Kurzfilm, die Erste

Osteuropa, insbesondere Tschechien war bis in die 90er Jahre das europäische Zentrum für Zeichentrick- und Animationsfilme.

Warum das so war, weiß ich nicht. Vielleicht gab es im Kommunismus nicht genug Geld für richtige Spielfilme? Oder es gab zu viel Überwachung durch die Staatssicherheit? Oder die Zeichentrickfilme waren eine Form von Eskapismus?

Erklärungsansätze sind willkommen.

Hier ist ein Film, den ich vor sehr langer Zeit, als ich noch in Berlin lebte, bei einem Filmfestival im Kino Babylon gesehen habe und der mich dermaßen fasziniert hat, dass ich immer wieder an ihn zurückdenken muss.

Es ist ein Stop-Motion-Film, nur dass der Künstler hierfür Sand nutzt, er nennt diese Technik „Sand Animation“.

Dieser sehr kurze Film des Ungarn Ferenc Cakó hat mich nicht nur durch seine Kunstfertigkeit in seinen Bann gezogen, sondern auch durch eine faszinierend-hypnotische Mixtur aus der dräuenden Musik, den düsteren Szenerien und den darin auftauchenden Symbolen: immer wieder dunkle Vögel, eine Frau die mit flatterndem Mantel im Wind an einer Klippe steht.

Ich habe mir immer vorgestellt, dass dieser Film eine Allegorie auf die Vergänglichkeit (und vielleicht auch Vergeblichkeit) des Lebens ist.

Sehen Sie selbst:

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Im Auge der Drohne

Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir den langsamen Takten des Walzwerks der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam erschauern. Ahnten wir, daß fast alle verschlungen werden sollten an Tagen, an denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhörlich rollendem Donner – der eine früher, der andere später?

Ernst Jünger, In Stahlgewittern

In wenigen Wochen jährt sich der Beginn des Russisch-Ukrainische Krieges zum zweiten Mal.

Für die Menschen im sicheren Westen ist der Ukrainekrieg etwas Abstraktes: Soldaten sterben, Material wird zerstört. Es sind Zahlen, Daten, Fakten.

Wie wichtig ist dagegen das Trennungsdrama von Oliver und Amira Pocher, das seit Wochen die von der BILD-Zeitung gesteuerte deutsche Ochlokratie in Atem hält, nachdem das Trennungsdrama von Peter Klein und Iris Katzenberger ein wenig an Interesse eingebüßt hat. Abgelöst wird es sicher durch die nächste, tagelange Artikelserie über irgendeinen völlig verdummten Fußballspieler, der seinen neuen Lamborghini Huracán geschrottet hat.

Was von der deutschen Bevölkerung mit allgemeinem Desinteresse zur Kenntnis genommen wird, ist jedenfalls für mich ein Vorbote von drohendem Unheil. Natürlich ist es ein Charakteristikum der menschlichen Natur, sich möglichst schnell an neue Situationen anzupassen und das, was noch kurz zuvor unnormal war, als völlig gewöhnlich zu akzeptieren. Und dennoch. Ein konventionell geführter Krieg mit zigtausenden Toten auf europäischem Gebiet ist nicht normal.

Nie hätte ich es ernst genommen, wenn man mir vor 25 Jahren vorausgesagt hätte, dass in Europa ein „full-scale“-Krieg geführt wird und dass Russland (?!?) tatsächlich ein europäisches (im geographischen Sinn) Land angegriffen hat.

Als Kinder der 90er waren wir naiverweise davon überzeugt, die Zeit der Kriege und Konflikt sei überwunden.

Doch das war ein Trugschluss. Diese Zeiten sind vorbei. Lange vorbei.

Wie im August 1914 haben sich die Organisatoren der „militärischen Spezialoperation“ völlig verschätzt. Man kennt das berühmte alte Foto mit den Landsern des kaiserlichen Deutschen Heers, die lachend aus dem mit den Kreidesprüchen wie „Auf in den Kampf mir juckt die Säbelspitze“, „Ausflug nach Paris“, „Auf Wiedersehen auf dem Boulevard“ beschrifteten Eisenbahnwaggon winken.

Was eine fünftägige Landpartie mit anschließender Blumenparade auf dem Chreschtschatyk werden sollte, hat sich zu einem barbarischen Gemetzel ohne Aussicht auf ein Ende des Schlachtens ausgewachsen.

Ein anschauliches Beispiel für das, was Helmut von Moltke mit seinem berühmten Zitat gemeint hat: „Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.“

Es scheint, als ob sich die Charakteristika der beiden Weltkriege kombiniert hätten: der Stellungs- und Grabenkrieg und die granattrichterübersäten Landschaften aus dem Ersten und die Panzerschlachten und Raketenangriffe aus dem Zweiten.

Ein neues Element ist heute hinzugekommen, das die hergebrachte Kriegsführung völlig auf den Kopf stellt: Drohnen.

Einen Vorgeschmack darauf haben die Kämpfe in Bergkarabach geboten, als klar wurde, in welcher Rekordzeit die aserbaidschanischen Streitkräfte mit ihren aus der Türkei gelieferten Drohnen die armenischen Verbände ausradiert haben, ohne dass diese auch nur das Geringste entgegensetzen konnten.

Bei Drohnen denkt man gemeinhin an die fliegenden Kawentsmänner aus den USA, die martialische Namen wie Predator oder Reaper tragen. Man stellt sich vor, wie sie von einem übergewichtigen Soldaten irgendwo auf einer Luftwaffenbasis in Iowa gesteuert werden, in der einen Hand einen angebissenen Burger in der anderen den Joystick, während er auf Bildschirmen die Fahrt eines Toyota-Pickup mit irgendeinem Al-Qaida-Emir irgendwo im syrisch-irakischen Niemandsland verfolgt, und im geeigneten Augenblick eine Hellfire-Rakete abfeuert, die den bärtigen Kackvogel zu seinen 72 Jungfrauen befördert.

Aber um solche millionenteuren technischen Kunstwerke im Gegenwert einer Luxusyacht geht es hier nicht, sondern um kleine, handelsübliche Quadrocopter von DJI oder Parrot, die man für ein paar hundert Euro bei Amazon oder Conrad bestellen kann.

Eine kleine, neuartige Waffe, die, so unscheinbar sie auch sein mag, eine totale Disruption auf dem Schlachtfeld herbeigeführt hat.

Es gibt nun nicht mehr nur die „blinden“ Artillerieschläge, bei denen man die Flugbahnen der Granaten irgendwie vorausberechnen oder -ahnen und sich in Deckung werfen kann.

Jetzt wird die Sprengladung direkt über den Köpfen der Kampfbeteiligten abgeworfen. Es gibt kein Entkommen mehr.

Wenn man zum Ukrainekrieg recherchiert, dann kommt man nicht umhin, gewisse Twitter- und Telegram-Kanäle oder Gore-Seiten zu abonnieren. Sie tragen Namen wie, „Death District“, „Fertilizer Finder“ oder „Gruz-200“ („Ladung 200“), seit Sowjetzeiten ein Militärcode für einen Leichentransport und noch andere ausgefallene Namen, auf denen es jeden Tag dutzende Videos mit „Combat footage“ gibt.

Das so beruhigend und sedierende Gefühl des „Abstrakten“ der Info-Häppchen aus dem heute-journal, das man so einfach von sich wegschieben kann, weicht dann sehr schnell Konkreterem.

Die Ukrainer haben ihre waffenmäßige Unterlegenheit zwangsläufig sehr schnell durch Erfindungsgabe ausgeglichen und gelernt, die kleinen Drohnen nicht nur zu Aufklärungszwecken, sondern auch als Waffen zu nutzen.

Sie haben ein bemerkenswertes Geschick entwickelt, Handgranaten mit bunten Stabilisierungsflügeln aus dem 3D-Drucker, die sie mit einer Auslösevorrichtung an kleinen Drohnen befestigen, selbst aus relativ großer Höhe zielsicher in das Turmluk eines Panzers fallen zu lassen und damit Kriegsgerät im Wert von Millionen mit einem kleinen Fluggerät für ein paar hundert Euro zu zerstören.

Neuerdings befestigen sie auch Panzerfaustgranaten an größeren Drohnen. Auf dem Übertragungsvideo sieht man vorne einen verbogenen Draht, wie aus einem Kleiderbügel zurechtgebogen, von dem ich annehme, dass es sich hierbei um eine Aufschlagzündervorrichtung handelt.

Die Drohne fliegt hinter einem Panzer oder einem LKW hinterher, manchmal sieht man noch die im Entsetzen verzerrten Gesichter der Soldaten, kurz bevor das Rauschen auf dem Bildschirm einsetzt.

Was an der Front vorgeht, war noch in jüngster Zeit ein großes Rätsel. Die Drohnenkameras, die GoPros und die Mobiltelefone lüften die Geheimnisse der Front. Man sieht viel Bizarres in den Videos. Schreckliches. Grauenerregendes. Dinge, die jede Vorstellung von Krieg als etwas Heroischem und Abenteuerlichen austreiben:

Soldaten, die sich in einer kümmerlichen Grube verkrochen haben und zwei Granaten von der Drohne kriegen und wie Stoffpuppen durch die Luft gewirbelt werden.

Einer versucht seine Gedärme im Bauch zu halten, die aus einer großen Wunde hervorquellen. Man sieht die schnappende Atmung der letzten Atemzüge.

Andere werden beim Scheißen getroffen. Einer sogar beim Wichsen.

Ein anderer, der sich hinter einem zerschossenen Panzer versteckt hatte, wird von einer Drohne gejagt. Wie in einem alptraumhaften Slapstickfilm, klettert er auf den Panzer, springt herunter und rennt um den Panzer herum, um vor ihr davonzulaufen wird aber von der Drohne – die von einem bemerkenswert geschickten Drohnenpiloten gelenkt wird – erfasst und durch eine Explosion getötet.

Welchen Horror muss dieser Mann in seinen letzten Augenblicken durchlebt haben?

Wieder ein anderer hat sich ein Loch in die Grabenwand gegraben und die Leichen seiner Kameraden als Schutz davorgestapelt. Was für ein grauenerregender Anblick, welch alptraumhafte Situation, vom Leichengestank gar nicht erst zu reden.

Das unerbittliche , gleichgültigen Kameraauge der Drohne filmt, wie er sich, vom ihn allumgebenden Grauen besiegt, den Lauf seiner Kalaschnikow in den Mund steckt und abdrückt.

Im vergangenen Jahr sah man auch Verwegene, die der Kamera den Mittelfinger zeigten, bevor die Granaten herabsegelten.

Heute sieht man die Frontschweine, denen alles Menschliche abhandengekommen sind, dem Okular und den Drohnenpiloten an ihrem Bildschirm ein flehendes Gesicht und gefaltete Hände entgegenhalten, bevor sie sterben.

Zu den Todesbildern läuft ukrainische Popmusik, melancholischer Trance, House, Hardbass, Phonk oder manchmal sogar Jazz, was die Bilder noch surrealer erscheinen lässt. Es gibt auch ganze Kompilationen, die gerne mit Death-Metal unterlegt sind.

Oder wie hier mit einer gechillten Ambient-Mukke.  

Es hat für mich etwas von einem depersonalisierenden Drogentrip, einem Weltkrieg ruhig bei seiner Entfaltung zuzusehen und diese ästhetisierende Snuff-Videos in HD zu betrachten.

ACHTUNG GEWALTDARSTELLUNG UND TOD

Sehr bizarr. Sehr, sehr bizarr.

Es ist echt brutal anzusehen, aber das ist der Krieg und Invasoren müssen sterben.

So lautet das Gesetz seit jeher. Und ist auch seit fast 80 Jahren in Art. 51 UN-Charta kodifiziert.

Irgendjemand hat diesen armen Irren erzählt, sie würden für „Mat Rossija“ kämpfen oder das Neonazi-Regime in Kyiv vernichten, in der Realität kämpfen sie für die imperialistischen Großmachtphantasien eines hasszerfressenen Diktators und krepieren einsam und allein, fern von ihren Lieben mit abgerissenen Gliedmaßen in Schnee und Kälte.

Niemand kann die unermessliche Einsamkeit desjenigen nachempfinden, der in einem zerschossenen Wald steht und das Surren der Drohne über sich hört, einsam und ganz allein. Ohne Möglichkeit, ihr zu entkommen. Und darauf zu warten, dass die Granaten auf ihn herabfallen und seine Gliedmaßen zerfetzen und seinen Körper mit Schrapnellen zu durchbohren.

Von dem kalten Kameraauge beobachtet, mutterseelenallein.

Doch es nicht wahr, dass er einsam und unbeobachtet stirbt. Denn die Drohnenvideos werden über Twitter-Feeds und Gore-Seiten verbreitet.

Das elende Sterben wird von unzähligen Usern in aller Welt, von Oslo bis Rio de Janeiro verfolgt, die zwischen zwei Pornovideos an einem mit vollgewichsten Taschentüchern bedeckten Schreibtisch ein paar Kriegsvideos reinziehen,  die sie mit zynischen und misanthropischen Kommentaren garnieren à la: hier ist jemand, der definitiv einen schlechteren Tag hast als du. Oder: er kam in die Ukraine und verlor den Kopf. Oder: Oh, das hat jetzt aber bestimmt ein bisschen geziept.

Diese Videos lösen zwei Arten von gegensätzlichen Impulsen aus.

Natürlich ist der erste Reflex zu denken: „Tja, Jewgeni, selbst schuld. Du hättest niemals aus deinem stinkenden Plattenbau in Nowosibirsk in die Ukraine kommen dürfen, dann wärst du nicht in dieser Lage.

Und doch: wenn man nur einen winzigen Funken Menschlichkeit hat, dann fühlt man natürlich -trotz allem -, als Mann, als Mensch mit diesem armen Schwein.

Was für ein mieser, räudiger Tod. Unter welchen Bedingungen das arme Schwein stirbt. In der Kälte, ganz allein, fern von zu Hause. Das wünscht man keinem.

Der Sinn dieser kleinen Abhandlung ist der folgende:

Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob die Menschen hier in diesem Land die Dringlichkeit erkannt haben.

Sollte, nur mal angenommen, Trump erneut zum US-Präsidenten gewählt werden, steht die NATO in ihrer derzeitigen Form auf der Kippe. Das ist zumindest Stand jetzt keineswegs unwahrscheinlich und ich kann nur davor warnen irgendwelche unbrauchbaren Prognosen hierzu vom umstrittenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Komplex Glauben zu schenken, der aus ideologischen Gründen irgendwelche demokratischen Hinterbänkler hochjazzt und bisher bei wichtigen Ereignissen immer danebengelegen hat.

Wenn das nämlich eintritt, dann werden wir kaum wissen, welcher der üblichen Schweinepriester Putin, Xi Jinping oder Erdogan unsere absolute Wehr- und Hilflosigkeit (und Kollaborationsbereitschaft) als erster ausnutzen wird. Oder irgendein anderer Bastard, den wir jetzt noch gar nicht auf dem Zettel haben.

Wenn ich mir so die Gesichter auf der Straße ansehen, dann sehe ich vor allem eine Masse, deren große Mehrheit nichts anderes tun wird, als sich so schnell wie möglich vor dem neuen Tyrannen auf den Boden zu werfen und seine Stiefel zu lecken, „um ihre Ruhe zu haben“.

Menschen, die bereitwillig Ausgangssperren respektiert und vor dem Restaurantbesuch brav ihren Impfnachweis vorgezeigt haben, braucht man überhaupt nicht erst zu konditionieren. Die geborenen Sklaven ohne jeden Freiheitssinn oder Selbsterhaltungstrieb.

Alles, wozu noch die erschlaffte Vitalität noch in der Lage ist, sind ein paar passiv-aggressive Kommentare unter einem Tweet.

Vielleicht also auch bald in unseren Gefilden. Wer weiß das schon….

Zum Glück fließt das Blut meiner Landsleute nicht umsonst in meinen Adern.

Sic semper tyrannis!

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Tickende Zeitbomben

Mal wieder ein Artikel mit Crime Content. Der Artikel stammt aus der französischen Zeitung „Le Monde“. An sich wollte ich nicht mehr übersetzen, weil das doch schon sehr zeitraubend ist, besonders bei langen Artikeln.

Aber dieser Artikel hat mich noch eine ganze Weile lang nachdenklich zurückgelassen, so dass ich die Weihnachtsfeiertage genutzt habe, um ihn ins Deutsche zu übertragen.

Der Bericht über ein Terrorverfahren gegen Jugendliche, dich sich in Online-Foren über Anschlagspläne ausgetauscht haben, verdeutlicht ein wachsendes Unbehagen in der westlichen Jugend, die meiner Meinung nach ein Widerhall der zwischenmenschlichen Gewalt der Erwachsenen ist. Spüren die jungen Menschen den Stress und den Hass, der unter den Erwachsenen herrscht? Wittern sie das Herannahen des Weltkriegs, der sich am Horizont zusammenbraut? Was sagt die zunehmende Verrohung und Dehumanisierung über unsere Gesellschaft und das Zusammenleben aus?

Ein wichtiger Punkt, der aus dem Artikel hervorgeht und bisherige Berichte nur bestätigt, ist die tiefgreifende Verletzung, die Mobbing in der Schule hervorrufen kann. Die Hilflosigkeit und Demütigung führen bei manchen Kindern zu einem unkontrollierbaren Hass. Ich denke, das ist auch auf Deutschland übertragbar. In der jüngeren Vergangenheit gab es auch hierzulande aufsehenerregende Mordfälle, an denen strafunmündige Kinder, darunter auch auffällig oft Mädchen, beteiligt waren.

Für mich sind dies besorgniserregende Vorboten von Unheil und ein ungutes Zeichen für den Zustand unserer Gesellschaft.

Daneben gibt es ein, zumindest für mich, interessantes juristisches Problem: nämlich, ob man tatsächlich den Tatbestand der Bildung einer terroristischen Vereinigung annehmen kann, deren Mitglieder sich niemals im wirklichen Leben getroffen haben, sondern nur in Chaträumen von Online-Foren kommuniziert haben. Vielleicht ist das ein französisches Spezifikum, vielleicht wäre das aber auch in Deutschland möglich, aber ich mache viel zu wenig (Jugend-) Strafrecht, um hier eine valide Aussage treffen zu können.

Hier ist die Übersetzung:

„Ich will Menschen töten“: wenn die dschihadistische und die Nazi-Ideologie den Hass und das Leiden von abgeglittenen Jugendlichen kapern.

Drei Männer und eine Frau im Alter von 16 bis 19 Jahren, die von dschihadistischer und ultrarechter Gewalt fasziniert waren, tauschten sich im Internet aus und planten Terroranschläge, um „Rache an der Menschheit“ zu nehmen. Die für Terrorverfahren mit einer Sonderzuständigkeit ausgestattete Staatsanwaltschaft PNAT (Parquet national anti-terroriste) hat sie wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung angeklagt.

Es sind abgedriftete, haltlose Jugendliche. Sie waren Opfer von Schulmobbing, sexuellen Missbrauchs oder ihres eigenen Verfolgungswahns. Sie haben sich isoliert, sich in ihr Zimmer verkrochen und sich mit dem Internet verbunden. Sie haben Online-„Freunde“ gefunden, ihre einzigen Freunde auf Foren für Schul-Amokläufen, Nazi-Ideologie oder Dschihadisten-Propaganda. Sie haben Enthauptungsvideos geteilt und Fotos von Amokläufen, die ihre Faszination für den Tod und Gewalt versinnbildlichten.

Sie wollten „Köpfe abschneiden“, „Menschen massakrieren“. Sie bezeichnen sich als Rassisten oder Dschihadisten, sie teilen einen unauslöschlichen Hass gegen die Menschheit, den nichts lindern kann gegen ihre Mobber, ihre Missbrauchstäter, Muslime, Juden, Schwarze, Frauen und andere.

Sie haben untereinander über Terroranschläge gesprochen. Sie haben phantasiert „Ungläubige“ oder „Neger“ zu töten. Sie haben Sprengsätze hergestellt und Bekennervideos gedreht in der Hoffnung, dass ihre Wut vor den Augen der Welt zerbirst, dass man von ihnen spricht, dass man sich nach ihrem Tod an ihr „Werk“ erinnert. Sie sind zwischen 16 und 19 Jahren alt. Es sind noch Kinder. Unglückliche und gefährliche Kinder.

Diese Ermittlungen der Antiterror-Justiz hatten, wie so oft, durch einen Hinweis begonnen, der ein unmittelbar bevorstehendes Anschlagsprojekt meldete. Doch beim Stürmen von Lounas Zimmer (alle Namen geändert), die gerade 18 Jahre alt geworden war, haben die Polizisten schnell verstanden, dass das klassische Antiterror-Handbuch in diesem Fall nicht ausreichen würde, um alle Nuancen dieses Falls zu erfassen.

Louna ist zwar von der Terrororganisation Islamischer Staat fasziniert, hat aber auch in großes Interesse am Nationalsozialismus. Im Internet unterhielt sie sich im Übrigen über Anschlagspläne mit drei Jungen, die nicht alle gemeinsame Überzeugungen teilen: einer von ihnen ist ein brillanter 17-jähriger franko-japanischer Schüler, der davon träumt nach Syrien zu gehen; die beiden anderen sind 16 und 19 Jahre alt, von Adolf Hitler fasziniert und planen ein Massaker in einem Gymnasium oder in einer Moschee.

Dieser Fall, ein Zusammentreffen von Ideologien, die a priori nichts gemein haben, hat über längere Zeit die Antiterror-Justiz in Verlegenheit gebracht. Wie kann man das Motiv von Beschuldigten qualifizieren, die sich zu einem Anschlagsprojekt zusammenschließen, die jedoch auf ideologischer Ebene gegensätzlicher nicht sein könnten?

Indem sie das Intime hinter dem Politischen, den Impuls hinter den Worten enthüllen, laden die Ermittlungen dazu ein, über die Art und Weise nachzudenken, wie radikale Ideologien, das psychische Chaos abgedrifteter Jugendlicher kapern.

Nach zwei Jahren dauernden Ermittlungen hat die Antiterror-Staatsanwaltschaft PNAT in ihrer Anklageschrift vom 2. Oktober 2023, die ‚Le Monde‘ einsehen konnte, beantragt, dass gegen diese vier Jugendlichen ein Verfahren wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung („association de malfaiteurs terroriste“) eröffnet wird.

Blut auf meinem Gesicht

Als Ermittler des Inlandsgeheimdienstes DGSI (Direction générale de la sécurité intérieure) am 4. April 2021 nach einem Hinweis eines ausländischen Nachrichtendienstes über einen geplanten Anschlag auf eine Kirche in die Familienwohnung von Louna in Béziers (Département Hérault) eindringen, gewahren sie eine verwahrloste und vermüllte Wohnung.

Im Zimmer der jungen Frau stoßen die Ermittler auf ein kleines Chemielabor mit zahlreichen Stoffen, um Sprengsätze herzustellen. Ein Messer liegt auf dem Nachttisch neben einem auf Hochglanzpapier gedruckten Foto des abgeschnittenen Kopfes des Geschichts- und Erdkundelehrers Samuel Paty.

Im Zimmer finden sie zudem zwei Fotos des Schulamoklaufs von Columbine, der im Jahr 1999 dreizehn Tote gefordert hatte und ausgedruckte Fotos von Dschihadisten.

Der bedeutendste Fund ist jedoch ein Spiralblock mit 57 vollständig beschrifteten Seiten, ein langer, handschriftlicher Alptraum, der mit dem Satz beginnt: „Ich werde euer Blut auf dem Gesicht haben“.

Das Heft enthält Anleitungen zum Bombenbau, Einzelheiten zum einem Anschlagsprojekt samt Grundriss einer Kirche in Béziers, das auch die Zeiten des Publikumsverkehrs erwähnt, einen Plan ihres ehemaligen Gymnasiums, einen anderen von ihrem Wohnhaus sowie eine Liste von jüdischen Einrichtungen. Louna schreibt: „Träume von einem Land des Dschihad, wo ich Menschen massakrieren kann.“

Im Verlauf der Seiten notiert die junge Frau die kleinsten Details ihrer mörderischen Pläne und ihre Faszination für das „Leiden“ anderer, ein Wort, das ihr Manuskript durchzieht und ein Echo ihres eigenen emotionalen Zustands zu sein scheint.

Ich habe gelernt einen Menschen zu enthaupten“, schreibt sie, „ihr müsst auch auf den Bauch legen und ich schneide eure Kehle ein, bis sie vom Körper getrennt ist, ich tue es langsam, um ein intensives, langsames, schmerzhaftes Leiden zu verursachen (…). Ich will Menschen aus reiner Freude töten (…). Waa, ich habe eine solche Lust zu töten, es ist echt voll krank, ich muss töten, verdammte Scheiße.“

Das junge Mädchen hat sich in ein unermessliches Unwohlsein verrannt: „Dieses Gefühl, wenn dich buchstäblich nichts glücklich macht (…) Ich hasse einfach die ganze Welt, ich weiß nicht mal, ob ich Hilfe brauche oder ich einfach alles tun sollte, was ich im Kopf habe, das menschliche Leben zählt verfickt nochmal nichts.“

Ihr Durst nach „Rache“ ist total, absolut, ohne fest definiertes Objekt: sie verabscheut ihre Nachbarn, Juden, Homosexuelle, Schwarze, Armenier, Behinderte, Christen, Inder, schließt nicht aus, Muslime zu töten und träumt von einem Paradis, wo nur noch „Weißhäute“ leben: „Ich kann diese Neger nicht ausstehen.“

Enthauptungen finde ich am besten

Dieser vollständige Hass und ihre obsessive Leidenschaft für Enthauptungen haben sie natürlicherweise dazu gebracht, sich für den Islamischen Staat und seine ultrabrutale Propaganda zu interessieren. In ihrem Telefon wurden 137 dschihadistische Videos gefunden, darunter die abstoßendsten, wie das von der Hinrichtung eines jordanischen Piloten, der bei lebendigem Leib von der Terrorgruppe in einem Käfig verbrannt worden war oder dieses Lernvideo, das von dem französischen Dschihadisten Youcef Diabi gedreht worden war und wo dieser an einem lebenden, gefesselten Gefangenen verschiedene Arten einen Menschen mit dem Messer zu töten vorführt.

Auf Telegram hat Louna die Bekanntschaft eines anderen jungen Radikalisierten gemacht, Takeshi, ein 17-jähriger franko-japanischer Student. Sie will sich ein Sturmgewehr besorgen, er würde sie gerne heiraten, bevor er nach Syrien geht. Das Profil der beiden Jugendlichen ist jedoch diametral entgegengesetzt: Takeshi lebt in einem schicken Viertel von Paris, Louna in einer Bruchbude in Béziers; er ist hochbegabt, hat zwei Klassen übersprungen und hat eine Vorbereitungsklasse [für die Grandes Écoles, AdÜ] an einer der besten Schulen der Hauptstadt besucht, sie hat die Schule seit zwei Jahren aufgegeben. Doch auch er ist einsam, introvertiert und war Opfer von Schulmobbing.

Um ein Abgleiten in die Depression zu verhindern, konvertierte Takeshi mit 14 Jahren zum Islam. Von nun an träumt er davon, sich einer dschihadistischen Gruppierung anzuschließen, die in der Region von Idlib in Syrien von Omar Omsen, einem Franzosen senegalesischer Abstammung aus Nizza gegründet worden war, um dort im Krieg „auf eine Weise zu sterben, die mit seiner Religion kompatibel“ ist, zu sterben.

Louna will lieber in Frankreich töten und sterben.

– „Glaubst du, eine Frau kann das machen? Frankreich angreifen?“, fragt sie ihn.

– „Wenn das für dich bedeutet, Zivilisten zu töten, dann bringt es nichts und ich schwöre bei Allah, dem sehr Erhabenen, dass es eine enorme Sünde ist“, versucht Takeshi sie davon abzubringen, der sie lieber heiraten würde.

– „Wärst du imstande, jemanden zu töten?“

– „Natürlich, aber es kommt darauf an, wen. Wenn es ein Soldat Assads ist, dann mach ich ihn ohne Probleme kalt.“

– „Durch Enthauptung. Enthauptungen finde ich am besten“, jubelt Louna.

– „Du bist echt ein bisschen abgedreht“, wundert sich der Junge. „Oft bevorzugen Mädchen etwas Milderes“.

– „Nein, die Person soll einfach so dermaßen leiden. Und lebendig verbrennen. Ich hab das Video gesehen“.

– „Ich sehe mir solche Videos nicht gerne an. Ich bevorzuge Al-Qaida. Das ist doch schöner mit den Flugzeugen“, wiegelt der Jugendliche ab.

Wurde ich vergewaltigt?

Trotz seines Versprechens auf Gewalt scheint der Dschihad nicht in der Lage zu sein, all den Zorn zu absorbieren, der Louna überwältigt hat. Ihr inneres Chaos treibt sie auch zu einer anderen Ideologie: dem Nationalsozialismus.

In ihr Heft hat sie einen Dschihadisten und einen Nazi-Soldaten neben einem enthaupteten Kopf gezeichnet oder ein Hakenkreuz mit folgenden Inschriften „Frankreich den Franzosen“, „Antifa = eine Kugel“, „Neger raus“. Sie versucht sich bereitwillig an der deutschen Sprache („Arbeit macht frei“), bis dahin, dass sie ihre Vorliebe für Enthauptungen in die Sprache Goethes übersetzt. „Sie schwankt zwischen einer Faszination für den Islamischen Staat und für den Nationalsozialismus“, resümieren etwas desorientiert die Ermittler.

Sie wurde mit drei Schwestern und einem jüngeren Bruder von einer atheistischen, arbeitslosten, aus Marokko stammenden Mutter aufgezogen, die sich von dem alkoholsüchtigen uns sehr kranken Vater hatte scheiden lassen. Louna ist in einer Familie aufgewachsen, in der eine „sehr große soziale und intellektuelle Prekarität“ vorherrschten. Wie ihr jüngerer Bruder und eine Schwester wurde sie in einem Kinderheim untergebracht, aus dem sie fortgelaufen ist. Seit zwei Jahren von der Schule abgemeldet, „selbstmordgefährdet“ und „einsam“, verbringt sie die Tage in diesem Zimmer, dessen Türklinke sie mitnimmt, wenn sie ausgeht, so dass keiner ihrer Familienmitglieder realisiert hatte, dass sich das Zimmer in eine dem Verbrechen geweihte Kapelle verwandelt hatte.

Während ihres Polizeigewahrsams kommt bruchstückhaft ein wenig Aufklärung bezüglich der Gründe für ihr Abgleiten an Licht. Sie erwähnt namentlich sexuelle Missbrauchstaten, die zwei Jahre zuvor an ihr durch einen Nachbarn im selben Stockwerk begangen worden seien, wonach sie im Anschluss daran begonnen habe, Gore-Videos anzuschauen.

Eine Begebenheit, die an den Plan ihres Wohnhauses gemahnt, den man in ihrem Heft gefunden hatte und die Tatsache, dass sie „Nachbarn“ als Ziele ihrer potenziellen Tatbegehung genannt hatte.

Eine der Abfragen, die sie im Internet getätigt hatte, lautete: „Wurde ich vergewaltigt?“. Zwei andere Aufrufe ähnelten Hilferufen: „Einem Kind oder Jugendlichen helfen, das sich selbst verletzt“ und „Täter von Schulamokläufen, Warnsignale“.

Nicht praktizierende“ Muslimin, wie sie gegenüber den Ermittlern klarstellt, erklärt Louna, dass sie sich dem Dschihadismus und dem Nationalsozialismus angenähert habe, um ihre makabren Obsessionen in einer Art kathartischer Gegen-Gewalt zu befriedigen. „Ich habe mich ausschließlich mit diesen beiden Ideologien befasst, um meine Faszination für den gewaltsamen Tod zu rechtfertigen. Ich glaubte ernsthaft weder an die eine noch an die andere.“

Im Verlauf ihrer Verirrungen hat sie sich im Übrigen an Diskussionsgruppen beteiligt, die nichts wirklich Politisches mehr hatten: es ging um Serienmörder und Schulamokläufe. Auf diese Weise hat sie die beiden anderen Mitbeschuldigten kennengelernt: Raphaël und Ugo.

Raphaël und die Schulschießereien

Es war während des Lockdowns in der ersten Covid-19 Epidemie im Frühjahr 2020 als die die Jugendlichen ihre unendliche Einsamkeit gebrochen haben, indem sie auf Foren mit anderen Jugendlichen diskutierten, die genauso verloren waren wie sie. Sie sind sich auf True Crime Community begegnet, einer Internetgemeinde, die von Kapitalverbrechern und Schulmassakern fasziniert ist.

Der jüngste des Trios, Raphaël, 16 Jahre, lebt in einer kleinen Gemeinde im Département Haut-Rhin. Er ist ein Schulversager, sozial isoliert und fühlt sich unwohl in seiner Haut. Die meiste Zeit spielt er Ballerspiele in seinem Zimmer. Auf True Crime Community hat er endlich Jugendliche kennengelernt, die ihm gleichen und hat eine Leidenschaft für „Kannibalen und Mörder“ entwickelt, die seiner Wut eine Gestalt geben. Seine eigene Mutter bezeichnet ihn als „Zeitbombe“, selbst wenn sie ihn für zu introvertiert hält, um anderen Gewalt anzutun.

Er hat den Ermittlern von dem narzisstischen Gewinn erzählt, den er aus dem geteilten Verlangen für Gewalt gezogen hat: „Es ist ein Weg, der sich mir eröffnet hat, nachdem ich einmal dieser Gruppe beigetreten bin (…) Ich mag diese Gewalt“, hat er erläutert und erklärt, dass er sich „wie Gott“ fühle, wenn er in diesem Milieu verweilte. „In all diesen Jahren wurde ich geärgert und gedemütigt“, schreibt er in einer Notiz, die in seinem Telefon gefunden wurde. „Ich werde mich an der Menschheit und an euch allen rächen (…) Ihr habt mich eines glücklichen Lebens beraubt. Zum Ausgleich werde ich euch …eures Lebens berauben.“

Sein Irrweg bringt ihn wie Louna dazu einer Diskussionsgruppe auf Telegram beizutreten, Atomwaffen Command, ein Ableger der amerikanischen Neonazi-Gruppierung Atomwaffen Division, die den Akzelerationismus predigt, eine Theorie, die darauf abzielt die Gesellschaft in einen Rassenkrieg zu stürzen, damit aus ihr ein weißer Ethno-Staat auferstehe. Von ihrem Enthusiasmus mitgerissen hatte Louna es sogar fertiggebracht, einzelne Mitglieder zu schocken, indem sie ein Foto des enthaupteten Kopfes von Samuel Paty postete, ihr Lieblingsbild: wie es häufig vorkommt, wenn ein Individuum in einer Gruppe radikalisierter Jugendlicher aus dem Rahmen fällt, hatten sie sie verdächtigt ein Mossad-Agent zu sein.

Im Verlauf ihrer Diskussionen vertraut Louna Raphaël an, dass ein Nachbar sie „berührt“ habe, er erzählt ihr, dass er Opfer von Schulmobbing geworden war.

Sie bekennt sich um Islamischen Staat, er zum Neonazismus, beide stimmen in ihrem Hass auf Juden überein, teile ultragewalttätige Videos und sprechen über ihren Wunsch nach „Rache“. Sie erzählt ihm von ihren Attentatsplänen, er öffnet sich ihr über sein geplantes Schulmassaker, das er mit Ugo begehen wolle, ebenfalls Mitglied von Atomwaffen Command.

Das Attentat, in dem die beiden Jugendlichen sterben wollen, ist für den 20. April 2022 geplant, Jahrestag des Columbine-Amoklaufs und Geburtstag Adolf Hitlers.

Ugo, der „Psychopath“

Ugo, ein Normanne von 19 Jahren, bezeichnet sich selbst als „Psychopathen“. Er hat auch mit Louna, die ihm Anleitungen zum Bombenbau geschickt hat, über seine mörderischen Pläne gesprochen.

Trotz ihrer politischen Gegensätze verhehlt der junge Mann nicht eine gewisse Zuneigung für den Kamikaze-Neuling. „Sie wollte, dass ich Dschihadist werde. Ich hatte Empathie für sie. Sie ist wie Raphaël und ich, mit wenig Freunden und Opfer von Mobbing“, hat er im Polizeigewahrsam erklärt. „Sie zögerte beim Nationalsozialismus, aber sie war mehr vom Islamischen Staat angezogen.“

Ugo selbst ist kein Dschihadist. In seinem Zimmer haben die Ermittler siebzehn Messer mit Nazi-Inschriften gefunden, Bücher über den amerikanischen Mörder Charles Manson und Adolf Hitler. Seit der Grundschule an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche leidend, erklärt er, Opfer von Schulmobbing gewesen zu sein und sich in der 5. Klasse „radikalisiert“ zu haben, beginnend mit dem radikalen Islam, bevor er zum Nationalsozialismus kam. Hitler habe ihm „die Augen geöffnet“ und ihm „die Hand gereicht“ als er psychisch unterging. Laut ehemaliger Klassenkameraden hatte Ugo Probleme in der Schule vor allem deswegen gehabt, weil er dort Telegramm Reden gehalten habe.

Wie Louna hat auch Ugo seine dunklen Gedanken schriftlich niedergelegt. Er hat nicht weniger als zwanzig Hefte mit seinen morbiden Delirien gefüllt. Dort beschreibt er seine selbstmörderischen Gedanken und einen sexuellen Missbrauch, den er im Alter von neun Jahren durch einen gleichaltrigen Jungen erlitten habe. In einem seiner Hefte mit dem Titel „Mein Kampf III“ gibt er an, Stimmen zu hören, die ihm zu töten befehlen: „Ich habe verschiedene Personen in meinem Kopf: einen Gläubigen, einen Killer (ich als Nazi), einen Verrückten, ein unreifes Kind.“

Der psychiatrische Sachverständige, der ihn exploriert hat, beschreibt sein „konstantes Gefühl der Frustration und Unterlegenheit“, eine „Störung aus dem paranoiden Formenkreis“, die der Herabsetzung seiner Einsichtsfähigkeit zugrundeliegt und hält eine Anordnung von psychiatrischer Versorgung für „unabdingbar“.

Der junge Mann ist im Übrigen relativ klarsichtig über den hybriden Charakter seines Zorns: „Es ist persönlich aber auch politisch“, schreibt er in ein Heft. „Ich töte für den Nazismus und aus Rache“.

Wir werden auf Google sein

In Raphaël habe er einen „Waffenbruder“ gefunden, erklärt Ugo, „ein Wort, das stärker ist als ‚Freund‘“, präzisiert er gegenüber den Ermittlern. Abgesehen von ihrer Leidenschaft für Waffen, teilen die beiden Jugendlichen eine emotionale Frustration, die sie dazu gebracht hat, sich einer anderen radikalen Bewegung anzunähern, der Subkultur der Incels (involuntary celibate), die einen tiefsitzenden Frauenhass propagiert. Doch Ugo und Raphaël haben vor allem ein gemeinsames Projekt, das ihren Zorn materialisieren soll und das sie ihr „Werk“ nennen: ein Schulmassaker. Ugo schreibt an seinen jungen Freund: „Ich habe mindestens zehn Personen in meinem Gymnasium zu töten und dann greife ich eine Moschee an“. Von ihren eigenen Phantasien mitgerissen hoffen die beiden Jungen, in der Nachwelt fortzuleben: „Wir werden auf Google sein, auf der ersten Seite der Zeitungen, genial“, schreibt Raphaël. „Unsere Gesichter im Internet und in Dokumentarfilmen“, antwortet Ugo. „Wir sind Götter des Chaos und der Rache“.

Dieses Gefühl der Allmacht setzt Ugo oft in Szene. Im Verlauf von fünf Monaten hat er Raphaël nicht weniger als dreizehn Bekennervideos ihres kommenden „Werkes“ geschickt, in denen er mit verschiedenen Waffen posiert.

Ich werde viele Personen töten (…) Seit Jahren sind Schüler Opfer von Mobbing (…) Wann wird der Staat etwas dagegen unternehmen? (…) Dem Gesindel in seinen Vorstädten, dem gibt man Sozialhilfe, sie vergewaltigen Frauen, sie mobben Kinder in den Schulen (…) Ich werde da aufräumen! (…) Es gab da welche, die mich in der Schule gemobbt haben, die werden die Fresse vollkriegen! Ich werde ihnen den Schädel mit einem Hammer zerschmettern und ihren die Kehle aufschlitzen“. Vor den Ermittlern gibt er zu: „Wenn ich ein Video machte, wollte ich mir selbst Angst einjagen. Ich wusste nicht, ob es real war.“

Ein „verwurzeltes Bekenntnis zu radikalen Ideologien“.

Waren diese vier abgeglittenen Jugendlichen von einem Wunsch nach Rache angetrieben oder von ihren ideologischen Überzeugungen? Ist Louna Dschihadistin oder Nazi? Phantasierten Ugo und Raphaël ein Schulmassaker, das von ihrem Gefühl der Zurückweisung motiviert war oder ein rassistisches (suprematistisches) Attentat?

Der PNAT hat erachtet, dass ihr Profil und ihre Handlungen ausreichend besorgniserregend seien, um die Annahme der Bildung einer terroristischen Vereinigung zu rechtfertigen.

Wenn die die Beweggründe dieser terroristischen Projekte Unwohlsein und Selbstmordgedanken vereinten, legten die Beschuldigten dennoch eine erstaunliche Entschlossenheit an den Tag, ebenso wie intensive Vorbereitungen ihrer gewalttätigen Pläne und stellten sich die Resonanz ihrer zukünftigen Aktionen im Rahmen eines verwurzelten Bekenntnisses zu radikalen, dschihadistischen und ultrarechten Ideologien vor“, fassen die Staatsanwälte zusammen.

Sie beantragen daher, dass Takeshi, Raphaël und Louna, die zum Tatzeitpunkt minderjährig waren, vor eine Jugendkammer gestellt werden. Wenn die Ermittlungsrichter die Anklage zulassen, könnte Louna erneut vor Gericht stehen, diesmal mit Ugo für Taten, die sie zwischen ihrem 18. Geburtstag und ihrer Verhaftung, einen Monat später, begangen hat.

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Comic-Empfehlung: „Der Fotograf“ und „Der Araber von morgen“

Ein letzter Lesetip für dieses Jahr, und zwar zwei Comics. Vielleicht gar nicht schlecht für ein verkatertes Neujahr.

Der Fotograf von Didier Lefèvre und Emmanuel Guibert

Ein sehr interessantes Buch, dessen auffälliges Cover mir in der sehr schönen Buchhandlung im Erdgeschoss des MUCEM in Marseille ins Auge gesprungen ist, so dass ich es gekauft und mitgenommen habe.

Didier Lefèvre war im Sommer 1986 in einer Aufwallung von Abenteuerlust nach Pakistan gereist, um einen Medikamententransport der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) nach Afghanistan, das sich im Krieg mit der Sowjetunion befand, fotografisch zu dokumentieren.

Zwar hat Didier Lefèvre den ganzen Trip in Notizen festgehalten, sein Notizbuch jedoch bei irgendeinem Umzug verloren. So blieben für die Anfertigung des Comics nur die vielen Fotos und die Erinnerungen von Lefèvre, um das Abenteuer zu rekonstruieren und das von Emmanuel Guibert in einem Wechsel aus Fotos und Zeichnungen sehr schön in Szene gesetzt wird.

Der Trip ist in der Tat spannend: beginnend mit einem nächtlichen, illegalen Grenzübertritt in der Nähe von Peschawar in die kommunistische Demokratische Republik Afghanistan. Die lange Pferde- und Maultierkarawane, die nicht nur Medikamente und medizinisches Gerät transportiert, sondern auch Waffen für die Mudschahedin. Der kräftezehrende, mehrwöchige Fußmarsch in Höhen von 5000 m. Das Verstecken vor den sowjetischen Helikoptern. Und schließlich die Ankunft in einem abgelegenen Tal in der Provinz Badakhshan, wo die französischen und amerikanischen Ärzte Schuss- und Brandwunden versorgen, von Minen verstümmelte Kinder operieren und Geburten begleiten.

Ein wirklich schönes und interessantes Buch, das mich an den ersten Konflikt erinnert, den ich als Kind/Jugendlicher bewusst wahrgenommen habe.

Aus den Bildern und Schilderungen scheint es mir so, als sei dem afghanischen Volk ein stolzer und ehrenhafter Volkscharakter eigen, der aber in den nun mehr 40 Jahren ununterbrochener Gewalt immer mehr verkümmert ist – bis auf die Mudschahidin, die Lefèvre, der auf die dumme Idee gekommen war, alleine den Rückweg nach Peschawar anzutreten und sich im Gebirge verlaufen hatte, nach Strich und Faden ausgenommen haben.

Didier Lefèvre ist im Jahr 2007 völlig überraschend mit 49 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

Der Araber von morgen

Das Drama der Familiengeschichte von Riad Sattouf, einer der aktuell bekanntesten französischen Zeichner, und die Tragödie seines Vaters Abdel (bereits hier kurz angesprochen).

Riad Sattouf ist das Kind einer Bretonin und eines Syrers, die sich als Studenten in Paris in den 1970er Jahren kennengelernt hatten. Sattoufs Vater Abdel ist ein aufstrebender, der Modernität zugewandter Historiker, der die verstaubten arabischen Nationen mit den neuen Theorien aus den französischen Universitäten revolutionieren wollte. Nach dem Abschluss seiner Promotion nimmt er seine Familie mit in das Libyen des Muammar Al-Gaddafi, weil der erratische Oberst eine Zeit lang tatsächlich Anstalten machte, aus dem rückständigen Libyen eine futuristische, sozialistische Ölnation zu schmieden.

Allein: nichts funktioniert. Der Vater kehrt in sein Heimatdort in der Nähe von Homs zurück. Ohne Beziehungen kann er in der Assad-Diktatur kein Professor werden, sondern nur ein kleiner Lehrer sein.

Die enttäuschten Erwartungen und die Frustrationen entfremden den Vater von seinen ehemaligen Idealen und seiner Familie und er regrediert wieder zu den Traditionen eines primitiven Islam.

Daneben werden mit den Kinderaugen des Autors der teils surreale Alltag in Libyen und Syrien geschildert: die allgegenwärtige Gewalt, gegen jedes schwächere Lebewesen und vor allem das Prügeln der Kinder in der Schule. Dann die Rückkehr nach Frankreich, die unbehaglichen Jahre an der Oberschule und die schwierigen Anfänge als Zeichner bis zum Durchbruch.

Die Konflikte zwischen den Eltern werden immer größer und gipfeln in der Entführung des jüngsten Bruders durch den Vater nach Syrien. Riad Sattouf konnte seinen Bruder, den er jahrelang nicht gesehen hatte und der das Französische vollkommen verlernt hatte, bei Ausbruch der Feindseligkeiten im Arabischen Frühling im letzten Moment vor dem Einzug in die syrische Armee bewahren und ihn nach Frankreich zurückholen.

Eine wirklich außergewöhnliche Geschichte, die durch Riad Sattoufs freundlichen Humor und Ironie und interessante Reflexionen Tiefenschärfe erlangt und die Geschichte lesenswert macht.

Beide Werke sind mittlerweile auch auf Deutsch erschienen.

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Mundi alii

In den etwas mehr als zehn Jahren, indem ich diesen kleinen Blog betreibe, ursprünglich zu Crime-Themen, haben freundliche Blogger ab und zu meiner Beiträge bei sich verlinkt, und natürlich habe ich mich darüber gefreut, dass meine Artikel auf Interesse stoßen.

Ich habe selbst bisher nur sehr selten Artikel rebloggt, was allerdings nicht daran lag, dass ich andere Artikel nicht interessant fand.

Es ist nur so, dass die meisten anderen Blogger die zig-fache Anzahl an Followern und eine astronomische Reichweite haben, während ich, wenn man bei mir die Spambots und die inaktiven User abzieht, meine aktiven Follower an weniger als zwei Händen abzählen kann.

Nimmt man noch hinzu kommt, dass der Kreis der Blogger, die sich nicht mit Naturphotographie oder Muffinrezepten beschäftigten, relativ klein ist und immer kleiner wird, so dass ich davon ausgehe, dass meine Follower auch die Blogger lesen, die mich rebloggen.

Trotz allem ist es nun an der Zeit, dass auch ich nun einige Blogger würdige, denen ich schon eine ganze Weile folge, allein schon, weil wir einer überholten Kommunikationsform nachgehen. Kaum jemand bloggt heute noch. Wenn man die vielen Blogleichen betrachtet, lässt das nur den Schluss, dass die meisten zu neuartigen Medien gewechselt wie Twitter, TikTok oder vielleicht sogar Substack gewechselt sind. Manche Blogger sind auch tatsächlich gestorben.

Hier also eine – nicht erschöpfende – Liste von Blogs, die ich lese.

Den Maschinisten alias Kiezneurotiker, muss ich nicht mehr vorstellen. Der desillusionierte Ex-Punk kommentiert aus Prenzlauer Berg kommentiert sarkastisch die Weltläufte und die Auswüchse des Wokismus in Deutschland. Noch eine kleine Weile und er wird FDP-Mitglied.

Leider hat er jegliche Kommentarfunktion ausgestellt und auch sonstige Kontaktfelder ausgeschaltet, so dass ich mich nie für einen Reblog mit einem kleinen Wort erkenntlich zeigen konnte.

Daher an dieser Stelle: Danke dafür!

Der reisende Reporter (jetzt: sesshafte Anwalt) Andreas Moser dürfte ebenfalls vielen bekannt sein. Ich hatte Anfang dieses Jahres das Vergnügen, ihn in Berlin zu treffen, wo ich zu tun hatte und er zufällig in Köpenick Katzen hütete. Es dürfte seit 1945 in Berlin keine bizarrere Verabredung gegeben haben, als: „Treffen wir uns beim Panzer vor der russischen Botschaft“. (Yep, das Foto ganz am Ende habe ich geschossen).

Anschließend waren wir noch im Spionagemuseum und dann in einem indischen Restaurant auf der Oranienburger Straße. Aktuell hat er sein Vagabundendasein (vorübergehend?) aufgegeben und sich in Chemnitz als Rechtsanwalt niedergelassen. Wer also interessante Gespräche und Geschichten schätzt und wer dabei auf den Gedanken kommen sollte, sich scheiden lassen zu wollen: he’s da man!.

Geschichtenundmeer folgt mir auch schon eine Weile (und ich ihr). Zwei ihrer wiederkehrenden Themen sind Afghanistan und Flamenco. Es ist eins meiner life goals, einmal nach Afghanistan zu fahren und mich dort umzusehen. Von Flamenco habe ich keine Ahnung, aber ich stelle es mir interessant vor, sie tanzen zu sehen.

Glumm, der alte Schwerenöter, schreibt überhaupt nicht mehr. Seitdem er sein Buch herausgebracht hat, rollt anscheinend der Rubel und der feine Herr lässt sich nicht mehr zum Bloggen herab. Späßchen. Sein Buch ist zu empfehlen.

Dosenkunst: Graffiti aus Frankfurt und Deutschland

Ostendfaxpost: Graffiti und Demos aus Frankfurt

Verschlussache von Florian Flade. Sehr interessante Recherchen aus der Welt der Geheimdienste und des Terrorismus.

Ein interessanter Blog ist der von Hubertus Knabe, seines Zeichens Historiker mit Schwerpunkt Aufarbeitung der DDR-Diktatur und ehemaliger Leiter der Gedenkstätte des Stasi-Gefängnisses in Hohenschönhausen bis zu seiner Entlassung durch den Berlinger Senator für Kultur, Klaus Lederer, aufgrund obskurer Gründe (struktureller Sexismus unter seiner Amtsführung). Sein Buch „Die Täter sind unter uns“ ist sehr interessant und empfehlenswert.

Sein aktueller Artikel ist auch sehr erhellend. Es geht um antisemitische Schmierereien im Kontext mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und den Indizien dafür, dass sie, wie schon zu Zeiten des Kalten Krieges von russischen Geheimdiensten initiiert worden sein könnten.

Ein sehr wichtiger Blog, Hema von Sigrid Hermann, die akribisch die Unterwanderung von Parteien, Verbänden und Institutionen durch Islamisten und Muslimbrüder dokumentiert.

Das soll es für heute sein. Vielen Dank nochmals, frohes Fest und guten Rutsch!

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Der Basketballplatz als Wille und Vorstellung

Ich finde, dass wir in ziemlich bizarren Zeiten leben. Man kann auf dem Weihnachtsmarkt keinen Lumumba mehr trinken, ohne sich dem Verdacht des Rassismus auszusetzen. Blauhaarige Feministinnen lassen sich von Osama Bin Laden die Augen über Geopolitik öffnen. Feministinnen bringen es nicht über sich, Vergewaltigungen an jüdischen Frauen zu verurteilen, was für mich nur der letzte Beweis dafür ist, dass die Schnittmengen zwischen Feminismus und Islamismus immer größer werden. Am besten können es natürlich die Engländer mit ihrem britischen Humor darstellen (der ganze Channel ist übrigens großartig):

Bonus:

Ich begreife den Zeitgeist nicht mehr und dabei bin ich noch nicht mal Boomer, sondern gehöre der üblicherweise ignorierten und übergangenen Generation X an.

Wir „Xer“ sind nicht mehr mit Wirtschaftswunder und Vollbeschäftigung aufgewachsen, sondern haben die ersten Beschissenheiten der neuen Arbeitswelt der 2000er „genießen“ dürfen: die Start-Up-Arbeitskultur („wir sind doch nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde“, „Was? Du willst tatsächlich schon um 19 Uhr nach Hause gehen? Hast Du nen halben Tag Urlaub?“). Dafür hatten wir in den 90er Jahren nach dem Mauerfall tatsächlich die Illusion einer ewig währenden friedlichen Raveparty.

Es bleibt nicht aus, dass man darüber nachdenkt, wie es früher war, wie es dazu kommen konnte, dass die Lage derzeit so ist, wie sie ist. Ob man sich nicht etwas vormacht, wenn man sich einredet, dass die Zeiten früher besser waren, dass es weniger Ungleichheit gab, dass die Leute gelassener waren. Warum es nur diese vielen Spaltungen gibt.

Ich bin in einer Zeit und in einer Stadt aufgewachsen, in der Herkunft, Hautfarbe oder Religion völlig unerheblich waren. Deswegen blicke ich mit Erstaunen auf diese vielen künstlichen und unerheblichen Konflikte, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Es begab sich also zu der Zeit etwa 1989. Ich war dreizehn Jahre alt. Ich hatte ein paar Jahre im Verein Basketball gespielt, aber zu dem Zeitpunkt spielte ich mit meinem Freund E. im Sommer nur auf Freiplätzen.

Von denen gab es Ende der 1980er, Anfang der 1990er nur wenige, einfach weil Basketball nicht den Verbreitungsgrad von heute hat.

Es gab Basketballkörbe auf Schulhöfen, die aufgrund der geringeren Asiozalitätslevels damals sogar am Wochenende geöffnet waren, so dass man dort Tischtennis, Fußball oder eben Basketball spielen konnte. Ansonsten gab es einen Freiplatz in der amerikanischen Siedlung an der Platenstraße. Noch Anfang der 90er konnte man dort ganz gechillt durchspazieren, und die Leute grüßten freundlich.

Heute leben in den amerikanisierten Nachkriegsmietkasernen die Konsulatsmitarbeiter und noch ein paar Soldaten. Alles ist kameraüberwacht und es gibt hydraulische Autosperren, über die uniformierte Wächter mit Knüppeln wachen.

Der 11. September war nur noch etwa 10 Jahre entfernt. Ein sehr kurzer Zeitraum, aus heutiger Sicht betrachtet. Wir konnten damals gar nichts ermessen.

Unsere vom Taschengeld eisern abgesparten Air Jordans (die heute wieder Style-Ikonen sind) und ein lederner Spalding-Basketball waren die kostbarsten Gegenstände, die wir besaßen. Wer es sich leisten konnte, trug ultra-coole Kleidung von Nike und Converse in den in den 80er-Jahre-typischen neon-grellen Farben.

Die Krönung war es, wenn sie von einem amerikanischen Kumpel aus dem PX mitgebracht worden war, zu dem nur Angehörige der US-Army und ihre Familienmitglieder Zutritt hatten.

Auf den Basketballplätzen traf sich die typische Frankfurter Multikulti-Mischpoke: Türken, Marokkaner, Italiener, Griechen, Jugos, Zigeuner, Filipinos, ein Kambodschaner. In der Platenstraße spielten manchmal ein paar amerikanische Kids mit. Schwarze gab es auch, aber es waren keine afrikanischen Afrikaner, sondern Kinder von Deutschen Frauen und schwarzen GI’s. Sie wurden „Schokos“ genannt, ohne diskriminierende Absicht und ohne dass irgendjemand daran Anstoß nahm. Thomas Hofmann, die eine Hälfte des Rödelheim Hartreim Projekts, war auch manchmal am Start, der von seinem Aussehen her irgendeinen asiatischen Background hat.

Es waren dies die Kinder des multikulturellen Treibguts, das in den verschiedenen Migrationswellen nach Frankfurt getrieben worden war.

Es war keine feste Gruppierung, die immer bei einem bestimmten Platz traf. Es war ein loser Zusammenschluss von Leuten, die mal hier mal da auf den Plätzen auftauchten, Basketball zockten und dann von der Bildfläche verschwanden, bis man sie irgendwann wieder auf einem anderen Platz traf. Man sah immer irgendwelche bekannten Gesichter, aber es wechselte sehr oft.

Dazu kam noch eine ganze Galaxie an unterschiedlichen Kumpels, kein Basketball spielten aber auf dem Platz abhingen und auch manchmal mitspielen wollten, aber nach ein paar peinlichen Fehlwürfen, lieber wieder zurück zu ihren Kumpels am Spielfeldrand gingen.

Wir verbrachten im Sommer die ganzen Wochenendnachmittage auf dem Platz. Wir ahmten Michael Jordans Tick nach, mit heraushängender Zunge zum Korb zu gehen.

Die Zigeuner waren arm und spielten in ihren Jeans und Straßenschuhen, aber wir hatten Respekt vor ihnen, weil sie sich nichts aus unseren spöttischen Sprüchen über ihre uncoole Kleidung machten, sondern auf dem Platz alles gaben.

Manchmal spielten auch ein paar bekiffte Punks mit, die mit ihren Bondagehosen und ihren hochgeschnürten Doc Martens mit Stahlkappe zum Korb gingen.

Wir trugen Iro, Afro oder Buzzcut. Bei mir schwankte es immer zwischen den beiden letzten. Ich ließ so lange wachsen, bis meine Araberhaare einen Pilz über meinem Kopf zu bilden begannen und dann packte ich wieder meinen Moser-Haarschneider aus, um die Wolle herunterzumähen.

Der Punkt war: es war völlig egal, woher du kamst und welche Hautfarbe du hattest.

Unsere Identität war nicht ethnisch oder religiös. Unsere Identität speiste sich daraus, dass wir alle Frankfurter Jungs waren, die gerne Basketball spielten. Das war alles, was uns verband und das reichte aus. Und von diesen temporären Zusammenschlüssen gab es viele: seien es Fußballer, Skater oder Sprayer oder was auch immer.

Es gab einen speziellen frankfurterischen Slang, der sich teilweise aus der Roma-Sprache speiste und heute untergegangen ist, aber noch in manchen typischen Redewendungen überlebt hat, an denen man den Ur-Frankfurter-Bub erkennt: Chavo, Chaya, buk tschi Tschund, Aldä!

Wer mit so einem „Wallah-Akhi-starfullah“-Scheiß gekommen wäre, wäre ausgelacht worden.

Es lief Musik aus dem Ghetto-Blaster, also einfach einem Kassettenrecorder mit zwei großen Boxen und viel Bass. (Meine Kinder wissen überhaupt nicht mehr, was eine Audio-Kassette ist.)

Es lief viel Rap, der damals in den Kinderschuhen steckte. N.W.A oder die Porno-Rapper von 2 Live Crew.

Basketball steht durch die vielen schwarzen Spieler eher der HipHop-Kultur nahe, aber in Frankfurt gab es doch recht viele Basketballer, die nebenher auch noch in der Skaterszene unterwegs waren. Die hörten eher Skater-Punk von Suicidal Tendencies, aber auch von Dead Kennedys oder Bad Brains.

Das waren meine ersten musikalischen Prägungen, als ich mich bewusst für Musik zu interessieren begann und erst der Auftakt zu dem geilen Jahrzehnt der 90er, in welcher nach den eher aalglatt-schmalzigen 80ern neue Musikstile enstanden und mich prägenden Bands, die heute zum Großteil gar nicht mehr existieren: Nirvana, Cypress Hill, Snoop Dogg, Kyuss, Pantera, Outkast, The Pharcyde, Pennywise, Rage against the Machine, Smashing Pumpkins (letztere habe ich als Jugendlicher gern gehört, ihre ersten drei Alben bis „Mellon Collie“ sind geil, auch wenn sie ab Ende der 90er nur noch absoluten Müll produziert haben; ich mochte die melancholischen Texte, die tiefergestimmten Gitarren mit sehr viel Fuzz).

Es macht auf jeden Fall Laune, wenn bei einem netten 5-gegen-5 auf zwei Körbe „Straight Outta Compton“ von N.W.A oder „How I Could Just Kill A Man“ von Cypress Hill oder „Walk“ von Pantera aus den Boxen dröhnt.

Ich konnte mich lange nicht entscheiden, zu welcher Musikrichtung ich eher tendieren sollte, HipHop oder Rock. Erst später hat sich mein Musikgeschmack hin zu Jazz und Elektro weiter verfeinert.

Techno war bei uns überhaupt nicht gut angesehen. Es gab damals noch nicht diese vielen verschiedenen Stile elektronischer Musik (House, Drum n Bass, Garage, Elektro usw.), sondern nur Acid und harten Techno und die Typen, die in Sven Väths Omen abzappelten. Komische Vögel, die orangene Müllmannwesten und weiße Handschuhe und Staubmasken und manchmal sogar einen Staubsauger auf dem Rücken trugen. Auf jeden Fall absolut uncool.

Damals gab es im Frankfurter Westend den einzigen (?) Skatershop, die „Cadillac Ranch“, an dem ein oder zwei (?) Mitglieder der Böhsen Onkelz beteiligt waren. So liefen dort auch die BO. Ich war damals kein großer Fan von denen, aber das hatte seine ganz eigenen Gründe.

Ich war damals voll auf dem Amerika-Kulturtrip. Mich interessierte alles, was aus Amerika kam und hergestellt wurde. Ich hörte den Soldatensender AFN und ahmte den amerikanischen Akzent nach. Deutsche Musik interessierte mich nicht. So dass ich auch die Kontroversen um die rechtsradikalen Ursprünge der Band nicht mitbekam und mir auch völlig am Arsch vorbeiging. Der Sänger Kevin Russell lebte, was ich erst viel später erfahren habe, gar nicht weit weg von der Wohnung meiner Eltern in der Weberstr. 28, wo anscheinend die wildesten Partys liefen.

Daran kann man sehen, wie sich das Nordend verwandelt hat. Man kann sich nicht vorstellen, dass so ein Typ wie Kevin Russell in dieser völlig verbonzten Wohngegend eine Wohnung hat und dort Partys und Exzesse feiert.

Heute leben dort nur noch Investmentbanker und Anwälte und ihre Frauen kurven entnervt durch die engen Straßen auf der Suche nach einem der raren, von den scheiß Grünen immer weiter verknappten Parkplätze für ihren Porsche Cayenne.

Der Ton auf dem Platz war rauh und geprägt von Gegröle, großmäuligen Angebereien und dreckigen Witzen: „Warum haben Frauen Titten? Damit mit man was zum Gucken hat, wenn man mit ihnen redet.“ (hö hö).

„Ey Django, eh. Alfredo, zieh mal deine Hose runter, du machst hier alle horny!“

Wir spielten HORSE und unweigerlich ging jedesmal, wenn einer bei der zweiten Aktion verkackte, das Gegröle los: Ahahahaha, der Tom ist die Ho. Du bist die Ho, haha!

Die Atmosphäre halt, wenn man sich als 14-15 Jähriger in einer größeren Jungsgruppe durchsetzen muss. Und du musstest dich durchsetzen, denn Jungs in dem Alter, in dem der Testosteron-Turbo gerade erst anläuft, provozieren gerne.

Auch wenn es nicht rassistisch gemeint war, war natürlich die Herkunft Zielscheibe für Spott (Spaghettifresser, Habback, Chink). Ich weiß nicht, wie oft ich als Halb-Franzose mir „Frosch“ oder „Froschschenkelfresser“ anhören musste.

Aber auch das Aussehen wurde kommentiert: dünne Beine, fehlende Brustbehaarung oder auch eine geringe Körpergröße, die doch sicher auch ein untrügliches Indiz für einen kleinen Pimmel war.

Ich habe aber bei diesen Diss-Battles auch ein paar Mal erlebt, wie die feine Grenze zwischen Witz und Ernst überschritten wurde und es zu Schlägereien kam.

Ich war weder ein besonders guter Basketballspieler noch, besonders groß, noch besonders stark, noch besonders schlagfertig. Ich war sogar eher still und schüchtern und trotzdem habe ich mich nicht klein gemacht. Ich war, ähnlich wie heute, ein Beobachter und Chronist, ohne es damals zu wissen.

Irgendwann kam jeder mal – durch die Mechanismen einer unvorhersehbaren Gruppendynamik – an die Reihe. Und es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass es angenehm war, wenn man selbst zur Zielscheibe auserkoren wurde.

Aber du wärst vollkommen unten durch gewesen, wenn du tatsächlich angefangen hättest, deswegen herumzuheulen. Du hättest dich auf keinem Basketballplatz in Frankfurt mehr blicken lassen können.

Hier lernten Jungs ohne Anleitung das Basiswissen des Mannseins. Den Stoizismus. Cool bleiben, sich nicht provozieren lassen und die richtigen Könner, die Respekt genossen, waren schlagfertig und konnten was Witziges erwidern.

Heute würden diese Weicheier sofort zum Antidiskriminierungsbeauftragten rennen. News-Flash, Leopold-Maximilian: auf dem Basketballplatz bist du auf dich allein gestellt und jeder dort beobachtet dich, ob du cool oder schwul reagierst.

Liegt es daran, dass Jungen heute ohne richtige Vaterfiguren aufwachsen und nicht mehr diesen wichtigen Ritualen ausgesetzt werden und sie stattdessen zum Cello-Unterricht und zum Debattierclub geschickt werden? Junge, ein Nachmittag auf dem Basketballplatz ersetzt ein halbes Jahr Debattierclub und ein Semester Kulturanthropologie.

Ich für meinen Teil habe in der Zeit so viele politisch unkorrekte Witze gehört, dass ich nicht gleich in Ohnmacht falle, wenn ich einen Schwulen- oder Negerwitz höre.

Was mir aktuell auffällt, zumindest scheint es mir so, dass es heute eher „weibische“ Konfliktlösungsmechanismen gibt: junge Menschen lösen Konflikte (oder glauben sie zu lösen), indem sie hintenrum Gerüchte verbreiten, anstatt die Sache von Angesicht zu Angesicht zu klären. Meiner Meinung nach liegt vieles an den sozialen Medien, dass sich die Leute, insbesondere die jüngeren, daran gewöhnt haben, anonym und straflos pöbeln zu können, ohne fürchten zu müssen, dafür eine aufs Maul zu bekommen.

Irgendwann habe ich das Basketballspielen aufgegeben und mit Karate angefangen und seitdem nur noch Kampfsport betrieben.

Die großmäuligen Asis treffen sich heute bei MMA und Muay Thai. Heute trainiere ich im Gym mit allem, was Frankfurt an Asis zu bieten hat: Hells Angels, Türsteher, Zuhälter aus dem Bahnhofsviertel, Eintracht Frankfurt-Ultras.

Es gibt aber auch Bullen und sogar einen Staatsanwalt. Ein Bulle, von dem ich weiß, dass er einer BFE angehört, trainiert mit einem Vogel, der sichtbar unter der kurzen Muay-Thai Shorts ein 1312-Tattoo auf dem Oberschenkel hat und auf dem anderen das Hooligan-H in Frakturschrift. Ein anderer trägt die Initialen der Brigade Nassau hinten in der rechten Kniekehle. Wieder ein anderer trägt auf dem linken Brustseite ein sehr schön gestochenes Tattoo vom Gesicht von „Alex“ aus Clockwork Orange.

Sporadisch dabei, aber schon lange nicht mehr gesehen, der völlig gestörte Goscha. Vielleicht lässt er es auch ruhiger angehen. Wie man hört, ist er jetzt Vater geworden und studiert Jura. Vielleicht sieht man sich bald mal bei einem Termin vor Gericht. Wie schräg wäre das! Er hat sich ja in seinem Leben so oft und so hart geprügelt.

Hier ein wirklich interessantes Interview mit Pollux. Angenehm, weil ohne moralisierenden oder wertenden Unterton.

Auf seinem IG-Account konnte man zuletzt sehen, dass er irgendwelchen kranken Bareknuckle-Fight teilnimmt. Trotz der Vermummungen erkenne ich mindestens ein Mitglied aus unserem Gym im Publikum. Kaum zu glauben, aber das Video ist tatsächlich auf Youtube abrufbar.

ACHTUNG BRUTAL ACHTUNG BRUTAL ACHTUNG BRUTAL ACHTUNG BRUTAL

So plätschert die Zeit dahin. Coach @angelo.wolf.sposato, der neben seinem Trainerdasein Ambitionen als DJ hegt, legt beim Training immer nicen House oder Elektro auf.  Ich hasse Frankfurt, aber bei solchen Gelegenheiten ist es schön.

So, das war es. Opa hat vom Gipskrieg erzählt. Die Geschichte ich zu Ende.

Disclaimer: Wenn ich schwul sage, dann kann ich verstehen, dass manche Leute sich davon vielleicht beleidigt fühlen, aber es ist so wie es ist. Wie ich oben bereits erläutert habe, ist es für mich nicht als Beleidigung gemeint. Das ist die Straßensprache durch die ich, meiner klassischen Bildung zum Trotz, sozialisiert worden bin und ein wenig davon ist noch in meiner Persönlichkeit vorhanden.

Klar ist auf jeden Fall, dass ich niemals jemanden nach seiner Hautfarbe oder nach seiner sexuellen Orientierung beurteilen werde. Wie gesagt, ich stamme aus einer Generation, in der Hautfarbe oder Herkunft nicht die geringste Rolle spielen.

Es ist allerdings wahr, dass jemand, der sich damals als schwul geoutet hätte, wahrscheinlich üblen Spott hätte erdulden müssen. Die Gesellschaft hat diesbezüglich Fortschritte gemacht, ich denke aber, dass das in einem ähnlichen Setting auch heute noch nicht ganz selbstverständlich ist.

Mir ist die sexuelle Orientierung jedenfalls komplett egal. Ich glaube, dass ich da durchaus für meine Generationsgenossen der Generation-X sprechen kann.

Du bist okay, so wie du bist. Egal ob du schwarz, gelb, lila, schwul oder hetero bist. Geh mir damit nur nicht übertrieben auf die Nerven und vor allem verlange dafür keine Privilegien und alles ist gut.

Meine Devise ziehe ich aus dem Lied „Join The Army“ der bereits erwähnten Suicidal Tendencies.

Well I don´t care ´bout the clothes you wear
It´s the size of your heart, not the length of your hair
Don´t make no difference to me, the color that you be
Black, white or brown, it´s all the same to me

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Leseempfehlung 2023: Timothy Snyder „Über Tyrannei“

Kurz vor dem Jahresausklang ist mir das interessanteste Buch in die Hände gefallen, das ich in diesem Jahr gelesen habe.

Geschrieben hat es der amerikanische Historiker und Professor für osteuropäische Geschichte Timothy Snyder. Der erklärte Trump-Gegner warnt vor dem Hintergrund der Präsidentschaft des histrionischen Hochstaplers davor, den Frieden und den Wohlstand, an den sich die westlichen Gesellschaften in den letzten drei Generationen gewöhnt haben, für selbstverständlich zu nehmen.

In seinem Vorwort zu dem Buch schreibt er:

„Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt uns, dass Gesellschaften zerfallen, Demokratien untergehen, moralische Werte zusammenbrechen und ganz gewöhnliche Menschen plötzlich mit einer Schusswaffe in der Hand an Todesgruben stehen können.“

Man muss sich nur an die erst kürzlich zurückliegende Corona-Pandemie zurückerinnern und sich – egal nun, wie man persönlich zu den Maßnahmen stand – klar machen, wie schnell eine autoritär agierende Regierung Grundrechte wie die Freizügigkeit, die Versammlungsfreiheit, die körperliche Unversehrtheit und teilweise auch die Meinungsfreiheit zur Disposition gestellt hat, ohne dass es in der Bevölkerung größeren Widerstand gab.

Das lässt Ungutes für Maßnahmen zum „Klimaschutz“ erahnen.

Die Demokratien westlicher Prägung sind global gesehen in der Defensive, werden jedoch auch im Inneren bedroht. Snyders Buch bezieht sich zwar auf die USA unter Trump als Präsident, aber in Europa und in Deutschland haben wir analoge innere Bedrohungen: die AfD, die „Letzte Generation“, der Wokeismus, der Islamfaschismus, um nur einige zu nennen. Allen ist gemeinsam, dass sie demokratische Prozesse, die aus guten Gründen langsam ablaufen, aushebeln wollen. „Weil „wir“ angesichts der „Klimakatastrophe“ keine Zeit haben“, weil Meinungs- und Kunstfreiheit „die Religion beleidigen“, weil Demokratie ein „Instrument der weißen Dominanz ist“ usw. usf.

Man muss nicht unbedingt auf die Nationalsozialisten oder die stalinistischen Verbrechen zurückgreifen, um sich zu vergegenwärtigen, wozu Menschen fähig sind.

Man muss sich nur Stanley Milgrams Experiment an der Yale-Universität in den 1960er Jahren in Erinnerung rufen. Milgram bat Studenten der Universität Versuchspersonen Stromschläge zu verpassen und forderte sie zum Weitermachen auf, was die Studenten auch dann taten, wenn ihnen Milgram mitteilte, dass die Stromspannung immer weiter erhöht werde.

Was die menschliche Natur angeht, bin ich pessimistisch, denn das Experiment zeigte, dass Studenten, also Akademiker, bereit waren, unethische Befehle auszuführen, Menschen Schmerzen zuzufügen, ohne Fragen zu stellen oder Reue zu empfinden.

Umso wichtiger ist dieses Buch, das in zwanzig sehr kurze Kapitel mit Handlungsvorschlägen und historischen Beispielen gegliedert ist.

Ich empfehle jedem meiner Leser, sich die zwei Stunden Zeit zu nehmen, die es benötigt, dieses schmale Buch zu lesen. In der Zeit, die es braucht, um zwei Cappuccini langsam zu trinken, hat man das Buch durchgelesen und hat wichtige Inspirationen, um unsere Gesellschaften zu stärken. Auch wenn es nur kleine Tips sind, wird es für manche einen großen Schritt aus ihrer Komfortzone bedeuten. Denn vom Sofa oder hinter der Tastatur lässt es sich natürlich sehr leicht kritisieren und nörgeln.

Dieses Buch hat sogar meinen Favoriten für dieses Jahr übertroffen, und zwar „Creativity“ des Gründungsmitglieds von „Monty Python“ John Cleese. John Cleese ist für mich eine der nur noch ganz wenigen Orientierungspersönlichkeiten, denen ich vertraue. Von heute aus gesehen, ist er ein Wiedergänger aus einer fast schon unwirklichen Epoche, in der ein wahrer Künstler Autoritäten herausforderte und Respektlosigkeit zur Berufsbeschreibung gehörte. Der anarchische, absurde und doch so treffende Humor war dann nur noch die Krönung.

Der geneigte Leser kann sich gerne noch einen dritten Cappuccino gönnen, um das kleine 100-seitige Buch zu lesen, in dem Cleese in humorvoller Weise Tips für kreatives Arbeiten gibt.

Denn wie lautet eins von Albert Camus‘ berühmten Bonmots: „Créer, c’est vivre deux fois.“

Und weil es gerade so schön ist, hier einer meiner Lieblingssketche von Monty Python.

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Serienkritik: „Der Untergang des Hauses Usher“

Eigentlich ist es eine sehr interessante Idee und ein guter kreativer Einfall, Edgar Allan Poes Kurzgeschichte über den Fall des degenerierten Hauses Usher aufzugreifen und sie auf die Familie Sackler zu übertragen, die das Schmerzmittel Oxycodon kommerzialisiert hat, und für die verheerende Opioid-Krise der USA verantwortlich gemacht wird.

Nachdem mich mehrere Artikel auf diese neue Serie aufmerksam gemacht hatten, die von dem „Horror-Großmeister“ Mike Flanagan schwärmten (der mir vorher völlig unbekannt war) und weil ich auch ein großer Fan von Edgar Allan Poe bin, siegte meine Neugier über meine Skepsis gegenüber Hypes.

Ich schaue heute so gut wie keine Serien mehr, und das liegt nicht mal unbedingt am Mangel an Zeit, Konzentration und Konstanz, sondern weil die Maßstäbe meiner Lieblingsserien die Latte relativ hoch gelegt haben und der Vergleich hierzu meistens enttäuschend verläuft.

So zum Beispiel „Die Sopranos“, die Serie um den Provinzmafiaboss Tony Soprano aus New Jersey, der an Panikattacken leidet und deshalb zur Psychotherapeutin gehen muss. Dies könnte das Drehbuch für eine seichte Krimikomödie sein, doch weit gefehlt, es ist eine Serie, die sowohl Tiefgang, Humor aber auch recht drastische Brutalität verbindet.

Es sind viele gute Handlungsstränge und schöne Szenen in dieser Serie.

Beispielsweise die Szene als Tony Soprano im Auto sitzt und darauf wartet, bis sein neapolitanischer Schläger und „Enforcer“ Furio Giunta einen säumigen Schuldner strammgezogen hat, als plötzlich seine Psychologin Dr. Melfi anruft, zwischen denen es knistert, bei ihm anruft, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen.

Oder die unglückliche Figur Chris Moltisanti, der wenig Alternativen zum Mafialeben hat, aber doch von einer großen Karriere als Drehbuchautor in Hollywood träumt und gegen seine Heroinsucht kämpft. Die Szene als er vollkommen desillusioniert mit Heroin rückfällig wird, während „The Dolphins“ von Fred Neil läuft, ist wirklich stark und von einer seltenen Intensität.

Oder die tragische Geschichte von Anthony „Tony B“ Blundetto (gespielt von dem wunderbaren Steve Buscemi), der nach einer langen Haftstrafe aus dem Knast entlassen wird und sich eine Existenz als Chiropraktiker aufbauen will, aber dennoch wieder in die Mafiageschäfte zurückfällt. Als er einen Hitjob auf einen rivalisierenden Mobster annimmt, der zu einem Krieg zwischen den Mafiaclans führt, sieht sich Tony Soprano gezwungen, seinen Cousin zu erschießen, um ihm einen grausamen Foltertod zu ersparen.

Rückblickend glaube ich, dass die damals fehlenden Diversitätsvorgaben und die Abwesenheit von Political Correctness diese Serien zu so einem interessanten und angenehmen Seherlebnis machten. So einige Szenen würde heute keine blauhaarige Sensitivity-Beauftragte mehr durchgehen lassen.

Wie die bösen Witze über John „Johnny Sack” Sacrimonis fette Frau Ginny.

(Ist es übrigens nicht bezeichnend, dass das einzige Video hier mit Altersbeschränkung das mit fiesen Witzen über fette Frauen ist!?!?)

Oder die Episode als Tonys Tochter Meadow einen jüdisch-schwarzen Freund mit nach Hause bringt, gegen den Tony, sagen wir, „Vorbehalte“ hat.

Das war tatsächlich eine Serie, bei der ich wirklich mitgegangen bin und traurig war, als ich die Schlussfolge der letzten Staffel geschaut habe. So wie ich es immer von anderen gehört hatte, die fast der Illusion erlegen waren, zur Serienfamilie zu gehören, wie bei „Friends“ oder „Lost“.

Es hat mir auch einen Schlag versetzt, als James Gandolfini schon vor mittlerweile 10 Jahren viel zu früh mit 51 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist. Er war ein wirklich großer Schauspieler.

Auf Platz 2 steht „Breaking Bad“, die spannende Moritat des unbedeutenden Chemielehrers Walter White, der zu den besten und genialsten Absolventen seines Unijahrgangs gehörte und vor die Wahl gestellt, mit seinem Kommilitonen ein Unternehmen zu gründen, das später Milliarden abwerfen sollte, sich für die sichere Laufbahn als Lehrer in der Provinz von New Mexico entschied. Als bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wird, bäumen sich alle seine Lebensgeister noch einmal auf, so dass er mit einem ehemaligen Schüler beginnt, in einem alten Wohnmobil in der Wüste Crystal Meth zu kochen und im Handumdrehen zum größten Meth-Dealer des amerikanischen Südwestens und darüber hinaus wird. Lange gelingt es ihm als bloßes Phantom unter dem Decknamen „Heisenberg“ zu existieren, um den sich Mythen und Legenden winden.

Eine mittlerweile legendäre Kultszene der Seriengeschichte: als der gelähmte Gangster Hector Salamanca, der im Rollstuhl sitzt und sich nur noch mit einer Klingel verständigen kann, den Drogenboss Gus Fring mit einer Bombe tötet.

Lustig war auch “How not to live your life” mit Dan Clark, die unter dem Titel “Volle Peilung“ seinerzeit auf Arte lief (heute absolut undenkbar). Die Puritaner würden solch boshaften und schwarzhumorigen Szenen heute niemals so durchgehen lassen. Hier gibt er Ratschläge, welche Drogen man nicht vor einem Date nehmen sollte:

Heute möchte ich mich mit meinen Kindern eigentlich nur noch bei „Rick and Morty“ amüsieren. Eine böse und zynische Zeichentrickserie um den genialen Wissenschaftler und Alkoholiker Rick Sanchez, der mit seinem Enkel Morty Abenteuer in verschieden surrealen Dimensionen erlebt und der Seriengemeinde solch absurde Charaktere wie Abradolf Lincler, einen Hybrid aus Abraham Lincoln und Adolf Hitler, geschenkt hat.

Sein Besuch auf dem feministischen Planeten Gazorpazorp ist auch sehr groß.

Doch zurück zum eigentlichen Gegenstand dieses Artikels.

Edgar Allen Poe ist ein meisterhafter Schriftsteller. Ich finde, er ist der einzige, bei dem man im hochsommerlichen Grüneburgpark sitzen kann und der es doch vermag, eine düstere, dunkle Welt zu erschaffen, in der man das Zucken violetter Blitze zu sehen und Regen und fernes Donnergrollen zu hören glaubt.

Der „Fall des Hauses Usher“ ist meiner Meinung nach nicht Poes beste Geschichte (aber das ist natürlich Geschmackssache). Geht es im Original um den Besuch des namenlosen Ich-Erzählers bei einem alten Schulfreund, den er schon jahrelang nicht gesehen hatte, ihn aber um dringendes Kommen gebeten hatte und der an grausamer nervlicher Überspanntheit leidet und von alptraumhaften Traumgesichten gepeinigt wird, stellt Mike Flanagan die Usher-Dynastie als eine Familie von Zynikern dar, deren Kern von dem skrupellosen Geschwisterpaar Roderick und Madeline Usher gebildet wird, die einst einen faustischen Pakt mit einer mysteriösen Frau namens Verna („Raven“!) geschlossen haben und mit dem Medikament „Ligodon“ zu obszönem Reichtum gekommen ist.

Die Parallele zur Sackler-Familie ist deutlich. Diese fristet nach den Enthüllungen über die aggressive Vermarktung von Oxycodon nun ein Pariadasein, aber in der Realität sind die Dinge doch etwas komplexer. Oxycodon hat nur einen geringeren Teil an der katastrophalen Opioid-Krise, die mittlerweile hauptsächlich auf die billige Droge Fentanyl zurückzuführen ist. Für die amerikanische DEA und Mitglieder des US-Kongresses ist die aktuelle Opioidepidemie in den USA eine Front eines asymmetrischen Krieges Chinas gegen die USA. Die meisten Fabriken für Fentanyl-Präkursoren, befinden sich in China und werden dort legal und mit Unterstützung der kommunistischen Behörden betrieben. Sie versenden die Vorstufen direkt an die Westküste der USA aber noch häufiger nach Mexiko, wo die Drogenkartelle die Vorstufen zu Fentanyl verarbeiten und den Stoff dann über die Drogenkorridore nordwärts in die USA bringen, wo sie zusätzlich zu den hunderttausend Überdosistoten in den USA noch zigtausende Mordopfer des Mexikanischen Drogenkriegs kosten.

Aber gut, sei’s drum. Aus dramaturgischer Perspektive kann ich es verstehen, dass man sich auf einen Bösewicht konzentrieren will, um den herum die Geschichte konstruiert wird.

Während Madeline kinderlos ist, ist ihr Bruder Roderick Usher ein rechter Schwerenöter, der zu mehren leiblichen Kindern noch eine ganze Anzahl unehelicher Kinder gezeugt, die allesamt versuchen, sich mit allerlei Projekten ins rechte Licht zu rücken, um millionenschwere Förderungen aus dem Familienvermögen abgreifen zu können.

Alle Kinder tragen Namen, die auf die Geschichten und Gedichte Edgar Allan Poes anspielen. Eine Tochter heißt Tamerlane, die eine Firma namens Goldbug Enterprises führt, ein Sohn heißt Prospero, eine Enkelin Lenore, Roderick Ushers Mutter heißt Eliza (wie Poes eigene Mutter). Die Pallasbüste fehlt auch nicht, so steht allerdings über dem Kamin und nicht wie im Gedicht über dem Türsims.

Auch die Episoden tragen die Titel von Poes Werken. Die erste Folge heißt „A Midnight Dreary”, die erste Zeile aus Poes wahrscheinlich bekanntestem Gedicht „Der Rabe“ (“Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary”). Die anderen Folgen heißen „Die Maske des roten Todes“, „Der schwarze Kater“, „Die Grube und das Pendel“ usw.

Der einzige bekannte Schauspieler der Serie ist Mark Hamill. Es ist echt seltsam ihn, in dieser Serie zu sehen. Der junge, dynamische Luke Skywalker spielt hier einen buckligen, verwachsenen Winkeladvokaten für die Familie Usher mit dem Namen Arthur Pym.

Alles in allem ein etwas bemühtes Name-Dropping, so als wollte das Produktionsteam auch ja unter Beweis stellen, dass sie alle ihren Poe gelesen haben.

Dazu kommen wenig subtile Anspielungen mit dem Holzhammer. Roderick Ushers Sohn Prospero, genannt Perry, veranstaltet Drogen- und Swingerpartys. Auf einer von ihnen erscheint eine mysteriöse Frau mir rotem Umhang und Totenkopfmaske (hint, hint!). Eine andere Tochter, Victorine LaFourcade ist Ärztin und arbeitet im „RUE“-Labor, wo sie Tierversuche mit Affen macht, von denen einer ihre Halbschwester Camille L’Espanaye ermordet (hint, hint, hint!!!)

Davon abgesehen gibt es in dieser Serie keinen einzigen Sympathieträger unter den Figuren (mit Ausnahme der Enkelin Lenore).

Alle Figuren wirken unangenehm, egoistisch, verantwortungslos, unsympathisch. Das finde ich komisch, und das hat mich schon bei „House of Cards“ sehr irritiert.

Ist das der aktuelle Trend in den Drehbuchschulen oder bildet das tatsächlich die amerikanische Gesellschaft ab? Ich weiß es nicht. Es ist jedenfalls merkwürdig. Zweifellos ist das ein verwirrender Verfremdungseffekt, der die Sehgewohnheiten durcheinanderbringt.

Die Frauenfiguren wirken sehr hart, eiskalt, ohne einen Funken Empathie und sehen durch ihre Schönheits-OPs wie Karikaturen aus.

Die Männer – auch teils chirurgisch instandgesetzt – wirken feige, schwach, verweichlicht und/oder schwul.

Es wird sehr viel über Sex geredet und Sex dargestellt, aber alles ohne jede Prise Humor oder Ironie. Und das ist die zweite Sache, die mich sehr irritiert. Meines Erachtens auch ein Charakteristikum unserer aktuellen Epoche.

Eine Figur, die ich zunächst mit Erfreuen wahrgenommen habe, war die des Ermittlers C. Auguste Dupin. Er ist meine Lieblingsfigur in Poes Geschichten. Er taucht in mehreren Geschichten Edgar Allan Poes auf, aber nicht im „Untergang des Hauses Usher“. Na gut, warum auch nicht. Künstlerische Freiheit.

In der Serie ist er außerdem schwarz. Ok, auch künstlerische Freiheit. Kein Problem. Allerdings habe ich hier den sehr starken Verdacht, dass das eben nicht auf bloßer künstlerischer Freiheit beruht, sondern auf Vorgaben des Diversity-Teams bei Netflix. Aber auch das reicht nicht aus. Er muss natürlich auch in einer schwulen Beziehung leben. Es ist so, als ob die Diversityschraube niemals weit genug gedreht werden könnte. Es nervt mich so hart.

In der Serie ist C. Auguste Dupin ein District Attorney, d.h. ein Staatsanwalt, der gegen die Familie Usher ermittelt und von Roderick Usher in sein heruntergekommenes Haus eingeladen wird, um das Geständnis seiner Verbrechen entgegenzunehmen.

Nichts könnte hier entfernter von Poes Figur in seinen Geschichten sein. In Poes Geschichten ist C. Auguste Dupin nämlich das komplette Gegenteil: Abkömmling einer illustren aber verarmten Familie, Bohemien und Exzentriker, der zum Zeitvertreib Kriminalfälle löst, an denen sich die französische Polizei samt ihres Superhirns Vidocq die Zähne ausbeißen.

Dupin und sein exzentrischer Lebenswandel (der mir in meiner Jugend allerdings auch reizvoll erschien) werden dem Leser in der Geschichte „Die Morde in der Rue Morgue“ durch den namenlosen Ich-Erzähler folgendermaßen dargestellt:

„Es war eine ausgesprochene Grille meines Freundes (wie anders soll ich es nennen?), in die Nacht um ihrer selbst willen verliebt zu sein; und auf diese bizarrerie verfiel auch ich – wie auf all seine anderen – schlicht und ohne Umstände, indem ich mich vollkommen ungezwungen seinen wild-wunderlichen Grillen ergab.

Die düstere Gottheit selber wollte nicht allezeit bei uns wohnen; doch konnten wir uns ihre Gegenwart ja künstlich schaffen. Beim ersten Dämmern des Morgens schlossen wir sämtliche gewichtig dichten Fensterläden des alten Baus und entzündeten ein paar Wachskerzen, welche unter stark würzigem Räuchern nur den schauerlich bleichsten und mattesten Schein verbreiteten. Mit diesen Lichtes Hilfe versenkten wir dann unsere Seelen in Träume – lasen, schrieben oder unterhielten uns, bis die Uhr uns das Nahen der wahren Nacht anzeigte. Dann begaben wir uns auf die Straßen, Arm in Arm, fuhren fort, die Gegenstände des Tages zu besprechen, oder streiften weit und breit bis zu später Stunde umher und suchten, inmitten der wilden Lichter und Schatten der bevölkerten Stadt, jene Unendlichkeit geistiger Erregung, die von gelassener Beobachtung gewährt werden kann.“

Ich hatte mir damals noch bei Zweitausendeins die sehr schöne Gesamtausgabe der Werke Poes in fünf Bänden gekauft, die von Hans Wollschläger und von Arno Schmidt in ein wundervolles, altmodisches Deutsch zu übertragen und dabei die unheimliche Schönheit von Poes Texten zu vermitteln wussten. An dieser Stelle eine Hommage an all die Schriftsteller und Übersetzer, die auf eine Karriere verzichten und in Armut und Bedürftigkeit leben und sich mit Fleiß, Hingabe und Hartnäckigkeit einer Übersetzung widmen, um den Leser einen Lesegenuss zu ermöglichen.

C. Auguste Dupin ist auf jeden Fall eine faszinierende Figur, dem es mit messerscharfem Verstand und einer analytischen Deduktionsmethode gelingt, aus unbedeutenden Beobachtungen seine Schlüsse zu ziehen. So etwa, als er mit dem Erzähler der Geschichte durch die Nacht spaziert und ihn aus heiterem Himmel mit dem vermeintlichen Erraten seiner Gedanken verblüfft. Sehr schön dargestellt bei Sommers Literatur to go. Es wird zwar gespoilert, aber auf die Auflösung der Geschichte kommt es ohnehin nicht an.

Es klingt vielleicht lächerlich, aber jedes Mal, wenn ich vor einer Aufgabe stehe, die logisches Nachdenken erfordert, greife ich nicht auf meine im Jurastudium erlernte syllogistische Fallösungstechnik zurück, sondern ich denke an C. Auguste Dupin und seine Methode der genauen Beobachtung und seiner analytischen Kombination.

Insgesamt ist die Serie eine mir nicht bekömmliche, große Ratatouille aus allen möglichen Poe-Geschichten, die aber hinten und vorne nicht zusammenpassen.

Vor allem der penetrante Diversitätsfetisch geht mir immer mehr auf den Sack.

Die vielen zeitlichen Sprünge und Rückblenden in den Folgen, bei denen die Figuren auch noch von verschiedenen Schauspielern dargestellt werden und vor allem der Umstand, dass die Mehrzahl der Darstellerinnen ihr Gesicht mehr oder weniger invasiv chirurgisch haben überholen lassen und damit jede Eigenheit und jeden Charakter aus ihren nun standardisierten Gesichtern getilgt haben, was mir Mühe bereitet, sie auseinanderzuhalten, machen es zumindest mir schwer, dem mühsam an den Haaren herbeigezogenen Plot zu folgen.

Die Horroreffekte sind platt und langweilig und in der letzten Folge einfach nur lächerlich.

Es ist schon eine Kunstform für sich, eine solche Geschichte mit einem an sich sehr guten Aufhänger so zu verhunzen. Und das obwohl E.A. Poe ein Meister des Gothic Horror ist und wie nur wenige andere die mörderische Überspanntheit der menschlichen Seele zu schildern und durch die Beschreibung von düsteren, spukhaften Orten das Grauen zu steigern weiß.

Man sollte diese Serie eher als Menetekel für den Niedergang des Hauses Netflix ansehen.

Ob ich diese Serie empfehlen würde?

Nimmermehr!

(Siehe übrigens hier die sehr schönen Illustrationen in mehreren Beiträgen von Poes Werken bei Frank Zumbachs Mysterious World)

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Geister

Nachts sind die Geister unter sich.

Zumindest stelle ich mir das vor, wenn ich, wie üblich, abends als letzter die Kanzlei verlasse und den Schlüssel in der Tür umdrehe.

Es ist ein schmuckloses Gebäude, das nicht besonders repräsentativ ist. Ein typisches Geschäftshaus, das man in den 1960er Jahren auf einem Trümmergrundstück errichtet hat. Schnell, billig und funktional. Es hat einen alten, quietschenden Aufzug und beige-blassgrün gestrichene Treppenhauswände, wie es in den 60er/70er Jahren üblich war.

Lange Zeit gehörte es der Frankfurter Sparkasse, die im Erdgeschoss eine Filiale betrieb und die Büros im Haus vermietete. Das Übliche. Anwälte, Steuerberater, Zahnarzt. Eine Weile lang auch ein obskurer „Thaimassage-Salon“. Unter dem Dachboden drei kleine Mansardenwohnungen.

Wo früher die Sparkasse drin war, ist jetzt eine Spielothek mit Billardsalon, in dem es nach Raumspray wie im Puff riecht. Im Sommer bei geöffnetem Fenster kann man leise die Billardkugeln klicken hören.

Wenn Ruhe einkehrt, versammeln sich die Gespenster in den leeren Räumen des Bürogebäudes.

Wäre es nicht witzig, wenn sie alle nachts aufeinandertreffen würden?

Die ehemaligen Bewohner des Hauses, das an dieser Ecke der Stadt mit Sicherheit hochherrschaftlich war. Ein verschnörkelter Gründerzeitbau mit Dienstbotenaufgang.

Die vornehmen Großbürger, die Hausangestellten, die unter dem Dach in Dienstbotenzimmern lebten.

Die bei den Bombenangriffen im Luftschutzkeller Umgekommenen.

Die Buchhalter aus den Büros mit ihren Nyltesthemden, ihren Koteletten und speckigen Langhaarfrisuren und Schnurrbärten, wie sie Wilhelm Genazino in seinen Angestelltenromanen beschrieben hat. Die sich hier vor Jahrzehnten gelangweilt, geraucht, gelacht, aus dem Fenster auf die Straße geschaut haben. Auf das damalige TAT, das Theater am Turm, Fassbinders Wirkungsstätte in den 70ern. Vielleicht im „Dippegucker“ am Volksbildungsheim ein Bier getrunken haben.

Vielleicht auch die alten Halunken, die hier früher herumlungerten, an genau der Stelle, an der sich zu früheren Zeiten die Stadtbefestigungen von Frankfurt im Vauban-Stil befanden und die zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschleift wurden.

Mir gefällt diese Vorstellung, dass nachts die Meschen, die hier einmal gelebt und gearbeitet haben, nachts zusammen kommen, um sich zu unterhalten, ein Gläschen zu trinken, sich zu zanken und über die dummen Menschen zu lästern, die ihr kostbares, einmaliges, nicht wiederholbares Leben damit vergeuden, auf einen Computerbildschirm zu starren, irrelevante E-Mails und Briefe zu schreiben, unnütze Telefongespräche zu führen, statt den herrlichen Planeten zu bereisen und Bekanntschaft mit anderen Menschen zu machen.

Sind sie an diesen Ort gebunden? Sind sie manchmal einander überdrüssig, diejenigen, die sich seit Jahrzehnten mit immer denselben Gespenstern treffen? Oder kommen manchmal Besucher aus anderen Welten herbei?

Als ich dieses Büro gemietet habe, hatte ich mich gerade selbständig gemacht. Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder frei durchatmen zu können. Niemandem gehorchen müssen. Sie mit niemandem abstimmen müssen, nicht mit Kollegen zusammen sein müssen, die man nicht leiden kann.

Und dennoch hatte ich damals als Neuling eine große Angst vor Beratungs- oder Prozessfehlern, die mich in die Haftung treiben und ruinieren könnten. Das ist der Nachteil an der Selbständigkeit: es gibt keinen Chef, der für einen die Rübe hinhält, wenn man was verkackt hat.

Als erwachsener Mann und Familienvater erfand ich mir einen imaginären Freund, dem ich meine Gedanken mitteilte, wenn ich das Gefühl hatte, etwas richtig verbockt zu haben.

Ich nannte ihn Felix.

Er war ein großgewachsener, schlanker, braungebrannter Surfertyp mit hellbraunen Haaren und großen weißen Zähnen und einem Lächeln wie auf der Kinderriegelwerbung. Er trug ein grünes Polohemd und eine Holzperlenkette.

Er saß am Fenster in meinem Büro in einem Sessel und war vollkommen entspannt. Er sagte immer: „Take it easy, Junge. Gar nichts wird passieren. Mach dich locker!“. Und ich war beruhigt, denn es stimmte.

Keine Ahnung, was das über mein Unterbewusstsein aussagt, dass ich diese Figur aus meiner Phantasie kreiert habe. Ich schreibe in der Vergangenheit, weil ich ihn schon lange nicht mehr heraufbeschworen habe.

Trifft Felix sich auch nachts mit den anderen Gespenstern?

Ich habe auch noch andere Hilfsgeister beschworen, wenn ich Mut oder Orientierung brauchte.

Da ich ein humanistisches Gymnasium besucht habe, bin ich sehr stark von griechischer Mythologie beeinflusst. Auch wenn es vielleicht das einzig Positive ist, das mir diese Schule vermittelt hat.

Manche Dinge aus dieser Zeit sind mir so präsent, dass sie erst ein paar Wochen zurückzuliegen scheinen. In der Sexta oder Quinta wurden wir mit der wirklich anspruchsvollen Lektüre der dreibändigen Ausgabe der „Sagen des klassischen Altertums“ beglückt. Noch heute gellt mir das mit rollendem R ausgesprochene „Klytämnestra“ unserer rumäniendeutschen und osteuropäisch strengen Lehrerin Frau K. in den Ohren.

Nicht mal eine Sekunde kann man sich vorstellen, dass meine Töchter auf dem Gymnasium mit solchen Werken konfrontiert werden. Die Gymnasien sind derzeit dabei, die Basics beizubringen und die Defizite auszugleichen, die durch die Schulschließungen während der Coronazeit entstanden sind. Bisher ist noch niemand für dieses Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich mag alle Olympier auf ihre Weise, aber auch die anderen Helden. Odysseus, der den Beinamen „der Listenreiche“ trägt, ist mir der Liebste. Er ist mit der Gabe der Schläue gesegnet, auch des Humors, aber er ist auch hochmütig und schadenfroh, was ihm den Zorn der Götter einbringt.

Ich komme mir manchmal auch vor wie Odysseus auf der Rückreise von Troja. Gebeutelt von den Wellen in einem Meer aus E-Mails, Rückruflisten und Akten, bei denen ich manchmal nicht weiß, wo ich anfangen und wie ich das Tagespensum bewältigen soll.

Odysseus‘ Beschützerin ist Pallas Athene, die „Göttin mit den strahlenden Augen“. Göttin der Weisheit und der Strategie. Sie wendet das Kriegsglück vor Troja und schützt Odysseus vor dem Zorn ihres Onkels Poseidon, dessen Sohn Polyphem Odysseus geblendet und nach geglückter Flucht schadenfroh verspottet und ausgelacht hatte.

In Zeiten der Verzagtheit spricht sie Odysseus Mut zu, den auf seinen Irrfahrten beizeiten der Mut verlässt. So als er sich nicht zum Hof des Alkinoos, Herrscher der Phäaken hineintraut. So spricht sie zu ihm:

Siehe da redete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Fremder Vater, hier ist das Haus, wohin du verlangtest,
Dass ich dich führte. Du wirst die göttergesegneten Fürsten

Hier am festlichen Schmause versammelt finden; doch gehe
Dreist hinein, und fürchte dich nicht! Dem Kühnen gelinget
Jedes Beginnen am besten, und käm‘ er auch aus der Fremde.

Seit Playmobil ein Set mit allen griechischen Göttern herausgebracht hat, konnte ich nicht widerstehen, mir „meine“ Athene zu kaufen, deren Blick ich manchmal suche, wenn mich alles anwidert. Sie schaut immer gleichmütig mit ihrem eingefrorenen Playmobilgrinsen.

In Edgar Allan Poes bekanntestem Gedicht lässt sich das titelgebende schwarze Federvieh direkt auf der Pallasbüste über der Tür nieder:

And the Raven, never flitting, still is sitting, still is sitting

On the pallid bust of Pallas just above my chamber door;

And his eyes have all the seeming of a demon’s that is dreaming

Für mich hat es nicht zu einer Büste gereicht, sondern nur zu einer Playmobilfigur.

Alexander der Große soll mir Stärke und Willenskraft einflößen.

Das Gespenst (das ich meinen Kindern geklaut habe) soll mir meine unabwendbare Endlichkeit vor Augen führen.

Ebenso wie der Totenkopf, den mein Freund Hans Reuschl gemalt hat, mich an die tickende, ablaufende Zeit gemahnt. Mein persönliches „Memento mori“.

An der Wand hängt William S. Burroughs und ermahnt mich mit strengem Blick nicht so viel unnützen Tand zu produzieren, sondern zu lesen, zu schreiben, zu reisen und Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Da mein Büro mehr und mehr einem Kuriositätenkabinett gleicht, bin ich dazu übergegangen, Mandantengespräche im Meetingraum zu führen.

Ich kann den Gedanken in Schach halten, dass irgendwann alles ein Ende haben wird. Statistisch gesehen habe ich die Hälfte meiner Lebenszeit hinter mir gelassen. Das Universum wird eines Tages ohne mich weiter existieren.

Werde ich irgendwann auch hier mit den anderen Gespenstern nachts in meinem alten Büro sitzen?

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Autoverkauf mit Hindernissen

Freunde der Abenteuer- und Macho-Literatur. Wem „Oro“ und sein sympathischer Protagonist Cizia Zykë gefallen hat, der wird auch von „Sahara“ nicht enttäuscht werden.

In diesem erneut autobiographischen Buch erleben wir die Abenteuer, die der Autor beim Verkauf von Autos und Lastwagen im Afrika der 1970er Jahre durchgemacht hat.

Bis heute ist der Verkauf von gebrauchten Autos (lies: Schrottkarren) nach Afrika wegen der exorbitanten Einfuhrzölle, an denen nur die Potentaten, ihre Entourage und vor allem die korrupten Zöllner verdienen, ein lukratives Geschäft. Heute werden Autos mit leichtentflammbaren Riesenfrachtern wie der „Fremantle Highway“ transportiert.

Wenn man jedoch einen Gewinn von 700% auf seinen Einsatz machen kann, dann nimmt es nicht wunder, wenn zu früheren Zeiten Glücksritter und Pleitegeier den Weg durch die algerische Wüste auf sich nahmen, um einen schrottreifen Peugeot 404 nach Mali oder Niger zu fahren.

Als Cizia Zykë zufällig von diesen gigantischen Margen erfahren hat, entschloss er sich, selbst einen Handel zwischen Frankreich und Mali aufzuziehen.

Hierzu versammelte er eine Bande von Ahnungslosen und Verrückten, die bereit waren, mit allen möglichen Waren und Autos beladene, altersschwache Mercedes- und Berliet-LKWs auf der berüchtigten Tanezrouft-Piste durch die Wüste zu fahren. (Ich erinnere mich noch ziemlich genau an einen Artikel, den ich in meiner Jugend im Spiegel gelesen hatte, und der mir Grauen eingeflößt hatte, besonders die Stelle, an der eine belgische Familie mit zu wenig Wasser vom Weg abgekommen war und die Eltern zuerst ihre Kinder erdrosselt und sich dann die Pulsadern aufgeschnitten hatten).

Zum illustren Panoptikum, an das sich die Leser von Cizia Zykës Büchern gewöhnt haben dürften, gehört ein spanischer Hippie, ein sexbesessener Jude, massenhaft korrupte Zöllner und Bullen, europäische Banditen und Betrüger, die sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit gegenseitig ablinken und jede Menge käuflicher Damen.

Zusätzlich zu diesem Völkchen nimmt Zykë noch Touristen und alle möglichen Touaregs auf seinen Lastwagen mit, was dann ungefähr dieses Bild ergibt:

Das Buch ist rasant in einer klaren schnoddrigen, von Argot-Ausdrücken durchzogene Sprache geschrieben. Das N-Wort fällt in allen möglichen Variationen gefühlt drei bis fünfmal pro Seite.

Die Männer leiden nicht nur unter der Hitze, der Malaria, den korrupten Zöllnern und der Tortur, die festgefahrenen Lastwagen bei glühender Hitze freischaufeln zu müssen. Es kommt zu Massenschlägereien zwischen den Männern, denn wenn sich die Europäer zugutehalten, den Rassismus zwischen Schwarzen und Weißen überwunden zu haben, ist der innerafrikanische Rassismus eine Tatsache, die sich dem ungeübten Reisenden als böse Überraschung darbietet:

Touaregs (die in dem Buch auf Französisch nach ihrer Sprache als Tamascheqs bezeichnet werden) haben die Iklan (auch Bellah-Volk genannt) seit der Antike versklavt und es ist für einen stolzen Wüstensohn absolut undenkbar, von einem Iklan Befehle oder Anweisungen entgegenzunehmen. Touaregs und die subsaharischen Bambaras verstehen sich auch nicht. Algerier können zwar mit Touaregs, aber nicht mit Bambaras zusammenarbeiten. Ein nicht zu unterschätzendes logistisches Problem.

Es ist wie „Oro“ ein spannendes und amüsantes Buch. Ich habe jedenfalls gut abgelacht.

Nach der Lektüre von anderen Reiseberichten hätte ich selbst einmal große Lust, die Strecke mit dem Motorrad abzufahren, wäre nicht akute Terrorgefahr, die ein Durchqueren des „Grand Sud“ Algeriens verbietet.

Obligatorische Triggerwarnung: Worte und Beschreibungen können die Gefühle der jüngeren Generation verletzen.

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