Linker Feminismus am Ende?

“’Maybe there is a beast…. maybe it’s only us. ‚”

William Golding – Lord of the flies

Vor kurzem wurde viel über ein Diagramm der Financial Times diskutiert, wonach in jüngster Zeit ein interessantes Phänomen in allen westlichen Gesellschaften zu beobachten sei: der sogenannte „gender ideology gap“.

In westlichen Gesellschaften, so lautet die Erkenntnis, werden junge Frauen immer progressiver und linker und junge Männer immer konservativer.

Das interessante an dieser Erkenntnis ist, dass es zum ersten Mal seit der Erforschung generationeller Ansichten eine Teilung innerhalb der Geschlechter einer gegebenen Alterskohorte gibt. Zuvor gab es Erfahrungen, die eine Generation als Ganzes gemacht und geprägt hat: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit, `68, Mauerfall usw. Dies ist, so scheint es, nicht mehr so.

Die Definitionen sind hier nicht ganz klar und vor allem werden sie häufig durch eigene Voreingenommenheit des jeweiligen Betrachters stark verzerrt, deswegen gebe ich die Charakterisierungen unter einem deutlichen „caveat“ wieder:

Als progressiv wird u.a. das Engagement für linke und woke Politik, das Eintreten für die Rechte von Minderheiten, Veganismus und eine feministische Einstellung bezeichnet.

Die Position, die als gegensätzlich hierzu, also als konservativ bezeichnet wird, ist deutlich diffuser. Hierunter fallen, das Ablehnen von Immigration, das Festhalten an hergebrachten Geschlechterrollen, Fleischkonsum und der Vorwurf sich verschiedener Vergehen schuldig zu machen, die wandelbar und nicht immer scharf definiert sind: Homophobie, Transphobie, Islamophobie, Misogynie usw. usf.

Ich halte diese Dichotomie und die Begriffe „progressiv“ und „rechts“ für falsch, weil diese Begriffe ungenau und häufig auch auf unehrliche Weise verwendet werden. In vielen Fällen halte ich persönlich das, was als links und progressiv bezeichnet wird, für zutiefst reaktionär. Hierauf werde ich noch im Verlauf dieses Textes zurückkommen.

Die These, die ich mit diesem Beitrag zu verdeutlichen versuche ist die: der Befund, dass es innerhalb der Geschlechter (und hierbei muss man zwangsläufig unterstellen, dass es zwei sind) eine Trennung weiblich: links / männlich: rechts gibt, ist nur eine Momentaufnahme. Der konservative, oder besser: anti-progressive Backlash ist in vollem Gang. Der Backlash wird maßgeblich von Frauen getragen.

Letzter Punkt meiner Vorrede ist meine politische Selbstpositionierung. Zum einen damit der Leser meinen Standpunkt besser nachvollziehen kann und zweitens, weil ich glaube, dass es sehr viele Menschen gibt, die auch so denken wie ich.

Ich stamme aus einem linken Elternhaus und bin auch durch das Umfeld meiner Eltern in einem linken Setting aufgewachsen. Meine Eltern sind das, was man ´68er nennt, weil die Revolte von 1968 und die nachfolgenden gesellschaftlichen Umwälzungen für sie das entscheidende Ereignis ihrer Jugend war und sie auf ihre Weise von den Veränderungen profitiert und sie auch größtenteils befürwortet haben.

Dabei war es nicht so, dass meine Eltern im Batikhemd und mit einem Joint zwischen den Lippen herumgelaufen sind (auch wenn mir meine Mutter mal was von LSD-Experimenten erzählt hat). Sie hatten normale bürgerliche Berufe, haben sich aber „traditionellen“ linken Werten verbunden gefühlt, die ich so skizzieren würde: eine größtmögliche individuelle und kollektive Freiheit, die auch sexuelle Befreiung einschließt und voraussetzt, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, Verbundenheit mit der Werten der Aufklärung, ein sehr großer Skeptizismus gegenüber Dogmen, insbesondere religiösen, eine Offenheit gegenüber andern und eine Einstellung, dem anderen erstmal keine bösen Absichten zu unterstellen, eine Gleichbehandlung aller Menschen gleich welchen Geschlechts oder Herkunft.

Meine Mutter hat es mir in einfachen Worten einmal so erklärt: 1968 hat die Dinge geändert durch die Idee, dass man glücklich sein kann und sollte, dass man sich frei entfalten und einen Sinn im Leben finden kann.

Trotz aller Kämpfe, die ich mit meinen Eltern ausgefochten habe, würde ich heute sagen, dass ich die beschriebenen und auch vorgelebten Werte teile und mich selbst als in diesem Sinne links bezeichnen würde.

Andererseits verlasse ich den Rahmen des traditionellen Linken, weil ich der Meinung bin, dass das Gemeinwohl nicht durch den Staat kommt, sondern der von Natur aus freie und selbstbestimmte Mensch selbst sehr genau weiß, was gut und richtig für ihn ist und sich der Leviathan auf seine absoluten Kernkompetenzen zurückziehen muss und sich ansonsten aus den Leben der Menschen herauszuhalten hat.

In diesem Sinne fühle ich mich dem argentinischen Präsidenten und „Anarcho-Kapitalisten“ Javier Milei am nächsten.

In den Jahren seit dem Mauerfall haben viele Bewegungen, Parteien und Begriffe kuriose Wandlungen vollzogen.

Ich für meinen Teil finde mich in den Parteien oder in den Institutionen, die sich selbst als links bezeichnen nicht wieder. So gut wie alles, was sie vertreten, läuft meinen Überzeugungen zuwider.

Manchmal frage ich mich: habe ich mich weiterentwickelt und linke/progressive Überzeugungen hinter mir gelassen oder sind es vielmehr die linken Bewegungen, die Entwicklungen durchgemacht haben, bei denen ich nicht mehr mitgehen kann? Wahrscheinlich ein wenig von beidem. Trotzdem denke ich, dass ich von dem Zeitpunkt, an dem ich mir eine eigene Meinung bilden konnte, grob an den oben dargelegten Überzeugungen festgehalten habe und meine Meinung nur mit fortschreitender Lebenserfahrung verfeinert aber keine grundsätzliche Abkehr vorgenommen habe.

Nun zum Eingemachten: wie komme ich zu der Aussage, dass ein anti-progressiver Backlash ansteht und dass er von Frauen getragen wird?

Von dem primitiven Debattenniveau in Deutschland genervt und angeekelt, beschäftige ich mich zurzeit sehr viel mit Frankreich.

Dort ist die Situation nicht viel anders als hier. Auch dort sind die Medien und der Mainstream linksliberal, aber ich merke dort eine Veränderung, die über kurz oder lang auch in Deutschland ankommen wird, das Konflikte kraft seiner (noch vorhandenen) Wirtschaftsmacht mit Geld noch lange Zeit abmildern kann.

In Frankreich werden Debatten traditionell auch härter und damit ehrlicher geführt.

Mehrere Beispiele einer Entwicklung, die sich aus meiner Sicht zu einer deutlichen Tendenz verfestigen:

Im Jahr 2020 kommt zu einem auch in Deutschland wahrgenommenen Vorfall, der „Affäre Mila“. Mila Orriols, ein damals 16-jähriges Mädchen, weist einen maghrebinischen Jungen zurück. Sie selbst bezeichnet sich als lesbisch. Nach der Zurückweisung wird sie von ihrem verhinderten Don Juan und seinen Freunden auf den sozialen Netzwerken in der üblichen Weise beleidigt („Schlampe, Hündin, Scheiß-Lesbe, Rassistin“ usw.). In ihrem Zorn nimmt sie ein Video auf, in dem sie folgendes von sich gibt:

« Je déteste la religion. […] Le Coran il n’y a que de la haine là-dedans, l’islam c’est de la merde. […] J’ai dit ce que j’en pensais, vous n’allez pas me le faire regretter. Il y a encore des gens qui vont s’exciter, j’en ai clairement rien à foutre, je dis ce que je veux, ce que je pense. Votre religion, c’est de la merde, votre Dieu, je lui mets un doigt dans le trou du cul. Merci, au revoir. »

Übersetzung: „Ich hasse die Religion (…) Im Koran ist nur Hass, Islam ist Scheiße (..) ich habe gesagt, was ich denke, und ihr werdet es nicht schaffen, dass ich es zurücknehme. Es werden sich Leute aufregen, ist mir komplett scheißegal, ich sage was ich will und was ich denke. Eure Religion ist Scheiße, Eurem Gott stecke ich einen Finger ins Arschloch, Danke, auf Wiedersehen“.

Was dann folgte waren keine Beleidigungen mehr, sondern konkrete Morddrohungen. Mila musste ihre Schule verlassen und lebt bis zum heutigen Tag an einem geheimen Ort unter Polizeischutz (die Erfahrungen von Charlie Hebdo, Samuel Paty und Dominique Bernard haben die Behörden dazu veranlasst, diese Drohungen ernst zu nehmen).

Der entscheidende und vor allem exemplarische Punkt ist der folgende: keine der zahlreichen, einflussreichen feministischen Organisationen kam Mila in dieser Situation zu Hilfe. Bis heute nicht. Wenn man sich orthodoxe feministische Positionen vergegenwärtigt, dann müsste die erwartete Reaktion klar sein: junge, linke, lesbische Frau mit bunten Haaren wird von einem gewaltbereiten, patriarchalischen Mob, noch dazu Anhänger einer rückständige und obskurantistische Religion misogyn beleidigt und mit dem Tod bedroht.

Zu erwarten wäre an sich das Resultat, dass die feministischen Bewegungen weibliche Solidarität zeigen und das vulnerable Opfer, das sich einem gewaltbereiten Mob gegenübersieht, schützen.

Allein: das komplette Gegenteil ist eingetreten. Linke Feministinnen stellten sich auf die Seite der Beleidiger, weil Mila angeblich „islamophob“ und „rassistisch“ sei.

Wer Mila hingegen öffentlich unterstützte und damit den angestammten Job der Linken erledigte, waren rechte oder als „rechtsextrem“ bezeichnete Politiker und Bewegungen. Eine komplette Umkehrung der klassischen Verhältnisse.

Dies ist eine der Entwicklungen, die ich meine, als ich oben schrieb, dass ich mich linken Bewegungen heute nicht mehr verbunden fühle.

Mila hat sich nach dieser Erfahrung in einem längeren persönlichen Prozess von der linken Bewegung gelöst und ist nun Mitglied im rechten feministischen Kollektiv „Collectif Némésis“. Deren Mitglieder bevorzugen allerdings den Begriff „féminisme identitaire“.

Die Mitglieder des Kollektivs bezeichnen sich als Feministinnen und vertreten auch klassische feministische Positionen, allerdings lehnen die die Dogmen und die linken Denkverbote ab. Sie sprechen klar und deutlich aus, dass es eine eindeutige Korrelation zwischen Immigration und Angriffen auf Frauen gibt.

Interessant ist, dass alle zu einer früheren Zeit links waren, aber nach negativen Erfahrungen und dem oben beschriebenen typischen Leugnen der Realitäten, nämlich dass die erdrückende Mehrheit ihrer Vergewaltiger und Belästiger auf der Straße einen arabisch-muslimischen Hintergrund haben.

Zwar werden auch Männer zu Opfern von Migrantengewalt, aber von denen ist nichts zu erwarten, denn der exemplarische Mann im Jahr 2024 sieht so aus:

Ihre Erfahrungen als linke Feministinnen, die von Migranten vergewaltigt worden sind, waren durchgängig die, dass sie von linken Feministinnen keinerlei Unterstützung erhalten haben. Teilweise wurden sie direkt zum Schweigen aufgefordert, um keinen Rassismus oder Islamophobie zu schüren.

Dies führte dazu, dass sie die traditionellen linken, antirassistischen, feministischen Bewegungen verlassen haben. Als direkt Betroffene, sprechen sie sich klar und eindeutig gegen eine weitere Einwanderung von Menschen aus afrikanischen oder islamischen Kulturen aus.

Die meisten Interviews können automatisch auf Englisch übersetzt werden, sie sind ziemlich interessant. Die automatische Übersetzung ist etwas holprig, soweit ich es gesehen habe, aber man versteht es recht gut.

Was mir auffällt: die Generation der heute um die 30-jährigen ist in so vielen Dingen verpeilt, verloren und orientierungslos. Es gibt keinen Konsens oder Vorbilder, an denen sie sich orientieren könnten. Sie sind widersprüchlichen Zwängen und Diktaten unterworfen.

In den vergangenen Jahren ist immer wieder in verschiedenen Abwandlungen dieser Satz aufgetaucht, wonach die Männer genau wie die Frauen unter dem Patriarchat leiden oder in der Variante: Das Patriarchat schadet nicht nur Frauen, sondern allen Geschlechtern – auch Männern.

Forschungen zeigen allerdings, dass gerade junge, linke Frauen von allen Bevölkerungsschichten am häufigsten unter Depressionen leiden.

Untersuchungen in Frankreich haben festgestellt, dass es in den vergangenen drei Jahren eine „brutale Steigerung“ an ärztlichen Behandlungen wegen Selbstverletzungen und stationären psychiatrischen Aufnahmen bei jungen Mädchen gab. Stationäre psychiatrische Behandlungen bei Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren sind seit 2021 um 246% (!) gestiegen.

Die Wahrheit ist: es gibt in den westlichen Demokratien schon lange kein Patriarchat mehr. Was es allerdings gibt ist ein dominanter woke-linker Zeitgeist, der junge Frauen krank, traurig und depressiv macht.

Auch das lange Interview mit der Gründerin des Kollektivs, Alice Cordier, ist sehenswert.

Wie um das oben beschriebene Reaktionsschema zu bestätigen, kam es gerade vor einigen Wochen zu einer Aktion des Kollektivs in Besançon mit interessantem Ausgang.

Zwei Mitglieder des Kollektivs, Alice Cordier und die 18-jährige Studentin Yona Faedda, hatten sich in den Karnevalsumzug eingereiht, aus dem sie vor laufenden Kameras zwei Schilder hochhielten. Auf dem einen stand: „Violeurs étrangers dehors“ (Ausländische Vergewaltiger raus) und auf dem anderen „Libérez-nous de l’immigration“ (Befreit uns von der Immigration).

Die grüne Bürgermeisterin von Besançon, Anne Vignot, erstattete daraufhin Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Beide Aktivistinnen wurden festgenommen, mehrere Stunden auf dem Polizeirevier festgehalten, verhört und der Laptop von Yona Faedda wurde beschlagnahmt. Erstaunlich, welchen Eifer der Staat an den Tag legen kann, wo er sich an anderer Stelle doch bemerkenswert viel Zeit lässt.

 Und das schlägt wiederum den Bogen nach Deutschland, wo sich grüne oder allgemein linke Politiker durch Strafanzeigen gegen Bürger hervortun, was ich als Bürger doch sehr befremdlich finde.

Unsere trampolinspringende Völkerrechtskoryphäe und Außenministerin ist ja gerade unlängst in einem Verfahren um ein albernes Plakat, das ein Landwirt an seinem Gartenzaun aufgehängt hatte, auf den Bauch gefallen. Das Ermittlungsverfahren gegen einen Twitter-User, der sie als „dümmste Außenministerin der Welt“ bezeichnet hatte, läuft noch. Ich bin gespannt und befremdet zugleich.

Sehr befremdlich finde ich in diesem Zusammenhang, dass es tatsächlich Staatsanwaltschaften gibt, die solche Verfahren nicht direkt nach Eingang einstellen. Und Richter, die Durchsuchungsbeschlüsse und Strafbefehle in solchen Fällen erlassen.

Da die zeitgenössische Linke, die Menschen mit ihren Themen und Argumenten nicht mehr erreicht und nicht überzeugen kann, hat sie sich erst aufs Moralisieren verlegt, dann auf Zwang und Repression.

Das ist für mich eine neue Lektion der vergangenen 10 Jahre ungefähr: die weltoffenen, toleranten Grünen, die aus ihrer Sicht die Demokratie zu schützen vorgeben, gerieren sich demokratie- und verfassungsfeindlich. Unter der Maske des vorgeblich Guten lauert der Tyrann.

Es gibt hier ein die abendländische Welt durchziehendes Muster (wie es in Asien aussieht, weiß ich ehrlichgesagt nicht).

Im Fall Yona Faedda ist selbst mir als Linksliberalem nicht ganz klar, wie es einen Dissens darüber geben kann, ausländische Vergewaltiger abzuschieben.

Was heute als rechtsextrem gebrandmarkt wird, nämlich ausländische Straftäter abzuschieben, war noch vor 20 bis 30 Jahren ein parteiübergreifender sozial- und christdemokratischer Konsens.

Natürlich ist es legitim, einen früheren Konsens zu hinterfragen und sich auf den Standpunkt zu stellen, dass ein bestimmter Topos, der vor 20 Jahren einen Konsens dargestellt hat, es heute nicht mehr sein muss.

Ich bin aber der Meinung, dass sich das bewährt, denn mir erschließt sich nicht der tiefere Sinn, warum man ausländische Straftäter, die unserem Gemeinwesen schaden, weiter bei uns behalten sollten.

Ich habe da auch als Linker eine eher utilitaristische Sicht auf Migration: wer als Ausländer hierherkommt, sich integriert und sich in das Gemeinwesen einbringt, ist herzlich willkommen und darf bleiben; wer das Gemeinwesen jedoch belastet, muss es wieder verlassen. Klar und einfach.

Was ich in dem Zusammenhang auch sehr interessant finde ist, dass es eine größere Anzahl von Männern gibt, die diese Art von Feminismus zu unterstützen bereit sind, und zwar weil sie das Gefühl haben, dass sich dieser Feminismus nicht gegen sie als Männer als Gesamtheit richtet, sondern differenziert.

Die identitären Feministinnen sind nicht wie die blauhaarigen Irren mit Nasenring, für sie ist nicht „jeder Mann ein potentieller Vergewaltiger“ und sie haben sich klar gemacht, dass es nicht „die“ Männer sind, mit denen sie nachts auf dem Heimweg oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln Probleme bekommen, sondern in erdrückender Mehrheit Männer aus dem arabisch-muslimischen Kulturkreis.

Umgekehrt gibt es auch Unterstützung von Némésis für männliche Mitstreiter, wie etwa für Stanislas Rigault, Kandidat für die Europawahl für die rechte Partei Reconquête!, der vor einigen Tagen in Paris von einer Gruppe von acht Personen aus dem linken Spektrum angegriffen und von einer Frau angespuckt wurde.

Die jüngere Generation der 20 bis 30-jährigen in Europa werden von den kognitiven Dissonanzen, der Realitätsverleugnung, der Lügen, der Einschüchterung, der verbalen und physischen Gewalt der Linken abgestoßen.

Der linke Feminismus hat sich in unauflösliche Widersprüche verstrickt und in geistig-ideologische Sackgassen hineinmanövriert. Feministinnen regen sich über den „male gaze“, den „gender pay gap“, oder die „mental load“ auf, verteidigen aber Kopftuch und Abaya als feministisch. In orthodoxen feministischen Kreisen gilt es als antifeministisch, Frauen zum Ablegen des Kopftuchs aufzufordern.

Ebenso ist es bei der überwältigenden Mehrheit der Feministinnen ein No-go Transfrauen als Männer zu bezeichnen oder überhaupt zu postulieren, es gebe zwei Geschlechter.

Auch hier gibt es jedoch mittlerweile ideologische Schlachten, bei denen Feministinnen, die sich in Frankreich „femellistes“ nennen, von linken Feministinnen abgrenzen wollen.

Marguerite Stern war bis vor 1-2 Jahren noch Teil der radikalen Feministinnen. Das ehemalige Femen-Mitglied, war gerade noch bis vor Kurzen so eine aggressive Irre mit blauen Haaren, die zu der Bewegung der „colleuses de nuit“ gehörte, die mit Leim an Hauswänden aufgeklebten Slogans auf Femizide aufmerksam machte.

Über ihren Kampf gegen die Transideologie hat sie sich mit ihren Gesinnungsgenossinnen überworfen und tritt nun in rechten Fernsehsendern auf.

Auch hier zeigt sich wieder das Muster, dass Kritiker der Transideologie genau wie Opfer von Vergewaltigungen durch Migranten ausschließlich Unterstützung von rechten Publizisten und Politikern bekommen.

Ich nehme mich immer vor Leuten in Acht, die von einem Extrem ins andere fallen, aber interessant finde ich dieses lange Interview, in dem sie den schmerzhaften Abnabelungsprozess beschreibt und wie sie bitter darunter gelitten hat, dass langjährige, enge Freundschaften zu Bruch gegangen sind.

Gemeinsam mit einer anderen Feministin, Dora Moutot, hat sie das Buch „Transmania“ geschrieben, das die Transideologie kritisiert. Die Werbung hierfür wurde in Paris untersagt und Stern und Moutot werden auf offener Straße angegriffen und angespuckt.

Auch hier sind Frauen die Rädelsführerinnen.

Denn eins ist auch klar: Dieser Trans-Wahn ist nicht als Meteorit vom Mars gefallen; es waren Feministinnen, die in ihrer Dekonstruktions-Manie ein Frankenstein-Monster erschaffen haben, das ihnen jetzt entkommen ist und ihnen Schaden zufügt.

Erst hieß es, typisch weibliche und männliche Verhaltensweisen seien nicht biologisch begründbar , sondern seien soziale Konstrukte, die durch eine andere Erziehung verändert werden könnten (was falsch ist). Daraus wurde dann im Lauf der Zeit: es gibt keine zwei Geschlechter, sondern ein Spektrum.

Jetzt sind wir bei Männern in Frauensportarten und Frauensaunen und –fitnesstudios und wer eine Transfrau als Mann anspricht, bekommt nach dem nun auch vom Bundesrat gebilligten Selbstbestimmungsgesetz in Zukunft ein saftiges Bußgeld.

Siehe hier die für NIUS produzierte Doku von Judith Sevinc Basad und Jan Karon: Trans ist Trend.

Das beunruhigende zugrundeliegende Problem liegt aus meiner Sicht in einer Aufgabe der Werte der Aufklärung, d.h. der beweisbaren Fakten.

All das, was Menschen wie Kant und Hegel, Kopernikus, Euklid, Galileo Galilei, Pythagoras, Voltaire, Newton, Alexander von Humboldt und Charles Darwin, Marie Curie und Albert Einstein und noch viele andere teils gegen große Widerstände durchgesetzt haben und deren Erkenntnisse man mit Fug und Recht als Fortschritt bezeichnen kann, werden nun zur Disposition gestellt, wenn nicht gar geleugnet. Ein Rückfall in die Voraufklärung

Ich glaube, es ist dieser immer weiter erodierende Konsens darüber, was Beweisbar ist, die immer unschärfer werdende Übereinkunft für das, was Faktizität ist, der die Jugend krank und alle anderen verrückt macht.

Es ist mir außerdem völlig unbegreiflich, wie Frauen Immigration von überwiegend jungen Männern aus den rückständigsten und frauenverachtendsten Kulturen unterstützen oder wie transunterstützende Feministinnen an ihrer eigenen Demontage mitwirken können.

Der Wokismus und die politische correctness hat den Leuten so sehr das Gehirn gefickt, dass er sie dazu bringt, gegen ihre eigenen Instinkte zu handeln.

All das sind viele Mosaiksteine aus Gründen, weshalb ich als Linker die Bewegungen, die sich selbst als „links“ und „progressiv“ bezeichnen nicht unterstützen kann. Aus meiner Sicht sind sie gegenaufklärerisch und damit reaktionär.

Eine sehr interessante Entdeckung waren die Recherchen der Journalistin Pauline Condomines. Sie hat für die rechte Publikation „Livre Noir“ in bester wallraff’scher Manier incognito linke Milieus infiltriert. Dies war zu Beginn relativ einfach, wie sie berichtet, da viele dieser Bewegungen offen für jeden sind, die grassierende Paranoia, die die Aktivisten dazu bringt, ihre wahre Identität zu verschleiern und sich nur mit Spitz- und Codenamen anzusprechen, erleichterte ihr die Arbeit. Mit der Zeit gelang es ihr auch, in geschlossene Zirkel vorzudringen, in denen gewalttätige Aktionen geplant wurden und in denen die Beteiligten gegenüber Andersdenkenden aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen.

Man könnte glauben, dass es alles sehr unterschiedliche Milieus sind, aber das Gegenteil ist der Fall. Es gibt große personelle Überschneidungen bei Umweltschützern, Trans- und Palästina-Aktivisten, Feministinnen, Dekolonialen und Islamisten. Man trifft dieselben Akteure immer wieder auch in anderen Zirkeln an, wie sie am Mikro des Journalisten André Bercoff mit ruhiger, angenehmer Stimme erklärt (auch er ein ehemals linker Journalist, der Mitterand nahestand, bevor er sich von dieser Strömung gelöst hat; ich glaube, der Leser entdeckt jetzt so langsam ein Muster).

Sie berichtet von skandalösen und zynischen Praktiken der Migrationsaktivisten, die illegale Migranten nur dann bei dem Verfahren für ihre Aufenthaltserlaubnis unterstützen, wenn diese regelmäßig an linken Demos teilnehmen und die Anwesenheit in Excel-Tabellen festhelten. Die meisten Hilfesuchenden haben keine Ahnung, wofür oder wogegen sie protestieren. Einige Migranten sind auch klar gegen die linken Slogans, sie wollen einfach nur einen legalen Aufenthaltsstatus und arbeiten, nicht aber an ideologischen Kämpfen teilnehmen.

Hier auch der Bericht für „Livre Noir“:

Die Recherche hat hier ganz deutlich das Risiko einer Querfront aus Transaktivisten, Klimaschützern, Feministinnen und Islamisten bloßgelegt, denen Islam, Feminismus und Wokismus komplett das Hirn zerfickt haben.

Einen anderen Ansatz wählte Nora Bussigny. Sie unterwanderte ebenfalls Trans- und dekoloniale Milieus, um darüber ein Buch zu schreiben, entschied sich aber nicht dazu, im Hintergrund zu bleiben und zu beobachten, sondern mit rosa Perücke aktiv teilzunehmen. Jede hat ihre eigene Taktik.

Sehr interessant auch die Schriftstellerin Véra Nikolski, nebenbei eine passionierte Boxerin, die in ihrem Buch „Féminicène“ die These aufstellt, dass nicht die Kämpfe der Frauenbewegung zur Emanzipation der Frau beigetragen haben, sondern der technische und medizinische Fortschritt und ganz banale Verbesserungen wie fließendes Wasser und technische Haushaltsgeräte, die der Frau die lästigen Haushaltspflichten erleichtert und abgenommen haben und sie somit Zeit für sich hatte.

Ich sehe immer öfter einen typischen Werdegang von der linken Feministin zum rechten Spektrum als Hort der Vernunft, Mäßigung und Verstand.

In Deutschland ist die vollkommen entkoppelte Medienbubble aus allen Wolken gefallen über eine Befragung, wonach Schwule zu nicht unerheblichen Teilen AfD-affin sind und gar nicht links, wie man das von einer angeblich unterdrückten Minderheit erwarten sollte (müsste). Und auch die Jugend ist gar nicht so grün und links, wie das Fridays for Future gerne glauben machen möchte.

Das ist auch in Frankreich so, wo sich Jordan Bardella, die junge Nachwuchshoffnung des Rassemblement National Hoffnungen auf 30% der Wählerstimmen der Unter-30-jährigen machen kann.

Wer glaubt, es in Frankreich mit so einem AfD-Verschnitt vom Typ schmerbäuchiger Blut-und-Boden-Schwadroneur mit Deutschland-Bucket-hat („hör’n se äuf misch ins Gesischt zu filmen“) zu tun zu haben, täuscht sich ganz gewaltig.

Mittlerweile sind allerdings selbst dem Rassemblement National die fetten, alten, verhaltensauffälligen Männer der AfD zu eklig, so dass sie nach der Europawahl nicht mehr mit ihnen in einer Gruppe arbeiten wollen.

Der neue Typus des französischen rechten Politnachwuchses ist jung, schlank, smart, energisch und eloquent.

In einem ähnlichen politischen Spektrum bewegt sich die Enkelin des Gründers des Front National, Jean-Marie Le Pen, Marion Maréchal.

Sie hat vor mehreren Jahren den Rassemblement National verlassen und sich der Partei Reconquête! des ehemaligen Journalisten Éric Zemmour angeschlossen und ist Kandidatin für das Europaparlament.

Der Legende nach ist Marion Maréchal die Lieblingsenkelin des Parteipatriarchen Jean-Marie Le Pen. Der alte Fuchs hat mit dem unfehlbaren Gespür des „political animal“ auf Anhieb gesehen, dass sie von all seinen Abkömmlingen das größte politische Talent hat.

Warum sie den RN verlassen hat, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht wollte sie aus dem Schatten der erdrückenden Familiendynastie treten, vielleicht wollte sie auch nicht unter der Fuchtel ihrer dominanten Tante Marine Le Pen arbeiten.

Zemmour, der bei den letzten Präsidentschaftswahlen als Kandidat angetreten ist und mit 5% der Stimmen abgeschmiert ist, hat Marion Maréchal nun für das Europaparlament ins Rennen geschickt. Wahrscheinlich ist ihm auch selbst klar, dass er mit 66 Jahren schon recht alt ist, mit seiner immensen Bildung einen tiefen Graben zwischen sich und der Normalbevölkerung schafft aber vor allem – und es wäre töricht das zu leugnen – einfach nicht ansprechend aussieht: er ist klein, schmächtig, hat eine große Nase, schütteres Haar und hängende Augen. Im Clownland Deutschland braucht es nicht viel, um von den speichelleckenden Zeilenschindern als „kennedyesk“ zu gelten. Aber in der Welt der Erwachsenen gelten nun mal die brutalen, realen Maßstäbe.

In den links-woken Medien gilt Éric Zemmour als Rechtsextremer und Neonazi, obwohl er Jude ist. Daran sieht man, in was für einen heillosen geistig-politischen Brainfuck sich die Linke hineinmanövriert hat.

Marion Maréchals Programm setzt auf Ablehnung von Migration und Bekämpfung des Islam und ein ultraliberales Wirtschaftsprogramm, das dem von Milei ähnelt und dem ich in vielen Punkten beipflichten kann. Ihr Ziel im EU-Parlament ist es, das „System von der Leyen“ zu stürzen und der EU-Politik eine neue Richtung zu geben. Was sich die meisten Menschen nämlich nicht klar machen ist, dass an die 80% der Gesetze, die in Deutschland (und den anderen Mitgliedsstaaten) verabschiedet werden, der Umsetzung von EU-Vorgaben dienen.

Ich muss sagen, dass ich von ihrer Persönlichkeit wirklich beeindruckt bin. Sie geht keiner Diskussion aus dem Weg und ist immer ruhig und kontrolliert, sehr gut vorbereitet und hat alle Zahlen parat. Sie ist rhetorisch sehr stark und lässt sich niemals provozieren oder zu einem Ausfall hinreißen, wie man an diesem sehr interessanten Rededuell mit der Abgeordneten Mathilde Panot von der linksextremem Partei LFI sieht, die sie konsequent als Madame Maréchal – Le Pen anspricht:

Der Einzug in das Europäische Parlament wird für sie eine Zeit der Bewährung und Reifung sein. Natürlich wird man sehen, wenn sich die Zwänge der Realität einstellen und die ersten Kompromisse geschlossen werden müssen, was von ihrem Programm noch übrigbleibt.

Marion Maréchal ist allerdings noch sehr jung und ich prophezeie ihr noch eine große politische Karriere. Mark my words.

Wenn Macron seine zweite und letzte Amtszeit beendet hat, werden die Karten neu gemischt. Dann wird sich zeigen, welche Substanz seine Partei „Renaissance“ wirklich hat. Im Grunde ist sie ja eine von ihm geschaffene und auf ihn zugeschnittene Bewegung und ich sehe niemanden, der das Format hat, seine Persönlichkeit zu ersetzen.

Macron wird sicherlich nicht mehr weiter in dieser Partei tätig sein. Wenn man Präsident war, tritt man nicht mehr ins Glied zurück. Ich schätze, er wird für eine der zahllosen Beratungsfirmen tätig werden, die jetzt schon mit den Füßen scharren und ein paar Vorträge für ein nettes, komfortables Honorar halten.

Das bringt mich zur Europawahl, bei der ich qua meiner doppelten Staatsbürgerschaft insofern privilegiert bin, als ich Kandidaten aus zwei verschiedenen Mitgliedsstaaten wählen kann.

Und wenn ich mir die Sachlage so anschaue, dann gerade ich ins Grübeln. Als Linker kann es nicht über mich bringen, RN zu wählen, ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, bei der Europawahl Marion Maréchal zu wählen, weil ich sie für klüger und schlagkräftiger halte als meine Parteifreundin Isabel Schnitzler von der FDP, die ich persönlich übrigens sehr schätze.

Ja, so. Jetzt ist es raus. Ich bin FDP-Mitglied. Eine Mitgliedschaft, die einem Spott und verbale Prügel einbringt und mit der man nicht flexen kann. Aber so ist es.

Von meiner politischen Herkunft und Erziehung her, bin ich eher Sozialdemokrat, aber die SPD hat sich in den letzten Jahren nicht nur wokisiert, ihr Spitzenpersonal wendet seit den vergangenen 20 Jahren nicht unerhebliche Zeit auf, um russischen, chinesischen, iranischen und türkischen Diktatoren den Schwanz zu lutschen. Nichts für mich.

Als grundsätzlich liberaler Mensch verabscheue ich die Grünen. Angefangen bei ihrem Menschenbild, das Bürger als Störenfriede, wenn nicht gar als Feinde betrachtet.

Es ist aus meiner Sicht auch keine Linke Partei, sondern eine Ansammlung von beinharten, machgetriebenen autoritären Zwangscharakteren und nebenbei auch noch die bourgeoisesten Spießer, denen ich je begegnet bin.

Meine eigenen Eltern habe die FDP als Schnösel- und Porsche-Partei verachtet und ja, es ist nicht einfach, Mitglied dieser Partei zu sein. Aber ich habe sie vor Jahren als das letzte liberale Bollwerk angesehen, das noch die Grundrechte verteidigt und Freiheitsakzente setzt. Ich selbst würde lügen, wenn ich behaupten würde, nicht von Zeit zu Zeit darüber nachzudenken, meinen Mitgliedsausweis zurückzugeben. Aber noch bin ich Mitglied und bleibe es auch.

Und das liegt nicht zuletzt an Mitgliedern, vor denen ich meinen Hut ziehe, wie meine basierte Parteifreundin, die sich allein auf eine Palästinenserdemo gestellt hat und Schilder hochgehalten hat, ein Bild der ermordeten Shani Louk  und ein anderes, auf dem nur eine Offensichtlichkeit festgestellt wird, nämlich „Rape is not Resistance“.

Auch hier der Befund: eine Frau, kein Mann.

Es kostet verdammt großen Mut, so was zu machen und in solchen Augenblicken ist man trotz Polizeischutz sehr, sehr einsam. Und dafür vergebe ich auch ihr Corona-Tagebuch.

Sie verdient allein Respekt für das Verdienst verdeutlich zu haben, was für wildgewordene Tiere unter uns leben.

Wie heißt es so schön: Gott hat die Frauen ohne Hoden erschaffen, weil er wusste, dass sie Eier haben.

Und das gilt nicht nur für Karoline Preisler, sondern für alle oben vorgestellten Frauen.

Trotz allem hat die FDP kein exklusives Abo auf meine Stimme, auch wenn ich Parteimitglied bin, denn ich denke gerne noch selbst.

Dies führt mich zum Ende meines Artikels und einem deprimierenden Fazit:

Es scheint so, als gebe es innerhalb unserer Gesellschaft(en) keinen Konsens mehr. Die Schnittmenge von Überzeugungen, auf die sich eine Gesellschaft einigen kann, wird immer kleiner, die Kreise driften immer weiter auseinander.

Das hat zwar die Meriten klarer Fronten, aber ist eine solche Polarisierung für eine Gesellschaft wirklich wünschenswert? Ich glaube nicht.

Aus meiner Sicht haben Linke alle Werte, die ich oben beschrieben habe, verraten.

Heute haben wir ein autoritäres Feminat aus Paus, Faeser, Baerbock und Konsorten, für die Grundrechte wie die Meinungsfreiheit als etwas Unappetitliches gelten, das man betrachtet, wie so einen krepierten Vogel auf der Straße.

Allenthalben liest man, dass die Zukunft ist weiblich sei.

Vor meinem inneren Auge erscheinen dann übergewichtige Kryptolesben mit grauen Kurzhaarfrisuren und bunten Schals oder Witzfiguren wie Emilia Fester und Luisa Neubauer.

Aber ich glaube tatsächlich, dass die Zukunft weiblich ist, aber nicht so, wie es diese Leute heute denken. Und ich glaube, dass das Erwachen für viele äußerst schmerzhaft sein wird.

Meine Prognose ist, dass diese Horrorclowns in sehr naher Zukunft von der Bildfläche verschwinden und in Vergessenheit geraten werden. Das, was ich oben beschrieben hat, wird nicht auf Frankreich begrenzt bleiben. Von ähnlichen Entwicklungen liest man in Italien und Spanien.

Ich prophezeie weiterhin, dass es noch sehr viele andere Frauen geben wird, die dem linken Feminismus den Rücken kehren und sich identitären und rechten Bewegungen anschließen werden.

Die Debatten werden an Heftigkeit und Härte zunehmen und sowohl die Debatten als auch die Heftigkeit werden von den Frauen geführt werden.

Ich hoffe nur, dass das Pendel nicht zu stark in die andere Richtung ausschlagen wird.

Denn, wie gesagt, ich bin immer noch links.

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Maschinist – 75 Jahre Grundgesetz

Da geh ich zu großen Teilen mit:

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Unter den Straßen von Paris

Besucher der Stadt Paris, die alle bekannten Sehenswürdigkeiten abgehakt haben, kenne vielleicht die Katakomben im 14. Arrondissement.

Man kann dort einen kleinen Teil eines hunderte Kilometer langen Stollennetzes besichtigten. Es handelt sich um die ehemaligen Steinbrüche der Stadt, aus denen das Material für charakteristischen Pariser Häuser gewonnen wurde.

Aufgrund von Einsturzgefahr und Bodenabsenkungen wurden die Steinbrüche im 17. Jahrhundert aufgegeben und später mit den Gebeinen der Verstorbenen aus dem Cimetière des Innocents und weiterer Friedhöfe aufgefüllt, um Platz für Bebauung und vor allem für die in den 1960er Jahren abgerissenen gigantischen Markthallen zu schaffen.

Die Arbeiter haben die Oberschenkelknochen und Schädel teilweise zu interessanten Mustern angeordnet.

Ab den 1970er/1980er Jahren wurde die Katakomben zum Terrain für Künstler, Punks und Partypeople, die dort Happenings, Konzerte und Dinner veranstalteten mit dem zusätzlichen Nervenkitzel von der Polizei aufgescheucht und nach draußen (oben) komplimentiert zu werden. Die Fans der unterirdischen Welt nennen sich selbst „Cataphiles“, sie haben ihre eigenen Codes und Gebräuche. Es ist üblich, nicht seine Identität zu nennen, sondern sich einen Spitznamen zu geben, der idealerweise einen Bezug zu den Katakomben hat.

Aber mittlerweile haben auch Travel- und Lost-Places-Vlogger den Ort für sich entdeckt.

Es gibt mittlerweile auch dort unten Sehenswürdigkeiten, wie die Höhle mit der Hokudai-Welle.

Ich habe mehrere dieser Insider angeschrieben und gefragt, ob sie mich mit nach unten nehmen, aber die verschworene Gemeinschaft nimmt keine Außenstehenden mit, für die nicht durch einen Eingeweihten gebürgt wird.

Irgendwann werde ich es schaffen. In der Zwischenzeit ein paar interessante Videos:

Hier bei Youtube neu hinzugekommen. Ab Minute 10:37 ein überraschender Wiedergänger aus fernen Zeiten: der Anführer der Pariser Skinheads Serge Ayoub.

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Bücher

Eine kleine Auswahl kürzlich gelesener Bücher.

Morbidität in Tibet – „Der Schneeleopard“

Ich bin wirklich ein großer Fan von Sylvain Tesson, mit dem ich mich hier schon ein paar Mal beschäftigt habe.

In seinem neuesten Buch schildert Tesson wie er den französischen Tierfotografen Vincent Munier in den Himalaya begleitete, genauer auf das Changtang-Plateau, weil dieser dort den vom Aussterben bedrohten Schneeleoparden fotografieren wollte. Ein Buch, mit dem er den renommierten „Prix Renaudot“ erhalten hat.

Seine älteren Bücher waren für mich die reinsten „page-tuner“, mir gefielen der Freiheitsdrang, seine Wildheit. Ich sah in ihm fast schon einen neuen Jack London.

Wenn ich seine Bücher in eine Reihenfolge bringen sollte, dann würde ich sie so aufstellen: „L’axe du loup“ (soweit ich weiß immer noch nicht übersetzt) über seinen Marsch von Sibirien nach Indien; „Napoleon und ich“ (über eine Motorradreise von Moskau nach Paris mit der er Napoleons Rückmarsch von seinem gescheiterten Russlandfeldzug nachspürt, „Auf versunkenen Wegen“, eine Wanderung durch Frankreich nach seinem schweren Sturz, bei dem er nur knapp dem Tod entronnen ist (unlängst mit Jean Dujardin verfilmt), und schließlich „In den Wäldern Sibiriens“, einer Reportage, bei der nicht die Bewegung und das Vorwärtsdrängen das Thema ist, sondern das Verweilen in einer Hütte am Baikalsee.

In dem Bericht ist trotz der verschiedenen Schauplätze verhältnismäßig wenig los.

Das Buch beschreibt Fahrten durch die eisigen, stillen, menschenleeren Höhenzüge des Himalaya (eine Gegend, die Tesson magisch anzieht; nach dem Bericht könnten mich nichtmal zehn Pferde dorthin bringen) und das langwierige Warten auf den seltenen Panther, dem er allerdings ein schönes Kapitel in Form einer Erinnerung an eine verflossene Liebe widmet.

Ich fand das Buch ziemlich zäh und mühsam zu lesen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass eisige Kälte von -35 ˚ Celsius und sauerstoffarme Höhen jenseits der 5000 Meter nicht gerade zu großem Tatendrang animieren.

So muss er den Mangel an Aktivität mit langatmigen Assoziationen und poetisch verschnörkelten Todesmetaphern füllen.

Interessant fand ich seine Erkenntnis, dass die Natur, auch wenn sie unbewohnt erscheint, von einer unerschöpflichen Anzahl von Tieren angefüllt ist, die sich vor dem Menschen verbergen, ihn aber aus der Unsichtbarkeit heraus beobachten.

Eine Tatsache, die schon der frühe psychedelische Maler Hieronymus Bosch erkannt und in einer Tuschezeichnung mit dem „Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren“ dargestellt hat.

Faszinierend auch das Bild, das Vincent Munier bei einer seiner Reisen von einem Falken geschossen hat und erst zwei Monate später, beim Entwickeln, registriert hat, dass sich ein Schneeleopard, den er zuvor vergeblich vor sein Objektiv bekommen wollte, aufs Bild gemogelt hatte und seine Augen direkt in sein Objektiv starren (Tip: oben links hinter dem Felsvorsprung).

Die Reise wurde auch filmisch dokumentiert, und im Gegensatz zum Buch finde ich den Film wirklich schön.

Alberto Moravia – „Die Verachtung“

Eine tragische, unglückliche Liebesgeschichte, die von Alberto Moravia (einem Autor, den ich erst kürzlich entdeckt habe), meisterhaft erzählt. Und in meiner Rowohlt-Übersetzung von 1969 sehr schön übersetzt.

Ein Drehbuchautor wird von seiner Ehefrau eines Tages verachtet, ohne dass er den Grund hierfür kennt oder dass seine Frau ihn ihm nennt.

Das Buch wurde von Jean-Luc Godard 1963 mit Michel Piccoli (einem meiner Lieblingsschauspieler) und Brigitte Bardot verfilmt. Leider wird dort die Geschichte, wie in der „nouvelle vague“ damals stilprägend in endlosen Dialogen zerlabert.

Eine tieftraurige, aber elegant und sehr schön geschriebene Geschichte.

Tragische Liebesgeschichte, die Zweite: „Es ist immer so schön mit dir“ von Heinz Strunk.

Ich bin auch ein Fan von Heinz Strunk, aber diese deprimierende Geschichte hat mich heruntergezogen. Bis auf die Episode, als der Protagonist betrunken auf dem Geburtstag seiner neuen Freundin deren Schwester rhetorisch zerstört, gibt es nicht den typischen brachial-brutalen urkomischen Humor, den Heinz Strunk zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Strunk ist meiner Meinung nach einer der besten zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftstelle und „Fleisch ist mein Gemüse“ wird immer der Maßstab bleiben und „Der goldene Handschuh“ war auch herrlich, aber nach „Junge rettet Freund aus Teich“ war das ein zweiter Griff ins Klo.

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Interview mit Andi Rögner

Ein sehr interessantes Interview mit meinem Thaibox-Trainer Andi Rögner.

Die Podcaster labern bißchen viel, aber das Interview ist recht lang und interessant mit vielen Anekdoten, die ich selbst gar nicht kannte.

Die Zeiten werden rauher und ich bin der Meinung, dass sich ein Mann zumindest halbwegs selbst verteidigen muss und nicht gleich beim ersten Schlag niedergehen darf.

Daher zur Einführung zwei kleine Videos, mit denen ich selbst für mich trainiert habe.

Bei dem ersten Video wirken die Techniken etwas „sloppy“, aber vielleicht ist das der Stil dieser Schule. Man braucht auf jeden Fall sehr viel „Core“-Kraft und Körperbeherrschung, um die Techniken kontrolliert und kraftvoll ausführen zu können.

Hier, etwas fortgeschritten, sehr gutes Pratzentraining von Damien Trainor aus England.

Kampfsportgyms sind übrigens auch interessante anthropologische Forschungsstätten. Hier trainieren Kriminelle mit Polizisten, Schläger mit Normalos mit Bürojob. Wann hat man schon mal Gelegenheit, mit einem Hells Angel zu sparren und sich den Rockergossip in der Umkleide anzuhören? Umgehrt ist es auch so, dass Fußballhooligans und Türsteher auch gerne mal jemanden aus einem anderen Milieu kennenlernen.

Wenn ihr also in Frankfurt oder Umgebung wohnt, kommt doch vorbei.

แล้วพบกันใหม่

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Adoptiere ein Skelett!

Vor einigen Jahren war ich in Neapel.

Zuletzt war ich zur Abi-Abschlussfahrt in dieser Gegend. Aber damals, d.h. Mitte der 1990er Jahre, war es uns verboten worden, durch die Stadt stromern. Zu gefährlich. Von Rom ging es direkt nach Sorrent.

Erst eine ganze Weile später habe ich begriffen, dass Neapel, wie zahlreiche wichtige Städte am Rande des Mittelmeers eine griechische Gründung ist (wenn es nicht die Griechen waren, dann im Zweifel die Phönizier).

Neapel geht auf die griechische Bezeichnung Néa Polis („neue Stadt“) zurück. Es ist seltsam, aber als Schüler eines humanistischen Gymnasiums fühle ich mich auf irrationale fast schon paranormale Weise sofort wohl, wenn ich mich in einer griechischen Siedlung befinde. Denn überall, wo die alten Griechen hinkamen war es wahr, schön und gut, war Zivilisation.

Sobald sie an der Küste landeten, brachten sie Poseidon an Tieropfer dar, als Dank dafür, dass er ihnen eine günstige Überfahrt gewährt hatte und dann Zeus, weil, nun ja, weil er der Oberbabo auf dem Olymp ist. Sodann legten sie einen Platz für die Agora fest, denn eine Menschengruppe muss die Dinge ihrer Gesellschaft regeln und Entscheidungen treffen. Gleich darauf rammten sie Rebstöcke in den nächstgelegenen Hang, denn der zivilisierte Mensch braucht natürlich Wein. Sofort im Anschluss begann der Handel.

Die Griechen haben somit die Matrix für jede Menschenansammlung festgelegt, die man Zivilisation nennen kann: Stadt/Staat, Parlament, Handel. Und Wein.

Zur Wahrheit gehört allerdings, dass die Vorarbeit hierfür die Sumerer und Babylonier geleistet haben, die uns nicht nur mit der Erfindung des Rads und der Schrift beglückt, sondern auch das Konzept des Staats und der allgemeingültigen Gesetze erfunden haben. Selbstverständlich wurden im Zweistromland auch Wein und Bier konsumiert. Forscher haben herausgefunden, dass es zwei Ursprungsgebiete des Weinanbaus gibt: den Kaukasus und das Gebiet des fruchtbaren Halbmonds.

Das älteste bekannte literarische Werk der Menschheit, das altbabylonische Gilgamesch-Epos, gleichzeitig auch die erste Bromance, beschreibt, wie ein zotteliges Wesen namens Enkidu in der Steppe lebt, Gras frisst und mit den Gazellen umherzieht. Seine Menschwerdung wird folgendermaßen beschrieben: „Der wilde Enkidu trank Bier; er trank davon gar an die sieben Mal. Sein Geist ward gelöst, und er ließ sich mit lauter Stimme vernehmen. Wohlbehagen erfüllte seinen Körper und sein Antlitz erstrahlte. Er wusch den zottigen Leib sich mit Wasser, salbte sich den Leib mit Öl – und ward ein Mensch.

Zur vollständigen Geschichte gehört allerdings auch, dass er gleichzeitig auch sieben Tage lang mit der Kurtisane Schamkat gebumst hat.

Nach dem ältesten bekannten Buch der Menschheit wird der Mann also erst durch die Frau und das Bier zum Menschen. Ist das nicht schön?

Gilgamesch selbst tröstet sich nach dem Tod seines besten Freundes Enkidu mit Wein, den ihm die Wirtin Siduri kredenzt.

Es ist meiner bescheidenen Meinung nach immer wieder wichtig, sich klarzumachen, dass in dieser Region zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung Bier und Wein konsumiert wurde, lange bevor die mohammedanische Religion die Grenzen der arabischen Halbinsel überschritt und in weiten Teilen der Erde nicht nur den Alkoholgenuss untersagt, sondern bis zur heutigen Zeit auch noch ganz andere geistige Verwüstungen anrichtete.

Heute leben in Süditalien, größtenteils in Kalabrien an der Stiefelspitze und am Hacken noch immer griechische Minderheiten, die einen Dialekt namens „Griko“ sprechen, deren Sprecherzahl aber immer weiter sinkt.

Doch bevor ich immer weiter abschweife: back to the point. Denn ich wollte ja eigentlich etwas ganz anderes erzählen.

Der italienische Familienzweig meiner Frau, die aus Mailand stammt, blickt indes voller Misstrauen auf alles herab, was südlich von Rom liegt. Wie in Deutschland gibt es auch in Italien eine, natürlich bigotte und scheinheilige, geographische und mentale Teilung: im Norden die fleißigen, „deutschen“ Italiener, die das Bruttosozialprodukt steigern, im Süden die faulen, nichtsnutzigen Halb-N-Wort, die außer Faulheit und organisierter Kriminalität nichts zustande bringen. Im Norden nennt man die Leute im Süden „terroni“, d.h. etwas schief übersetzt „Erdlinge“, was sich sowohl auf ihre Hautfarbe als auch auf ihre Erwerbstätigkeit bezieht. Das Einzige, was man diesen Wilden zutraut, ist allenfalls etwas primitive Landwirtschaft.

Nun ist es so, dass an Neapel als Kriminalitätshotspot schon etwas dran ist, auch wenn sich in den vergangenen Jahren einiges gebessert hat. Bisher bewirbt sich Neapel erfolglos als Kulturhauptstadt Europas. Leider hat es nicht geklappt, aber meiner Meinung nach würde es sich lohnen, denn die Stadt ist wirklich interessant.

Roberto Saviano hat in seiner wirklich beeindruckenden Recherche „Gomorrha“ die weitausgreifenden Tentakel der Mafia, die in Kampanien Camorra heißt, beschrieben, die alle Bereiche der Gesellschaft und der Politik unterwandert und korrumpiert hat.

Für den unbeteiligten Dritten verläuft das alles unsichtbar und den Augen des Touristen oder Unbeteiligten entzogen. Was vor wenigen Jahren noch ein Problem und Gegenstand von Warnungen in Reiseführern war, die vielen Taschendiebe und Handtaschenräuber, hat sich in Luft aufgelöst.

Es liegt nahe, dass es Abkommen zwischen Polizei und Camorra gegeben hat, in der Art, dass die Camorra die Kleinkriminellen an die Kandare nimmt und die Bullen bei den größeren, aber lautloseren Geschäften keinen allzu großen Ermittlungseifer zeigen.

Wie in vielen korrupten Systemen haben beide Seiten etwas davon: die Polizei kann gute Statistiken vorweisen und die Camorra kann in Ruhe ihren lukrativeren Geschäften nachgehen, ohne permanent den Atem der Bullen im Nacken zu spüren.

Dabei sind wahrscheinlich ein paar Nasenbeine und Kniescheiben auf der Strecke geblieben, bis die Botschaft angekommen war, aber jetzt ist es ruhig, wie ich persönlich bestätigen kann. Sogar in dem berüchtigten „Spanischen Viertel“, das bis vor kurzem noch als No-Go-Area galt.

Mir gefallen leicht schmutzige, dreckige Städte, so wie Marseille zum Beispiel, weil ich dort das Gefühl habe, dass dort noch Menschen aus Fleisch und Blut mit all ihren Fehlern und Schwächen leben und keine Cyborgs, Roboter oder lobotomisierte Arbeitssklaven. Mit solchen kärcher-gereinigten Städten wie Manhattan, London oder Singapur kann ich rein gar nichts anfangen.

Was mir an den südlichen Gefilden auch noch gefällt, und was ich als Atheist wie ein Anthropologe beobachte, ist diese Mischung aus tiefgläubigem Katholizismus und Aberglauben. Überall sieht man Mauernischen mit kleinen Marienstatuen. Natürlich ist auch Padre Pio allgegenwärtig. Aber fast jeder in Neapel trägt auch einen kleinen Anhänger mit einer roten Pfefferschote, dem „Cornicello“. Dieser Talisman soll einerseits den bösen Blick bannen, aber auch Kraft, Vitalität und Fruchtbarkeit bringen. Nicht ohne Grund hat der Glücksbringer eine kaum verhohlen phallische Erscheinung.

Das geheimnisvollste Epizentrum des Aberglaubens ist allerdings ein sehr mysteriöser und unscheinbarer Ort im Stadtteil Materdei.

In den einschlägigen Traveller-Blogs wird Materdei den digital Nomads und Expats als billig und noch nicht gentrifiziert angepriesen wird, was ein todsicheres Signal dafür ist, dass sich das Viertel in den nächsten 5 bis 10 Jahren komplett wandeln wird. Schön ist es auf jeden Fall dort.

In einer Höhle aus Tuffstein, deren Eingang sich gähnend öffnet, befindet sich ein Beinhaus, der Cimitero delle Fontanelle. Dort wurden – ähnlich wie bei den Katakomben in Paris – die Gebeine aus Friedhöfen transferiert, die bei der Vergrößerung der Stadt im Weg standen.

Die Neapolitaner haben den Aberglauben entwickelt, dass sie Glück erhalten oder ihr Schicksal zum Besseren wenden können, wenn sie sich eines Toten annehmen, sein Skelett pflegen, ihm Zigaretten, Kaugummis, Geldscheine oder sonstige kleine Geschenke bringen.

So findet man neben all diesen Präsenten allerlei kleine Zettel mit Wünschen. Schüler und Studenten bitten um Glück bei einer Prüfung, eine Frau bittet darum, schwanger zu werden. Mütter wünschen sich einen Mann für die Tochter oder eine Frau für den Sohn. Ein Mann erbittet, dass seine Angebetete seine Liebe erwidert. Das Kind soll von einer schweren Krankheit gesunden und so weiter.

So etwas habe ich auch schon im Süden Frankreichs und in Klöstern in Syrien und im Libanon gesehen. Ein wenig erinnert es an den Ort eines Voodoo-Priesters in New Orleans in dem Film „Angel Heart“.

Es ist zwar verboten, dort zu fotografieren, aber da ich ein böser Junge bin und außerdem im Süden Verbote niemals durchgesetzt werden, habe ich es doch getan.

Ganz am Ende der Höhle steht eine kopflose Statue, die mit Ketten und Tüchern behängt ist. Eine leichte Brise aus einer Öffnung hielt die Tücher in Bewegung. Es war wirklich gruselig.

Obwohl ich eigentlich ein Rationalist bin, habe ich eine Weile überlegt, ob ich diese Fotos hier posten soll oder ob mich vielleicht der Fluch des maltesischen Matrosen trifft.

Aber dann dachte ich mir, dass es sehr viel weniger anstößig ist, ein paar Fotos zu zeigen, die vielleicht zehn Menschen hier auf diesem Blog sehen, als einem Totenschädel eine Zigarette zwischen die Zähne zu stecken.

In diesem Sinne: enjoy!

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Youtube-Funde

Der Youtube-Algorithmus hat meine Persönlichkeit durchschaut und kennt mich mittlerweile besser als ich mich selbst. Ich habe es aufgegeben, mich dagegen aufzulehnen.

Vor nicht allzu langer Zeit musste ich abends ewig ratlos durch die Videos scrollen, um eine interessante Reportage zu finden. Heute finde ich eine Überfülle an interessanten Dokus, so dass ich heute Zeit brauche, um eine Auswahl zu treffen.

Neulich erst hat mir Algi ™ diesen Engländer vorgestellt, der schon seit ein paar Jahren als Vlogger unter dem Handle „Bald & Bankrupt“ unterwegs ist. Die Legende geht, dass er mit einem Buchladen pleite gegangen ist und dann Geld mit seinen Videos verdient hat. Es ist ehrlichgesagt ein großes Mysterium für mich, ob man tatsächlich mit monetarisierten Videos auf Youtube Geld verdienen kann, dass man damit seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

In seiner Jugend in den 1990ern hat er das perfide Albion verlassen und längere Zeit in Belarus und Indien verbracht, so dass er fließend Hindi und Russisch spricht, was es ihm ermöglicht mit den Menschen auf seinen entlegenen Streifzügen ins Gespräch zu kommen.

Er ist ein Engländer ganz nach meinem Geschmack: weltgewandt, gebildet, immer gut gelaunt und mit ausgeprägten „social skills“ ausgestattet, die es ihm ermöglichen, mit den unterschiedlichsten Menschen jenseits von Herkunft oder sozialer Klassen ins Gespräch zu kommen. Es sind keine bis ins Detail ausgearbeiteten Filme mit dokumentarischem Anspruch, sondern eher recht amateurhaft gefilmte und geschnittene Filme, deren Charme ganz in der Begegnung von Wesen der Gattung homo sapiens aus verschiedenen Erdteilen liegt, die auf amüsante Weise zusammentreffen.

Dieses Video ist ein wahres Kleinod: eine zufällige Begegnung in einer belarussischen Kleinstadt mit einem Unbekannten, der ihm die Stadt zeigen will und ihn auf den Friedhof führt, wo er ihm das Denkmal für den Zweiten Weltkrieg zeigen will, das er nicht findet. Man landet bei einem Freund, der Geigenlehrer ist, zum Wodkatrinken, gerät über den Zweiten Weltkrieg in Streit. Es wird geweint, getanzt, Geige und Gitarre gespielt. Schließlich verschwindet der Mann wutentbrannt aus der Wohnung, weil er den Engländer für einen amerikanischen Spion hält. Ein oberlustiges Miniaturschauspiel aus der postsowjetischen Welt oder, wie ein User in den Kommentaren schreibt: „Drinking with Slavics: happy, angry, dancing, repeat“. Man kann allerdings auch ruhig mit großem Respekt würdigen, dass in einem trostlosen Städtchen mit schlammigen Straßen und heruntergekommenen Plattenbauten ein zahnloser Alkoholiker den 3. Satz aus Vivaldis „Sommer“ auf einer verstimmten Geige spielen kann. Das sind die Paradoxe des Ostblocks.

Nachdem im Zuge der russischen Überfalls auf die Ukraine das paranoide russische Regime dem Briten ein Einreiseverbot auferlegt hat, hat er seine Aktivitäten auf Südamerika verlegt.

Dieses Video kommt einer Reportage schon näher. Darin macht sich der Vlogger auf den Weg der Migranten über den sogenannten Darién-Gap in die USA auf und dokumentiert, den gefährlichen Trip, auf dem die Migranten nicht nur mit Hunger, Durst und Verletzungen, sondern auch mit Gewalt, Raub und Entführungen durch Drogenkartelle konfrontiert sind. Der in Panama gelegene Darién-Gap ist das Einfallstor für Migranten aus Venezuela, die vor Maduro, Haitianern, die vor kannibalistischen Gangstern flüchten, aber auch von Vietnamesen, Indern und Afrikanern. Nicht nur Venezuela, auch das diktatorisch regierte Nicaragua rächt sich an den ihnen auferlegten Sanktionen, indem sie Migranten als Druckmittel und Waffe einsetzen, indem sie keine Visa verlangen und die Migranten direkt in die USA weiterleiten. Gerade erst im Dezember wurde ein indisches Flugzeug mehrere Tage in Frankreich festgehalten, das mit geschleusten Indern besetzt war.

Eine andere Neuentdeckung ist Legend. Ein wirklich gutes Interviewformat, bei dem ein Interviewgast lange und ausführlich zu Wort kommt. Der Gastgeber Guillaume Pley lädt die unterschiedlichsten Persönlichkeiten ein, von Pornodarstellerinnen, links- wie rechtsextremen Politikern, ehemaligen Geheimagenten und Mitgliedern von Spezialeinheiten. Frankreich hat ohnehin eine ganz andere Diskussionskultur, in der extreme Positionen und Meinungen nicht per se zur Disqualifikation führen. Im Gegenteil, für Talkmaster gilt: du kannst sagen was du willst, Hauptsache, du langweilst nicht. Auch hier hat sich in den letzten Jahren das Overton-Fenster langsam aber sicher verengt.

Zielsicher hat mir Algi das Interview mit dem Kriegsreporter Didier François vorgesetzt, dessen Persönlichkeit mich wirklich fasziniert hat. Obwohl mittlerweile über sechzig Jahre alt, hat er sich eine fabelhafte Jugendlichkeit und viel Humor bewahrt.

Es ist schier unglaublich, was er alles erlebt hat. Bei einer Reportage im Gazastreifen 2006 wurde ihm eine Kalaschnikowkugel ins Bein geschossen. Der Titanstab, mit dem sein Oberschenkelknochen ersetzt wurde, hinderte ihn jedoch nicht daran, seinen Beruf weiter auszuüben. Im Jahr 2013 wurde er in Syrien von Mitgliedern der Terrororganisation Islamischer Staat mehr als zehn Monate lang als Geisel festgehalten. Sein mit viel Humor vorgetragener Bericht über seine Gefangenschaft ist so spannend, dass selbst der Moderator ganz entgegen dem Konzept der Sendung zwei Teile von mehr als einer Stunde aus dem Interview macht.

Didier Francois ist wirklich ein sagenhaftes Vorbild an Resilienz. Der unschätzbare Wert solcher Interviews ist der, dass sie einem doch immer wieder vor Augen führen, wie absolut unbedeutend und belanglos die täglichen Ärgernisse im Gegensatz zu den Erlebnissen, die andere Menschen durchmachen müssen.

Die Untertitel sind leider bisher nur auf Französisch eingestellt, leider kann das Gespräch nicht wie bei anderen Videos automatisch englisch untertitelt werden, was wirklich schade ist. Ich hoffe, dass zumindest meine frankophilen Leser sich an diesen Videos erfreuen können.

Bon visionnage!

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Das Oktoberfest-Attentat: Rechtsextremer Anschlag oder erweiterter Suizid eines Incels?

Thematisch passt der Artikel ganz gut in die Nachrichtenlage, in der nach Jahrzehnten die in der Anonymität der Großstadt untergetauchte Daniela Klette, die Terror-Rentnerin mit dem Faible für Samba und Capoeira, in Kreuzberg aufgeflogen ist.

Unvermittelt dreht sich die Aktualität um Wiedergänger aus einer längst untergegangenen Realität, als Helmut Kohl noch Bundeskanzler war, man noch mit DM bezahlte und die TV-Größen Frank Elstner und Dieter-Thomas Heck hießen. Die damaligen Kämpfe und ihre Beweggründe scheinen unbegreiflich und weit entfernt. Ich finde das interessant und kurios zugleich.

Ich wollte mir vor meiner letzten Reise wieder ein wenig True Crime zu Gemüte führen und hatte auf spannende Lektüre für den Flug und vor allem die Warterei im Boarding-Bereich gehofft.

Nun. Ja. Das Ergebnis stellt mich nicht wirklich zufrieden.

Die Bombe

Zunächst die Fakten: am 26. September 1980 explodierte eine Bombe, die in einem Papierkorb am Eingang der Wirtsbudenstraße zum Oktoberfest deponiert worden war. 13 Menschen wurden getötet, einschließlich des mutmaßlichen Attentäters.

Aufgrund von Zeugenaussagen unmittelbar vor der Explosion und des Verletzungsbildes wurde der 23-jährige Rechtsextremist Gundolf Köhler als Täter identifiziert, der die Bombe in den Papierkorb ablegte, wo sie unmittelbar darauf explodierte. Die Bombe war aus einer britischen Mörsergranate und einem mit Sprengstoff gefüllten Feuerlöscher hergestellt worden.

Es ist nicht klar – zumindest nicht nach Lektüre des Buchs -, ob Köhler die Bombe zündete, ob sie beim Ablegen (planwidrig) zu früh explodierte oder ob sie möglicherweise ferngezündet wurde.

Mit seinem Tod wurden die Ermittlungen gegen ihn von Rechts wegen eingestellt.

Ob Köhler bei seiner Tat Mittäter hatte, ist bis heute nicht geklärt. Das ist das große Thema des Buchs.

Der Autor des Buchs, Ulrich Chaussy, ist felsenfest davon überzeugt, dass es mehrere bisher nicht identifizierte und damit nicht bestrafte Mittäter an diesem Attentat gab. Ihm wurden einige Jahre nach dem Anschlag aus anonymer Quelle Teile der Ermittlungsakte zugespielt, so dass er auf eigene Faust zu recherchieren begann.

Der Zeuge

Ausgangspunkt für seine Recherchen war ein Zeuge, der Gundolf Köhler in dem Zeitraum unmittelbar vor dem Bombenattentat längere Zeit beobachtet hatte.

Der Zeuge nannte sich Frank Lauterjung. Er war homosexuell und war an dem lauen Spätsommerabend aus seiner nahegelegenen Wohnung zur Wiesn gegangen, um zu „cruisen“, d.h. Sexualkontakte zu Männern zu suchen. Er hielt sich auf der sogenannten Brausebadinsel, offenbar eine ehemalige öffentliche Badeanstalt, auf einer Verkehrsinsel direkt vor dem Eingang zur Theresienwiese auf. Dort gewahrte er Gundolf Köhler, den er in seiner Aussage bei der Polizei als „niedlichen Wuschelkopf“ bezeichnete, der im Gespräch mit zwei Männern war, die Frank Lauterjung nur von hinten sah. Die Männer trugen Armeeparkas und hatten kurzgeschorene Köpfe (im Buch ist die Rede von „Stiftenköpfen“; ich musste den Ausdruck erstmal googeln. Gemeint ist vermutlich einfach eine Buzzcut-Frisur). Während Lauterjung versuchte, mit Köhler Blickkontakt aufzunehmen, hatte dieser – nach Aussage Lauterjungs – eine sehr hitzige Diskussion mit den beiden Parkaträgern.

Lauterjung überquerte den Bavariaring in Richtung Wirtsbudenstraße, während Köhler mit seinen Gesprächspartnern zurückblieb. Danach flanierte der Zeuge im Eingangsbereich der Wirtsbudenstraße. Kurz darauf sah er wieder Köhler, den Wuschelkopf, der eine weiße Plastiktüte trug, in der sich ein schwerer Gegenstand zu befinden schien, und diesen Gegenstand in den Papierkorb ablegte, woraufhin sich unmittelbar darauf eine Stichflamme und eine Explosion ereigneten. Lauterjung wurde von der Druckwelle fortgeschleudert und verlor das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, herrschte unbeschreibliches Chaos. Um den Explosionsort lagen Tote und Verletzte.

Eine Zeugin sagte aus, sie habe direkt nach der Explosion in der Nähe des Eingangs einen jungen Mann gesehen, der sinngemäß immer wieder geschrien habe: „Das habe ich nicht gewollt, ich wollte das nicht!“

Eine andere Zeugin gab viel später an, sie habe Köhler wenige Minuten vor der Explosion am Bavariaring im Gespräch mit mehreren Insassen eines Autos gesehen, das am Straßenrand hielt.

Diese unterschiedlichen und widersprüchlichen Aussagen sind wichtig für die Frage, ob es tatsächlich Mitwisser- oder Mittäter gegeben hat. Aus der Sicht von Ulrich Chaussy gibt es nicht den geringsten Zweifel daran, dass die beiden „Stiftenköpfe“ Mittäter Köhlers gewesen waren.

Das große Problem bei der Geschichte: sie konnten nie ermittelt werden.

Abgesehen von dem Zeugen Lauterjung, nennt Chaussy noch zwei andere Zeugen, die aber jeweils andere Wahrnehmungen schildern, einen schreienden Mann mit Gewissenbissen und Köhler mit Gespräch mit Automobilisten. Keiner der Zeugen ist der Lage, eine Aussage der anderen Zeugen zu bestätigen. Weder der schreiende Mann, noch die Insassen des Autos konnten ermittelt werden.

Für Chaussy sind es jedoch keine kritisch zu prüfenden Aussagen, sondern unterschiedliche Facetten eines Handlungsablaufs kurz vor und nach der Explosion, die er nicht hinterfragt, sondern als wahrhaftig und gegeben nimmt.

Hier kommen wir trotz der sehr interessanten Recherche zu dem ersten von zahlreichen Schwachpunkten des Buches. Der Journalist nimmt seine eigenen Überzeugungen für Beweise und verrennt sich dadurch in immer weitere Fehlschlüsse. Fehlschlüsse deswegen, weil Beweisführungen ohne objektive Anknüpfungspunkte logisch unzulässig und damit falsch sind. Es sind Spekulationen, die sich entweder zu Tatsachen konkretisieren oder aber zu Verschwörungstheorien verselbständigen können.

Ulrich Chaussy verletzt damit erstens die elementare journalistische Regel, wonach eine Tatsachenbehauptung durch (mindestens) zwei Quellen bestätigt sein muss.

Zweitens müssen Aussagen von Augen- oder Ohrenzeugen sehr kritisch hinterfragt werden, denn Zeugenwahrnehmungen sind aus vielfacher forensischer Erfahrung das schwächste Beweismittel. Es gibt psychologische Versuche, bei denen Versuchspersonen nur wenige Minuten nach einem bestimmten Ereignis nicht mehr in der Lage waren, die Farbe eines Autos, die Haarfarbe oder die Kleidung einer Person korrekt zu benennen. Das menschliche Gehirn spielt einem schon im Normalfall schöne Streiche und lässt uns Dinge erinnern, die sich überhaupt nicht oder völlig anders abgespielt haben.

Dies gilt umso mehr, als es sich bei den Zeugen vor und nach der Bombenexplosion um Beobachter eines traumatisierenden Geschehens und/oder um verletzte Opfer eines Attentats handelte, die sehr wahrscheinlich unmittelbar danach unter einem schweren Schock standen.

Wahrscheinlich ist es bei mir eine Berufsdeformation, aber ich misstraue automatisch Zeugenaussagen, weil ich schon aus meiner eigenen Anwaltspraxis weiß, wie unzuverlässig (oder unehrlich) Zeugen sein können.

Als weiterführende Lektüre kann ich nur das sehr hilfreiche Buch „Tatsachenfeststellung vor Gericht“ von Bender/Nack empfehlen, in dem vom Irrtum bis zur Lüge alle möglichen Fehler bei der Sachverhaltsaufklärung thematisiert werden und Tips für eine zielführende Zeugenbefragung gegeben werden. Es richtet sich zwar formal an Richter, aber ich arbeite als Anwalt recht viel mit dem Buch. Es ist zwar Fachliteratur, aber ich halte es auch für juristische Laien (eventuell auch für Journalisten) instruktiv, vor allem weil es nicht staubtrocken geschrieben ist, sondern eher amüsant und viele praktische Beispiele bietet.

Was uns zur Persönlichkeit des Hauptzeugen Frank Lauterjung führt. War er ein zuverlässiger Zeuge? Außer der Polizei kann hierzu niemand etwas sagen. Als Chaussy seine Adresse ausfindig gemacht hatte, stellte sich heraus, dass Lauterjung zwei Jahre nach dem Attentat verstorben war.

Abgesehen von seinen meiner Meinung nach fehlerhaften Schlussfolgerungen und Spekulationen fördert Chaussy doch so einige interessante biographische Aspekte zutage. Der Zeuge schien nämlich in seiner Jugend selbst ein wenig orientierungs- und haltlos zu sein.

In den1960er Jahre wurde er Parteimitglied bei der rechtsextremen NPD (ob dies bewusst oder unbewusst seine Aussage oder vielleicht auch seine Wahrnehmung beeinflusst haben könnte, wird in dem Buch nicht thematisiert). Nachdem er sich mit seinem politischen Mentor überworfen hatte, trat er nach einigen Jahren aus der NPD aus und machte eine politische 180-Grad-Wende und engagierte sich beim SDS in Berlin. Nach programmatischen Enttäuschungen verließ er auch diese Bewegung, schloss sich einer christlichen Sekte an und wurde Seelsorger.

Chaussy befrage mehrere Bekannte und Familienmitglieder von Lauterjung, die ihm berichteten, dass der Hauptzeuge kurz nach dem Attentat körperlich stark abgebaut habe. Er sei zwei Tage nach dem Selbstmord eines Neonazis im Jahr 1982 plötzlich verstorben, offiziell an einem Herzinfarkt.

Aus Sicht von Chaussy lässt das den Schluss zu, dass ihn die Traumatisierung durch das erlebte Attentat psychisch stark belastet hatte, ihn immer schwächer und kraftloser hat werden lassen und der Selbstmord des Neonazis seine Erinnerungen aufgewühlt haben und ihm bei seiner angegriffenen Gesundheit den Rest gegeben haben.

Kann so sein. Oder auch nicht. Lauterjung wurde nicht obduziert.

Ich habe da allerdings eine andere Theorie, die den körperlichen Verfall erklären könnte: zu Beginn der 1980er Jahre begann ein kleines Virus zu zirkulieren, das hauptsächlich schwule Männer befiel. Niemand konnte sich auf diese Krankheit einen Reim machen, deren Verlauf rasant verlief und die Patienten schnell dahinraffte. Als man das Virus identifiziert und kurz darauf seinen Übertragungsweg verstanden hatte, waren die Ärzte zwar etwas schlauer, waren aber machtlos gegen den Krankheitsverlauf. Die Krankheit, die man zunächst aufgrund der Symptome deskriptiv AIDS genannt hatte, führte zu einem schnellen körperlichen Verfall und Tod.

Lauterjung, der, wie man dem Bericht entnehmen kann, gern cruiste, fiel genau in dieses Zeitfenster, als sich das HI-Virus unerkannt rasant verbreitete und die Medizin noch keinerlei Therapie dagegen hatte.

In der damaligen Zeit waren sowohl Homosexualität als auch eine AIDS-Erkrankung hochgradig schambehaftet und tabuisiert, so dass Angehörige verklausulierte Erklärungen für den plötzlichen Tod abgaben: Krebs, „kurze schwere Krankheit“ oder Herzinfarkt, wie bei Lauterjung.

Ich verhehle nicht, dass das auch meinerseits ein spekulativer Erklärungsansatz ist, aber im Gegensatz zu Chaussy erhebe ich keinen Wahrheitsanspruch darauf.

Bei der Polizei hatte Lauterjung jedenfalls die Szenerie mit Gundolf Köhler und den beiden Parkaträgern unmittelbar vor der Explosion geschildert. Im Verlauf der Vernehmungen kam er – aus Sicht von Chaussy von den Ermittlern gedrängt oder gelenkt – zu der Aussage, es habe für ihn ausgesehen, als ob Köhler nach einem Schlafplatz suche und sich deshalb mit den Männern unterhalten habe. Die Begegnung sei also, aus Sicht der Polizei, rein zufällig und habe keine Relevanz für die Ermittlungen der Tathintergründe und eventueller Mittäter. Für Chaussy stellt das einen Versuch dar, die Ermittlungen auf einen lebensmüden Einzeltäter zu beschränken und einen etwaigen rechtsextremistischen Kontext zu ersticken. Dies vor dem Hintergrund, dass der seine Wiederwahl anstrebende bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß die Wehrsportgruppe Hoffmann, bei der Köhler an einer Wehrsportübung teilgenommen hatte, verharmlost hatte (was zutrifft).

Chaussy versucht, die Tat des Gundolf Köhler als von der Wehrsportgruppe Hoffmann, von der noch zu reden sein wird, initiiert darzustellen. Chaussy wirft der Polizei und der Bundesanwaltschaft vor, den (möglichen) rechtsextremen Kontext der Tat aus politischen Gründen ausgeblendet, wenn nicht gar vertuscht zu haben.

Die sehr große Schwäche in seiner Beweisführung ist allerdings die, dass niemand außer Lauterjung diese Parkaträger gesehen hat und sie niemals ermittelt werden konnten.

Aus diesem Grund war es der Polizei und der Bundesanwaltschaft nicht möglich, eine valide Aussage über Mittäter oder weitergehende Motive der Tat zu treffen. Nicht ermittelte Täter, bei denen noch nicht einmal klar ist, ob es sie wirklich gegeben hat, sind in der juristischen Realität (die sich, wohlgemerkt, von der tatsächlichen Realität unterscheiden kann) nicht existent.

Das alles haben Chaussy mehrere Bundesanwälte, die Normalsterbliche so gut wie nie zu Gesicht bekommen, persönlich mehrfach auseinandergesetzt. Natürlich hat ein Journalist eine andere Rolle als ein Staatsanwalt, der nur mit der Ermittlungs- und Prozessmaterie arbeiten kann, die ihm konkret vorliegt. Ein Journalist, darf hinterfragen und auch selbst recherchieren. Die Aufforderung des Bundesanwalts Kurt Rebmann, der noch die Terrorverfahren gegen die RAF geführt hat, an Chaussy: „Präsentieren Sie mir doch die Täter!“ ist aus Sicht des Journalisten der Gipfel des Zynismus und der Arroganz einer abgehobenen Justiz.

Aber Stellen wir einmal ein kleines Gedankenexperiment an: angenommen, es hat die beiden Parkaträger wirklich gegeben (was ich persönlich keineswegs ausschließen will). Gundolf Köhler war nach der Aussage von Lauterjung in ein hitziges Gespräch mit ihnen verwickelt.

Kann man daraus schließen, dass sie sich kannten? Vielleicht. Aber gesichert ist das nicht. Vielleicht sind sie über irgendeinen unbekannten Gegenstand in Streit geraten.

Doch selbst wenn es sich um Begleiter oder Mittäter handelte, weiß man nichts über ihr Gesprächsthema. Haben die beiden versucht, Gundolf Köhler zur Tat zu drängen oder nicht vielleicht sogar, ihn von der Tat abzubringen? Niemand weiß das.

Was könnte dies also an Ermittlungsansätzen erbringen? Es sind müßige Spekulationen. Eine solche Beweislage ist für einen Journalisten, der den ganz großen Scoops landen will, verständlicherweise sehr frustrierend, aber eben nicht zu ändern. Die Versuchung, einer Verschwörungstheorie zu erliegen, muss immer bekämpft werden.

Leider geht das bedenklich in diese Richtung, als Chaussy auf mögliche Gladio-Verbindungen und dabei auf das unsägliche Schrottbuch des Verschwörungstheoretikers Daniele Ganser verweist.

Hier hast du mich verloren, Uli!

Die Hand

Und dann ist da noch die Sache mit der Hand.

Unweit der Brausebadinsel wurde nach der Explosion ein „Handfragment“ gefunden. Aus dem Buch wird nicht klar, ob es sich dabei um eine ganze Hand oder mehrere Finger handelte, jedenfalls legt das Wort „Fragment“ nahe, dass es nur der Teil einer Hand war. Chaussy kommt im Verlauf des Buchs zu dem Schluss, dass es sogar zwei Handfragmente gegeben haben müsse.

Köhlers Leiche war die einzige, an der beide Unterarme und ein Unterschenkel fehlten. So lag es nahe, dass er der ehemalige Inhaber dieses Körperteils gewesen war.

Die Polizei hat auch ermittelt, ob Köhler die abgerissene Hand zugeordnet werden konnte. Da ein DNA-Abgleich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht möglich war, da die entsprechende Technik noch nicht erfunden war, gab es nur die Möglichkeit einer serologischen Überprüfung, d.h. eines Blutgruppenabgleichs.

Chaussy schreibt in seinem Buch: Im Schlussvermerk der Soko Theresienwiese heißt es: „Etwa 25 m nordwestlich des Explosionszentrums, auf der Verkehrsinsel des Brausebads, wurden bei der Tatortbefundaufnahme die Reste einer menschlichen Hand gefunden. Eine serologische Zuordnung zur Leiche des Gundolf Köhler war nicht möglich. (Hervorhebung durch mich) Der Abdruck von diesen Fingern war aber identisch mit Fingerspuren, die in schriftlichen Unterlagen des Gundolf Köhler gesichert worden sind. Die zweite Hand von Gundolf Köhler konnte trotz intensiver Suche nicht gefunden werden. Sie dürfte durch den Explosionsdruck zerfetzt worden sein.“

Aus dem fettgedruckten Satz in dem Abschlussbericht zieht Chaussy die Schlussfolgerung, dass die abgerissene Hand, da alle anderen verletzten und verstorbenen Opfer der Explosion noch beide Hände hatten, einem bisher nicht identifizierten Mittäter Köhlers gehören müsse.

Chaussy liest und versteht den Satz so, dass ein serologischer Abgleich stattgefunden hat, die Blutgruppe der Hand aber nicht mit der von Köhler übereinstimmt. Die Übereinstimmung mit Fingerabdrücken auf Unterlagen in Köhlers Wohnung ließen sich dadurch erklären, dass der unbekannte Mittäter Schriftstücke in Köhlers Wohnung berührt habe. Möglich. Aber doch schon sehr an den Haaren herbeigezogen.

Ich bin immer wieder über die phänomenale Unfähigkeit zu logischem Denken bei vielen Journalisten erstaunt. Da das Buch an sich gut geschrieben ist, kann es nicht an fehlender Lesekompetenz liegen. Es muss bei Chaussy ein vorsätzliches Missverstehen vorliegen.

Aus dem Satz in dem Schlussvermerk, der in der Tat mehrere Interpretationen zulässt, ist nämlich keineswegs zwingend zu folgern, dass die Hand einer anderen, nicht-identifizierten Person gehört.

Dass eine serologische Zuordnung nicht möglich war, kann darauf zurückzuführen sein, dass zwar ein Abgleich versucht worden war, aber die Hand so zerstört war, dass kein für eine Probe ausreichendes analysierbares Material entnommen werden konnte.

Es kann in letzter Konsequenz auch bedeuten, dass ein Abgleich zwischen Hand und Leiche auch einfach gar nicht vorgenommen worden ist.

Chaussy kommt dann zu der aus meiner Sicht abwegigen Konklusion, die abgerissene Hand müsse einem Mittäter gehören, der seinen zerfetzten Armstumpf nicht im Krankenhaus habe behandeln lassen, da keine derartige Verletzung in den Tagen nach dem Attentat gemeldet worden war. Ernsthaft!?!

Hier werde ich als Leser langsam echt genervt. Hypothesenbildung, schön und gut, aber das hier geht in Richtung Verschwörungstheorie.

Heute gibt es allerdings die Möglichkeit des DNA-Abgleichs. Für einen neugierigen Journalisten liegt es daher nahe, eine solche anzuregen. Man müsste dazu genetisches Material von Köhler beschaffen, etwa von nahen Angehörigen, um im Wege einer Parentelanalyse Gewissheit zu erlangen, oder in letzter Konsequenz seine Leiche exhumieren, um aus Knochen oder Zähnen DNA zu exhumieren. Sehr aufwendig, aber möglich.

Dazu bräuchte man aber auch noch die abgerissene Hand. Und die ist verschwunden. Sie ist weder in der Münchner Rechtsmedizin, noch beim LKA, noch bei der Bundesanwaltschaft.

Für Chaussy ist das nur ein weiteres Glied in der bayerischen Vertuschungskette, um das rechtsextreme Komplott um die Wehrsportgruppe Hoffmann und anderen Neonazis nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen zu lassen.

Aber jetzt mal im Ernst, Uli: soll der Generalbundesanwalt die vergammelte Flosse jahrzehntelang in einer Tupperdose in seiner Schreibtischschublade aufbewahren und jeweils an seinen Nachfolger übergeben, weil irgendwann mal ein DNA-Abgleich möglich wäre?

Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Hand vermutlich irgendwann vernichtet wurde, weil das Verfahren eingestellt war und in der Asservatenkammer Platz für neue Beweismittel geschaffen werden musste. So einfach ist das. Ockhams Rasiermesser.

Natürlich kann alles auch ganz anders sein und man soll sich anderen Erklärungsansätzen nicht verschließen. Aber wer eine Tatsache behauptet, ist beweispflichtig, sonst ist es eine Spekulation.

Der Attentäter

Kommen wir nun zu dem mutmaßlichen Haupttäter Gundolf Köhler.

Zum Zeitpunkt der Tat wohnte er in Tübingen und stand kurz vor der Exmatrikulation, da er eine Prüfung in seinem Studienfach Geologie nicht bestanden hatte. Er hatte Probleme, Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen. Nach einer angestrebten Karriere als Berufssoldat war er nach seinem Wehrdienst, den er durch eine vorgetäuschte Taubheit vorzeitig beendete, von der Bundeswehr komplett desillusioniert. Er hatte wenige Freunde und galt als eigenbrötlerisch und kauzig.

Er war an Chemie interessiert und hatte in seiner Jugend Sprengstoffexperimente durchgeführt. Auch hing er eine Zeit lang rechtsextremen Ansichten an und hat an mindestens einer Wehrsportübung bei der berüchtigten WSG Hoffmann in Bayern teilgenommen.

Bezüglich seines familiären Hintergrunds hat Chaussy wertvolle Recherchearbeit geleistet. Die in Donaueschingen ansässige Familie Köhler kann nicht als rechtsextrem eingestuft werden. Sein Vater stammte aus Schlesien und floh nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westdeutschland. Gundolfs Vater betätigte sich als gemäßigt Konservativer bei der örtlichen CDU. Die Brüder waren deutlich liberaler, sie neigten der SPD, der FDP und den neu gegründeten Grünen zu.

Gundolf Köhler, das Nesthäkchen der Familie mit konservativem Vater und links-liberalen Brüdern hat, um die Worte eines der Brüder zu paraphrasieren, das in der Familie noch offene Angebot im Parteienspektrum angenommen, was eine interessante psychologische Deutung darstellt.

Das interessante ist, dass die Dinge nicht so eindeutig sind, wie sie sonst dargestellt werden. Denn noch verblüffender ist, dass Gundolf in der Zeit vor dem Attentat den rechtsextremen Ideen abgeschworen und sich den Grünen zugewandt hatte.

Im Buch heißt es dazu:

Christian Köhler gewann ab Anfang 1980 den Eindruck, dass dieser Schock für seinen jüngsten Bruder heilsam war. Jetzt kamen wieder Gespräche in Gang, die zeitweise zwischen ihm und Gundolf gar nicht möglich gewesen seien. Gundolf habe seiner Auffassung nach in dieser Zeit begonnen, zu den konservativen Grünen [sic!] zu tendieren. „Er hat dann mit mir intensiv über die ökologischen Probleme in unserer Gegend diskutiert. Ich stellte fest, dass bei ihm sehr viel in Bewegung war und zwar weg von dieser ursprünglich rechtslastigen Argumentation. Dass das kein nahtloser Prozess war wie eigentlich alles in der Realität, dass das seine Bock- und Seitensprünge hatte, ist natürlich auf der anderen Seite auch klar“. Zumindest kurzzeitig habe Gundolf seine Fühler auch in Richtung der Grünen ausgestreckt, fügt Klaus Köhler hinzu. Der Ortsverband Donaueschingen der Grünen wurde im Frühjahr 1980 noch vor der baden-württembergischen Landtagswahl gegründet. In einigen der ersten Versammlungen am Ort sei Gundolf aufgetaucht, um sich über die neue Gruppierung zu informieren.“ (S. 185)

Ich finde, dass das die These des rechtsextremen Anschlags doch stark relativiert und ich frage mich, warum Chaussy trotz dieser sehr interessanten Elemente trotzdem an seiner These festhält.

Was die Recherchen in der Familie und im Umfeld Gundolf Köhlers ergaben, war das Folgende: er hat sich in einer persönlichen, beruflichen und seelischen Sackgasse gesehen. Er hatte keinen Erfolg bei Frauen, er war von der Bundeswehr enttäuscht, auf die er große Berufspläne gesetzt hatte, er war im Studium durchgefallen und stand unmittelbar vor der Exmatrikulation (der Brief mit dem Exmatrikulationsbescheid ging kurz nach seinem Tod postalisch bei ihm ein).

Es kann sein, dass aus der rein subjektiven Perspektive des Gundolf Köhler und dem Vergrößerungsglas seiner eigenen Psyche ihm seine Situation so ausweglos und düster erschienen ist, dass er sich entschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. Mit einem großen Knall.

Hatte er noch rechtsextremistische Anwandlungen oder nicht? Durchaus denkbar. Auszuschließen ist es jedenfalls nicht, dass er trotz seiner Besuche bei den Grünen, teilweise seine rechtsextremen Ansichten beibehalten hat. Der Mensch ist widersprüchlich.

So einige Journalisten, die auf der Suche nach dem Scoop sind, verrennen sich in abstruse Theorien, ohne das Naheliegende einfach zu akzeptieren.

Chaussy stellt sich die Frage: wenn Gundolf Köhler tatsächlich vorhatte, Selbstmord zu begehen, warum hat er sich nicht mit einem Strick im Wald erhängt, sondern ist eigens mit einer Bombe nach München gefahren und hat Unschuldige umgebracht?

Gute Frage. Legitime Frage.

Aber man kann diese Frage genauso umdrehen: wenn Köhler tatsächlich ein rechtsextremes Fanal setzen wollte, warum ist er dann nach München gefahren und hat fröhliche Wiesnbesucher auf einem dem Alkohol gewidmeten Volksfest ermordet, das nicht gerade als Zusammenkunft von Linken, Juden oder muslimischen Besuchern bekannt war?

Was überwog? Sein faschistischer Menschenhass oder sein Lebensekel aufgrund seines selbstempfundenen Loser-Daseins? Vielleicht eine Mischung aus beidem.

Es kann einfach sein, dass er lebensmüde und depressiv war. Und daneben auch rechtsextrem. Eine ganz banale Erklärung.

So wie das Leben, das allzu oft einfach bestürzend banal ist.

Der Wehrsport-Chef

Chaussy versucht in seinem Buch den Gründer der Wehrsportgruppe Hoffmann mit zwei Attentaten in Verbindung zu bringen: dem Oktoberfest-Attentat und dem Doppelmord von Erlangen, bei dem der Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke erschossen worden waren.

Bei dem Doppelmord von Erlangen besteht tatsächlich eine Indizienkette zwischen der Tat und Hoffmann. Der mutmaßliche Täter Uwe Behrend, der später im Libanon Selbstmord verübte, war Mitglied der Wehrsportgruppe und hatte am Tatort die blaue Sonnenbrille von Hoffmanns Lebensgefährtin verloren. Hoffmann hatte die Tatwaffe verschwinden lassen und Behrend bei seiner Flucht unterstützt.

In einem nachfolgenden Prozess konnte ihm jedoch nicht nachgewiesen werden, dass er im Vorhinein von der Tat wusste oder in sonstiger Form an ihr beteiligt gewesen war.

Beim Oktoberfest-Attentat ist die einzige Verbindung zwischen Gundolf Köhler und Hoffmann die, dass Köhler einige Jahre zuvor an einer seiner Wehrsportübung teilgenommen hat. Auch von einer Beteiligung am Attentat in München wurde Hoffmann freigesprochen.

Karl-Heinz Hoffmann ist eine mysteriöse und undurchsichtige Person, über die es viele Gerüchte aber nur sehr wenige verlässliche Informationen gibt.

Der aus Nürnberg stammende Hoffmann, der in seiner Jugend in Thüringen aufwuchs, hatte eine Ausbildung zum Grafiker absolviert.

Hoffmann, bei dem man nicht so genau weiß, wovon er seinen Lebensunterhalt bestritt, konnte als sein Domizil das Schloss Ermreuth erwerben und sich einen zahmen Puma halten. Offiziell verkaufte er ausrangierte Bundeswehrfahrzeuge an die PLO im Libanon. Ich kenne mich in dem Markt nicht aus, aber ich glaube, man muss schon eine ganze Menge Unimogs verkaufen, um sich ein Schloss leisten zu können.

Offenbar hatte er nebenher eine Menge Zeit, um große Reden zu schwingen und seine Wehrsportübungen abzuhalten.

Auf Fotos trägt er entweder einen lächerlichen Kaiser Franz-Josef-Backenbart oder einen struppigen Salafistenbart.

Das Landgericht Nürnberg-Fürth charakterisierte ihn in einem Urteil von 1976 folgendermaßen: Für das Gericht war er „ein militanter Radikaler faschistoider Ausrichtung“, der Demokratie und Parlamentarismus ablehnte, Wahlen als „für die wahren Ziele des Volkes schädlich“ darstellte, das Führerprinzip vertrat und einen „wehrfähigen Nationalstaat innerhalb des deutschen Lebensraumes“ anstrebte.

War er der eingefleischte Rechtsextremist, als der er beschrieben wurde, oder doch vielleicht eher ein verkappter Schwuler mit Uniformfetisch, der gerne knackige Jünglinge um sich hatte, um sie zu scheuchen und herumzukommandieren, um seinen Herrenmenschen- und Überlegenheitskomplex an ihnen auszuleben?

Wie immer schließt im Leben das eine das andere nicht aus.

Fakt ist, dass er in den 1980er Jahren eine mehrjährige Freiheitsstrafe absaß, aber von der Beteiligung am Oktoberfest-Attentat und vom Doppelmord in Erlangen freigesprochen wurde.

Rechercheansätze

Nach mehreren Jahrzehnten ist es natürlich sehr schwierig, aber nicht unmöglich – wie der Fall Daniela Klette zeigt – Täter und Gehilfen aufzuspüren und Taten vielleicht aufzuklären.

Trotz meiner vorgebrachten Kritik muss man Ulrich Chaussy zugestehen, dass es so einige Ungereimtheiten in dem Fall gibt. Beispielsweise die Unauffindbarkeit der Laborbücher aus dem Jahr 1980 in der Rechtsmedizin. Damit fehlen Angaben über die Obduktion der Leiche von Köhler und der rechtsmedizinischen Untersuchung des Handfragments.

Aber andere Ermittlungsansätze gibt es dennoch.

Woher kam denn eigentlich der Sprengstoff? Dies wurde, zumindest im Buch, nicht geklärt. Weder in Köhlers Elternhaus in Donaueschingen noch in seinem Studentenzimmer in Tübingen hat man Sprengstoffspuren gefunden. Vielleicht hat Köhler die Räume sehr sorgfältig gesäubert, vielleicht haben die Ermittler auch schlampig gearbeitet.

War es überhaupt Köhler, der die Bombe baute? Und wenn nicht er, wer dann?

Woher stammte der Feuerlöscher? Und noch interessanter: woher kam die Mörsergranate, in die der Sprengstoff gefüllt worden war?

Es mag ja so einige Waffensammler und Militariahändler geben, die unter dem Ladentisch mal ein StG44 oder eine MP40 verkaufen. Aber eine Mörsergranate, ist schon etwas sehr Ungewöhnliches und auf diese dürften nur die wenigsten Zugriff haben.

Und was ist eigentlich mit dem guten Grundsatz „Follow the money“?

Wie kommt es, dass jemand wie Hoffmann, der eine Ausbildung zum Grafiker gemacht hat und in seiner Freizeit im Tarnanzug durch die Wälder hüpft, sich ein Schloss leisten kann?

Hat ihm da jemand finanziell unter die Arme gegriffen, damit er seine Aktivitäten ausüben kann? Vielleicht vermögende Alt- und Neonazis?

Oder vielleicht auch die Stasi, die sich gerne ihre eigenen Neonazis hielt, um die Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik abzufucken.

Fragen könnte man ihn jedenfalls, denn der Betroffene lebt noch.

Es ist jedenfalls auffällig, dass so einige Neonazis die in den 1970er und 1980er Jahren tonangebend waren, aus der DDR stammten.

Beispielsweise Udo Albrecht, der aus der DDR floh und Karl-Heinz Hoffmann bei seinem Fahrzeughandel mit der PLO unterstützte, Attentate beging und bei einem Ortstermin an der innerdeutschen Grenze vor der Nase der Staatsanwälte auf das Zonengebiet entkam und heute als verschollen gilt. Er war lange Zeit DDR-Agent.

Oder Uwe Behrend, der Shlomo Lewin und Frida Poeschke mutmaßlich ermordete.

Zu nennen wäre auch der Badener Odfried Hepp, der in die DDR floh und dort als Stasi-IM amtete.

Möglicherweise birgt auch die Stasi-Unterlagenbehörde so einige interessante Überraschungen.

Fazit: eine interessante Recherche, der es aber an Rigorosität und methodischer Strenge mangelt. Leider ordnet Chaussy Rechercheelemente seiner These unter, dass es mehrere Mittäter aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann müssen, was die Beweislage aber nicht hergibt.

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Throwback Thursday

Der Youtube-Algorithmus war der Auffassung, dass ich dieses Video sehen soll.

Es ist ein Mix aus der Mezzanine, der Bar im Nachtclub L’Alcazar. Gewissermaßen das Pendant zur Panoramabar in Berlin. Nur ein wenig schicker, weil: Paris.

Es ist echt gespenstisch. Vielleicht hat mein Telefon Musik, die ich beim Arbeiten höre, belauscht und mir über Youtube das Video kredenzt, so wie man personalisierte Werbung auf Webseiten erhält, wenn man sich über bestimmte Themen unterhält.

Es kann sehr gut sein, dass ich diesen Ambient-Downtempo-Minimal-Mix tatsächlich damals in Paris gehört habe, abends beim Lernen. 19. Juni 2000. Da standen die Semesterabschlussklausuren an. Da war nichts mehr mit Party. Es war Hardcore-Lernphase und alle saßen an ihren Schreibtischen und würgen sich den Stoff rein.

Wenn die Bibliotheken schlossen, ging ich nach Hause und lernte weiter. Die Abende waren warm und noch sehr lange hell. Paris liegt nochmal mehr als 1000 km westlicher als Berlin.

Ich erinnere mich an einen Abend. Schräg gegenüber, über der Wäscherei in der Rue Hyppolite Maindron, feierte ein Mädel aus einer Familie tunesischer Juden ihren Geburtstag. Vielleicht ihren zwanzigsten. Ich hörte orientalische Klänge, Housemusik, Lachen. Ich war kaum älter als sie. Wie gerne wäre ich einfach hinübergegangen. Ich prokrastinierte. Ich wollte überall sein, nur nicht an meinem Schreibtisch und meine bis zum platzen gefüllte Birne noch weiter mit Schemata zum Gesellschaft- oder Arbeitsrecht füllen.

Wie Alices Sturz in den Kaninchenbau zieht mich dieses Video in die Zeit zurück. Die Musik lässt die Stimmung wieder aufleben, wie es sonst nur ein plötzlicher erhaschter Geruch kann. Unglaublich.

Jetzt sitze ich hier in meinem Büro und übe den ungeliebten Beruf aus und denke an die Zeit zurück.

Fred habe ich mit Yvan letztes Jahr in Paris auf dem 45. Geburtstag gesehen und sogar Anfang des Jahres in Helsinki, wo er eine schöne Wohnung im Stadtteil Pasila hat. Die eisige Kälte von – 20 Grad und die Massen an Schnee sind schon Erfahrungen der besonderen Art, die man in Deutschland definitiv nicht mehr macht.

Unsere Kinder spielten gemeinsam Mario Cart auf der Konsole. Daran kann man ermessen, wieviel Zeit schon vergangen ist. Bald werden die Kinder ausziehen.

Die Zeit rast. Man blinzelt einmal und schon ist April, man blinzelt nochmal und es ist August, wenn man ein drittes Mal blinzelt, sitzt man schon in der Weihnachtsfeier und hat zwei Glühwein intus und die Strafverteidiger im Haus erzählen ihre besten Geschichten aus der Blut-und-Sperma-Abteilung und lästern über Richter, Staatsanwälte und Kollegen.

Das Jahr in Paris liegt schon Äonen zurück. Die Welt hat sich schon lange weitergedreht. Die Musik zieht mich für eine kurze Weile dorthin zurück.

Ich versinke in cosy Erinnerungen. Sehe mich im Lesesaal im Centre Pompidou hinter Bücherregalreihen vergraben, in der Bibliothèque Sainte-Geneviève. Mit einem Joint am Ufer der Seine.

Der Mix ist vorbei. Ich ziehe die Tür zu. Die Geister kommen.

(Memo an mich selbst: Google home microphone deaktivieren)

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Kurzfilm, die Zweite

Banlieue sucht den Superstar.

Normalerweise bin ich kein Freund der chinesischen Propaganda-App Tiktok, aber bisweilen findet man dort urkomische kleine Sketche und Musikstücke. Hier etwa, wie es aussehen würde, wenn Gangsterrapper das Intro von Kindersendungen vertonen würden.

@ad4reaal_

Épisode 4 | Si on avait fait le générique de Petit Ours Brun 🐻 #generique #fyp #fypシ #generiquedessinanime #pourtoi #foryou #petitoursbrun

♬ son original – AD 🥷
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