haben, jedoch nur um sich wichtig und interessant zu machen. Alle Details habe er sich ausgedacht.
Die vorhandenen Elemente reichen als Beweise nicht aus und rechtfertigten eine Fortdauer der Untersuchungshaft nicht, weswegen er auf freien Fuß gesetzt wurde.
Es bleibt der ambivalente Eindruck, dass der Mann mehr weiß, als er zugibt.
Unterdessen laufen Bestrebungen im belgischen Parlament, die Verjährungsfrist um weitere zehn Jahre zu verlängern. Nach gegenwärtiger Rechtslage können die Taten nach dem 10. November 2015 nicht mehr verfolgt und die Täter nicht mehr bestraft werden.
Eines der vielversprechendsten und begabtesten Talente hat unsere Welt zu früh verlassen. Nein, die Rede ist nicht vom jüngst dahingegangenen Frank Schirrmacher. Der junge Künstler, von dem dieser Bericht handelt, war eines dieser lebenshungrigen „Kids“ aus der Generation der in den 90er Jahren Geborenen, die sich ohne jeglichen ideologischen Ballast einfach nehmen, was sie brauchen und hedonistisch ihren Neigungen nachgehen, dabei jedoch keine Zeit verschwenden und unfassbar produktiv sind. Zoo Project alias Bilal Berreni hat in seinem viel zu kurzen Leben mehr Mut und Herz gezeigt und mehr vollbracht hat, als andere Menschen in einem ganzen Leben.
Mit 15 begann er durch die Straßen von Paris zu streunen, nach Wänden Ausschau haltend, auf die er nachts seine zoomorphen Figuren mit Pinsel und Farbroller malte, die meist schon nach ein paar Wochen oder Monaten hinter einem Neubau verschwunden waren.
Seine großflächige Werke konnte man einige Jahre lang auf Hauswänden und Baulücken in Paris, vor allem im Norden und Osten, im XX. Arrondissement und Belleville betrachten. Es waren fast immer überlebensgroße, schwarz-weiße Figuren, meist Menschen mit Tierköpfen, die an Gestalten aus der griechischen Mythologie oder an altägyptische Gottheiten erinnerten und die in der Wirrnis der postmodernen Gesellschaft mit ihrer Entfremdung und ihrer elektronisch generierten Reizüberflutung die Orientierung verloren zu haben schienen.
Mit seiner hintersinnig-ironischen Kritik an der modernen Gesellschaft hatte er sich, obwohl anonym, eine große Fangemeinde erarbeitet. Viele glaubten, hinter Zoo Project stecke ein Kollektiv, dabei war es ein einzelner Junge, der nachts allein und einsam die Wände bemalte und seinen Hunger nach Anerkennung stillte und seinem Drang, sich der Welt mitzuteilen, nachgab.
„Am Anfang sollte Zoo Project nicht nur aus mir bestehen. Ich habe es mir als Kollektiv vorgestellt. Ich wollte ansteckend sein, aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Ich bin immer noch allein“, erklärte er der Zeitung „Le Monde“.
Mit einer bemerkenswerten Abgeklärtheit, die das Zeichen seiner Generation ist, fügte er hinzu: „Wenn du tust, was du liebst, lassen dich die Leute fallen. Du erzeugst eine Leere um dich herum. Die Leute wollen mit dir was trinken gehen, aber du hast eine Wand zu bemalen. Nach und nach wirst du nicht mehr angerufen, wenn du nicht mitkommst. Man wirft dir Egoismus vor. Es ist eine harte Lektion: wenn du wirklich das tust, was du willst, bleibst du allein. Jedesmal, wenn ich nach Paris zurückkomme, spüre ich diese Leere.“
Einer größeren Öffentlichkeit wurde er erstmals bekannt durch seine lebensgroßen Portraits von Opfern der Revolte in Tunesien im Jahr 2011.
Er ist 20 Jahre alt und hat 600 € in der Tasche als er im Frühjahr 2011 nach Tunis fliegt, um an der Revolution teilzunehmen, die man den „Arabischen Frühling“ nennen sollte. „Für mich war die Revolution ein Ereignis von großer Hoffnung“, erklärte der Franko-Algerier, „und ich wollte dabei sein, denn die Kunst kann nicht außerhalb des Lebens sein“.
Doch gleich zu Beginn hat er Pech. Sein Laptop mit seinen Projektskizzen, die er vor der Abreise angefertigt hatte, wird gestohlen. Doch dann entschließt er sich wie in Paris einfach draufloszumalen. Leute schauen ihm neugierig über die Schulter. Irgendwann spricht ihn ein junger Typ an, ob er nicht ein Portrait von seinem Bruder malen könne, der kurz zuvor getötet worden war. Und so malt Zoo Project das erste seiner Märtyrerportraits, das von Mohamed Hanchi, der am 25. März 2011 von einer verirrten Polizeikugel getötet wurde, als er den Sieg seines Fußballclubs auf der Straße feierte. Andere Leute bitten ihn, Portraits ihrer getöteten Verwandten in Lebensgröße zu zeichnen.
Beim Zeichnen spürt eine ungekannte Energie und eine große Kraft in sich. Zum ersten Mal ist seine Kunst nicht mehr nur egozentrisch, ichbezogen und onanistisch, sondern ergibt einen Sinn. Niemand lacht ihn aus oder sagt ihm, dass er zu jung ist.
Das Anfertigen der Portraits der unschuldigen Opfer der Revolte, mit denen er sie dem Vergessen entriss, ist für ihn ein gleichsam staatsbürgerlicher Akt, der in direktem Bezug zur Welt und zum Leben steht.
Seine Portraits öffnen ihm überall Türen. Der tunesische Arbeitgeberverband bewilligt 30.000,- €, damit er weiterarbeiten kann. Natürlich sieht er die Chance, sich einen Namen zu machen und berühmt zu werden. Aber gleichzeitig wittert er auch die Einbahnstraße, die Gefahr, vereinnahmt und benutzt zu werden. Und so verschwindet er einfach, ohne sich bei irgendwem zu verabschieden.
Er zieht weiter in das Flüchtlingslager Choucha an der libyschen Grenze, von dem ihm ein Mann vom Roten Halbmond erzählt hatte.
Etwa 8 km von der Grenze entfernt erstreckt sich ein Meer aus Zelten. Ungefähr 10.000 bis 20.000 Menschen leben hier. Es sind afrikanische Flüchtlinge aus dem Senegal oder Liberia, die als Tagelöhner nach Libyen kamen und durch den Bürgerkrieg über die Grenze nach Tunesien getrieben wurde, wo sie in einem Niemandsland feststecken. Bilal freundet sich mit Ivorern an, die ihm ein Zelt ganz für sich allein zur Verfügung stellen. Er kauft Farbe, Pinsel und große Stoffbahnen und zeichnet die Bewohner der Zeltstadt. Er will Not dieser Menschen darstellen, die nicht mehr wie menschliche Wesen behandelt werden und in Nicht-Orten vergessen werden. Und um den Flüchtlingen ihre Würde wiederzugeben.
Da es in der Zeltstadt keine Mauern gibt, hängt er seine Portraits an große Masten, die ihm Wind flattern.
Nach Paris zurückgekehrt nimmt er das nächste Projekt in Angriff. Gemeinsam mit seinem Freund Antoine Page bereist er die Länder des Ostblocks bis zum Pazifik auf der Suche nach den Geistern der untergegangenen Sowjetunion. Bilal malt und sein Freund filmt ihn und hält die Begegnungen mit den Einheimischen fest. Es entsteht der Film mit dem Titel: „C´est assez bien d’être fou“ (Es ist ziemlich gut, verrückt zu sein).
Kaum zurück hat Bilal ein neues Projekt ausgebrütet: er will mit Bildern auf die Selbstmordserie bei France Télécom reagieren. Er will eine Arbeitswelt künstlerisch ergründen, die Menschen, die ihre Arbeit lieben, dazu bringt, sie zu hassen, sich selbst zu hassen und sich dann umzubringen.
Doch zunächst folgt er seinem Reisefieber. In den USA springt er wie ein Hobo auf Güterzüge und fährt quer durch das Land, schläft in Parks oder Abbruchhäusern, sitzt für kurze Zeit in Ohio im Gefängnis.
Detroit besucht er zweimal. Er lässt sich von der bankrotten, morbiden Stadt künstlerisch inspirieren, die für ihn das Versagen des kapitalistischen Systems symbolisierte. Er will sehen, wie aus der Zerstörung und dem Chaos etwas Neues geboren wird.
Was genau er dort getan hat, ist heute nicht geklärt. Für seine Eltern war es nicht ungewöhnlich, dass er für längere Zeit verschwand ohne sich zu melden. Sie stellten sich vor, dass ihr Sohn durch die Welt zog und dabei künstlerische Aktivitäten und interessante Begegnungen verband.
Am 29. Juli 2013 wird die Leiche eines Jungen in einer heruntergekommenen Gegend in der Nähe der Brewster Projects mit einem Kopfschuss aufgefunden. In der Kleidung, die von der Heilsarmee stammte, fanden sich keine Ausweispapiere. Acht Monate lang lag der unidentifizierte Leichnam im Wayne County Medical Examiner’s Office. Erst danach gelang es, die sterblichen Überreste als diejenigen von Bilal Berreni alias Zoo Project zu identifizieren. Er wurde nur 23 Jahre alt.
Seinem Vater Mourad ist es wichtig, herauszustellen, dass sein Sohn ein freies Leben gelebt hat, wie es nur den wenigsten Menschen gelingt: „Bilal war ein intellektueller Nonkonformist, der keine Zugeständnisse an die Gesellschaft gemacht hat.“
Sein tragischer Tod hat ein extremes Leben voller Kraft und Enthusiasmus auf brutale Weise beendet. Der Welt ist ein Künstler voller Potential verlorengegangen.
Neben einem seiner Bilder aus der Anfangszeit, die er manchmal mit Sprüchen versah, stand: „Ne demandez jamais votre chemin à quelqu’un qui le connait, vous risqueriez de ne pas vous perdre” (Fragt niemals einen Menschen nach dem Weg, der ihn kennt, ihr lauft sonst Gefahr euch nicht zu verlaufen).
Update:
Zwischenzeitlich wurden drei junge Männer festgenommen, von denen zwei schuldig plädiert haben, Bilal Berreni ausgeraubt und bei Ausübung des Raubes erschossen zu haben. Mit der Beute in Höhe zwischen 50 und 300 $ haben sie „Junk Food und Weed“ gekauft.
Update Oktober 2023:
Ein tragisches Schicksal hat nun auch Zoo Projects Bruder ereilt. Marwan Berreni war ein in ganz Frankreich bekannter Schauspieler, der in der Serie „Plus belle la vie“ (dem französischen Pendant zu „Gute Zeiten, Schlechte zeiten“) eine Hauptrolle spielte. Der SUV des 34-jährigen Schauspielers war am 3. August 2023, fast genau zehn Jahre nach Zoo Projects Tod, in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt, bei dem eine Frau vor einer Diskothek in Mâcon überfahren und schwer verletzt. Der Schauspieler war seit diesem Datum unauffindbar. Sein Wagen wurde verlassen aufgefunden. Am 12. Oktober 2023 wurde Marwan Berreni in einem verlassenen Haus erhängt aufgefunden. Ein doppelter Schlag für seine Eltern, die beide Söhne begraben mussten. Freunde und Familienmitglieder hatten schon seit längerem darauf hingewiesen, dass Marwan den Tod seines jüngeren Bruders nie verwunden hatte.
„Der Brandfleck in ihrer Bluse stammte von ihrem letzten, ihrem wirklich allerletzten Treffen mit dem graumelierten Genossen. Der war wie in sich zusammengefallen und erloschen. Die Schultern hingen, der Blick war stumpf, die Stimme leise, die Sprache schleppend. Er zitterte. Er schlurfte. Vor vier Wochen war er schon nicht mehr der seriöse Herr. Da flackerten seine Augen wild, die Stimme bebte, er war fahrig und unkonzentriert. Jetzt war es ganz vorbei. Es hatte was von einer Supernova: Aus einem roten Riesen wurde ein weißer Zwerg.
Ein Wrack trieb durch Berlin. Ein Geisterschiff.
Der Mann hatte nichts mehr von einem distinguierten Herren. Er war ein Rentner, der verwahrloste. Der Verfall war noch weiter fortgeschritten seit der letzten Begegnung in seinem Büro Anfang Dezember, als Gisela Blank ihre Akte eigenhändig, Blatt für Blatt, verbrannte. Jetzt war er in Hauslatschen unterwegs und in einer braungestreiften Schlafanzughose. Am Handgelenk baumelte leer ein bunt ornamentierter Stoffbeutel. Er ging langsam, stoisch, mit kleinen wackligen Schritten. Sein Gesicht war von einer ausdrucklosen, allumspannenden Härte, und sein stierer Blick erschreckte die Passanten und ließ sie ausweichen.“
Thomas Brussig, Wie es leuchtet.
Er war der politische Shootingstar der Nachwende. Die Geheimwaffe der SPD, mit der sie den Osten dem übermächtigen Einheitskanzler Helmut Kohl entwinden wollte. Ein energischer, eloquenter, schlagfertiger Rhetoriker mit blitzenden Augen, Lafontaines Protégé.
Ibrahim Böhme. Eine fast vergessene Gestalt aus der turbulenten Nachwendezeit, in der Nobodys wie Kometen aufsteigen und auch gleich ebenso schnell verglühen konnten. Ibrahim. Der Mann mit dem eigentümlichen, in der DDR überhaupt nicht geläufigen Namen und der heute nur noch eine vage Erinnerung hervorruft. Ibrahim, der eigentlich Manfred Otto hieß.
Der Spiegel widmete ihm ein freundliches, wohlgesonnenes Portrait. Dabei hat es Ibrahim Böhme sogar fertiggebracht, den Reporter des Magazins einzuseifen, das doch so stolz auf seine grandiosen Enthüllungs- und Recherchefähigkeiten ist. Historiker, Theaterwissenschaftler und Dramaturg sei er. Daran stimmt nur, dass er gerne Geschichte mochte und noch viel lieber den Leuten etwas vorspielte, sonst stimmte rein gar nichts. Was der Reporter zu dem Zeitpunkt auch nicht wusste, war, dass Ibrahim Böhme ein Stasi-Spitzel war.
Am 25. Februar 1990 hat Ibrahim Böhme es geschafft. Er ist zum Vorsitzenden der Ost-SPD gewählt worden. Er ist Spitzenkandidat seiner Partei für die Volkskammerwahlen. Er kann sich Hoffnungen auf den Einzug in den Bundesvorstand machen. Eine steile Karriere für den gelernten Maurer und Aushilfslehrer mit den großen Ambitionen. Doch unangenehme Hintergrundgeräusche stören die Euphorie. Hässliche Spitzelgerüchte umschwirren das Polittalent und werden immer vernehmlicher.
Es ist zunächst sein ehemaliger Führungsoffizier Berthold Freese, der die Informationen an den Spiegel durchsticht. Verbittert muss dieser zusehen, wie sein ehemaliger devoter Zuträger nach seiner Blitzkarriere auf der politischen Bühne den großen Zampano gibt, während unter den Angehörigen der Staatssicherheit die Angst vor Lynchjustiz grassiert.
Doch der wortgewandte Böhme kann diese Angriffe leicht und überzeugend als Rache- und Verleumdungsaktion des untergegangenen Repressionsapparats parieren.
Doch die Gerüchte bleiben hartnäckig, werden dichter und drängender. Vor der ersten Gesamtdeutschen Bundestagswahl werden seine Parteigenossen unruhig.
„Ich bin zu keiner Zeit und an keinem Ort, weder mit noch ohne Decknamen, als Mitarbeiter der Stasi tätig gewesen und habe auch nicht mit Stasi-Führungsoffizieren zusammengearbeitet“
Seine Parteifreunde glauben ihm. Wollen ihm glauben. Zu sehr würde sie der Verlust ihres charismatischen Zugpferds schmerzen.
Doch dann kommt der Augenblick, an dem ein Abstreiten nicht mehr möglich ist. Der Dichter Reiner Kunze, ein wichtiger Kopf der Opposition und 1977 aus der DDR geekelt, hatte seine Stasi-Akte gefunden. In wenigen Wochen stellt er in akribischer Arbeit aus Zitaten und Auszügen seiner Akten den schmalen Band „Deckname Lyrik“ zusammen, eine Dokumentation seiner Überwachung und Zermürbung durch die Stasi. Ein Dokument der menschlichen Verkommenheit, Würdelosigkeit und Niedertracht. Einer der eifrigsten und schäbigsten Denunzianten ist Ibrahim Böhme alias „IM August Drempker“ alias „IM Paul Bonkarz“.
Die Tatsache seiner Tätigkeit für die Staatssicherheit kann nun nicht mehr geleugnet werden, doch paradoxerweise ist es genau das, was Ibrahim Böhme tut. Als man ihm seine wörtlichen Spitzelberichte vorhält und nachweist, dass keine andrere Person Interna aus einem bestimmten Gespräch an die Stasi weitergetragen haben kann, antwortete er: „Das interessiert mich nicht. Ich kann nur sagen, dass ich damit nichts zu tun habe.“
Angesichts der erdrückenden Beweislast, wird er zum Rücktritt gedrängt. Für kurze Zeit ist er Polizeibeauftragter des Ostberliner Magistrats, dann verschwindet er von der Bildfläche. Er verbarrikadiert sich in seiner Einraumwohnung in der Chodowieckistr. 41 in Prenzlauer Berg und lässt nur noch wenige Menschen an sich heran.
Eine der wenigen Personen, die er vorlässt ist die damalige Stern-Journalistin Birgit Lahann.
Der Mann, der in der einst von ihm so geschätzten Öffentlichkeit nicht mehr auftrat, sprach eitel und gespreizt. Erst später begriff Lahann, dass sie für ihn wie ein Führungsoffizier war: Wenn das Tonband lief, sprach er. Allerdings war sein verschobener Realitätssinn für sie gewöhnungsbedürftig. Als ihm ein Tonband vorgespielt wurde, auf dem er bei der Berichterstattung an seinen Führungsoffizier zu hören ist, antwortet er: „Das ist meine Stimme, aber ich habe das nicht gesagt.“
Über einen Zeitraum von mehreren Monaten spricht sie mit dem aparten, intelligenten und charismatischen Selbstdarsteller. Sie versucht zu ergründen, warum er seine engsten Freunde verraten hat, wie er dieses jahrzehntelange Doppelleben durchhalten konnte und wie er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Doch der pathologische Mythomane weicht einer Antwort wortreich aus. Er belügt die Reporterin, so wie er jeden Menschen in seiner Umgebung gewohnheitsmäßig belogen hat.
Schon um sein Geburtsjahr und seinen Geburtsort macht er ein Geheimnis. Er sei „um 1944“ geboren, genau wisse er es nicht. Zur Welt gekommen sei er in Mexiko als Kind eines jüdischen Rechtsanwalts und Emigranten. Später ändert er die Version. Nur seine Mutter sei Jüdin gewesen. Geboren sei er in Frankreich.
In Wahrheit wurde er 1944 in dem kleinen Ort Dürrenberg bei Leipzig geboren. Sein Vater schob das Kind schon früh in Heime und zu Pflegeeltern ab. Statt seiner Eltern werden Erzieher und Lehrer seine Bezugspersonen. Schon in früher Jugend wurde er ein gläubiger Sozialist. Der Staat und die Partei wurden seine Ersatzfamilie. Christiane Baumann, die seinen Lebensweg rekonstruiert hat, folgert, dass eine „gleichsam ideologische Geborgenheit den Mangel an familiärem Rückhalt ersetzte“.
Der Journalistin Birgit Lahann gestand er, dass er ein großartiger Revolutionär sein wollte. Er wollte hart, kalt und zynisch sein, sich keine Schwäche erlauben. Andererseits pflegte und kümmerte er sich rührend um ein krebskrankes Kind. Obwohl er der abgebrühte und hartgesottene Revolutionär sein wollte, erinnern seine Weggefährten als hervorstechende Charaktereigenschaft seine Hilfsbereitschaft und seine fast schon devote Freundlichkeit.
Es gehört zu den zahlreichen Widersprüchen seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit, dass er zwar gläubiger Sozialist war, aber dennoch nicht in allen Punkten einverstanden war, wie die SED-Machtclique das Land führte. Manchmal eckte er an, wurde schriftlich gerügt, wurde entlassen. Er kritisierte in Parteiversammlungen die Politik und forderte Änderungen, protestierte gegen den Einmarsch in Prag. Dabei trug er aber stets das SED-Parteiabzeichen und eine Leninnadel am Revers seines Anzugs.
Seine wichtigsten und ständigen Bezugspersonen waren in all den Jahren jedoch seine wechselnden Führungsoffiziere.
Vielleicht als Akt der Selbstrechtfertigung erzählte er später in seinen Zwiegesprächen mit der Journalistin Birgit Lahann, dass er die Palastrevolution, also eine Revolution aus dem Inneren des Machtapparats, wollte. Er wollte die DDR-Diktatur von innen bekämpfen und war dadurch gezwungen mit der Staatssicherheit zu paktieren und ihnen Informationen zu liefern. Sagte er. Vielleicht hat er das sogar selbst geglaubt.
Dem steht seine eigene in den Akten festgehaltene Erklärung entgegen: „Ich habe mehrfach betont, und ich stehe auch heute noch dazu, dass ich im Ministerium für Staatssicherheit die Kraft sehe, die vor allem diesen Staat, der meine volle Sympathie und Verbundenheit besitzt, erhalten hat in zahlreichen gefährlichen Situationen.“
Wie ist es diesem eigenartigen, ambivalenten Chamäleon gelungen, eine solche Faszination auf andere ausüben auszuüben? Wie konnte Böhme ihr Vertrauen erwerben?
Alle Weggefährten bestätigen, dass er zwar undurchsichtig und irgendwie dubios wirkte und auch seine devote Freundlichkeit fand nicht bei überall Anklang. Und doch stand er immer im Mittelpunkt. Die Leute hatten ihn gern um sich, weil er anders war, „exotisch“, nicht alltäglich, interessant. Er war ein Paradiesvogel, der Puschkin zitierte und Dostojewskis Romanfiguren liebte. Er schrieb Gedichte, schlug im Gespräch weite Bögen von der Weltgeschichte zu aktuellen Ereignissen. Der ehemalige Bürgerrechtler und spätere sächsischer Umweltminister Arnold Vaatz erinnert sich: „Er hatte was Exotisches, der Böhme, war nicht wie die Parteischachteln, war politisch, philosophisch und literarisch interessiert und gebildet. Er war ein idealer Gesprächspartner, brachte mich auf neue Gedanken, regte an, stellte mich seinen Freunden vor, ja, das hat mir Eindruck gemacht.“
Doch was seine Freunde nicht wussten: seine Spitzelberichte enthüllen eine vollkommen andere Persönlichkeit: boshaft, verschlagen, dienstbeflissen, unterwürfig und kriecherisch. Fast scheint es, als wären es zwei Persönlichkeiten wie Jekyll und Mr. Hyde, die in seinem Inneren miteinander ringen oder besser: vollkommen unabhängig voneinander bestehen.
Warum dieses ständige pathologische Lügen? Christiane Baumann fällt bei Durchsicht der über ihn erhaltenen Akten als hervorstechende Charaktereigenschaft „sein spielerischer Umgang mit einer auch ins Täuschende und Kriminelle gehenden Intelligenz“ auf.
Möglicherweise war Böhme einfach nur eine emblematische Erscheinung, die als extremes Beispiel für die vielen menschlichen Charaktere steht, die eine Diktatur deformiert hat und die die Ausprägung einer pathologische Mythomanie, der gewohnheitsmäßigen Lüge, der Persönlichkeitsabspaltung, der Schizophrenie begünstigt.
Die Frage drängt sich auf: Ist es die Diktatur, die Menschen zu solchen persönlichkeitsgespaltene Soziopathen. werden lässt oder zieht die Diktatur von Natur aus Psychopathen an, die sich erst unter den Bedingungen der Diktatur wie in einem perfekten Biotop entfalten und gedeihen können?
Ein MfS-Psychiater, der Böhme begutachtet, attestiert ihm eine „Unfähigkeit, tragfähige, gefühlsmäßige Bindungen zu anderen Menschen zu entwickeln.“
Genau dieses Charakterbild machte ihn zu einem perfekten Werkzeug der Diktatur. Vielleicht bietet diese Charakteranalyse auch eine Erklärung dafür, warum solche Personen in Diktaturen immer besonders steile Karrieren machen.
Andererseits war er in dem Diktatursystem der DDR ohne die Stasi nichts. Statt einer Bezugsperson oder einer Familie hatte er den Geheimdienst und seine Führungsoffiziere, die ihm Aufmerksamkeit, Beachtung und eine Art von perverser Zuwendung gaben, während sie ihn ausnutzten und insgeheim vermutlich verachteten.
Die Journalistin Birgit Lahann hielt ihm vor: „Aber Ihre Wirklichkeit wurde von der Schizophrenie eines Staates bestimmt. Und der Staat ist Ihnen alles. Der Marxismus alles. So war es Ihnen beigebracht worden. Gewollt vom Staat, bezahlt vom Staat, sanktioniert vom Staat. Sie waren ein lebendiges Werkzeug Ihres Staates.“
Böhme hatte immer einen sehr hohen Anspruch an sich selbst und ein unrealistisch großartiges Selbstbild, doch in der Realität lebte er in der kleinen Welt der miesen Schnüffelschweine und der untertänigen Zuträger.
Dann kam die Wende.
Der Zusammenbruch der DDR muss Ibrahim Böhme wie eine Fügung des Schicksals vorkommen. Endlich kann er die Lüge und das schizophrene Leben hinter sich lassen
Er ist einer der Mitgründer der Ost-SPD, deren Gründung er im Auftrag der Stasi noch verhindern sollte und deren übrige Teilnehmer er noch kurz zuvor ausgehorcht und bespitzelt hat.
Im Nachwendechaos ergreift er die unverhoffte Gelegenheit, ein neues Leben zu beginnen. Er hat seine Vergangenheit ganz einfach wie eine Haut abgestreift, er kann wieder von vorne anfangen. . In dem Chaos kurz nach dem Mauerfall legt er eine rasende Karriere in der SPD hin. Er kann sein Talent zur Selbstdarstellung voll ausleben. Er schafft es sogar, seiner Umgebung zu verkaufen, er sei ein Bürgerrechtler und Oppositioneller gewesen. Niemand kennt ihn. Vorerst nicht. Ibrahim Böhme ist innerhalb kürzester Zeit ganz oben angekommen.
Auf einem Bild sieht man ihn zwischen Egon Bahr und Willy Brand sitzen und entrückt in die Ferne blicken.
Er treibt die Dreistigkeit sogar soweit, am 15. Januar 1990 mit dem Bürgerkomitee zu verhandeln, das die Stasizentrale in der Normannenstraße stürmen und die Stasi-Akten sicherstellen will. Auf einer gespenstischen Aufnahme sieht man ihn fast verdeckt von Hans Modrows Schulter auf einem Wagen stehen. Vor ihm das Schild eines Demonstranten mit der Aufschrift: „Nennt die Namen der Spitzel“.
Wollte Böhme vielleicht in allerletzter Sekunde ein Eindringen der Bürgerrechtler unterbinden und seine Enttarnung verhindern?
Doch die Wahrheit kam dennoch ans Tageslicht.
Nach seinem Absturz bleibt er vielen Freunden und Weggefährten ein Rätsel; niemand hat ihn wirklich gekannt. Sie bleiben ratlos zurück. Das überraschendste ist, dass ihm fast alle Freunde vergeben. Es herrscht kein Gefühl der Vergeltung vor. Sie wollen mit ihm sprechen, verstehen, warum er sie verraten hat. Seine eigenen Opfer empfinden viel Milde für ihn, vielleicht sogar Verständnis, dass er unter den gegebenen Umständen schwach wurde.
Doch Ibrahim Böhme schweigt. Niemandem gibt er eine Erklärung, bei niemandem entschuldigt er sich.
Am Ende lebte er zurückgezogen, krank und abgemagert in seiner abgedunkelten Wohnung in der Chodowieckistr. 41.Er ließ sich Haare und Bart wachsen und ähnelte immer mehr einem greisenhaften Jesus, was seine Schwäche für melodramatische Auftritte unterstreichen sollte.
Seine Freunde, mit denen er so viel Zeit verbracht und die er bei oppositionellen Aktionen unterstützt hat, fragen sich, ob er ihnen wirklich die ganze Zeit nur etwas vorgespielt hat.
Seine Weggefährtin Marianne Birthler, die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, glaubt: „Er war ein zerissener Mensch. Und seine Zerrissenheit ging nicht auf das Konto der Stasi. Ich glaube, dass er auch identifiziert mit uns war.“
Ein anderer Weggefährte, Harald Seidel, urteilt kritischer: „Er spielte den genialen Juden, er spielte mit dem Staat, mit der Partei, mit jungen Leuten aus der Gosse, und wenn er genug hatte, ließ er sie stehen. Er spielte uns den Freund vor und spielte mit uns Freunden, und wenn wir ihm zu nahe kamen – Schnitt. Geliebt, sagt Seidel, hat er wohl nur sich selbst.“
Böhme wollte immer der Beste, Klügste und Bestinformierte sein. In Wahrheit war er aber nur ein Blender, der über seine Kenntnisse und Fähigkeiten täuschte. Ein pathologischer Lügner, der zwanghaft übertrieb und sein Leben ausschmückte – vielleicht weil die Realität zu erbärmlich war.
Möglicherweise hat er das Kunststück vollbracht, mit seiner fragmentierten, schwach ausgebildeten Identität und den antrainierten Eigenschaften (Verdrängung, Lüge, Abspaltung, Schizophrenie) beide Rollen – den Dissidenten und den Denunzianten – mit derselben Überzeugung sich selbst vorzuspielen.
Vielleicht ist die Erklärung aber auch verblüffend einfach, nämlich so wie es der MfS-Psychiater ausdrückt: „Psychopathen wie Böhme bleiben immer Psychopathen.“
Anmerkung: Die zitierten Textstellen stammen, sofern sie nicht den verlinkten „Spiegel“-Artikeln entnommen wurden, aus den Büchern „Genosse Judas. Die zwei Leben des Ibrahim Böhme“ von Birgit Lahann und „Manfred „Ibrahim“ Böhme. Ein rekonstruierter Lebenslauf“ von Christiane Baumann.
Ein Jahr vor der endgültigen Verjährung ist im Zusammenhang mit der von einer unbekannten Gruppierung in Belgien begangenen Mordserie mit 28 Toten am vergangenen Wochenende ein Mann verhaftet und in Untersuchungshaft genommen worden.
Es handelt sich um den heute 68 Jahre alten Jean-Marie Tinck. Der bereits wegen eines Tötungsdelikts im Jahr 1991 zu einer 8-jährigen Freiheitsstrafe verurteilte Mann hatte zu Beginn dieses Jahres einem französischen Staatsbürger seine angebliche Beteiligung an den Taten in den Jahren 1982 bis 1985 offenbart.
Der ständige Ermittlerstab in Charleroi hat sich mehrere Monate Zeit gelassen, bevor er sich zum Zugriff entschlossen hat. Mehrere Elemente haben den Verdacht gegen den Beschuldigten bestärkt.
Nachdem im Jahr 1997 Phantombilder der Täter veröffentlicht wurden, haben drei Personen unabhängig voneinander im Phantombild mit der Nummer 17 den Beschuldigten erkannt. Seinerzeit wurde er von den Ermittlern befragt, der Tatverdacht konnte jedoch damals gegen ihn nicht erhärtet werden. Die Möglichkeiten zur Überführung der Täter mittels einer DNA-Analyse waren zur damaligen Zeit noch sehr eingeschränkt und kaum verbreitet.
Der Beschuldigte ist nach Berichten wegen mehrerer Gewaltdelikte vorbestraft. Im Jahr 1991 hat der Beschuldigte im Streit einen Kneipier erstochen, weil er nicht damit einverstanden war, dass dieser Araber in seiner Gaststätte bewirtete. Für diese Tat hat der Beschuldigte, der von Beruf angeblich Matrose war, eine mehrjährige Gefängnisstrafe verbüßt. Nach bisher unbestätigten Berichten wurde an einer der in bei dem blutigen Raub in Temse erbeuteten Schußwesten DNA-Material des Beschuldigten gesichert. Die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen stehen indes noch aus.
Die Ermittlungsakten aus dem Jahr 1991 und 1997 wurden jedoch zwischenzeitlich nach der gesetzlichen Höchstfrist vollständig vernichtet. Auch zwei der Zeugen, die den Mann 1997 erkannt hatten, sind mittlerweile verstorben.
Die Opfer und Hinterbliebenen, die seit Jahren für eine Verlängerung der Verjährungsfrist kämpfen, damit die Taten doch noch eines Tages gesühnt werden können, sind nach der Verhaftung skeptisch. Zu oft haben sich sichere Ermittlungsansätze im Nachhinein als falsch herausgestellt.
In den 80er Jahren war Paris eine unruhige Metropole. Der Aufruhr von Mai ´68 lag schon einige Jahre zurück. Der Duft der Freiheit, das erhoffte Abschütteln von unzeitgemäßen Konventionen und Moralvorstellungen und auch die von manchen ersehnte Weltrevolution waren in einer faden Epoche unter Präsident Giscard d’Estaing versandet. 1982 jedoch kamen die Dinge in Bewegung. Nach einem konservativen Interregnum von fast dreißig Jahren kam ein sozialistischer Präsident an die Macht. Mitterand versprach den Franzosen viele Änderungen: soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Wohlstand. Er konnte damals noch nicht wissen, dass die die Epoche, die man „Trente Glorieuses“ nennen sollte, damals schon lange vorüber war. Die Jugendlichen aus den Banlieues verlangten Teilhabe an der Gesellschaft und drängten in die Pariser Innenstadt, wo sie von den Reichen und Aristokraten und solchen, die sich dafür hielten, mit Naserümpfen aufgenommen wurden. Maghrebinische Jugendliche demonstrierten auf der „Marche des Beurs“ und in der großen Stadt, in der die einfachen Menschen trotz der sozialistischen Versprechen mehr und mehr aus dem Stadtkern und in die Außenbezirke gedrängt wurden, gingen Mörder um.
Zwei der bekanntesten Serienmörder hat man gefasst. Thierry Paulin, der mindestens 18 alte Frauen ermordet hat – wahrscheinlich eher an die 30 –, stirbt im April 1989 im Gefängnis an AIDS noch bevor er für seine Taten verurteilt werden konnte. Guy Georges, der Mörder aus dem Pariser Osten, wird erst 1998 geschnappt und verbüßt für 7 Morde an jungen Frauen eine lebenslange Freiheitsstrafe. Im Gefängnis führt er einen regen Briefverkehr mit zahlreichen weiblichen Verehrerinnen.
Doch einer, der diese unruhigen, chaotischen und desorganisierten Jahre zum Töten genutzt hat, läuft noch frei herum. Sofern er noch lebt. Der Täter wurde am 30.09.2021 identifiziert, siehe weiter unten.
Sie nannten ihn das Pockengesicht
Es ist der 5. Mai 1986, morgens gegen 8 Uhr 30 als sich die 11-jährige Cécile Bloch auf den Weg zur Schule macht. An diesem Morgen hat sie einen rosa Jogginganzug angezogen und ein weißes Stirnband aufgesetzt. Sie verlässt ihre Wohnung im 3. Stock der Rue Petit 116 im 19. Arrondissement und steigt in den Aufzug. Im Aufzug lehnt ein seltsamer Mann. Cécile Bloch steigt nicht im Erdgeschoss aus und geht auch nicht in die Schule. Sie verlässt auch das Wohnhaus nicht mehr.
Am Nachmittag gegen 15 Uhr 30 findet ein Hausmeister im stockfinsteren 3. Untergeschoss der großen Wohnanlage die Leiche der kleinen Cécile. Sie liegt in einem winzigen Abstellraum ganz in der Nähe der Treppe auf dem Bauch und ist mit einem großen alten Teppichstück bedeckt. Das weiße Stirnband ist ihr quer über das Gesicht gerutscht. Die Jogginghose ist ausgezogen. Sie wurde vergewaltigt und erdrosselt. Ihr Mörder hat ihr, als sie schon tot war, einen Messerstich ins Herz zugefügt. Die Menschen in der riesigen Wohnanlage sind entsetzt und erschüttert als sie die Nachricht erhalten.
Einige Nachbarn und auch Céciles Eltern und ihr Bruder erinnern sich ebenfalls an den sonderbaren Mann im Aufzug. Sie hatten ihn noch nie zuvor im Haus gesehen und es kam ihnen komisch vor, dass er nicht gemeinsam mit ihnen im Erdgeschoss mit ihnen ausstieg, sondern im Fahrstuhl blieb.
Es fallen ihnen auch eine ganze Reihe von Unregelmäßigkeiten ein, die in ihrer Gesamtheit mehr als auffällig sind: Die Sprechanlage an der Eingangstür funktioniert nicht, obwohl sie erst vor dem Wochenende repariert worden war. Auf dem Stockwerk von Céciles Wohnung ist das Licht defekt und einer der beiden Aufzüge ist außer Betrieb. Es scheint so, als ob der Täter eine perfekte Falle aufgestellt hat und wie eine Spinne im Netz auf sein Opfer gewartet hat.
Offenbar hatte er fast eine ganze Stunde auf diese Weise im Aufzug gestanden, ist auf und ab gefahren und hat gewartet. Dabei hat er in Kauf genommen, dass viele Hausbewohner, die das Haus in Richtung Arbeit verließen, sein Gesicht sehen. Als die kleine Cécile schließlich im Aufzug war, hat er sie am Aussteigen gehindert, sie in die dunklen Abgründe des Gebäudes geschleift, sie vergewaltigt und ermordet.
Céciles Bruder Luc erinnert sich, dass ihn an dem Mann erst die übertriebene Art, mit der er versuchte unauffällig zu wirken, argwöhnisch gemacht hat. Er sagte banale Sätze in der Art „Ich hoffe, dass Sie einen angenehmen Tag verbringen“, doch gerade diese penetrante Höflichkeit obwohl sie sich noch nie gesehen hatten, war es, was ihn suspekt wirken ließ.
Die Zeugen beschreiben einen jungen Mann, 25 – 30 Jahre alt, groß, athletisch, die Kleider etwas nachlässig und unordentlich, staubige Turnschuhe, etwas längere Haare mit einer Strähne über der Stirn. Und dann ein sehr auffälliges Merkmal: seine Gesichtshaut ist von unzähligen kleinen Narben wie von Akne oder Pocken übersät. Die Ermittler geben ihm den Namen „Le Grêlé“: das Pockengesicht. Sie sind sich sicher, dass er diese Tat lange und sorgfältig vorbereitet hat.
Die Wohnanlage in der Rue Petit ist sehr groß, 850 Wohnungen befinden sich in dem Haus. Zur damaligen Zeit konnte man noch relativ einfach in das Gebäude eindringen. Der „Digicode“, der heute überall in Paris die Eingangstüren sichert, war damals noch nicht verbreitet. Auch über die Tiefgarage konnte ein Fremder in die Keller und in die Treppenhäuser der gesamten Wohnanlage eindringen und sich dort frei bewegen. Die Ermittler halten es für undenkbar, dass der Mörder spontan in das Haus eingedrungen ist. Er muss sich vielmehr mit der Wohnanlage und der Anordnung ihrer Räumlichkeiten vertraut gemacht haben. Er muss auch den kleinen Abstellraum entdeckt haben und am Tag zuvor die Tür zum 3. Untergeschoss mit einer zusammengeknüllten Zigarettenpackung offengehalten haben.
Die Ermittler sind sich außerdem sicher, dass der Mörder ein sehr gefährlicher Täter ist und mit Sicherheit bereits kriminelle Erfahrung hat. Die Beamten durchforsten ihre Archive nach Fällen in der jüngeren Vergangenheit mit einer ähnlichen Vorgehensweise. Damals ist das eine mühevolle, langwierige und fehleranfällige Handarbeit, da Computer in den 80er Jahren in Frankreich bei der Polizeiarbeit so gut wir nicht genutzt wurden.
Doch sie landen bald einen Treffer: Am 7. April 1986, einen Monat vor der Mord, wurde in einem großen Wohnkomplex an der Place de la Vénétie in Chinatown ein fast identisches Verbrechen begangen. Ein Täter fängt morgens um kurz nach 8 Uhr die 8-jährige Sarah im Aufzug ab, zwingt sie in das 4. Untergeschoss, wo er sie vergewaltigt und stranguliert. Wie durch ein Wunder überlebt das kleine Mädchen. Der Täter hatte sie, im Glauben, sie sei tot, im dunklen Keller zurückgelassen. Das Mädchen kann einen jungen Mann mit vernarbter Gesichtshaut beschreiben.
In der Rue Boulitte im 14. Arrondissement spricht derselbe Täter die 14-jährige Marianne im Aufzug an. Er hält ihr eine Art Ausweis in den Farben der französischen Trikolore unter die Nase und erklärt ihr, er sei Polizist und auf der Suche nach einer Ausreißerin. Ob Sie ihren Personalausweis dabei habe. In der Wohnung bedroht er das eingeschüchterte Mädchen mit einer Pistole, vergewaltigt sie und verschwindet, nachdem er einige Gegenstände – zwei Fotoapparate, einen CD-Player und Klassik-LPs – entwendet hat.
Bei ihren Nachforschungen stoßen die Ermittler auf mindestens 10 Fälle, bei denen entweder der modus operandi oder die Beschreibung auf den „Fahrstuhl-Vergewaltiger“ passt. Bevorzugt schlägt er in jenen Jahren im Osten und Süden der Stadt zu.
Es ist ein ausgesprochen außergewöhnlicher Täter, den sie suchen. Er ist nicht nur auf Mädchen im Kindesalter fixiert, sonder greift auch erwachsene Frauen an. Seine Tatbegehungsweise ist mit der Zeit elaborierter geworden. Es kommt die Finte mit dem Polizeiausweis hinzu.
Zwei Elemente prägen jedoch seine Taten: Sexualität und sadistische Gewalt. Forensische Psychiater halten ihn für einen intelligenten, entschlossenen, sadistischen, pädophilen Jäger. Er genießt seine Allmacht und spielt Gott. So wie Gott tötet er oder lässt seine Opfer am Leben. Das lange Warten vor der Tatumsetzung und das Risiko von vielen Personen gesehen zu werden, birgt möglicherweise einen besonderen Reiz und Nervenkitzel für ihn.
Die Ermittlungen versanden irgendwann. DNA-Analysen werden in den 80er Jahren bei der Aufklärung von Verbrechen noch nicht durchgeführt. Geistesgegenwärtige Forensiker sichern jedoch DNA-Proben.
Es dauert jedoch 10 Jahre bis die Proben der bisher bekannten Taten ausgewertet werden. Sofort wird das Ergebnis in die forensische Datenbank FNAEG eingegeben. Doch kein Täter ist unter dem genetischen Code 16171617793 gespeichert.
Allerdings erbringt die Überprüfung einen Treffer anderer Art. Der Täter hat im Jahr 1994 nochmals zugeschlagen. Diesmal außerhalb von Paris, in der Nähe des Flughafens Charles-de-Gaulle. Im kleinen Städtchen Mitry-Mory spricht er die 11-jährige Ingrid an, die auf einem Feldweg Fahrrad fährt, gibt sich als Polizist aus und bringt sie in seinem Wagen unter Kontrolle. Er fährt eine Stunde lang ins 60 km entfernte Saclay zu einem verlassenen Gehöft, wo er das Mädchen missbraucht und anschließend verschwindet.
Sieben Jahre lang hatte er keine Verbrechen mehr begangen – zumindest keine, die ihm nachgewiesen werden konnten. Es ist jetzt ein anderer Mann, der nach diesem Intervall von sieben Jahren zuschlägt. Das Opfer beschreibt keinen jungen, etwas nachlässigen Kerl, sondern einen ungepflegten Mann mit einer Tendenz zur Verwahrlosung. Er sieht ungesund aus, er riecht schlecht.
Wo war er in den sieben Jahren zuvor? Die Ermittler halten es für ausgeschlossen, dass ein Verbrecher mit der gezeigten Gewaltbereitschaft und psychischen Deformation sieben Jahre lang seinen Trieben entsagen konnte. Möglicherweise war er im Gefängnis wegen anderer Sexualdelikte, die nicht in der DNA-Datenbank gespeichert waren. Der Zeitraum entspricht ziemlich genau einer Freiheitsstrafe für Wiederholungstäter von 10 Jahren und einer Freilassung nach dem 2/3-Termin wegen guter Führung.
Es dauert wiederum bis zum Jahr 2001 als neue Analysen des DNA-Materials für einen Paukenschlag sorgen. Unter die DNA-Sequenz lässt sich zwar noch immer kein Name setzen, dafür kann ein ungelöster Doppelmord aus dem Jahr 1987 dem Pockengesicht zugeordnet werden.
Am 29. April 1987 wurden in der Rue-Sainte-Croix-de-la-Bretonnerie Nr. 7 im Marais die Leichen von Gilles Politi und des deutschen Au-Pair-Mädchens Irmgard Müller aufgefunden. Beide gefoltert und erdrosselt. Den Ermittlern bietet sich ein chaotischer, unbegreiflicher Tatort.
Im Schlafzimmer liegt der 38-jährige Gilles Politi mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett. Seine Hände sind an seine Unterschenkel gefesselt. An der Schulter sind Brandwunden von einer Zigarette, an der Kehle eine Schnittverletzung. Gestorben ist er jedoch an Strangulation durch eine perfide Fesselung, die sein Mörder aus einem Gewirr aus Tüchern, Schals und Gürteln konstruiert hat. Mit einem Schürhaken als Hebel hat er den Air-France-Mechaniker wie mit einer Garotte erdrosselt.
Im Kinderzimmer hängt das Au-Pair-Mädchen gekreuzigt am Doppelstockbett. Sie hat einen Knebel im Mund und weist einen post mortem zugefügten Kehlschnitt auf. Ihr Tod trat jedoch durch Erhängen mit ihrem eigenen Körpergewicht ein. DNA-Material findet sich auf einer Zigarettenkippe, mit der die Opfer gefoltert wurden, und auf einem Tampon. Es ist der genetische Fingerabdruck des Pockengesichts.
Bis heute ist unklar, wie sich das Tatgeschehen in der Wohnung abgespielt hat. Den Ermittlern fällt jedoch auf, dass Einbruchsspuren fehlen. Der Täter muss von einem der Bewohner in die Wohnung gelassen worden sein. Sehr wahrscheinlich hatte er eine Beziehung zu einem der Opfer.
Der Fokus liegt sehr schnell auf der 20-jährigen Irmgard Müller aus Kempten. Das Au-Pair-Mädchen bewohnt eine Mansarde, nicht weit entfernt in der Rue de Sévigné, die die Familie Politi für diese Zwecke gemietet hat. In ihrem Zimmer findet sich ein Kalender, in dem die junge Frau jeden ihrer zahlreichen Liebhaber samt Anmerkungen über ihre jeweiligen sexuellen Fähigkeiten notiert hat. Alle dort vermerkten jungen Männer werden identifiziert und befragt – alle, bis auf einen. Im Dezember 1986 ist ein gewisser Elie Lauringe eingetragen, mit der Zusatz, dass er im Bett eine Niete ist. Als Adresse ist die Rue Rubens Nr. 13 notiert.
Vielversprechende Ansätze, doch die Ermittler kommen nicht weiter. Der Name Elie Lauringe ist nirgends in Frankreich im Personenstandsregister eingetragen. Als die Beamten die angegebene Adresse im 13. Arrondissement aufsuchen, steht dort eine moderne, neue errichtete Wohnanlage. Nachbarn erinnern sich, dass sich 15 Jahre zuvor an dieser Stelle ein leerstehendes Haus befand, das Obdachlose und Außenseiter zum Schlafen nutzten.
Der junge Mann aus dem Kalender hat also nicht nur einen falschen Namen, sondern auch eine falsche Adresse genannt. Handelt es sich bei Elie Lauringe um den mysteriösen Mörder mit dem Pockengesicht? Vielleicht ist es eine falsche Spur, dennoch ist es sehr auffällig.
Außergewöhnlich ist bereits der Name. Üblicherweise nutzen Kriminelle zur Verschleierung ihrer Identität irgendeinen Dutzendnamen. Der merkwürdige Name scheint für seinen Erfinder jedoch eine besondere Bedeutung zu haben.
Auch die Adresse 13, rue Rubens muss der Täter auf jeden Fall gekannt haben. Vielleicht ist er dort selbst zeitweise untergekommen?
Die Ermittler stellen folgendes Szenario auf: Der Mörder und das Au-Pair-Mädchen haben eine intime Beziehung. Die junge Frau nimmt den Mann mit in ihre Mansarde, wo sie einvernehmlichen Geschlechtsverkehr haben. Am nächsten Morgen, nachdem er ausgeschlafen hat, bringt er den Mansardenschlüssel in die Wohnung der Politis. Dort kommt es aus irgendeinem Grund zu einem Konflikt, bei dem der Täter völlig die Beherrschung verliert und zwei erwachsene Menschen foltert und tötet.
Die Ermittler haben große Schwierigkeiten, die Persönlichkeit des Täters einzuordnen. Ansatzweise lässt sich konstatieren, dass es sich bei ihm um eine instabile Persönlichkeit mit perversen und sadistischen Zügen handelt. Er genießt das Zufügen von Leid und kostet die Angst und das Entsetzen seiner Opfer, meistens Kinder, aus.
Obwohl er stark und athletisch ist und seine kindlichen Opfer leicht überwältigen könnte, fesselt er sie. Vermutlich kostet er dadurch eine Macht aus, die er im wirklichen Leben nicht hat. Bei seinen Taten geht er ein hohes Risiko ein und ergötzt sich an seiner Allmacht, die ihm wahrscheinlich einen besonderen Kick verschafft. Er spielt Gott und entscheidet, wen er am Leben lässt und wen nicht.
Sehr wahrscheinlich hat er einen Hass auf Frauen und gleichzeitig Angst vor ihnen. Andererseits hatte er einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit einem seiner Opfer. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass er in einer Partnerschaft lebt und eine Familie hat. Möglicherweise führt er ein Doppelleben: ein verborgenes, in dem seine dunklen Triebe zum Vorschein kommen und ein angepasstes mit Familie und Freunden, die vollkommen ahnungslos sind.
Seit 1994 ist sein genetischer Fingerabdruck in keinem Zusammenhang mehr aufgetaucht. Das Pockengesicht hat sich in Luft aufgelöst. Möglicherweise sitzt er im Gefängnis, in einer psychiatrischen Einrichtung oder ist im Ausland. Vielleicht ist er auch tot. Die Ermittler schließen aber auch die unwahrscheinliche Möglichkeit nicht aus, dass der Täter, der heute zwischen 50 und 60 Jahre alt sein dürfte, im Alter seine Triebe und Dämonen unter Kontrolle bekommen und einfach aufgehört hat.
Die Ermittler in Paris setzen ihre letzten Hoffnungen auf einen Zufallstreffer aus der DNA-Datenbank. Sie halten es für möglich, dass der genetische Code eines seiner Verwandten gespeichert wird und sie ihn eines Tages durch die Abstammungslinie identifizieren können.
Anmerkung Juni 2019 für die Frankophilen und Frankophonen: die französische Journalistin Patricia Tourancheau hat eine sehr ausführliche 12-teilige Artikelserie mit bisher noch nicht bekannten Details auf „Les Jours“ zu dem Fall des Pockengesichts veröffentlicht. Teil 1 hier (erster Teil frei, die anderen kostenpflichtig).
Update 30. September 2021: Le Parisien meldet, dass ein 59-jähriger Mann sich das Leben genommen hat und in einem Abschiedsbrief die Morde gestanden hat. Der ehemalige Gendarm lebte in der Gegend von Montpellier, wo er auch starb. Zuvor hatten die Ermittler die Schlinge um ihn zusammengezogen. DNA-Tests zur Bestätigung dieser Aussage stehen noch aus.
Update 01. Oktober 2021: Unverhoffte und unglaubliche Aufklärung des ältesten Cold Case der Pariser Kriminalpolizei! Die DNA-Tests haben bestätigt, dass der Mann, der sich in einer Wohnung im Badeort Le-Grau-du-Roi das Leben genommen hat, tatsächlich der mysteriöse und nicht zu fassende Mörder mit dem Pockengesicht gewesen ist. Medien teilen mit, der Name des Verdächtigen sei François Vérove. Er war Vater von zwei Kindern und lebte unbehelligt in Südfrankreich, wo er bei den Nachbarn beliebt war und sich um seine Enkelkinder kümmerte. Ersten Informationen zufolge war er zwischen 1983 und 1988 Gendarm bei der Republikanischen Garde und anschließend Polizist. In seinem Abschiedsbrief versichert er, nach 1997 nichts mehr gemacht zu haben. Die letzte Tat, die ihm offiziell vorgeworfen wird, fand allerdings 1994 statt. In den kommenden Tagen werden Journalisten sein Leben und seinen Werdegang recherchieren. Updates folgen.
Nunmehr drei Monate nach dem Selbstmord des mysteriösen Serienmörders haben die Ermittler neue Details zusammengetragen. Erschwert durch den Selbstmord von François Vérove versucht, die Polizei aufzuklären, ob der Serienmörder noch weitere Opfer auf dem Gewissen hat und wenn ja, wie viele. Die genaue Anzahl hat er wahrscheinlich auf ewig mit ins Grab genommen.
Gewissheit besteht bisher nur darüber, dass er drei Morde (Cécile Bloch (1986), Irmgard Müller und Gilles Politi (1987)) sowie drei Vergewaltigungen (Sarah 1986 mit Mordversuch, Marianne 1987 und Ingrid 1994) begangen hat.
Doch die Ermittler und Profiler haben sich mehrere ungeklärte Altfälle aus der Mitte der 80er Jahre nochmals vorgenommen und kommen aufgrund der Vorgehensweise – die Fälle, bei denen François Vérove durch seine DNA überführt wurde eingeschlossen – auf 28 Taten, bei denen er als Täter in Betracht kommt, wie Le Parisien berichtet.
Für die Ermittler besteht beispielsweise kein Zweifel, dass François Vérove am 7. April 1986 die kleine Sarah im Aufzug ihres Wohnhauses angegriffen, in den Keller verschleppt und vergewaltigt hat. Seinen Mordversuch überlebte sie glücklicherweise. Es war die Blaupause für den Mord an der kleinen Cécile Bloch knapp drei Wochen später. Hier wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen, um Gewissheit zu erlangen.
Die Ermittler stellten zudem fest, dass François Vérove seinen Modus operandi mit der Zeit geändert hat. Zu Beginn seiner Tatserie attackierte er junge Mädchen in den Aufzügen ihrer Wohngebäude, fuhr mit ihnen in den Keller und vergewaltigte sie dort. Diesbezüglich steht er in mindestens drei weiteren ungeklärten Fällen als Täter im Fokus.
Später nutzte er seinen Dienstausweis – bei dem sich erst jetzt herausstellt, dass dieser keine Attrappe, sondern authentisch war – um seine Opfer einzuschüchtern. Er gab vor, nach Ausreißern, Drogensüchtigen und sogar nach Terroristen zu suchen. (Siehe zu diesem Komplex den neuesten Teil der ausführlichen Artikelserie der Kriminalreporterin Patricia Tourancheau auf Les Jours).
Zwar haben die Ermittler keine objektiven Beweismittel, aber die örtlichen und zeitlichen Übereinstimmungen mit weiteren Taten halten sie für sehr verdächtig, insbesondere die folgenden Ähnlichkeiten: die Taten wurden immer an Werktagen, und zwar nur morgens oder tagsüber begangen, niemals abends oder nachts.
Auch schreiben die Polizisten François Vérove zwei weitere Morde zu.
Am 4. Dezember 1991 wurde die 23-jährige Sophie Narme in der rue Manin, in unmittelbarer Nähe der rue Petit, wo François Vérove fünf Jahre zuvor die kleine Cécile Bloch umgebracht hatte, ermordet aufgefunden. Sie wurde vergewaltigt und mit einem Gürtel erdrosselt und hatte einen Messerstich, genau wie Cécile Bloch. Die junge Frau war Mitarbeiterin bei einem Immobilienmakler und hatte die Wohnung zur Besichtigung annonciert. Der Täter hatte einen falschen Namen und eine falsche Telefonnummer angegeben. Im Terminkalender der jungen Frau fand sich der Name „Dubost“, dies ist der Name der Baufirma, die in dem Gebäude Arbeiten vorgenommen hatte. Die angegebene Telefonnummer war in Wirklichkeit die Faxnummer einer anderen Baufirma.
Auffällig ist auch der Mord an Karine Leroy in Meaux am 9. Juni 1994. François Vérove war nach seinem Ausscheiden aus der Gendarmerie zur Polizei gewechselt und wohnte in der östlichen Peripherie von Paris, wo Karine Leroy ermordet wurde und genau dort, wo er 1994 auch die kleine Ingrid angesprochen, vom Fahrrad gezogen und nach Saclay verschleppt hatte.
Der letzte Tag des Pockengesichts / Der Abschiedsbrief
Weitere Ermittlungen, die die Zeitung Le Parisien öffentlich gemacht hat, bringen Licht in den letzten Tag des Serienmörders und über den Inhalt seines Abschiedsbriefs.
Nachdem die hartnäckige Ermittlungsrichterin Nathalie Turquey zur Überzeugung gelangt war, dass es bei dem bis dato unbekannten Serienmörder um einen – möglicherweise ehemaligen – Gendarm handeln müsse, ordnete sie DNA-Tests bei allen Gendarmen an, die in der Zeit zwischen 1982 und 1987 in Paris Dienst getan hatten.
Der Anruf der Kriminalpolizei von Montpellier, wohin Francois Vérove seinen Wohnsitz verlegt hatte, mit der Bitte um Terminvereinbarung erreichte seine Frau am 24. September 2021. Diese berichtete später in einer Befragung bei der Ermittlungsrichterin, dass sie nach der Weitergabe der Rückrufbitte bei ihrem Mann nicht die geringste Gemütsregung festgestellt hatte als er einen Termin für den. 29. September vereinbarte. Ihm jedoch musste nach diesem Anruf klar geworden sein, dass ihn nun seine Vergangenheit einholte und es für ihn kein Entrinnen mehr gab.
Am Montag, dem 27. September unternahm das Ehepaar noch einen Spaziergang am Strand, Francois Vérove hielt einen Mittagsschlaf, trank Kaffee und war dann mit seinem Pedelec losgefahren. Seiner Frau erklärte er, er wolle die kleine Wohnung, die sie in Le-Grau-du-Roi auf Airbnb anboten, für ankommende Gäste herrichten.
In Wahrheit war er nach La-Grande-Motte aufgebrochen, wo er ein kleines Apartment gemietet hatte. Er sollte es nie mehr lebend verlassen.
In der kleinen Wohnung hat sich Francois Vérove entweder noch am selben Tag oder einen Tag später mit einer Medikamentenüberdosis das Leben genommen. Gendarmen fanden ihn am 29. September.
Auf der Dunstabzugshaube hatte er zwei Zettel postiert. Auf dem einen Stand: „Selbstmord. 17 anrufen (Anm.: die „17“ ist die Nummer der Gendarmerie).
Auf dem zweiten Zettel war zu lesen: „Mein Name ist Francois Vérove. Ich habe soeben Selbstmord begangen. Sollte ich im Koma liegen, nicht wiederbeleben“.
In einem Umschlag auf der Küchenzeile lag ein Umschlag mit dem Abschiedsbrief, in welchem er sich an seine Frau wandte. Er gab keinerlei Details über seine Verbrechen oder auch nur ihre Anzahl an. Er begründet, warum er aus dem Leben scheiden müsse: „Du hast mich 1984 als jungen Gendarm kennengelernt. Damals hast Du schon Schwierigkeiten erahnen können, die ich hatte. Periodenweise hatte ich eine wahnsinnige Wut in mir, die aus mir einen Kriminellen gemacht hat. Zu manchen Zeiten konnte ich nicht mehr und ich musste jemand Unschuldigen zerstören, besudeln, töten!“
Erst eine Psychotherapie im Jahr 1997 habe es ihm ermöglicht, sich von seinen Dämonen zu befreien. Er reflektierte, dass er mit seinem Todestrieb unbewusst seine eigenen Leiden als Kind habe töten wollen. Die Psychotherapie sei für ihn eine Erlösung, wie eine Wiedergeburt, gewesen.
Das Geheimnis von „Elie Lauringe“
Woher kommt dieser Name, der nirgendwo in den Standesämtern existiert? Woher hatte er ihn? Dieser Name fand sich im Notizbuch des deutschen Au-pair-Mädchens Irmgard Müller, das gemeinsam mit dem Familienvater Gilles Politi am 29. April 1987 unter entsetzlichen Umständen ermordet worden war.
Allen überlebenden Opfern wurde dieser Name genannt, niemand konnte etwas mit ihm anfangen. Auch Francois Véroves Ehefrau, die doch vierzig Jahre mit ihm zusammengelebt hatte, sagte dieser Name nichts. War es ein Anagramm oder ein Wortspiel.
Die Ermittler forschten in der Fremdenlegion und sogar, wegen des jüdisch klingenden Vornamens, in Israel.
Als eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen bedrohliche mit schwarzer Tinte und auf Schulpapier geschriebene Briefe erhielten, mit der Aufforderung weitere Botschaften in einer Buchhandlung in dem Roman „Oblomow“ von Iwan Gontscharow entgegenzunehmen, war ein Privatdetektiv überzeugt, es handele sich bei „Lauringe“ um die in lateinische Buchstaben übertragene augenscheinliche Schreibweise des russischen Namens Gontscharow. Die Hauptperson in dem Roman „Oblomow“ des Schrifstellers heißt im Übrigen Ilja, die russische Form von Elie oder Elias. Allerdings stellte sich heraus, dass der anonyme Briefeschreiber ein Schulkamerad war. Er starb 2010 in London.
Das Geheimnis der Herkunft dieses mysteriösen Namens bleibt also bisher ungelöst, wie auch so vieles andere. Francois Vérove stahl bei seinen Opfern Fotoapparate, machte sich aber nichts aus Fotografie. Man nannte ihn das „Pockengesicht“, dabei hatte er in Wirklichkeit keine Aknenarben. Je mehr Details über ihn bekannt werden, desto mehr wird klar, wie vielen falschen Fährten man aufgesessen ist.
Update Januar 2023: Hat die hartnäckige und beharrliche Ermittlungsrichterin Nathalie Turquey, die schon das Pockengesicht zur Strecke gebracht, zwei weitere „Cold cases“ gelöst?
Der Mord an Sophie Narme (s.o.) geht anscheinend nicht auf das Konto von François Vérove. Der Beschuldigte, dem der Mord vorgeworfen wird, ist ein 70-jähriger Mann, der in Südfrankreich im Jahr 2020 in anderer Sache festgenommen worden war.
Ein Zufall brachte die Ermittler auf seine Spur. Im Sommer 2020 wurde er in einem Supermarkt in Carpentras dabei erwischt, wie er mit seinem Telefon unter dem Rock einer jungen Frau filmte. Bei Auswertung seines Smartphones fanden die Polizisten scheußliche Videos, auf denen er seine eigene unter Drogen gesetzte Frau von zahlreichen Männern (49 von mehr als 70 Tätern konnten ermittelt werden) missbrauchen und vergewaltigen ließ. Seine Frau war so stark betäubt, dass sie das Treiben überhaupt nicht mitbekommen hatte. Seitdem saß er im Gefängnis.
Aufgrund dieser äußerst ungewöhnlichen Taten, entschlossen sich die Ermittler die Vergangenheit des Verdächtigen genauer unter die Lupe zu nehmen. Dominique Pélicot lebte zu Beginn der 1990er Jahre im Pariser Raum , wo er für Immobilienunternehmen arbeitete. Sophie Narme war bei einem Immobilienmakler angestellt und hatte am Tag ihres Todes im Jahr 1991 einen Termin mit einem Interessenten für eine leerstehende Wohnung in der Rue Manin im 19. Arrondissement. Sie wurde mit Äther betäubt, vergewaltigt, erdrosselt und mit einem Stich in die Brust getötet. Die Asservate in diesem Fall wurden leider nicht aufbewahrt. Wie die Ermittler Dominique Pélicot außer durch seinen damaligen Wohnsitz und seine Tätigkeit konkret mit dem Mord in Verbindung bringen konnten, ist bis jetzt nicht ganz klar.
Außerdem wird er noch einer weiteren bisher ungeklärten versuchten Vergewaltigung im Jahr 1999 in Villeparisis verdächtigt. Das Opfer war auch hier Angestellte eines Immobilienmaklers. Hier konnte eine DNA-Spur gesichert werden. Durch eine DNA-Entnahme in der aktuellen Sache ist er dieser Tat dringend verdächtig. Die Tat von 1999 hat Dominique Pélicot angesichts der erdrückenden Beweislage gestanden. Den Mord an Sophie Narme leugnet er.
Update Januar 2026: Ermittler der Cold-Case-Einheit (Pôle national crimes sériels ou non élucidés (PCSNE), sind sich sicher, einen Mord aus dem Jahr 1990 aufgeklärt zu haben und ihn dem mörderischen Ex-Gendarmen, François Vérove, zurechnen zu können, der sich im Jahr 2021 das Leben genommen hatte.
Am 6. Juni 1990 war der technische Zeichner Gilbert Gaudry im Wald der kleinen Gemeinde Saint-Aubin an einen Baum gefesselt und mit einem Kopfschuss getötet aufgefunden worden. Der Wald liegt südwestlich von Paris und nicht weit weg von Saclay, wo im Jahr 1994 die 11-jährige Ingrid nach ihrer Entführung aus Mitry-Mory in dem verlassenen Haus missbraucht und ihrem Schicksal überlassen worden war. Der Wald war zur damaligen Zeit als Begegnungsstätte für Exhibitionisten und Voyeure bekannt. Gilbert Gaudry war mit einer Kugel aus der französischen Ordonnanzwaffe von Militär und Gendarmerie MAC 50 erschossen worden. Die Kugel wurde zwischenzeitlich vernichtet. Allerdings hatte der Täter nach dem Mord mit dem entwendeten Scheckheft des Opfers Zahlungen vorgenommen. Die Schrift auf den Schecks konnte nun ohne jeden Zweifel, so die Ermittler, dem jahrelang unfassbaren Mörder und Vergewaltiger mit dem Pockengesicht zugeordnet werden.
Genau zehn Jahre ist es her, dass der zehnjährige Jonathan Coulom aus einem Ferienlager an der französischen Atlantikküste verschwand und Wochen später ermordet aufgefunden wurde. Fast genau sieben Jahre später wurde der pädophile Serienmörder Martin Ney verhaftet, der als „Schwarzer Mann“ in Norddeutschland sein Unwesen trieb und bis heute der Tat verdächtigt wird.
Anlass genug, die Tat und ihre Umstände zu beleuchten und zu studieren.
Jonathan Coulom stammte aus dem kleinen Städtchen Orval. Er war ein kleiner, schmächtiger Junge, der noch nicht oft von zu Hause weg war. Das Meer hatte er noch nie zuvor gesehen. Im April 2004 nimmt er an einer Jugendfreizeit in Saint-Brévins-les-Pins an der Atlantikküste teil. Die Jugendeinrichtung „PEP 18“, in der die Kinder untergebracht sind, ist zum damaligen Zeitpunkt zwar nicht eigentlich heruntergekommen, aber auch nicht in einem besonders guten Zustand. Türen und Fenster der Räume lassen sich teilweise nicht schließen, der Zaun, der das Gelände von der vielbefahrenen Landstraße „Route Bleue“ abgrenzt, ist an einer Stelle niedergedrückt.
In der Nacht vom 06. auf den 07. April 2004 verschwindet Jonathan aus seinem Zimmer, das er mit fünf anderen gleichaltrigen Jungen teilt, und ist fortan unauffindbar. Den gesamten Tag und auch an den darauffolgenden Tagen suchen Betreuer, Kinder, Freiwillige, seine Eltern und Gendarmen nach Jonathan, doch er bleibt verschwunden. Die beklommenen Schulkameraden fahren zurück nach Orval. Die Tage vergehen. Jonathan ist wie vom Erdboden verschluckt.
Etwa sechs Wochen später wird die Gendarmerie zu einem abgelegenen Herrenhaus im dreißig Kilometer entfernten Guérande gerufen. Die Bewohner des Manoir de la Porte Calon hatten seit zwei Wochen ein merkwürdiges Objekt im Teich hinter dem Gutshaus treiben sehen, das sie zunächst für ein totes Tier hielten.
Nachdem die Gendarmen das Objekt gelandet haben, bewahrheiten sich für Jonathans Eltern die schlimmsten Befürchtungen. Der Körper, der im Teich treibt, ist Jonathans Leichnam. Der Körper des Jungen ist mit einem Nylonstrick in fötaler Haltung gefesselt. Die Fesselung ist komplex. Eine Schlinge läuft um den Hals und verbindet Hände und Füße. Der Leichnam ist mit einem 18 kg schweren Block beschwert.
Nach der langen Liegezeit im Wasser sind DNA-Spuren nicht mehr nachweisbar. Das Obduktionsergebnis kann keine Feststellung darüber treffen, ob Jonathan vor seinem Tod sexuell missbraucht wurde. Auch die Todesursache bleibt unklar. Es kann festgestellt werden, dass Jonathan nicht erwürgt wurde und auch nicht ertrunken ist, denn es kann kein Wasser in seinen Lungen nachgewiesen werden. Im Ausschlussverfahren kommt die Rechtsmedizin zu dem Ergebnis, dass Jonathan erstickt wurde.
Nachdem die Ermordung des kleinen Jonathan und die ungewöhnlichen Begleitumstände des Verschwindens aus dem an sich geschützten Bereich eines Schullandheims über das Informationssystem der europäische Polizeibehörden bekannt wird, macht es bei den deutschen Ermittlern „klick“. Seit Jahren schon jagen sie einen dunkel gekleideten Maskenmann, der nachts in Schullandheime und Ferienlager eindringt und männliche Kinder missbraucht, sexuell belästigt und manchmal auch tötet.
Die Ermittler schreiben dem unbekannten Täter eine Mordserie mit bereits vier Opfern zu. Der mysteriöse Täter mordet immer nur alle drei Jahre: Im Jahr 1992 stirbt der 13jährige Stefan Jahr, der aus einem Internat in Scheeßel entführt wurde. 1995 wird der 13jährige Dennis Rostel aus dem Zeltlager Selker Noor entführt und zwei Wochen später ermordet und in einer Düne in Dänemark vergraben von Spaziergängern gefunden. 1998 verschwindet nachts ein holländischer Junge, der 11jährige Nicky Verstappen, aus einem Zeltlager in Brunssum und wird am nächsten Tag bei einer Tannenschonung tot aufgefunden. Im Jahr 2001 verschafft sich der Täter Zutritt zu einem Landschulheim in Wulsbüttel, entführt den 9jährigen Dennis Klein und tötet ihn.
Das Verschwinden von Jonathan im Jahr 2004 elektrisiert die Fahnder in Deutschland. Die große Frage ist nur, ob die jüngste Tat, das Werk eines einheimischen Täters ist oder sie Teil der Serie des schwarzen Maskenmannes aus Deutschland ist. Den Fahndern fällt als erstes auf, dass die bisher bekannten Tatorte auf einer annähernd diagonalen Linie liegen.
Eine weitere Frage, die sich die Ermittler stellen ist, ob Jonathan zufällig oder gezielt als Opfer ausgewählt wurde. Aus dem Vorgehen des Täters folgern die Beamten, dass es sich bei ihm um einen planenden und berechnenden Täter handeln muss. Ein berechnender Täter wählt sowohl das Opfer als auch dessen Umfeld sehr sorgfältig aus. In Saint-Brévin-les-Pins muss sich der Täter mit dem Gelände und dem Gebäude vertraut gemacht haben. Er muss gewusst haben, dass der Zaun, der das Jugendherbergsgelände zur Straße hin abgrenzt, niedergedrückt war. Muss gewusst haben, dass er im verwilderten Unterholz unauffällig und ungestört die Kinder beobachten kann. Er muss genau den Nutzen der Landstraße erkannt haben, die direkt an das Grundstück grenzt und welchen Vorteil das für ein Eintreffen und eine Flucht mit dem Auto bedeutet. Er musste die Anordnung der Räume in der Herberge kennen, musste wissen, dass die Tür von Jonathans Zimmer keine Klinke hatte und daher einfach aufgedrückt werden konnte.
Viel spricht für die beunruhigende Vermutung, dass Jonathans Mörder lange im Verborgenen die Kinder beobachtet hat und mit zielsicherem Instinkt ein verletzliches Kind ausgewählt hat, das ihm keinen Widerstand entgegensetzen würde.
Jonathan war ein schmächtiges, zurückhaltendes, schüchternes Kind.
Besondere Aufmerksamkeit widmen die Ermittler dem Auffindeort der Leiche, dem Manoir de la Porte Calon.
Die Ermittler rätseln, ob es einen bestimmten Grund für den Täter gab, die Leiche ausgerechnet dort abzulegen. Vom Standpunkt eines rationalen, planenden Täters wäre es viel einfacher gewesen, den Leichnam ins Meer zu werfen oder ihn im nahen Fluss Loire verschwinden zu lassen, der dort kurz vor der Mündung ins Meer eine starke Strömung hat. Stattdessen hat der Täter mit dem noch lebenden oder toten Jonathan eine relativ lange Strecke von 30 km zurückgelegt und dabei auch noch den Pont de Saint-Nazaire überquert (wobei nicht gesagt ist, dass der Täter diese Strecke in direktem Weg gefahren ist). Aus Sicht der Ermittler ein äußerst unlogisches Verhalten, das die Gefahr einer Entdeckung außerordentlich erhöht hat. Oder war der Täter möglicherweise nicht ortskundig und kannte sich in der Gegend gar nicht aus? War der Täter ein Fremder? Vielleicht der „Schwarze Mann“ aus Deutschland?
Die Ermittler sind sich anderseits sicher, dass der Täter das Gutshaus, wo er die Leiche im Teich ablegte, sehr gut gekannt haben muss. Diesen Ort konnte er nicht aufs Geratewohl auswählen.
Der Teich war im Jahr 2004 von außen nicht zu sehen. Die Straße hinter dem Teich existierte im Jahr 2004 noch nicht. Eine Mauer und eine dichte Reihe von Bäumen entzogen ihn den Blicken. Wer das Grundstück mit dem Gutshaus nicht kannte, wusste auch nichts von der Existenz des Teichs hinter der Mauer.
Ein weiteres wichtiges Detail: Der Täter hat die Kinderleiche nicht durch das Eingangstor getragen, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Betreten des Grundstücks eine kleine Bresche in der hinteren Mauer genutzt, die nur mit einer auf Kniehöhe baumelnden, rostigen Kette gesichert war. Diese Bresche war nur sehr wenigen Menschen bekannt.
Diese Indizien deuten eher darauf hin, dass der Täter eher ein Einheimischer ist. Andererseits haben die Eigentümer des Herrenhauses einzelne Wohnungen an Touristen als Ferienappartements vermietet. Der Gedanke, dass der Täter von außerhalb kam, ist daher nicht vollkommen abwegig.
Nach Ansicht der Ermittler hat sich die Tat folgendermaßen abgespielt: Der Täter ist, nachdem er die Kinder über einen längeren Zeitraum beobachtet hat, in der Nacht vom 06. auf den 07. April 2004 in die Jugendherberge eingedrungen. Er ist zielgerichtet in Jonathans Zimmer gegangen (das zweite von oben, schräg gegenüber der Eingangstür)
Er hat den schlaftrunkenen oder angststarren Jonathan genommen und hat mit ihm die 50 Meter durch die Bäume und das Unterholz zur Landstraße zurückgelegt, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Entweder hat er Jonathan noch im Wagen getötet oder ist mit ihm an einen anderen Ort gefahren. Jedenfalls sind sich die Ermittler sicher, dass Jonathan noch in derselben Nacht gestorben ist. Nach dem Mord hat der Täter die Leiche mit dem Nylonstrick gefesselt, mit dem Block beschwert und in dem Teich hinter dem Gutshaus in Guérande versenkt.
Martin Ney wurde am 27. Februar 2012 wegen Mordes in drei Fällen und mehreren Missbrauchstaten zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Die ebenfalls verhängte Sicherungsverwahrung wurde vom BGH aufgehoben. Während der Hauptverhandlung hat Martin Ney von seinen Schweigerecht Gebrauch gemacht. Seine Täterschaft an den Morden an Nicky Verstappen und Jonathan Coulom hat er von Beginn an geleugnet. Die Ermittler sind jedoch überzeugt, dass noch mehr Tötungsdelikte auf das Konto von Martin Ney gehen.
Der Mord an Jonathan Coulom lässt deutliche Parallelen zur charakteristischen Tatbegehungsweise Martin Neys erkennen.
Es frappiert zunächst der Drei-Jahres-Rhythmus der Serie: 1992: Stefan Jahr, 1995: Dennis Rostel, 1998: Nicky Verstappen, 2001: Dennis Klein, 2004: Jonathan Coulom.
Dann fallen die gleichartigen Örtlichkeiten und Einrichtungen auf: Jugendherbergen, Schullandheime, Zeltlager, Internate. Schließlich das Alter und das Geschlecht der Opfer.
Atypisch ist bei Martin Ney, dass er bei seinen Taten die ihm vertraute Umgebung verließ und ein großes Risiko einging, als er mit dem noch lebenden Dennis Rostel die dänische Grenze überquerte, wo er ihn schließlich ermordete. Martin Ney ging bei der Tatbegehung äußerst dreist vor und ging oft ein hohes Entdeckungsrisiko ein. Im Ermittlungsverfahren wurde bekannt, dass er nicht nur Jugendfreizeiten begleitete, sondern auch viele Auslandsreisen unternommen hat. Ein Mann, der mit seinem Opfer in ein fremdes Land fährt – warum soll er nicht auch in Frankreich zuschlagen?
Andererseits deutet der sehr außergewöhnliche und selbst vielen Einheimischen nicht bekannte Ablageort darauf hin, dass der Täter sehr gute Ortskenntnisse haben musste, die eigentlich nur ein Einheimischer haben konnte. Nach Berichten in französischen Medien, die in Deutschland bisher nicht bestätigt wurden, hat es zum Zeitpunkt von Jonathans Verschwinden Abhebungen mit Martin Neys EC-Karte in Deutschland gegeben. Dies würde ihn aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen.
Es bleiben jedoch noch einige Unklarheiten in diesem Fall, zu dem auch Ermittlungspannen beitrugen. Ney hatte drei Festplatten, einen USB-Stick und eine CD unter dem Fettfilter seiner Dunstabzugshaube versteckt. Erst der Nachmieter seiner Wohnung hatte diese Gegenstände bei der Renovierung gefunden. Bisher ist es den Beamten nicht gelungen, den Passwortschutz der Datenträger zu knacken.
Martin Ney schweigt indes weiter, obwohl es für ihn ohnehin keinen Unterschied mehr machte, ob er noch zwei oder zehn weitere Morde gesteht.
Vielleicht, so mutmaßen die Profiler, die ihn jagten, will er einen Teil seiner dunklen Seite nicht offenlegen. Will wie in einem Schatzkästlein etwas eigenes für sich behalten.
Update Mai 2017: Im vergangenen Jahr hat sich Martin Ney allem Anschein nach dazu entschlossen, den Ermittlern die Passwörter der Festplatten zu verraten.
Update August 2018: Mit dem Mord an Nicky Verstappen im August 1998 in Brunssum scheint Martin Ney nichts zu tun zu haben. Die Polizei hat als Tatverdächtigen Jos Brech im Visier.
Update Januar 2021: Französische Medien, darunter Le Parisien und Ouest-France, melden, dass Martin Ney nach Frankreich ausgeliefert wird, um von einem Ermittlungsrichter zum Verschwinden von Jonathan Coulom angehört zu werden. Richter Stéphane Lorentz hat offenbar die Gewissheit, dass Martin Ney den Mord an Jonathan begangen hat. Den Mord habe er einem Mitgefangenen gestanden. Zudem habe er angegeben, am Ablageort der Leiche einen Rucksack verloren zu haben. Die Gendarmerie hatte sich im Jahr 2018 wegen dieses Rucksacks an die Öffentlichkeit gewandt:
Während sich die deutsche Ochlokratie mit der spannenden Frage beschäftigt, ob Larissa Marolt die nächste Dschungelprüfung schafft oder Petitionen gegen Moderatoren unterschreibt, sterben in Syrien die Menschen wie die Fliegen. Der Tyrann Assad führt einen erklärten Krieg gegen „Terroristen“, das bedeutet im Klartext: alle, die sich nicht freiwillig vor seinen Folterkellern anstellen. Eigentümlich, wie die „Terroristen“ durch syrische Sicherheitskräfte „bekämpft“ werden, nämlich indem zivile Wohngebiete in Schutt und Asche gelegt werden.
Dieses kleine Mädchen aus Aleppo wurde glücklicherweise aus den Trümmern gerettet. Hunderte und Tausende anderer Kinder hatten dieses Glück nicht. Man kann nur erahnen, was für eine traumatisierte Generation heranwächst