Prozess ohne den Hauptangeklagten

Merah.

Nur wenige andere Namen assoziiert man in Frankreich stärker mit dem absolut Bösen als Merah. In dieser Liga werden allenfalls noch Klaus Barbie oder der unselige Dr. Petiot genannt. Selbst Mesrine, der Staatsfeind Nummer 1, hat verglichen mit Merah den Nimbus eines Volkshelden.

Im März 2012 begab sich ein 23-jähriger Franzose auf einen mehrtägigen Terrortrip, auf dem er 7 Personen tötete, bevor er von der Polizei erschossen wurde.

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Im Gespräch mit einem Verhandlungsbeamten erklärte er, er wolle „Frankreich in die Knie zwingen“. Er wollte Soldaten töten, die seine „Brüder in Afghanisten“ umbrächten. Und er wollte Juden töten.

Fünf Jahre nach den Taten fand nun eine ansatzweise Aufarbeitung der Morde statt. Eine Sonderkammer des Schwurgerichts von Paris saß über den Bruder des Attentäters zu Gericht.

Wenn man schon des Terroristen nicht habhaft werde konnte, war es dann wenigstens möglich, seinen Bruder zu verurteilen? Und wenn ja, wie? War er Mittäter? Gehilfe? Hatte er vielleicht gar nichts mit der Sache zu tun?

Rückblick auf einen außergewöhnlichen Kriminalfall:

  1. März 2012, Toulouse.

Imad Ibn Ziaten ist Fallschirmjäger beim 1. Luftlanderegiment in Francazal. Eine Versetzung nach Paris steht an, und er will zuvor sein Motorrad, eine Suzuki Bandit, verkaufen. Er hat eine Anzeige aufgesetzt und in der Beschreibung noch hinzugefügt: „Ich bin Soldat“. Hiermit wollte er gegenüber einem potentiellen Käufer seine Ordnungsliebe signalisieren und den gepflegten Zustand des Motorrads betonen. Weil er sich oft im Einsatz befand, sei es selten gefahren worden.

In Wirklichkeit ist dieser Hinweis sein Todesurteil. Ibn Ziaten weiß es nur noch nicht.

Mit dem Interessenten hat er sich für 16 Uhr am Rande eines Fußballplatzes in Toulouse verabredet.

Der „Käufer“ ist ein schlanker, drahtig aussehender Mann, der auf einer Yamaha TMAX ankommt, einem PS-starken Roller. Er trägt einen schwarzen Integralhelm, den er nicht abnimmt.

Die folgenden Geschehnisse sind – eine fast einzigartige Seltenheit – vollständig und beweissicher dokumentiert, da der Täter mit einer GoPro-Kamera, die er um seinen Oberkörper geschnallt hatte, alle Angriffe gefilmt hat.

Ibn Ziaten lächelt den vermeintlichen Käufer freundlich an und kommt ihm entgegen.

Dieser ist von seinem Roller abgestiegen und hat eine Pistole, einen Colt 1911, Kaliber .45 ACP, gezogen. Der Käufer spricht Ibn Ziaten an: „Bist du Soldat? Bist du Soldat?“ Seine Stimme ist nur ein tonloses Murmeln unter dem Helm.

Imad Ibn Ziaten lächelt weiter, obwohl er die Waffe gesehen hat. Er blickt dem Täter direkt in die Augen, ohne den Blick zu senken.

Der „Käufer“ hebt die Waffe und drückt ab. Die Kugel trifft Imad Ibn Ziaten ins linke Jochbein direkt unter dem Auge. Er taumelt langsam, kippt nach hinten und bleibt liegen, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Er ist tot. Der Täter schießt noch ein weiteres Mal, doch die Kugel bleibt im Innenfutter des Motorradhelms stecken.

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Dann fährt er wie vom Teufel geritten davon. Auf Videoaufnahmen von Überwachungskameras, sieht man wie er – wie in wilder Freude – beim Fahren den Arm mit der Waffe in die Luft reißt.

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Jemand, der vorhat Soldaten umzubringen, muss ihn Montauban nicht lange suchen. Das Stadtbild wird von den Fallschirmjägern der nahegelegenen Doumerc-Kaserne geprägt.

Und so wird der Täter auch schnell fündig. Vor einem Geldautomat stehen drei Männer in Feldanzügen mit den charakteristischen roten Baretten auf dem Kopf. Sie sind in ihre Tätigkeit vertieft und sehen nicht den schlanken Mann, der hinter ihnen auf einem TMAX-Roller angerauscht kommt. Der Täter steigt ab und eröffnet sofort das Feuer auf sie.

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Mohamed Legouad und Abel Chennouf sind sofort tot. Loïc Liber, ein kräftiger Bursche aus dem Überseedépartement Gouadeloupe, wird in den Hals getroffen. Er überlebt schwer verletzt, bleibt aber vom Hals abwärts gelähmt.

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Nachdem er seine Tat vollbracht hat, brüllt der Täter „Allahu Akbar!“, springt auf seinen Scooter und rast davon.

Hatte die Polizei beim ersten Mord noch vage einen Vergeltungsakt im Drogenmilieu vermutet, geht sie jetzt von Terror aus.

19.03.2012, Toulouse

Die erste Stunde in der jüdischen Schule „Ozar Hatorah“ hat gerade begonnen. Einige Nachzügler sind noch vor dem Schultor, als ein weißlackierter Yamaha TMAX-Roller in der Straße auftaucht. Der Fahrer holt etwas aus dem Gepäckfach unter dem Sitz hervor und bewegt sich auf den Eingang der Schule zu.

Im Näherkommen sehen die Schüler, dass es sich um eine kurze Maschinenpistole, eine Mini-Uzi, handelt. Die Schüler glauben erst an einen Scherz, werden aber eines besseren belehrt, als der Täter auf sie anlegt. Der erste Feuerstoß trifft sie jedoch nicht, der Rückstoß ist so stark und der Täter so überrascht, dass die Salve ins Dach des Gebäudes einschlägt. Danach blockiert die Waffe.

Doch der Täter hat noch eine weitere Waffe bei sich, den bereits bekannten Colt 1911. Er feuert auf eine Gruppe von Schülern und trifft den 15-jährigen Bryan in den Bauch.

Er tötet den Religionslehrer Jonathan Sandler und seinen 5-jährigen Sohn Arieh. Die 7-jährige Myriam Monsonego, Tochter des Direktors, begreift zu spät, dass sie in großer Gefahr schwebt. Sie läuft los und dreht noch einmal um, weil sie ihren bunten Rucksack mitnehmen will, in dem sich besonders wertvolle Gegenstände befinden müssen. Der Täter schießt ihr in den Rücken.

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Tötet Gabriel, den 3-jährigen Sohn von Gabriel Sandler, der noch seinen Schnuller im Mund trägt. Dann kehrt er wieder zu Myriam um und tötet sie mit einem Kopfschuss.

Was war so wichtiges in ihrem Rucksack, dass sie ihn angesichts der großen Gefahr nicht aufgeben wollte? Ein Paar Ballerinas, ein rosa Tutu und ein Tischtennischläger.

Spuren

Die Polizei vermutet jetzt nicht mehr nur Terror, sie hat die absolute Gewissheit, dass ein Terrorist es auf Soldaten und Juden abgesehen hat. Angesichts des Massakers an Kindern muss der Killer schnellstens identifiziert und festgenommen werden.

Die Ermittler teilen sich in Teams auf und verfolgen mehrere Spuren: die Spur des Yamaha-TMAX-Rollers, die Spur des Colt 1911, die Spur zu Rechtsextremisten oder Islamisten, die zu solch einer Tat fähig wären und schließlich die Spur der Motorrad-Anzeige.

Die Ermittlungen zur Pistole laufen schnell ins Leere. Die Waffe ist tausendfach legal und illegal im Land in Umlauf, ist sicherlich im Unterweltmilieu durch unzählige Hände gegangen. Somit ist es unmöglich ihren Ursprung und ihren Besitzer zu identifizieren.

Das Roller-Team hat zunächst auch keinen Erfolg zu vermelden. Alle Käufer von TMAX-Rollern in der fraglichen Farbkombination werden identifiziert und können für die Taten ausgeschlossen werden. Interessant ist, dass ein schwarzer TMAX-Scooter Anfang März in Toulouse gestohlen wurde.

Den Durchbruch bringt die Abfrage der Verbindungsdaten zur Verkaufsannonce. Da die Ermittler davon ausgehen, dass der Täter es speziell auf Soldaten abgesehen hatte, versuchen sie herauszubekommen, welche Personen mit den Suchbegriffen „Motorrad“ und „Soldat““ auf dem Verkaufsportal gesucht haben. Dies schränkt den Kreis der Verdächtigen stark ein. Im Raum Toulouse sind es ganze vier. Mit dieser Suchwortkombination wurde vom Anschluss einer gewissen Zoulikha Aziri die Anzeige aufgerufen. Zwei ihrer Söhne sind in den Polizeidatenbanken gespeichert: Abdelkader und Mohamed Merah.

Der eine findet sich in der Datenbank wegen seines Hangs zu einem aggressiven und als bedrohlich eingeschätzten Salafismus, der andere für kleinere Straftaten.

Die letzte Bestätigung kommt von einem Yamaha-Händler. Er ruft die Polizisten zurück, weil er sich erinnert, dass ein Kunde sich explizit danach erkundigt hatte, wie man das Trackingsystem, mit dem jeder dieser hochpreisigen Roller serienmäßig ausgestattet ist, ausschalten kann.

Die Polizisten legen ihm mehrere Fotos vor. Er erkennt Mohamed Merah.

Jetzt sind die Ermittler sicher, den richtigen Mann zu haben.

Unabhängig davon hatten Agenten des Inlandsgeheimdienstes DCRI (nach einer Umorganisation im Jahr 2015 umbenannt in DGSI) nach dem Betrachten der Bilder der Überwachungskameras an der jüdischen Schule beim Abgleichen mit Verdächtigen aus dem rechtsextremistischen und islamistischen Spektrum den Eindruck, einen alten Bekannten vor sich zu haben: die schmale, hagere Statur, die hektischen, nervösen Bewegungen, alles deutete auf Mohamed Merah, so dass ein Team eine kleine Überwachungskamera vor der Eingangstür seines Hauses positioniert.

Der Zugriff

Mohamed Merah wohnt in der Rue du Sergent-Vigné 17 in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Hochparterre. Die Fensterläden sind durchgehend geschlossen. Die Beamten wissen nicht, ob Merah in der Wohnung ist oder nicht, denn Merah hat die Angewohnheit, ganze Tage hindurch Computer zu spielen und lange zu schlafen.

Am Dienstag, den 20. März 2012 haben sie die Bestätigung, dass er da ist. Die Läden öffnen sich kurz. Merah verhält sich äußerst misstrauisch und konspirativ.

Der Einsatz läuft unter äußerster Dringlichkeit an. Ein neues Attentat muss um jeden Preis verhindert werden. Der Beschluss wird gefasst, Merah nicht beim Verlassen des Hauses festzunehmen, um Unbeteiligte nicht zu gefährden, sondern ihn in der Nacht im Schlaf zu überwältigen. Die Ermittler befürchten außerdem, dass Merah sehr früh aufsteht, um das Morgengebet zu verrichten. Die Staatsanwaltschaft erteilt eine Ausnahmegenehmigung für einen Einsatz in der Nacht, da eine Festnahme innerhalb einer Wohnung normalerweise erst ab 6 Uhr morgens durchgeführt werden darf.

Zwei Ringe werden um den Wohnblock gebildet. Der innere Ring ist mit Beamten des DCRI besetzt, die das Haus unauffällig im Auge behalten sollen, der äußere Ring besteht aus Spezialkräften der Polizei, die auf das Startzeichen warten.

An sich handelt es sich um einen Routineeinsatz: Die Tür aufbrechen, die Wohnung stürmen, die Zielperson im Schlaf überwältigen, fesseln und mitnehmen. Für erfahrene Beamte ein Kinderspiel.

Doch in dieser Nacht läuft nichts so ab wie geplant.

Was die Beamten nämlich nicht wissen ist, dass Mohamed Merah der Aufmerksamkeit der Beamten an diesem Abend zweimal entgangen ist. Obwohl das Haus bereits umstellt war und versteckte Kameras sowohl auf die Vorder- und Rückseite des Hauses gerichtet waren, war es ihm gelungen, das Gebäude mit einem Mietwagen aus der Garage zu verlassen und einen Bekenneranruf beim Nachrichtensender France24 zu machen.

Es ist Merah also nicht nur gelungen, das Haus zu verlassen, sondern auch noch zurückzukommen, ohne dass seine Abwesenheit und seine Rückkehr den Beamten aufgefallen wären. Ein kapitaler Fehler der Agenten der DCRI.

Die Beamten sind an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Denn in dieser Zeit hätte Merah auch weitere Morde begehen können. Erst hinterher, bei der Auswertung seiner GoPro-Kamera stellt sich heraus, dass Merah am Tag des Massakers in der jüdischen Schule noch einen weiteren Soldaten umbringen wollte. Er hatte sich schon in das Wohnhaus begeben und sich selbst im Aufzug beim Durchladen der Waffe gefilmt. Das Glück war auf der Seite des Soldaten, der zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause war. Danach fuhr Merah zur Schule „Ozar Hatorah“.

Die Erklärungen der beteiligten Beamten, dass sie sich zu weit zurückgezogen hätten, um nicht entdeckt zu werden und dass die Aufnahmen der Kameras wegen des Regenwetters nur undeutlich gewesen waren, wirken wie eine schale Ausflucht. Möglicherweise ist hier noch nicht alles ans Licht gekommen.

All das wissen die Beamten also nicht, als sich um kurz vor 2 Uhr 30 am 21.März 2012 die Angriffskolonne aus schwarzgekleideten und schwerbewaffneten Männern lautlos dem Gebäude nähert.

Auch hier wirkt der Einsatz improvisiert, obwohl man zugestehen muss, dass unter äußerstem Zeitdruck gehandelt wurde:  Ein Agent der DCRI hatte eine Magnetkarte für die Eingangstür beschafft, mit der man ins Haus gelangen konnte, aber nicht überprüft, ob sie funktioniert, aus Furcht von dem äußerst misstrauischen Merah bemerkt zu werden.

Die Karte funktioniert, aber der Schließmechanismus ist laut und in dem schlecht isolierten Haus sehr deutlich zu hören. Sicherlich ist das Klacken auch in der Hochparterrewohnung von Merah zu hören. In der Dunkelheit rückt die Angriffskolonne auf den Treppenstufen vor.

Möglicherweise hat Merah das Klicken des Schließmechanismus gehört und sich beim Blick durch den Türspion gewundert, warum das Licht im Treppenhaus nicht angeht. Ein Nachbar hätte die Tür geöffnet und dann Licht im Treppenhaus angemacht, um sich zurechtzufinden.

Vielleicht hat er auch das Geräusch des „Door Raider“ gehört, einer hydraulischen Vorrichtung, um Türen aufzubrechen, das die Polizisten an der Tür angesetzt hatten.

Fakt ist: Merah ist da und er ist wach.

Merah schießt aus zwei Pistolen durch die Tür. Ein Beamter erleidet einen glatten Durchschuss durch den Oberschenkel knapp über dem Knie. Ein anderer wird in den Schulterprotektor getroffen, bleibt aber unverletzt. Die Tür wurde leicht eingedrückt und gibt eine kleine Öffnung genau im Winkel der Treppe frei, aus der Merah auf die Polizisten feuert. Die schießen zurück. In der Wohnung platzt eine Wasserleitung. Wasserfontänen schießen hervor und setzen die Wohnung unter Wasser.

Die Beamten müssen sich eiligst zurückziehen und den Verletzten bergen. Schlimm ist außerdem, dass einer der erfahrensten Beamten des Teams in einer Ecke gegenüber der Treppe blockiert ist, genau im Schusswinkel von Merah. Dieser feuert auf ihn und trifft ihn am Kopf. Die Verschalung des Kevlarhelms platzt ab, doch die Kugel dringt nicht bis zum Kopf durch. Allerdings ist der Beamte benommen. Ein Arzt stellt später ein Hirnhämatom fest.

Die Operation ist ein Fiasko. Statt einer kurz-und-schmerzlos-Aktion müssen sich die Beamten auf eine Belagerung einstellen. Scharfschützen gehen in Stellung. Währenddessen sind die Bewohner des Hauses gezwungen, in ihren Wohnungen zu verharren, und zwar in den Räumen die am weitesten von der Eingangstür entfernt sind. Im Haus wird auf Anweisung der Polizei die Strom-, Gas- und Wasserversorgung abgestellt.

Einen ganzen Tag lang versuchen die psychologisch geschulten Polizeiunterhändler Merah zu beschäftigen und zu ermüden. Er hingegen verspottet sie und brüstet sich mit seinen Taten. Er verlangt einen Beamten der DCRI zu sprechen, mit dem er in der Vergangenheit schon zu tun hatte. In den Prozessakten trägt er das Pseudonym „Karim“. Ihm liefert er ein Geständnis aller Taten ab mit allen Details, die nur er als Täter kennen konnte. Zwischendurch gibt er vor, nachdenken zu müssen. Er zeigt guten Willen und wirft einen Schlüssel aus dem Fenster. Der Schlüssel gehört zu einer Garage, in der die Polizisten die meisten Indizien seiner Taten finden: den Yamaha-TMAX-Roller und den Colt 45. Nach einer Weile wirft er den Schlüssel für den Mietwagen aus dem Fenster. Im Wagen finden Sie die Micro-Uzi, einen Colt Python 357 Magnum und eine Pumpgun.

Die Verhandler versuchen weiter, Merah wach zu halten, um ihn zu ermüden. Es hilft ihnen, dass die Wohnung 10 cm unter Wasser steht. Merah verspricht, sich in der Nacht zu ergeben. Doch am Abend ändert er seine Meinung. Er hat die zahlreichen Pausen zum Ausruhen genutzt. Er ist frisch und wach. Er teilt mit, dass er lieber sterben wolle, als sich zu ergeben. „Ich bin ein Mudschahid!“, ruft er den Beamten zu, „Kommt und holt mich. Ich werde euch zu empfangen wissen. Ich habe keine Angst. Ihr habt einen Mann vor euch, der den Tod so liebt wie ihr das Leben!“

Die Beamten können fürs erste nichts tun. Die Scharfschützen haben keine Sicht auf ihr Zielobjekt. Alles, was sie tun können ist in unregelmäßigen Abständen Blend- und Schockgranaten, sogenannten „Flashbangs“, in die Wohnung zu schießen, um Merah die Möglichkeit des Schlafs zu nehmen, doch in der Wohnung rührt sich nichts mehr.

Das Ende

Donnerstag, 22. März 2012. Seit der Nacht hat es in der Wohnung keine Bewegung mehr gegeben. Die Beamten versuchen mittels einer Wärmekamera herauszufinden, wo sich Merah in der Wohnung befindet. Sie wissen nicht, ob er schläft oder vielleicht auch tot ist. Doch die Kamera kann eine Wärmequelle entdecken. Mohamed Merah hat sich im winzigen Badezimmer der Wohnung verschanzt.

Ein erneuter Zugriff wird vorbereitet. Der Plan ist einfach: die Tür eindrücken, hinter dem Schutz eines kugelsicheren Schildes vorrücken, Tränengas ins Badezimmer leiten, Merah mit einem Elektroschock aus einer Taser-Pistole kampfunfähig schießen, ihn danach festnehmen.

Der erste Teil des Plans gelingt. Die bereits lädierte Tür leistet keinen Widerstand. Sehr langsam rückt die Kolonne aus zwölf Männern in der überschwemmten Wohnung vor, in der Merah Regale und andere Gegenstände umgeworfen hat, um sich zu verbarrikadieren. Sie vergewissern sich, dass keine Sprengfallen vorhanden sind. Es dauert eine Stunde, bis sie beim Badezimmer ankommen. Gerade wollen sie eine Bohrmaschine ansetzen, um das Tränengas in das Badezimmer leiten zu können, als Merah herausstürzt und auf die Polizisten feuert.

Eine heftige Schießerei beginnt. Von außen schießen Spezialkräfte, die auf Leitern stehen, vom Balkon in die Wohnung. Merah schießt aufs Geratewohl nach außen und trifft einen Beamten in die Schußweste. Etwa fünfzig Meter weiter, wo der Innenminister den Einsatz beobachtet, wird ein weiterer Polizist von einer Kugel in den Fuß getroffen.

Um 11 Uhr 32 erscheint Merahs nervöse Silhouette auf dem Balkon. Zwei Scharfschützen drücken ab. Eine Kugel trifft ihn in den Kopf, die andere ins Rückenmark. Er kippt nach vorne über die Balkonbrüstung. Mohamed Merah ist tot, bevor er auf dem Boden aufschlägt.

Familienbande

Mohamed Merah ist 1988 als jüngstes Kind in eine dysfunktionale Familie geboren worden.

Sein Vater, ein Arbeitsmigrant, hatte bereits in Algerien eine Frau und mehrere Kinder, als er in einer arrangierten Ehe Mohameds 18-jährige Mutter heiratet. Die Ehe ist von Gewalt überschattet. Mohameds Mutter Zoulikha Aziri lässt sich von ihrem Mann scheiden, der nach einem Gefängnisaufenthalts wegen Cannabisschmuggels nach Algerien zu seiner ersten Familie zurückkehrt. Die Mutter ist mit der alleinigen Erziehung ihrer fünf Kinder heillos überfordert.

Sobald er die Fähigkeiten hierzu hat, führt ihr mittlerer Sohn Abdelkader, der jähzornig und gewalttätig ist, das Regiment im Haus. Alle Söhne geraten mit dem Gesetz in Konflikt. Abdelkader und Mohamed gehen den Weg zu einer rigorosen und reaktionären Form des Islam. Nicht gemeinsam, sondern jeder auf seinem eigenen Weg. Denn Abdelkader macht in seiner Gewalt auch vor seinem jüngsten Bruder nicht halt.

Seinen älteren Bruder, Abdelghani, verletzt er mit mehreren Messerstichen schwer, als dieser sich mit einer Frau einlässt, deren Großvater jüdisch ist.

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Abdelghani, dem man die Ähnlichkeit mit seinem jüngeren Bruder ansieht, hat mit seiner Familie vollständig gebrochen. Er setzt sich für Toleranz und Friedfertigkeit ein. Auch die jüngere Schwester Aïcha hat mit dem Salafismus nichts zu tun und trägt auch kein Kopftuch.

Mohameds ältere Schwester Souad hat noch vor ihrem Bruder Abdelkader die reaktionärste Form des Salafimus für sich angenommen.

Obwohl sie öffentlich die Anschläge verurteilte, ist sie insgeheim stolz auf die Taten ihres Bruders Mohamed. So sagte sie es wortwörtlich ihrem Bruder Abdelghani, der das Gespräch mit einem verdeckten Mikrofon für eine Reportage aufzeichnete.

(ab Minute 45:00)

Obwohl sie auf einer Überwachungsliste des DCRI  stand, gelang es ihr mit ihren  vier Kindern nach Syrien abzutauchen, wo sie sich mit ihrem Mann dem Islamischen Staat anschlossen. Über ihren Aufenthaltsort ist bis heute nichts bekannt. Quellen zufolge lebt sie heute in Algier, wo sie von den staatlichen Autoritäten zu einem strengsten Redeverbot vergattert wurde.

In dieser zerrissenen und toxischen Familie ist Mohamed Merah herangewachsen. Unlenkbar und schwer erziehbar mit einer chaotischen Schullaufbahn. Einer seiner Ausbilder in einer Karosseriewerkstatt sagte über ihn, er habe goldene Hände für das Handwerk gehabt. Sein schlechter Charakter stand ihm jedoch im Weg. Lange behielt er keinen Ausbildungsplatz und keine Arbeit.

In den Monaten vor den Anschlägen begab sich Mohamed Merah – unbeachtet von den französischen Sicherheits- und Geheimdiensten – auf ausgedehnte Reisen in den Nahen Osten und bis nach Afghanistan. Im Juli 2010 fliegt er von Deutschland aus in die Türkei. Von dort reist er weiter nach Syrien, Jordanien und sogar nach Israel. In Kairo trifft er seinen Bruder Abdelkader, der dort religiöse Studien betreibt.

Im November 2010 fliegt er über Tadschikistan nach Afghanistan, wo er im Dezember auf einer Landstraße bei Kandahar von amerikanischen Soldaten aufgegriffen, verhört und aus dem Land geworfen wird.

Seine letzte Reise führt ihn im August und September 2011, unter dem Vorwand eine Braut zu suchen, nach Pakistan. Sein Ziel sind die Stammesgebiete im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet: die Hochburg der Taliban. Obwohl sie ihn zunächst für einen Spion halten, erhält er dort eine kurze Ausbildung an verschiedenen Waffen. Und er erhält das, wonach er eigentlich gesucht hatte: die Erlaubnis und den Auftrag eines islamischen Gelehrten, Ungläubige zu töten.

Kaum ein halbes Jahr später begeht er die Attentate.

Der Prozess

Im Oktober 2017, fünfeinhalb Jahre nach den Morden, nach Abschluss der langwierigen Ermittlungen und der Terminierung der Hauptverhandlung, kam einer speziellen Kammer für Terrorverfahren, die nicht mit drei Berufsrichtern und sechs Geschworenen, sondern ausschließlich mit fünf Berufsrichtern besetzt ist, die Aufgabe zu, die Umstände der Morde aufzuklären und die Beteiligen zu bestrafen. Schon zu Beginn hatte der Prozess einen Vorgeschmack des Unvollendeten: Der große Abwesende ist Mohamed Merah.

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Auf der Anklagebank, hinter einer Plexiglasscheibe, saß sein Bruder Abdelkader. Angeklagt wegen Mittäterschaft an den Morden. Neben ihm Fettah Malki, dem die Anklage vorwirft, Mohamed Merah eine kugelsichere Weste und die Mini-Uzi beschafft zu haben.

Für die Öffentlichkeit und die Medien ist Abdelkader derjenige, der seinen Bruder Mohamed mit dem Gift des Hasses indoktriniert hat. Der öffentliche Druck, einen Schuldigen für die feigen und abscheulichen Morde zur Rechenschaft zu ziehen ist enorm groß. Für das Gericht besteht die Herausforderung darin, angesichts des enormen Drucks, der Anfechtung zu widerstehen, ihn leichtfertig anstelle seines toten Bruders büßen zu lassen.

Bei Abdelkader ist die Sache ist kompliziert. Er ist ein eingefleischter Salafist, hasst Frankreich und die westliche Demokratie und befürwortet in seinen Reden Anschläge gegen „Ungläubige“, aber er hat in seiner Vergangenheit keine – zumindest nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit – terroristische Gewaltakte geplant oder verübt. Es gilt herauszufinden, ob und wie Abdelkader an den Morden beteiligt war. War er Mittäter oder nur Gehilfe? Oder hatte er möglicherweise überhaupt nichts mit den Taten seines Bruders zu tun?

Die große Frage ist nämlich auch, ob Mohamed Merah tatsächlich der einsame Wolf war, als den er ihn die Polizei darstellte, möglicherweise um eigenes Versagen bei der Überwachung im Vorfeld zu kaschieren, und ob er wirklich keinerlei Unterstützung oder täterschaftliche Mithilfe von anderen erhalten hat.

In den Verhören hatte Abdelkader Merah eingeräumt, seinem Bruder, den er nur sporadisch sah, kurz vor den Taten eine Motorradjacke gekauft zu haben. Auch sei beim Diebstahl des TMAX-Rollers dabeigewesen.

Nach Verlesung der Anklage und der Befragung der Angeklagten zum Tatvorwurf kommen die Opfer und Hinterbliebenen zu Wort.

In Frankreich findet die gerichtliche Zeugenaussage traditionell im Stehen statt. Der Zeuge muss sich in das „prétoire“ begeben, der so kleine und doch so große Raum zwischen Publikum und Richterbank. Dort stellt er sich an die „barre“, in modernen Gerichten ein Sockel, manchmal ein kleines Pult. Im ehrwürdigen, holzgetäfelten Schwurgerichtssaal im Pariser Justizpalast ist es eine von Millionen Händen glattpolierte Messingstange.

Naoufal, der Bruder von Imad Ibn Ziaten, äußert zuerst seinen Schmerz und seine Kränkung darüber, dass man seinem Bruder zuerst eines gescheiterten Drogendeals verdächtigt hatte und erklärt: „Ich habe zwar das Gefühl, auf dieser Erde zu leben, aber dass meine Seele schon im Himmel ist.“

Seine Mutter Latifah Ibn Ziaten, die seit dem Tod ihres Sohnes in Frankreich die Botschaft des Friedens verbreitet, erklärt vor den Richtern: „Er [Abdelkader] sagt, dass er sich für seinen kleinen Bruder schäme. Dass er hoffe, dass er im Paradis ist. Aber wenn man jemanden grundlos tötet, dann kommt man egal in welcher Religion, nicht ins Paradis. Wenn er die Gebote des Islam befolgt hätte, dann hätte er seinen Bruder davor bewahrt. Er hätte unsere Kinder beschützt!

Nicolas Ranson berichtet davon, wie er versucht hat, die kleine Myriam Monsonego zu reanimieren: „Ich hatte den Geschmack von Blut und Erbrochenem im Mund. Und ich schmecke ihn heute immer noch.“

Erstaunlich sind die Botschaften, die an Liebe und Versöhnung appellieren.

Albert Chennouf zieht ein Bild seines Enkels hervor, der nach dem Tod seines Vaters Abel Chennouf zur Welt gekommen ist: „Die Merahs haben meinen Sohn getötet, aber sie werden die Liebe nicht töten. Die Liebe ist stärker als der Tod.“

Die Schwester von Eva Sandler, der „Ehemann und zwei Söhne innerhalb von 40 Sekunden entrissen“ wurden, erklärt: „Ich höre hier über Antisemitismus sprechen, über Hass und Gewalt. Ich bin gekommen, um über das Leben zu sprechen, über Liebe und Zärtlichkeit.(„Je suis venue vous parler de vie, d’amour, de tendresse. C’est le champ lexical de la famille Sandler.“)

Den Richtern zugewandt sagt sie: „Bitte lassen Sie die Liebe über den Hass gewinnen. Möge die Justiz diese Geißel des Hasses amputieren, wie man ein Übel an der Wurzel ausreißt.“

Vornehm und würdevoll trotz seines Schmerzes sagt auch Samuel Sandler aus, der einen Sohn und zwei Enkel verloren hat. Er zitiert André Malraux, der angesichts der Nazigreuel schrieb: Die Menschen habe der Hölle noch etwas beigebracht.

Wer erschießt ein Kind, das noch seinen Schnuller im Mund trägt?“ fragt er rhetorisch in den Gerichtssaal, ohne den Nachnamen des Angeklagten in den Mund zu nehmen, der auch von den anderen Nebenklägern geflissentlich verschwiegen wird.

Der Voltaire-Saal, in dem das Schwurgericht sitz, ist in Tränen aufgelöst. Das Publikum, die Anwälte und auch einige Journalisten weinen. Auch die Protokollbeamtin. Sogar einige Gendarmen scheinen erschüttert. Eine Gerichtszeichnerin, obwohl sie schon seit drei Wochen den Prozess verfolgt, verlässt den Saal und hält sich dabei die Hand vor den Mund, um nicht vor Entsetzen zu schreien.

Nur zwei Gesichter bleiben unbewegt: das der Marmorbüste der Marianne an der Wand über den Köpfen der Richter und das von Abdelkader Merah.

Schlussvorträge

Nachdem die Beweisaufnahme geschlossen war, beantragte die Staatsanwältin wenig überraschend eine lebenslange Freiheitsstrafe gegen Abdelkader Merah wegen siebenfachen Mordes in Mittäterschaft.

Doch sie hatte nicht mit der Widerborstigkeit der Verteidigung gerechnet. Abdelkader Merah hatte sich den kampflustigsten Verteidiger ausgesucht, den Frankreich aktuell zu bieten hat: Éric Dupond-Moretti .

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Der gedrungene, aus einfachen Verhältnissen stammende Mann mit dem Bulldoggengesicht und der Statur eines Ringers trägt den Beinamen „El Acquitador“ für die zahlreichen Freisprüche, die er für seine Mandanten vor den Schwurgerichten errungen hat.

Er ist ein angriffslustiger Raubauz, der keiner Konfrontation aus dem Weg geht und selbst unter extremem Druck ruhig bleibt. Die Zuschauer stehen Schlange vor dem Gerichtssaal, bevor er seine rhetorisch geschliffenen Plädoyers hält.

Assistiert wird er in diesem außergewöhnlichen und historischen Fall von zwei jungen Kollegen, Archibald Celeyron und Antoine Vey, die irgendwie typisch französische wilde Haarschöpfe auf dem Kopf tragen.

Nach dem Schlussvortrag der Staatsanwältin und der Nebenklägervertreter kommt die Reihe an die Verteidigung. Archibald Celeyron, 30 Jahre, der in diesem Verfahren vermutlich seine erste richtige Feuerprobe besteht, übt sich nicht in Rhetorik. Er hält eine juristische Lektion. Punkt für Punkt nimmt er das Plädoyer der Staatsanwaltschaft auseinander.

„Nach vier Jahre andauernden Ermittlungen“, erklärt er „haben Sie einen Roller und eine Motorradjacke vorzuweisen. Das ist lächerlich!“ Er wendet sich an das Gericht: „Man erwartet von Ihrer Entscheidung nicht, dass sie das Blut abwäscht. Ihre Entscheidung wird nicht die Tränen trocknen. Sie werden im Respekt unserer Gesetze Gerechtigkeit walten lassen. Und weil Sie Gerechtigkeit walten lassen werden, werden Sie Abdelkader Merah freisprechen!“

Nach Antoine Vey spricht der Großmeister selbst. Éric Dupond-Moretti führt kein Skalpell, sondern die grobe Axt. In dem überhitzten Kessel, in den sich der Gerichtssaal verwandelt hat, warnt er das Gericht vor den beiden Klippen dieses Prozesses: „der Schmerz der Opfer, der auf seinem Weg alles mit sich reißt“ und  „die öffentliche Meinung, diese Prostituierte, die den Richter am Ärmel zieht“.

Der Richter muss uns sagen, ob die Gesetze, für die unsere zivilisierte Gesellschaft tausende von Jahren gebraucht hat, um sie auszuarbeiten, noch Anwendung finden oder ob wir uns in einer neuen Ära befinden“.

Dann besitzt er die Kühnheit sich der Mutter eines der getöteten Soldaten zuzuwenden: „Madame Ibn Ziaten, sie sagten, dass wir widerstehen müssen. Wenn unsere Gesetze keine Gültigkeit mehr besitzen, dann hat der Terrorismus gewonnen.“

Er beschließt sein Plädoyer mit den Worten an das Gericht: „Wenn Sie Abdelkader Merah verurteilen, dann haben sie zweifellos geurteilt, aber sie haben keine Gerechtigkeit gebracht!“

Das Gericht ist den Ausführungen der Verteidigung gefolgt. Es hielt eine Mittäterschaft Abdelader Merahs an den Morden für nicht erwiesen und hat ihn in diesen Punkten freigesprochen. Jedoch hat es ihn wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung zu zwanzig Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der Strafrahmen wurde vollständig ausgeschöpft.

Nachdem Abdelkader Merah bereits fünf Jahre in Untersuchungshaft gesessen hat und wie jeder Gefangene theoretisch einen Anspruch auf einen Erlass der Reststrafe zur Bewährung hat, könnte er also in einigen Jahren wieder die Freiheit erlangen.

Er hat von den Spielregeln einer Zivilgesellschaft und menschengemachten Gesetzen profitiert, die für ihn, im Vergleich zu denen seines Gottes nichtswürdig sind.

Update: im Berufungsverfahren hat das Gericht nun doch eine Mittäterschaft angenommen und Abdelkader Merah am 18. April 2019 zu einer Freiheitsstraf von 30 Jahren verurteilt.

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Wurde dem „Riesen“ die Maske vom Gesicht gerissen?

32 Jahre nach dem Ende der mysteriösen Mordserie um die Mörder mit den Karnevalsmasken, die Belgien bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt, geraten die Ermittlungen erneut in Bewegung.

Erst 2014 hatte ein falsches Geständnis zunächst für Hoffnung gesorgt, das Rätsel um die Morde ohne Motiv lösen zu können und die Täter zur Rechenschaft ziehen zu können. Leider hat sich die Spur als das angeberische Schwadronieren eines Wichtigtuers herausgestellt und sich in Luft aufgelöst.

Auch der neue Verdächtige ist problematisch: er ist nämlich seit zwei Jahren tot.

Im Jahr 2015 soll er seinem Bruder auf dem Sterbebett gebeichtet haben, er sei einer Haupttäter der berüchtigten „Mörder von Brabant“ und zwar der sogenannte „Riese“, der auf dem Phantombild mit der Nummer 19 gezeigt wird.

Géant

Trotz der Pleite, die die Polizei vor kaum drei Jahren erlebt hat, geraten nicht nur sie, sondern auch die Medien in eine Art Frenesie.  Sogar Arte, der Sender für den hohen geistigen Anspruch, begibt sich in die Niederungen der Kriminalberichterstattung und bringt ein kurzes Feature.

Der Grund? Der Verdächtige war ein Gendarm. Und damit gibt die Geschichte wiederum all denen Nahrung, die die Mordserie von Brabant von Beginn an als „Inside Job“ oder „False Flag-„ oder „Gladio-Operation“ bezeichneten. Die Überfälle sollten wahlweise dem Ziel dienen, den belgischen Staat zu destabilisieren oder durch die Schaffung einer konstanten Bedrohungssituation , die belgische Regierung zur Verschärfung der Sicherheitspolitik bewegen (Strategie der Spannung) oder etwas prosaischer, der Gendarmerie und der Polizei bessere Ausrüstung, modernere Fahrzeuge und neuere Waffen zu verschaffen.

War der Mann bis dahin nur als das Phantombild mit der Nummer 19 bekannt, hat er heute möglicherweise einen Namen: Christiaan Bonkoffsky, ein ehemaliger Gendarm der Spezialeinheit „Diane“.

Zwei Merkmale des Verstorbenen stimmen nach der bisherigen Berichterstattung anscheinend mit dem unbekannten Täter überein, die Größe und die antiquiert wirkende Hornbrille

Er war in Alost auf Posten, wo am 9. November 1985 der Anschlag mit dem höchsten Blutzoll verübt wurde. Auch war er während der Überfälle der „2. Angriffswelle“ am 27. September 1985 und 9. November 1985 – nach jetzigem Ermittlungsstand – nicht im Dienst, da er krank geschrieben war.

Seltsamer noch: angeblich wurde er von einem Opfer, das wegen der Anschläge eine Aussage machen wollte, in der Gendarmeriekaserne erkannt. Es gibt in der Tat einen Bericht, dass ein Opfer, Bozidar Djuroski, dessen Vater bei dem Überfall auf den Delhaize-Supermarkt am 27. September 1985 erschossen worden war, während er neben ihm im Auto saß, im Jahr 1999 einen der Täter auf einer Gendarmerie- oder Polizeiwache unter den anwesenden Beamten erkannt haben will. Unklar bleibt, ob dies tatsächlich weiterverfolgt wurde und ob es sich dabei tatsächlich um Bonkoffsky handelte.

Seltsam ist außerdem, dass von Bonkoffsky im Jahr 1999 Fingerabdrücke und eine Speichelprobe genommen wurden, wie ‚Le Soir“ meldet. Die Fingerabdrücke wurden unmittelbar nach Abnahme  ohne Ergebnis abgeglichen. Die DNA-Probe jedoch erst 2016. Auch hier ohne einen Treffer in der Datenbank.

Diese erneute Wende in dem an Überraschungen nicht armen Fall bringt erneut Mitglieder der Gendarmerie in den Fokus.

Schon nach den ersten Taten waren Ermittler und Journalisten erstaunt über die überraschend professionelle Handhabung der verschiedenen Waffen und das kommandoartige Vorgehen bei den Überfällen.

Neben der Rechtsextremismus-Spur in der Gendarmerie gibt es auch eine Spur, die ins kriminelle Milieu führt, und zwar genauer in das von korrupten Ex-Gendarmen, die auf die Seite des Verbrechens gewechselt waren.

Immer wieder tauchen in diesem Zusammenhang die Namen Madani Bouhouche und Robert Beijer auf. Zwei Ex-Gendarmen, die nach verschiedenen im Dienst begangenen Straftaten entlassen wurden und anschließend eine Privatdetektei mit Namen ARI (Agence de recherches et d’informations) gründeten.

Beide wurden schon relativ früh als Mitglieder dieser Bande verdächtigt, schon allein weil eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Bouhouche, der immer eine große Pilotenbrille trug, und dem Phantombild mit der Nummer 17 bestand.

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Robert Beijer wiederum gleicht der Person auf dem Phantombild Nr. 9 bzw. 9 b.

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Bouhouche war lange Zeit verdächtigt worden, Juan Mendez, einen Ingenieur und Südamerika-Repräsentanten der belgischen Waffenschmiede FN Herstal, ermordet zu haben, um seine Waffensammlung stehlen zu können. Mendez war am 7. Januar 1986 auf einer Autobahnauffahrt erschossen in seinem Auto aufgefunden worden. Er wurde mit mehreren Schüssen getötet: einem Schuss ins linke Auge, drei in das rechte Ohr und zwei in den Oberkörper. Es wurden nur fünf Hülsen gefunden. Der Schalthebel befand sich im Leerlauf, die Handbremse war angezogen. Insbesondere die Schüsse in das Ohr sind ein auffälliges Begehungsmerkmal der Mörder von Brabant. Diese hatten schon im Dezember 1982 den Hauswirtschafter José Vanden Eynde mit Schüssen um das Ohr und im Januar 1983 den  Taxifahrer Constantin Angelou auf identische Weise umgebracht.

Beijer und Bouhouche waren auch in den Todesfall eines libanesischen Diamantenhändlers in Antwerpen 1989 verwickelt, der nach einem Handgemenge durch einen Schuss aus Bouhouches Waffe getötet wurde.

Beijer setzte sich ins Ausland ab und wurde 1991 von Thailand an Belgien ausgeliefert. 1995 wurde Beijer zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, von denen er unter Anrechnung der Untersuchungshaft 8 Absaß. 1999 wurde er entlassen und wanderte nach Thailand aus, wo er auch heute noch lebt.

Sein Partner im Verbrechen Bouhouche erhielt 20 Jahre. Er wurde im Jahr 2000 entlassen und hielt sich danach sehr bedeckt. Er zog in das kleine Pyrenäendorf Fougax, wo er 2006 bei einem mysteriösen Unfall mit einer Motorsäge ums Leben kam. Angeblich hat er sich selbst enthauptet.

Ich gebe zu, dass ich der neuen Entwicklung eher skeptisch gegenüberstehe, solange ich außer  gewagten Interpretationen von Geschichten vom Hörensagen keine objektiven Beweise sehe.

Nachdem durch ein Parlamentsgesetz die dreißigjährige Verjährungsfrist für die Morde, die eigentlich im November 2015 auslief, um weitere 10 Jahre verlängert wurde, hat die Polizei noch ein wenig Zeit, den Spuren nachzugehen.

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Der Mann mit der Nadel

Für einen Junkie hat er wirklich verdammt lange durchgehalten. So ziemlich alle Weggefährten hat er überlebt. Jack Kerouac und Neal Cassady haben lange vor ihm ins Gras gebissen. 1994 erwischte es dann Charles Bukowski und 1997 Allen Ginsberg. William S. Burroughs hat ihm um knapp vier Monate überlebt, dann hat auch er den Löffel abgegeben – was man nicht treffender formulieren könnte –  und ist in die ewigen Junk-Gründe eingegangen.

Vor zwanzig Jahren, am 2. August 1997 ist William S. Burroughs mit 83 Jahren gestorben. Ein Zeitpunkt für mich, um einem Mann Ehre zu erweisen, der meine jugendlichen Gedanken zwar in eine bedenkliche Richtung gelenkt hat, aber auch meine Phantasie und Einbildungskraft wie nur wenige andere stimuliert hat.

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William S. Burroughs war eine aparte Persönlichkeit: Harvard-Absolvent, Waffennarr, Junkie, zunächst heimlich, dann offen lebender Homosexueller, Schriftsteller und am Ende seines Lebens eine Art Pop-Ikone.

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In der Riege der Beat-Schriftsteller war er ein Exot. Auf Bildern sieht er aus, als wäre er schon immer alt gewesen, lange bevor sich die Falten tief in sein Gesicht kerbten.

Seine hagere Silhouette und die unterkühlte, kontrollierte, steife Erscheinung passte nicht zu dem wilden hedonistischen Zeitgeist der 50er und 60er Jahre. Seine Garderobe bestand meist aus einem dreiteiligen Anzug, Hut und Krawatte. Teil dieser Kostümierung war aber stets ein kleines Necessaire mit seiner persönlichen Injektionsnadel.

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Hinter der Fassade des biederen Provinznotars verbarg jedoch sich eine schillernde Persönlichkeit, die eine enorme Phantasie mit Selbstzerstörung und Gewalt, ehrliche Liebenswürdigkeit mit großartigem Humor verbinden konnte.

Er hat es vermocht, vielleicht nur vordergründig unvereinbare Persönlichkeitsanteile zu vereinen: hier der erzreaktionäre Waffennarr und Mitglied der National Rifle Association, dort der schwule Außenseiter und Junkie.

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In seiner Biographie finden sich auch dunkle Schatten. Seine zweite Frau Joan Vollmer erschoss er in Mexiko, als er in betrunkenen Zustand die Wilhelm-Tell-Szene mit einem großkalibrigen Revolver nachspielen wollte. In Tanger, wo er wie viele Schriftstellerkollegen aus der „Lost Generation“ eine Zeit lang lebte, unterhielt er Beziehungen mit marokkanischen Jünglingen, die man heute wahrscheinlich als pädophil bezeichnen würde.

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Am Ende seines hart und gnadenlos gelebten Lebens war er zu einer Kultfigur geworden, der in seinem „Bunker“ genannten Domizil in der Bowery in Manhattan Hof hielt und um den sich auf den Partys in Manhattan Mick Jagger und Madonna rissen oder David Bowie und der Maler Jean-Michel Basquiat, Iggy Pop, Keith Haring und sogar Kurt Cobain und Leonardo DiCaprio wollten mit ihm aufs hippe Foto.

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WSB Leonardo

Schließlich tauchte er auch in einem Videoclip der Industrial-Band Ministry auf.

Nichts in seiner Biographie ließ allerdings zu Beginn einen derartigen Lebensweg erahnen.

1914 in St. Louis/Missouri als Enkel des berühmten Erfinders der Burroughs Rechenmaschine, einem Vorläufer des Computers, in eine wohlhabende Industriellenfamilie hineingeboren, war er an sich für den konservativen Lebensweg eines großbürgerlichen WASP der Südstaaten prädestiniert.

Vielleicht war es seine Homosexualität, die ihn aus dem vorherbestimmten Leben aus Arbeit, Gottesfurcht und Langeweile geworfen hat. Oder vielleicht ein frühes Interesse an Waffen und Betäubungsmittel aller Art.

Nach seinem Studium in Harvard bereiste er Europa und geriet in New York City über GI‘s, die nach ihrer Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg Bezugsquellen für Schmerzmittel und Opium aufgebaut hatten, an Heroin. Er zog sich die Sucht zu, die er Zeit seines Lebens nicht mehr loswurde.

Sein autobiographischer Roman „Junkie“ war ein Skandalerfolg. 1953 veröffentlicht unter seinem Pseudonym William Lee, das sich in seinen späteren Texten zu seinem Alter Ego verselbständigt, schockierte er seine damalige Leserschaft. Mehr als 25 Jahre vor „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hatte Burroughs schon eine schonungslose Beschreibung der Schwulen- und Junkie-Subkultur im New York der 1940er und 50er Jahre abgelegt.

War dieser Roman noch überwiegend linear erzählt, wandte Burroughs in seinen späteren Texten die „Cut-up“-Technik an. Sie besteht darin, scheinbar unzusammenhängende Beschreibungen, Assoziationen und Textfragmente zu verbinden. Vielleicht ermöglichte ihm diese „Cut-up“-Technik, seiner überbordenden Phantasie einen künstlerischen Ausdruck zu geben.

Sein bekanntestes Opus „The Naked Lunch“ (1959) ist wie alle anderen Romane vom großartigen Carl Weissner übersetzt, der das richtige Sprachgefühl hatte, um die in einer Mischung aus Oxford-Englisch und Slang geschriebenen Bücher ins Deutsche zu übertragen, ohne dass es gekünstelt wirkt.

In „The Naked Lunch“ entfaltet sich das für Burroughs charakteristische Panorama aus immer wiederkehrenden, vermutlich im Yage- oder Ayahuascarausch geträumten mystischen Tieren wie Tausendfüßler und Kakerlaken und merkwürdigen Szenerien, die mit seltsamen Wesen bevölkert sind, wie zum Beispiel Latahs:

„Latah ist ein Zustand, der in Südostasien auftritt. Ein Latah imitiert wie unter Zwang  jede Bewegung eines anderen, sobald ihn dieser durch Fingerschnalzen oder einen scharfen Anruf auf sich aufmerksam macht; ansonsten verhält er sich ganz normal. Das Signal des anderen wirkt auf ihn wie ein hypnotischer Befehl. Latahs versuchen manchmal, die Bewegungen von mehreren Leuten gleichzeitig nachzuahmen, und renken  sich dabei sämtliche Glieder aus.“

…oder Mugwumps:

„Mugwumps haben keine  Leber und nähren sich ausschließlich von süßen Säften. Unter ihren dünnen violetten Lippen verbirgt sich ein rasiermesserscharfer Schnabel aus schwarzem Knochen, mit dem sie sich in Kämpfen um Kunden oft gegenseitig in Stücke reißen. Ihr ständig erigierter Penis sondert eine suchterzeugende Flüssigkeit ab, die den Stoffwechselprozess verlangsamt und dadurch lebensverlängernd wirkt. Die süchtigen Kunden der Mugwumps werden als ‚Reptilien‘ bezeichnet. Einige von ihnen haben sich im Lokal mit ihren elastischen Knochen und ihrem schwarz-rosa gesprenkelten Fleisch über die Stühle drapiert. Hinter jedem Ohr wächst ihnen ein fächerförmiger Fühler aus grünem Knorpel heraus, bedeckt von erogenen Strudelhärchen, mit denen sie die Flüssigkeit aufnehmen. Diese Fühler ermöglichen ihnen zugleich auch eine Art Kommunikation – sie werden von unsichtbaren Strömungen gesteuert und senden Signale aus, die nur Reptilien verständlich sind.“

Es erscheint dort auch zum ersten Mal Dr. Benway, ein heroinsüchtiger, korrupter Arzt, dessen Namen ich mit der unterstellten freundlichen Genehmigung des Schöpfers als mein Blogger-Pseudonym übernommen habe.

„Dr. Benway ist im Augenblick als Berater für die Repuplik Freeland tätig, wo man der freien Liebe huldigt und permanent badet. Die Bevölkerung ist durchweg angepaßt, kooperativ, ehrlich, tolerant, und vor allem: reinlich. Daß man Dr. Benway dennoch verpflichtet hat, deutet allerdings darauf hin, dass hinter dieser hygienischen Fassade nicht alles in bester Ordnung ist. Benway ist Spezialist für das Manipulieren und Koordinieren von Symbolsystemen; er ist Experte für Verhörtechniken, Gehirnwäsche und Verhaltenssteuerung.“

Besonders angetan haben es mir die Passagen mit den heute längst veralteten Slang-Ausdrücken und Soziolekten der Junkies und Schwulen des New York der 40er und 50er Jahre.

Bei seinen Protagonisten verband sich Burroughs skurriler Humor mit seiner Fabulierungskunst. Seine – meist nur kurz für die Pointe auftauchenden – Figuren, heißen Autopsie-Ahmed, der illegal Organe verkauft oder tragen die unwahrscheinlichsten Namen wie Salvador Hassan O’Leary.

„Salvador Hassan O’Leary alias ‚Der Schuhladen-Heini‘, alias ‚Der linke Marv‘, alias ‚Nachgeburt-Larry‘, alias ‚Slunky-Pete‘, alias ‚Plazenta-Juan‘, alias Vaseline-Achmed‘, alias ‚El Chinche‘, alias ‚El Culito‘, usw., usw. – eine Liste von fünfzehn Seiten -, hatte seinen ersten Stunk mit der Polizei in New York, wo er mit einem Kerl herumzog, der bei den Kripoleuten von Brooklyn als ‚Blubber Wilson‘ bekannt war und sich sein Geld für seine Goofballs dadurch beschaffte, daß er Fetischisten in Schuhgeschäften ausnahm.

 „Die hätten mich glatt zu fünf Jahren verdonnert“, sagte Hassan, „wenn ich nicht an einen anständigen Bullen geraten wäre.“ Hassan geriet jedesmal, wenn er in die Scheiße trat, an einen anständigen Bullen. Seine Akte enthält eine drei Seiten lange Liste mit Schimpfnamen, die er sich wegen seiner bereitwilligen Zusammenarbeit mit der Polizei eingehandelt hat. Für die Bullen ist er einer, der „mitspielt“; für die aus der Branche ist er etwas anderes: Ab, der Bullen-Verehrer; Der verstunkene Marv; Der quasselnde Jid; Ali der Spitzel; Der linke Sal; Der singende Kaffer; Der Itzig mit der hohen Stimme; Das Opernhaus in der Bronx; Der gute Geist vom Revier; Der Antwortdienst; Der quäkende Syrer; Der verschwiemelte Schwanzlutscher; Der musikalische Homo; Das verkehrte Arschloch; Der Schwule mit dem Schandmaul; Leary vom RD; Der flötende Kobold; Gertie das Klatschweib.“

Irgendwo in den Untiefen des Internets existiert ein Filmausschnitt, in dem William S. Burroughs mit seiner schleppenden, schartigen Stimme gekleidet mit Anzug und Hut diesen Abschnitt aus „The Naked Lunch“ liest.

1991 hat der Regisseur David Cronenberg das Kunststück vollbracht, dieses unverfilmbare Werk tatsächlich auf die Leinwand zu bringen. Über das Ergebnis gibt es die unterschiedlichsten Ansichten. Einigkeit besteht darüber, dass es in dem Film herrliche Szenen gibt. Wie zum Beispiel die Geschichte vom sprechenden Arschloch.

Jedesmal, wenn ich in meiner fernen Jugend diese Szene in bekifftem Zustand mit meinen Kumpels sah, lagen wir anschließend eine Viertelstunde am Boden. Nun ja, die Jugend. Ich finde die Szene hat jedenfalls immer noch Charme, wie auch diese Szene, die die düsteren und paranoiden Anteile von Burroughs Welt gut einfangen.

Heute finde ich zu seinen Werken nicht mehr so recht den Zugang wie früher, aber ich bin dem alten Outlaw dankbar für seine Inspirationen und Impulse.

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Wanderer kommst du nach FRA

Bis vor nicht allzu langer Zeit war Wandern für mich eine indiskutable Aktivität, ausgeübt von Rentnern in Lodenjankern, Kniebundhosen  und Strümpfen mit Zopfmuster, die hölzerne Gehstöcke mit Metallspitze mit sich führen, auf die sie kleine Blechplaketten mit den Wappen bereits erwanderter Reiseziele genagelt haben.

Nichts für mich. Ich bin ein Stadtkind.

Die Entscheidung als Freiberufler zu arbeiten hat aber nicht nur ein anfängliches Gefühl überwältigender Freiheit, sondern auch Beschränkungen in Form von wenig Urlaub gebracht.

Einst und vorbei sind die am Strand verdösten Wochen und die Nachmittage unter angenehm schattigen Pinien mit einem Schmöker. Nur ein paar Tage gibt’s und die wollen gut – ich hätte beinahe ‚effizient‘ geschrieben – verbracht werden.

Die intensive Arbeit und die fehlende Möglichkeit, längere Zeit abzuschalten, führten zu einer Anspannung, die ich irgendwann mit langen Spaziergängen bekämpfte, so oft sich die Gelegenheit bot. Laufen entspannt mich, ich kann dabei besser nachdenken, als unter Zeitdruck am Schreibtisch.

Unorte wie der Taunus und der Odenwald erhielten eine ungeahnte Attraktivität. Es ist vor allem diese Ruhe, die sich einstellt, wenn man in den Wald eintaucht.

Erst kreischen in der Ferne noch ein paar Motorräder und dann ist es ganz still, bis auf das Blätterrauschen.  Im Sommer, wenn das Sonnenlicht durch das dichte Blätterdach fällt, umfängt einen ein stilles, grünliches Zwielicht. Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, dass man auf dem Grund des Meeresbodens wandelt.

Ein Nachmittag auf dem Altkönig oder dem Großen Feldberg sind vom Erholungswert her äquivalent wie früher ein kurzer Wochentrip. Kurze Wanderungen sind für mein Wohlbefinden und für die Ressourcen mittlerweile lebenswichtig. Untersuchungen haben herausgefunden, dass erfolgreiche und kreative Menschen viel spazieren gehen.

Allerdings habe ich irgendwann die üblichen Wanderwege im Wortsinne ausgelatscht. Es musste etwas Neues her.

Der Blogger-Kollege Andreas Moser hat in seinem Artikel „So geht Abenteuer 24 Schritte“ ein paar wirklich interessante Anregungen gegeben, wie man seine unmittelbare Umgebung auf anspruchsvolle Weise erkunden kann. Tip 3 hatte es mir angetan: „Fahrt 30 km mit dem Zug, steigt in einem kleinen Dorf aus und wandert zurück nach Hause.“

Drei Trips habe ich in den vergangenen Monaten auf diese Weise absolviert.

 

  1. Trip: Von der Hohemark nach Frankfurt

Am ersten wirklichen heißen Tag dieses Jahres, eine Woche vor Ostern, fahren mich Frau und Kinder zur Hohemark. Wir laufen eine Weile gemeinsam auf dem Fernwanderweg E 1. Die Kids haben schnell keine Lust mehr und kehren um. Ich bin allein. Ich genieße es, allein zu sein und spaziere gemächlich auf dem gut beschilderten Weg, der sich ganz sanft in Richtung Süden nach Frankfurt neigt. Ich habe noch kein Gefühl, wieviel Zeit die 26 Kilomenter in Anspruch nehmen werden und ob der Weg anstrengend wird.

Es kommt der Waldsaum mit wunderschönen frühlingshafte Auen.

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Die schöne Au

Der Weg rollt schön sanft abwärts und trifft auf die Nordweststadt, diese bizarre Retortensiedlung aus den 60er-Jahren, mit kleinen Häusern und Wohnungen, die würfelförmig aufeinanderkleben.

Dann kommt das Nordwestzentrum, das in seiner sonntäglichen Leere ohne die Menschenmassen irgendwie grotesk daliegt mit seinen verstaubten großen Gummibäumen.

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Das groteske NWZ

Ich laufe an sonnenbeschienenen Kindergärten vorbei, durch die Ernst-May-Siedlung und ihren preußisch-schnarrenden Ansagen.

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Die schnarrende Ansage

In der Nidda hat sich eine eigentümliche Nutria-Population breitgemacht, die durch die vielen Griller auch nicht um ihr Aussterben fürchten muss. Weiß der Geier, woher diese Viecher kommen.

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Dann kommt das Ginnheimer Wäldchen,…

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City-Ghosts

… der Europaturm (auch Ginnheimer Spargel genannt),…

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Der Ginnheimer Spargel in all seiner Pracht

 

… das Bundesbankgelände und dann bin ich im frühlingshaften Grüneburgpark, wo ich meine jetzt doch etwas müden Beine ausstrecke.

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Der schöne Grüneburgpark

 

Das letzte Stück nach Hause. Ein schöner Spaziergang.

 

  1. Trip: Von Darmstadt nach Frankfurt

Ein paar Wochen später lege ich die Latte höher und nehme mir den „Spaziergang“ auf dem Fernwanderweg E 1 von Darmstadt-Kranichstein nach Frankfurt vor. Ein ziemliches  Brett von 34 Kilometern Länge.

Die Witterungsverhältnisse an diesem  1. Mai sind nicht besonders. Es regnet und nieselt. Die Landschaft haut mich auch nicht unbedingt vom Hocker, deswegen auch keine Bilder. Ich muss mich ranhalten, ich habe mich mit der Länge des Wegs verschätzt und auf halbem Weg überrascht mich die Dämmerung..

Das Highlight dieser Wanderung ist eine große Rehfamilie mit 15 bis 20 Tieren, die im letzten Tageslicht unmittelbar vor mir den Weg im Stadtwald quert.

Meine Beine sind ziemlich im Eimer als ich endlich beim Goetheturm aus dem Wald komme. Auf dem Wendelsweg höre ich in der Ferne das Grollen vom Schlussfeuerwerk der Dippemess, das wie immer verregnet ist. Auf dem ehemaligen Henninger-Geländer entsteht eine neue hochpreisige Wohnanlage. Der abgerissene Brauereiturm wurde neu aufgebaut und mit Luxusapartments ausgestattet. Staunend sehe ich mir die Bescherung an.

Auf sehr schweren Beinen wanke ich die letzten Meter nach Hause.

 

  1. Trip: Tommy kam nur bis Kelsterbach

Das römische Theater hatte lange Jahrhunderte verborgen überdauert, bis es beim Bau der Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Angeblich war es das größte Bühnentheater nördlich der Alpen. Erst Ende der 90er Jahre wurde es vollständig freigelegt und wird derzeit wieder hergerichtet.

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Ich mache mich auf den Weg von Mainz nach Frankfurt, nicht wissend, dass ich mich, was die Distanz und die Zeit anbetrifft, ein wenig übernehme. Durch ein ziemlich hartes Thaibox-Training am Vortag sind meine Beine schon beim Loslaufen relativ schwer.

Der Anfang lässt sich gut an. Es ist ein wunderschöner, schon nicht mehr ganz so heißer Spätsommertag.

Wenn es sich einrichten lässt, wandere ich gerne an einem Werktag in der Woche. Das ist die einzige kleine Freude, die ich mir als Selbständiger gönnen kann. Ich laufe an den Bürogebäuden vorbei und streife mit mitleidigem Blick die Angestellten, die wie Insekten in Terrarien auf ihren Tastaturen herumtippen. In meiner Schadenfreude vergesse ich dann für einen Augenblick, dass diese Angestellten unterm Strich vermutlich sehr viel mehr Urlaub haben als ich und ich mit großer Wahrscheinlichkeit öfter und länger wie ein Tropf vor meinem Computer sitze.

Ich überquere den Rhein, und niemand kann mich aufhalten. Danach laufe ich immer weiter am Main entlang in Richtung Frankfurt. Es ist schön.

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Vater Rhein an der Grenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen

Am Ufer liegen Lastkähne. Die Binnenschiffer haben die Brücke ihrer Boote mit Topfpflanzen dekoriert wie ein Wohnzimmer. Vielleicht steht innen auch ein Fliesentisch.

Am Nachmittag liege ich am Main, trinke einen Espresso. Ich beobachte die Flugzeuge, wie sie im Landeanflug ihr Fahrwerk ausfahren und zwei Flussbiegungen weiter – außerhalb meines Sichtfelds hinter Baumreihen – auf dem Flughafen Frankfurt aufsetzen.

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Der Verfasser dieser Zeilen beim nachmittäglichen Espresso am Main bei Rüsselsheim

Ich laufe weiter und merke, dass ich nun nah am Flughafen bin, weil die Turbinen nun in geringer Höhe direkt über meinem Kopf jaulen.

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Anflug auf FRA

Die Strecke ist schön, aber auch sehr stark von Kampfradlern befahren.

Die Deutschen rasen monadenhaft mit starrem Blick auf teuren Rädern auf dem Radweg neben dem Main. Verbissen, zielstrebig, selbstzufrieden. Gelegentlich hält einer am Wegrand an, sieht sich auf seinem „Smartphone“ in voller Lautstärke ein Video an, das ihm ein Kumpel über seine WhatsApp-Gruppe geschickt hat und lacht schallend. Was für ein Volk.

Auch bei diesem Spaziergang überrascht mich die hereinbrechende Dämmerung, und eine fiese Blase an der Fußsohle piesackt mich. Ich entschließe mich, abzubrechen. Ich hätte noch ungefähr 15 Kilometer vor mir gehabt. In Kelsterbach steige ich in die S-Bahn.

Ich habe die Frankfurter Umgebung aus Norden, Westen und Süden erkundet. Eine  Wanderung aus Richtung Hanau bockt mich nicht so wirklich an. Es wird sich sicherlich noch ein interessanter Spaziergang finden.

 

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Die Mönche des Jens ShoShin (via dosenkunst.de)

Ein kurzer Besuch in Raunheim 2014 war nicht sonderlich ergiebig, was dort aber immer wieder zu finden war, sind die Mönch-Bilder von Jens ShoShin. Der Künstler Jens ShoShin Jansen hat 2012 mit seinen Mönchen begonnen, mittlerweile sind es 28 in meinem Archiv (Stand 06/2017). Da mich seine Figuren die letzten Jahre meines Graffiti-Fotografen-Lebens begleitet haben,…

über Die Gemälde von Jens ShoShin – 28 Mönche (Update 06/2017) — dosenkunst.de

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Out of Eschersheim

Kurz bevor die Autobahn abrupt endet und übergangslos in den innerstädtischen Alleenring mündet, wird sie rechts von einer Reihe hoher und buschiger Ahornplatanen mit ausladenden Kronen flankiert.

Als Kind betrachtete ich die fremdartigen Früchte, die von den Ästen hingen. Es waren nämlich schwarze Stiefel, die paarweise mit den Schnürsenkeln verknotet in die Äste geworfen worden waren und über der Fahrbahn schaukelten. Ein altes Abschiedsritual der GI’s, wenn sie ihren Dienst im Ausland beendet hatten, wie ich heute weiß.

Rechts herum die breite Eschersheimer Landstraße hinunter: In ehemaligen Bürohäusern aus der Nazizeit, erkennbar an den stilisierten Arno-Breker-mäßigen Relieffiguren, die Arbeiter mit nackten Oberkörpern darstellten, werkelten die zahllosen kleinen Rädchen in dem riesigen Ameisenhaufen der US-Administration.

Etwas weiter hinunter hockt hinter grünen Sichtblenden aus Tuch ein würfelartiger Klotz. Dieses Gebäude, das so mysteriös vor neugierigen Blicken geschützt war, übte auf uns Jungen eine große Faszination aus. Nach der Schule liefen wir am Zaun entlang und entzifferten die Worte auf den Schildern: „Military Area. No Trespassing“. Schaulustig luscherten wir über die Hecke und die Sichtblenden und entdeckten tarnfarbene Ford Geländewagen und schwere Deuce-and-a-half Trucks.

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Ein paar Meter weiter runter befand sich eine Seiteneinfahrt mit Schranke. In einem gläsernen Häuschen langweilte sich eine Wache. Manchmal vertrat sie sich die Beine und lief an der kurzen Schranke entlang. Die M16 auf dem Rücken oder – mit über den Nacken gespanntem Gurt, den Arm lässig auf dem Lauf ruhend. Bei Regenwetter in einen weiten, olivgrünen Poncho gehüllt. Wenn wir die GI’s mit großen Augen anstarrten, lächelten sie.

Es ist eigenartig heute an dieser Stelle vorbeizulaufen. Der häßliche Klotz, an dessen Stelle heute eine Seniorenresidenz des oberen Preissegments steht,  war die ehemalige Kennedy-Kaserne. Damals Sitz der Army Security Agency (ASA), wie ich unlängst recherchiert habe, wahrscheinlich irgendein obskurer Untergeheimdienst, der sich mit Spionageabwehr beschäftigte und (vielleicht) darauf achtete, dass weder die unbedarften Neuankömmlinge noch die Soldaten, die schon nicht mehr ganz so grün hinter den Ohren waren, im Bahnhofsviertel von undurchsichtigen DDR-Spionen abgefüllt und ausgehorcht wurden.

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Unmittelbar nach der Schranke kam ein verwildertes Brachgelände mit einer verlassenen Tankstelle im Hintergrund. War es eine Kriegsruine? Ein Treppenaufgang und ein Stück eisernes Geländer endeten nach drei Stufen in einem Geröllfeld, auf dem hochgewachsenes Unkraut und Pflanzen standen.

Die Eschersheimer Landstraße war der Schauplatz meiner Kindheit und Jugend. Lebensader und Spielplatz, Orientierungsachse auf dem Weg zur Grundschule,  zu Freunden oder zum Training.

Sie war, wenn man dem schon längst prähistorischen Spiegel-Artikel glauben mag, interessanterweise bei der RAF sehr beliebt.

Sie liegt zentral, ist anonym genug, um nicht aufzufallen und gewährleistet, und das war vermutlich der wichtigste Grund für ihre terroristische Nützlichkeit, eine phänomenale Mobilität durch die Stadt, die sie weitgehend von Nord nach Süd durchschneidet und einen schnellen Zugang zur Autobahn bietet.

In dem Haus Eschersheimer 106, wo – gemäß Spiegel-Artikel – der Schriftsteller Michael Schulte wohnte, der die Baader-Meinhof-Bande eine Weile beherbergte, duckte sich im Erdgeschoss ein kleiner Kiosk in die Frankfurter Sandsteinfassade. Hinter dem kleinen Schiebefenster konnte man, wenn auch von unzähligen Schachteln und Plastikdosen mit Lakritzschnecken, sauren Schlangen, weißen Mäusen, süßen Spaghetti, grünen Fröschen, Ahoi-Brause-Tütchen und zahlreichem anderem Naschkram den Blicken größtenteils entzogen, einen schlauchartigen Raum erahnen, der sich hinten in der Dunkelheit verlor. Das kleine Refugium eines alten, mürrischen Mannes, der in grauer Strickjacke und weißem Kittel, die weißen Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt, hinter dem kleinen Schiebefenster hockte und auf seine Kundschaft wartete, nämlich uns, die Bengel und Gören, die nach Schule in Richtung Hort und Heim strömten.

Unwirsch und unfreundlich fertigte er die Wünsche ab. An heutigen Maßstäben gemessen, könnte man sich fragen, ob seine Gewerbe eher darin bestand, seine Kundschaft zu vergraulen, statt seine Waren an den Mann bzw. an das Kind zu bringen, doch das war damals der Umgangston in Deutschland. Relikte aus der Epoche der Kasernenhöfe, der Blockwarte und einer Erziehung, bei der Empathie und Freundlichkeit verpönt waren.

Ich hatte meine liebe Not mit ihm und er mit mir, denn ich sprach damals nur Französisch. Ein Mundartregisseur hätte sich mit Sicherheit schöne Slapstickeinlagen abschauen können.

„Was willste? Lackfrösche? Kenn‘ isch net! Weiß net was des is! Ach, Laubfrösche! Warum haste des net gleisch gesacht! Kerle, Kerle, Kerle! Will was kaufe, kann aber noch net emal Deutsch rede. Wie viele willste? Macht fuffzich Fennisch!“

Das waren meine ersten Begegnungen mit Deutschen. Ich komme mir noch heute in Deutschland oft wie im Exil vor. Ich frage mich, wie sich erst Kinder gefühlt haben müssen, die aus entfernteren Gefilden kamen, aus Jugoslawien, Anatolien oder Marokko, wenn sie auf solche Prachtexemplare Marke Hausmeister mit Cordhütchen getroffen sind.

Heute befindet sich dort ein Salon für Thaimassagen.

Die Eschersheimer Landstraße ist kurioserweise eine Konstante in meinem Leben: Viele Ereignisse und wichtige Personen verbinde ich mit dieser Straße.

Mein bester Kindheitsfreund wohnte noch ein Stück die Straße herunter.

Ich bin ziemlich früh mit dem Multikulturalismus in Berührung gekommen. Sein Vater war Sudanese, fremdartiger war mir aber seine Mutter, die aus Bayern kam und Schwäbisch sprach. Sein Vater habilitierte sich in Soziologie in Frankfurt und sprach ein exzellentes Deutsch mit gewählten Ausdrücken. Von der Arbeit kam er im Anzug, in der Wohnung schritt er in einer elfenbeinfarbenen Dischdascha einher.

Die strengen Ladenöffnungszeiten hatten in dieser Familie keine Geltung. Auch sonntags konnte eingekauft werden. Wir fuhren einfach mit dem schönen BMW ins Bahnhofsviertel, genauer gesagt in die Münchner Straße, die in den 80er Jahren noch ein ziemliches Ganovenloch war. Junkies auf der Straße, arabische Schriftzeichen an den Geschäften, Hinterhofmoscheen, aber auch Geschäfte, die so gut besucht waren, wie die übrigen unter der Woche. Hier habe zum ersten Mal in meinem Leben köstliches, frisches Fladenbrot mit gerösteten Sesamkernen gekostet.

Mein Freund E. war schon immer sehr selbstbewußt und mit einem großen Ego gesegnet. Er war schon mit 10 Jahren vollkommen furchtlos. Ein weiteres Stück weiter, der HL, der heute ein Alnatura ist. Rechts neben der Eingang befand sich die Bäckerei und gleich nach der Aluminiumschranke die Zeitschriften. Wenn uns seine Mutter zum Einkaufen schickte, steuerten wir zielstrebig die Zeitschriftenabteilung an und schmökerten im neuesten Playboy. Ich genierte mich ziemlich, aber E. war es vollkommen gleichgültig, was andere Leute oder gar Erwachsene von ihm denken mochten. Mit Kennermiene begutachtete er die Prominente, die sich „wegen der ästhetischen Fotos“ vor dem Fotografen und dem Rest der Republik entblättert hatte und murmelte nachdenklich: „Ah, so sieht die also nackt aus“. In aller Ruhe nahm er dann das Playmate in Augenschein, während die Bäckereifachverkäuferin uns aus den Augenwinkeln beäugte, und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie genau wußte, was wir machten. So machte Einkaufen Spaß, möchte ich meinen.

Auch meine erste große Liebe wohnte in der Eschersheimer, nur ein Haus weiter als Freund E., aber das war Zufall. Mit N., dem schönen türkischen Mädchen, saß ich gern im TAT-Café, noch ein Stück runter. Wir saßen immer hinten in der Ecke auf der Bühne und aßen eine billige Gulaschsuppe. Wenn ich sie nach Hause begleitete und wir uns ihrer Wohnung bis auf wenige hundert Meter genähert hatten, löste sie die Hand aus meiner. Die Eltern, auch wenn sie säkular waren, – oder noch schlimmer: die Nachbarn – durften nicht erfahren, dass die wohlanständige Tochter mit einem „Alman“ geht.

Um die Ecke vom Volksbildungsheim, wo auch das TAT war, befand sich eine irgendwie düstere Kneipe, das „Dippegucker“. Mein Vater, der ursprünglich aus Norddeutschland stammte, wollte uns einmal, vielleicht, weil ihn das an seine eigenen Kindheit erinnerte, rote Grütze kosten lassen, die es dort gab. Ich erinnere mich an einen finsteren Gastraum und dunkle Holzbänke. Meine Schwester und ich löffelten unsere rote Grütze.

Junge Menschen von heute würden nicht glauben, wie die Leute damals aussahen: Keine Spur der allgegenwärtigen Zurschaustellung sportgestählter Körper, nirgends trainierte Oberarme. Die Männer waren entweder spindeldürr oder sie trugen dicke Bäuche vor sich her. Karierte Hemden mit Schweißflecken unter den Achseln, halblange fettige Haare, schlechte Zähne. Die Frauen tragen in meiner Erinnerung enge Jeans mit Schlag und tunikaartige Blusen. Und geraucht wurde sowieso ständig und überall.

Die rote Grütze hat mir und meiner Schwester nicht besonders geschmeckt, sie war uns zu säuerlich.

Die Eschersheimer Landstraße ändert kurz ihren Namen und mündet in einen dieser Unorte der Nachkriegsarchitektur.

Dort, wo im Jahre 1833 Aufständische beim Frankfurter Wachensturm versuchten, in Deutschland eine Revolution auszulösen, übergibt sich die schöne Straße in einen häßlichen trichterförmigen Schlund, die sogenannten B-Ebene der Hauptwache.

In diesem Zwischengeschoss zwischen Straße und S-Bahn mit seinen Geschäften und Zugängen zu den Kaufhäusern wimmelt eine wie aus Flauberts „Salambo“ entwichene Menschenfauna:

Sikhs mit Turbanen in knalligen Farben durchqueren mit würdevollen Schritten den Ort.

Gangmitglieder von „La Mina“, „Club 77“ oder den „Turkish Power Boys“ lungern herum. Ihre Uniform besteht aus Chevi Kosmos-Jacken und Frisuren wie Javier Bardem in „Perdita Durango“, Butterflymesser werden klackernd auf und zu geschnappt und Nunchakus zischen durch die Luft.

Ein Mann mit langem Bart spielt virtuos Bach auf einer Geige.

Agitierte Psychotiker, gestikulieren wild und hadern und streiten lautstark mit den Stimmen in ihrem Kopf.

Verkommene Gestalten knien auf dem Boden und malen mit Kreide Heiligenbilder auf speziell hierfür verlegten großen Bodenplatten nach. Als Vorlage dient ihnen eine kleine Postkarte, die an ihrer Blechschüssel mit den Pfennig- und Markstücken lehnt.

US-Soldaten marschieren in ihren Uniformen mit Woodland-Camo Muster und auf Hochglanz gewienerten schwarzen Stiefeln durch die Szenerie. Die weißen Soldaten trugen einen „crew cut“, die schwarzen führten eine akkurat getrimmte „Box“ auf dem Kopf spazieren.

Die B-Ebene war ein Moloch, kein schöner lichter Raum wie heute mit hellen Lichtern und breiten Sichtachsen.  In meiner Erinnerung herrscht dort ein Geschiebe und Gedränge. Von oben kommt durch ein Kassettenmuster in der Decke düsteres Funzellicht.

Die Frau in der chemischen Reinigung mag vielleicht lieb sein, aber sie hat ein giftiges, graues Gesicht und stechende Augen. Sie trägt einen grauen Kittel. Überhaupt die Kittel. Zur damaligen Zeit trug ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung eine Art „Amtstracht“, die bei vielen eben in einem weißen oder grauen Kittel bestand.

Das Stadtbild war damals schäbiger. Die Lichter waren anders, keine angenehmen LED-Landschaften, sondern Neon, das hinter Henninger-Schildern in die Dunkelheit leuchtet, verrußte Fassade. Häuser, die mit bräunlichen Kacheln gefliest sind.

Es gab noch viel mehr Kaputtnicks aus der Nachkriegszeit. In meiner Erinnerung sind die Gesichter der Menschen herber, zerklüfteter. Ihre Blicke sind eindringlicher. Man merkt ihnen an, dass sie noch ganz andere Dinge im Leben durchgestanden haben.

Auch wenn die Deutschen damals rauh und unfreundlich waren, habe ich sie auf verdrehte Weise in angenehmer Erinnerung. Sie waren authentischer und auch ehrlicher.  Nicht wie heute diese neurotischen Selbstoptimierer, die wie bekiffte Rinder auf ihre Smartphones starren.

Diese Atmosphäre hat sich vollkommen in Luft aufgelöst und die US-Soldaten, die das Stadtbild so stark geprägt hatten, sind verschwunden wie ein Spuk.

Heute habe ich mein Büro in der Eschersheimer Landstraße, weil rein zufällig dort eins frei war, und manchmal, wenn ich ins Sinnieren gerade, denke an den Schulhof der H-Schule, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist und die Möwen, die an einem nebligen Wintertag auf dem Schulhof nach alten Pausenbroten schnappen, meinen Freund E., dessen Weg sich irgendwann von meinem getrennt hat und an die schöne Türkin N., deren Weg sich von mir entfernt, wieder angenähert und wieder entfernt hat.

Dieser Text ist ein Beitrag zu Jules van der Leys  Blogparade „Die Läden meiner Kindheit. Ein literarischer Ausflug in eine versunkene Alltagskultur“.

 

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Drei Phasen des französischen HipHop

Als französischer Rap Anfang der 90er populär wurde, habe ich das Phänomen eher skeptisch beäugt. Ich hielt die französische Sprache für vollkommen unpassend für Rap. Zu weich, die Konsonanten nicht hart genug und die vielen Nasallaute machten die Sprache für Rap vollkommen ungeeignet

Außerdem war die französische Popkultur bisher immer mit großer Verspätung auf einen schon jahrelang fahrenden Zug aufgesprungen und bot der Welt ihre billige, abgeschmackte Kopie an. Dachte ich damals.

Aber die Dinge gerieten Ende der 80er / Anfang der 90er in Bewegung. Es war dieser Zeitpunkt, unmittelbar bevor Frankreich in Sachen Musik stilprägend wurde, nicht nur im HipHop, sondern auch in der House- und Clubmusik, und endgültig den Status als Lieferant für Interpretationstexte für Studienräte mit Französisch-LK oder als Hintergrundbeschallung für schwule Friseure hinter sich ließ.

Der französische Rap hatte eine besondere Eigentümlichkeit und auch Vielschichtigkeit, mit der er sich sehr schnell von den amerikanischen Pionieren emanzipierte.

Der französische HipHop war funky…

 

 

 

…poetisch…

 

 

 

…vage sozialkritisch…

 

 

Wenn man sich diese Clips anschaut, kann man ohne falsche Nostalgie sagen, dass es eine goldene Zeit voller Optimismus war, irgendwie ergriffen von einer Euphorie des herannahenden neuen Jahrtausends und dennoch mit der Eleganz und dem Feingefühl der 90’s, ohne die übertriebenen „Badass“-Attitüden die später kamen als die Gewalt nach 9/11 in der Kultur ihren Widerhall fand.

Der Stil und die Ästhetik änderte sich in den 2000er Jahren. Die Tracks und Videoclips orientierten sich an den Gangsterrap-Epen aus den USA. Es dominierte der harte „9-3“-Akzent aus den nördlichen Pariser Vorstädten mit seinen abgehackt ausgesprochenen Silben, den harten Konsonanten und irgendwie deplazierten Zischlauten. Die Zeit stand im Zeichen der Härte. Kein Platz mehr für Wortwitz und Poesie.

Ikone dieser Ära ist Kaaris, der trotz der Zurschaustellung der genretypischen Attribute – die Zelebrierung der Gewalt, die Zurschaustellung von Drogen, Geld und Waffen – mit seinen morbiden und gleichzeitig intelligenten Reimen zu Recht großen Erfolg hat.

 

 

Vor kurzem ist eine neue Phase in Kraft getreten. Die „Post-Gewaltphase“, wie ich sie persönlich nenne. Sie ist in gewisser Weise auch ein Spiegelbild der gegenwärtigen mentalen Verfasstheit in Frankreich, die zwischen Kampfgeist, Gleichgültigkeit und sozialem Rückzug schwankt. Sie spiegelt die Resignation der Franzosen wider, keine aussichtslosen Kämpfe mehr auszufechten, sonder sich in seine eigene Welt zurückzuziehen.  Diesem neuen Rap ist es egal, ob die Mehrheitsgesellschaft ihn versteht. Er schielt nicht mehr auf die Chartgipfel, sondern nur noch auf seine Banlieue-Klientel. Der neue heiße Scheiß heißt PNL, Abkürzung für Peace ‚n‘ Love.

 

Die Stimmung ist verkifft-verpeilt mit vielen slow-, fast- und reverse-motions. Übertriebener Autotune-Einsatz. Die Sprache ist sehr komplex mit vielen Versatzstücken aus dem Arabischen, dem Verlan und für Außenstehende kaum verständlichen Banlieue-Soziolekten.

Es geht hauptsächlich ums Kiffen, die Einsamkeit in der Vorstadt und Probleme mit der Polizei. Erstaunlich sind in jedem Fall die wahnsinnig aufwendig produzierten Videoclips. Der Clip „Le Monde ou Rien“ von PNL wurde nicht in den Banlieues gedreht, sondern in den „Vele de Scampia“ genannten Häuserblocks von Neapel, die einen zentralen Platz der Camorra-Recherche „Gomorrha“ von Roberto Saviano einnehmen.

Selbst die Szenerie wird von Frankreich entkoppelt, von diesem verstörten und verängstigten Land, das von den Dämonen einer unaufgearbeiteten Kolonialgeschichte gemartert und von seinen verdrängten Alpträumen heimgesucht wird und jetzt die Rechnung für seine Sünden präsentiert bekommt: für die Arroganz und die Verachtung, mit dem es seine armen Bevölkerungsschichten in die Betonklötze abgeschoben und sie dort vergessen hat. Abgeschnitten von allen Ressourcen für ein erfolgreiches Leben.

Ich bin gespannt, welche Veränderung die nächste Phase bringen wird.

Mittlerweile haben sich PNL in eine eigene solipsistische Parallelwelt verabschiedet:

Die neuen Videos wirken durch die hochwertige Produktion und die Drohnenkamerafahrten spektakulär, aber die Texte sind größtenteils nur noch dadaistisches Gestammel.

Auch ein neuer Stern am französischen Raphimmel begeistert mich nicht wirklich.

Auch hier kein Witz und keine Poesie mehr. Nur noch stakkatohaftes Skandieren von Drogendealersprech („bicrave“, „peufra“, „teshi“ usw.).

Nichts für mich, aber ich bin ja auch in den 90ern hängengeblieben.

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So geht Abenteuer! Eine Anleitung in 24 Schritten.

Ein schöner Text mit guten Anregungen.

Avatar von Andreas MoserDer reisende Reporter

Ausgehend von La Paz in Bolivien wollte ich auf den Chacaltaya. Es schien mir ein recht einfach zu besteigender Berg über 5000 m zu sein, also eine gute Möglichkeit, einen neuen Höhenrekord aufzustellen, ohne Gletscherspalten überwinden und Yetis bekämpfen zu müssen.

Da in dieser Gegend niemand wohnt, gibt es keinen Linienbusverkehr wie fast überall sonstwo in Bolivien. Ich ging also zu einer der vielen Reiseagenturen, die in La Paz alle das gleiche anbieten: Salzsee in Uyuni, mit dem Fahrrad die „Todesstraße“ hinab, Tagesausflug nach Tiwanaku und auch einen Ausflug zum Chacaltaya. Letzteres gibt es nur gebündelt mit einem anschließenden Besuch des Valle de la Luna, in dem ich bereits einen halben Tag zugebracht hatte. Die Kombitour kostet 100 Bolivianos, etwa 15 Euro und damit eigentlich nicht viel. Ich brauchte aber nur den Bus am Morgen zum Chacaltaya, würde dort die Tour verlassen und entweder die 25 km zurück nach…

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Dokumentarfilm „Soldiers in Hiding“

Dank Youtube habe ich wieder einmal einen interessanten Dokumentarfilm wiedergefunden, den ich zuletzt Ender der 80er / Anfang der 90er Jahre auf irgendeinem Dritten Programm gesehen habe.

Der Film handelt von Vietnam-Veteranen, die nach der Heimkehr keinen Zugang mehr in die Zivilgesellschaft gefunden haben. Stattdessen verbergen sie sich, verstört oder verbittert in den unendlichen Wäldern vor ihren Mitmenschen. PTSD oder PTBS war in den 60er und 70er Jahren nur ein Arbeitsbegriff von einigen Psychiatriekoryphäen. Noch keine Diagnose und schon gar kein Ansatz für eine Therapie für Männer, die von den Dingen, die sie getan oder gesehen haben, traumatisiert waren.

Alles, was es damals gab, war der Ratschlag, sich verdammtnochmal zusammenzureißen und wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Vielen gelang es, vielen aber auch nicht. Manchen gelang es nicht mehr, nach den extremen Adrenalinkicks einem normalen Schreibtisch- oder Fabrikjob nachzugehen. Doch manche haben auch Erfahrungen extremer Gewalt gemacht oder Todesangst durchlebt. Menschen zu töten ist eine extreme Erfahrung, die Aufhebung jeglicher zivilisatorisch antrainierter Hemmungen. Wie kann man danach wieder in die Gesellschaft zurückkehren und so tun, als wäre nichts gewesen?

Wer getötet hat, befürchtet, nicht mehr adäquat in „normalen“ Situationen reagieren können. Mehrere der Männer berichten in den Interviews davon, Angst davor zu haben, bei Konflikten die Kontrolle über sich selbst zu verlieren und Gewalt anzuwenden. Es ist auch eine Angst vor sich selbst. Die Befürchtung, sich selbst, seinen Emotionen und Reflexen nicht mehr trauen zu können. Ohne Behandlung waren diese Männer, die so hellsichtig waren, die Gefahr, die von ihnen ausgeht selbst zu erkennen und sich von allem zurückzuziehen, für die Gemeinschaft ihrer Mitmenschen verloren. Beute ihrer Erinnerungen an diese Erlebnisse, die sie nicht vergessen und nicht verarbeiten können. „Nicht verarbeiten“ bedeutet, die Gefühle von Schuld, Ekel, Panik nicht loswerden zu können. Täglich von diesen Intrusionen und Dämonen gequält zu werden, die einfach nicht verschwinden wollen. Wie ein schweres Mobelstück, das sich nicht verrücken lässt, wie Sperrmüll, der die Seele verpestet, wie ein Brocken, den man einfach nicht schlucken und verdauen kann.

Der Kontrast ist irgendwie verblüffend zwischen diesen schüchternen, sanften, bärtigen irgendwie verpeilt wirkenden Männern und dem, was sie aus ihrer Zeit in Vietnam berichten.

Interessant auch das nur flüchtig behandelte Thema Familie. Einige der Männer sind verheiratet und haben Kinder. Doch keiner ist in der Lage eine „normale“, d.h. beständige Beziehung zu unterhalten. Sie sind rastlos und können nicht lange an einem Ort bleiben. Es wird oft vergessen, dass Traumata über Generationen hinweg an die Kinder weitergegeben werden und sich all das auf Familien- und Beziehungsmuster auswirkt. Ich bewundere die Frauen in diesen Filmen, die trotz allem zu ihren Männern stehen. Gibt es solche Frauen heute noch?

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Der Meister der absurden Delirien

In diesem Jahr hat der Sensenmann einige Celebrities und auch ein paar ganz Große geholt: Muhamad Ali, Leonard Cohen, David Bowie, Prince, um nur einige zu nennen.

Am vergangenen Sonntag hat Freund Hein jedoch auch einem Helden meiner Jugend das Licht ausgepustet. Jeder hat ja seine höchsteigenen Penaten und privaten Hausgötter, mögen es Musiker oder Schriftsteller sein, die in einer bestimmten Lebensphase wichtig und prägend waren und die man in schweren Zeiten anruft, um die schöne Zeit heraufzubeschwören.

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Marcel Gotlib, der am 4. Dezember 2016 im Alter von 82 gestorben ist, war für mich sowohl eine Art Offenbarung als auch ein Retter in der Humorwüste meines deutschen Exils. Sein Zeichenstil, seine skurrilen Gestalten und  noch viel mehr sein exzessiv ausufernder Humor und seine eskalierenden Storylines nahmen mich schon in dem Augenblick gefangen, als ich zum ersten Mal eins seiner Alben in den Händen hielt.

In einem Land, das – wie Oliver Polak so treffend beschreibt – humorbehindert ist und deren Einwohner weder Ironiefähigkeit noch Schlagfertigkeit besitzen, denen also alles abgeht, was man auf Französisch „second degré“ nennt, war ich mit meiner Begeisterung für Gotlib recht allein.

Gotlib hat ein paar fabelhafte Figuren geschaffen. Zu Beginn seines Werdegangs den fast noch braven „Gai-Luron“, der Hund, der niemals lachte, oder „Momo le morbaque“, die fromme und gottesfürchtige Filzlaus.

Doch dann kam schon „Pervers Pépère“, ein bösartiger, geiler, alter Lustmolch, der mit sadistischer Freude sowohl Frauen als auch Kindern nachstellt.

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Gotlib . Pervers Pépère

 

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Auch „Superdupont“ hat mittlerweile sogar als Metapher Eingang in das kulturelle Erbe Frankreichs gefunden. Mit „Superdupont“ hat Gotlib sich einen eigenen ironischen Superhelden geschaffen, mit dem er französischen Nationalismus und Chauvinismus auf die Schippe nehmen konnte. Ausstaffiert mit der Trikoloreschärpe, Pantoffeln und Baskenmütze brachte „Superdupont“ wirkliche oder eingebildete Feinde Frankreichs zur Strecke (oder scheiterte dabei).

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Sein unübertroffenes Meisterwerk ist in meinen Augen die Geschichte „God’s club“. Jupiter lädt alle seine Götterfreunde aus den verschiedenen Weltreligionen zu sich ein, um eine riesige Party zu feiern, zu saufen, zu kiffen und Pornos zu schauen.

 

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Gotlib räumte in einem seiner Interviews ein, dass solche Comics nur in der spezifischen Giscard-Ära erscheinen konnten. Die Geschichte mit den Göttern könnte er heute überhaupt nicht mehr zeichnen. Nicht wegen der Zensur, sondern weil sie entweder Morddrohungen oder unweigerlich nicht endende, sinnlose Diskussionen über Islamophobie, Rassismus und Sexismus nach sich ziehen würden.

Lange Zeit habe ich nicht gewusst, dass Gotlib Jude war. Vom Namen her hielt ich ihn für den Nachkommen irgendeines deutschstämmigen Immigranten, den es von irgendwoher in seiner wechselvollen Geschichte nach Frankreich verschlagen haben mochte.

Wie so viele assimilierte französische Juden hat er für sich den Kompromiss gefunden, sein Judentum nicht zu verleugnen, es aber auch nicht an die große Glocke zu hängen. Er selbst bezeichnete sich als Atheist. Religion diente ihm nur als Vorlage für seinen freundlichen Spott.

Erst durch die Lektüre seiner Autobiographie „J’existe. Je me suis recontré“ ist mir das vollständige Ausmaß einer traumatischen Jugend im besetzten Frankreich bewusst geworden. Gotlib kommt ausgerechnet an einem 14. Juli des Jahres 1934 zur Welt. Sein Vater, ein ungarischer Jude aus Transsylvanien, trägt den für diese Region ungewöhnlichen Namen Ervin Tzvi Gottlieb. Ein französischer Standesbeamter verschlampt ein „t“ auf der Urkunde. Marcel unterschlägt für seinen Künstlernamen noch ein „e“. Seine Mutter Régine Berman stammt aus Ungarn.

Gotlib hat die ihm eigenen Stilmittel des Humors und der Ironie gewählt, um seine eigene Biographie auf Distanz zu halten. Ihm gelingt das unwahrscheinliche Kunststück, selbst tragische Ereignisse auf derart urkomische Weise zu erzählen, dass man trotz allem wider Willen lachen muss.

Gotlibs Vaters Obsession war es, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Aus diesem Grund benahm er sich wie ein untadeliger Musterfranzose. Und so schildert Gotlib aus Gründen der Pointe wie glücklich sein Vater war, dass die beiden Polizisten, die ihn für den Transport in die Lager abholen, ihn doch noch gefunden haben, nachdem sie sich in der Tür geirrt hatten. Sonst hätte er seine Einbürgerung sicherlich begraben können. Ervin Tzvi Gotlib wurde im Jahr 1945 in Buchenwald ermordet.

Andererseits verdankt er sein eigenes Leben einem anderen Polizisten. Dieser warnte die Familie vor einer unmittelbar bevorstehenden Razzia. Gotlibs Mutter flüchtet mit ihren beiden Kindern zu einer italienischen Nachbarin, die ihnen mitten in der Nacht vollständig angekleidet die Tür öffnet, als wenn sie sie schon erwartete. Im ihrem Wohnzimmer befinden sich schon 20 andere jüdische Nachbarn, die ängstlich und mucksmäuschenstill das Ende der Razzia erwarten.

Während seine Mutter sich als Dienstmädchen in Paris durchschlägt und versucht, der Gestapo aus dem Weg zu gehen, überlebt Gotlib mit seiner Schwester die Zeit der Besatzung versteckt bei einer Bauernfamilie in der Normandie.

Die Bauersleute sind allerdings keine großherzigen Humanisten, sondern geldgierige Raffkes, die es auf die Sonderrationen und die Lebensmittelpakete der Kinder abgesehen haben. Gotlib beschreibt sie als eine Art „Thénardiers“ nach dem habgierigen und niederträchtigen Ehepaar, das Victor Hugo in seinem Epos „Les Misérables“, so meisterhaft und prägnant beschrieben hat.

Diese Episode seines Lebens hat er in einer sehr ergreifenden und herzerweichenden zweiseitigen Geschichte verarbeitet.

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Gotlib resümiert seine Gefühle nach der Befreiung, dass er vor dem Paradoxon stehe, Menschen das Leben zu verdanken und ihnen dennoch nicht einen einzigen Funken Dankbarkeit entgegenbringen könne.

Marcel Gotlib hat im Jahr 1984, an seinem 50. Geburtstag, aufgehört zu zeichnen, ohne dafür jemals eine Erklärung zu geben. Er lebte zurückgezogen in seinem Haus außerhalb von Paris und widmete sich der Musik des von ihm spät entdeckten Debussy.

Das Museum für jüdische Kunst und Geschichte in Paris hat ihm zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 2014 eine Ausstellung gewidmet. Sein Selbstportrait, das ihn als Alex aus „Clockwork Orange“ zeigt, hängt in meinem Büro über meinem Aktenschrank.

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Manche Klienten betrachten es mit einem ratlosen bis befremdeten Gesichtsausdruck. Ich lache dann leise in mich hinein. In meinem Innern glimmt still das Feuer, das er mit seinen irren, überdrehten Geschichten entfacht hat.

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