Das intellektuelle und literarische Frankreich konnte es sich Anfang September mit Popcorn gemütlich machen. Lange hatte es zur „rentrée littéraire“, der traditionellen Vorstellung der literarischen Neuerscheinungen nach der Sommerpause, nicht mehr einen solchen Skandal gegeben.
Der Schriftsteller und Talkshowmoderator Yann Moix schildert in seinem neuen autobiographischen Roman „Orléans“ seine Kindheit als misshandeltes und geprügeltes Kind.
Kritiker bezeichneten den Roman als 262 Seiten langen
provinziellen „torture-porn“.
In verschiedenen Medienauftritten setzten sich Yann Moix‘ Eltern und sein Bruder zur Wehr und wiesen die im Roman erhobenen Anschuldigungen zurück. In einer bitteren Abrechnung entgegnet Moix‘ Bruder Alexandre, dass vielmehr der Schriftsteller der Folterer gewesen sei, unter dem er seine Kindheit und Jugend über gelitten habe.
Damit nicht genug, brachte der Bruder abscheuliche
antisemitische Zeichnungen und Pamphlete aus der Studienzeit von Yann Moix ans
Licht, der seine Leiden in „Orléans“ mit dem Schicksal jüdischer KZ-Insassen
assimiliert. Ein Desaster für den Protégé des Philosophen Bernard-Henri Lévy.
Niemand weiß, ob Moix die Verkaufszahlen seines Romans als angemessene Gegenleistung für die masochistische Selbstdemontage und die Zerstörung seiner Familie ansieht.
In einer Besprechung der Causa, in welcher auch die hasserfüllte Beziehung der beiden Brüder diskutiert wird, wurde als Analogie der Film „Toto der Held“ des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael zitiert, den ich mir daraufhin angesehen habe.
Es ist einer dieser Filme, bei denen man nie so genau weiß,
ob es eine Satire, eine schwarze Komödie oder eher ein Drama ist, wie bei vielen
belgischen Filmen der 90er Jahre.
Es ist ein wunderbarer und mysteriöser, auf mehreren Ebenen
aufgebauter Film mit mehreren ineinander verwobenen Thematiken: dem Kain-und-Abel-Motiv,
dem Kampf gegen die eigenen Dämonen und der Unmöglichkeit, sich von den
Erinnerungen zu befreien, dem Alter und auch der Fähigkeit zum Glück und zur
Freiheit.
Thomas van Hasebrock, genannt Toto, hat sich seit seiner Kindheit in die obsessive Vorstellung verbissen, er sei der Sohn eines reichen Unternehmers, der nach der Geburt bei einem Brand im Krankenhaus mit einem anderen Kind aus einer einfachen Nachbarsfamilie vertauscht wurde. War es so oder nicht? – Der Zuschauer wird im Unklaren gelassen.
Er bringt dem eingebildet und blasiert auftretenden Alfred Kant, dem Sohn des reichen Nachbarn, den er für einen Hochstapler und Usurpator seiner angestammten Rechte hält, sooft er ihm in seinem Leben begegnet, Feindseligkeit und Hass entgegen.
Sein Leben lang versucht er sich
an ihm für das eingebildete oder tatsächliche Unrecht zu rächen. Auch für den
tragischen Tod des Vaters, der für den reichen Nachbarn Fracht für seine Supermarktkette
fliegt und dabei abstürzt. Ebenso obsessiv versucht er eine Frau zu finden, die
in allen Punkten seiner geliebten Schwester Alice gleicht, die beim Versuch das
Haus des Rivalen anzuzünden, umkommt.
Noch im Altersheim träumt er davon, wie er seinen verhassten Widersacher erschießt oder ihn im Springbrunnen seiner bonzigen Villa ersäuft.
Eine schöne Wiederentdeckung in dem Film ist das Lied „Boum!“ von Charles Trenet.
Aber auch die in den Film eingestreuten Gedichtfragmente, vom Schauspieler Michel Bouquet mit schöner, geschulter Altmännerstimme vorgetragen, sind schön.
Wie die Allegorie über das Leben aus Shakespeares „Macbeth“:
„Life’s
but a walking shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.”
Und das mir bis dahin unbekannte Gedicht von Paul Verlaine,
Vertreter des Symbolismus, über eine Frau, die ihm im Traum erscheint. Es wurde
zwar ins Deutsche übertragen, doch nur das Original vermag es, die
Assoziationen und Emotionen hervorrufen:
Mon rêve familier
Je fais
souvent ce rêve étrange et pénétrant
D’une femme inconnue, et que j’aime, et qui m’aime
Et qui n’est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m’aime et me comprend.
Car elle me comprend, et mon coeur, transparent
Pour elle seule, hélas ! cesse d’être un problème
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.
Est-elle brune, blonde ou rousse ? – Je l’ignore.
Son nom ? Je me souviens qu’il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.
Son regard est pareil au regard des statues,
Et, pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L’inflexion des voix chères qui se sont tues.
Anmerkung: der Film „Toto der Held“ ist stand jetzt nicht im
Stream zu finden.
Mich wundernd, warum Ende der vergangenen Woche zahlreiche Artikel über John Cleese erschienen, musste ich, nachdem feststand, dass es sich nicht um Nachrufe handelte, mit Erstaunen feststellen, dass der Knabe tatsächlich 80 Jahre alt geworden ist.
Wenn man sich die Sketche von Monty Python vergegenwärtigt,
kann man sich nicht vorstellen, dass diese anarchische Bande wahrhaftig einmal
Greise werden könnten. Tatsächlich sind bis auf Graham Chapman, der 1989 einem Krebsleiden
erlegen ist, alle Mitglieder der surrealistischen Komikercombo noch am Leben.
Schade ist nur, dass es nach dem Ende der Sketchreihe und
dann noch ziemlich erfolgreichen Filmen wie „Das Leben des Brian“ und „Die Ritter
der Kokosnuß“ in den 70er Jahren keiner der talentierten Mitglieder der Combo
geschafft hat, an den Erfolg anzuknüpfen und den unnachahmlichen anarchischen
Humor in eine große Karriere zu übertragen.
Einzig Terry Gilliam, der Amerikaner in der Gruppe, der in der Sketchreihe die Animationen und Trickfilme fabrizierte, hat später als Regisseur nicht nur kommerziell erfolgreiche, sondern auch wirklich gute und interessante Filme gedreht, wie „Brazil“ (einer meiner Lieblingsfilme), Time Bandits, Fear and Loathing in Las Vegas oder 12 Monkeys (nebenbei bemerkt sind 12 Monkeys und Fight Club die einzigen guten Filme mit Brad Pitt als Hauptdarsteller).
John Cleese hatte noch einen mäßigen Erfolg 1988 mit „Ein
Fisch namens Wanda“ ansonsten hat er leider eher in drittklassigen Produktionen
mitgespielt.
Domestiziert und für ein Massenpublikum konnte die Essenz
von Monty Python nicht funktionieren, ihre Protagonisten sind sich zum Glück
treu geblieben und haben nicht versucht, einen massenkompatiblen Abklatsch zu verbrechen.
So bleiben uns nur die herrlichen Sketche vom toten Papagei
oder das „Ministry of silly walks“.
Mein absoluter Lieblingssketch aller Zeiten stammt aus „Der Sinn des Lebens“ mit John Cleese als Kellner und Terry Jones als „Mr. Creosote“.
Ein wenig Rechtscontent: Zur Einordnung und im Vorgriff auf einen in Kürze erscheinenden Text poste ich hier einen Artikel über die französische Tradition der gezielten Tötungen, den ich bereits an anderer Stelle veröffentlicht hatte. Der Text bezieht sich auf die Präsidentschaft von François Hollande 2016 und die damalige Rechtslage.
Es war immer ein offenes Geheimnis, aber bis vor kurzem gab es keine offizielle Bestätigung. Frankreich ist neben den USA und möglicherweise Großbritannien eines der wenigen westlichen Länder, das seine Feinde – auch eigene Staatsbürger – im Ausland töten lässt.
Die Offenbarung dieser Tötungspraxis, die es in diesem Ausmaß seit dem Algerienkrieg nicht mehr gegeben hat, ist Konsequenz der massiven terroristischen Bedrohung, der sich Frankreich in der jüngsten Vergangenheit ausgesetzt sieht.
Aus juristischer Sicht ist diese Praxis aus mehreren Gründen bedenklich.
Das Verfahren der Zielauswahl und der Vollzug der Exekutionen sind in Frankreich kaum formalisiert. Zwar ist eine große Anzahl von Personen im Generalstab, im Verteidigungsausschuss und bei den Nachrichtendiensten in den Entscheidungsprozess eingebunden, dennoch unterliegt der gesamte Prozess, und bis vor kurzem überhaupt die Tatsache der Exekutionen, der Geheimhaltung („très secret défense) und ist somit einer (parlamentarischen oder institutionellen) Kontrolle weitgehend entzogen.
Es lohnt ein Vergleich mit den USA, wo die Administrationen seit Präsident George W. Bush die Liquidierung von Terroristen jedenfalls seit den Anschlägen des 11. September 2001 sehr extensiv betreiben
Der scheidende Präsident Obama hat die Drohneneinsätze weitaus häufiger angeordnet, als sein Vorgänger. Der Einsatz der Kampfdrohnen ist das Resultat der Analyse, der die Operationen der US-Armee in Afghanistan und Irak unterzogen wurden, und die man als militärische Misserfolge qualifizieren kann.
Obama hat sehr genau die Ursachen der militärischen Desaster seit 2003 analysiert und während seiner Amtszeit den Einsatz großer Truppenkontingente im Ausland kategorisch ausgeschlossen.
Die Lehre aus diesen Misserfolgen ist, im Fall militärischer Konflikte nicht mehr große Truppenkontingente einzusetzen, sondern punktuelle Einsätze mithilfe der Luftwaffe, kleinen Teams von Spezialkräften und Drohnen zu führen. Die US-Präsidenten sind sich der angespannten Sicherheitslage als auch der Erwartungen der amerikanischen Bevölkerung bewusst, dass sich massive Anschläge wie 9/11 niemals wiederholen dürfen. Umfragen zufolge unterstützen zwei Drittel der amerikanischen Bevölkerung die Tötung von Terroristen, wenn hierdurch Terroranschläge verhindert werden können.
Allerdings hat es Obama unternommen, den „gezielten Tötungen“ einen legalen Rahmen zu geben und die Prozesse transparenter zu machen. Das Drohnenprogramm, das bei seinen Ursprüngen Anfang der 1980er Jahre im Zuständigkeitsbereich der CIA lag (siehe hier den sehr interessanten Essay auf dem Lawfareblog), hat er zu großen Teilen in die Verantwortlichkeit des Pentagon überführt. Das JSOC (Joint Special Operations Command) legt dem Präsidenten eine wöchentlich aktualisierte Liste von Zielen, die unter Beteiligung des Weißen Hauses erstellt wird, vor. Die Auswahl der Ziele und die Durchführung der Luftschläge erfolgt unter Beachtung der US-Gesetze, der Vorgaben des Völkerrechts, des Kriegsrechts sowie der Charta der Vereinten Nationen
In Frankreich hingegen gibt es praktisch keine Kontrollinstanzen zwischen den Nachrichtendiensten und dem Generalstab, der die Ziele vorschlägt und dem Präsidenten, der sie bestätigt und die Angriffe befiehlt oder ablehnt, was vorkommt, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, das sich im Zielgebiet Zivilisten befinden.
Der Generalstab meidet den Begriff „Liquidierung“ genauso wie „gezielte Tötung“. Er spricht bürokratischer und abstrakter von „Neutralisierung feindlicher Ziele“ oder „strategischer Zielobjekte“. Zu den Gründen für diese Zurückhaltung weiter unten.
Der Auslandsgeheimdienst DGSE hingegen liebt es prosaischer. Dort heißen diese Einsätze – ebenfalls etwas verklausuliert – „opération homo“ („homo“ steht als Abkürzung für „homicide“).
Die Liquidierung von Terroristen erfolgt entweder durch einzelne Agenten oder kleine Teams des DGSE der Spezialabteilung „Service Action“. Der Tötungsbefehl kommt direkt vom Präsidenten in mündlicher Form, niemals schriftlich. Diese Einsätze sind, da sie sehr riskant sind und sich die Agenten überdies der strafrechtlichen Verfolgung durch die Staaten, in denen die Liquidierung stattfindet, aussetzen, sehr selten.
In der Regel erfolgt die Tötung durch einen Angriff der französischen Luftwaffe auf ein zuvor festgelegtes Ziel, sehr viel häufiger aber durch Weitergabe von Informationen über den Aufenthaltsort der Zielpersonen an die US-Luftwaffe, die 90 % der westlichen Luftschläge in Syrien und Irak durchführt. Die amerikanischen Streitkräfte führen dann den Luftschlag entweder mit Flugzeugen oder mit Kampfdrohnen durch.
Aufgrund von Meldungen des Pentagon und Statements der Terrororganisation „Islamischer Staat“ konnte die Tötung von mindestens acht französischen Terroristen auf französische oder amerikanische Luftschläge zurückgeführt werden.
Die „gezielte“ oder „extralegale Tötung“ von Staatsbürgern wirft eine Anzahl fundamentaler juristischer Probleme und Fragestellungen auf, die hier kursorisch angerissen werden sollen.
Zum einen Probleme des nationalen und des Unionsrechts. Frankreich hat sich als Mitgliedsstaat der Europäischen Union verpflichtet, die Todesstrafe nicht mehr anzuwenden. Juristen der Präsidialadministration und des Verteidigungsministeriums argumentieren jedoch, dass die Liquidierung von Terroristen nicht als Strafe zu werten sei, sondern als präventive Maßnahme, um Terroranschläge zu verhindern. Die Tötung von Terroristen entspreche dem „finalen Rettungsschuss“, mit dem ein Scharfschütze einen Geiselnehmer oder Terroristen tötet, um das Leben von Geiseln zu retten.
Ein damit verbundenes rechtliches Problem stellt der Umstand dar, dass französische Staatsbürger, die sich als Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ anschließen, gewissermaßen einen Doppelstatus innehaben.
Sie können einerseits als feindliche Kombattanten im Sinne des Völkerrechts angesehen werden, so dass auf sie das Kriegsrecht angewandt werden kann und sie im Rahmen eines bewaffneten Konflikts getötet werden dürfen.
Andererseits sind diese Personen gleichzeitig auch französische Staatsbürger, deren Leben der Staat erhalten muss und die sich formal auch auf die Unschuldsvermutung berufen können. Die ihnen vorgeworfenen Straftaten müssen an sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren aufgeklärt und, sofern die rechtswidrige und schuldhafte Begehung von Straftaten nachgewiesen wurde, mit dem rechtsstaatlichen Instrumentarium bestraft werden. Das strafrechtliche Instrumentarium sieht jedoch in der Europäischen Union als schwerste Sanktion eine Freiheitsstrafe vor.
Die Denkschule, die fordert, dass dem Recht um jeden Preis zur Geltung verholfen werden muss und in einem rechtsförmigen Verfahren zunächst ausreichendeBeweise für die Schuld des Verdächtigen ermittelt werden und ein hinreichender Tatverdacht bestehen müssen, damit ein Haftbefehl beantragt werden kann, steht allerdings vor dem praktischen Problem, dass Ermittlungen in der Konfliktzone in Syrien und Irak nicht durchgeführt werden können und ein Haftbefehl dort nicht vollstreckt werden kann.
Die andere Fraktion argumentiert, dass Terroristen keine gewöhnlichen Kriminellen seien und der Schutz der Bevölkerung an oberster Stelle stehe. Ein DGSE-Veteran beschreibt es trocken: „Frankreich befindet sich im Krieg und muss seine Feinde töten“.
Seit den Massenmorden in Paris und Nizza schlägt in dem Widerstreit zwischen den beiden Imperativen „Schutz des Rechtsstaats“ und „Schutz der Bevölkerung“ das Pendel deutlich in Richtung des zweiten Prinzips aus.
Zu befürchten ist allerdings auf Dauer eine Erosion des Rechtsstaats.
Um diese brisanten Probleme zu umgehen und sich vor allem nicht dem Vorwurf auszusetzen, die Todesstrafe durch die Hintertür wieder einzuführen, führt der Generalstab offiziell keine gezielten Tötungen einzelner Personen durch, sondern führt nur Angriffe auf Gebäude und bauliche Anlagen wie Ausbildungslager, Kommandozentren, Waffenlager und –fabriken durch.
Die Angriffe auf Terroristen haben auch völkerrechtliche Implikationen, da Frankreich militärische Aktionen auf fremdem Staatsgebiet durchführt.
Dies kann durchaus im Einklang mit dem Recht geschehen, wenn es eine Resolution des UN-Sicherheitsrats gibt, der betroffene Staat um militärische Hilfe gebeten hat oder sich Frankreich auf Selbstverteidigung berufen kann.
Diese Punkte sind im Fall von Luftschlägen zur Bekämpfung des „Islamischen Staats“ in Syrien nicht eindeutig gegeben.
Eine UN-Resolution zur Bekämpfung des „Islamischen Staats“ kam bis jetzt nicht zu Stande.
Denkbar wäre auch die Geltendmachung des Rechts auf individuelle Selbstverteidigung nach Art. 51 UN-Charta.Dieses Recht gibt einem UN-Mitgliedsstaat die Handhabe, sich gegen den bewaffneten Angriff eines anderen Staats militärisch zu wehren. Bei der präventiven Tötung von Terroristen ist es in der Regel aber noch nicht zu einem bewaffneten Angriff gekommen. Dafür müsste Frankreich die unmittelbar bevorstehende Gefahr eines bewaffneten Angriffs geltend machen. Ein Nachweis, der nicht ohne weiteres zu führen ist. Art. 51 UN-Charta zielt seiner Konzeption nach auf bewaffnete Angriffe durch Staaten. Auch wenn die Terrororganisation „Islamischer Staat“ sich selbst gerne als Staat sehen würde und man zugestehen muss, dass er zumindest Rudimente eines Staatswesens geschaffen hat, entspricht er dennoch vermutlich nicht der Definition eines Staats im Sinne der UN-Charta.
Für Präsident Hollande, in dieser Frage durch seinen persönlichen Stabschef Benoît Puga beraten, besteht die rechtliche Basis für die Luftschläge in Syrien in dem Recht auf kollektive Selbstverteidigung, ebenfalls in Art. 51 UN-Charta geregelt. Dieses Recht ist gegeben, wenn ein UN-Mitgliedsstaat einem anderen angegriffenen Staat auf dessen Bitte hin, militärisch beisteht. Allerdings hat Syrien Frankreich nicht offiziell um militärische Unterstützung zur Terrorbekämpfung gebeten. Nur Russland kann sich bei seiner Intervention in Syrien auf diesen Rechtfertigungsgrund stützen.
Der Irak hat jedoch Frankreich um Beistand bei der Bekämpfung des „Islamischen Staats“ gebeten. Da die Terrororganisation auf den Gebieten dieser beiden Staaten aktiv ist, hält es Frankreich für erlaubt, auch in Syrien militärische Aktionen durchführen zu dürfen. Offiziell bestehen schwere Spannungen zwischen Frankreich und Syrien über die Frage des dort geführten Konflikts, es gab aber keine offiziellen syrischen Proteste gegen die französischen Luftschläge. All dies spielt sich in von außen undurchschaubaren diplomatischen Labyrinthen ab.
Rein objektiv agiert Frankreich – zumindest in Syrien – in einer rechtlichen Grauzone.
Mit all diesen aufgeworfenen Fragen wird sich auch Deutschland in naher Zukunft befassen müssen.
Interessant wäre allerdings zu wissen, ob der BND ebenfalls Informationen an die Amerikaner gibt, um Dschihadisten wie Denis Cuspert zu töten. Dieser war schon mehrfach Ziel von Luftschlägen, die nicht von deutschen Flugzeugen durchgeführt wurden. Über Drohnen verfügt die Bundeswehr ohnehin nicht. Es wäre sicherlich interessant zu wissen, wer den Flugzeug- und Drohnenpiloten seinen Aufenthaltsort mitgeteilt hat.
Abschließend eine interessante Dokumentation über den französischen Beitrag im Kampf gegen den IS.
Jacques Tardi ist ein über Frankreichs Grenzen hinaus bekannter und vollendeter Künstler mit einem eigenen, unverwechselbaren Stil, der sich nicht nur als Comiczeichner und Illustrator einen Namen gemacht hat, sondern vor allem als Schöpfer von Graphic Novels. Er hat mehrere von Léo Malets Romanen in stimmungsvolle schwarz-weiß-Bilder übersetzt und seinem Privatdetektiv Nestor Burma eine Gestalt gegeben.
Mein Lieblingsband ist „120, rue de la gare“, das ich vor
fast mehr als einem Vierteljahrhundert aus dem Urlaub mit nach Hause brachte. Ich
schmökere noch heute gerne in diesem Band.
Mir gefällt die „Noir-Atmosphäre“ und die Geschichte um die
Jagd nach der Beute eines untergetauchten Gangsters im besetzten Frankreich
während des Zweiten Weltkriegs ist dank der Vorlage spannend und gut aufgebaut.
Der 1988 erschienenen Adaption ist das Schwarzweißfoto eines
Mannes vorangestellt, der verdrossen in die Kamera blickt und eine kleine
Schiefertafel mit einer Nummer hält. Seine Häftlingsnummer.
Der kurzen Widmung vor dem Beginn „À mon père“ habe ich bis
dato nie eine Bedeutung beigemessen, weil ich sie mit keinem Anknüpfungspunkt
in der Geschichte verbinden konnte.
Erst spät im Leben hat sich Tardi, der dieses Jahr 73 Jahre
alt wurde, einer schmerzhaften Episode seiner Familiengeschichte gewidmet.
Sie ist gleichzeitig ein dunkler Fleck in der Geschichte
Frankreichs, der an die zwei Millionen junger Männer betraf: die schmählich
Besiegten des Zweiten Weltkriegs, die in deutsche Kriegsgefangenschaft
verschleppt wurden und die in der französischen Nachkriegsgesellschaft als
schmachvolle Versager und Besiegte verachtet wurden und niemals ein Anrecht auf
Anerkennung ihrer Leiden bekommen haben.
Das Leid der Kriegsgefangenen wurde nach der Befreiung überlagert
von den immer neuen Aufdeckungen der Naziverbrechen, der Rückkehr der Deportierten
aus den KZs und vor allem von der sehr bald einsetzenden Realitätsverfälschung
von einer weitreichenden Kollaboration nicht unerheblicher Teile der
politischen Klasse und der Bevölkerung mit dem Besatzer hin zu einem Volk
heroischer Résistance-Mitglieder und glorreicher Nazi-Besieger.
Die Verlierer und Besiegten, die kaum wenige Wochen den
Aggressoren standgehalten und dann kapituliert hatten, befleckten die
Siegerlaune.
Bis heute gab es keine öffentliche Anerkennung dieser mitten
in ihrem Elan zum Stehen gebrachten jungen Leben, dieser zerstörten
Zukunftsträume, der in Jahren nutzloser Gefangenschaft verschwendeten
Existenzen, ruiniert durch die Entfernung von den Lieben, den physischen
Leiden, den Misshandlungen und Demütigungen.
1980 hatte Tardi seinen Vater gebeten, die Geschichte seiner
Gefangenschaft für ihn aufzuschreiben. Über dieses Thema zu sprechen, gelang
ihnen nicht. Der Vater hat mehrere Schulhefte und Notizbücher mit präzisen
Erinnerungen gefüllt, die Tardi in eine Schublade gelegt und jahrzehntelang nicht
angerührt hatte.
Es hat fast vierzig Jahre gedauert, bis der richtige
Zeitpunkt in Tardis Leben gekommen war, um der Geschichte seines Vaters eine
künstlerische Ausdrucksform zu geben. Herausgekommen ist ein dreibändiges Epos.
Um die Hintergründe der Handlung verständlich zu machen, ist
die Geschichte ist in weiten Teilen in Form eines Dialogs zwischen Tardi-Vater
und seinem Sohn, dem Zeichner aufgebaut, der ihn als kleiner Junge mit kurzen
Hosen und Baskenmütze begleitet und ihm Fragen stellt.
Band 1: Die Gefangennahme und die Kriegsgefangenschaft
René Tardis Motive, im Jahr 1935 in die Armee einzutreten,
sind unklar und ambivalent. Von der Natur (oder seinen korsischen Vorfahren)
mit einem starken und unbeugsamen Charakter ausgestattet, verabscheut er
Dummheit, Beschränktheit und die in Kasernen anzutreffende Eintönigkeit.
Beunruhigende Vorahnungen gaben ihm jedoch ein, dass von
einem gewissen erfolglosen Kunstmaler, der zwei Jahre zuvor im Nachbarland die
Macht ergriffen hatte, nichts Gutes zu erwarten ist. Wie recht er hatte.
So tritt er den Panzertruppen bei und steigt langsam die
Leiter der Dienstgrade auf.
Trotz der dunklen Wolken, die sich in Europa zusammenbrauen, wägt sich der französische Generalstab in Sicherheit. Nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs hatten die französischen Strategen nämlich ein Glanzstück der Ingenieurskunst vollbracht: die Ligne Maginot.
Ein Bollwerk aus meterdickem Stahlbeton, das sich von der
Schweiz bis nach Belgien zog. Bis in die Details durchdacht, uneinnehmbar im
Stellungskrieg und von Experten und ausländischen Politikern weltweit bewundert
und bestaunt.
Der Stolz des französischen Militärs endete an der
belgischen Grenze, denn dort begannen die dichten und undurchdringlichen
Ardennen, die in der Geschichte noch jeden feindlichen Angriff im Ansatz
zunichte gemacht hatten.
Was den schlauen französischen Strategen im Generalstab
allerdings entgangen war, ist, dass der Stellungskrieg vollkommen überholt und
antiquiert war.
Die Kommandeure des erfolglosen Kunstmalers hatten nämlich eine
neue Taktik perfektioniert: den Blitzkrieg. Und als der Zeitpunkt gekommen war,
stellte sich heraus, dass die Maginot-Linie davor keinen Schutz bot, dass den
Deutschen die Neutralität Belgiens herzlich egal war und dass die Ardennen doch
nicht so undurchdringlich waren, wie sich die Fähnchenstecker das gedacht
hatten.
Bei Ausbruch des Krieges, den Tardis Vater Jahre zuvor schon
vorausgeahnt hatte, zeigte sich die totale und haarsträubende Inkompetenz der
französischen Kommandeure.
Es gab weder einen Plan oder auch nur eine Koordination, um
dem Überfall etwas entgegenzusetzen.
Die Panzer, mit denen Tardis Vater an die Front beordert wird,
sollen auf Zügen verladen werden. Am Bestimmungsort stellt sich heraus, dass es
dort es keine Entladevorrichtung oder Rampe gibt, so dass die Panzerfahrer
gezwungen sind, von den Waggons herunterzufahren, sie dabei aus dem Gleis
springen lassen und den Bahnhof stundenlang lahmlegen.
Es gibt auch keine klaren Befehle. Die einzige Order lautet:
den Feind aufspüren und vernichten.
Allein mit seinem Fahrer auf sich gestellt, versprengt, ohne
Verpflegung oder Treibstoff irrt Tardi senior durch das nordöstliche
Frankreich.
Auf der Fahrt entdeckt der Fahrer an einem Kanal zwischen den Flüssen Sambre und Oise eine getarnte Panzerabwehrkanone der Wehrmacht. Tardis Vater gibt eine Salve von fünf Schuss in kurzer Folge auf die PaK ab und zermalmt dann die noch lebende Geschützbedienung unter den Ketten seines Panzers.
Ein Erlebnis, das Tardis Vater bis an sein Lebensende nicht losgelassen hat. Wenige Stunden, bevor er sein Leben aushauchte sprach er noch von dem Ereignis am Kanal.
Irgendwann ist das Spiel aus. Die französische Armee
kapituliert und Tardis Vater wird gefangengenommen.
Ein deutscher Soldat steckt ihm eine Zigarette zu und sagt
ihm versöhnlich auf Französisch: Für dich ist der Krieg vorbei.
Tardis steht allerdings nicht der Sinn nach Versöhnung. Er
zischt dem Deutschen zwischen den Zähnen zu: Aber nicht für Dich und sehr bald
wirst du es bereuen, deinen bayerischen Misthaufen verlassen zu haben.
Tardis Vater ist von einem ohnmächtigen Zorn erfüllt: auf
die Deutschen aber auch auf die französischen Politiker, die den Sturm nicht
haben heraufziehen sehen, die unfähigen Stabsoffiziere und Kommandeure, die im
Ernstfall der Aufgabe nicht gewachsen waren, sich feige aus dem Staub gemacht und
die Männer im Feld im Stich gelassen hatten.
René Tardis eigener Vater hatte knapp zwanzig Jahre zuvor
genau dieser Gegend gegen die Deutschen gekämpft und war verwundet worden. Er und
seine Kameraden hatten vier Jahre lang durchgehalten, die jetzige Armee gerade
einmal zwei Wochen. Das war schwer zu schlucken.
Mit anderen Besiegten wird er in das Kriegsgefangenenlager
Hammerstein in Pommern, das heute Czarne heißt und in Polen liegt, verschleppt.
Alles ist dort improvisiert. Es gibt zunächst keine Baracken,
sondern nur große Zelte, in denen die Kriegsgefangenen untergebracht werden. Die
Deutschen waren von der großen Anzahl an Kriegsgefangen überfordert. Möglicherweise
hatten sie auch nicht damit gerechnet, auf ihrem Eroberungskrieg auf so wenig
Widerstand zu treffen.
Die charakteristischen, standardisierten Holzbaracken werden
nach und nach von polnischen Kriegsgefangenen errichtet. Außer Franzosen gibt
es dort noch Belgier, Polen und Russen, die von allen Kriegsgefangenen am miesesten
und menschenunwürdigsten von den deutschen Posten behandelt werden. Im Kriegsverlauf
kommen noch Engländer und Amerikaner hinzu.
Dort verbringt Tardis Vater viereinhalb Jahre: von Juni 1940
bis Januar 1945.
Tardis Bilder beschäftigen sich mit der detaillierten
Beschreibung des Lagerlebens, der endlosen, sadistischen Appelle in der Kälte
aber auch den vielen geheimen Möglichkeiten des Handelns und Schacherns. Interessant
sind die Beschreibungen, wie die Gefangenen aus Rosinen und Zucker Alkohol ansetzen
oder von Arbeitseinsätzen außerhalb des Lagers ein Radio in Einzelteile zerlegt
hereinbringen und BBC hören können.
Freilich sind die Zustände in einem Kriegsgefangenlager
nicht mit denen eines Vernichtungslager zu vergleichen, aber man bekommt eine
Ahnung davon, dass die Gefangenschaft eine physische und mentale
Gewaltanwendung ist, die einen Mann brechen oder bis ans Lebensende zeichnen
kann:
Die erzwungene Enge in der Baracke, der man nicht entfliehen
kann, der Mangel an Privatsphäre inmitten ungewaschener Männer, der Schmutz, die
Zwangsarbeit, das tägliche Bewusstsein der Beleidigung der eigenen Würde, niemals
Intimität, die Entfernung von der Familie, kein Sex, keine Möglichkeit im Leben
voranzukommen und sich etwas aufzubauen, die Ungewissheit, ob die Frau daheim
in Frankreich noch auf einen wartet und die Vorenthaltung solch banaler Privilegien,
die man erst dann zu schätzen lernt, wenn man sie nicht mehr hat, wie allein
und in Ruhe scheißen zu können. Und schließlich der niemals abwesende Tod in
Form von Hunger, Typhus oder eines reizbaren Postens mit einem lockeren Finger
am Abzug.
Die Erlösung, der jahrelang entgegengefiebert wurde, kommt in Gestalt der sich nähernden Roten Armee.
Band 2, Flucht vor der Roten Armee und Heimkehr
Was den Kriegsgefangenen dank BBC schon seit einer Weile und
in klammheimlicher Schadenfreude klar ist, scheint den deutschen Soldaten erst
langsam zu dämmern: das tausendjährige Reich hat abgewirtschaftet und „Ivan“ kommt
immer näher.
Im Januar 1945 wird der Befehl erteilt, das Lager zu räumen
und mitsamt der Kriegsgefangenen in Richtung Westen zu marschieren.
Dass die Lagermannschaft die Kriegsgefangenen mitnimmt,
geschieht nicht aus Menschlichkeit. Die Gefangenen dienen als Faustpfand, die
die SS- und Wehrmachtssoldaten als Verhandlungsmasse zu nutzen gedenken, falls sie
auf alliierte Einheiten treffen sollten.
Der Weg ist für die Kriegsgefangenen beschwerlich, die mit
ihrer elenden Kleidung und schlechten Schuhe durch Schnee und Matsch
marschieren müssen.
Die Posten scheinen keine Ahnung zu haben, was das Ziel
ihres Marsches sein soll. Die Front ist zusammengebrochen. Nirgends scheint es
Sicherheit zu geben. Es gibt nur eine Richtung: nach Westen, weg von den Russen.
Mit den Wochen und Monaten lockern sich die Sitten, die
Kriegsgefangenen verlieren ihre Scheu und die Franzosen beginnen die Posten zu verspotten,
indem sie ihnen ihr Schicksal in Sibirien vor Augen halten.
Der Weg führt weiter durch das zerstörte und zerbombte
Deutschland. Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, sich der starrsinnigen
Posten, die immer noch nicht aufgeben wollen und in ihrer Brutalität nicht nachlassen,
zu entledigen.
Die Kriegsgefangenen hängen fünf der brutalsten Posten an
einem Baum und einem Telefonmast auf. Die Reste der Lagermannschaft zieht es
vor, zu verschwinden.
Im Gefolge der Amerikaner gelangt Tardis Vater endlich
wieder nach Hause, wo seine Frau auf ihn gewartet hatte.
Band 3, Nachkriegszeit und Rückkehr nach Deutschland
Im dritten Bad entfernt sich Tardi leider immer weiter von der Geschichte seines Vaters. Die historischen Einordnungen nehmen immer mehr Raum ein wie auch die persönlichen Erinnerungen des Zeichners Tardi, der 1946 zur Welt kam.
Obwohl Tardis Vater von der Armee die Schnauze voll hatte,
verpflichtet er sich nach dem Krieg noch weitere Jahre, um seine Familie
ernähren zu können.
Er kehrt mit den französischen Besatzungstruppen
ausgerechnet nach Deutschland zurück. Erst nach Bad Ems nahe Koblenz und später
nach Fritzlar in der Nähe von Kassel.
Es muss eine psychologisch verzwickte und im Prinzip auch
absurde Situation gewesen sein, dass Tardi senior, der Besiegte nun als
vermeintlich triumphierender zu anderen Besiegten nach Deutschland zurückkehrt.
Kompliziert muss es für ihn auch gewesen sein, ein stabiles
und friedliches Familienleben ausgerechnet in einem Land aufbauen, das ihm fünf
Jahre seiner Jugend gestohlen hatte, mit dem er nur Leiden und Freiheitsentzug
assoziiert und jedes Recht der Welt gehabt hätte, ihm Groll und Hass
entgegenzubringen.
Fazit
Ein Monumentalepos, das im ersten Band sehr spannend und
packend anfängt, im zweiten Band aufgrund der vielen historischen Erklärungen
etwas nachlässt und im dritten Band etwas den Faden verliert.
Dennoch honoriere ich erstens die großen Rechercheleistungen,
die Tardi auf den Spuren seines Vaters entfaltet hat, und auch die enorme Arbeit,
die es bedeutet haben muss, diese Epopöe in dem ihm eigenen detailreichen Stil
zu zeichnen.
Als großer Tardi-Fan hoffe ich, dass er hier nicht sein Schlusswerk
abgeliefert hat, und noch weitere Geschichten parat hat.
Anmerkung: alle beschriebenen Werke sind auch in deutscher
Übersetzung erhältlich.
Es gehört zum großen Glück des Lesens, unverhofft Querverbindung zu Werken anderer Autoren zu finden, die man ansonsten niemals in Zusammenhang gebracht hätte.
In der Regel ist es eine fast schon intime Erfahrung, da diese
Entdeckungen dem individuellen Geschmack und Lesepensum folgen. Und, nun ja,
die Mitteilung man habe in jenem Buch des Schriftstellers X ein Zitat oder eine
schöne Stelle gefunden, die auf Schriftsteller Y verweist, wird einem
außenstehenden Dritten höchstens zum ratlosen Augenbrauenheben animieren.
Die überraschende Entdeckung ereilte mich bei der Lektüre
des 1930 erschienenen Buchs „Gourrama“ von Friedrich Glauser. Der Schweizer ist
eingefleischten Krimifans als Verfasser der „Kommissar-Studer-Romane“ bekannt
(ich kann dazu nichts sagen, habe ich doch keinen einzigen seiner Krimis
gelesen).
Mich interessierte seine in dem autobiographischen Roman
verarbeiteten Erfahrungen in der französischen Fremdenlegion, die ich zu
Recherchezwecken las.
Glauser, dessen Jugend von Morphiumsucht und Aufenthalten in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten geprägt war, wurde von seinem verzweifelten Vater persönlich ins Rekrutierungsbüro nach Straßburg gebracht, um Prozessen, Verurteilungen und Schadensersatzforderungen zu entgehen. Damals, 1921, ein probates Mittel, um unruhige junge Männer wieder „in die Spur“ zu bringen.
Nach der Ausbildung im Sanktuarium der Legion in Sidi bel
Abbès wurde er in einen kleinen Außenposten im damaligen Protektorat
Französisch-Marokko versetzt.
Hat man gemeinhin die Vorstellung, dass in der Fremdenlegion
harter Drill und unbarmherzige Ordnung und Disziplin herrschen, so zeichnet
Glauser ein absolut anderes Bild hiervon.
Glauser schildert die Geschehnisse aus der Perspektive
seines alter ego Lös. Einem von drei
„Gebildeten“ im gottverlassenen Posten, der Gedichtfetzen von Rilke und Georg
Heym zitieren kann.
Die Ankunft der neuen Rekruten im Posten Gourrama und die Begrüßung durch den gutmütigen Kommandanten des Postens, Capitaine Chabert, der – (Zufall?) – denselben Namen trägt, wie Balzacs tragischer, unglückseliger Held, ist derart surreal und drollig, dass ich eine kleine Passage hier zitiere:
„Ich bin“, sagte der
Unscheinbare, „euer Capitaine, meine Kleinen. Seid ihr gut gereist? Ja?“
Erstaunte, fragende Blicke kreuzten sich. Wollte sich der Mann einen Spaß
erlauben? Einen solchen Ton war man in der Legion nicht gewohnt. Als alle stumm
blieben: „Ich möchte gern eine Antwort! Seid ihr gut gereist? Habt ihr eine
Klage vorzubringen? Redet nur ruhig. Oder, wenn einer von euch nicht öffentlich
reden will, so mag er sich melden und nachher zu mir ins Büro kommen. Ich bin
da, um euch zu eurem Recht zu verhelfen. Nun, nochmals, seid ihr gut gereist?“
Zögernd, im Chor, die
Antwort: „Oui, mon capitaine.“
„So ist’s recht. Ich
merke, ihr müsst euch zuerst an meine Art gewöhnen … In Algerien, denk‘ ich,
hat man euch nur angeschnauzt und sich dann nicht weiter um euch gekümmert.
Nun, hier bei mir im Posten, ist das anders. Ich fühle mich verantwortlich für
euch alle, ja für alle…“ Wieder die kreisförmige Bewegung mit den Ärmchen. „Ihr
sollt es gut haben hier. Wenn ihr euch Frankreichs Fahne verpflichtet habt, so
sollen wir, eure Vorgesetzten, als Vertreter der großen Republik, euch Dank
wissen dafür.“
Im Posten herrschen allgemeine Disziplinlosigkeit,
epidemischer Alkoholismus und weitverbreitete Homosexualität.
Die altgedienten Offiziere empfinden nichts als grenzenlose
Verachtung für die jungen, ehrgeizigen Ordnungsfanatiker, die in den Posten
versetzt werden:
In einer Ecke, auch in
der ersten Reihe, saßen, wie auf einer Insel, voneinander wie durch eine
gläserne Wand getrennt, Leutnant Mauriot und Adjutant Cattaneo. Leutnant
Mauriot, dessen glattes Bubengesicht vergebens versuchte, sich in verächtliche
Falten zu legen – zu gespannt und jung war noch seine braune Haut – und des
Adjutanten versoffenes Gesicht, das im gelben Licht grünlich leuchtete, wie das
Gesicht eines Ertrunkenen, waren trotz dem Platzmangel von einem kleinen,
leeren Raum umgeben, der unübersteigbar schien. Von Zeit zu Zeit warf Leutnant
Lartigue aus seinen Kugelaugen einen spöttischen Blick nach den beiden, und ein
andauerndes inneres Gelächter, das sich nicht entladen konnte, durchschüttelte
seinen Körper.
Schwer zu sagen, ob diese Schilderungen die den damaligen
Zustand der Fremdenlegion in ihrer Gesamtheit widerspiegeln.
Vielleicht hat das alptraumhaften Schlachthaus des Ersten
Weltkriegs einen Ekel auf Krieg und Gewalt bis hinein in die Reihen des
Militärs verursacht, und die Legionäre haben die einzigartige Gelegenheit
genutzt, die ihr Beruf ihnen verschafft, in einem abgelegenen Außenposten in
der marokkanischen Wüste, abseits des verurteilenden Blicks der Gesellschaft
und dem wachsamen Auge der Polizei homosexuelle Neigungen auszuleben, sich mit
den Huren im Feldbordell zu vergnügen oder sich kleine marokkanische
Freundinnen in den umliegenden Dörfern zu halten.
Möglicherweise ist es auch bloß die glühende afrikanische
Sonne, die jeden Anflug von Übereifer im Ansatz zunichtemacht.
Das Resultat ist jedenfalls ein kompletter Gegensatz zum
preußischen Kadavergehorsam.
Die Verbindung von „Gourrama“ zu einem anderen Roman stellt das
uralte französische Wiegenlied „Ferme tes jolis yeux“ her, das in „Gourrama“
die aufrührerischen, betrunkenen, vor Sehnsucht vergehenden Legionäre singen.
Die Melodie ist redundant und nicht unbedingt schön, aber die
Worte des Refrains sind es:
Ferme tes jolis yeux
Car les heures sont brèves
Au pays merveilleux
Au beau pays du rêve
Ferme tes jolis yeux
Car tout n’est que mensonge
Le bonheur n’est qu’un songe
Ferme tes jolis yeux
Als ich die Strophe las musste ich sofort an den Roman „Reise ans Ende der Nacht“ des heute verfemten Autors Louis-Ferdinand Céline denken, wo mir dieses Lied vor sehr langer Zeit schon begegnet war.
Vom mysteriösen Titel und dem von Tardi gestalteten Cover neugierig gemacht, hatte ich das Buch aus dem Regal meiner Mutter geklaut und mich damit wichtigtuerisch in ein sommerliches Café gesetzt. Ich erinnere mich noch, wie die Kellnerin mir zulächelte, als Sie mir meinen Milchkaffee brachte, mir Milchbubi, der einen auf großkotzigen Intellektuellen machte.
Kurz vor dem Abitur war das.
Schön gleich die ersten Seiten ziehen den Leser in das
Geschehen hinein, als der Protagonist Bardamu, mit einem befreundeten
Medizinstudenten auf der Terrasse eines Cafés sitzend, sich spontan und aus
einer Laune heraus in die Pulks junger Männer einreihte, die im August 1914
durch die Straßen von Paris paradieren und jubelnd in den Krieg zogen.
Meiner Jugend und Unerfahrenheit war es geschuldet, dass ich
es damals für eine Art Abenteuerbuch hielt. Der Einstieg fesselte mich auch
gleich und kam meinem jugendlichen Sinn für Abenteuerlust entgegen.
Céline, wie der Autor in Frankreich ohne seine Vornamen
genannt wird, hatte indes ein Werk des Zorns geschaffen. Eine wütende
Abrechnung mit der Gesellschaft, die den menschenverschlingenden, blutigen
Mahlstrom des Ersten Weltkrieg hervorgebracht und ihn hineingeworfen hatte.
Eine nihilistische und jeder Hoffnung bare Beschreibung der Ausbeutung in den
afrikanischen Kolonien und in den modernen Fabriken Amerikas.
Mit seinem Werk hat Céline gleichzeitig auch den französischen Roman und die hergebrachte Erzählform revolutioniert. Keine feinziselierten Sätze in der schwierigen französischen Grammatik mehr. Céline hatte einen neuen Sprachrhythmus geschaffen in einer knappen, lakonischen Sprache, die literarisches Hochfranzösisch mit Argot verbindet, dem gesprochenen Gossenfranzösisch der Unterschicht und Unterwelt, einem Soziolekt, der mittlerweile ausgestorben bzw. und nur in einzelnen Ausdrücken weiterlebt, die in das Alltagsfranzösisch eingegangen sind.
Céline ist der Pate der Verbitterten und Hasserfüllten. Ein
Vorläufer von Houellebecq, nur dass sein Hass nicht durch eine ironische,
zynische Distanz gemildert wird.
Sein lakonischer Schreibstil kann nicht verhehlen, wie sehr
ihn das generationenprägende Ereignis der gigantischen
Menschenverschlingungsmaschine des Ersten Weltkriegs innerlich verwundet hat.
Männer, zu hunderttausenden zerfetzt und niedergemäht wie
Fliegen. Jeder einzelne ein Wesen mit einer Seele, Wünschen und Träumen.
Männer, die in den ratten- und läuseverseuchten Gräben alles
Menschliche und jede Humanität verlieren.
Die Todesangst als ständiger Begleiter und die Panik vor der Trillerpfeife, die einen neuen Angriff einleitet.
Dieses Buch also hat eine Querverbindung zu „Gourrama“ in
Gestalt des alten Schlafliedes.
Es ist bei dieser Begebenheit, als Bardamu, zurück in
Frankreich nach seiner Epopöe durch die Kontinente mit seiner Bekanntschaft
Madelon und seinem mysteriösen Begleiter Robinson, eine Ruderpartie auf einem
Fluss in der Nähe von Toulouse unternimmt, als dieses Lied erscheint.
In einem Hausboot ist eine Sonntagsgesellschaft versammelt,
die unter Akkordeonbegleitung Lieder singt, darunter auch dieses Schlaflied.
Vielleicht ist mir diese Szene mit dem Lied auch nur deshalb
so im Gedächtnis geblieben, weil dort das einzige Zitat auftaucht, das ich mir
aus diesem Buch herausgeschrieben habe. Waren für mich die Kriegsschilderungen
des Buchs abstrakte Monstrositäten, konnte ich doch eine einzige Erfahrung
anhand der großbürgerlichen Elternhäuser der Klassenkameraden meines Gymnasiums
nachempfinden:
„Sie haben eine ganz eigene Art zu sprechen, die
vornehmen Leute, die einen einschüchtert und mich persönlich ganz einfach
beängstigt. Besonders ihre Frauen. Dabei sind es nichts weiter als verhunzte
und prätentiöse Sätze, aber poliert wie alte Möbel. Sie machen Angst, ihre
Sätze, obwohl sie nichtssagend sind. Man hat Angst, auf ihnen auszugleiten,
wenn man darauf antwortet. Und selbst wenn sie einen Kanaillenton anschlagen
beim Singen von Armenliedern, um sich zu zerstreuen, behalten sie diesen
vornehmen Akzent, der einem Mißtrauen und Ekel einflößt, ein Akzent wie mit
einer kleinen Peitsche darinnen, immer, die man stets benötigt, wenn man mit
den Lakaien spricht.“
(Übersetzung durch den Verfasser)
Das Buch selbst sagt mir heute
nicht mehr viel. Ich erinnere mich an die Düsterheit, die es verströmte und ich
kann auch heute noch nachvollziehen, warum es mich damals angezogen hat.
Das Buch liegt heute neben mir auf dem Schreibtisch in
meinem Büro. Als Erinnerung an die Zeit und die Träume meiner Jugend und als
Mahnung sie trotz allem nicht aus den Augen zu verlieren.
Die deutsche Besatzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs hat einer Vielzahl von Psychopathen und Kriminellen Macht und Einfluss verschafft, die unter normalen Umständen das randständige Schattendasein geführt hätten, das solchen Kreaturen üblicherweise vorbehalten ist.
Sinnigerweise rekrutierten sich beispielsweise die Handlanger der französischen Gestapo, der sogenannten „Carlingue“, fast ausschließlich aus der französischen Unterwelt.
Eine lose Artikelfolge wird sich mit einigen dieser
Zeitgenossen beschäftigen.
Von all den seltsamen Gestalten, die diese dunkle Epoche hervorgebracht hat, ist der Arzt Dr. Marcel Petiot mit Sicherheit eine der bizarrsten.
Doktor Marcel Petiot
Das Horrorhaus
in der Rue Le Sueur
Paris 11. März
1944. Die kurze
Straße, die in der Nähe des Arc de Triomphe gelegen und nach einem Barockmaler
benannt ist, wird seit einem Tag von einem dichten, übelriechenden, schwarzen
Rauch verpestet, der aus den Schornsteinen der Nr. 21 quillt. Einem äußerlich
verlassenen, etwas heruntergekommen wirkenden „hôtel particulier“.
Die Anwohner, des Gestanks überdrüssig, rufen die
Feuerwehr an. Sie fürchten auch einen Hausbrand, der auf die anderen Wohnhäuser
in der Straße übergreifen könnte.
Das Haus ist unbewohnt, niemand öffnet auf das
Klingeln.
Die Feuerwehrmänner brechen das Eingangstor auf und
machen sich auf Suche nach dem Brandherd. Einige Minuten später wanken sie
bleich und grünlich im Gesicht wieder auf die Straße. Einer lehnt sich an die
Hauswand und übergibt sich auf den Boden. Die Polizei erscheint und ruft aus
einem Lebensmittelgeschäft den Eigentümer des Hauses an, einen Arzt namens
Marcel Petiot.
Eine Menschenmenge hat sich nun vor dem Eingangstor
versammelt.
In die Menge drängelt sich ein Mann, der ein Fahrrad
neben sich herschiebt und von dem den Schaulustigen nur seine stechenden Augen
in Erinnerung bleiben.
Er wendet sich an einen Polizisten, der den Eingang
sichert, mit der Frage, was vorgefallen sei. Einen Haufen Leichen habe man im
Keller gefunden, lautet die Antwort. Wer der Frager sei. „Ich bin der Bruder
des Eigentümers“, antwortet der Mann mit den stechenden Augen. „Sind Sie ein
wahrer Patriot? Kann ich mich auf Sie verlassen?“, fragt er nun seinerseits,
was der Polizist stolz bejaht. „Dort unten liegen die Leichen von Verrätern und
Kollaborateuren“, zieht der mysteriöse Mann den Polizisten ins Vertrauen. „Sie
müssen Stillschweigen bewahren, bevor die „Boches“ anmarschieren“, schärft er
dem Schutzmann ein, schwingt sich auf sein Fahrrad und verschwindet.
Doktor Petiot hat wieder einmal sein manipulatives
Talent spielen lassen. Und er hatte Erfolg.
Die Kriminalpolizei in Gestalt des berühmten Kommissars
Georges Massu und seiner Gehilfen erscheint und inspiziert den Ort des
Verbrechens. Dieser liegt im Hinterhof, genauer gesagt im Heizkeller. In einer
Grube liegt eine nicht auf Anhieb bezifferbare Anzahl von zersägten Leichen in
unterschiedlichem Verwesungszustand, teilweise von einer Schicht aus
ungelöschtem Kalk bedeckt. Zersägte Körperteile liegen auf dem Boden des
Kellers und in einer Feuerungsanlage der Zentralheizung. Aus der Öffnung der
Heizungsanlage ragt ein Arm.
Der Anblick lässt allen Anwesenden das Blut in den
Adern gefrieren.
Die übrigen Räume des Hauses werden in Augenschein
genommen. Das Vorderhaus scheint seit längerer Zeit unbewohnt zu sein. Es gibt
dort kaum persönliche Gegenstände, die Möbel sehen zusammengewürfelt aus und sind
mit Laken bedeckt.
Im Hinterhaus befindet sich neben der Garage im Erdgeschoss eine Art improvisiertes Konsultationszimmer mit einem Schreibtisch und einem Arzneimittelschrank. Direkt daneben, durch einen kurzen Gang getrennt, ein merkwürdiges winziges dreieckiges Zimmer. Die Zugangstür hat an der Innenseite keine Klinke. An der gegenüberliegenden Wand befindet sich eine Türatrappe, die auf eine gemauerte Wand öffnet. Direkt neben dem Rahmen der falschen Tür ist ein Klingelknopf, der jedoch inaktiv ist. An der Wand, die zum Korridor weist, befindet sich in etwa zwei Meter Höhe ein Spion, mit dem man ins Innere des Zimmers spähen kann.
The inside of the doctors house.
Die Ermittler können sich auf all das zunächst keinen
Reim machen. Die vordringliche Aufgabe besteht darin, die Opfer zu bergen und
sie zu identifizieren. Und vor allem den Mörder zu finden, der sie getötet hat.
Doch der ist untergetaucht.
Die Anfänge
Im Nachhinein stellt sich immer die Frage, ob jemand
schon als amoralischer, perverser, sadistischer Psychopath auf die Welt kommt.
Marcel Petiot wird 1897 in Auxerre, im Département Yonne,
geboren.
Schon als Knabe ist er auffällig. Er quält Haustiere
und fällt schon in sehr jungen Jahren mit Lügen und Diebstählen auf, unter
anderem bricht er in seinem Stadtviertel alle Briefkästen auf und stiehlt die
Post. Um die Geheimnisse der Einwohner zu kennen, wie er später vor der Polizei
erklärt.
Als Heranwachsender ist düster, ungesellig und
sonderbar, aber alle Lehrer attestieren ihm eine große Intelligenz und Schläue.
Sein unverbesserlicher Hang zur Kleptomanie beschert ihm Rausschmisse von der
Schule.
Im August 1914 bricht die große Katastrophe über
Europa herein. Marcel Petiot verpflichtet sich 1916 und tritt in das 89. Infanterieregiment
in Sens ein. Er lernt den Grabenkrieg kennen und wird am Fuß verwundet.
Im Lazarett hat er sehr schnell den Ruf weg, es mit
fremdem Eigentum nicht so genau zu nehmen. Petiot hat es nicht eilig, das
Lazarett zu verlassen, auch nachdem seine Fußverletzung ausgeheilt ist. Verständlicherweise
ist es dort angenehmer, als im Schützengraben auf den Tod zu warten.
Es gelingt ihm,
bis zum Ende des Krieges einem weiteren Fronteinsatz zu entgehen. Mit Ende des
Krieges wird er als nervenkrank und damit wehruntauglich ausgemustert.
Er beginnt ein Medizinstudium, das er in auffällig
kurzer Zeit absolviert. 1921 erhält er bereits seine Approbation als Arzt und
eröffnet eine Praxis als Allgemeinmediziner im Städtchen Villeneuve-sur-Yonne.
Der französische Staat unterstützte
Wiedereingliederungsbemühungen von Veteranen, wohl auch aus schlechtem Gewissen
gegenüber den armen Frontschweinen, die vier Jahre lang im großen Schlachthaus
unmenschlich gelitten hatten, und zeigte sich bei der Anerkennung von
Leistungen eher großzügig. Auch Petiot profitiert davon, obwohl sein Gastspiel
an der Front vergleichsweise kurz war.
Dennoch verblüfft die Rekordzeit, in der er sein
Studium absolviert hat. Nicht wenige vermuteten im Nachhinein, angesichts seines
zu Betrügereien neigenden, manipulativen Charakters, dass so einiges bei seinem
Studium nicht mit rechten Dingen zuging, auch wenn man ihm Hochstapelei nicht
nachweisen konnte.
Petiot ist nicht nur Allgemeinmediziner, sondern auch
Durchgangsarzt für die Arbeiter und als solcher für großzügige
Krankschreibungen bekannt und bei der Bevölkerung geschätzt und beliebt.
Merkwürdiges Ereignis: im Jahr 1924 verschwindet seine
Haushälterin Louisette auf Nimmerwiedersehen, ohne dass ein Anlass oder Grund
hierfür erkennbar gewesen wäre.
Petiot wird 1930 zum Bürgermeister von Villeneuve
gewählt. Seinen kriminellen Hang kann er aber nicht unter Kontrolle bringen.
Sehen die Mitbürger und seine Amtskollegen zunächst über kleinen Unregelmäßikeiten
hinweg, brauen sich die Missetaten (Unterschlagungen, Veruntreuungen, illegales
Abzapfen von Elektrizität) zu einer kritischen Masse zusammen, die ihn als
Bürgermeister unmöglich machen.
Paris
1931 verschwindet er klammheimlich nach Paris und
eröffnet unter großem Pomp und unter Anpreisung dubioser Quacksalbermethoden
eine Arztpraxis in der Rue Caumartin, die er einem Arzt abkauft, der in Rente
geht.
Im Ermittlungsverfahren wird nicht ganz klar, wie er
konkret seinen Beruf ausübt. Er hat zwar Sprechstunden, aber sehr häufig ist er
nicht in seiner Praxis. Unter dem Vorwand, Hausbesuche zu absolvieren,
absentiert er sich für große Teile des Tages.
Er verbringt sehr viel Zeit in Auktionshäusern, wo er
zahlreiche Möbel und Kunstgegenstände ersteigert. Woher hat er das Geld hierfür?
Er schottet seine Aktivitäten auch gegenüber seiner
Frau ab, zumindest beschwört sie das später. Was er tagsüber so treibt, wieviel
Geld er verdient: sie hat davon keine Ahnung.
Das Mordermittlungsverfahren wird bei den
Nachforschungen zu den Opfern herausfinden, dass ein nicht unerheblicher Teil
von Petiots Patienten Rauschgiftsüchtige waren.
Kundschaft ganz nach Petiots Geschmack: lichtscheue Gestalten,
die ungern in Wartezimmern sitzen, die dringend ihren Stoff brauchen und denen
man für saftige Preise das begehrte Privatrezept für Kokain oder Morphium
ausstellt.
Hier gerät er erneut mit dem Gesetz in Konflikt und
ins Fadenkreuz der Polizei, die ihn des unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln
verdächtigt. Petiot kann jedoch Verurteilungen vorerst abwenden.
1940 bricht wieder das Unglück über Frankreich herein,
als Deutschland das Land überfällt.
Petiot wird nicht eingezogen. Er ist ja 1919 wegen
seiner kriegsbedingten Neurasthenie und Nervenkrankheit als untauglich aus der
Armee ausgeschieden.
Der Einmarsch der Wehrmacht und der schmachvolle
Zusammenbruch der französischen Armee innerhalb kürzester Zeit führen zu einem
unbeschreiblichen Chaos. Die Männer sind entweder in Gefangenschaft oder auf
der Flucht.
1941 erwirbt Petiot das Herrenhaus in der Rue Le Sueur
Nr. 21, das sich zuvor im Eigentum des Fürsten von Colloredo-Mansfeld befand.
Mit welchem Geld? Niemand weiß es.
Argentinien
Etwa zu diesem Zeitpunkt muss in ihm auch die Idee für
seinen so brillanten wie diabolischen Plan gereift sein. Es ist sogar nicht
abwegig anzunehmen, dass er das Haus erst zur Verwirklichung seines Vorhabens
erworben hat.
Er hat die neuen Gesetze der deutschen Besatzungsmacht
registriert. Er hat die Gefahr gesehen, in der insbesondere die jüdischen
Bürger schwebten, die teilweise nur wenige Jahre zuvor aus Deutschland nach
Frankreich geflohen waren.
Was liegt für einen fürsorglichen Arzt näher, als den
Bedrängten eine Fluchtroute nach Argentinien vorzuspiegeln und auch gleich noch
die Impfungen gegen die Tropenkrankheiten anzubieten? Da sie offiziell
ausgereist sind, wird ihr Verschwinden niemanden beunruhigen.
Petiots erstes Opfer – jedenfalls das erste, das die
Polizei ihm zuordnen konnte – ist ein Nachbar aus der Rue Caumartin, Joachim
Guschinow, seines Zeichens wohlhabender jüdischer Pelzhändler und Kürschner aus
Polen.
Ende 1941 wendet er sich an den guten Arzt, um ihm
seine Sorgen vor der drohenden Deportation anzuvertrauen. Seit dem Herbst 1940
muss er gezwungenermaßen ein Schild mit der Aufschrift „Entreprise juive –
Jüdisches Geschäft“ in seinem Schaufenster aufstellen. Der weiteren Entwicklung
der Ereignisse blickt er mit Sorge entgegen.
Doktor Petiot teilt seine Befürchtungen und stimmt mit
ihm überein, dass es besser sei, Frankreich zu verlassen, das für Juden immer
gefährlicher werde. Zufälligerweise stehe er aber in Verbindung mit einem
Exfiltrationsnetzwerk, das gefährdete Personen außer Landes bringe.
Für die Bescheidene Summe von 25.000 Francs könne er,
Petiot, ihm helfen mit dem Netzwerk in Kontakt zu treten und nach Argentinien
auszureisen. Der Kürschner zögert mehrere Monate, doch Petiot gaukelt ihm immer
wieder die problemlose Flucht und sein neues Leben in Buenos Aires vor.
Die Männer kommen ins Geschäft.
Petiot weist den Pelzhändler an, möglichst viele
einfach zu transportierende Wertsachen auf seine Reise mitzunehmen. Es sei
nicht einfach, in Argentinien ein neues Leben zu beginnen. Man müsse für alle
möglichen Visen und Stempel bezahlen, Beamte schmieren und auch eine anfängliche
Durststrecke überwinden. Deshalb sei eine große Summe Bargeld notwendig. Als Startkapital.
Auch solle er einige Pelzmäntel mitnehmen, damit er sein Können und seinen
Beruf in Argentinien gleich mit Anschauungsmaterial unter Beweis stellen könne.
Am 2. Januar 1942 treffen sie sich in der Nähe der
angeblich klandestinen Praxis in der Rue Le Sueur. Guschinow hat seinen
gesamten Warenbestand verkauft und 2 Millionen Francs in bar bei sich, zusammen
mit ein paar schönen Stücken aus seinem Geschäft.
Guschinow verschwindet. Doch er wird vermisst, und
zwar von seiner Ehefrau, die gemäß einer Abmachung, in Paris geblieben war und
erst nachkommen sollte, wenn ihr Mann sicher in Argentinien angekommen wäre.
Als sie nach einer Weile keine Nachricht erhält, fragt
sie bei Doktor Petiot nach. Der vertröstet sie, hält sie hin. Irgendwann zeigt
er ihr Briefe ihres Mannes aus Argentinien. Frau Guschinow ist durcheinander.
Die Schrift ähnelt der ihres Mannes, aber sehr krakelig und fahrig, so als habe
er unter Zwang oder dem Einfluss einer Droge geschrieben, beschreibt sie es
später vor Gericht. War es eigentlich wirklich seine Schrift? Sie lehnt Petiots
Angebot ab, sie ebenfalls außer Landes zu bringen. Und das Verschwinden ihres
Mannes kann sie aus begreiflichen Gründen nicht der Polizei melden. Petiot kann
weitermachen.
Weitere Opfer
Zu Beginn des Jahres 1942 hat Petiot einigen Ungemach
mit seinen rauschgiftsüchtigen Kunden.
Petiot ist wieder in das Fadenkreuz der Polizei geraten,
weil er einer gewissen Jeannette Gaul, die kokainsüchtig ist und vom ältesten
Gewerbe der Welt lebt, großzügig Rezepte ausgestellt hat. Um ihren Konsum zu
befriedigen hat sie Petiot gebeten, auch Rezepte auf den Namen ihres Partners
Jean-Marc Bever auszustellen. Dieser wird vom Rauschgiftdezernat geschnappt und
sagt vor der Polizei aus. Eine brenzlige Situation für Petiot, der vor der
Polizei alles abstreitet. Im Mai wird er zu einer Geldstrafe von 10.000 Francs
verurteilt. Seine Kundin erhält eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Das
Urteil gegen ihren Freund, ein Jahr Gefängnis, ergeht ihn Abwesenheit.
Jean-Marc Bever ist nämlich verschwunden und taucht nie wieder auf.
Zur selben Zeit hat Petiot Probleme mit einer anderen
Kundin. Die Prostituierte Raymonde Baudet sitzt im Gefängnis La Roquette und
packt im Entzug über die zahlreichen Heroinrezepte aus. Sehr ungünstig ist,
dass Petiot, nach Aussage der Frau, auch welche auf den Namen ihrer Mutter,
einer gewissen Marthe Khayt, für sie ausgestellt habe.
Die Mutter hatte zunächst eingewilligt vor Gericht die
Rezepte auf sich zu nehmen, um ihrer Tochter zu helfen. Petiot hatte sie schon
so weit bequatscht, dass sie sich von ihm Einstichstellen zufügen ließ, um
glaubwürdig eine Heroinsucht darstellen zu können. Sie hatte ihre Meinung
geändert und wollte nun doch nicht mehr die Komödie vor Gericht spielen. Sie
ließ das Essen auf dem Herd stehen, um einen kurzen Sprung in seine Praxis zu
machen und ihm ihre Entscheidung mitzuteilen. Sie kehrte nie zurück.
Einen Tag später fand ihr Ehemann eine Karte mit der
lapidaren Botschaft, sie sei zum Wohle ihrer Tochter in den (damals noch)
freien Teil Frankreichs im Süden gegangen. Er bekomme baldmöglich Nachricht von
ihr und solle ihr folgen.
Petiot hat erneut Glück. Er wird wieder zu einer
Geldstrafe von 10.000 Francs und einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung
verurteilt. Dem Verschwinden von Madame Khayt wird nicht weiter nachgeforscht.
In diesen unruhigen Zeiten verschwinden so viele Leute.
Auf diese Weise verschwinden insgesamt 27 Personen
unter ungeklärten Umständen: der jüdische Arzt Paul-Léon Braunberger, die
jüdischen Familien Woolf, Basch und Kneller, letztere waren nur wenige Jahre
zuvor aus Deutschland geflohen, mit ihrem achtjährigen Sohn René sowie einige
Gangster und Zuhälter samt ihrer Mätressen, denen der Boden in Paris zu heiß
wurde.
Doktor
„Eugène“
Um weitere Ausreisekandidaten zu ködern lässt er von
Handlangern verbreiten, ein Résistancenetzwerk um einen geheimnisvollen
„Docteur Eugène“ bringe fluchtwillige Personen gegen Geld außer Landes.
Dies ist der Punkt, an dem sein Unternehmen eine
abenteuerliche und surreale Wendung nimmt.
Wer nämlich auch davon Wind bekommt, ist die deutsche
Gestapo und die nimmt Anstoß daran, wenn Juden aus ihrem Machtbereich
geschleust werden. Denn den Rädchen im Getriebe der deutschen Mordmaschine, all
den großen, mittleren und kleinen Himmlers, Heydrichs und Brunners reicht es
nicht aus, dass die Juden aus Deutschland flüchten, es ist auch nicht genug,
dass sie vom europäischen Kontinent verschwinden. Nein, sie müssen
vorschriftsmäßig der deutschen Vernichtungsmaschinerie zugeführt werden.
Was sie freilich nicht ahnen, ist, dass Petiot seine
„Kunden“ keineswegs außer Landes, sondern in die Grube bringt.
Gleich zwei Dienste versuchen den mysteriösen „Docteur
Eugène“ zu identifizieren und ihm das Handwerk zu legen: die Gestapo-Kommissare
Hauptsturmführer Friedrich Berger und der geheimnisumwitterte Kommissar Robert
Jodkum.
Robert Jodkum ist es, der mit einer klassischen List
Erfolg haben wird: er schleust einen Maulwurf in das vermeintliche Netzwerk
ein. Hierzu hat er sich einen besonders perfiden Schachzug erdacht. Der
Lockvogel muss so glaubwürdig wie möglich sein, deshalb wählt er einen jüdischen
Häftling, den wohlhabenden Kaufmann Yvan Dreyfus aus, der in Compiègne auf
seinen Abtransport in die Konzentrationslager im Osten wartet. Gegen die Summe
von 3,5 Millionen Francs, die die Gestapo im abpresst, schlagen sie ihm vor, das
Netzwerk des mysteriösen „Eugène“ aufzudecken. Sollte dieser enttarnt werden, erhalte
der die Freiheit.
Dreyfus willigt ein und nimmt Kontakt mit Petiots Kundenfängern
auf. Sie führen ihn zu dem falschen Reiseunternehmer. Dreyfus, der wie seine Genossen
im Unglück zahlreiche Wertsachen mit sich führte, verschwindet.
Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände
verlieren die Gestapo-Beschatter allerdings den Doktor mit dem Spitzel aus den
Augen. Sie haben nur seine Handlager, die sie umgehend durch die Mangel drehen.
Schnell haben sie auch Petiot, der am 22. Mai 1943 von der Gestapo ins
Gefängnis von Fresnes gesteckt wird.
Mit ihren Foltermethoden versuchen die Deutschen aus
Petiot herauszuprügeln, wie groß das Netzwerk ist, wer dessen Kopf sei, wie
viele Personen außer Landes geschmuggelt worden seien.
Erstaunlich: Petiot hält unter den Folterungen tapfer
stand. Er lässt die Schläge, die Elektroschocks, das stundenlange Aufhängen an
Gliedmaßen, das simulierte Ertränken in der Badewanne und andere barbarische Methoden
stoisch über sich ergehen. Seine einzige Antwort auf die Fragen lautet: er habe
keine Ahnung, er habe die fluchtwilligen Personen an ein anders Mitglied des
Netzwerks, einen gewissen Martinetti, übergeben. Mehr wisse er nicht.
Nach einem Dreivierteljahr sehen die Gestapisten ein,
dass sie aus Petiot nichts herausbekommen werden und setzen ihn am 13. Januar
1944 auf freien Fuß.
Petiot befindet sich jetzt in einer äußerst riskanten
Situation. Er muss damit rechnen, dass die Gestapo, die unbegreiflicherweise
das Haus in der Rue Le Sueur nicht entdeckt hatte, ihn weiter im Auge behält. In
seinem geheimen Haus stapeln sich Kadaver in unterschiedlichen
Verwesungszuständen. Nicht nur ist es ein grauenhafter Anblick, er muss die
Leichen unbedingt verschwinden lassen, da es nur eine Frage der Zeit ist, bis
die Deutschen seine kleine Zweitpraxis entdecken und herausfinden, was dort wirklich
gespielt wird.
Petiot kauft große Mengen ungelöschten Kalks und
bedeckt damit die Leichen in der Grube unter dem Haus in der Rue Le Sueur. Als der
Zersetzungsprozess viel zu lange auf sich warten lässt, entschließt sich Petiot
die Leichen zu verbrennen.
Damit hatte Petiot, der sich in seinem kriminellen
Leben immer auf seine Fortune und seine Dreistigkeit verlassen hat, überreizt.
Der fette, ekelerregende schwarze Rauch hat ihn verraten und die Feuerwehrleute
zu der morbiden Nekropole im Hinterhaus geführt.
Doch einstweilen ist der verschwunden. Die Polizei hat
keine Spur von ihm.
Nur die Sensationspresse jubiliert angesichts des Ereignisses,
das noch viele Tage und Wochen ihre Seiten füllen wird. Die Journalisten überbieten
sich in „grandguignolesquen“ Bezeichnungen für den mörderischen Arzt und nennen
ihn „Docteur Satan“. Eine Zeitung stellt, mit dem Näherrücken der Befreiung schon
etwas vorwitziger, eine Verbindung zu den Verbrechen der Deutschen her: „Ein
kleines Auschwitz mitten in Paris!“
Petiot, der Résistance-Kämpfer
Seit dem Verschwinden von Petiot überschlagen sich die
Ereignisse jäh. Im Juni 1944 landen die Alliierten in der Normandie. Die Besatzer
geraten in die Defensive. General De Gaulle marschiert auf Paris. Nach schweren
und verlustreichen Gefechten gelingt es den FFI (Forces françaises de
l’intérieur) die Deutschen im August aus der Hauptstadt zu vertreiben. Paris
ist frei!
Doch wo ist Petiot abgeblieben?
Mit seinem kriminellen Verstand hat er sofort die neue
Situation erfasst und begonnen, sie für sich zu nutzen. Als erstes benötigt er dringend
eine neue Identität.
Er erhält sie, indem er unter dem Vorwand, für das Internationale
Rote Kreuz, die Freilassung eines Arztkollegen aus dem KZ Mauthausen zu organisieren,
bei dessen Familie um seine Ausweispapiere bittet. Aus Marcel Petiot ist nun
Henry Wetterwald geworden.
Unter seiner neuen Identität treibt er die Dreistigkeit auf Spitze, indem er in die Résistance und die FFI eintritt und unter seinem Kampfnamen „Capitaine Valéry“ Verräter und Kollaborateure aufspürt und enttarnt. Seine Kameraden bescheinigen ihm später ein bemerkenswertes Talent, bei Verhören Kollaborateure zu überführen.
Die Kriminalpolizei unter Georges Massu ist ihrerseits
instinktiv sicher, dass Petiot Paris nicht verlassen hat. Massu lockt ihn mit
einer List aus der Reserve, indem er einen Artikel in einer Zeitung erscheinen
lässt, in dem Petiot als Kollaborateur und „Soldat des Reichs“ verunglimpft
wird.
Er spekuliert darauf, dass der narzisstische Petiot
eine solche Beleidigung nicht auf sich sitzen lassen wird und behält recht.
Petiot reicht eine handschriftliche Gegendarstellung ein, die den Ermittlern anhand
eines Schriftgutachtens Gewissheit verschafft, dass Petiot den Brief
geschrieben hat. Da die Zeitung außerhalb von Paris kaum vertrieben wird,
wissen sie, dass Petiot in der Stadt ist.
Die Überwachung wird verschärft und am 31. Oktober 1944
wird Petiot an der Metrostation Saint-Mandé gefasst. Er hat sein Aussehen mit
einem dichten Bart verändert. Bei sich trägt er einen Revolver Kaliber 6.35,
zahlreiche verschiedene Ausweise, dazu Passierscheine und diverse
Laisser-passer und – überraschend – einen Mitgliedsausweis der Kommunistischen
Partei.
„Fly-Tox“
Wieder sitzt Petiot im Gefängnis und wird täglich dem
Ermittlungsrichter vorgeführt.
Die Leichen im Keller seines Hauses erklärt er so: alle
dort getöteten Personen seien entweder Wehrmachtssoldaten oder Kollaborateure.
Er selbst habe sie jedoch nicht getötet, sondern die Mitglieder eines Résistance-Netzwerks
mit dem Tarnnamen „Fly-Tox“ (Anm.: der Markenname eines Insektenvernichtungsmittels).
Er habe zwar ebenfalls Verräter getötet, 63 an der Zahl, aber nicht in dem Haus
in der Rue Le Sueur, sondern im Wald von Marly und dort vergraben.
In der Zwischenzeit hat die Polizei in seiner
Heimatstadt Auxerre bei einer Familie zahlreiche Koffer mit Kleidungsstücken gefunden,
die sie für die Habseligkeiten der Opfer hält.
Die Gegenstände werden öffentlich ausgestellt, doch
auch hier hat sich Petiots kriminelle Intelligenz für ihn ausgezahlt, seinen
Opfern einzuschärfen, aus Sicherheitsgründen alle Etiketten und Monogramme von
den Kleidungsstücken zu entfernen.
Doch einige Stücke werden dennoch erkannt: Léon
Braunbergers Hut, ein Kleid mit einem sehr charakteristischen Vogelmuster und
ein Kinderpyjama mit den Initialen RK. Er gehörte mutmaßlich dem achtjährigen
René Kneller.
Hiermit vom Richter konfrontiert gibt Petiot ausweichende
Antworten: die Juden, insbesondere die aus Deutschland stammenden, seien Spitzel
gewesen, mit denen die Deutschen das „Fly-Tox-Netzwerk“ unterwandern wollten,
die Zuhälter und ihre Prostituierten nichts als Abschaum. Der Welt sei mit
ihrer Auslöschung ein Gefallen getan worden.
Die Familie Kneller habe er über die Grenze in den
freien Teil Frankreichs gebracht. Petiots Insistieren darauf, macht deutlich, wie
sehr die Ermordung eines Achtjährigen Petiots Selbstbild als selbsternannten
Saubermann stört.
Wenn ihm Widersprüche vorgehalten werden, wendet Petiot
die Taktik an, mit der er sein Leben lang zuvor durchgekommen ist. Er stimmt
endlose Monologe an, die weit vom Thema wegführen und versucht dadurch
Verwirrung zu stiften.
Vor Gericht
Am 18. März 1946 beginnt der Prozess gegen den „Engel des Todes“. Ein spektakuläres Ereignis, das zum ersten Mal von Filmkameras begleitet wird.
Die Öffentlichkeit ist zahlreich vorhanden. Petiot lässt
sich vom damals berühmtesten Anwalt Frankreichs vertreten, René Floriot.
Er bleibt bei seiner Verteidigungsstrategie, dass er Résistance-Mitglied und Judenretter gewesen sei. Er habe nur Verräter und Kollaborateure getötet, aber nicht die in seinem Haus gefundenen Menschen.
Petiot vor Gericht
Als der Vorsitzende ihn um Details zu den anderen
angeblich getöteten Kollaborateuren bittet, antwortet Petiot maliziös: „Warum
sollte ich Angaben zu Taten machen, derer ich nicht angeklagt bin?“
Hatte Petiot am Anfang noch das Interesse des Publikums
und sogar ein paar Lacher auf seiner Seite, kippt die Stimmung gegen ihn im
Verlauf der Hauptverhandlung. In den Sitzungspausen verteilt er Autogramme an zahlreiche
Verehrerinnen.
Ansonsten verhält er sich erratisch. Wenn er nicht gerade Zeugen oder gegnerische Anwälte beleidigt und beschimpft, döst er in der Anklagebank oder zeichnet Karikaturen der Prozessbeteiligten.
Affaire Petiot (le docteur Marcel Petiot aurait assassine 63 personnes en 1943-1944) : le docteur Marcel Petiot (1908-1946) lors de son proces en mars 1946 Neg20568 — Trial of french serial killer Marcel Petiot (1908-1946) in march 1946
Es bleibt trotz allem noch vieles im Unklaren.
Auch in der Hauptverhandlung konnten die Anzahl und
die Identität seiner Opfer größtenteils nicht vollständig geklärt werden. Petiot
kommt zugute, dass die verwesten und verbrannten Leichen mit den damaligen
kriminologischen Methoden nicht identifiziert werden konnten. Auch weiß man
nicht, wie Petiot sie umgebracht hat.
Zu Beginn der Ermittlungen hatte man wegen des kleinen
Lochs neben der Tür zum dreieckigen Zimmer angenommen, er habe seine Opfer mit
Gas getötet, dies dann aber angesichts der breiten Spalte unterhalb der Tür,
die das Gas hätte entweichen lassen, verworfen. Die festgehaltene Hypothese war,
dass Petiot seine Opfer mit einer Giftspritze unter dem Vorwand einer Impfung
getötet hat.
Doch die weiteren Indizien wiegen schwer: die Koffer
mit den Kleidern und Habseligkeiten. Petiot war immer der letzte gewesen, mit
denen die Verschwundenen Kontakt hatten. Dass die Opfer keinen
Wehrmachtssoldaten oder Gestapo-Kollaborateure waren, zeigte sich letztlich daran,
dass die deutschen Besatzungsbehörden den Fall nach Auffinden der Leichen sofort
an die Franzosen übergaben und keine eigenen Ermittlungen anstellten.
Vor allem aber die Ermordung des kleinen René Kneller
wiegt schwer gegen Petiot.
Der letzte Tag der Verhandlung war gekommen, die
Plädoyers waren gehalten. Nach langen Beratungen der Geschworenen tritt das
Gericht wieder in den Gerichtssaal. Petiot steht aufrecht im Mantel in der
Anklagebank. Die Züge seines Gesichts sehen abgespannt aus.
Petiot wird des Mordes in 26 Fällen schuldig
gesprochen (eine Tat war ihm nicht nachzuweisen). Die Strafe ist der Tod durch
Enthauptung.
Hinrichtung
Petiot unterliegt nun einem Sonderregime in seiner
Zelle im Santé-Gefängnis. Die Klappe seiner Gefängnistür ist nun ständig offen.
Er darf so viele Zigaretten erhalten, wie er möchte. Mit dem Wachpersonal unterhält
er beste Beziehungen.
Der Tag der Vollstreckung rückt näher.
Problematisch ist, dass die Guillotine im
Santé-Gefängnis durch einen Bombenangriff beschädigt war.
Kurzzeitig hatte man erwogen, Petiot durch ein
Erschießungskommando hinrichten zu lassen, dies jedoch verworfen.
Nach den damaligen Usancen in Frankreich war das Erschießungskommando
Verrätern und Kollaborateuren vorbehalten. Gewöhnliche Verbrecher („criminels
de droit commun“), wie Petiot einer war, wurden seit jeher mit der Guillotine
hingerichtet und so sollte es auch jetzt sein.
Es wurde daher eine „Feldguillotine“ beschafft, die
zum Einsatz kam, wenn eine Hinrichtung in der Provinz stattfand.
Das Reglement will es, dass der Verurteilte nicht das
Datum seiner Hinrichtung kennt, um ihm die quälende und peinigende Erwartung
der Vollstreckung zu ersparen. Idealerweise soll der Delinquent am Tag der
Hinrichtung aus dem Schlaf geweckt und auf das Kippbrett des Schafotts gelegt werden,
noch bevor er vollständig zu Sinnen gekommen ist.
Maître Floriot, sein Anwalt, hatte jedoch dank seiner
zahlreichen Kontakte ins Gericht, das Datum erfahren. Es ist der 25. Mai 1946.
Die Ankündigung seines Anwalts scheint Petiot nicht weiter zu beeindrucken. Die
Eintragung des Wärters vermerkt am Vorabend der Hinrichtung einen tiefen, wenn
auch unruhigen Schlaf.
Am frühen Morgen des 25. Mai beginnt die Polizei um 2
Uhr morgens damit, die Straßen um das Gefängnis abzusperren.
Um 3 Uhr 30 ziehen Scharfrichter Desfourneaux und seine
Gehilfen ihre Blaumänner an, um die Guillotine zusammenzubauen. Sie müssen
leise arbeiten, um den Verurteilten und auch die anderen Gefangenen nicht zu
wecken, die ein Tohuwabohu im Gefängnis veranstalten würden.
Um 4 Uhr 10 werden die Lichter im Gefängnishof
gelöscht und der Weidenkorb neben das Kippbrett plaziert. Scharfrichter und
Gehilfen ziehen ihre Arbeitskleidung an: schwarze Anzüge und Bowlerhüte.
Um 4 Uhr 20 erscheint das Gefolge, das der Hinrichtung
beiwohnen wird: Petiots Anwalt Maître Floriot, die Präsidenten der Schutz- und der
Kriminalpolizei, ein Vertreter des Appelationsgerichts, der Staatsanwalt, der
Ermittlungsrichter, ein Rechtsmediziner, der in dem Verfahren die Opfer obduziert
hatte und ein Urkundsbeamter.
4 Uhr 25. Der Tag bricht an.
4 Uhr 28. Maître Floriot weckt seinen Mandanten
aus tiefem Schlaf, was eine unwirsche Reaktion hervorruft. Als er versteht, was
nun bevorsteht, wahrt er die Contenance und nickt den Anwesenden mit einem knappen
„Meine Herren…“ zu und kleidet sich an.
Ein anwesender Priester bietet ihm an, ihm die Beichte
abzunehmen oder eine Messe zu halten, was der Verurteilte entschieden ablehnt: „Ich
benötige Ihre Dienste nicht! Ich bin ein Ungläubiger!“
Auf dem Klapptisch schreibt er je einen Brief an seine
Frau und seinen Sohn. Dem Staatsanwalt, der etwas blass um die Nase ist, ruft
er zu: „Du hast es so gewollt!“
Der Priester bittet nochmals wenigstens seiner Frau zu
Gefallen, eine Segnung vornehmen zu dürfen, was Petiot ungeduldig über sich
ergehen lässt. „Ich will weder Rum noch Messe. Wie wäre es, wenn wir es nun
hinter uns bringen?“
Vor dem Verlassen der Zelle küsst er nach französischer
Sitte seinen Anwalt auf die Wangen und rät den anderen Anwesenden: „Meine
Herren, sehen Sie nicht hin, es wird kein schöner Anblick!“
Auf dem Gang sind die Fenster zur Hofseite mit
schwarzen Laken verhängt, um dem Delinquenten bis zum letzten Augenblick den
Anblick der „Witwe“ zu ersparen.
Um 5 Uhr zeichnet Petiot seine Gefangenakte ab. In
einem kleinen Raum werden die seit der „Terreur“ vorgeschriebenen Handgriffe
ausgeführt: das Ausrasieren des Nackens, das Abschneiden des Hemdkragens.
Der anwesende Rechtsmediziner gibt sich von Petiots vollkommener
Selbstbeherrschung beeindruckt. Seiner Erfahrung nach versuchen die meisten
Verurteilten, auf dem Gang in den Tod in ihren letzten Augenblicken Haltung und
Fassung zu bewahren, auch wenn man ihnen jedoch ihre Anspannung anmerkt. Nicht
so Petiot. Er hatte den Anschein, als wäre er vollständig gelassen und würde
sich auf den Weg zu seiner Praxis machen, um dort eine Routinekonsultation zu
dispensieren.
Seine Hand- und Fußgelenke werden zusammengebunden. Den Rum hatte Petiot abgelehnt, die letzte Zigarette nimmt er an. Seine letzten Worte sind rätselhaft: „Ich bin ein Reisender, der sein Gepäck mitnimmt.“
Um 5 Uhr 05 fällt das Fallbeil.
Unmittelbar danach wird er auf dem Friedhof von Ivry im
Feld für die Verurteilten begraben. Seine Frau durfte der Beisetzung nicht beiwohnen.
Ich bin immer erst mal skeptisch, wenn mir intellektuelle Eierköpfe irgendwas von „Skandalregisseur“ erzählen oder mir einen Schriftsteller oder Regisseur als „Provokateur“ oder „Enfant terrible“ verkaufen wollen.
In den seltensten Fällen hält dieses Etikett nämlich das, was es verspricht. Was vermeintlich als skandalträchtig und ungeheuerlich angepriesen wird, stellt sich dann als banal um nicht zu sagen belanglos heraus.
Manchmal frage ich mich, ob diese Kulturhirnis eigentlich Filme wie „Die 120 Tage von Sodom“ oder „Der Nachtportier“ gesehen haben. Diese Filme sind „krass“ und die Regisseure „kontrovers“.
Diese Gedanken hatte ich, als mir der Name Gaspar Noé mehrfach in der Radiosendung „Xinemascope“ über den Weg lief. Immer wenn ich Donnerstag abends zum Thaiboxtraining fahre, läuft zur gleichen Zeit das Kinomagazin auf Radio X.
Hier konnte das Urteil nicht vorschnell abtun, denn wenn die Moderatoren von Xinemascope Filme rezensieren, hat das meistens Hand und Fuß. Bei meinen Fahrten zum Training habe ich durch die Sendung eine Menge guter Filmtips bekommen und Perlen entdeckt, wie die absurden Filme von Giorgos Lanthimos oder die sehr interessante Sendung über die italienischen Gialli.
In Einzelfällen haben sich manche Filme, deren Besprechung sich interessant angehört hat, als vollkommene Rohrkrepierer erwiesen, wie zum Beispiel The Duke of Burgundy. Der letzte Schrottfilm. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich „Kunstscheiße“ nicht ertragen kann?
In dieser Sendung jedenfalls wurde mehrmals Gaspar Noé, Kind politischer Flüchtlinge aus Argentinien mit Philosophieabschluss, mit den außergewöhnlichsten Adjektiven erwähnt. Grund für mich, mir die Filme dieses Wunderknaben einmal anzuschauen.
In den vergangenen Monaten habe ich mir sein Opus Magnum angeschaut. Als großer Freund starker Eindrücke, schmutziger Gedanken und dreckiger Witze bin ich bei ihm wirklich gut auf meine Kosten gekommen. Seine Entwicklung verläuft zum Schluss hin leider etwas enttäuschend.
„Carne“ (1991)
In dem 40-minütigen Kurzfilm „Carne“ tastet sich Noé an die Themen heran, die die erste Hälfte seines Schaffens dominieren: Einsamkeit, Zorn, Sex, Gewalt. Von der Bildsprache her erinnert mich der Film ein wenig an „Delicatessen“ von Jean-Pierre Jeunet, der im selben Jahr gedreht wurde.
In einer nüchternen und klaren Bildsprache mit harten Schnitten erzählt Noé die Geschichte eines namenlosen Pferdemetzgers (Philippe Nahon), der eine einfache Existenz ohne Höhepunkte lebt. Er lernt eine Frau kennen, die er schwängert und die ihn nach der Geburt des Kindes sitzenlässt. Cynthia, seine Tochter, die kein Wort spricht und zurückgeblieben wirkt, ist das einzige Wesen, für das er sich verantwortlich fühlt und vielleicht sogar liebt, die er allerdings bis ins jugendliche Alter badet und wäscht. Als sie eines Tages ihre Periode bekommt, verdächtigt er einen Arbeiter, sie vergewaltigt zu haben und verletzt einen Unbeteiligten mit dem Messer schwer.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis muss er feststellen, dass in seine Pferdemetzgerei ein Halal-Schlachter eingezogen ist. Seine Tochter ist in einer Einrichtung untergebracht, wo er sie nicht besuchen darf. Er verschwindet mit der Besitzerin eines Cafés nach Nordfrankreich.
Ich habe auf Youtube nur die französische Version mit spanischen Untertiteln gefunden.
Warnung an die Zartbesaiteten: harte Szene einer Pferdeschlachtung am Anfang!
2. „Menschenfeind“ (1998)
Der Film setzt nahtlos dort an, wo „Carne“ sieben Jahre zuvor geendet hatte. Und interessanterweise sind die Schauspieler in diesem Zeitraum auf wundersame Weise nicht gealtert.
Der Pferdemetzger lebt mit der Cafébesitzerin bei deren Mutter im Norden und wird von den beiden Frauen gegängelt. Er erträgt seine Existenz nicht mehr und flüchtet zurück nach Paris, wo er versucht, wieder als Pferdemetzger Fuß zu fassen und seine Tochter aus dem Heim zu holen.
Noé verfeinert die charakteristischen Elemente seines Stils weiter: die abrupten Schnitte und die akustischen Verfremdungseffekte.
Er vertieft das zuvor entwickelte Thema, vor allem durch die Stilform langer innerer Monologe, in denen der Metzger sein verpfuschtes Leben reflektiert und sich immer mehr in einen Hass auf alles und jeden hineinsteigert.
Ich finde den deutschen Titel irreführend und ungenau, denn er suggeriert, dass der Protagonist ein mürrischer, unfreundlicher Misanthrop ist, der an seinem miesen Charakter und an sich selbst scheitert.
Der Originaltitel „Seul contre tous“ (Allein gegen alle) drückt besser den Geisteszustand eines Mannes aus, der sich aufgrund der Umstände und schlechter Entscheidungen in eine Situation hineinmanövriert hat, in der er nicht mehr viele Optionen hat.
Aus heutiger Sicht könnte man den Pferdemetzger als „Wutbürger“ avant la lettre bezeichnen. Er verkörpert ziemlich genau den deklassierten, weißen, mittelalten Mann aus der Arbeiterklasse, aus dem sich das Wählerreservoir aller Populisten unserer Tage speist.
Es ist interessant aus dem Zeitabstand von zwanzig Jahren darüber nachzudenken, dass dieser Archetyp des zornigen, weißen Mannes damals als bemitleidenswerte Witzfigur und Pechvogel galt, während er heute als Masse ein unkalkulierbarer Faktor unvorhersehbarer politischer Entwicklungen ist.
Stimmungsvoll setzt Noé sein Habitat aus miesen Hotels und heruntergekommenen Bars im Nordosten von Paris, wo die Ränder der Stadt schon in die Vorstädte übergehen, in Szene.
Mit fortschreitenden Misserfolgen steigert sich der Pferdemetzger in seinen Hass und seine Ressentiments gegen Araber, Reiche, Schwule und Frauen hinein.
Ich muss gestehen, dass mir so mancher Gedankengang auch selbst bekannt vorkommt. Jeder kennt diese Tage, wenn man schon mit Massakerlaune aufwacht und einen einfach alles ankotzt. Irgendwann kann man seine Emotionen wieder kontrollieren und wird wieder zu einem ausgeglichenen, produktiven und nützlichen Mitglied der Gesellschaft.
Doch Noé lässt seinen Protagonisten mit derselben entschlossenen und mitleidlosen Grausamkeit untergehen wie Michel Houellebecq seine Figuren.
Stellenweise musste ich auch lachen angesichts der grotesken und demütigenden Situationen, in denen Noé seine Hauptfigur immer weiter in die Scheiße tunkt.
Philippe Nahon ist die klägliche, französische Version von Travis Bickle, der sich in seinem miesen Hotelzimmer vorstellt, wie er seine Beleidiger mit seiner dreischüssigen Pistole zur Rechenschaft zieht.
Alles in allem ein guter Film: hart, zynisch, böse und ohne Happy End.
Als ich mit der Arbeit an diesem Artikel begonnen hatte, war der Film in der deutschen Fassung noch auf Youtube zu finden. Jetzt ist er weg. Vielleicht vom Channelinhaber gelöscht oder vom Rechteinhaber. Sobald er wieder verfügbar ist, verlinke ich ihn.
Hier zunächst einmal die OmspanU-Version:
3. „Sodomites“ (1998)
Ebenfalls 1998 drehte Noé noch den Kurzfilm „Sodomites“. Hauptdarsteller sind die Pornodarsteller Coralie Trinh Thi und Marc Barrow. Der alte Halunke Philippe Nahon ist natürlich auch, diesmal als Statist, mit von der Partie.
Ein Werk, das gewissermaßen den Übergang zu den kommenden Filmen weist. Ein orgiastischer Reigen mit schnellen Schnitten, der eine Analsexszene zeigt und, wenn ich es richtig verstanden habe, eine etwas eigenwillige Aufforderung zum Kondomgebrauch darstellen soll.
4. „Irréversible“ (2002)
Bei seinem zweiten Langfilm steht Noé an einem Scheideweg. Der Film weist Elemente der ersten Schaffensphase auf: die Härte und den Zynismus, vor allem dreht er verdammt stark an der Gewaltspirale.
Andererseits weist er schon auf das neue Stadium hin: die experimentelle Phase. Er verlässt die klare, nüchterne Bildsprache und die chronologische Erzählung.
Am Anfang finden wir wieder unseren guten Freund, den Pferdemetzger, der innerhalb von vier Jahren nun plötzlich doch sichtlich gealtert ist, und in einem Hotelzimmer mit einem anderen Vogel in irgendein pseudo-philosophisches Geschwafel vertieft ist.
Doch nach dieser Einleitung wird der Zuschauer in einen Strudel aus hektischen, gewalttätigen Bildern und beklemmender Musik gestürzt. Die Kamera taumelt und irrlichtert durch einen in rotes Zwielicht getauchten Schwulenclub („Le Rectum“). Zwei Männer sind mit einem gewissen Nachdruck auf der Suche nach einem „El Tenia“, dem vermutlich ziemlicher Ärger bevorsteht.
Der bewusst aggressive und gleichzeitig chaotische Einstieg irritiert zunächst, erst nach den ersten Szenen wird klar, dass der Film rückwärts erzählt wird.
Dem Zuschauer wird nach und nach klar, was geschehen ist: Alex (Monica Bellucci) ist mit ihrem Ex-Freund, dem zurückhaltenden Pierre (Albert Dupontel) und ihrem aktuellen Freund, dem extrovertierten Marcus (Vincent Cassel) zu einer Party gefahren. Die beiden Männer kommen trotz der etwas aparten Konstellation gut miteinander aus.
Auf der Party dreht Marcus immer mehr auf, und Alex, die von seinem Verhalten genervt ist, verlässt die Party, um nach Hause zu gehen.
Mit etwas Bangen wartet man dann auf die spezielle Szene, für die dieser Film mittlerweile berühmt ist, und ihm anscheinend das Prädikat „most walked-out-of movie of the year“ eingebracht hat: eine unglaublich brutale und endlos erscheinende Vergewaltigungsszene.
Insgeheim habe ich den Verdacht, dass dieser Film als „Festival-Schocker“ konzipiert wurde, also mit dem Ziel das Festivalpublikum in Cannes oder in Venedig zu schocken, „épater le bourgeois“ gewissermaßen, und nebenbei seine Tricks und Effekte vorzuführen, die der „gewöhnliche“ Zuschauer nicht registriert, aber Insider interessant finden, wie beispielsweise die Fahrt mit dem chinesischen Taxifahrer, bei der Kamera schnell vom Innenraum nach außen und umgekehrt wechselt.
Hier kommt auch schon Noés zuvor schon angedeutete Vorliebe für das Zeigen von primären männlichen Geschlechtsmerkmalen zum Vorschein. Noé selbst hat einen sekundenlangen Cameo-Auftritt als wichsender Typ im Schwulenclub „Rectum“.
Die Story ist zwar nicht wirklich komplex und elaboriert, doch ist sie rasant und actiongeladen erzählt, auch wenn der Film zwangsläufig zum Ende hin abflacht und immer ruhiger wird, da aufgrund der verkehrten Chronologie die heftigen Szenen am Anfang des Films liegen.
Noé hat es für diesen Film geschafft, hochkarätige Schauspieler zu engagieren, was dem Film definitiv nicht schadet.
Vincent Cassel kann hier sein immenses – und meiner Meinung nach unterschätztes – schauspielerisches Repertoire abrufen : vom jungen, selbstsicheren Liebhaber über den aufgedrehten Partygänger zum hasserfüllten, entfesselten Racheengel. In dem Film hat er noch die jungenhafte Statur von Vinz aus „La haine“ (1995), was mich schockierend daran erinnert, wieviel Zeit schon seit diesem Film vergangen ist.
Albert Dupontel, der in Frankreich als Komiker bekannt ist, wurde gegen den Strich besetzt, und er hat die Herausforderung mit Bravour gemeistert. Vor allem aber Monica Bellucci hat die Vergewaltigungsszene vermutlich alles an schauspielerischem Können abverlangt. Für mich große Leistungen von allen Darstellern.
Die große Frage ist natürlich: was wollte der Meister damit sagen?
Meine Deutung ist, dass jeder zum Tier werden kann, wenn man ihn dazu treibt. Denn es ist der zurückhaltende Pierre, der dem vermeintlichen Vergewaltiger mit einem Feuerlöscher den Schädel zerschmettert.
Auf Youtube ist nichts zu dem Film zu finden. Wahrscheinlich ist er für Youtube zu brutal und zu extrem.
Mir hat er jedenfalls gut gefallen.
5. „Enter the void“ (2009)
Mit „Enter the void“ lässt Noé sein Universum aus Zynismus, Härte und Misanthropie hinter sich. Der Film steht in einem kompletten Kontrast zu den vorherigen Filmen.
Die Story ist schnell erzählt: Die Waisenkinder Oscar und Linda werden nach dem Unfalltod ihrer Eltern getrennt und von unterschiedlichen Pflegeeltern aufgezogen.
Jahre später lebt Oscar in Tokio, wo er ausgiebig Drogen konsumiert und verkauft. Als er genug Geld hat, holt er seine Schwester (gespielt von Paz de la Huerta, bekannt aus der Serie „Boardwalk Empire“ mit Steve Buscemi) zu sich nach Tokio, wo sie als Stripteasetänzerin arbeitet.
Oscar wird von Polizisten der Drogenfahndung in einer Toilette erschossen. Sein Geist verlässt seinen Körper und schwebt über der Stadt.
Es ist der Film, der mich von allen am wenigsten gefesselt hat. Er ist mit mehr als zweieinhalb Stunden sehr lang und in völligem Kontrast zu den vorherigen Filmen in unglaublich langen Einstellungen gedreht.
Noé ergeht sich in opulenten, aufwendigen Kamerafahrten und ich habe auch hier den Verdacht, dass es wieder ein Film sein soll, mit dem die Kollegen der Zunft beeindruckt werden sollen.
Aber ich muss zugeben, dass der Film faszinierende, visuelle Bilderwelten auf technisch höchsten Niveau bietet, wie eine interessante Kamerafahrt durch die Schusswunde oder die Umsetzung psychedelischer Bilder, nachdem der Protagonist DMT geraucht hat. (Den Hauptdarsteller sieht man übrigens bis auf zwei kurze Sequenzen nur von hinten oder überhaupt nicht).
Etwas anstrengend sind die sich wiederholenden Übergänge mit einem Epilepsie triggerndem Flackern. Die pornographischen Szenen am Ende weisen schon auf das Thema seines nächsten Films, „Love“, hin.
Der Film ging nicht so wirklich an mich ran. Komischerweise ist dieser Film auf Youtube im Stream zu finden.
Bon visionnage!
6. „Love“ (2015)
Bei „Love“ wird einem frappierend klar, welchen Weg Noé als Regisseur seit „Carne“ im Jahr 1991 zurückgelegt hat. Er geht den Weg weiter, den er schon in „Enter the void“ eingeschlagen hat, aber er geht noch eine Umdrehung weiter: sein Film besteht zu nicht unerheblichen Anteilen aus expliziten pornographischen Szenen.
Hier bedient sich Noé wieder unbekannter Schauspieler, wobei die Hauptrolle der Electra von der als Model mit der markanten Zahnlücke bekannten Aomi Muyock gespielt wird.
Der junge Amerikaner Murphy will in Paris Film studieren und ein bedeutender Regisseur werden. In der Malerin Electra findet er seine Seelenverwandte. Gemeinsam mit ihr lebt er seine sexuellen Phantasien aus. Sie wollen sich gegenseitig Freiheiten gewähren, ihren sexuellen Horizont erweitern und ihre Grenzen austesten.
Trotz ihrer Beteuerungen, sich niemals gegenseitig einzuengen, kommt es doch immer wieder zu Streit und Eifersucht.
Sie probieren mit ihrer attraktiven Wohnungsnachbarin einen Dreier aus. Als Murphy die Nachbarin nochmals heimlich allein trifft, schwängert er sie und wird von seiner Freundin Electra verlassen.
Auch hier wird in Rückblenden erzählt, wie Murphy seinen Sohn Gaspar mit der ungeliebten Frau aufzieht, die ihrerseits genau spürt, dass sie niemals von Murphy so geliebt werden wird wie Electra.
Der Film wurde von der Kritik größtenteils vernichtet. Angefangen mit dem Vorwurf, er sei schon so größenwahnsinnig, dass er dem Kind im Film seinen Vornamen gebe über die flachen Dialoge.
Ich komme nicht zu einem derart harten Urteil, denn auf eine gewisse Weise finde ich, dass wer schon einmal schlimmen Liebeskummer hatte, die Gefühle von Murphy und Electra nachempfinden kann.
Gewiss, die Dialoge sind eher flach, aber reproduzieren sie nicht, was alle verliebten 20-jährigen einander sagen? Untermalt von sphärischer Ambientmusik von Brian Eno, den Goldberg Variationen oder kitschigen Gitarrenstücken wie „Maggot Brain“ von Funkadelic (kitschig, aber doch schön; auf jeden Fall schon lange nicht mehr gehört), schwören sie sich ihre Liebe, fragen nach dem Sinn des Lebens und versprechen sich, immer zusammenzubleiben und sich nie zu verlassen.
Die pornographischen Sexszenen verstellen den Blick auf das darunterliegende Thema: die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen und den Verlust einer Liebe, wie sie ein Mensch – wenn überhaupt – nur einmal im Leben erleben kann, und das ist unglaublich traurig und schmerzhaft anzusehen.
Vielleicht auch, dass offene Beziehungen – oder polyamore oder wie der aktuelle politisch-korrekte Terminus auch immer lautet – , nur in Ausnahmefällen funktionieren.
Murphy hat am Schluss das bekommen, was er um jeden Preis vermeiden wollte: eine spießige Beziehung in einer aufgeräumten Wohnung, und er muss Verantwortung für ein Kind übernehmen, das er mit einer Frau gezeugt hat, die er nicht liebt.
Der Film hat mich mehr berührt als „Enter the void“. Eine Frage kann ich mir allerdings nicht verkneifen zu stellen: wie waren wohl die Dreharbeiten für die Schauspieler, die an sich keine professionellen Pornodarsteller sind?
7. „Climax“ (2018)
Zum Zeitpunkt des Schreibens war „Climax“ noch nicht im Kino und auch noch nicht im Stream verfügbar. Es wird nachberichtet.
Mittlerweile habe ich nun auch „Climax“ gesehen. Gaspar Noé
schaltet im Vergleich zu den letzten Filmen mehrere Gänge zurück. Keine Pornographie
mehr, keine exzessive Gewalt.
Tjo, was soll man dazu sagen? Es wird jedenfalls nicht
besser. Die Story: eine Gruppe von Tänzern verbringt den Abend vor dem Abflug
in die USA, wo sie eine Show tanzen sollen, in einem verlassenen Schulhaus. Es
ist Winter und das Schulhaus scheint abgeschieden gelegen zu sein.
Im Verlauf des Abends sind einige Tänzer davon überzeugt,
dass die Sangria mit Drogen oder Gift versetzt wurde und die Gruppe beginnt
sich zu zerfleischen. Am Ende sind einige Mitglieder der Tanztruppe tot oder
schwer verletzt. Bis zum Schluss wird nicht klar, ob die Sangria tatsächlich
vergiftet war oder ob die Raserei nur die Konsequenz einer paranoiden
Gruppendynamik gewesen ist.
Noé beschäftigt sich in diesem Film erneut mit seinem allübergreifenden
Thema Beziehungen und menschliche Verbindungen und genauer mit der Frage nach
dem Recht zum „Besitz“ an einer Person innerhalb einer Beziehung, seien es Partner
einer Liebes- oder sexuellen Beziehung oder in der Eltern-Kind-Beziehung.
Noé garniert den Film mit seinen beliebten Aphorismen, die wie
bei Stummfilmen in Form von Parolen in den Film eingestreut sind. Der Film enthält
eine Widmung, die zu Beginn proklamiert wird: „À ceux qui nous ont faits et qui
ne sont plus“ (Denjenigen, die uns gemacht (geschaffen) haben und die nun nicht
mehr sind).
Vielleicht soll auch ein Gegensatz konstruiert werden
zwischen dem Ort, der Schule, mit seiner Symbolik von Ordnung, Disziplin und Gehorsam
und der chaotischen Gruppendynamik, die in einer urzeitlichen Orgie endet.
Ich fand diesen Film persönlich am schlechtesten: der schwachen
Story, den dürftigen Schauspielleistungen und den nervigen Dialogen konnte ich diesmal
nichts abgewinnen.
Vielleicht war aber auch die hintersinnige Intention des Films, die Verlogenheit der überspannten und über-neurotischen pseudo-progressiven Kreise zu zeigen, mit ihren Septum-Piercings, schmal-goldenen Schlaumeierbrillen und zur Schau gestellten non-binär-gender-fluiden Attitüden, die schlagartig in Gewalt umschlagen, wenn man sich nicht umfassend den absurden, ubuesken Codes und ungeschriebenen Gesetzen unterwirft.
Ich habe mich jedenfalls gelangweilt. Alle zehn Minuten habe ich auf der Zeitleiste nachgesehen, wann der Film endlich vorbei ist.
Das einzig Gute an dem Film ist der Soundtrack aus 80er und 90er Jahre House und Techno.
Das Elaborat könnt ihr hier anschauen.
Fazit:
Wenn man ein 25 Jahre umfassendes Filmwerk betrachtet, dann sieht man die Entwicklung eines Regisseurs bis heute, man erkennt seinen Stil und seine Handschrift, man setzt es zur eigenen vergangenen Zeit und seinen Erfahrungen in Relation.
Interessant ist, dass bei Gaspar Noé in fast 30 Jahren eine wirkliche Evolution in seinem Schaffen stattgefunden hat. Seine neuesten Filme haben mit denen, die er zu Beginn gedreht hat nicht mehr das geringste gemein.
Allerdings gefallen mir seine ersten Filme sowohl thematisch als auch stilistisch besser, als seine aktuellen Filme, bei denen er sich in langatmigen, bombastischen Kamerafahrten verliert. Ich habe mich aber überwiegend gut unterhalten gefühlt.
Wo kann man sie noch erfahren, diese intensiven Gefühle und starken Empfindungen? Liebe, die einer Obsession gleicht, die brennt und unerträglich schmerzt? Nicht in einer auf Selbstoptimierung ausgerichteten, abgestumpften, sicherheitsfixierten, gefühlstoten Epoche wie der unseren. Soviel ist sicher.
Kurioserweise muss man hierzu ein Buch aus dem Regal nehmen. Zum Beispiel den autobiographischen Roman „Les nuits fauves“ von Cyril Collard, der unbegreiflicherweise nicht ins Deutsche übertragen wurde.
Der namenlose Ich-Erzähler arbeitet als Kameramann und Beleuchter für Filmproduktionen und Videoclips. Wie Collard hat auch er eine vielversprechende Karriere als Ingenieur über den Haufen geworfen – Collard hatte zunächst die sehr selektiven Vorbereitungsklassen MathSup und MathSpé absolviert, die Eintrittskarten in die Elitehochschulen für Ingenieure, und, wenn man seiner Biographie Glauben schenkt, es tatsächlich auf die École Centrale geschafft, bevor er sich nur noch dem Schreiben, der Musik und dem Filmen widmete. Unter anderem als Regieassistent von Maurice Pialat.
Wie sein Schöpfer hat der Erzähler zwei Jahre zuvor erfahren, dass er HIV-positiv und mittlerweile an AIDS erkrankt ist.
Er pendelt zwischen der Niedergeschlagenheit angesichts der Unausweichlichkeit des nahenden Todes, denn die Diagnose ist damals ein sicheres Todesurteil und der Frenesie und Lebenssucht, die viele ergriff, die genau wussten, dass der Sensenmann unweigerlich kommen wird.
Er schildert, was viele Erkrankte verspüren: das Gefühl durch die Krankheit immer mehr von den anderen Menschen abgeschnitten zu sein, sich wie in einer im Schlamm versinkenden gläsernen Gruft zu befinden, isoliert von den anderen Menschen.
Trotz oder gerade deswegen sucht er Bestätigung oder vielleicht auch Erlösung in vielen One-Night-Stands und sexuellen Beziehungen.
Er ist bisexuell, aber mit einer stärkeren Neigung zu Männern und hat eine ausgeprägte Vorliebe für junge, arabische, halbkriminelle Liebhaber.
Er liebt den heterosexuellen Samy, der aber gelegentlichen schwulen Abenteuern nicht abgeneigt ist. Gleichzeitig fängt er eine Liebesbeziehung mit der minderjährigen, angehenden Schauspielerin Laura an, mit der er ungeschützten Sex hat.
Und so entwickelt sich eine leidenschaftliche und destruktive Liebe zwischen Laura und dem Erzähler, für die er der erste Mann und die erste große Liebe ist. Jener will jedoch hedonistisch leben und vor allem atemlos die ihm noch verbleibende kurze Zeitspanne auskosten. Das Wort „amour“ ist auf fast jeder Seite des Buchs zu finden, teilweise mehrmals. Wie selten man diesem Wort in Deutschland begegnet…
Zusätzlich betäubt er seine Angst vor dem Tod und seine Gier nach starken Empfindungen mit exzessivem Sex mit anonymen Männern an den Treffpunkten am Seineufer, den titelgebenden „nuits fauves“, die Raubtiernächte.
Drastisch und hart wird beschrieben wie er sich unter einer dunklen Galerie in der Nähe der Gare d’Austerlitz oder auf der Mittelinsel zwischen dem Pont de Grenelle und dem Pont de Bir Hakeim anspritzen, anpissen und anspucken lässt.
Die Handlung des Buchs ist im Zeitraum 1986/87 angelegt, worauf verschiedene zeitliche Orientierungspunkte hindeuten, wie der Tod von Jean Genet, die Fußball-WM in Mexiko, der Tod des Studenten Malik Oussekine, der im Dezember 1986 von Bereitschaftspolizisten einer Motorradeinheit in einem Hauseingang totgeprügelt wurde oder der Tod von Brion Gysin.
Die Szenerien changieren von Dreharbeiten in Florenz oder Marokko zu Segelboottouren auf Korsika mit Laura und wieder zu den Cruisingareas am Seineufer. Und über allem schwebt der Tod, der unausweichliche.
Die 80er Jahre defilieren auf den Seiten vorbei. Auf den Partys wird Koks langsam von Ecstasy abgelöst.
Der Erzähler nimmt seine Umgebung durch den Sucher einer imaginären Videokamera wahr und so gelingen ihm Skizzen und Beobachtungen aus dem Paris der 80er Jahre, die mich wahnsinnig vor Nostalgie machen.
Eingestreut in die Erzählung ist der untergegangene Sound heute fast vollständig vergessener Bands:
Die New-Wave Combo « Taxi Girl »
Oder die Rock/Raï-Band „Carte de séjour ».
Hot Pants, die erste Band von Manu Chao.
Die Punkband « Bérurier Noir », die ich als ich jünger war wegen ihrer starken, radikalen, stakkatohaft vorgetragener Texte sehr verehrte. Der Text von „Le renard“ wird im Buch zitiert.
Cyril Collard hat 1992 den Roman als Film adaptiert und selbst die Hauptrolle gespielt (deutscher Titel: Wilde Nächte). Zwar hat er die Handlung für ein breiteres Publikum geglättet, es ist aber immer noch ein heftiges Filmerlebnis.
Ich hätte den Film hier gerne verlinkt, aber er ist als Stream und auf Youtube nicht zu finden. In diesen seltsamen puritanisch/politisch-korrekten Zeiten ist auf Youtube für alles Mögliche Platz: für seichte Blockbuster oder für Amateurvideos, auf denen man von der Couch zusehen kann, wie ein Mensch zu Tode gefoltert wird. Für einen kontroversen Film ist jedoch offensichtlich dort kein Platz.
Der Film hatte war ein kommerzieller Erfolg an den Kinokassen und hat vier Césars gewonnen, den wichtigsten französischen Filmpreis. Cyril Collard hat die Preise nicht mehr entgegennehmen können, er ist drei Tage vorher, am 5. März 1993 seiner Krankheit erlegen.
Er hat etwas geschafft, wovon viele nur heimlich träumen und es dann doch nur wieder aufschieben oder nicht den Mut oder das letzte Quentchen an Konsequenz aufbringen: einen vorgegebenen Weg zu verlassen, ein Risiko zu wagen, sich auszuleben und den eigenen Neigungen zu folgen.
Statt des Films verlinke ich hier ein ziemlich interessantes Interview aus der Zeit kurz nach dem Erscheinen des Buchs, leider mit dem damals wie heute bescheuerten Thierry Ardisson.
Ursprünglich sollte dieser Text in einem Outdoormagazin erscheinen, aber die Redaktion hat zwischenzeitlich wieder das Interesse verloren. Ich hoffe, dass meine Leser Gefallen an ihm finden.
Das Konzept dieses Blogs, das ganz am Anfang einen Schwerpunkt bei Kriminalitätsthemen haben sollte, habe ich schon recht schnell nicht mehr durchgehalten, so dass es jetzt auch keinen Unterschied mehr macht, ob jetzt auch noch ein Reiseartikel erscheint.
Sollte dieser Artikel für das Outdoormagazin an sich geographische und reisepraktische Hinweise enthalten, schildere ich nun meine Eindrücke und Beobachtungen auf dem Lebanon Mountain Trail. Ich werde nicht die ganze Reise schildern, nur einzelne Aspekte, da der Text ohnehin schon in der tl;dr-Kategorie läuft.
Landung in Beirut
Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich zum letzten Mal im Libanon gewesen bin, diesem kleinen, zähen, gemarterten Land, das mich so fasziniert.
Als ich jünger war und wenig Geld hatte, konnte ich mir nur den aufgrund der niedrigeren Landegebühren billigen Nachtflug leisten. Die Lufthansamaschine landete um zwei Uhr nachts in Beirut. Ich war neugierig und aufgeregt, als ich zum ersten Mal mitten in der Nacht aus der Maschine stieg. Beirut. Stadt des Kriegs, Stadt der Gewalt. Vor meinem inneren Auge erstanden apokalyptischen Bilder: Zerschossene Häuserruinen. Entführungen. Autobomben. Kalaschnikows. Chaos und religiöser Irrsinn. Heute leiste ich mir einen angenehmen Nachmittagsflug mit Middle East Airlines. Die Maschine landet gegen16 Uhr in leichtem Nieselregen.
Der Beiruter Flughafen hat sich seit meinem letzten Aufenthalt erheblich verändert. Die Passkontrolle ist nicht mehr die schmutzige mit Zigarettenstummeln übersäte Halle, in der sich Soldaten in der schwarz-grau-weißen Camouflage-Uniform des Inlandsgeheimdienstes mit ihrer umgehängten M16 die Beine in den Bauch standen und unrasierte, übermüdete Grenzbeamte, aus deren offenen Hemdkragen die Brustbehaarung wucherte, über den Abfertigungstischen hingen.
An der Passkontrolle sind die Beamten sehr jung und auch eine Menge Frauen sind dabei. Sie demonstrieren Eifer und Fleiß. Sie tragen schmucke, gutsitzende dunkelblaue Uniformen und hantieren wichtigtuerisch mit ihrem Computer und ihren Stempeln.
Auch vor dem Flughafen hat sich einiges geändert: die chaotische Ansammlung aufdringlicher Taxifahrer ist weg. Eine kostenpflichtige Einfahrtssperre hat sie nach außen, vor das Flughafengebäude, verbannt, was die Einreise doch sehr viel angenehmer macht.
Obwohl es schon später Oktober ist und in Deutschland das Schmuddelwetter Einzug gehalten hat, ist es in Beirut schwül und drückend.
Da ich aufgrund der Ankunftszeit meines Flugzeugs den Bus von Baabda zum Ausgangspunkt der Wanderung verpasst habe, muss ich ein Taxi nehmen. Der bestellte Taxifahrer wartet in der Halle und führt mich zu einem altersschwachen Subaru.
Der Fahrer gibt Gas. Er ist Christ und will sich nicht länger in der Dahieh, der südlichen Hochburg der Schiiten, wo sich der Flughafen befindet, aufhalten, als es nötig ist.
Beirut hat sich doch sichtbar verändert. Mehr schimmernde Hochhäuser, mehr Sauberkeit. Die Stadt ist bemüht, die bis vor kurzem noch überall sichtbaren Narben des Krieges verschwinden zulassen.
Seltsamerweise sind die charakteristischen Relikte, die „Orientierungspunkte“ an der ehemaligen Grünen Linie, noch immer in dem Zustand, wie ich sie schon immer kenne.
Insbesondere das „The Egg“ bezeichnete Gebäude am südlichen Ende des Märtyrerplatzes, ein ehemaliges Kino, das mich ein wenig an die seltsamen apokalyptischen Formen von Hieronymus Bosch, wie auf dem rechten Flügel des Tryptichons „Garten der Lüste“, erinnert, ist immer noch da.
Der Verkehr am Freitagabend ist eine Katastrophe. Ein magerer junger Soldat mit schwarzem Barett und gelber Warnweste regelt den Verkehr mit weitausgreifenden, hektischen Bewegungen.
Auf der Straße uralte Daimler Kurzhauber und Dodge Lastwagen aus den 60er und 70er Jahren. Ein junger Typ hat beide Fenster seines Golfs heruntergelassen und beschallt die Straße mit Housemusik. Ein Krankenwagen bahnt sich mit heulender Sirene in Schrittgeschwindigkeit den Weg durch den Verkehr.
„Quel bordel!“ brummt der Fahrer.
Auf der Küstenstraße in Richtung Jounieh und Tripoli wird es langsam besser. Ein Gewitter geht auf den Küstenstreifen hinab. Der Fahrer fährt die Fenster hoch und wirft eine modrig riechende Klimaanlage an.
Vor dem großen Armeecheckpoint kurz vor Batroun staut sich der Verkehr wieder. Die Soldaten haben neue sandfarbene Camouflageuniformen fällt mir auf, und ein schönes Klettpatch mit dem Emblem des Zedernbaums auf der Brust.
Der Taxifahrer ist übertrieben höflich zu den Soldaten. Einen kaum zwanzigjährigen Soldaten, der im Neonlicht zwischen den rot-weiß bemalten Betonblöcke lümmelt, spricht er mit „ya Saidi“ an, einer Anrede, die an sich nur für hochstehende, respektable Herren verwendet wird. Der Soldat blickt desinteressiert und nur aus Pflichtgefühl ins Innere des Wagens und schickt uns mit einer Kopfbewegung in Fahrtrichtung weiter.
Nach Tripoli wird es dunkel und ländlich. Und schön. Wir fahren Richtung Norden durch kleine unbeleuchtete Dörfer, wir schrauben uns über Serpentinen, neben denen man in der Dunkelheit tief eingeschnittene Täler erahnt, weiter hoch in die Berge ganz in der Nähe der syrischen Grenze.
Spät abends Ankunft in El Qoubaiyat, einem kleinen Dorf in 1800 m Höhe. Die Bergführer sitzen entspannt auf der Veranda des Hauses und rauchen Wasserpfeife. Die Eigentümerin serviert mir ausgehungertem Nachzügler eine leckere Suppe und Brot mit verschiedenen Mezze. Die muslimischen Frauen tragen hier kein Kopftuch.
Ich atme die frische Luft auf der mit Matratzen ausgelegten überdachten Veranda.
Am nächsten Morgen
Das Gewitter hat die Luft gereinigt, ein angenehm mild-kühler Morgen bricht an.
Wir befinden uns so nah an der syrischen Grenze, dass auf dem Mobiltelefon das Netz von Syriatel angezeigt wird.
Die Wandertruppe ist bunt zusammengewürfelt. Etwa die Hälfte sind Libanesen der oberen Mittelschicht mit Bewusstein für Natur und Umwelt, der Rest ist die typische Travellermischpoke, die man überall auf der Welt trifft: Amerikaner, Engländer, zwei australische Mädchen. Viele kennen sich schon lange, weil sie regelmäßig den Trail gehen, sodass es bald sehr gesellig und familiär zugeht.
Wer geglaubt hat, dass die Libanesen nur mit einer ärmlichen Billigausrüstung auf die Wanderschaft gehen, sieht sich sehr schwer getäuscht. Es ist das komplette Gegenteil: alle Wanderer haben eine Hightech-Ausrüstung der bekannten Hikingmarken, wie The No*th F*ce, Fj*ll R*ven, Col***ia und wie die Marken alle heißen. Und vor allem lieben sie es, ganz wie die Deutschen, ihre Gamaschen, Rucksäcke, Funktionsjacken und Trekkinguhren mit Höhenmesser und sonstigen Funktionen vorzuführen.
Ich, der ich gerne einfach mit Sporthose und T-Shirt unterwegs bin, musste mir freundlichen Spott und Frotzeleien gefallen lassen.
Alle sind sehr gut in Form und haben kleine Schleifen in den Farben des Lebanon Mountain Trail an ihren Rucksäcken befestigt. Die Schleifen sind lila und weiß, lila soll an das Purpur erinnern. In der Antike waren die Phönizier, die in jener Epoche diesen Küstenstreifenund das Hinterland besiedelten, berühmt für die von ihnen aus den Purpurschnecken hergestellte Farbe die zum Einfärben von Königstogen benutzt wurde.
Zwei Bergführer mit Funkgeräten und GPS führen die Tour. Sie sind professionell und gut ausgebildet. Vor allem aber kennen sie ein schier unerschöpfliches Repertoire an französischen Schlagern und Gassenhauern, die nicht mal mir bekannt waren.
Entspannt aber dennoch mit gutem Tempo geht es los. Bald erreichen wir uralte Wacholderwälder. Ich lasse meine Gedanken schweifen und denke über diese wundervolle antike Landschaft nach und diese tausende Jahre alten Pfade, auf denen wir gehen, und die bereits vor unvordenklichen Zeiten Hirten, Händler und Spione beschritten haben.
Zweite Nacht
Abends erreichen wir das Dorf El Qemmamine in einer tiefen Schlucht. Bittere Armut. Die Häuser sind größtenteils noch im Stadium des Betonrohbaus und doch wohnen Großfamilien darin. Das ganze Dorf wirkt, als sei es gerade erst gestern elektrifiziert worden (aber das will bei dem defizitären Stromnetz des Libanon ohnehin nicht viel heißen). Die Kinder stehen mit offenen Mündern vor den Häusern und betrachten uns wie Marsmenschen. Wir grüßen die Kinder freundlich im Vorbeigehen: „Kif kun!“
Ich spüre ein schlechtes Gewissen bei den Libanesen in der Gruppe. Im Vergleich zu ihren Landsleuten, die kaum hundert Kilometer entfernt von ihnen leben, sind sie unermesslich reich und privilegiert. Bei solchen Gelegenheiten treffen diese Kontraste hart aufeinander.
Erklärter Zweck des Lebanon Mountain Trails ist neben der Wanderung und der Naturerfahrung, eine Verbindung zwischen den verschiedenen sozialen, ethnischen und religiösen Gemeinschaften herzustellen. Die wohlhabenden Libanesen sollen aus ihrer Beiruter Blase heraus und ihre armen Verwandten besuchen. Die Einkünfte aus den Übernachtungen sollen den von der Regierung vergessenen und im Stich gelassenen völlig verarmten Dörfern im Norden zumindest eine kleine Einnahmequelle zukommen lassen, mit denen mehrere Familien ernährt werden können.
Die erste Etappe war mit 23 Kilometern und mehreren hundert Metern Höhenunterschied schon recht happig und ich bin unwahrscheinlich müde.
Wir nächtigen in einem großen Haus auf Matratzen in mehreren Zimmern verteilt. Zuvor muss ich den anderen noch die Spielregeln eines deutschen Kartenspiels („Sechs nimmt!“) übersetzen, das sie im Haus gefunden haben. Keine Ahnung, woher sie noch diese Energie nehmen.
Auch für die Libanesen, die nicht tagtäglich um ihr Überleben kämpfen müssen, ist die Beschäftigung mit ihrem Land und der wundervollen durch Unachtsamkeit misshandelten Natur teilweise ein schmerzvoller Prozess.
Viele Libanesen, die es sich leisten konnten, sind während des Krieges geflohen und kamen erst nach Jahrzehnten zurück. Nicht wenige sind ihrer Heimat wegen negativer Empfindungen und Erinnerungen an Angst, Chaos und Flucht entfremdet. Bei manchen brechen diese verdrängten Empfindungen in der zweiten Lebenshälfte hervor, wenn sie die Landschaft und die Kultur entdecken.
Libanon. Antikes Land, mysteriöses Land. Lebensfreude und Chaos an der Oberfläche. Schmerz, Blut und böse Träume verborgen im Unbewussten.
Syr Palace Hotel
In Syr-al-Danniyeh nehmen wir Quartier in einem alten Hotel aus der Belle Époque des Libanon. Erbaut in den30er Jahren hat es wunderschöne jugendstilartige Vitrails in den Fenstern. Die Zimmer haben hohe Decken. An der breiten, großzügigen Steintreppe sind Schwarzweißfotos aufgehängt, auf denen ein glücklich lächelnder Hotelbesitzer mit ägyptischen Filmstars der 50er und 60er Jahre posiert.
Man kann sich das Hotel sehr gut als Sommerfrische für wohlhabendes Großbürgertum vorstellen, das der stickigen Hitze in Beirut entkommen will, die sonntäglichen Mittagessen mit der erweiterten Familie…
Abends sitze ich in der Lobby, um die Nachrichten zu checken, denn nur dort gibt es WLAN. Plötzlich Dunkelheit. Stromausfall. Nebliges Dämmerlicht fällt durch die große Fensterfront des Speisesaals. Die Moscheen haben anscheinend ein Notstromaggregat, denn gedämpft dringen die langgezogenen Rufe des Muezzin herein. Alles ist ruhig und gemütlich.
Fast bedaure ich es, dass nach zehn Minuten der Strom wieder da ist.
Christliches Herzland
Nach einem Aufstieg auf 2000 m erblicke ich auf einem kleinen Gipfelplateau eine Ansammlung von Gebäuden, die sich auf einer winzigen Fläche drängen. Wie ein Ausguck oder Adlerhorst steht die Behausung da.
Ein Pferd steht draußen angebunden und innen ist Aktivität zu bemerken. Die Guides, die dort eine Mittagsrast machen wollten, dachten, die Bewohner wären zu dieser Jahreszeit nicht zu Hause. Aber es ist überhaupt kein Problem. Natürlich dürfen wir dort unser Mittagessen einnehmen.
Zwei Männer mit schönen Bärten knacken Walnüsse und pulen Kerne aus Granatäpfeln. Frauen mit rabenschwarzem Haar, goldenen Ohrringen und neugierigen hellblauen Augen betrachten unser Hightech-Arsenal.
Wir bekommen starken Kaffee serviert, wie es sich gehört, denn noch immer gelten in dieser Gegend die Gesetze der Antike, von denen es im Prinzip nur zwei gibt: die Götter zu fürchten und Fremden Gastfreundschaft zu erweisen.
Fast überall werden wir auf dem Weg in den entlegenen Tälern und Schluchten von Hausbewohnern, sei es ein Mann oder eine Frau, mit einem freundlichen „Meilo! Haulo!“ zum Kaffee eingeladen, den wir gerne annehmen.
Auf dem Wege nach Ehden steigen am Nachmittag aus dem Tal die Rufe der Muezzine der Dörfer auf: fremdartig, kakophonisch, schwermütig.
Der Ehden Horch ist wunderschön. Riesige Zedern im Nebel, alles ist durch den Nebel in eine gedämpfte, mysteriöse, fast schon nordische Stille getaucht.
Am Ausgang des Waldes mit seinen alten Zedernbäumen haben wir eine unsichtbare Grenze überschritten, die der Konfessionen. Auf einer kleinen Lichtung, unscheinbar unter Bäumen auf einem kleinen Sockel, steht eine blütenweiße Marienstatue, die dem Wanderer mit mildem Gesichtsausdruck sanft die Handflächen darbietet.
Abends im Hotel das erste kalte Almaza-Bier aus der Flasche auf dieser Reise.
Das Heilige Tal
Qadisha Valley, das „Heilige Tal“, ist das Herzland der maronitischen Christen.
Heute kaum noch vorstellbar ist, dass diese Gegend bis nach Mossul im heutigen Irak früher Teil des byzantinischen Reich und damit christlich war.
Aufgrund der Bedrohung durch Mongoleneinfälle und der Eroberungszüge der islamischen Kalifen flohen die Christen aus der Gegend des heutigen Homs in dieses unzugängliche und gut zu verteidigende Tal.
Klöster hängen wie Vogelnester an den Wänden. Auf dem Weg machen wir Halt bei der Einsiedelei des kolumbianischen Eremiten Father Dario Escobar aus Medellín, einem kleinen verschmitzten Männlein in Mönchskutte. Ich frage mich, ob er mit dem Drogenboss gleichen Namens verwandt ist.
Wir nächtigen im Kloster von Qozhaya, einer großen Anlage und Wallfahrtsort der Maroniten.
Im Fels ist die uralte Kirche, in welcher ich mir die abendliche Messe mit Gesang anschaue. Junge und alte Mönche tragen ein Gebet vor, das von Gesang unterbrochen wird. Ein paar Nonnen aus einem Kloster und eine junge Frau mit dem großen Pflaster einer Nasen-OP im Gesicht und mit sehr schöner Singstimme nehmen auch teil.
Die Nonnen sehen in ihrer Nonnentracht wie eineiige Geschwister aus: feist, breite schwarze ungezupfteAugenbrauen und altmodische Brillen mit Browline-Fassung.
Für mich, wie auch für einen syrischen Kollegen aus der Wandergruppe, der die letzten Jahrzehnte in Kanada gelebt hat, und wie ich Atheist ist, ist es soziologisch und kulturell interessant.
Aber ich muss doch gestehen, dass die Szenerie in dem uralten Gewölbe, von dessen Decke orientalisch ornamentierte Eisenlampen hängen, die von Fledermäusen lautlos umflattert werden, auf mich eine eigenartige Faszination ausübt.
Für mich als Außenstehendem ist es ungewöhnlich, in einer Gegend, die ansonsten nur mit dem Islam, bärtigen Männern, Hass und Intoleranz assoziiert wird, das Vaterunser auf Arabisch zuhören. Eine weitere Begleiterin aus der Wandergruppe, eine Frau, die in eine mächtige Maronitenfamilie eingeheiratet hat, betet nach der Sitte der orientalischen Christen: aufrecht, die Hände mit den Handflächen nach oben gekehrt, links und rechts der Brust:
Abana ‘l-lazi fi‘l samawat
Li yataqadas Ismak
Der letzte Tag meiner Reise endet in einem ziemlich großen Gewitter in Bcharré, dem ich gerade noch rechtzeitig entkomme, um auf einer Kaffeeterasse dieses Wintersportorts ein kaltes Almaza zu trinken.
Dann kommt der Zeitpunkt, sich wieder den Widernissen des Alltags zu widmen.
Ab und zu kommt es nochmal vor, dass es mein Twitter- oder Facebook-feed schafft, mich, der ich musikmäßig bekanntermaßen in den 90ern hängengeblieben bin, in Entzücken zu versetzen.
Im konkreten Fall ist es der Clip des Neuzugangs beim Elektro-Label Ed Banger mit dem schönen Namen Vladimir Cauchemar. Es ist weniger dieses Stück mit der verdammten Flöte, die einem einen schlimmeren Ohrwurm beschert als „Macarena“ von Las Ketchup, sondern das Video, das an meine stets empfangsbereiten Beklopptheitsrezeptoren andockt.
Gedreht hat dieses Video die mir bis dato unbekannte Alice Kunisue und mir gefällt, dass es mit seinen peinlichen Choreographien und absurden Hintergründen und Schnitten eine komplette Diskrepanz zur sonst omnipräsenten„Coolness“ in Musikvideos bildet.
Auch wenn Ed Banger nicht unbedingt immer meinen Musikgeschmack trifft, ist das Label bei Videos immer für eine Überraschung gut. Vor zehn Jahren ungefähr hat das Video zu „Stress“ von Justice eine Kontoverse ausgelöst, weil in ihm, nun, ziemlich realistisch Aktivitäten einer gewissen Jugend in den Banlieues dargestellt wird.
Gerne mochte ich auch die aufwendig produzierten Clips desFranzosen Michel Gondry. In dem sehr schönen Clip zu „Snowbound“ von Donald Fagen (yep, die eine Hälfte von Steely Dan) merkt man schon seine Vorliebe für phantasievolle Spielzeugwelten.
Die Arbeit an dem mit Stop-Motion-Technik gedrehten Video hat mit Sicherheit mehrere Wochen in Anspruch genommen.
Eins meiner Lieblingsvideos von Michel Gondry ist „Protection“von Massive Attack, das ein wenig, so kommt es mir zumindest vor, die wehmütigeTrip-Hop-Stimmung der 90er einfängt, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
Ansonsten hat Gondry einen Großteil der Videos für Björk
gedreht. Björk ist sicherlich eine tolle und vielseitige Künstlerin, aber ich
finde ihre Musik einfach nervig, so dass ich hier von Verlinkungen absehe.
Ein anderer Videokünstler, der mir sehr gefällt, ist Chris
Cunningham, der einige von Aphex Twins Stücken in Bildsprache übersetzt hat.
Teils alptraumhaft und angsteinflößend wie beispielsweise „Cometo Daddy“ gefällt mir an der Kooperation Cunningham / Aphex Twin die Selbstironie,die Cunningham auf die Spitze treibt, in dem er kleinen Kindern Aphex Twins häßliche, bärtige Hackfresse aufsetzt. Vielleicht es aber auch weniger Selbstironie als Narzissmus.
Mein absolutes Lieblingsvideo aller Zeiten ist „Windowlicker“,das wieder meinem Sinn für Bescheuertheit und Absurdität sehr schmeichelt. Angefangenmit dem absurd langen Vorspann mit den dämlichen übertrieben karikaturhaften Gangbangern,über die faszinierenden Einstellungen und die giftigen, bizarren Farben bis hinzu Aphex Twins höhnisch grinsender Fratze auf vollbusigen Frauenkörpern.
Seit längerer Zeit also habe ich kein wirklich gut gemachtes aufregendes Video gesehen. Die jugendlich überbordende Euphorie der früheren Haudegen Anton Corbijn, Gondry, Cunningham oder Spike Jonze wurde durch eine beklagenswerte Professionalität und Seriosität abgelöst. Sie drehen jetzt Spielfilme.
Aber vielleicht zieht Alice Kunisue ja noch eine Überraschung aus dem Hut.