Der Basketballplatz als Wille und Vorstellung

Ich finde, dass wir in ziemlich bizarren Zeiten leben. Man kann auf dem Weihnachtsmarkt keinen Lumumba mehr trinken, ohne sich dem Verdacht des Rassismus auszusetzen. Blauhaarige Feministinnen lassen sich von Osama Bin Laden die Augen über Geopolitik öffnen. Feministinnen bringen es nicht über sich, Vergewaltigungen an jüdischen Frauen zu verurteilen, was für mich nur der letzte Beweis dafür ist, dass die Schnittmengen zwischen Feminismus und Islamismus immer größer werden. Am besten können es natürlich die Engländer mit ihrem britischen Humor darstellen (der ganze Channel ist übrigens großartig):

Bonus:

Ich begreife den Zeitgeist nicht mehr und dabei bin ich noch nicht mal Boomer, sondern gehöre der üblicherweise ignorierten und übergangenen Generation X an.

Wir „Xer“ sind nicht mehr mit Wirtschaftswunder und Vollbeschäftigung aufgewachsen, sondern haben die ersten Beschissenheiten der neuen Arbeitswelt der 2000er „genießen“ dürfen: die Start-Up-Arbeitskultur („wir sind doch nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde“, „Was? Du willst tatsächlich schon um 19 Uhr nach Hause gehen? Hast Du nen halben Tag Urlaub?“). Dafür hatten wir in den 90er Jahren nach dem Mauerfall tatsächlich die Illusion einer ewig währenden friedlichen Raveparty.

Es bleibt nicht aus, dass man darüber nachdenkt, wie es früher war, wie es dazu kommen konnte, dass die Lage derzeit so ist, wie sie ist. Ob man sich nicht etwas vormacht, wenn man sich einredet, dass die Zeiten früher besser waren, dass es weniger Ungleichheit gab, dass die Leute gelassener waren. Warum es nur diese vielen Spaltungen gibt.

Ich bin in einer Zeit und in einer Stadt aufgewachsen, in der Herkunft, Hautfarbe oder Religion völlig unerheblich waren. Deswegen blicke ich mit Erstaunen auf diese vielen künstlichen und unerheblichen Konflikte, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Es begab sich also zu der Zeit etwa 1989. Ich war dreizehn Jahre alt. Ich hatte ein paar Jahre im Verein Basketball gespielt, aber zu dem Zeitpunkt spielte ich mit meinem Freund E. im Sommer nur auf Freiplätzen.

Von denen gab es Ende der 1980er, Anfang der 1990er nur wenige, einfach weil Basketball nicht den Verbreitungsgrad von heute hat.

Es gab Basketballkörbe auf Schulhöfen, die aufgrund der geringeren Asiozalitätslevels damals sogar am Wochenende geöffnet waren, so dass man dort Tischtennis, Fußball oder eben Basketball spielen konnte. Ansonsten gab es einen Freiplatz in der amerikanischen Siedlung an der Platenstraße. Noch Anfang der 90er konnte man dort ganz gechillt durchspazieren, und die Leute grüßten freundlich.

Heute leben in den amerikanisierten Nachkriegsmietkasernen die Konsulatsmitarbeiter und noch ein paar Soldaten. Alles ist kameraüberwacht und es gibt hydraulische Autosperren, über die uniformierte Wächter mit Knüppeln wachen.

Der 11. September war nur noch etwa 10 Jahre entfernt. Ein sehr kurzer Zeitraum, aus heutiger Sicht betrachtet. Wir konnten damals gar nichts ermessen.

Unsere vom Taschengeld eisern abgesparten Air Jordans (die heute wieder Style-Ikonen sind) und ein lederner Spalding-Basketball waren die kostbarsten Gegenstände, die wir besaßen. Wer es sich leisten konnte, trug ultra-coole Kleidung von Nike und Converse in den in den 80er-Jahre-typischen neon-grellen Farben.

Die Krönung war es, wenn sie von einem amerikanischen Kumpel aus dem PX mitgebracht worden war, zu dem nur Angehörige der US-Army und ihre Familienmitglieder Zutritt hatten.

Auf den Basketballplätzen traf sich die typische Frankfurter Multikulti-Mischpoke: Türken, Marokkaner, Italiener, Griechen, Jugos, Zigeuner, Filipinos, ein Kambodschaner. In der Platenstraße spielten manchmal ein paar amerikanische Kids mit. Schwarze gab es auch, aber es waren keine afrikanischen Afrikaner, sondern Kinder von Deutschen Frauen und schwarzen GI’s. Sie wurden „Schokos“ genannt, ohne diskriminierende Absicht und ohne dass irgendjemand daran Anstoß nahm. Thomas Hofmann, die eine Hälfte des Rödelheim Hartreim Projekts, war auch manchmal am Start, der von seinem Aussehen her irgendeinen asiatischen Background hat.

Es waren dies die Kinder des multikulturellen Treibguts, das in den verschiedenen Migrationswellen nach Frankfurt getrieben worden war.

Es war keine feste Gruppierung, die immer bei einem bestimmten Platz traf. Es war ein loser Zusammenschluss von Leuten, die mal hier mal da auf den Plätzen auftauchten, Basketball zockten und dann von der Bildfläche verschwanden, bis man sie irgendwann wieder auf einem anderen Platz traf. Man sah immer irgendwelche bekannten Gesichter, aber es wechselte sehr oft.

Dazu kam noch eine ganze Galaxie an unterschiedlichen Kumpels, kein Basketball spielten aber auf dem Platz abhingen und auch manchmal mitspielen wollten, aber nach ein paar peinlichen Fehlwürfen, lieber wieder zurück zu ihren Kumpels am Spielfeldrand gingen.

Wir verbrachten im Sommer die ganzen Wochenendnachmittage auf dem Platz. Wir ahmten Michael Jordans Tick nach, mit heraushängender Zunge zum Korb zu gehen.

Die Zigeuner waren arm und spielten in ihren Jeans und Straßenschuhen, aber wir hatten Respekt vor ihnen, weil sie sich nichts aus unseren spöttischen Sprüchen über ihre uncoole Kleidung machten, sondern auf dem Platz alles gaben.

Manchmal spielten auch ein paar bekiffte Punks mit, die mit ihren Bondagehosen und ihren hochgeschnürten Doc Martens mit Stahlkappe zum Korb gingen.

Wir trugen Iro, Afro oder Buzzcut. Bei mir schwankte es immer zwischen den beiden letzten. Ich ließ so lange wachsen, bis meine Araberhaare einen Pilz über meinem Kopf zu bilden begannen und dann packte ich wieder meinen Moser-Haarschneider aus, um die Wolle herunterzumähen.

Der Punkt war: es war völlig egal, woher du kamst und welche Hautfarbe du hattest.

Unsere Identität war nicht ethnisch oder religiös. Unsere Identität speiste sich daraus, dass wir alle Frankfurter Jungs waren, die gerne Basketball spielten. Das war alles, was uns verband und das reichte aus. Und von diesen temporären Zusammenschlüssen gab es viele: seien es Fußballer, Skater oder Sprayer oder was auch immer.

Es gab einen speziellen frankfurterischen Slang, der sich teilweise aus der Roma-Sprache speiste und heute untergegangen ist, aber noch in manchen typischen Redewendungen überlebt hat, an denen man den Ur-Frankfurter-Bub erkennt: Chavo, Chaya, buk tschi Tschund, Aldä!

Wer mit so einem „Wallah-Akhi-starfullah“-Scheiß gekommen wäre, wäre ausgelacht worden.

Es lief Musik aus dem Ghetto-Blaster, also einfach einem Kassettenrecorder mit zwei großen Boxen und viel Bass. (Meine Kinder wissen überhaupt nicht mehr, was eine Audio-Kassette ist.)

Es lief viel Rap, der damals in den Kinderschuhen steckte. N.W.A oder die Porno-Rapper von 2 Live Crew.

Basketball steht durch die vielen schwarzen Spieler eher der HipHop-Kultur nahe, aber in Frankfurt gab es doch recht viele Basketballer, die nebenher auch noch in der Skaterszene unterwegs waren. Die hörten eher Skater-Punk von Suicidal Tendencies, aber auch von Dead Kennedys oder Bad Brains.

Das waren meine ersten musikalischen Prägungen, als ich mich bewusst für Musik zu interessieren begann und erst der Auftakt zu dem geilen Jahrzehnt der 90er, in welcher nach den eher aalglatt-schmalzigen 80ern neue Musikstile enstanden und mich prägenden Bands, die heute zum Großteil gar nicht mehr existieren: Nirvana, Cypress Hill, Snoop Dogg, Kyuss, Pantera, Outkast, The Pharcyde, Pennywise, Rage against the Machine, Smashing Pumpkins (letztere habe ich als Jugendlicher gern gehört, ihre ersten drei Alben bis „Mellon Collie“ sind geil, auch wenn sie ab Ende der 90er nur noch absoluten Müll produziert haben; ich mochte die melancholischen Texte, die tiefergestimmten Gitarren mit sehr viel Fuzz).

Es macht auf jeden Fall Laune, wenn bei einem netten 5-gegen-5 auf zwei Körbe „Straight Outta Compton“ von N.W.A oder „How I Could Just Kill A Man“ von Cypress Hill oder „Walk“ von Pantera aus den Boxen dröhnt.

Ich konnte mich lange nicht entscheiden, zu welcher Musikrichtung ich eher tendieren sollte, HipHop oder Rock. Erst später hat sich mein Musikgeschmack hin zu Jazz und Elektro weiter verfeinert.

Techno war bei uns überhaupt nicht gut angesehen. Es gab damals noch nicht diese vielen verschiedenen Stile elektronischer Musik (House, Drum n Bass, Garage, Elektro usw.), sondern nur Acid und harten Techno und die Typen, die in Sven Väths Omen abzappelten. Komische Vögel, die orangene Müllmannwesten und weiße Handschuhe und Staubmasken und manchmal sogar einen Staubsauger auf dem Rücken trugen. Auf jeden Fall absolut uncool.

Damals gab es im Frankfurter Westend den einzigen (?) Skatershop, die „Cadillac Ranch“, an dem ein oder zwei (?) Mitglieder der Böhsen Onkelz beteiligt waren. So liefen dort auch die BO. Ich war damals kein großer Fan von denen, aber das hatte seine ganz eigenen Gründe.

Ich war damals voll auf dem Amerika-Kulturtrip. Mich interessierte alles, was aus Amerika kam und hergestellt wurde. Ich hörte den Soldatensender AFN und ahmte den amerikanischen Akzent nach. Deutsche Musik interessierte mich nicht. So dass ich auch die Kontroversen um die rechtsradikalen Ursprünge der Band nicht mitbekam und mir auch völlig am Arsch vorbeiging. Der Sänger Kevin Russell lebte, was ich erst viel später erfahren habe, gar nicht weit weg von der Wohnung meiner Eltern in der Weberstr. 28, wo anscheinend die wildesten Partys liefen.

Daran kann man sehen, wie sich das Nordend verwandelt hat. Man kann sich nicht vorstellen, dass so ein Typ wie Kevin Russell in dieser völlig verbonzten Wohngegend eine Wohnung hat und dort Partys und Exzesse feiert.

Heute leben dort nur noch Investmentbanker und Anwälte und ihre Frauen kurven entnervt durch die engen Straßen auf der Suche nach einem der raren, von den scheiß Grünen immer weiter verknappten Parkplätze für ihren Porsche Cayenne.

Der Ton auf dem Platz war rauh und geprägt von Gegröle, großmäuligen Angebereien und dreckigen Witzen: „Warum haben Frauen Titten? Damit mit man was zum Gucken hat, wenn man mit ihnen redet.“ (hö hö).

„Ey Django, eh. Alfredo, zieh mal deine Hose runter, du machst hier alle horny!“

Wir spielten HORSE und unweigerlich ging jedesmal, wenn einer bei der zweiten Aktion verkackte, das Gegröle los: Ahahahaha, der Tom ist die Ho. Du bist die Ho, haha!

Die Atmosphäre halt, wenn man sich als 14-15 Jähriger in einer größeren Jungsgruppe durchsetzen muss. Und du musstest dich durchsetzen, denn Jungs in dem Alter, in dem der Testosteron-Turbo gerade erst anläuft, provozieren gerne.

Auch wenn es nicht rassistisch gemeint war, war natürlich die Herkunft Zielscheibe für Spott (Spaghettifresser, Habback, Chink). Ich weiß nicht, wie oft ich als Halb-Franzose mir „Frosch“ oder „Froschschenkelfresser“ anhören musste.

Aber auch das Aussehen wurde kommentiert: dünne Beine, fehlende Brustbehaarung oder auch eine geringe Körpergröße, die doch sicher auch ein untrügliches Indiz für einen kleinen Pimmel war.

Ich habe aber bei diesen Diss-Battles auch ein paar Mal erlebt, wie die feine Grenze zwischen Witz und Ernst überschritten wurde und es zu Schlägereien kam.

Ich war weder ein besonders guter Basketballspieler noch, besonders groß, noch besonders stark, noch besonders schlagfertig. Ich war sogar eher still und schüchtern und trotzdem habe ich mich nicht klein gemacht. Ich war, ähnlich wie heute, ein Beobachter und Chronist, ohne es damals zu wissen.

Irgendwann kam jeder mal – durch die Mechanismen einer unvorhersehbaren Gruppendynamik – an die Reihe. Und es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass es angenehm war, wenn man selbst zur Zielscheibe auserkoren wurde.

Aber du wärst vollkommen unten durch gewesen, wenn du tatsächlich angefangen hättest, deswegen herumzuheulen. Du hättest dich auf keinem Basketballplatz in Frankfurt mehr blicken lassen können.

Hier lernten Jungs ohne Anleitung das Basiswissen des Mannseins. Den Stoizismus. Cool bleiben, sich nicht provozieren lassen und die richtigen Könner, die Respekt genossen, waren schlagfertig und konnten was Witziges erwidern.

Heute würden diese Weicheier sofort zum Antidiskriminierungsbeauftragten rennen. News-Flash, Leopold-Maximilian: auf dem Basketballplatz bist du auf dich allein gestellt und jeder dort beobachtet dich, ob du cool oder schwul reagierst.

Liegt es daran, dass Jungen heute ohne richtige Vaterfiguren aufwachsen und nicht mehr diesen wichtigen Ritualen ausgesetzt werden und sie stattdessen zum Cello-Unterricht und zum Debattierclub geschickt werden? Junge, ein Nachmittag auf dem Basketballplatz ersetzt ein halbes Jahr Debattierclub und ein Semester Kulturanthropologie.

Ich für meinen Teil habe in der Zeit so viele politisch unkorrekte Witze gehört, dass ich nicht gleich in Ohnmacht falle, wenn ich einen Schwulen- oder Negerwitz höre.

Was mir aktuell auffällt, zumindest scheint es mir so, dass es heute eher „weibische“ Konfliktlösungsmechanismen gibt: junge Menschen lösen Konflikte (oder glauben sie zu lösen), indem sie hintenrum Gerüchte verbreiten, anstatt die Sache von Angesicht zu Angesicht zu klären. Meiner Meinung nach liegt vieles an den sozialen Medien, dass sich die Leute, insbesondere die jüngeren, daran gewöhnt haben, anonym und straflos pöbeln zu können, ohne fürchten zu müssen, dafür eine aufs Maul zu bekommen.

Irgendwann habe ich das Basketballspielen aufgegeben und mit Karate angefangen und seitdem nur noch Kampfsport betrieben.

Die großmäuligen Asis treffen sich heute bei MMA und Muay Thai. Heute trainiere ich im Gym mit allem, was Frankfurt an Asis zu bieten hat: Hells Angels, Türsteher, Zuhälter aus dem Bahnhofsviertel, Eintracht Frankfurt-Ultras.

Es gibt aber auch Bullen und sogar einen Staatsanwalt. Ein Bulle, von dem ich weiß, dass er einer BFE angehört, trainiert mit einem Vogel, der sichtbar unter der kurzen Muay-Thai Shorts ein 1312-Tattoo auf dem Oberschenkel hat und auf dem anderen das Hooligan-H in Frakturschrift. Ein anderer trägt die Initialen der Brigade Nassau hinten in der rechten Kniekehle. Wieder ein anderer trägt auf dem linken Brustseite ein sehr schön gestochenes Tattoo vom Gesicht von „Alex“ aus Clockwork Orange.

Sporadisch dabei, aber schon lange nicht mehr gesehen, der völlig gestörte Goscha. Vielleicht lässt er es auch ruhiger angehen. Wie man hört, ist er jetzt Vater geworden und studiert Jura. Vielleicht sieht man sich bald mal bei einem Termin vor Gericht. Wie schräg wäre das! Er hat sich ja in seinem Leben so oft und so hart geprügelt.

Hier ein wirklich interessantes Interview mit Pollux. Angenehm, weil ohne moralisierenden oder wertenden Unterton.

Auf seinem IG-Account konnte man zuletzt sehen, dass er irgendwelchen kranken Bareknuckle-Fight teilnimmt. Trotz der Vermummungen erkenne ich mindestens ein Mitglied aus unserem Gym im Publikum. Kaum zu glauben, aber das Video ist tatsächlich auf Youtube abrufbar.

ACHTUNG BRUTAL ACHTUNG BRUTAL ACHTUNG BRUTAL ACHTUNG BRUTAL

So plätschert die Zeit dahin. Coach @angelo.wolf.sposato, der neben seinem Trainerdasein Ambitionen als DJ hegt, legt beim Training immer nicen House oder Elektro auf.  Ich hasse Frankfurt, aber bei solchen Gelegenheiten ist es schön.

So, das war es. Opa hat vom Gipskrieg erzählt. Die Geschichte ich zu Ende.

Disclaimer: Wenn ich schwul sage, dann kann ich verstehen, dass manche Leute sich davon vielleicht beleidigt fühlen, aber es ist so wie es ist. Wie ich oben bereits erläutert habe, ist es für mich nicht als Beleidigung gemeint. Das ist die Straßensprache durch die ich, meiner klassischen Bildung zum Trotz, sozialisiert worden bin und ein wenig davon ist noch in meiner Persönlichkeit vorhanden.

Klar ist auf jeden Fall, dass ich niemals jemanden nach seiner Hautfarbe oder nach seiner sexuellen Orientierung beurteilen werde. Wie gesagt, ich stamme aus einer Generation, in der Hautfarbe oder Herkunft nicht die geringste Rolle spielen.

Es ist allerdings wahr, dass jemand, der sich damals als schwul geoutet hätte, wahrscheinlich üblen Spott hätte erdulden müssen. Die Gesellschaft hat diesbezüglich Fortschritte gemacht, ich denke aber, dass das in einem ähnlichen Setting auch heute noch nicht ganz selbstverständlich ist.

Mir ist die sexuelle Orientierung jedenfalls komplett egal. Ich glaube, dass ich da durchaus für meine Generationsgenossen der Generation-X sprechen kann.

Du bist okay, so wie du bist. Egal ob du schwarz, gelb, lila, schwul oder hetero bist. Geh mir damit nur nicht übertrieben auf die Nerven und vor allem verlange dafür keine Privilegien und alles ist gut.

Meine Devise ziehe ich aus dem Lied „Join The Army“ der bereits erwähnten Suicidal Tendencies.

Well I don´t care ´bout the clothes you wear
It´s the size of your heart, not the length of your hair
Don´t make no difference to me, the color that you be
Black, white or brown, it´s all the same to me

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Leseempfehlung 2023: Timothy Snyder „Über Tyrannei“

Kurz vor dem Jahresausklang ist mir das interessanteste Buch in die Hände gefallen, das ich in diesem Jahr gelesen habe.

Geschrieben hat es der amerikanische Historiker und Professor für osteuropäische Geschichte Timothy Snyder. Der erklärte Trump-Gegner warnt vor dem Hintergrund der Präsidentschaft des histrionischen Hochstaplers davor, den Frieden und den Wohlstand, an den sich die westlichen Gesellschaften in den letzten drei Generationen gewöhnt haben, für selbstverständlich zu nehmen.

In seinem Vorwort zu dem Buch schreibt er:

„Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt uns, dass Gesellschaften zerfallen, Demokratien untergehen, moralische Werte zusammenbrechen und ganz gewöhnliche Menschen plötzlich mit einer Schusswaffe in der Hand an Todesgruben stehen können.“

Man muss sich nur an die erst kürzlich zurückliegende Corona-Pandemie zurückerinnern und sich – egal nun, wie man persönlich zu den Maßnahmen stand – klar machen, wie schnell eine autoritär agierende Regierung Grundrechte wie die Freizügigkeit, die Versammlungsfreiheit, die körperliche Unversehrtheit und teilweise auch die Meinungsfreiheit zur Disposition gestellt hat, ohne dass es in der Bevölkerung größeren Widerstand gab.

Das lässt Ungutes für Maßnahmen zum „Klimaschutz“ erahnen.

Die Demokratien westlicher Prägung sind global gesehen in der Defensive, werden jedoch auch im Inneren bedroht. Snyders Buch bezieht sich zwar auf die USA unter Trump als Präsident, aber in Europa und in Deutschland haben wir analoge innere Bedrohungen: die AfD, die „Letzte Generation“, der Wokeismus, der Islamfaschismus, um nur einige zu nennen. Allen ist gemeinsam, dass sie demokratische Prozesse, die aus guten Gründen langsam ablaufen, aushebeln wollen. „Weil „wir“ angesichts der „Klimakatastrophe“ keine Zeit haben“, weil Meinungs- und Kunstfreiheit „die Religion beleidigen“, weil Demokratie ein „Instrument der weißen Dominanz ist“ usw. usf.

Man muss nicht unbedingt auf die Nationalsozialisten oder die stalinistischen Verbrechen zurückgreifen, um sich zu vergegenwärtigen, wozu Menschen fähig sind.

Man muss sich nur Stanley Milgrams Experiment an der Yale-Universität in den 1960er Jahren in Erinnerung rufen. Milgram bat Studenten der Universität Versuchspersonen Stromschläge zu verpassen und forderte sie zum Weitermachen auf, was die Studenten auch dann taten, wenn ihnen Milgram mitteilte, dass die Stromspannung immer weiter erhöht werde.

Was die menschliche Natur angeht, bin ich pessimistisch, denn das Experiment zeigte, dass Studenten, also Akademiker, bereit waren, unethische Befehle auszuführen, Menschen Schmerzen zuzufügen, ohne Fragen zu stellen oder Reue zu empfinden.

Umso wichtiger ist dieses Buch, das in zwanzig sehr kurze Kapitel mit Handlungsvorschlägen und historischen Beispielen gegliedert ist.

Ich empfehle jedem meiner Leser, sich die zwei Stunden Zeit zu nehmen, die es benötigt, dieses schmale Buch zu lesen. In der Zeit, die es braucht, um zwei Cappuccini langsam zu trinken, hat man das Buch durchgelesen und hat wichtige Inspirationen, um unsere Gesellschaften zu stärken. Auch wenn es nur kleine Tips sind, wird es für manche einen großen Schritt aus ihrer Komfortzone bedeuten. Denn vom Sofa oder hinter der Tastatur lässt es sich natürlich sehr leicht kritisieren und nörgeln.

Dieses Buch hat sogar meinen Favoriten für dieses Jahr übertroffen, und zwar „Creativity“ des Gründungsmitglieds von „Monty Python“ John Cleese. John Cleese ist für mich eine der nur noch ganz wenigen Orientierungspersönlichkeiten, denen ich vertraue. Von heute aus gesehen, ist er ein Wiedergänger aus einer fast schon unwirklichen Epoche, in der ein wahrer Künstler Autoritäten herausforderte und Respektlosigkeit zur Berufsbeschreibung gehörte. Der anarchische, absurde und doch so treffende Humor war dann nur noch die Krönung.

Der geneigte Leser kann sich gerne noch einen dritten Cappuccino gönnen, um das kleine 100-seitige Buch zu lesen, in dem Cleese in humorvoller Weise Tips für kreatives Arbeiten gibt.

Denn wie lautet eins von Albert Camus‘ berühmten Bonmots: „Créer, c’est vivre deux fois.“

Und weil es gerade so schön ist, hier einer meiner Lieblingssketche von Monty Python.

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Serienkritik: „Der Untergang des Hauses Usher“

Eigentlich ist es eine sehr interessante Idee und ein guter kreativer Einfall, Edgar Allan Poes Kurzgeschichte über den Fall des degenerierten Hauses Usher aufzugreifen und sie auf die Familie Sackler zu übertragen, die das Schmerzmittel Oxycodon kommerzialisiert hat, und für die verheerende Opioid-Krise der USA verantwortlich gemacht wird.

Nachdem mich mehrere Artikel auf diese neue Serie aufmerksam gemacht hatten, die von dem „Horror-Großmeister“ Mike Flanagan schwärmten (der mir vorher völlig unbekannt war) und weil ich auch ein großer Fan von Edgar Allan Poe bin, siegte meine Neugier über meine Skepsis gegenüber Hypes.

Ich schaue heute so gut wie keine Serien mehr, und das liegt nicht mal unbedingt am Mangel an Zeit, Konzentration und Konstanz, sondern weil die Maßstäbe meiner Lieblingsserien die Latte relativ hoch gelegt haben und der Vergleich hierzu meistens enttäuschend verläuft.

So zum Beispiel „Die Sopranos“, die Serie um den Provinzmafiaboss Tony Soprano aus New Jersey, der an Panikattacken leidet und deshalb zur Psychotherapeutin gehen muss. Dies könnte das Drehbuch für eine seichte Krimikomödie sein, doch weit gefehlt, es ist eine Serie, die sowohl Tiefgang, Humor aber auch recht drastische Brutalität verbindet.

Es sind viele gute Handlungsstränge und schöne Szenen in dieser Serie.

Beispielsweise die Szene als Tony Soprano im Auto sitzt und darauf wartet, bis sein neapolitanischer Schläger und „Enforcer“ Furio Giunta einen säumigen Schuldner strammgezogen hat, als plötzlich seine Psychologin Dr. Melfi anruft, zwischen denen es knistert, bei ihm anruft, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen.

Oder die unglückliche Figur Chris Moltisanti, der wenig Alternativen zum Mafialeben hat, aber doch von einer großen Karriere als Drehbuchautor in Hollywood träumt und gegen seine Heroinsucht kämpft. Die Szene als er vollkommen desillusioniert mit Heroin rückfällig wird, während „The Dolphins“ von Fred Neil läuft, ist wirklich stark und von einer seltenen Intensität.

Oder die tragische Geschichte von Anthony „Tony B“ Blundetto (gespielt von dem wunderbaren Steve Buscemi), der nach einer langen Haftstrafe aus dem Knast entlassen wird und sich eine Existenz als Chiropraktiker aufbauen will, aber dennoch wieder in die Mafiageschäfte zurückfällt. Als er einen Hitjob auf einen rivalisierenden Mobster annimmt, der zu einem Krieg zwischen den Mafiaclans führt, sieht sich Tony Soprano gezwungen, seinen Cousin zu erschießen, um ihm einen grausamen Foltertod zu ersparen.

Rückblickend glaube ich, dass die damals fehlenden Diversitätsvorgaben und die Abwesenheit von Political Correctness diese Serien zu so einem interessanten und angenehmen Seherlebnis machten. So einige Szenen würde heute keine blauhaarige Sensitivity-Beauftragte mehr durchgehen lassen.

Wie die bösen Witze über John „Johnny Sack” Sacrimonis fette Frau Ginny.

(Ist es übrigens nicht bezeichnend, dass das einzige Video hier mit Altersbeschränkung das mit fiesen Witzen über fette Frauen ist!?!?)

Oder die Episode als Tonys Tochter Meadow einen jüdisch-schwarzen Freund mit nach Hause bringt, gegen den Tony, sagen wir, „Vorbehalte“ hat.

Das war tatsächlich eine Serie, bei der ich wirklich mitgegangen bin und traurig war, als ich die Schlussfolge der letzten Staffel geschaut habe. So wie ich es immer von anderen gehört hatte, die fast der Illusion erlegen waren, zur Serienfamilie zu gehören, wie bei „Friends“ oder „Lost“.

Es hat mir auch einen Schlag versetzt, als James Gandolfini schon vor mittlerweile 10 Jahren viel zu früh mit 51 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist. Er war ein wirklich großer Schauspieler.

Auf Platz 2 steht „Breaking Bad“, die spannende Moritat des unbedeutenden Chemielehrers Walter White, der zu den besten und genialsten Absolventen seines Unijahrgangs gehörte und vor die Wahl gestellt, mit seinem Kommilitonen ein Unternehmen zu gründen, das später Milliarden abwerfen sollte, sich für die sichere Laufbahn als Lehrer in der Provinz von New Mexico entschied. Als bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wird, bäumen sich alle seine Lebensgeister noch einmal auf, so dass er mit einem ehemaligen Schüler beginnt, in einem alten Wohnmobil in der Wüste Crystal Meth zu kochen und im Handumdrehen zum größten Meth-Dealer des amerikanischen Südwestens und darüber hinaus wird. Lange gelingt es ihm als bloßes Phantom unter dem Decknamen „Heisenberg“ zu existieren, um den sich Mythen und Legenden winden.

Eine mittlerweile legendäre Kultszene der Seriengeschichte: als der gelähmte Gangster Hector Salamanca, der im Rollstuhl sitzt und sich nur noch mit einer Klingel verständigen kann, den Drogenboss Gus Fring mit einer Bombe tötet.

Lustig war auch “How not to live your life” mit Dan Clark, die unter dem Titel “Volle Peilung“ seinerzeit auf Arte lief (heute absolut undenkbar). Die Puritaner würden solch boshaften und schwarzhumorigen Szenen heute niemals so durchgehen lassen. Hier gibt er Ratschläge, welche Drogen man nicht vor einem Date nehmen sollte:

Heute möchte ich mich mit meinen Kindern eigentlich nur noch bei „Rick and Morty“ amüsieren. Eine böse und zynische Zeichentrickserie um den genialen Wissenschaftler und Alkoholiker Rick Sanchez, der mit seinem Enkel Morty Abenteuer in verschieden surrealen Dimensionen erlebt und der Seriengemeinde solch absurde Charaktere wie Abradolf Lincler, einen Hybrid aus Abraham Lincoln und Adolf Hitler, geschenkt hat.

Sein Besuch auf dem feministischen Planeten Gazorpazorp ist auch sehr groß.

Doch zurück zum eigentlichen Gegenstand dieses Artikels.

Edgar Allen Poe ist ein meisterhafter Schriftsteller. Ich finde, er ist der einzige, bei dem man im hochsommerlichen Grüneburgpark sitzen kann und der es doch vermag, eine düstere, dunkle Welt zu erschaffen, in der man das Zucken violetter Blitze zu sehen und Regen und fernes Donnergrollen zu hören glaubt.

Der „Fall des Hauses Usher“ ist meiner Meinung nach nicht Poes beste Geschichte (aber das ist natürlich Geschmackssache). Geht es im Original um den Besuch des namenlosen Ich-Erzählers bei einem alten Schulfreund, den er schon jahrelang nicht gesehen hatte, ihn aber um dringendes Kommen gebeten hatte und der an grausamer nervlicher Überspanntheit leidet und von alptraumhaften Traumgesichten gepeinigt wird, stellt Mike Flanagan die Usher-Dynastie als eine Familie von Zynikern dar, deren Kern von dem skrupellosen Geschwisterpaar Roderick und Madeline Usher gebildet wird, die einst einen faustischen Pakt mit einer mysteriösen Frau namens Verna („Raven“!) geschlossen haben und mit dem Medikament „Ligodon“ zu obszönem Reichtum gekommen ist.

Die Parallele zur Sackler-Familie ist deutlich. Diese fristet nach den Enthüllungen über die aggressive Vermarktung von Oxycodon nun ein Pariadasein, aber in der Realität sind die Dinge doch etwas komplexer. Oxycodon hat nur einen geringeren Teil an der katastrophalen Opioid-Krise, die mittlerweile hauptsächlich auf die billige Droge Fentanyl zurückzuführen ist. Für die amerikanische DEA und Mitglieder des US-Kongresses ist die aktuelle Opioidepidemie in den USA eine Front eines asymmetrischen Krieges Chinas gegen die USA. Die meisten Fabriken für Fentanyl-Präkursoren, befinden sich in China und werden dort legal und mit Unterstützung der kommunistischen Behörden betrieben. Sie versenden die Vorstufen direkt an die Westküste der USA aber noch häufiger nach Mexiko, wo die Drogenkartelle die Vorstufen zu Fentanyl verarbeiten und den Stoff dann über die Drogenkorridore nordwärts in die USA bringen, wo sie zusätzlich zu den hunderttausend Überdosistoten in den USA noch zigtausende Mordopfer des Mexikanischen Drogenkriegs kosten.

Aber gut, sei’s drum. Aus dramaturgischer Perspektive kann ich es verstehen, dass man sich auf einen Bösewicht konzentrieren will, um den herum die Geschichte konstruiert wird.

Während Madeline kinderlos ist, ist ihr Bruder Roderick Usher ein rechter Schwerenöter, der zu mehren leiblichen Kindern noch eine ganze Anzahl unehelicher Kinder gezeugt, die allesamt versuchen, sich mit allerlei Projekten ins rechte Licht zu rücken, um millionenschwere Förderungen aus dem Familienvermögen abgreifen zu können.

Alle Kinder tragen Namen, die auf die Geschichten und Gedichte Edgar Allan Poes anspielen. Eine Tochter heißt Tamerlane, die eine Firma namens Goldbug Enterprises führt, ein Sohn heißt Prospero, eine Enkelin Lenore, Roderick Ushers Mutter heißt Eliza (wie Poes eigene Mutter). Die Pallasbüste fehlt auch nicht, so steht allerdings über dem Kamin und nicht wie im Gedicht über dem Türsims.

Auch die Episoden tragen die Titel von Poes Werken. Die erste Folge heißt „A Midnight Dreary”, die erste Zeile aus Poes wahrscheinlich bekanntestem Gedicht „Der Rabe“ (“Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary”). Die anderen Folgen heißen „Die Maske des roten Todes“, „Der schwarze Kater“, „Die Grube und das Pendel“ usw.

Der einzige bekannte Schauspieler der Serie ist Mark Hamill. Es ist echt seltsam ihn, in dieser Serie zu sehen. Der junge, dynamische Luke Skywalker spielt hier einen buckligen, verwachsenen Winkeladvokaten für die Familie Usher mit dem Namen Arthur Pym.

Alles in allem ein etwas bemühtes Name-Dropping, so als wollte das Produktionsteam auch ja unter Beweis stellen, dass sie alle ihren Poe gelesen haben.

Dazu kommen wenig subtile Anspielungen mit dem Holzhammer. Roderick Ushers Sohn Prospero, genannt Perry, veranstaltet Drogen- und Swingerpartys. Auf einer von ihnen erscheint eine mysteriöse Frau mir rotem Umhang und Totenkopfmaske (hint, hint!). Eine andere Tochter, Victorine LaFourcade ist Ärztin und arbeitet im „RUE“-Labor, wo sie Tierversuche mit Affen macht, von denen einer ihre Halbschwester Camille L’Espanaye ermordet (hint, hint, hint!!!)

Davon abgesehen gibt es in dieser Serie keinen einzigen Sympathieträger unter den Figuren (mit Ausnahme der Enkelin Lenore).

Alle Figuren wirken unangenehm, egoistisch, verantwortungslos, unsympathisch. Das finde ich komisch, und das hat mich schon bei „House of Cards“ sehr irritiert.

Ist das der aktuelle Trend in den Drehbuchschulen oder bildet das tatsächlich die amerikanische Gesellschaft ab? Ich weiß es nicht. Es ist jedenfalls merkwürdig. Zweifellos ist das ein verwirrender Verfremdungseffekt, der die Sehgewohnheiten durcheinanderbringt.

Die Frauenfiguren wirken sehr hart, eiskalt, ohne einen Funken Empathie und sehen durch ihre Schönheits-OPs wie Karikaturen aus.

Die Männer – auch teils chirurgisch instandgesetzt – wirken feige, schwach, verweichlicht und/oder schwul.

Es wird sehr viel über Sex geredet und Sex dargestellt, aber alles ohne jede Prise Humor oder Ironie. Und das ist die zweite Sache, die mich sehr irritiert. Meines Erachtens auch ein Charakteristikum unserer aktuellen Epoche.

Eine Figur, die ich zunächst mit Erfreuen wahrgenommen habe, war die des Ermittlers C. Auguste Dupin. Er ist meine Lieblingsfigur in Poes Geschichten. Er taucht in mehreren Geschichten Edgar Allan Poes auf, aber nicht im „Untergang des Hauses Usher“. Na gut, warum auch nicht. Künstlerische Freiheit.

In der Serie ist er außerdem schwarz. Ok, auch künstlerische Freiheit. Kein Problem. Allerdings habe ich hier den sehr starken Verdacht, dass das eben nicht auf bloßer künstlerischer Freiheit beruht, sondern auf Vorgaben des Diversity-Teams bei Netflix. Aber auch das reicht nicht aus. Er muss natürlich auch in einer schwulen Beziehung leben. Es ist so, als ob die Diversityschraube niemals weit genug gedreht werden könnte. Es nervt mich so hart.

In der Serie ist C. Auguste Dupin ein District Attorney, d.h. ein Staatsanwalt, der gegen die Familie Usher ermittelt und von Roderick Usher in sein heruntergekommenes Haus eingeladen wird, um das Geständnis seiner Verbrechen entgegenzunehmen.

Nichts könnte hier entfernter von Poes Figur in seinen Geschichten sein. In Poes Geschichten ist C. Auguste Dupin nämlich das komplette Gegenteil: Abkömmling einer illustren aber verarmten Familie, Bohemien und Exzentriker, der zum Zeitvertreib Kriminalfälle löst, an denen sich die französische Polizei samt ihres Superhirns Vidocq die Zähne ausbeißen.

Dupin und sein exzentrischer Lebenswandel (der mir in meiner Jugend allerdings auch reizvoll erschien) werden dem Leser in der Geschichte „Die Morde in der Rue Morgue“ durch den namenlosen Ich-Erzähler folgendermaßen dargestellt:

„Es war eine ausgesprochene Grille meines Freundes (wie anders soll ich es nennen?), in die Nacht um ihrer selbst willen verliebt zu sein; und auf diese bizarrerie verfiel auch ich – wie auf all seine anderen – schlicht und ohne Umstände, indem ich mich vollkommen ungezwungen seinen wild-wunderlichen Grillen ergab.

Die düstere Gottheit selber wollte nicht allezeit bei uns wohnen; doch konnten wir uns ihre Gegenwart ja künstlich schaffen. Beim ersten Dämmern des Morgens schlossen wir sämtliche gewichtig dichten Fensterläden des alten Baus und entzündeten ein paar Wachskerzen, welche unter stark würzigem Räuchern nur den schauerlich bleichsten und mattesten Schein verbreiteten. Mit diesen Lichtes Hilfe versenkten wir dann unsere Seelen in Träume – lasen, schrieben oder unterhielten uns, bis die Uhr uns das Nahen der wahren Nacht anzeigte. Dann begaben wir uns auf die Straßen, Arm in Arm, fuhren fort, die Gegenstände des Tages zu besprechen, oder streiften weit und breit bis zu später Stunde umher und suchten, inmitten der wilden Lichter und Schatten der bevölkerten Stadt, jene Unendlichkeit geistiger Erregung, die von gelassener Beobachtung gewährt werden kann.“

Ich hatte mir damals noch bei Zweitausendeins die sehr schöne Gesamtausgabe der Werke Poes in fünf Bänden gekauft, die von Hans Wollschläger und von Arno Schmidt in ein wundervolles, altmodisches Deutsch zu übertragen und dabei die unheimliche Schönheit von Poes Texten zu vermitteln wussten. An dieser Stelle eine Hommage an all die Schriftsteller und Übersetzer, die auf eine Karriere verzichten und in Armut und Bedürftigkeit leben und sich mit Fleiß, Hingabe und Hartnäckigkeit einer Übersetzung widmen, um den Leser einen Lesegenuss zu ermöglichen.

C. Auguste Dupin ist auf jeden Fall eine faszinierende Figur, dem es mit messerscharfem Verstand und einer analytischen Deduktionsmethode gelingt, aus unbedeutenden Beobachtungen seine Schlüsse zu ziehen. So etwa, als er mit dem Erzähler der Geschichte durch die Nacht spaziert und ihn aus heiterem Himmel mit dem vermeintlichen Erraten seiner Gedanken verblüfft. Sehr schön dargestellt bei Sommers Literatur to go. Es wird zwar gespoilert, aber auf die Auflösung der Geschichte kommt es ohnehin nicht an.

Es klingt vielleicht lächerlich, aber jedes Mal, wenn ich vor einer Aufgabe stehe, die logisches Nachdenken erfordert, greife ich nicht auf meine im Jurastudium erlernte syllogistische Fallösungstechnik zurück, sondern ich denke an C. Auguste Dupin und seine Methode der genauen Beobachtung und seiner analytischen Kombination.

Insgesamt ist die Serie eine mir nicht bekömmliche, große Ratatouille aus allen möglichen Poe-Geschichten, die aber hinten und vorne nicht zusammenpassen.

Vor allem der penetrante Diversitätsfetisch geht mir immer mehr auf den Sack.

Die vielen zeitlichen Sprünge und Rückblenden in den Folgen, bei denen die Figuren auch noch von verschiedenen Schauspielern dargestellt werden und vor allem der Umstand, dass die Mehrzahl der Darstellerinnen ihr Gesicht mehr oder weniger invasiv chirurgisch haben überholen lassen und damit jede Eigenheit und jeden Charakter aus ihren nun standardisierten Gesichtern getilgt haben, was mir Mühe bereitet, sie auseinanderzuhalten, machen es zumindest mir schwer, dem mühsam an den Haaren herbeigezogenen Plot zu folgen.

Die Horroreffekte sind platt und langweilig und in der letzten Folge einfach nur lächerlich.

Es ist schon eine Kunstform für sich, eine solche Geschichte mit einem an sich sehr guten Aufhänger so zu verhunzen. Und das obwohl E.A. Poe ein Meister des Gothic Horror ist und wie nur wenige andere die mörderische Überspanntheit der menschlichen Seele zu schildern und durch die Beschreibung von düsteren, spukhaften Orten das Grauen zu steigern weiß.

Man sollte diese Serie eher als Menetekel für den Niedergang des Hauses Netflix ansehen.

Ob ich diese Serie empfehlen würde?

Nimmermehr!

(Siehe übrigens hier die sehr schönen Illustrationen in mehreren Beiträgen von Poes Werken bei Frank Zumbachs Mysterious World)

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Geister

Nachts sind die Geister unter sich.

Zumindest stelle ich mir das vor, wenn ich, wie üblich, abends als letzter die Kanzlei verlasse und den Schlüssel in der Tür umdrehe.

Es ist ein schmuckloses Gebäude, das nicht besonders repräsentativ ist. Ein typisches Geschäftshaus, das man in den 1960er Jahren auf einem Trümmergrundstück errichtet hat. Schnell, billig und funktional. Es hat einen alten, quietschenden Aufzug und beige-blassgrün gestrichene Treppenhauswände, wie es in den 60er/70er Jahren üblich war.

Lange Zeit gehörte es der Frankfurter Sparkasse, die im Erdgeschoss eine Filiale betrieb und die Büros im Haus vermietete. Das Übliche. Anwälte, Steuerberater, Zahnarzt. Eine Weile lang auch ein obskurer „Thaimassage-Salon“. Unter dem Dachboden drei kleine Mansardenwohnungen.

Wo früher die Sparkasse drin war, ist jetzt eine Spielothek mit Billardsalon, in dem es nach Raumspray wie im Puff riecht. Im Sommer bei geöffnetem Fenster kann man leise die Billardkugeln klicken hören.

Wenn Ruhe einkehrt, versammeln sich die Gespenster in den leeren Räumen des Bürogebäudes.

Wäre es nicht witzig, wenn sie alle nachts aufeinandertreffen würden?

Die ehemaligen Bewohner des Hauses, das an dieser Ecke der Stadt mit Sicherheit hochherrschaftlich war. Ein verschnörkelter Gründerzeitbau mit Dienstbotenaufgang.

Die vornehmen Großbürger, die Hausangestellten, die unter dem Dach in Dienstbotenzimmern lebten.

Die bei den Bombenangriffen im Luftschutzkeller Umgekommenen.

Die Buchhalter aus den Büros mit ihren Nyltesthemden, ihren Koteletten und speckigen Langhaarfrisuren und Schnurrbärten, wie sie Wilhelm Genazino in seinen Angestelltenromanen beschrieben hat. Die sich hier vor Jahrzehnten gelangweilt, geraucht, gelacht, aus dem Fenster auf die Straße geschaut haben. Auf das damalige TAT, das Theater am Turm, Fassbinders Wirkungsstätte in den 70ern. Vielleicht im „Dippegucker“ am Volksbildungsheim ein Bier getrunken haben.

Vielleicht auch die alten Halunken, die hier früher herumlungerten, an genau der Stelle, an der sich zu früheren Zeiten die Stadtbefestigungen von Frankfurt im Vauban-Stil befanden und die zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschleift wurden.

Mir gefällt diese Vorstellung, dass nachts die Meschen, die hier einmal gelebt und gearbeitet haben, nachts zusammen kommen, um sich zu unterhalten, ein Gläschen zu trinken, sich zu zanken und über die dummen Menschen zu lästern, die ihr kostbares, einmaliges, nicht wiederholbares Leben damit vergeuden, auf einen Computerbildschirm zu starren, irrelevante E-Mails und Briefe zu schreiben, unnütze Telefongespräche zu führen, statt den herrlichen Planeten zu bereisen und Bekanntschaft mit anderen Menschen zu machen.

Sind sie an diesen Ort gebunden? Sind sie manchmal einander überdrüssig, diejenigen, die sich seit Jahrzehnten mit immer denselben Gespenstern treffen? Oder kommen manchmal Besucher aus anderen Welten herbei?

Als ich dieses Büro gemietet habe, hatte ich mich gerade selbständig gemacht. Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder frei durchatmen zu können. Niemandem gehorchen müssen. Sie mit niemandem abstimmen müssen, nicht mit Kollegen zusammen sein müssen, die man nicht leiden kann.

Und dennoch hatte ich damals als Neuling eine große Angst vor Beratungs- oder Prozessfehlern, die mich in die Haftung treiben und ruinieren könnten. Das ist der Nachteil an der Selbständigkeit: es gibt keinen Chef, der für einen die Rübe hinhält, wenn man was verkackt hat.

Als erwachsener Mann und Familienvater erfand ich mir einen imaginären Freund, dem ich meine Gedanken mitteilte, wenn ich das Gefühl hatte, etwas richtig verbockt zu haben.

Ich nannte ihn Felix.

Er war ein großgewachsener, schlanker, braungebrannter Surfertyp mit hellbraunen Haaren und großen weißen Zähnen und einem Lächeln wie auf der Kinderriegelwerbung. Er trug ein grünes Polohemd und eine Holzperlenkette.

Er saß am Fenster in meinem Büro in einem Sessel und war vollkommen entspannt. Er sagte immer: „Take it easy, Junge. Gar nichts wird passieren. Mach dich locker!“. Und ich war beruhigt, denn es stimmte.

Keine Ahnung, was das über mein Unterbewusstsein aussagt, dass ich diese Figur aus meiner Phantasie kreiert habe. Ich schreibe in der Vergangenheit, weil ich ihn schon lange nicht mehr heraufbeschworen habe.

Trifft Felix sich auch nachts mit den anderen Gespenstern?

Ich habe auch noch andere Hilfsgeister beschworen, wenn ich Mut oder Orientierung brauchte.

Da ich ein humanistisches Gymnasium besucht habe, bin ich sehr stark von griechischer Mythologie beeinflusst. Auch wenn es vielleicht das einzig Positive ist, das mir diese Schule vermittelt hat.

Manche Dinge aus dieser Zeit sind mir so präsent, dass sie erst ein paar Wochen zurückzuliegen scheinen. In der Sexta oder Quinta wurden wir mit der wirklich anspruchsvollen Lektüre der dreibändigen Ausgabe der „Sagen des klassischen Altertums“ beglückt. Noch heute gellt mir das mit rollendem R ausgesprochene „Klytämnestra“ unserer rumäniendeutschen und osteuropäisch strengen Lehrerin Frau K. in den Ohren.

Nicht mal eine Sekunde kann man sich vorstellen, dass meine Töchter auf dem Gymnasium mit solchen Werken konfrontiert werden. Die Gymnasien sind derzeit dabei, die Basics beizubringen und die Defizite auszugleichen, die durch die Schulschließungen während der Coronazeit entstanden sind. Bisher ist noch niemand für dieses Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich mag alle Olympier auf ihre Weise, aber auch die anderen Helden. Odysseus, der den Beinamen „der Listenreiche“ trägt, ist mir der Liebste. Er ist mit der Gabe der Schläue gesegnet, auch des Humors, aber er ist auch hochmütig und schadenfroh, was ihm den Zorn der Götter einbringt.

Ich komme mir manchmal auch vor wie Odysseus auf der Rückreise von Troja. Gebeutelt von den Wellen in einem Meer aus E-Mails, Rückruflisten und Akten, bei denen ich manchmal nicht weiß, wo ich anfangen und wie ich das Tagespensum bewältigen soll.

Odysseus‘ Beschützerin ist Pallas Athene, die „Göttin mit den strahlenden Augen“. Göttin der Weisheit und der Strategie. Sie wendet das Kriegsglück vor Troja und schützt Odysseus vor dem Zorn ihres Onkels Poseidon, dessen Sohn Polyphem Odysseus geblendet und nach geglückter Flucht schadenfroh verspottet und ausgelacht hatte.

In Zeiten der Verzagtheit spricht sie Odysseus Mut zu, den auf seinen Irrfahrten beizeiten der Mut verlässt. So als er sich nicht zum Hof des Alkinoos, Herrscher der Phäaken hineintraut. So spricht sie zu ihm:

Siehe da redete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Fremder Vater, hier ist das Haus, wohin du verlangtest,
Dass ich dich führte. Du wirst die göttergesegneten Fürsten

Hier am festlichen Schmause versammelt finden; doch gehe
Dreist hinein, und fürchte dich nicht! Dem Kühnen gelinget
Jedes Beginnen am besten, und käm‘ er auch aus der Fremde.

Seit Playmobil ein Set mit allen griechischen Göttern herausgebracht hat, konnte ich nicht widerstehen, mir „meine“ Athene zu kaufen, deren Blick ich manchmal suche, wenn mich alles anwidert. Sie schaut immer gleichmütig mit ihrem eingefrorenen Playmobilgrinsen.

In Edgar Allan Poes bekanntestem Gedicht lässt sich das titelgebende schwarze Federvieh direkt auf der Pallasbüste über der Tür nieder:

And the Raven, never flitting, still is sitting, still is sitting

On the pallid bust of Pallas just above my chamber door;

And his eyes have all the seeming of a demon’s that is dreaming

Für mich hat es nicht zu einer Büste gereicht, sondern nur zu einer Playmobilfigur.

Alexander der Große soll mir Stärke und Willenskraft einflößen.

Das Gespenst (das ich meinen Kindern geklaut habe) soll mir meine unabwendbare Endlichkeit vor Augen führen.

Ebenso wie der Totenkopf, den mein Freund Hans Reuschl gemalt hat, mich an die tickende, ablaufende Zeit gemahnt. Mein persönliches „Memento mori“.

An der Wand hängt William S. Burroughs und ermahnt mich mit strengem Blick nicht so viel unnützen Tand zu produzieren, sondern zu lesen, zu schreiben, zu reisen und Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Da mein Büro mehr und mehr einem Kuriositätenkabinett gleicht, bin ich dazu übergegangen, Mandantengespräche im Meetingraum zu führen.

Ich kann den Gedanken in Schach halten, dass irgendwann alles ein Ende haben wird. Statistisch gesehen habe ich die Hälfte meiner Lebenszeit hinter mir gelassen. Das Universum wird eines Tages ohne mich weiter existieren.

Werde ich irgendwann auch hier mit den anderen Gespenstern nachts in meinem alten Büro sitzen?

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Autoverkauf mit Hindernissen

Freunde der Abenteuer- und Macho-Literatur. Wem „Oro“ und sein sympathischer Protagonist Cizia Zykë gefallen hat, der wird auch von „Sahara“ nicht enttäuscht werden.

In diesem erneut autobiographischen Buch erleben wir die Abenteuer, die der Autor beim Verkauf von Autos und Lastwagen im Afrika der 1970er Jahre durchgemacht hat.

Bis heute ist der Verkauf von gebrauchten Autos (lies: Schrottkarren) nach Afrika wegen der exorbitanten Einfuhrzölle, an denen nur die Potentaten, ihre Entourage und vor allem die korrupten Zöllner verdienen, ein lukratives Geschäft. Heute werden Autos mit leichtentflammbaren Riesenfrachtern wie der „Fremantle Highway“ transportiert.

Wenn man jedoch einen Gewinn von 700% auf seinen Einsatz machen kann, dann nimmt es nicht wunder, wenn zu früheren Zeiten Glücksritter und Pleitegeier den Weg durch die algerische Wüste auf sich nahmen, um einen schrottreifen Peugeot 404 nach Mali oder Niger zu fahren.

Als Cizia Zykë zufällig von diesen gigantischen Margen erfahren hat, entschloss er sich, selbst einen Handel zwischen Frankreich und Mali aufzuziehen.

Hierzu versammelte er eine Bande von Ahnungslosen und Verrückten, die bereit waren, mit allen möglichen Waren und Autos beladene, altersschwache Mercedes- und Berliet-LKWs auf der berüchtigten Tanezrouft-Piste durch die Wüste zu fahren. (Ich erinnere mich noch ziemlich genau an einen Artikel, den ich in meiner Jugend im Spiegel gelesen hatte, und der mir Grauen eingeflößt hatte, besonders die Stelle, an der eine belgische Familie mit zu wenig Wasser vom Weg abgekommen war und die Eltern zuerst ihre Kinder erdrosselt und sich dann die Pulsadern aufgeschnitten hatten).

Zum illustren Panoptikum, an das sich die Leser von Cizia Zykës Büchern gewöhnt haben dürften, gehört ein spanischer Hippie, ein sexbesessener Jude, massenhaft korrupte Zöllner und Bullen, europäische Banditen und Betrüger, die sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit gegenseitig ablinken und jede Menge käuflicher Damen.

Zusätzlich zu diesem Völkchen nimmt Zykë noch Touristen und alle möglichen Touaregs auf seinen Lastwagen mit, was dann ungefähr dieses Bild ergibt:

Das Buch ist rasant in einer klaren schnoddrigen, von Argot-Ausdrücken durchzogene Sprache geschrieben. Das N-Wort fällt in allen möglichen Variationen gefühlt drei bis fünfmal pro Seite.

Die Männer leiden nicht nur unter der Hitze, der Malaria, den korrupten Zöllnern und der Tortur, die festgefahrenen Lastwagen bei glühender Hitze freischaufeln zu müssen. Es kommt zu Massenschlägereien zwischen den Männern, denn wenn sich die Europäer zugutehalten, den Rassismus zwischen Schwarzen und Weißen überwunden zu haben, ist der innerafrikanische Rassismus eine Tatsache, die sich dem ungeübten Reisenden als böse Überraschung darbietet:

Touaregs (die in dem Buch auf Französisch nach ihrer Sprache als Tamascheqs bezeichnet werden) haben die Iklan (auch Bellah-Volk genannt) seit der Antike versklavt und es ist für einen stolzen Wüstensohn absolut undenkbar, von einem Iklan Befehle oder Anweisungen entgegenzunehmen. Touaregs und die subsaharischen Bambaras verstehen sich auch nicht. Algerier können zwar mit Touaregs, aber nicht mit Bambaras zusammenarbeiten. Ein nicht zu unterschätzendes logistisches Problem.

Es ist wie „Oro“ ein spannendes und amüsantes Buch. Ich habe jedenfalls gut abgelacht.

Nach der Lektüre von anderen Reiseberichten hätte ich selbst einmal große Lust, die Strecke mit dem Motorrad abzufahren, wäre nicht akute Terrorgefahr, die ein Durchqueren des „Grand Sud“ Algeriens verbietet.

Obligatorische Triggerwarnung: Worte und Beschreibungen können die Gefühle der jüngeren Generation verletzen.

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Emmanuel Carrère: Porträt des Künstlers als kurioser Mann

In dem Pulk französischer Schriftsteller, die auch in Deutschland bekannt sind, gibt es einen, der etwas stiefmütterlich behandelt wird, weswegen ich heute den Autor Emmanuel Carrère vorstellen möchte. Ich bin nämlich der Meinung, dass er gut schreiben kann und ein breites Themenspektrum anbietet. Er schreibt Romane, Filmkritiken und Reportagen. In den letzten Jahren schöpft er jedoch vermehrt aus seinem bewegten Privatleben.

Er selbst kokettiert damit, „rechts“ zu sein, was von seiner Klassenherkunft definitiv stimmt, aber was ich von den Positionen, die er in seinen Büchern oder in Interviews vertritt nicht wirklich bestätigen kann. Allerdings nur wenn man die traditionellen Tatbestandsmerkmale einer rechten Einstellung als Maßstab nimmt, also beispielsweise Antiparlamentarismus, Tradition, Antidemokratie, Ablehnung der individuellen Freiheit, Religion, Nostalgie eines „goldenen Zeitalters“ bei gleichzeitiger Ablehnung der Gegenwart usw., Faschismus.

Nichts davon findet man bei ihm, aber meiner Meinung nach ist in den letzten 10 bis 15 Jahren begriffstheoretisch so einiges durcheinandergebracht worden.

Bevor ich vier Bücher von Emmanuel Carrère vorstelle, möchte ich eine kurze Vorrede voranstellen. Im April dieses Jahres erschien in der Welt ein Interview der Frankreich-Korrespondentin Martina Meister mit dem „Rechtsextremismusexperten und Investigativjournalisten“ François Krug. Dieser vertritt die These, dass die Schriftsteller Sylvain Tesson, Michel Houellebecq und Yann Moix „Weggefährten rechtsextremer Ideologen“ seien und „rechtsidentitäre Ideologien in einem links dominierten Pariser Kulturbetrieb salonfähig gemacht“.

Da ich gerne lese, verhält es sich zufällig so, dass ich fast alle Bücher von Sylvain Tesson, den ich sehr bewundere und hier und hier bereits gewürdigt habe, und von Michel Houellebecq gelesen habe sowie auch die berüchtigte Trilogie von Yann Moix (auch hier kurz erwähnt). Ich glaube daher, mich mit dem Werk dieser Autoren doch ein klein wenig auszukennen.

Persönlich finde ich es überaus peinlich, dass dieses Interview überhaupt in der Welt erscheinen konnte. Da hat die interne Qualitätskontrolle schwer gepennt.

Tesson und Houellebecq als Reaktionäre zu bezeichnen ist von einer bodenlosen Ignoranz, um nicht zu sagen Dummheit.

Tesson ist zuvörderst ein Freigeist und Abenteurer. Ein Nonkonformist und Modernitätskritiker. Allenfalls kann man ihm vorwerfen, dass er sich in seinem Russland-Romantismus verrannt hat und zu lange ein romantisches Russenbild imaginiert hat, das es so wohl nur in seiner Phantasie gegeben hat, nämlich ein rauhes Land mit endlosen Landschaften, bevölkert mit Menschen, die zwar etwas ungehobelt aber ehrlich und vor allem nicht durch negative Einflüsse der westlichen Modernität verdorben und vor allem sehr trinkfreudig sind. Ja, diesen Vorwurf kann man ihm vielleicht machen, mehr aber auch nicht.

Bei Houellebecq ist der Vorwurf noch absurder. Er hat nämlich seine literarische Karriere („Ausweitung der Kampfzone“) mit einer kapitalistischen Kulturkritik begonnen. Zugegeben ein sehr französisches Thema, wo man aus seinem Misstrauen und seiner Ablehnung gegenüber dem angelsächsischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nie einen Hehl macht, vor allem in seiner komplementären Erscheinungsform aus Geldgier und Puritanismus.

Seine These, nämlich die Umformung und Degradierung des Bürgers im Sinne des „citoyen“ zum Konsumenten, hat er in seinen ersten drei Romanen vertieft („Ausweitung der Kampfzone“, „Elementarteilchen“ und „Plattform“; in letzterem Roman verknüpft er die These mit der Kritik am radikalen Islam.

Sehr schablonenhaft lautet seine These folgendermaßen:

 Die Moderne hat beginnend mit der Nachkriegszeit und sich stark beschleunigend nach 1968 zu einer kapitalistischen Verwertungslogik in den zwischenmenschlichen Beziehungen und vor allem in der Sexualität geführt. Zu früheren Zeiten hatte die christliche Werteordnung und der damals noch bedeutendere Einfluss der katholischen Kirche und das Vorbild des heterosexuellen Familienmodells aus Vater, Mutter und Kind(ern) dafür gesorgt, dass fast alle Männer eine Frau haben und eine Familie gründen konnten. Die fortschreitende persönlichen Autonomie, der individuellen Freiheit und der Emanzipation der Frau und der Individuen im Allgemeinen – vor allem nach 1968 aber auch durch den unwiderstehlichen Siegeszug des angelsächsisch geprägten Gesellschaftsmodells, das sich durch seine soft-power aus Filmen, Serien und Ikonen aus Kultur und Showbiz durchgesetzt hat – brachten jedoch als Kehrseite auch Egoismus und die Zerstörung der vorher bestehenden menschlichen und sozialen Beziehungen mit sich, unter anderem eine Distanz zwischen den Geschlechtern, die in manchen Bereichen durchaus in eine Feindseligkeit übergegangen ist.

Gegenwärtig ist es nun so, dass ein sehr kleiner Teil sehr gut verdienender und gutaussehender Männer bei der Frauenwelt offenes Buffet hat, während der Großteil der „normalen“ Männer sich sehr anstrengen muss, um eine (Sexual-) Partnerin finden zu können und ein immer größerer Anteil von Männern vom heterosexuellen Partnerschafts- und Familienmodell komplett und unwiderruflich ausgeschlossen ist und zu einem hoffnungsloses Dasein in Isolation und Einsamkeit verdammt ist. Eine Situation, die nicht nur auf Männer beschränkt ist, sondern auch – in geringerem aber wachsendem Maße – auch Frauen betrifft. Seltsamerweise hat die Linke mit ihrem traditionellen marxistischen Erklärungsmodell, das grob gesagt immer ein Verhältnis aus Herrschern und Unterdrückten erblickt, und die sonst jede Ungleichbehandlung und jede Diskriminierung anprangert, hiergegen überhaupt gar nichts zu erinnern.

Oft wird ihm auch vorgeworfen Islamophob zu sein. Aus meiner Sicht ist es ein Kampfbegriff, den ich persönlich ablehne. Houellebecq kritisiert den Zustand und die Verfasstheit des Islam in seinem aktuellen Zustand.

Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass die Kritik an Dogmen, insbesondere religiösen Dogmen, ein Kernelement der Aufklärung und damit links ist.

In „Unterwerfung“ hat er auch sehr luzide beschrieben, was in dem nicht völlig unwahrscheinlichen Fall passiert, wenn ein islamistischer Politiker zum Präsidenten Frankreichs gewählt wird.

Houellebecq wird zwar gern gelesen, aber er ist kein Kultautor, dazu ist der zu sperrig und von seiner Persönlichkeit zu wenig liebenswert und die Wahrheiten, die er dem Leser und der französischen (oder westlichen) Gesellschaft um die Ohren haut, sind zu brutal. In Interviews drückt er sich häufig unklar und sibyllinisch aus. In seinen Romanen hingegen bedient er sich einer klaren und schnörkellosen Prosa und seine Gesellschaftsbetrachtungen und -analysen sind immer präzise akkurat. Weil er so eingängig und klarsichtig schreiben kann, dass man fast glauben kann, er könne in die Zukunft sehen, wird er von seinen Kritikern noch mehr attackiert.

Immer für eine Überraschung gut hat er, der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten körperlich immer mehr verwahrloste und clochardisierte zuletzt Aufsehen erregt, weil er einem Filmproduzenten untersagen wollte, ein Porno-Projekt zu veröffentlichen, das ihn und seine Frau Qianyum Lysis Li, die seine Bücher ins Chinesische übersetzt, gemeinsam mit Amsterdamer Prostituierten in Szene setzt.

Wenn ich so darüber nachdenke, müsste ich ihm einen eigenen Artikel widmen, so vielschichtig, kurios und unvorhersehbar ist seine Persönlichkeit, doch kommen wir zurück zu unserem Ursprungsthema, dem Schriftsteller Emmanuel Carrère.

Jedesmal wenn ich ein Bild von ihm sehe, stelle ich mir die Frage, wie er eigentlich darauf klar kommt, der weiße Zwilling von Forest Whitaker zu sein.

credit: Von Dmitry Rozhkov – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22946273

Carrère lässt sich an wenigen Stellen seiner Bücher sagen, er sei „rechts“. Aus meiner Sicht ist diese Aussage sinnlos und dient nur der Provokation. Denn ein Franzose, der nur ein wenig Erziehung genossen hat, wird – und damit ist er dem Engländer ähnlich – niemals geradeheraus sagen, ob er politisch links oder rechts denkt. Das wäre viel zu vulgär und würde auch nicht den vielen Zwischenstufen und teilweisen Widersprüchen des politischen Empfindens gerecht werden. Außerdem gibt es in Frankreich mit seiner individualistischen Tradition durchaus auch libertäre Konservative, die weder Staat noch Bullen noch Bürokraten mögen.

Man wird erst nach einem längeren Gespräch, in dem der französische Gesprächspartner möglicherweise eine paar subtile Indizien streuen wird, einschätzen können, welcher politischen Obödienz er möglichweise folgt.

Emmanuel Carrère stammt jedenfalls aus einer konservativen, großbürgerlichen Familie. Dies war in den Ursprüngen nicht vorherbestimmt gewesen, wie der Artikel im Folgenden noch zeigen wird. Seine vor wenigen Tagen 94-jährig verstorbene Mutter, die Historikerin und Universitätsprofessorin Hélène Carrère d’Encausse, war lange Zeit Spezialistin für die Russische Welt und Sowjetologin und war seit 1990 Mitglied der Académie française, der prestigeträchtigsten Gelehrtengesellschaft Frankreichs und Hüterin der französischen Sprache.

Er selbst hat zunächst an SciencesPo studiert und war dann Regisseur, bevor er Schriftsteller wurde.

Die vier nachfolgenden Bücher fand ich interessant:

  1. Der Widersacher

Ich habe eine ganze Weile nachgedacht, was der Titel zu bedeuten hat, dreht sich das Buch doch um einen der aufsehenerregendsten Kriminalfälle Frankreichs der letzten 50 Jahre. Irgendwann verstand ich, dass der Titel die biblische Bezeichnung für, „den-dessen-Namen-man-nicht-sagen-darf“, für den „Gottseibeiuns“, für den Satan ist.

Was hatte der Protagonist seiner Reportage, den er im Titel als Teufel bezeichnet, getan? Diese Geschichte ist wirklich irre, fast schon irreal und grotesk, dass man sie nicht glauben könnte, hätte sie nicht derart tragische Konsequenzen in der Realität gehabt.

Jean-Claude Romand war ein bieder lebender und sehr bescheidener Arzt und eine Autorität auf seinem Fachgebiet, da er bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf arbeitete. So glaubte es zumindest sein Umfeld und seine ganze Familie. In Wahrheit hatte er sein Medizinstudium abbrechen müssen, weil er durch eine Prüfung gefallen war und exmatrikuliert wurde. Gegenüber seinen Freunden, seinen Eltern und seiner Freundin, die er später heiratete, hielt er jedoch die Legende aufrecht, er sei noch immer Medizinstudent, habe mit Auszeichnung bestanden und sei eine derartige Kapazität, dass die Weltgesundheitsorganisation ihn als Experten eingestellt hatte.

Während seine Frau dachte, dass er morgens über die Schweizer Grenze nach Genf zur WHO fuhr, saß er auf Autobahnraststätten und Parkplätzen in seinem Auto und wartete bis es Zeit war, wieder nach Hause zu gehen. Um die Illusion aufrechtzuerhalten erfand er Reisen zu Kongressen nach Südamerika und überallhin in die Welt. Zu diesem Zweck fuhr er zum Genfer Flughafen, wo er für ein paar Tage im Hotel eincheckte, und brachte seinen Kindern von dort ein paar Souvenirs mit.

Von welchen Einkünften lebte er, der seine Zeit auf Autobahnraststätten absaß? Er gab an, in der Schweiz eine perfekte Geldanlage entdeckt zu haben, bei der man Geld zu gigantischen Dividenden anlegen könne. So vertrauten ihm seine Eltern, seine Geliebte und weitere Familienmitglieder ihm, dem brillanten, über jeden Zweifel erhabenen Experten, ihr ganzes Vermögen an. Außerdem lebte er vom Erbe seiner wohlhabenden Frau, die ihm blind vertraute. Nie hat sie ihn in seinem angeblichen Büro in der WHO besucht, das doch nur einige Kilometer jenseits der Grenze lag, niemals hat sie ihn einen Patienten behandeln sehen.

Die Familie lebte in einem schönen Haus, das Ehepaar fuhr mehrere Autos.

Eine Weile lang, konnte der falsche Arzt wie bei einem Schneeballsystem, die einen mit dem Geld der anderen ausbezahlen, doch irgendwann trat ein, was jedem logischerweise einleuchten musste: das Erbe seiner Frau war aufgebraucht und auch die Ersparnisse der Familienmitglieder, die sie ihm zum Anlegen anvertraut hatten, waren restlos weg. Seine Geliebte war der Auslöser für darauffolgende Katastrophe. Sie verlangte erst freundlich, dann höflich, dann bestimmt und dann mit allem Nachdruck ihr Geld zurück. Irgendwann halfen alle Ausflüchte nichts mehr. Jean-Claude Romand, der falsche Arzt, hatte kein Geld mehr. Seine Lebenslüge, die er fast zwanzig Jahre lang aufrechterhalten hatte, drohte aufzufliegen. Sein Kartenhaus fiel in sich zusammen und damit drohte furchtbare Schande vor seiner Familie und seinen Freunden. Unerträglich für ihn. Am 9. Januar 1993 tötet er mit einem Baseballschläger seine schlafende Frau in ihrem Ehebett. Am nächsten Tag holte er bei seinen Eltern ein Gewehr und erschoss seine beiden Kinder, danach fuhr er wieder zu seinen Eltern und erschoss auch sie einschließlich ihres Labradorhundes. Anschließend fuhrer nach Paris zu seiner Geliebten und versuchte sie während einer Autofahrt zu strangulieren. Sie wehrte sich jedoch und es gelang ihr, die mörderische Raserei zu unterbrechen. Wieder zu Hause angekommen, setzte er das Haus mit den Leichen seiner Frau und Kinder in Brand, überlebte jedoch. Er wurde 1996 zu lebenslanger Haft verurteilt. 2019 wurde er wieder entlassen.

Eine aberwitzige Geschichte, bei dem es jedoch auch Carrère nicht völlig gelingt den Wahnsinn zu ergründen, wie man nicht nur seine eigene Familie ermorden kann, sondern vor allem die monumentale Anstrengung, die es bedeuten muss, zwanzig Jahre lang eine solch enorme Lüge aufrechtzuerhalten und zwanzig Jahre seines Lebens auf Parkplätzen zu verschwenden und dabei mit durchgetretenem Gaspedal gegen die Wand zu fahren.

  • Limonow

Ich weiß nicht mehr, was mich dazu veranlasst hat, dieses Buch auf Deutsch zu kaufen. Ich kann es mir nur mit geistiger Umnachtung erklären, denn normalerweise lese ich französische Bücher immer im Original.

In diesem Buch versucht sich Carrère an einem biographischen Porträt des illustren Eduard Limonow, den ich hier schon einmal kurz angesprochen habe.

Es fällt nicht schwer, den Grund zu finden, warum Carrère so fasziniert von dieser Persönlichkeit war, deren Wege sich mehrmals gekreuzt hatten. Limonow, der vor drei Jahren gestorben ist, war ein widersprüchliche und schillernde Gestalt. Aufgewachsen in der Sowjetunion, sein Vater war angeblich KGB-Mann, eckte er schnell mit den Autoritäten und der Staatsmacht. Als es in den 1970er Jahren ein winzig kleines Zeitfenster gab, in welchem die sowjetischen Behörden, russischen Juden die Ausreise genehmigte, sprang Limonow auf die Gelegenheit und reiste nach New York und später nach Paris aus. Doch sein Charakter zwang ihn auch dort dazu, sich mit der Gesellschaft anzulegen. In diesem Punkt ist er seinem provokatorischen Landsmann Piotr Pavlenski nicht unähnlich.

Sein unbestreitbares literarisches Talent und seiner Neigung zur Provokation, trieben ihn zwangsläufig zur Redaktion von „L’Idiot international“, einer zunächst linken Zeitung, die zu Beginn ihrer Gründung immerhin von Simone de Beauvoir protegiert wurde und finanziert von der aus der linken maoistischen Szene stammenden Erbin und Mäzenin Sylvina Boissonnas. Sehr bald jedoch setze sich unter der Leitung des irrlichternden Chefredakteurs Jean-Edern Hallier eine andere Verlagslinie durch, seine Devise war: provozieren und schockieren. Die Zeitung wurde immer mehr zu einem Sammelbecken für links- und rechtsextreme Agitatoren, Antisemiten, Dichter und sonstige Unruhestifter. Beiträge haben dort jedoch auch Größen und Bestsellerautoren wie Frédéric Beigbeder oder der bereits erwähnte Michel Houellebecq geschrieben. Limonow passte sich in dieses Milieu perfekt ein.

Trotz der großen Freiheiten, die das französische Presserecht gewährt, haben die hohen Schadensersatzforderungen dem Blatt irgendwann Garaus gemacht.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nahm das Leben von Limonow eine unerwartete, vielleicht aber auch konsequente Wendung zum Reaktionären: er gründete die russische National-Bolschewistische Partei, deren Parteifahne der der Nationalsozialisten frappierend ähnelt, als darauf Hakenkreuz durch Hammer und Sichel ersetzt sind (für mich als Anhänger von Hannah Arendts Totalitarismustheorie ohnehin zwei Seiten ein und derselben Münze), unterstützte offen die Serben im jugoslawischen Bürgerkrieg und ließ sich bereitwillig dabei filmen, wie er einige Schüsse aus einer serbischen Stellung auf die eingekesselte Stadt Sarajevo abfeuert.

In Russland störten seine politischen Pläne die Kreise der Staatsmacht, die völlig apolitisch den gigantischen Rohstoffreichtum zwischen den Mafiosi und den Silowiki aufteilen wollte, so dass er mehrmals im Gefängnis landete.

Carrère demonstriert mit seinem Buch, dass man einen Menschen nicht schätzen muss, um ihm zuzugestehen, dass er eine faszinierende Persönlichkeit mit einem aufregenden und reichen Leben ist.

  • Ein russischer Roman

Ein Buch, in welchem Carrère aus seinem Leben schöpft und dabei drei unterschiedliche Themenstränge miteinander verbindet.

Aufhänger für sein Buch ist ein Filmprojekt über den letzten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs. Der Ungar András Toma wurde zum Ende des Kriegs von der Wehrmacht eingezogen und geriet 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wo er im Lauf der Jahre einfach vergessen wurde. Im Jahr 2000 wurde er in einem psychiatrischen Krankenhaus entdeckt und wieder nach Hause geschickt.

Carrère möchte einen Film über diesen Gefangenen, aber auch über Russland drehen, hat aber kein genaues Konzept. Gleichzeitig beschäftigt ihn seine eigene Familiengeschichte. Der Leser erfährt, dass Carrère nicht aus einer adeligen französischen Familie stammt.

Sein Großvater mütterlicherseits, Georges Zourabichvili, war Georgier. (Funfact: die amtierende Präsidentin Georgiens, Salomé Zourabichvili, ist Emmanuel Carrères Tante).

Gemeinsam mit seinen Brüdern verließ er das Land aus Furcht vor den Bolschwiken. Nach einer Odyssee, die sie über Istanbul durch Europa führte, landeten die Brüder in Paris. Im Gegensatz zu seinen Brüdern, die sofort tatkräftig Unternehmen aufbauten und zu den Gründern und Stützen der georgischen Diaspora in Frankreich wurden, tat sich Georges Zourabischwili sehr schwer mit einem bürgerlichen Leben. Er studierte lange und promovierte in Philosophie in Berlin. Er war von einem unausrottbaren Selbsthass geplagt, trotz seines angesammelten Wissens hielt er sich gleichzeitig für etwas Besseres und für jemand Minderwertigen. Er arbeitete als Taxifahrer und die Familie lebte in großer Prekarität und Armut. Er schrieb endlose Briefe in einem zynischen selbstzerstörerischen wahnsinnigen Duktus wie Dostojewskis Kellerbewohner in „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs flüchtete die Familie mit Georges Tochter Hélène (Emmanuel Carrères Mutter) nach Bordeaux. Dort diente er sich den Deutschen als Übersetzer für logistische Aufgaben des Wehrmacht-Fuhrparks an.

Nach der Befreiung erscheinen bewaffnete Männer, die Georges mitnehmen. Er kommt nie mehr zurück. Es war die Zeit, in der offene Rechnungen beglichen wurden, und wer mit den Deutschen kollaboriert hatte, bekam große Probleme. Es spielte keine Rolle, ob der Beschuldigte Résistance-Kämpfer verraten oder Übersetzerdienste geleistet hatte. (Wobei der Leser nicht nachprüfen kann, ob es tatsächlich nur um Übersatzungsdienste ging oder ob er möglicherweise doch mehr gemacht hat). Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass sie ihm eine Kugel in den Kopf verpasst und ihn dann verscharrt oder in die Garonne geworfen haben. Es ist ein Trauma, das Emmanuel Carrères Mutter niemals losgelassen hat, das sie aber tief in sich verschlossen und innerhalb der Familie tabuisiert hatte.

Als dritten Handlungsstrang schildert Carrère das grausame, qualvolle Ende seiner Beziehung, was teilweise wirklich hart zu lesen ist, weil er Dinge schildert, die ein normaler Mensch nur unter allergrößter Selbstüberwindung seinem eigenen Tagebuch anvertrauen würde.

Sehr demütigend ist zum Beispiel die Episode, als er für seine Geliebten eine erotische Geschichte schreibt, die an dem Tag erscheinen soll, an dem sie eine Freundin mit dem Zug besuchen will. Er stellt sich vor, dass sie die Geschichte während der Zugfahrt, von ihm heimlich beobachtet, liest, ihn am Bahnhof, von der Geschichte erregt, erblickt, sie ein Hotelzimmer nehmen und dort die Liebe genießen. Doch nichts passiert, wie geplant. Am bewussten Datum sitzt seine Geliebte nicht im Zug. Stattdessen zwei Journalisten von „Le Monde“, die sein Fiasko schadenfroh beobachten und ihn am Ankunftsbahnhof feixend in Empfang nehmen. Hier wird der Leser einiger negativer Charakterzüge des Autors gewahr, allerdings ist ihm zuzugestehen, dass er sie offen dem Leser preisgibt.

Nebenher schildert er das Scheitern seines Filmprojekts, für das er ohnehin kein konkretes Konzept hatte. Denn die Menschen sind misstrauisch, nicht nur wegen der nahegelegen Chemiewaffenfabrik Mordikowo, die bei dem psychiatrischen Krankenaus liegt, sondern vor allem, weil sie sich schämen. Sie verdächtigen den Schriftsteller, hier in seiner Funktion als Filmemacher, ihr Elend zu „stehlen“, um es im Westen zu zeigen und auszuschlachten. Ihnen sind natürlich die Trostlosigkeit und die Tristesse, das elende Leben, die allgegenwärtigen Säufer nur allzu bewusst.

Das Buch ist auf eine schwer zu beschreibend Weise interessant, weil man sehr vieles über die Familiengeschichte, aber auch über die menschliche Natur erfährt und das Ganze durch Carrères Talent kunstvoll miteinander verwoben wird. Leider nimmt ein großer Teil des Buchs die Schilderung seiner scheiternden Beziehung ein. Man hat als Leser das unangenehme Gefühle, unfreiwilliger Zeuge einer schmerzhaften und intimen Beziehungskrise beizuwohnen, was das Buch manchmal zu einer peinigenden Lektüre macht.

  • D’autres vies que la mienne (deutsch : « Alles ist wahr »).

Eines der härtesten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Auch hier bewegen sich die Themen in der persönlichen Erlebenssphäre des Autors.

Carrère ist mit seiner neuen Lebensgefährtin, der Journalisten Hélène Devynck, sowie ihren jeweiligen Kindern im Urlaub auf Sri Lanka. Es läuft nicht besonders gut zwischen den beiden, aber diesmal verzichtet Carrère darauf, die Dramaqueen zu spielen und denkt darüber nach, wie er diese Beziehung retten kann.

Dann bricht der Tsunami von 2004 über die Insel herein. Und eine unglaublich schreckliche Situation tritt ein. Das Kind eines anderen französischen Paares, das in der Hotelanlage urlaubt, wird von der Welle mitgerissen. Die ausländischen Urlauber müssen gemeinsam in der Hotellobby ausharren. Carrère schildert die grauenhaften Gedankengänge, die ihm durch den Kopf schießen, nämlich die Erleichterung, dass seine Kinder überlebt haben und gleichzeitig die Folter, die es für die anderen Eltern darstellen muss, die quicklebendigen Kinder zu sehen, wohl wissend, dass ihre Tochter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ertrunken ist. Schließlich macht sich Carrères Lebensgefährtin mit dem Vater des Kindes in die Leichenschauhäuser auf, um das tote Kind zu finden und zu identifizieren.

In einem weiteren Handlungsstrang wird die Krebserkrankung und das Sterben der Schwester von Carrères Lebensgefährtin geschildert, die als Richterin arbeitet und schließlich das Leben ihres Richterkollegen, der ebenfalls eine Krebserkrankung hatte und dem ein Unterschenkel amputiert werden musste.

Es ist manchmal drollig, wie er seinen Lesern seine Sorgen anvertraut, wie er es wohl anstellen kann, mit seinen Gesprächspartnern die schwierigen Themen anzugehen und dann schlussendlich nach dem Mittagessen, beim Kaffee kurzentschlossen sein Notizbuch auf den Tisch legt und sagt: „So, und jetzt erzähl mir von Dir.“

Hier zeigt sich für mich das wahre schriftstellerische Talent Carrères, wenn es nicht um Fiktion geht, denn in diesem Buch hat er es mit realen Menschen zu tun, deren Geschichte er aufschreiben will. Es ist nämlich eine durchaus schwierige Gratwanderung den Menschen gerecht zu werden, die ihm intime Dinge anvertraut haben. Sie authentisch auch in ihren Schwächen und ihren negativen Eigenschaften zu beschreiben und dennoch ihr Vertrauen nicht zu missbrauchen, sie nicht zu verraten. Das gelingt Carrère in einer – zumindest im französischen Original – einfachen und eleganten Sprache, die aber auch hart und brutal werden kann, wenn es sein muss.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs. Es wird nämlich bezüglich der Krebserkrankung der Schwester und des Richterkollegen auf das Buch „Mars“ von Fritz Zorn Bezug genommen, ein Buch, das ich gewissermaßen als „Beifang“ gelesen habe, das aber dennoch wirklich interessant war.

Fritz Zorn stellt nämlich eine Überlegung auf: könnte es sein, dass Krebs entgegen der rationalen Annahme eigentlich die körperliche Manifestation von unterdrückten Bedürfnissen ist, die den Menschen dazu zwingen, sich mit seinen Wünschen und Zielen zu befassen? Die Krebserkrankung macht den Menschen, der dies erkennt, paradoxerweise frei.

Der Autor, der das Buch aus Gründen des Persönlichkeitsschutz unter Pseudonym geschrieben hat (eigentlich heißt er Federico Angst, aus der anscheinend bekannten Schweizer Unternehmerfamilie Angst), wuchs in einer großbürgerlichen Familie an der sogenannten „Goldküste“ des Zürichsees auf, in der alle Konflikte und Probleme verdrängt und unter einer künstlichen Harmonie ertränkt wurden.

Zorn lebte bis zu seinem frühen Tod mit 32 Jahren ein beziehungsloses Leben, in welchem er sich bis zum Ausbruch seiner Krankheit allem gefügt hat und niemals aufbegehrt hat. Bis zu seinem Tod hatte er keine Liebesbeziehung und keinen Sex.

Für ihn ist sein Krebs – genauer gesagt ein malignes Lymphom, das strenggenommen nach der Klassifizierung kein Krebs ist, aber wie einer wirkt; wie auch immer – eine psychosomatische Krankheit. Er ist eine Folge der Erziehung in der spezifisch duckmäuserischen Schweizer Oberschichtsgesellschaft. Für die Krankheit macht er seine „Eltern“ verantwortlich, die deswegen in Anführungszeichen gesetzt sind, weil sie für ihnein Sammelbegriff sind für „seine Familie, das Milieu in dem ich aufgewachsen bin, die bürgerliche Gesellschaft, die Schweiz, das System“.

Der schon im Artikel über den NSU erwähnte Hans-Joachim Maaz, hat auch einen Zusammenhang zwischen Krankheit und falschem Leben hergestellt, teilweise etwas esoterisch und „touchy-feely“ anthroposophisch. Aber es liegt natürlich auf der Hand, dass viele körperliche Erkrankungen Manifestationen der Psyche sind, die sich gegen ein falsches, sinnentleertes, entfremdendes Leben mit vielen Zwängen, geisttötenden Wiederholungen und Routinen, das die menschlichen Wünsche und natürlichen Bedürfnisse nicht befriedigt, wehrt und auflehnt.

In seinem ebenfalls lesenswerten Buch „Der Gefühlsstau“, das sich zwar mit der psychischen Disposition in der DDR befasst, aber durchaus auch auf westliche Gesellschaften übertragen lässt, schreibt er, dass er als Psychiater erkannte was, seine Patienten, „wirklich „unter Druck“ brachte, wenn sie an hohem Blutdruck litten, was ihnen auf den „Magen schlug“ und was sie ständig „runterschluckten“, wenn sie über chronische Magenschleimhautentzündung und Magengeschwüre klagten, wovon sie „die Nase voll“ hatten, wenn sie an einem Schnupfen erkrankten oder was sie „lähmte“, einengte, schmerzte bei den vielfachen Beschwerden im Bewegungsapparat.“

Für Zorn stellt der Tumor, der an seinem Hals zu wachsen bekannt, die „verschluckten Tränen“ dar, die er nie geweint hatte.

Vielleicht ist das seine persönliche Art, das grausame Schicksal aus seelentötender Erziehung, Sexlosigkeit und Krebs zu rationalisieren.

Doch zurück zu Carrères Buch. Das Sterben der Schwester ist ebenfalls sehr hart zu lesen. Fast musste ich mir Zwang antun, um das letzte Drittel zu lesen, wo geschildert wird, wie ihr Mann, ein verträumter Comiczeichner, seiner sterbenden Frau beisteht. Das Sterben zieht sich hin und er ist schon nahe daran, die Maschinen auszuschalten. Hierbei wird er im letzten Augenblick von einer Krankenschwester abgehalten, die im erklärt, dass der Todeskampf dann noch schwerer wäre.

Der Leser kann natürlich verärgert über diese Schamlosigkeit sein, diese intimsten Momente auszuschlachten. Carrère ahnt natürlich diesen Vorwurf und zieht sich elegant aus der Affäre. Er hat diese beiden Ereignisse als Wink des Lebens verstanden, über sie zu schreiben.

Auch wenn einem die Lektüre so einiges abverlangt hat, halte ich mich diesbezüglich an Kafkas Bonmot: „Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?“

Wer auf ein Happy End nach dem Ende des Buchs hoffte, muss leider enttäuscht werden. Carrères Beziehung mit der Journalistin Hélène Devynck scheiterte. Es gab einen hässlichen Rechtsstreit, in welchem ihm seine Partnerin gerichtlich untersagen ließ, sie weiter als Objekt seiner schriftstellerischen Elaborate zu nutzen.

Seine neuesten Bücher „Yoga“ und „Le royaume“ (in welchem er eine zwanghafte Phase schildert, in welcher er sich obsessiv mit christlicher Religion beschäftigte und täglich die Kirche aufsuchte) habe ich noch nicht gelesen. Sein letzter Roman „V13“ befasst sich mit dem Terrorprozess gegen die Attentäter und Mittäter der Anschläge auf das „Batacalan“ und Bars im November 2015 in Paris, dem er als Prozessbeobachter beiwohnte.

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„Craigslist Ripper“ gefasst?

Seit dreizehn Jahren warten die Mordopfer von Gilgo Beach darauf, dass ihr Mörder zur Rechenschaft gezogen wird.

Nachdem sie ermordet wurden, hatte jemand die neun Frauen, einen asiatischen Mann in Frauenkleidern und einen Säugling, auf einem Abschnitt von 3 km Länge in einer langen Reihe im Dickicht zwischen Highway und Ozean abgelegt. Erweitert man den Radius noch etwas, kommen sogar 18 Morde für die Serie in Betracht.

Long Island ist eine langgezogene, breite Insel, südöstlich von New York City. Viele Pendler wohnen hier, die sich Manhattan und auch die anderen Boroughs nicht mehr leisten können.

Südlich von Long Island befindet sich eine sehr schmale langgezogene Sandzunge: Jones Beach Island. Weiter östlich davon befindet sich das ehemalige Refugium und Schwulenparadies Fire Island. Heute ist es sehr schick und upperclass, die schwule New Yorker Kunstbourgeoisie hat dort ihre Sommerfrischen. Auch Jones Beach Island ist in den Sommermonaten ganz reizvoll. In den Wintermonaten und vor allem nachts ist es allerdings ein sehr unheimlicher Ort.

Der Ocean Parkway läuft schnurgerade und parallel zum Ozean. Links und rechts der Fahrbahn, zwischen Straße und Meer wuchert ein dichtes und undurchdringliches Unterholzgestrüpp. Nachts ist die Straße vollständig unbeleuchtet.

Im Jahr 2010 hatten Polizisten auf der Suche nach einer Prostituierten, die nach einem Treffen mit einem Kunden einen panischen Notruf abgesetzt hatte, den Strandabschnitt abgesucht und hatten geschockt eine Leiche nach der anderen aus dem Boden gegraben.

Altgediente New Yorker Cops kannten die Gegend als „Verklappungsort“ der Mafia. Die Mobster aus New York und New Jersey hatten schon seit den 1930er Jahren ihre Opfer schnell und unkompliziert an diesem einsamen und verlassenen Ort entsorgt.

Aber diese Opfer passten überhaupt nicht in das Mafia-Schema. Die Gangster aus den Familien mit den Vokalen am Namensende waren nicht bekannt dafür, Frauen, Männer in Frauenkleider oder Säuglinge zu ermorden.

Es musste etwas anderes dahinterstecken.

Jetzt steht der spektakuläre Serienmord möglicherweise vor der Aufklärung. Zumindest teilweise.

Die Polizei von Suffolk County auf Long Island bei New York gab am Freitag, dem 14.07.2023 bekannt, sie habe den mysteriösen Serienkiller, den sie dreizehn Jahre lang gejagt hatte, festgenommen.

„Craigslist Ripper“ oder auch „Long Island Serial Killer“, abgekürzt LISK, so hatte ihn die Sensationspresse genannt, die immer erpicht darauf ist, Verbrechern ein Sobriquet zu verpassen, um dem gespenstischen Unbekannten eine Ersatzpersönlichkeit zu geben und die Leser gleich zu orientieren.

Nun wurde Rex Heuermann aus Massapequa Park auf Long Island vor seinem Büro in Manhattan festgenommen, wo er ein Architekturbüro betreibt.

Er soll drei Prostituierte ermordet haben, die nah beieinander am Strandabschnitt von Gilgo Beach gefunden wurden und ist der Hauptverdächtige im Mordfall einer vierten. Ob er mit den anderen Leichen in Verbindung steht, werden die Ermittlungen zeigen.

Die Boulevardzeitung „New York Post“, gegen die im Vergleich dazu unsere hiesige „Bild“-Zeitung wie ein Intellektuellenblatt daherkommt, breitet genüsslich Interviews mit Nachbarn, die ihn „schon immer schräg“ fanden, und alle Details aus der Vergangenheit und dem Privatleben aus: alte High-School-Fotos, auf denen der Verdächtige linkisch in die Kamera grient, oder alte Tweets seiner Frau, Gegenstände aus seinem Haus.

Beim Betrachten des Mugshots macht sich einerseits Enttäuschung breit aber es bestätigt sich auch eine Gewissheit, nämlich dass Serienmörder die Verkörperung der Banalität des Bösen sind.

Es erweist sich wieder einmal, dass Serienmörder nicht die Monster sind, als die man sie sich kollektiv vorstellt, d.h. als mißgebildete Unholde mit Narben, Zahnlücken und irrem Blick. Nein. Es ist der nette Familienvater von nebenan. Der fast karikaturhaft fleischgewordene „Family Guy“. Ein biederer Familienvater, der mit seiner Frau außerhalb von New York City wohnt und morgens nach Manhattan in sein Büro pendelt. So ähnlich wie „Machine“, der Mörder für Snuff-Movies in dem Film „8mm“ mit Nicolas Cage, der ein biederes Leben bei seiner Mutter führt.

Man muss keine besonders große Menschenkenntnis besitzen oder ein großer Psychologe sein. Man sieht das Bild, sieht den Mann und weiß, was Sache ist: ein stupider, nervtötender Job. Eine dumpfe, ereignislose Existenz, die im Nichts begonnen und im Nichts enden wird, nur eine belanglose Abfolge monotoner und trostloser Ereignisse und die Gewissheit, dass da auch nichts mehr kommen wird. Eine übergewichtige, klimakterische Ehefrau, die keinen Sex mehr will. Wenn’s hochkommt noch ein oder zweimal im Jahr ein lustloser Fick. Vielleicht auch gar nicht mehr. Die Besuche bei Prostituierten. Der Zorn und der Hass, der sich jahrelang, jahrzehntlang angesammelt hat. Die Mordinstinkte, die in jeden von uns schlummern und durch komplexe, psychologische Unterdrückungsmechanismen in Schach gehalten werden und die plötzlich nicht mehr zu bändigen sind.

War es so? Oder vielleicht ganz anders? Die Rechtstreue gebietet uns jedenfalls, bis zu einer Verurteilung von der Unschuld des Beschuldigten auszugehen.

Alle weiblichen Opfer des Long Island Serial Killers waren drogensüchtige Prostituierte aus dysfunktionalen Scheidungsfamilien, die er auf dem Kleinanzeigenportal „Craigslist“ kontaktiert hatte. Sie hatten ein oder mehrere Kinder von teils unterschiedlichen Vätern. Sie perpetuierten die erlernten Beziehungserfahrungen, also Scheidung und Trennung, zogen ihre Kinder allein auf. Dann kamen Drogen und Prostitution. Alle waren von ihrer körperlichen Konstitution auffallend klein und zierlich. Mehrere der Mordopfer waren in Jutesäcke oder -bahnen gewickelt.

Dies soll kein Werturteil über die ermordeten Frauen darstellen. Ganz im Gegenteil. Ich beabsichtigte damit soziologische Klassifizierungen, um den sozio-ökonomischen Background der Opfer zu beleuchten und natürlich um in forensischer Hinsicht das spezifische Opferprofil des Serienmörders einzugrenzen.

Interessant ist, dass Rex Heuermann als mutmaßlicher Serienkiller fast schon einer aussterbenden Spezies angehört. Denn Untersuchungen haben nachgewiesen, dass die Anzahl der Serienmörder in den USA in den 1980er Jahren am höchsten war und Ende der 1990er Jahre rapide heruntergeht. Hierfür mag es unterschiedliche, valide Gründe geben.

Auffällig ist jedoch, dass das Sinken der Anzahl der aktiven Serienmörder mit einem spezifischen Ereignis zusammenfällt: dem Amoklauf an der Columbine High School im April 1999

Wie der bereits erwähnte Schriftsteller Hazukashi in einem Tweet bereits sehr richtig diagnostiziert hat, ist das Morden in einer Gesellschaft nicht beziehungslos. Die psychotische Dekompensation, die den Täter zur Tatbegehung veranlasst basieren auf einem kulturellen Substrat und unterliegen auch Nachahmungseffekten.

Der Serienmörder vom Typ eines Jeffrey Dahmer, Ed Gain oder Ted Bundy, der sich in seinem mit Zeitungsausschnitten seiner Taten tapezierten Keller bei Kerzenlicht an Trophäen ergötzt, die er seinen Opfern abgenommenen hat, gehört einer vergangenen Epoche an.

Der von Michael Douglas dargestellte William „D-FENS“ Foster aus „Falling Down“ muss nicht mehr Frauen stalken, um seinen mörderischen Trieben nachzugeben, er nimmt sich seine AR-15, die er im örtlichen Supermarkt gekauft hat, und richtet ein Blutbad an, bevor er von der Polizei erschossen wird, oder sich selbst richtet.

Zum Beispiel wie Stephen Padock, der sich 2017 in ein Hotel in Las Vegas mit seinem legal erworbenen Waffenarsenal einmietete und aus dem Hotelfenster Besucher eines Countrymusic-Festivals niedermähte und 60 von ihnen tötete.

Noch besser: sich nach einer Bauanleitung aus dem Internet eine eigene Waffe aus dem 3D-Drucker herstellen, die berühmt-berüchtigte FGC-9 (FGC steht für „fuck gun control“).

Bevor ich zu weit abschweife, zurück zur Sache: wie kam dieser Fall eigentlich ins Rollen?

Die Gelegenheitsprostiuierte Shannan Gilbert hatte sich in der Nacht vom 1. Mai 2010 von einem Fahrer nach Oak Beach (ein Stück weiter östlich von Gilgo Beach) zu einem Kunden fahren lassen. Um kurz vor fünf Uhr morgens erhielt die Notrufzentrale einen Anruf von Gilbert. Sie klang konfus und panisch. Sie wiederholte immer wieder, „sie“ seien hinter ihr her und dass „sie“ sie töten wollten. Der Anruf dauert ganze 23 Minuten, während die Beamtin am anderen Ende der Leitung vergeblich versuchte, den genauen Aufenthaltsort von Shannan herauszubekommen.

Während ihrer wirren und ziellosen Flucht hämmerte sie gegen die Tür eines Hauses, verschwand jedoch wieder, bevor die Bewohnerin ihr helfen konnte. Shannan verschwand in der Nacht.

Polizisten des Suffolk County suchten den Bereich in den folgenden Tagen und Wochen ergebnislos ab. Es kam ein Leichensuchhund zum Einsatz, der auch keine Spur aufnehmen konnte. Besonders große Mühe gab sich die Polizei nicht bei der Suche, denn das Opfer war nicht nur als Prostituierte und Drogenkonsumentin bekannt, sondern litt auch an psychischen Erkrankungen. Die einfachste Erklärung der Polizisten war, dass Shannan bei ihrem Kunden Drogen konsumiert hatte und auf einen schlechten Trip gekommen war, so dass sie in drogeninduzierter Paranoia panisch aus dem Haus gestürzt war. Ihr Kunde war ein angesehenes und nützliches Mitglied der Gesellschaft und über jeden Zweifel erhaben.

Im Dezember des Jahres 2010 beschloss der Hundeführer den Suchbereich auszuweiten und weiter westlich zu suchen, beginnend mit der Westspitze von Jones Beach Island. Hierbei stieß er auf vier im Abstand von jeweils ungefähr 150 Meter liegende und in Jute eingewickelte weibliche Leichen, die sogenannten „Gilgo Four“. Es handelte sich um die Sexarbeiterinnen Maureen Brainard-Barnes, Melissa Barthelemy, Megan Waterman und Amber Lynn Costello. Alle waren erwürgt oder erdrosselt worden. Der Ermordung dieser vier Frauen ist Rex Heuermann beschuldigt.

Doch damit nicht genug. Je weiter der Hundeführer und die Polizisten dem Verlauf des Strandes folgen, auf desto mehr sterbliche Überreste stoßen sie.

Im März 2011 werden die Reste von Jessica Taylors Leiche gefunden. Acht Jahre zuvor, im Jahr 2003, waren in Manorville, einer Stadt im Suffolk County, bereits Teile von Taylors Leichnam gefunden worden.

 Im darauffolgenden April 2011 entdeckte die Polizei drei weitere Leichen: ein nicht identifiziertes weibliches Kleinkind, eine nicht identifizierte asiatische Person und Valerie Mack, deren teilweise Überreste – wie die von Jessica Taylor – mehrere Jahre zuvor, im November 2000, in Manorville gefunden worden waren. Im benachbarten Nassau County wurden zwei weitere Leichen gefunden: eine nicht identifizierte Frau, deren teilweise Überreste bereits 1996 auf Fire Island gefunden worden waren, und eine nicht identifizierte Frau mit einer markanten Pfirsichtätowierung, die sich später als Mutter des nicht identifizierten Kleinkindes herausstellte.

Erst 19 Monate nach ihrem Verschwinden, im Dezember 2011, wurden die sterblichen Überreste von Shannan Gilbert, die die Ermittlungen und die grauenvollen Funde in Gang gesetzt hatte,in Oak Beach gefunden. Die Todesursache ist umstritten. Fremdeinwirkung konnte bei der rechtsmedizinischen Untersuchung nicht sicher festgestellt werden. Als offizielle Todesursache wurde Ertrinken vermerkt. Die Angehörigen wollen diesem Ergebnis keinen Glauben schenken, denn Shannan sei auf dem Rücken liegend aufgefunden worden. Wasserleichen würden jedoch in 99% der Fälle in Bauchlage aufgefunden.

In der Folge gerieten mehrere Verdächtige ins Fadenkreuz der Ermittler, unter anderem der verurteilte Mörder John Bittrolff, aber auch der Arzt Peter Hackett, der durch bizarres Verhalten Argwohn auf sich zog. Schließlich wurde sogar der Polizeichef von Suffolk County als Täter verdächtigt, weil er auf unerklärliche Weise die Ermittlungen zu behindern schien. Er wurde wegen Körperverletzung an einem Festgenommen aus dem Polizeidienst entlassen.

Bis jetzt ist noch nicht ganz klar, wie die Polizei letztlich Rex Heuermann auf die Spur gekommen ist. In der Pressekonferenz wurde mitgeteilt, dass an einem der Jutesäcke, in denen die Leichen eingewickelt worden waren, ein Haar des Tatverdächtigen gefunden wurde. Die aus dem Haar extrahierte DNA wurde dann mit genetischem Spurenmaterial von einen Pizzakarton und Resten einer Pizza abgeglichen, die Heuermann zu Mittagspause in Manhattan gegessen hatte, und eine Übereinstimmung festgestellt. Wie man jedoch die Verbindung zu dem Verdächtigen hergestellt hat, die den DNA-Abgleich ermöglich hat, wurde von der Polizei nicht preisgegeben. Nicht unwahrscheinlich ist, dass die Polizei wie in anderen spektakulären Fallaufklärungen in der jüngeren Vergangenheit auf genealogische Datenbanken zurückgegriffen hat, die wegen des in den USA gängigen Hobbys der Ahnenforschung weitverbreitet sind. Dies werden die weiteren Enthüllungen in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.

Update 4. August 2023: Im Zuge der Ermittlungen konnte nun die bisher unbekannte Frauenleiche mit der Bezeichnung „Jane Doe No. 7“ identifiziert werden. Es handelt sich um Karen Vergata, die im Februar 1996 verschwand. Zwei Monate später, im April 1996, fand man ihre abgetrennte Beine im Gebiet von Fire Island. Ihr Schädel wurde 2011 im Rahmen der Suche nach Shannan Gilbert im Bereich von Tobay Beach nahe Gilgo Beach gefunden. Die Identifikation konnte durch einen Abgleich mit genealogischen Datenbanken erfolgen.

Update 24.04.2025: Amerikanische Medien melden, dass nun auch die unbekannte Tote, eine Afroamerikanerin, die aufgrund eines Tattoos „Peaches“ genannt wurde, sowie ihr ebenfalls ermordetes Baby identifiziert werden konnten. Es handelt sich um die US-Army Veteranin Tanya Denise Jackson und ihre Tochter Tatiana Marie Dykes.

Update Dezember 2025: im Fall der als „Peaches“ bezeichneten Toten, die als Tanya Jackson identifiziert wurde, gab es in Florida eine Festnahme. Festgenommen wurde der 66-jährige Andrew Dykes, bei dem auch die Vaterschaft zu dem getöteten Kind „Baby Doe“ a.k.a. Tatianna Dykes nachgewiesen werden konnte. Somit ist der noch immer in Untersuchungshaft sitzende Rex Heuermann wahrscheinlich nicht für die diese beiden Morde verantwortlich.

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Am Rand der Städte verschwinden

Entre les docks et les grues, au bord de l’eau

la cathédrale rêve de partir comme les bateaux :

dans le port il y des zèbres, des bananes, du caoutchouc et du café

l’Afrique entière est rangée au fond des entrepôts

Marseille, mélange de mer et de ville

réalité crue

rues soûles

danse mécanique des têtes urbaines

et puis les tables tranquilles, les silences frais

les ombres sans nombre et les odeurs rares

les regards exotiques

Marseille

Non pas l’orient mais ville où tous les orients se rêvent

Tant de vent !

Comme si l’invisible sans cesse chavirait

Marseille ville-navire

ville assouvie de mer

où dans chaque rue, dans chaque arbre, dans chaque fenêtre

est inscrite la mer

comme en un corps la trace du plaisir

où pour toujours

le soleil a raison

Marseille

c’est ici que commence l’ailleurs

H.-Frédéric Blanc

Eine selbstgestellte Aufgabe hat mich die vergangenen Jahre beschäftigt und war vor allem ein Vorwand, immer wieder nach Marseille zurückzukehren. Wäre ich objektophil oder besser urbanophil, dann wäre Marseille mein größter Crush.

Marseille, die Wilde. Marseille, die Sonnendurchflutete, vom Mistral Windgepeitschte. Stolz und kühn, mit dem selbstsicheren dunklen Blick und der schwarzen Mähne der Mädchen des Südens. Melange aller Gegenden des Mittelmeers von Marokko über Griechenland bis zur Levante.

Es ist jedenfalls ein gutes Gefühl, Aufgaben, an denen man lange und beharrlich gearbeitet hat, zu einem Ende zu bringen: vor kurzem habe ich den Wanderweg GR 2013 bei Marseille beendet.

Der Wanderweg wurde von Wanderern und Künstlern unter Initiative des Philosophen und Verlegers Baptiste Lanaspèze konzipiert und im Jahr 2013, als Marseille amtierende Kulturhauptstadt Europas war, freigegeben.

Wikipedia dazu:

„In Form einer liegenden 8 verläuft der GR 2013 vom TGV-Bahnhof Aix  in der Peripherie der Hafenmetropole Marseille. Im Westen umrundet er das Binnenmeer Étang de Berre, im Osten das Massif de l‘Étoile und Garlaban. Die von seinem Initiator als Metropolenwanderweg bezeichnete Route führt durch Städte und ihre Randgebiete. Der GR 2013 durchkreuzt Kommunen, Einkaufszentren, Industriegebiete, römische Kastelle, Eisenbahnstrecken, Felder, Autobahnen, Wohnsiedlungen, Industriebrachen, aber auch Natura 2000-Gebiete und zwei Gebirgsketten.

Die Bezeichnung „Metropolenwanderweg“ (frz.: sentier métropolitain) wurde durch den Erfinder des GR 2013 Baptiste Lanaspèze geprägt. Ein solcher Weg führt durch die Stadt, Vorstädte und ihre Peripherien. Die Festlegung des Weges soll der Bevölkerung ermöglichen, alle Teile der Stadt – inklusive der sonst gemiedenen Randgebiete – zu Fuß zu erwandern. Ziel eines Metropolenwanderweges ist es, den Stadtraum anders zu erfahren, Beziehungen zwischen Orten herzustellen, von denen man dachte, sie seien weit voneinander entfernt und die Bereiche Ökologie und Stadtplanung, zeitgenössische Kunst und Literatur, Tourismus, öffentlicher Nahverkehr, Kommunalpolitik und Biodiversität miteinander zu verknüpfen.“

Und genau das war es, was mich damals an dem Weg gereizt hat, als ich zum ersten Mal in der französischen Meeresendung „Thalassa“ von ihm hörte.

Auch wenn ich Einzelgänger bin und immer eingenbrötlerischer werde, brauche ich ein Minimum an Zivilisation in der Nähe. Ich glaube, ich Kind der Stadt, würde in der totalen Wildnis dekompensieren.

Seit 2016 bin ich fast jedes Jahr ein längeres oder kürzeres Teilstück der 365 km langen Strecke gelaufen. Zu unterschiedlichen Jahreszeiten in unterschiedlichen Konstellationen: mit einem guten Freund, mit dem die Freundschaft leider in die Brüche gegangen ist, allein, mit der ganzen Familie, mit meinen Töchtern, nur mit meiner älteren Tochter, mit guten Schuhen, mit schlechten Schuhen, in der Hitze des Spätsommers, im Frühling, im kühlen Spätherbst (bedroht durch die Kugeln der psychopathischen Jäger), nach einem schweren Streit mit meiner Frau, mit schwerem Rucksack, mit leichtem Rucksack, fit oder verletzt (Achillessehne, Kapselriss am Knie). Wandern geht immer.

Geschlafen habe ich an den Orten, die gerade verfügbar waren: in Hostels, auf Campingplätzen, in Schutzhütten, im Wald, im Park unter einem Baum.

Mir gefällt es, durch die Landschaft zu streifen, mit den seltenen Menschen, die einem außerhalb der Städte begegnen einen Gruß zu wechseln, mit dem Obsthändler oder dem Espressoverkäufer zu schnacken, wissend, dass ich sie wahrscheinlich nie mehr wieder sehen werde.

An verlassenen Höfen oder Gebäuden im Wald innezuhalten, mir die Gespenster der Menschen vorzustellen, die früher hier gewohnt hatten.

Ich folge den gelb-roten Markierungen, die auf Bäumen, Felsen oder schiefen uralten Betonblöcken aufgepinselt sind.

Ich atme den fruchtigen Duft der Pinien und der Kräuter des Südens ein.

Der Weg bleibt immer am Rand der beiden Pole Marseille im Süden und Aix-en-Provence im Norden, durchquert kleine Städte und Dörfer.

Er bedient alle Gefühlsregungen, die in mir sind: Einsamkeit – Geselligkeit, Stadt – Land, Sesshaftigkeit – Fernweh, Meer- Gebirge.

Marseille und das Département Bouches du Rhône waren noch bis Mitte der 1980er Jahre ein Industriezentrum, und zwar nicht nur der Hafen, sondern vor allem ein wichtiger Standort von Raffinerien und für Bergbau.

Bauxit wird wegen seiner Umweltbelastung nicht mehr abgebaut, aber in Gardanne steht noch das Alumin-Werk, dessen Staub die Fassaden der Häuser rot färbt.

All dies ist größtenteils vorbei, man sieht die Relikte des Industriezeitalters, die Industrieruinen, die wie Dinosauriergerippe in der Landschaft stehen.

Mitten im Wald, in der Nähe von Aix-en-Provence, steht der Zola-Staudamm. Er wurde von François Zolla, dem Vater des späteren berühmten Schriftstellers Émile Zola (nach der Franzisierung nur noch mit einem „l“) entworfen, dem Schöpfer sozialkritischer Werke wie der Roman „Germinal“, in dem er die menschenunwürdigen Ausbeutungszustände im Kohlebecken Nordfrankreichs anprangert. Später war Zola einer der wenigen, die für den zu Unrecht des Hochverrats angeklagten jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus Partei ergriffen.

Sein Vater konnte den Staudamm nicht vollenden, da er vorher von einer Lungenentzündung, die er sich auf der Baustelle zugezogen hatte, hinweggerafft wurde.

Um den Bahnhof Aix-TGV haben sich zahlreiche ungeheure Z-Wort-Lager mit aufgetürmten Müll und ihrem sauren Geruch breitgemacht.

Die savannenartige Hochebene bei Vitrolles ist interessant. Der Stadt merkt man allerdings die kurze Periode an, in der das Rathaus vom Front National geführt wurde, auch wenn die Stadt nun schon seit geraumer Zeit in sozialistischer Hand ist

Die Blicke der Einwohner sind abweisend. Ein Mann mit Rucksack, der durch die abendlichen Straßen spaziert, wird nicht gern gesehen. Macht nichts.

Der provenzalische Waldboden ist jedenfalls gastfreundlich.

Und dann natürlich Marseille, die Wilde. Ganz anders als der Rest der Küste, das abstoßend prollige Monaco oder das nach Botox und Silikonimplantaten stinkende Nizza.

Es kann meine romantische Einbildung sein, aber ich finde man merkt der Stadt den griechischen Ursprung an. Relikte der Vielgötterei in der Mentalität, die Lebensfreude und Wildheit, Roheit, Direktheit hervorbringen.

Marseille ist die älteste Stadt Frankreichs. Vor fast 3000 Jahren von Griechen aus dem heute in der Türkei gelegenen Phokäa gegründet, daher auch der französische Beiname „Cité Phocéenne“.

Die Place de Lenche am Rande des Panier (von Jean-Claude Izzo in seinen Krimis stimmungsvoll beschrieben) hat noch die rechteckige Form der antiken Agora, wo die Griechen ihrer Sitte gemäß die Angelegenheiten der Polis zu besprechen und verhandeln pflegten.

Ich mag das Schmutzige, das Rauhe, das Dreckige – das Menschliche.

Der Geruch der Abgase, die grellen, billigen Neonlichter in den Cafés und Wohnungen, die Graffitis, die ausgebrannte Autowracks, die benutzten Kondome auf den Wegen.

Eine Stadt, in der Drogen gehandelt und schon Kinder im Kugelhagel der Kalaschnikows sterben, wenn die Dealer ihre Rechnungen begleichen. Zum Zeitpunkt des Artikels im April 2023 sind bereits seit Anfang des Jahres 16 Personen erschossen worden.

Der Wanderweg führt an einer dieser gefährlichen Betonsiedlungen vorbei, der Cité La Bricarde. Man steht erst auf einer Anhöhe, wo schon ein Späher in einem Liegestuhl fläzt und den Fremden fragt, was er hier will. Nach dem Blick auf die Landkarte in meiner Hand, zieht er sich wieder in den Schatten der Pinien zurück. Kein Bulle, er ist beruhigt.

Unterhalb der Anhöhe liegen ausgebrannte Autowracks, die vermutlich nach einem Bruch abgefackelt und den Abhang heruntergekippt wurden.

An den Wänden der Cité sind die Preise für die Drogen in einer ungelenken Mischung aus Slang, Verlan und rechtschreibschwachem Französisch an die Wände gesprüht: „Beuh“, „Super moula“, „Cok“, „Peufra“.

Scharfe Augen erblicken sofort den Wanderer, der mit Rucksack den parallel verlaufenden Wanderweg herabkommt. Die kleinen Späher, halbwüchsige Jungen im Alter von ca. 12 bis 17 Jahren, im Drogenhändlerjargon „choufs“ genannt, stoßen sofort ihren Alarmruf aus, der sich wie „ara-ara“ anhört, sobald sie meiner ansichtig werden. Man sieht etwas ältere Gestalten, sich in den Schatten oder Hauseingänge zurückziehen.

Siehe hierzu:

Hier war mir etwas mulmig. Das Einzige, was mir als Verteidigungswaffe dienen konnte, war ein kleines Messer, mit dem ich Brot oder Salami schneide. Doch natürlich passierte nichts. Die Drogenhändler wollen nicht in ihren Geschäften gestört werden, alles, was die Polizei anzieht, ist schlecht. Es wird nicht gekämpft oder geraubt, solange es nicht unbedingt notwendig ist.

Marseille ist wie alle armen Gegenden religiös. Katholizismus und Islam dominieren.

Alle Religionen sind scheiße und der Islam noch mehr als alle anderen Religionen aber die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen sind gleichzeitig unleugbar. Und das ist schön.

Die Stadt ändert sich schnell. Im Verlauf der Wanderung musste ich feststellen, dass manche Wege oder Brücken gesperrt sind oder abgerissen wurden, so dass man Umwege laufen muss. Das ist die Dynamik der Stadt.

Am besten gefällt mir, dass der Weg die Form einer liegenden Acht hat, das Unendlichkeitszeichen. Wenn man die Strecke beendet hat, kann man wieder von vorn beginnen.

Und bald werde ich wieder hier sein.

Wenn ich die weißen, scharfkantigen Steine oder den typischen grobkörnigen französischen Asphalt unter meinen Füßen spüre, fühle ich mich lebendig.

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Die dunkle Seite von ’68

Einige meiner besten Leseempfehlungen – unter anderem „Oro“ von Cizia Zykë – habe ich aus dem Feed eines jungen französischen Schriftstellers, der anonym unter dem Pseudonym „Hazukashi“ auf Medium schreibt. Wer gut Französisch spricht, dem lege ich seine wirklich interessanten und gut geschriebenen Essays ans Herz.

Das Buch, um das es heute gehen soll, ist von Simon Liberati und trägt den Titel „Anthologie des apparitions“.

Die Handlung ist im Jahr 2000 angelegt. Claude ist ein heruntergekommener Clochard, der vor dem Sozialamt sitzt und darauf wartet, dass seine Nummer aufgerufen wird und er seine Unterlagen abgeben kann, damit er Sozialhilfe bekommt.

In der Wartezeit zieht er eine Lebensbilanz. Er ist um die 40 Jahre alt, hat keine Arbeit, keine Ausbildung, keine Wohnung, kein Geld. Er lebt bei wechselnden Frauen, die er verachtet. Ab und zu lutscht er alten Bastarden den Schwanz, um ein paar Francs für ein Päckchen Kippen zu haben.

Sein engster Freund Ali ist ein schwuler, misogyner, antisemitischer Araber, mit dem er abends in Absturzkneipen verschwindet, bevor seine jeweilige Hauswirtin von der Arbeit kommt, weil ihm das banale Gerede, wie es ein einer abgeschmackten Beziehung stattzufinden pflegt, unerträglich ist oder – Gott bewahre! – sexuelle Annäherung.

Früher, in den 1970er Jahren, da war er ein begehrter Schönling, der im Pariser Nachtleben lustwandelte, von Vernissage zu Modedéfilé zu mondänen Abendessen.

Claudes Schwester Marina ist verschwunden, schon seit einigen Jahren.

Aber Claude scheint das nicht mehr zu beunruhigen, als die Frage, ob seine Unterlagen für den Sozialhilfeantrag vollständig sind. Er war ein kleiner hedonistischer Opportunist, der selbst nahestehende Personen für kleine Gefälligkeiten verraten hat und ist nun ganz am Boden der Talsohle angekommen.

Nach und nach wird klar, dass Claude mit seiner Schwester in ihrer frühesten Jugend mit Heroin in Berührung kamen. Ihre Eltern nahmen eine Wesensveränderung wahr. In  dem Glauben, ihren Kindern etwas Gutes zu tun schickten die Eltern das Geschwisterpaar  in die Praxis des berühmten Docteur Ben Chemoul, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Kinderpsychologie. in der Avenue Georges-Mandel im feinen 16. Arrondissement.

Die Therapie sah so aus, dass stets ein gutes Dutzend verstörter Kinder sich darum balgte, im Roll Royce des guten Dr. Ben Chemoul fahren zu dürfen, der stets in Unterhose in seiner Praxis umherzulaufen pflegte.

Die Fahrt im Rolls Royce war eine Belohnung. Nur derjenige, der sich den zahlreichen dekadenten Freunden des Doktors für eine Nacht oder auch länger hingab, durfte mitfahren.

Die Devise des guten Doktors war nämlich die, dass die Familie die Keimzelle des Faschismus und der Unterdrückung sei.

Sein Behandlungskonzept erklärte er den Kindern folgendermaßen: „Ihr seid krank. Eure Eltern erziehen euch zum Gehorsam, damit ihr in der Schule und später in den Büros und in den Fabriken schuftet. Wir sprengen die Familie, um euch die Freiheit zu geben, die sexuelle Freiheit führt zur persönlichen und spirituellen Befreiung des Individuums, und je früher man damit anfängt, in der Kindheit, desto besser ist das. Und die Prostitution ist die oberste Stufe der freien Sexualität.“

So kam es, dass der Doktor halbwüchsige Jungen und Mädchen der Prostitution zuführte und Claude der Zuhälter seiner eigenen Schwester wurde.

Es ist ein Refrain, den man in dieser oder anderer Form immer wieder, auch in Deutschland, gehört hat. Leute wie Daniel Cohn-Bendit haben in der ihnen eigenen pseudo-ironischen Weise die perverse Theoretisierung für das Unwesen geliefert, das die bei den Grünen der Anfangszeit zahlreich vorhandenen Päderasten treiben durften.

Als Simon Liberati das Buch geschrieben hat, konnte er noch gar nicht die Skandale erahnen, die das französische linke Establishment erschüttern sollten.

Erst der Skandal um den lange vom Kulturestablishment protegierten pädophilen Autor Gabriel Matzneff und dann vorletztes Jahr der Rückzug des langjährigen Vorsitzenden des Verwaltungsrats der Eliteuniversität SciencesPo, Olivier Duhamel, nachdem seine Stieftochter in einem Enthüllungsbuch seine inzestuösen Übergriffe auf ihren Bruder entlarvte.

Es ist ein gut geschriebenes Buch, das heißt in einem schönen Französisch, trotz des brutalen Themas teilweise mit lustigen Beschreibungen und Formulierungen.

Die titelgebenden Erscheinungen scheinen mir die Geister aus seiner Vergangenheit zu sein: Bekannte, Freunde, Therapieopfer, die an einer Überdosis draufgegangen, vom Dach gesprungen oder – wie seine Schwester – einfach verschwunden sind.

Ich stelle es mir so vor wie in dem Lied „Walk on the Wild Side“ von Lou Reed.

Oder wie in dem Lied „People Who Died“ von Jim Carroll, dem Schriftsteller und kurzzeitigen Punkikone, dem Leonardo DiCaprio in einer Zeit vor dem Ruhm und den Blockbustern in einer obskuren Verfilmung seiner Autobiographie „The Basketball Diaries“ ein filmisches Denkmal gesetzt hat.

Es ist ein krasses Buch über eine Epoche, die zugleich unglaublich frei und heruntergekommen war und mir so vorkommt als hätte sie sich vor hundert Jahren abgespielt. Düster, beklemmend und dreckig wie eine Linie schlechtes Koks.

Der Autor lebte übrigens lange Zeit mit der Schauspielerin Eva Ionesco zusammen, die in ihrer frühen Kindheit von ihrer eigenen Mutter an Fotografen vermietet wurde, die von ihr Softpornobilder und Aktfotos schossen, die man heute ohne zu polemisieren als ästhetisierende Kinderpornographie bezeichnen kann.

Zum Abschluss dieser drollige Ausschnitt aus der Show mit Thierry Ardisson, in der Simon Liberati auftritt, um sein Buch vorzustellen. Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass Thierry Ardisson bescheuert ist, aber es stimmt nicht. Ich muss meine Meinung revidieren. Er hat in seiner Show die unterschiedlichsten Menschen mit verschiedensten Biographien eingeladen und ihnen mit Neugier und Freundlichkeit zugehört, ohne über sie zu urteilen. Es ist natürlich auch eine Unterhaltungssendung, in der Schauspieler und Schriftsteller ihre neuesten Werke promoten dürfen und Stars und Sternchen aus dem Showbiz in ausgelassener Diskussion ihren Senf dazugeben.

Hier sieht man Simon Liberati, der sich vor lauter Nervosität vorher einen angesoffen hat oder noch ganz andere psychotrope Substanzen zu sich genommen hat und die Treppe in das gleißende Studio herunterwankt, so dass man an Thierry Ardissons leicht besorgten Gesichtsausdruck die Frage ablesen kann, ob die Sache wohl gut über die Bühne gehen wird.

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Serienkritik: „Dahmer“

Normalerweise misstraue ich Hypes instinktiv. So auch der überall angepriesenen Netflix-Miniserie „Dahmer“, die von dem schwulen Serienkiller und Kannibalen von Milwaukee handelt, der 1991 gefasst und wenig später im Knast von einem Mithäftling totgeprügelt wurde.

Im Gegensatz zu früher sehe ich praktisch keine Serien mehr, weil mir die Konstanz und die Konzentration fehlt, um einer Handlung über mehrere Teile oder gar Staffeln zu folgen.

Anderseits erinnerte ich mich noch ziemlich gut an den Artikel im Spiegel kurz nach seiner Verhaftung mit all seinen morbiden Details, den ich mir damals in den Sommerferien bei meinem französischen Familienzweig im Ferienhaus im Nizzaer Hinterland zu Gemüte führte.

Ich gab der Serie also eine Chance, und nun ja, sie ist ziemlich okay.

Positiv herauszustellen ist, dass sie unwoke ist, was bei Netflixserien fast schon eine Ausnahme darstellt.

Die Produzenten und Regisseure (wie heutzutage üblich, werden einzelne Folgen einer Serie von unterschiedlichen Regisseuren gedreht, unter anderem, wie ich feststellen musste sogar von Jennifer Lynch, der Tochter des Priesters des Bizarren David Lynch, Schöpfer von „Eraserhead“, „Der Elefantenmensch“, „Dune“, „Wild at Heart“, „Lost Highway“ und anderen Klassikern) haben sich bei der Konzeption für die historische Treue entschlossen, was bedeutet, dass sich die Handlung größtmöglich an den tatsächlichen Ereignissen orientiert. Das geht bis hin zu den akribisch nachgebildeten Ziffern an der Zimmertür des berüchtigten Apartments 213, in dem Dahmer zum Schluss mit den Köpfen seiner Opfer im Kühlschrank und einem Torso in einer Plastiktonne lebte.

Oder auch bei der Szene der Gerichtsverhandlung, bei der die Schwester eines Opfers Dahmer konfrontiert.

Der Darsteller, der Christopher Scarver spielt, den Häftling, der Dahmer im Gefängnis tötet, könnte sein Zwillingsbruder sein.

Unweigerlich führt das allerdings dazu, dass dramaturgisch nur sehr wenig Spielraum bleibt.

Allerdings werden auch nicht alle Morde gezeigt und vor allem nicht Dahmers liebste und Mordmethode, die er über die Jahre immer weiter ausfeilte, nämlich seinen betäubten Opfern mit einem Akkuschrauber ein Loch in den Kopf zu bohren und mit einer Pipette Salzsäure hineinzuträufeln, um sie seiner Phantasie gemäß in willenlose Sexzombies zu verwandeln.

Was sich schon beim Lesen grauenerregend anhört, wird noch dadurch übertroffen, dass in der Realität eins seiner Opfer, der laotische Junge Konerak Sinthasomphone nach einer solchen Behandlung wieder zu sich gekommen war, während Dahmer Biernachschub war.

Bei Dahmers Rückkehr saß das Opfer vor der Eingangstür und unterhielt sich benommen mit Hausbewohnern und Nachbarn. Doch Dahmer nahm ihn wieder in seine Wohnung mit, und behauptete, er habe sich nur mit seinem Freund gestritten und kläre das jetzt.

Sehr gelobt wurde die Darstellung des Hauptdarstellers Evan Peters.

Dieser ist zweifellos ein sehr guter und talentierter Schauspieler, bekannt wurde er hauptsächlich durch seine Teilnahme an fast allen Staffeln von „American Horror Story“.  

Dennoch finde ich ihn fehlbesetzt, weil er mit seinem ruhigen, freundlichen Gesicht überhaupt nicht dem Bild entspricht, das man sich von Dahmer und seinem leeren, stumpfen Gesichtsausdruck, wie man es von seinen Polizeifotos kennt, gemacht hat.

Was den Zuschauer zu der Frage führt, wie Dahmer, der nicht als Serienkiller auf die Welt gekommen ist, sich zu der Person entwickeln, als die er traurige Berühmtheit erlangt hat.

Hatte Dahmer ein verborgenes Seelenleben?  Oder war er vielleicht einfach nur eine vollständig leere Persönlichkeit. Ein Produkt der entfremdenden amerikanischen Gesellschaft,  das ab und an seinen mörderischen Trieben nachgab.

In Ansätzen versucht die Serie Dahmers Persönlichkeit zu erklären und gibt dabei den Eltern eine nicht unerhebliche Verantwortung für sein psychopathisches Verhalten.

Dahmer kam nicht aus einer verwahrlosten, mittellosen Familie. Sein Vater war ein Chemiker und Wissenschaftler an der Universität, seine Mutter war Hausfrau.

Und doch lebte er in einer dysfunktionalen Familie, in der er zumindest emotional missbraucht wurde. Die Mutter nahm schon während der Schwangerschaft in rauhen Mengen Schlafmittel und Tranquilizer. Seine Eltern wären sich am besten niemals begegnet. Schon als kleines Kind wurde er Zeuge ihrer heftigen Ehestreitigkeiten.

Sein Vater ist eine ambivalente Persönlichkeit. Er war zwar abwesend, aber er war auch derjenige, der immer zu ihm gehalten hat und immer wieder versucht hat, ihm wieder auf den geraden Weg zu helfen, als er von der Universität flog oder wegen seines Alkoholkonsums unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde.

Andererseits hat er ihm auch das Präparieren von überfahrenen Tieren beigebracht und damit einen mächtigen Trigger in Gang gesetzt.

Sehr krass ist auch die tatsächliche Begebenheit, dass seine Eltern, die sich nicht mehr ausstehen konnten, ihn kurz vor seinem Schulabschluss einfach ganz allein gelassen haben.

Sein Vater war mit seiner neuen Lebensgefährtin in ein Hotel gezogen und ließ ihn bei der Mutter. Die hat jedoch einfach ihre Sachen gepackt und war mit seinem jüngeren Bruder verschwunden. In der wichtigen Phase des Schulabschlusses war Jeffrey Daher mehrere Monate völlig allein im elterlichen Haus.

In dieser Lebensphase, mit achtzehn Jahren, verübte er seinen ersten Mordversuch an einem Jogger und tötete kurz darauf einen Anhalter.

Die Serie geht seine Persönlichkeit aus dem Winkel an, dass Dahmer ein unvorstellbar einsamer seltsamer Junge war, der einen Freund suchte, und die Menschen tötete, die ihn verlassen wollten. Um zu verhindern, wieder allein gelassen zu werden, wie er es von seinen Eltern wurde. Als Stilmittel wir bis zum Überdruss der schnulzige Song „Please Don’t Go“ von KC & The Sunshine Band gespielt.

Jedenfalls hat die Serie mein Interesse an weiterer Recherche geweckt. Man findet zum Beispiel ein ziemlich interessantes Interview von CNN. Die 80er und die 90er Jahre war die Epoche der noch relativ neuen Nachrichtensender, die Voyeurismus unter dem Vorwand der Information betrieben.

Es ist natürlich schon morbide, aber dennoch ist aus meiner Sicht das Interview ein höchst interessantes kriminologisches und historisches Zeitdokument.

Es ist interessant zu hören, wie seine Stimme klingt und ihm bei seinen Argumenten zu folgen. Eine weitere Überraschung ist, dass Dahmer ziemlich redegewandt und in der Lage ist, sein eigenes Verhalten zu reflektieren.

Mit ein paar Kilos mehr, hat er auch gar nicht mehr diese Verbrechervisage wie von seinen „mug shots“ bei der Polizei.

Wer war Dahmer wirklich? Wahrscheinlich werden wir es niemals herausfinden.

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