Wettlauf gegen die Zeit

Die Zeit ist schon fast abgelaufen. In etwas mehr als drei Monaten werden die Ermittlungen von Rechts wegen beendet werden müssen. Die Verbrechen der in Belgien präzedenzlosen Mordserie werden für immer ungesühnt bleiben.

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Während die Verjährung bereits ihre Schatten vorauswirft, befinden sich die Ermittlungen gegen die Mörder mit den Masken im Stadium des klinischen Todes. Doch bevor die lebenserhaltenden Maßnahmen am 9. November 2015 abgestellt werden, verfällt die Untersuchungsrichterin Martine Michel in Aktionismus. Anscheinend wollen sich die Verantwortlichen kurz vor dem unausweichlichen Scheitern der Aufklärung der außergewöhnlichen Mordserie nicht dem Vorwurf aussetzen nicht noch einmal alle Ermittlungsansätze überprüft zu haben.

Westland New Post

Zuletzt wurde ein Aktivist aus dem rechtsextremen Milieu verhaftet und zum Verhör nach Brüssel gebracht. Es handelt sich hierbei um Michel Libert, der ehemaligen Nummer 2 der neonazistischen Geheimorganisation „Westland New Post“ (WNP), von der nicht wenige überzeugt sind, dass sie ein Kettenglied des NATO-Geheimnetzwerks Gladio gewesen sei.

Der WNP, der sich aus Neonazis, rechtsextremen Militärs und Gendarmen zusammensetzte, hatte sich die Aufgabe gesetzt, Parteien und Verbände zu infiltrieren, um seinerseits eine angenommene kommunistische Unterwanderung der belgischen Politik zu vereiteln und Politiker und Funktionsträger zu beeinflussen.

Mit dem Verhör bezweckte die Untersuchungsrichterin, frühere Aussagen Liberts mit aktuellen Erkenntnissen abzugleichen. Diese betrafen angebliche Anweisungen Liberts, Supermärkte zu observieren und auszukundschaften. Supermärkte waren die bevorzugten Ziele der Raubüberfälle der Mörder von Brabant.

Interessante Erkenntnisse hat die Befragung nicht erbracht, so dass Libert wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Die verfolgte Spur ist dennoch symptomatisch für das jahrzehntelange plan- und ergebnislose Stochern im Nebel. Je länger sich die Ermittlungen hinzogen und je mehr sich unfassbare Pannen häuften, desto mehr wucherten die abenteuerlichsten und absonderlichere Theorien über die Täter und ihre Motive. Große Kriminalfälle, ungreifbare Täter, Ermittlungspannen sind das perfekte Biotop auf dem Verschwörungstheorien blühen, deren Verbreiter von der Implikation staatlicher Stellen, ausländischen Geheimdiensten und Vertuschungen von „ganz oben“ raunen.

Bis heute hält sich beispielsweise der Verdacht, die Morde seien in Wirklichkeit ein Putschversuch durch rechtsextreme Teile des Sicherheitsapparats gewesen, die durch Morde und Anschläge eine Verstärkung der inneren Sicherheit erzwingen und somit mehr Befugnisse, mehr Einfluss und mehr Macht für ihre Organe herbeiführen wollten.

Unseriöse „Wissenschaftler“ und sensationsgierige Journalisten haben ihren eigenen Anteil daran, dass Verschwörungstheorien in den Rang der Wahrheit erhoben werden. Daniele Ganser, seines Zeichens Historiker und selbst ernannter Experte auf dem Gebiet von Gladio ist überzeugt, dass die Mordserie in Wirklichkeit fingierte Anschläge im Zuge der Strategie der Spannung waren. Allerdings präsentiert er seine Theorie ohne nachprüfbare Belege, seine „Nachweise“ sind im Ergebnis nur äußerst schlampig begründete Zirkelschlüsse.

Alle Theorien lassen sich zwar hören und einzelne Indizien können tatsächlich in die Richtung der einen oder anderen Hypothese deuten. Das große Manko ist jedoch: es wurden keinerlei objektive Nachweise gefunden, mit denen diese Theorien bewiesen werden konnten.

Es scheint fast so, dass die Realität, wie so oft, viel profaner ist.

Raubtiere

„Ce sont des prédateurs“, hämmerte der Staatsanwalt seinen Gesprächspartnern bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein. Er meinte damit, dass die Täter keine Terroristen, keine Monster und keine Geheimdienstkiller waren, die mit Terroranschlägen den belgischen Staat aus den Angeln heben wollten, sondern nichts weiter als dreckige, kleine Kriminelle mit niedrigen, dreckigen Motiven. Räuber, denen es nur um die Beute ging, egal wie gering sie auch sein mochte.

Damals wollte niemand auf den umstrittenen und autoritären Ankläger Jean Deprêtre hören. Man hielt ihn für einen starrsinnigen Staatsanwalt, der auf dem einfachsten Weg und ohne Vorstellungskraft für andere Motive oder Tätergruppierungen seine Anklage durchboxen wollte. Zu banal und zu wenig „sexy“ war seine Sichtweise auf die Affäre. Manche warfen ihm auch vor, die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung zu lenken, um die wahren Täter zu schützen. Im Nachhinein könnte er Recht behalten haben.

Profiling

Führt das „Profiling“ auf die Spur der Täter? Eine Neubeurteilung der Fakten und Tatsachen erfolgte durch das Gutachten einer Fallanalytikerin, die vom Gericht mit der operativen Fallanalyse der Taten beauftragt worden war. Mehr als zwei Jahre hat sich Danièle Zucker in die mehrere zehntausend Seiten umfassende Akte vertieft,

Ohne sich von Theorien und Motiven ablenken zu lassen, hat sie eine verhaltenspsychologische Methode mit der geografischen Fallanalyse der Tatorte verbunden, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Auf diese Weise ist es ihr gelungen, neue Verbindungen zwischen Personen und Orten herzustellen, die zuvor übersehen oder vernachlässigt worden waren. Mehr noch: sie konnte Verdächtige, die vorher gar nicht im Fokus der Ermittlungen standen, eindeutig benennen und dadurch neue konkrete Ermittlungsansätze vorschlagen.

Zunächst identifizierte sie die Komfortzone der Täter, ausgehend von den mehrfach genutzten Örtlichkeiten, an denen die Mörder die Gewohnheit hatten, Fluchtfahrzeuge zu verbrennen oder Waffen zurückzulassen. Diese Orte scheinen für die Täter Orientierungspunkte zu sein, die sie sehr gut kannten, so dass man mit einiger Sicherheit davon ausgehen kann, dass sie in einem bestimmten Radius um diese Orte aufgewachsen sind oder leben.

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Nach Abschluss ihrer Expertise, die sich allerdings nur auf die erste Welle der Angriffe 1982 – 1983 beschränkt, zeichnet sie ein Bild der Bande, das deutlich von dem zuvor vorherrschenden Bild politischer Terroristen abweicht.

Es handelt sich danach um eine Gruppierung psychopathischer Täter, mit einer Tendenz zum Drogengebrauch. Die Bande selbst besteht aus ungefähr 5 bis 6 Mitgliedern, die zum Tatzeitpunkt zwischen 18 und 45 Jahre alt waren und von verschiedener ethnischer Herkunft. Sie haben, bis auf den engsten Kern, keine sehr feste Bindung zueinander, sondern sind eher eine Zufallsgemeinschaft. Die Täter werden von keiner Ideologie angetrieben. Ihre Taten haben keinen politischen Charakter. Ihre Beweggründe liegen im alleinigen Bereicherungs- und Gewinnstreben.

Die meisten Bandenmitglieder haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen kriminellen Hintergrund. Teils kann es sich um Vorstrafen ohne Gewaltdelikte handeln, beispielsweise Autodiebstähle oder Einbrüche. Andere haben sehr wahrscheinlich Gewaltvorstrafen (Körperverletzung, Raub, Mord).

Bei den verschiedenen Taten setzen sich die unterschiedlichen Mitglieder je nach ihrem kriminellen Know-how zusammen. Nach Beendigung des Delikts kehren sie jeweils zu ihren (teilweise) legalen Aktivitäten zurück.

Nach Auffassung der Profilerin üben die Täter vermutlich folgende Berufe aus: Mechaniker, Schweißer, Schrotthändler, Koch. Allgemeiner gesprochen muss man die Täter in den Reihen von Werkstattpersonal, Lagerarbeitern, Autohauspersonal, Restaurantpersonal suchen. In der Quintessenz der Täterprofile sieht sie eine schnell mobilisierbare und zu allem bereite Gruppierung.

Bei ihren Taten sind die Killer nur am Unmittelbaren interessiert. Das Geld wird in keiner Form „kapitalisiert“, also gespart, sondern es wird sofort ausgegeben, ohne es zu zählen. Die Täter holen das Geld dort, wo es zu finden ist; dasselbe gilt für Waren und Gebrauchsgegenstände, die sie an Ort und Stelle mitnehmen.

Entgegen früher vertretener Thesen gibt es bei den Taten keine ausgefeilte Planung der Operationen und der Fluchtwege. Der einzige Plan besteht darin, im Fall von Widerstand, sich den Weg freizuschießen.

Aus der Gruppe stechen drei Individuen heraus, die den engsten Kern der Bande bilden. Es handelt sich dabei um ein Zweierteam, das mit den blutigsten Attentaten der ersten Welle in Verbindung steht. Über das Bereicherungsstreben hinaus werden sie von einem Gefühl der Unbesiegbarkeit getrieben. Diese beiden Killer stehen unter dem Befehl eines Anführers, der in seiner Mordgier noch extremer ist.

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Der Anführer ist schießwütig und kaltblütig. Er ist sehr wahrscheinlich derjenige, der seine Morde mit seiner Handschrift signiert, indem er seine Opfer mit einem Schuss hinter das Ohr tötet.

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Diesem Anführer schreibt die Profilerin die Ermordung

zu.

Von dem Anführer entwirft die Fallanalytikerin Zucker das folgende Psychogramm:

Ein Mann, vermutlich mindestens 40 Jahre alt oder älter, ungefähr 1,70 m groß, untersetzt und hat gräuliche Haare. Er stammt aus einem niedrigen Sozialmilieu. Er verfügt über eine Intelligenz im mittleren Bereich, möglicherweise bis oberes Mittel. Er hat einen Hauptschulabschluss, eventuell eine mittlere Schulbildung. Seinem Charakter nach hat er eine hedonistische Lebensauffassung. Seine Interessen drehen sich um schöne Autos, Frauen, Glücksspiele, Feiern, Drogen, Alkohol. Zum Zeitpunkt der Tat hat er seinen Wohnsitz innerhalb eines Umkreises von 2,5 km um den Brüsseler Stadtteil Ixelles.

Er hat Vorstrafen und saß schon im Gefängnis. Die Taten, für die er verurteilt wurde, könnten aus dem Bereich eheliche Gewalt, Betäubungsmittelkriminalität, Autodiebstahl und –raub, Überfälle und sehr wahrscheinlich Tötungsdelikte stammen. Der Anführer ist eine psychopathisch-narzisstische Persönlichkeit, kalt, zur Empathie unfähig, gewalttätig, manipulativ, einzelgängerisch und nimmt übertriebene Risiken in Kauf. Er ist das Alphatier der Gruppe.

In welchen Bereichen könnte die Suche nach Mitgliedern der Bande ansetzen? Die Fallanalytikerin identifiziert zwei Domänen, die aus der Akte hervorstechen: Autodiebstahl und –hehlerei sowie das Restaurant- und Gastronomiegewerbe.

Mit diesen beiden Milieus unterhalten die Täter sehr enge Bindungen und arbeiten möglicherweise in diesen Branchen. Viele Indizien und Anhaltspunkte in der Ermittlungsakte legen Verbindungen zwischen verschiedenen Protagonisten in der Akte einerseits (Opfer, Verdächtige, Zeugen) und Autohäusern und Werkstätten sowie Restaurants nahe.

Die Auswertung des Aktenmaterials erbringt konkrete Anhaltspunkte für die Beteiligung von zwei konkret bezeichneten Personen an den Taten, von denen der eine Verdächtige in einer Werkstatt oder Autohaus arbeitete und der andere in der Küche eines Restaurants.

Der erste Verdächtigte ist ein Spanier, der in Akte mit dem Pseudonym „Alfonso“ bezeichnet wird. Er ist wegen Diebstahls vorbestraft und ein Spezialist im Umgang mit Schweißgeräten und Schneidbrennern. „Alfonso“ ist ein Knotenpunkt, bei dem drei Fäden aus der Akte zusammenlaufen: zwei Autodiebstähle und der Einbruch und Doppelmord in Nivelles im September 1983.

Die Schweizer Spur

Die wichtigste Person ist jedoch ein gewisser „Eddy“, ein Belgier. Im Jahr 1982 war er 18 Jahre alt und wohnte in Lembeek, einem Vorort südlich von Brüssel. Er arbeitete damals als Koch. Ein Detail, das Bedeutung haben könnten, weil bei der Ermordung des Hauswirtschafters José Van den Eynde in Beersel ungewöhnliche Küchenutensilien gestohlen werden. „Eddy“ kannte das Restaurant „Auberge des Chevaliers“ gut, denn seine Schwester hat dort zwischen 1981 und 1982 als Putzfrau gearbeitet.

Mit 18 Jahren hatte „Eddy“ bereits ein ungewöhnlich schweres Strafregister: Gebrauch von Betäubungsmitteln, Einbruch, Gewalttaten, Körperverletzungen, Bedrohung, Vergewaltigung.

Die schwerwiegenden Taten und das junge Alter deuten auf eine antisoziale Persönlichkeit mit einem psychopathischen Profil hin. Seine Mutter und seine damalige Freundin bestätigten im Nachhinein seine Gewaltausbrüche und seine Gefühlskälte.

Interessant ist auch, dass sich unter seinen Vorstrafen auch ein Angriff auf einen Taxifahrer auf der Strecke zwischen Beersel und Mons mit einem Messer findet. In Mons wurde der Taxifahrer Constantin Angelou im Januar 1983 mit einem Kopfschuss im Kofferraum seines Taxis aufgefunden. Er wurde mit derselben Waffe ermordet wie der Hausmeister José Van den Eynde im Restaurant in Beersel.

Nach Auffassung der Profilerin besteht absolute Gewissheit, dass „Eddy“ vor Ort war, als José Van den Eynde ermordet wurde. Wenn er kein Mittäter am Mord war, so war er ihrer Meinung nach mindestens eine Kontaktperson oder Gehilfe der Mörder. Auffällig sei auch, dass der Verdächtige ist am Tag nach der Ermordung des Hausmeister verschwunden ist.

„Eddy“ hat Belgien 1988 für immer verlassen und ist nie mehr zurückgekehrt. Wohin er gegangen ist, bleibt an vielen Stellen im Dunkeln. Später ist er in der Schweiz wiederaufgetaucht, wo er auch heute noch lebt. Danièle Zucker hat ihn dort gemeinsam mit einem Ermittler aufgesucht und befragt.

Nachspiel

Die Justiz hat sich für das Gutachten nicht besonders interessiert. Nach Einreichung der Analyse im Jahr 2010 ist nichts geschehen. Die Untersuchungsrichterin hat die Täterprofilanalyse in der Ausbeute was den Aufwand an Zeit und Geld gemessen am Ergebnis für recht mager befunden. Folglich unterblieb auch eine Untersuchung der zweiten Welle von 1985. Keiner der Vorschläge und Empfehlungen, die Ermittlungen neu aufzunehmen oder zu vertiefen, wurde aufgegriffen.

Das von Danièle Zucker gezeichnete Täterprofil ist ziemlich weit entfernt von den abenteuerlichen Szenarien, die eine großangelegte Verschwörung von Geheimdiensten, rechtsextreme Milizionären, Gangstern und Terroristen gegen den belgischen Staat zusammenphantasieren. Doch führt die Täterprofilanalyse tatsächlich zur Identifikation der Killer ohne Gesicht?

Die Hoffnung schwindet mit jedem Tag.

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Eine Feier für Baschar al-Assad

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Avatar von Andreas MoserDer reisende Reporter

Diktator, Massenmörder, Kriegsverbrecher. Das ist Baschar al-Assad.

In einer europäischen Hauptstadt findet eine Feier zu seinen Ehren statt. Das ist freie Meinungsäußerung. So beobachtet im April 2015 in Budapest, passenderweise auf dem „Heldenplatz„, zwischen Kunsthalle und dem Museum der Bildenden Künste.

Ich wunderte mich schon von Weitem, wieso an jenem Abend fröhliche und arabische Tanzmusik erklang. Zuerst vermutete ich ein harmloses Fest, aber als ich die Flaggen Venezuelas und dann die Syriens erblickte, erschien mir das Treiben mit Saft und Kuchen schon verdächtiger. Und tatsächlich: Es waren gerahmte Fotos von Baschar al-Assad aufgestellt und -gehängt.

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Nun kann ich durchaus nachvollziehen, dass sich manche Syrer die Zeit vor dem Arabischen Frühling zurück wünschen, als sie noch nicht von der eigenen Regierung bombardiert oder von Terroristen geköpft wurden. Naturgemäß wird während eines Bürgerkriegs immer die vorher bestanden habende Stabilität verklärt, auch wenn diese durch Unterdrückung aufrecht erhalten wurde. Doch übersieht diese Sichtweise Ursache…

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Der Levantiner

Unterwegs zum Internationalen Flughafen war mein Taxi in einen Stau geraten. Da sah ich plötzlich zu meiner Rechten vier Männer mit Pistolen im Hosenbund. Sie schleiften einen fünften zur Tür seines Hauses heraus. Eine Frau – vermutlich seine Ehefrau – stand, die Hände in den Stoff ihres Bademantels gekrallt, hinter der Tür im Schatten und weinte. Der Mann wehrte sich nach Kräften; er schlug um sich und trat mit den Füßen nach den Angreifern. In seinen Augen lag nacktes Entsetzen. Für den Bruchteil einer Sekunde, kurz bevor das unglückselige Opfer in einen bereitstehenden Wagen verfrachtet wurde, trafen sich unsere Blicke. Seine Augen sagten nicht: Hilf mir! Aus ihnen sprach nichts als Angst. Der Mann wußte genau, dass ich ihm nicht helfen konnte. Das war Beirut.

Thomas L. Friedman, Von Beirut nach Jerusalem

Der Abend war angebrochen als die Maschine aus Paris auf der Landepiste in der geteilten und umkämpften Stadt aufsetzte.

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Als die beiden Franzosen aus der Ankunftshalle traten, war ein Feuerkampf im Gange. Direkt neben dem Flughafen, auf der anderen Straßenseite, erstreckt sich das palästinensische Lager Bourj al-Brajneh. Milizionäre der schiitischen Amal beschossen die PLO-Kämpfer, die sich in dem Lager verschanzt hatten. Der Gefechtslärm der Kalaschnikows und der abgefeuerten RPG-7 drang zu den Familien, Geschäftsleuten und Journalisten, die sich um ein Taxi balgten, das sie in die Innenstadt bringen sollten.

Doch das Taxi, das die beiden Männer schließlich ergattern konnten, kam nicht an seinem Bestimmungsort an. Auf der schnurgeraden Schnellstraße stellte sich ein Auto vor dem Taxi quer. Bewaffnete packten die beiden Männer, warfen sie in ein Auto und fuhren davon.

Vor dreißig Jahren wurde der französische Soziologe Michel Seurat gemeinsam mit dem Journalisten Jean-Paul Kauffmann in Beirut von der Organisation „Islamischer Dschihad“ entführt. Michel Seurat hat die Geiselhaft nicht überlebt. Heute soll seiner gedacht werden.

Michel Seurat

Michel Seurat war ein Grenzgänger. Ein intimer Kenner des Nahen Ostens, ein in den Orient verliebter, ein Experte, der fließend Arabisch sprach und in den Ländern seiner Feldforschungen lebte. Sein Witwe Marie Seurat sagte später über ihn: Von der Nationalität her war er zwar Franzose, aber im europäischen Alltag fand er sich nicht zurecht.

1947 im tunesischen Bizerte geboren, erlebte er als Jugendlicher den Beschuss der Stadt durch französische Truppen. Ein einschneidendes Erlebnis, das ihn für immer prägen sollte. Michel Seurat, der fast sein gesamtes erwachsenes Leben in den Ländern des Nahen Ostens lebte, war ein Einzelgänger, der mit der Beharrlichkeit und dem Eigensinn des Sonderlings seine soziologischen Studien für das französische Forschungszentrum CNRS betrieb.

Noch heute inspirieren sich jüngere Kollegen wie Gilles Kepel von seinen Erkenntnissen. Sein großes Verdienst ist das Verstehen und das Herausarbeiten der Ursprünge der Herrschafts- und Machtzirkel und ihrer Entscheidungsprozesse in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens.

Im Gegensatz zu vielen seiner damaligen Kollegen, denen man entweder ideologische Borniertheit oder aber intellektuelle Faulheit vorwerfen kann, begnügte er sich nicht mit den einfachen Erklärungsansätzen und dürftigen Schablonen wie die Gegensätze Imperialismus/Kommunismus oder der Ost-West-Konflikt, wenn es darum ging, bestimmte Handlungsweisen zu bewerten oder Reaktionen zu antizipieren. Seine Forschungen haben nachgewiesen, dass die Prozesse der Entscheidungsfindung und Willensbildung im Nahen Osten unverändert nach dem Konzept der Asabiya, also nach dem Prinzip des Stammeszugehörigkeitsgefühl und der tribalen Sippensolidarität erfolgen so wie sie Ibn Khaldoun vor hunderten von Jahren beschrieben hatte.

Auch und gerade heute haben seine leider nur schwer zugänglichen Texte für das Verständnis der Hintergründe des Auseinanderfallens der Staaten im Maschreq eine große Bedeutung und sind noch immer aktuell, da heute wie vor dreißig Jahren Verschwörungstheoretiker, Wichtigtuer und Pseudoexperten die Aufmerksamkeit der Medien haben.

Neben seinen soziologischen Feldforschungen hatte Michel Seurat zwei besondere Interessensschwerpunkte, die ihn fesselten: der islamische Extremismus und die syrische Diktatur der Assad-Familie, deren Repressionssystem er in mehreren Artikeln unter dem Pseudonym „Gérard Michaud“ analysierte.

Es gelang ihm, Insiderinformationen über das Massaker von Hama 1982 und über die Ermordung von hunderten Häftlingen im Gefängnis von Tadmor zu beschaffen. Nebenher stellte er Studien über sunnitische Extremisten in der nordlibanesischen Stadt Tripoli an.

Seine Sammlung von Essays und Artikeln über die syrische Gewaltherrschaft, die er unter dem Titel „L’État de barbarie“ veröffentlichte, brachte ihm die Feindschaft des syrischen Diktators ein, obwohl dieser nicht wusste, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg.

Die Entführung

Entführungen waren seit Beginn der Kampfhandlungen im Libanon ein übliches Mittel der Kriegsführung der verschiedenen Konfliktparteien. Seit dem Beginn der 1980er Jahre, nachdem die „Islamische Revolution“ im Iran die Mullahs an die Macht gebracht hatte, gerieten vor allem US-Amerikaner und Franzosen ins Fadenkreuz der Kidnapper.

Michel Seurat war im Mai 1985 für einige Tage in Paris gewesen und wollte nun zu seiner Frau und seinen beiden Töchter, mit denen er in Beirut lebte, zurückkehren. Stattdessen landete er in einem finsteren Verlies.

Über die Gefangenschaft, die Michel Seurat erdulden musste, gibt es nur bruchstückhafte Informationen. Sein Leidensgefährte Jean-Paul Kauffmann wurde im Mai 1988 nach fast dreijähriger Geiselhaft freigelassen. Von dieser Erfahrung schwer gezeichnet hat er sich bis auf einige Interviews kurz nach seiner Freilassung geweigert, über die Zeit seiner Gefangenschaft zu sprechen.

Wie es ist, Geisel des „Islamischen Dschihad“ zu sein, darüber kann ein anders Entführungsopfer präzise Auskunft geben.

Der französische Journalist Roger Auque wurde im Januar 1987 vor seinem Wohnhaus in der Rue Azar in West-Beirut von einem bewaffneten Kommando entführt.

An dieser Stelle bietet sich ein kleiner Exkurs zur Person an. Roger Auque, der im vergangenen Jahr einem Krebsleiden erlegen ist, war eine schillernde und illustre Persönlichkeit mit vielen Geheimnissen. Vor seiner Karriere als Reporter war er als junger Mann schon einmal im Libanon gewesen. Kurz nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges kämpfte er auf Seiten der christlichen Phalange gegen die Palästinenser. Auch wenn er sich nach der Geiselhaft geschworen hatte, den Journalistenberuf an den Nagel zu hängen, berichtete er noch mehrere Jahre aus dem Irak. Nach seiner Karriere als Reporter wurde er zum französischen Botschafter in Eritrea ernannt. Kurz vor seinem Tod wurde bekannt, dass er der leibliche Vater von Marion Maréchal-Le Pen, der hübschen Front-National-Nachwuchshoffnung und Enkelin des Parteipatriarchen Jean-Marie Le Pen ist.

Posthum kam auch heraus, dass er unter der Alibi seiner Reportagen Aufklärungsmissionen für den Mossad und die CIA betrieben hat, was im Hinblick auf seine journalistische Neutralitätspflicht und das journalistische Berufsethos einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

Auque hat kurz nach seiner Freilassung mit seiner scharfen und präzisen Beobachtungsgabe, die nicht nur den guten Journalisten, sondern auch den guten Agenten ausmacht, einen minutiösen Bericht über seine Erlebnisse geschrieben. Der Bericht trägt den lakonischen Titel „Un otage à Beyrouth“. Ein äußerst spannendes Buch und wertvolles Dokument über die Täter, ihre Motive und ihre Hintergründe.

Den ersten Tag seiner Gefangenschaft verbringt er sitzend in einer Tiefgarage in einem Auto mit einer Papiertüte auf dem Kopf, während seine Entführer ihn immer wieder in eine falsche Sicherheit wiegen, es sei alles nur ein Fehler und eine Verwechslung, spätestens morgen sei er wieder frei.

Doch Roger Auque kommt nicht frei. Er wird noch am selben Abend in ein winziges unterirdisches Verlies verschleppt, das sich im Kellergeschoss eines Hochhauses befindet, das Auque anhand mehrerer Indizien im Stadtteil Ouzai ganz in der Nähe des Flughafens lokalisiert. Die Entführerorganisation hat einen Teil des Kellergeschosses mit mehreren winzigen Zellen ausgebaut. Es sind noch andere Geiseln in den Zellen, aber Auque ist es verboten, sich bemerkbar zu machen. In seinem winzigen Verlies von 1,75 m x 1,75 m x 1,80 m muss er sich zwingen, nicht zu brüllen und nicht den Verstand zu verlieren. Nach einem Monat wird er in ein anderes Gefängnis gebracht. Es ist ein vollständig abgedunkeltes Zimmer in einer Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses, das die Bewohner verlassen haben, vermutlich im Stadtteil Bir el-Abed, der Hisbollah-Hochburg in Süd-Beirut.

Später wird eine andere Geisel zu ihm in das Zimmer gesperrt, der koreanische Botschaftsangehörige Chae Sueng Do, der schon mehr als ein Jahr länger gefangen ist und das Gefühl für Raum und Zeit verloren hat. Auch der Koreaner war zu Beginn der Gefangenschaft in der winzigen Zelle in Ouzai. Er erzählt eine groteske Geschichte, wie er versuchte durch einen kleinen Spalt im Mauerwerk Kinder auf sich aufmerksam zu machen, die auf der Straße spielten. Doch die Kinder helfen ihm nicht, sondern wiederholen lachend und singend den fremdartigen Namen. Kurz darauf nimmt der Gemüseverkäufer die Melodie auf, um die Kunden anzulocken. Die Absurdität im Horror. Selbstverständlich ist keiner der umliegenden Anwohner, die Eltern der Kinder oder sonst wer dem Koreaner zu Hilfe gekommen.

Die Entführer

Roger Auque, der während seiner Gefangenschaft stets eine Augenbinde tragen musste, konnte seine Entführer dennoch sehr genau analysieren und durchschauen.

Sie nannten ihre Organisation „Islamischer Dschihad“, aber die Entführer waren trotz des martialischen Namens keine islamischen Fanatiker. Mit Ausnahme der höheren Dienstränge waren es kleine Kriminelle, die nur am Geld interessiert waren.

Die wechselnden Wächter und Kindnapper bestanden aus einer sowohl religiös als auch ethnisch gemischten Gruppe. Es waren Libanesen, Drusen und Palästinenser. Es waren Schiiten dabei und Sunniten, sogar ein christlicher Libanese.

Die angeblichen „Organisationen“ mit den klingenden Namen sind nur Etiketten, ob sie nun „Islamischer Dschihad“, „Organisation der revolutionären Gerechtigkeit“ oder „Kraft der Benachteiligten der Erde“ oder anders heißen: es sind nur Unterorganisationen ohne „Inhalt“ und Konzept. Es sind Täter, die unter dem Oberbegriff: „Islamischer Widerstand“ – dessen ist sich Roger Auque sicher – von Teheran gelenkt wurden. Die zahlreichen Namen der Organisationen dienen nur der Desinformation. Im Endeffekt gab es nur eine Entführergruppe bestehend aus ungefähr 50 Männern. Die Hintermänner konnten diese „Subunternehmer des Enführungsbusiness“ für einzelne Jobs mieten mitsamt der Logistik und Infrastruktur aus Verliesen, Wohnungen, Autos, Bewachern, Essen und Waffen.

Es war genau diese Gruppierung, die auch Michel Seurat entführt hatte.

In einem der seltenen Interviews (hier ein sehr lesenswerter Artikel) erzählte Jean-Paul Kauffmann, dass auch sie zunächst in eine Zelle in einer Tiefgarage gesperrt wurden. Es war das erste Verlies in einer Reihe von zahlreichen anderen. Zunächst ist Michel Seurat optimistisch. Er glaubt nicht daran, dass er, der Freund des Orients und der Araber, lange in Gefangenschaft bleiben wird. Er ist davon überzeugt, dass seine Entführer in kürzester Zeit ihren bedauerlichen Fehler einsehen werden. Doch auch Seurat und Kauffmann werden von den Entführern belogen. „Morgen“ kämen sie frei, „nächste Woche“, „bald“. Taqiyya. Als absehbar ist, dass die Gefangenschaft noch andauern wird, versucht Seurat das Beste aus der Situation zu machen. Er macht sich Notizen für ein Buchprojekt, das er nach seiner Freilassung fertigstellen will. Um dem Tag eine Struktur zu geben, um bei geistiger und mentaler Gesundheit zu bleiben und schließlich um einen Teil ihrer Würde zu bewahren, beschließen Seurat und Kauffmann jeden Tag drei Stunden zu kommunizieren: Seurat hält Kauffmann Vorlesungen über Soziologie und Philosophie, spricht über Kant und Hegel. Kauffmann referiert über Literatur.

Die Haftbedingungen zerren an ihren Nerven. Auch wenn ihre Bewacher keine Fanatiker sind, sind sie trotzdem unberechenbar. An einem Tag holen sie einen der Gefangenen zu einer Scheinexekution ab, am nächsten Tag bitten sie kindlich darum, ihnen Französisch beizubringen. Je länger die Gefangenschaft andauert, desto größer wird Seurats Sorge, dass sein Pseudonym „Gérard Michaud“ herauskommt, unter dem er in Artikeln die Funktionsweise und die Verbrechen des syrischen Repressionsapparats seziert.

Irgendwann wird Seurat krank. Ernsthaft krank. Eine andere Geisel, der jüdische Arzt Elia Hallat, diagnostiziert eine Virushepatitis. Ohne Medikamente kann er aber nichts für ihn tun. Seurat wird mit der Zeit immer schwächer, doch natürlich bringen die Kidnapper Seurat nicht ins Krankenhaus. Sie holen auch keine Medikamente für ihn.

Die Hintermänner

Warum wurde Seurat entführt? Und warum Kauffmann, Auque, die Diplomaten Marcel Carton und Marcel Fontaine und die vielen anderen Franzosen?

In den Communiqués der Entführer wurden die Geiseln und vor allem die Reporter als Spione im Solde der Zionisten bezeichnet. Frankreich und die anderen Länder sollten für ihre Unterstützung Israels bestraft werden. Doch das war nur die Propaganda für die Galerie. Die wahren Strippenzieher der Entführungen saßen in Teheran. Das fanatische Geschrei und die großsprecherischen Communiqués überließen sie ihren Fußtruppen in Beirut. Die Iraner spielten über Bande und ihnen ging es weniger um Israel als um handfeste wirtschaftliche und militärische Interessen.

Die Entführung von Michel Seurat und der anderen Franzosen steht im Zusammenhang mit der „Islamischen Revolution“ der Ayatollahs im Iran und der französischen Innen- und Außenpolitik, auf die die Mullahs Einfluss nehmen wollen. Die Iraner haben eine direkte Beteiligung oder eine Auftragserteilung der Entführungen stets zurückgewiesen, sie ließen nur dunkel andeuten, dass sie auf die Entführer einwirken könnten, falls ihre Forderungen erfüllt würden.

Es waren vier sehr konkrete Forderungen:

Frankreich sollten ein Darlehen in Höhe von einer Milliarde Dollar zurückzahlen, das der Schah dem französischen Staat zur Errichtung einer Urananreicherungsanlage gewährt hatte, um sich dadurch Zugang zu moderner Nukleartechnologie zu sichern.

Zweitens sollte das Killerkommando um Anis Naccache, das versucht hatte, den ehemaligen Premierminister des Schahs, Schapour Bakhtiar zu ermorden, freigelassen werden.

Drittens sollte Frankreich aufhören, moderne Waffen an den Irak zu liefern, mit dem sich der Iran im Krieg befand, oder Frankreich sollte dieselben Waffen an den Iran liefern.

Schließlich sollte Frankreich seine Asylpolitik überdenken und aufhören, Feinde der islamischen Republik aufzunehmen.

In der Tat verfolgte Frankreich eine eigenartige, inkonsequente und auch widersprüchliche Politik in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens.

In den 1970er Jahren hatte Frankreich Ruhollah Chomeini Asyl gewährt, der aus dem Irak gejagt worden war. Sie wiesen ihm eine Residenz in Neauphle-le-Chateau zu, einem Vorort von Paris. Die französischen Behörden hielten Chomeini damals für eine Art harmlosen, alten, versponnenen Guru – ein schwerer Fehler und eine krasse Fehleinschätzung.

Nachdem die von ihm betriebene „Islamische Revolution“ den Schah gestürzt und ebendieser Chomeini im Iran die Macht übernommen hatte, nahm Frankreich die ehemaligen Funktionsträger des persischen Ancien Régime bei sich auf, unter anderem den Premierminister Schapour Bakhtiar. Später kamen noch der erste Präsident der islamischen Republik, Abolhassan Bani Sadr, der nach einem Zerwürfnis mit den Mullahs außer Landes fliehen musste und der Führer der stalinistischen Volksmodschahedin, Massoud Radjavi, der die Mullahkratie mit Waffengewalt bekämpfte, hinzu.

Frankreich, das traditionell sehr enge Beziehungen zu den arabischen Staaten pflegt, weigerte sich kategorisch die Waffenlieferungen an den Irak, unter anderem Mirage-Flugzeuge und Exocet-Raketen, einzustellen. Auch eine Lieferung derselben Waffen an den Iran lehnte Frankreich ab. Über inoffizielle Kanäle gelangten dennoch Waffen an den Iran, ob dies mit Wissen und Zustimmung der französischen Regierung geschah, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt – eine Art französischer Iran-Contra-Affäre.

Das ungeschickte Taktieren und Verhandeln der französischen Regierung, die Waffenlieferungen, die Lösegeldzahlungen und das anschließende Dementi erschwerten die Freilassung der Geiseln sehr. Allerdings erhöhten die iranischen Mullahs den Druck durch weitere Entführungen und Bombenattentate in Frankreich.

Die französischen Geiseln wurden letztendlich entführt, weil sie Franzosen waren. Auf Anweisung der Mullahs büßten sie nicht nur für die französische Außenpolitik, vielmehr beeinflussten die Iraner auf zynische Weise die Politik anderer Länder, indem sie mithilfe des Leids der Elenden ihre eigene Machtpolitik durchzusetzen versuchten.

Im Fall von Seurat ist die Rolle der Syrer bis heute nicht ganz geklärt. Es liegt auf der Hand, dass die Recherchen von Seurat, die Syrer extrem störten. Seine Erkenntnisse über den islamischen Extremismus in Tripoli und die Muslimbrüder, deren Aufstand in Hama Hafez Al-Assad unter Inkaufnahme von 20.000 bis 30.000 Toten niedergeschlagen hatte, schadeten Syrien in der öffentlichen Wahrnehmung enorm.

Die syrischen Sicherheitskräfte, die zum damaligen Zeitpunkt große Teile des Libanon und ganz Beirut kontrollierten, wussten definitiv von den Geiseln und sehr wahrscheinlich auch, dass sich Michel Seurat unter den Geiseln befand. Hatten sie herausgefunden, wer sich hinter dem Pseudonym „Gérard Michaud“ verbarg? Bis heute liegt die Antwort auf diese Frage im Dunkeln.

Das Ende

Seurat ging es immer schlechter. Die Krankheit führte zu einem Mangel an roten Blutkörperchen. Statt ihn in ein Krankenhaus zu bringen, verabreichtge ihm ein schiitischer Milizionär eine Transfusion seines eigenen Blutes.

Ende Dezember, zieht sich Seurat zum Sterben zurück. Er ist am Ende seiner Kräfte, die Wärter bringen ihn weg. Michel Seurat starb nach langer Agonie vermutlich am 25. Dezember 1985.

Der „Islamische Dschihad“ lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, seinen Tod propagandistisch auszuschlachten. Zwei Monate nach seinem Tod verkünden die Entführer die Exekution des zionistischen Spions Michel Seurat.

Selbst nach seinem Tod logen seine Geiselnehmer. Seiner Witwe erzählten sie, dass sein Leichnam auf dem schiitischen Friedhof Raoudat al-Schahidayn (Garten der beiden Märtyrer) beerdigt worden sei. Eine Herausgabe seines Körpers an seine Angehörigen lehnten sie ab.

Seine sterblichen Überreste wurden erst im Jahr 2006, vermutlich als Resultat geheimer Verhandlungen zwischen der Hisbollah und dem französischen Geheimdienst, auf einem Trümmergelände im südlichen Bezirk Bourj-al-Brajneh, nur in ein einfaches Laken gehüllt, gefunden.

Seine Witwe Marie Seurat resümierte bitter: der Verehrer der arabischen Sprache wurde von den Arabern ermordet, der Korangelehrte wurde von den Fanatikern ums Leben gebracht, der Orientalist wurde von seinem Orient getötet. Selbst sein Tod hat ihn verraten.

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Palmyra – Stätte des Leids

Ein kalter Wintermorgen in Damaskus. Am heruntergekommenen Busbahnhof durchsuchten schnauzbärtige Geheimdienstler die Koffer, Taschen und Rucksäcke der Reisenden auf schartigen Holztischen.

Auf Außenstehende wie mich wirkten diese Männer befremdlich. Trotz ihrer ärmlichen Uniformierung aus schwarzen Lederimitatjacken, Polyesterhosen und Funkgeräten flößten sie den Menschen Angst ein. Man ahnte es an ihren verschlossenen Gesichtern und ihrem misstrauischen Schweigen bis sie die Prozedur überstanden haben. Ich weiß noch, wie ich vor dem Einsteigen in den Bus ein komisches Gefühl hatte. Der arabische Name von Palmyra, Tadmor, klingt auf Französisch wie „tas de morts“ (Leichenhaufen). Im Bus wieseln junge, magere, flinke Männer durch den Mittelgang und servieren Wasser und Tee. Auf dem Bordfernseher läuft die neueste Raubkopie „Banlieue 13“, der in der deutschen Fassung den debilen Titel „Ghettogangz – Die Hölle vor Paris“ bekommen hat.

Der Bus schaukelt träge aber zielstrebig durch die neblige Wüste. An der Abzweigung nach Bagdad, klemmt sich ein LKW-Rastplatz an die Kurve. Große Radachsen rosten im Sand. An der Hütte hängt ein Schild „Bagdad Café“. Ein kleines Augenzwinkern an die Reisenden, dass die Menschen in dieser gottverlassenen Gegend dieses abgeriegelten und kontrollierten Landes nicht hinter dem Mond leben und Zitate der Filmgeschichte kennen, nämlich den Film „Out of Rosenheim“ mit Marianne Sägebrecht.

Palmyra ist ein uralter Knotenpunkt der Karawanen. Händler rasteten hier, bevor sie auf dem Weg nach China oder Indien die irakische Wüste durchquerten. Die römischen Kaiser inkorporierten die fruchtbare und üppige Oase in ihr Reich. Neben den Bädern, der Agora und den Kolonnaden errichteten die römischen Siedler ein Theater, denn die Untertanen des Reichs sollten nicht ohne kulturelle Erbauung leben. Es ist ein für die antike Welt seltenes freistehendes Theater, das sich nicht sonst üblich in einen Hügel einfügt.

Das Theater verschwand irgendwann für lange Jahrhunderte unter dem Wüstensand, bis es von Archäologen in den 1950er Jahren wieder freigelegt wurde.

Die Assad-Familie erkannte sehr schnell den kommerziellen Wert, den die Attraktion hatte. Sinnigerweise errichtete das Regime in der Neustadt ein berüchtigtes Foltergefängnis, in welchem die Assad-Familie unter den Häftlingen ab und an Blutbäder anrichtete.

Der bescheidene Verfasser dieser Zeilen hatte von dem Gefängnis keine Ahnung und bewegte sich durch das Theater, überwältigt wie jeder, der noch zum Staunen fähig ist, vor der Kunstfertigkeit der Menschen. Ich saß auf den Steintribünen und stellte mir vor, wer hier vor fast zweitausend Jahren wohl gesessen haben mag, nachdenklich oder beseelt von einer künstlerischen Darbietung. Ein römischer Beamter? Ein reicher Händler aus entfernten Ländern? Ein jüdischer Kaufmann?

Palmyra 2006

Das war vor neun Jahren. Niemand hätte damals auch nur im entferntesten ahnen können, dass sich an dieser einzementierten angstvollen Apathie etwas ändern könnte. Ebensowenig hätte man sich die Albtraumvisionen ausmalen können, die seit letztem Jahr über dem Land hereinbrechen.

Im Mai 2015 überrannte ISIS die Wüstenstadt. Die erste Amtshandlung der Milizionäre des IS war, den Löwen von Al-Lat neben dem Baal-Tempel aus assyrischer Zeit zu zerstören, die zweite war, das Foltergefängnis in die Luft zu sprengen.

In ihrem Bestreben, alles, was in ihren Augen den verhassten, hedonistischen westlichen Lebensstil repräsentiert zu pervertieren, war ihre nächste Aktion, ein Kommando aus halbwüchsigen Knaben in das Theater zu schicken, wo sie ein Dutzend Gefangener der syrischen Armee mit einem Schuss in den Hinterkopf exekutierten.

Palmyra Execution 1

Wie vor tausenden von Jahren waren die Ränge des Theaters, dessen Bühne so manches antike Drama erlebt hatte, mit Publikum angefüllt. Das Drama, das sich vor ein paar Wochen abspielte, war ganz eigener Art. Gefangene starben, Kinder wurden zu Mördern.

Palmyra Execution 2

Die schaulustigen Voyeure, die mit ihren Kindern auf den Rängen saßen, schauten sich die Elenden an. Was denken diese Verurteilten wohl gerade? Wie es wohl ist, zu wissen, dass dieses alte Theater das letzte sein wird, das man sehen wird?

Angesichts dieser Bilder stellt sich mir nur eine Frage: Welcher degenerierte, pervertierte, entmenschlichte Abschaum kann Kinder dazu bringen, so etwas zu tun?

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Leiche im Keller

Dass es so kommen würde, hatten Christines Eltern vorausgesehen. Das Wortlaut des Gesetzes ist eindeutig und erlaubt keinen Zweifel. Dennoch lag es den Anklägern am Herzen, Christines Eltern persönlich im Gebäude der Brüsseler Staatsanwaltschaft zu empfangen und ihnen auf möglichst feinfühlige Weise mitzuteilen, dass es vorbei ist. Die Akte über die Ermittlungen zum Mord an ihrer Tochter wurde am 30. Januar 2015 zugeklappt. Für immer. Das belgische Strafgesetzbuch sieht auch für Mord eine Verjährungsfrist vor, die dreißig Jahre nach Vollendung der Tat eintritt.

Christine Van Hees

Der oder die Mörder von Christine Van Hees werden nie mehr ermittelt, angeklagt und verurteilt werden können. Die Hintergründe eines der brutalsten Verbrechen der belgischen Kriminalgeschichte bleiben von nun an für immer im Dunkeln.

Ein kleiner Brand loderte in der ehemaligen Champignonzüchterei gegenüber der Freien Universität Brüssel. Ein Routineeinsatz für die Feuerwehr an diesem Abend des 13. Februar 1984. Wahrscheinlich hatte ein Obdachloser in einem der verlassenen Gebäude sein Lagerfeuer nicht richtig ausgetreten oder ein paar Kinder hatten wieder gezündelt.

Seit mehr als zehn Jahren wurden hier keine Champignons mehr gezüchtet, dort wo die Rue de la Stratégie in den Boulevard du Triomphe mündet. Trotz der pompösen Straßennamen ist die Gegend heruntergekommen. Das Areal mit den baufälligen Häuser und Lagerhallen ist zum Abriss freigegeben.

Champignonnière Auderghem Bruxelles

Das aufgegebene Betriebsgelände der Züchterei ist ein unheimlicher Ort. Obwohl noch in der Innenstadt gelegen, ist die Gegend menschenleer und verwahrlost. Das Grundstück ein verwildertes und mit Sträuchern und Gestrüpp überwachsenes Brachgelände, das mit Schutt, Abfall und vermoderten Holzbrettern übersät ist.

Champignonnière

In den leeren Gebäuden mit den weiträumigen Kellern und Untergeschossen begegnen sich Obdachlose und alle Arten von Vagabunden, die sich dort für eine Weile häuslich einrichten. Jugendbanden lungern herum. Kinder stromern in den Ruinen und werfen die wenigen verbliebenen Fensterscheiben ein.

Die kleinen Brandherde sind schon unter Kontrolle, als ein Feuerwehrmann die Rauchsäule entdeckt, die aus einem Belüftungsschacht aus den Untiefen der Keller aufsteigt. Die Treppe zu den Untergeschossen liegt in vollständiger Finsternis. Die niedrigen und langestreckten Keller sind mit den Überresten abertausender aufgestapelter Holzrahmen, auf denen die Pilze gezüchtet wurden, verstellt.

Champignonnière entrée Auderghem Bruxelles

Auf der Suche nach dem Brandherd finden die Feuerwehrmänner schließlich auf einem aus Kartons, Brettern und Holzgestellen improvisierten Scheiterhaufen eine noch brennende weibliche Leiche. Hände und Füße sind mit Draht gefesselt. Um den Hals liegt eine Schlinge aus Kabeln. Es ist die Leiche der 16-jährigen Christine Van Hees, Schülerin an einer Sprachenschule. Christine wurde vermutlich erdrosselt und möglicherweise vergewaltigt. Genauere Feststellungen konnten nicht getroffen werden, da die Leiche mehrere Stunden gebrannt hatte und der Körper durch das Feuer zu stark beschädigt war. Sicher ist nur, dass Christine schon tot war, als man sie mit Kartons und Holzkisten bedeckte und anzündete.

Zuletzt wurde sie gegen sechs Uhr abends desselben Tages in der Nähe des Geländes der Champignonzucht in Begleitung eines jungen Mannes gesehen, den Zeugen als langhaarig und mit nachlässigem Äußeren beschreiben. Weder ihre Eltern noch die Ermittler können sich erklären, was Christine an diesem Ort machte, auch wenn er nicht weit von ihrem zuhause war. Christine hatte allerdings ein aufgeschlossenes Wesen und kam leicht mit anderen Menschen ins Gespräch. Sie mochte auch etwas außergewöhnliche Typen, Punks oder Straßenmusiker. Andere Anhaltspunkte oder Ermittlungsansätze gibt es nicht.

Etwa ein halbes Jahr später, im Juli 1984, wird ein Verdächtiger in Aachen festgenommen: es ist ein 18 Jahre alter Punk namens Serge C., genannt „l’Iroquois“ (der Irokese), aufgrund seines rotgefärbten Haarkamms. Er gilt als jähzornig und cholerisch und ist bei der belgischen Polizei schon wegen Gewalttaten aktenkundig. Er kennt die Örtlichkeit und es wurde angeblich sein Fingerabdruck in der Nähe des Tatorts nachgewiesen. Die Ermittler, die aufgrund des grausamen Verbrechens seit Monaten unter mächtigem Druck stehen, nehmen die unverhoffte Fügung des Schicksals dankbar an und drehen ihren Hauptverdächtigen bei den Verhören durch die Mangel. Serge C. gesteht den Mord, widerruft dann das Geständnis, gesteht wieder und widerruft erneut.

Nach drei Jahren zwingt der Europäische Gerichtshof die Justiz, Serge C. aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Es war ihnen nicht gelungen, ihm die Tat nachzuweisen. Serge C. hatte zwar die Tat gestanden, blieb aber immer im Ungefähren. Er konnte keine präzisen Angaben machen, er hat kein Wissen preisgegeben, das nur der Täter haben konnte. Heute gilt er von Rechts wegen als unschuldig. Die Akte wurde wegsortiert und verstaubte.

Mitte der 90er Jahre schlug der Fall noch einmal Wellen. Der Pädokriminelle Marc Dutroux war soeben festgenommen worden. In Belgien ging die Paranoia vor Kinderschändern um. Dass die Ermittler die Akte Christine Van Hees wieder aus dem Archiv holten, dafür war eine Zeugin verantwortlich, die sich als Opfer von Marc Dutroux ausgab. Es war die „Zeugin X1“ alias Régina Louf, eine Frau, die in ihrer Kindheit schwer sexuell missbraucht worden war. Ihre eigene Mutter hatte sie mit Wissen des Vaters an ihre Großmutter „vermietet“, die zwei Bordelle betrieb. „X1“ machte detaillierte Angaben über Dutroux‘ angebliches Pädokriminellennetzwerk und seine Verbindung zu Politikern und anderen hochgestellten Persönlichkeiten der belgischen Society. Im Laufe ihrer Aussagen berichtete sie von einer gewissen „Christine“, die Anfang der 80er Jahre in einer Pilzzüchterin in Anwesenheit von Marc Dutroux und seines Komplizen Michel Nihoul umgebracht worden sei, weil sie über das Netzwerk auspacken wollte. Sie selbst habe die Ermordung miterlebt.

Die Ermittler schöpfen Hoffnung, den zwölf Jahre alten Mordfall endlich aufzuklären, denn die Zeugin offenbarte verblüffend detailliertes Insiderwissen über die Tat und das Verletzungsbild. Es passt auch sonst alles perfekt zusammen. Der Ort erinnert in der Tat an die Horrorkulissen, die Marc Dutroux für seine Opfer so sehr liebte.

Doch erst als die Aussagen von „X1“ ins Abstruse abdriften und nicht nur der belgische König sondern auch die ermittelnden Staatsanwälte und Untersuchungsrichter als Mitglieder des Pädophilennetzwerks beschuldigt werden, zogen die Ermittler die Reißleine. Im Nachhinein haben sich alle Aussagen der Zeugin als falsch herausgestellt. Sie waren das Ergebnis einer Suggestivbefragung durch Beamte der Gendarmerie, die auf dem Höhepunkt der Dutroux-Affäre wegen der haarsträubenden Ermittlungspannen unter Druck standen und Ergebnisse vorweisen mussten. Die Aussagen der durch den Missbrauch in der Kindheit schwer traumatisierten und psychisch instabilen Zeugin, die vermutlich die Aufmerksamkeit und Anteilnahme der Polizisten auskostete, haben die Ermittlungen für geraume Zeit in die falsche Richtung gelenkt. Die Ermittler konnten wieder am Ausgangspunkt anfangen.

In der verbleibenden Zeit, ist es ihnen nicht gelungen, die Tat aufzuklären. Da die Akte von Rechts wegen geschlossen werden musste, können die Ermittler über das Motiv und die Täter nur spekulieren. Sie favorisieren ein Szenario, wonach Christine Van Hees Kontakt zu einer Gruppe von Punks oder einer anderen Jugendgruppe genknüpft haben könnte, die die Ruine der Champignonzucht als Treffpunkt auserkoren hatte. Am Tattag kam es vermutlich zu einem Annäherungsversuch durch einen Täter – möglicherweise waren auch Drogen im Spiel -, den Christine abgelehnt hatte, worauf der Zurückgewiesene sie im Affekt umbrachte.

Doch Mutmaßungen und Hypothesen sind jetzt nutzlos, denn die vom Gesetz vorgegebene Zeit ist abgelaufen. Das Verbrechen ist verjährt und bleibt damit auf ewig ungesühnt. Der Täter kann sich jetzt zu seiner Tat bekennen oder ein Fernsehinterview geben. Von Rechts wegen kann er nicht mehr strafrechtlich belangt werden.

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Stöhnende Wände

Eine Fellini-hafte Kulisse, besudelte Wände, obszöne Bilder. Normalerweise nicht das, was man mit einem Krankenhaus und seinen aseptischen, nach Desinfektionsmitteln riechenden Fluren in Verbindung bringt.

Und doch sind gerade diese Elemente, wie so manche andere kulturelle Ausnahme in Frankreich, ein fester Bestandteil des Krankenhausuniversums.

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Die unbedachte Verbreitung eines Bildes über ein bekanntes soziales Netzwerk durch einen angehenden Arzt, hat nicht nur ein Schlaglicht auf ein der Öffentlichkeit größtenteils unbekanntes Phänomen geworfen, sondern könnte auch gleichzeitig das Ende einer alten Tradition in den französischen Krankenhäusern einläuten.

Es sind dies die pornographischen Wandgemälde in den Krankenhäusern, die von den Jungärzten vornehm und ganz unironisch Fresken genannt werden.

Stein des Anstoßes ist ein Wandgemälde im Aufenthaltsraum der Uniklinik Clermont-Ferrand. Darauf zu sehen sind die vier Superhelden Flash, Superman, Batman und Superwoman, die mit Wonder Woman in einer ausschweifenden Orgie verstrickt sind. In den Sprechblasen finden sich abfällige Anspielungen auf ein Gesetzesvorhaben der Gesundheitsministerin Marisol Touraine.

Die Organisation „Osez le féminisme“ erblickt in der Darstellung indes keinen einvernehmlichen „Gang Bang“, sondern eine Gruppenvergewaltigung und prangert das frauenfeindliche Angehen der Ministerin an, das in den Sprechblasen zum Ausdruck komme. Diese gibt sich von dem Bild selbst „außerordentlich schockiert“ und verurteilt die mit dem Bild ihrer Meinung nach vermittelte „inakzeptable Anstiftung zur Vergewaltigung“.

Die Darstellung ist tatsächlich drastisch. Es wäre allerdings eine ungerechte Verkürzung, reduzierte man das Bild nur auf eine Art pennälerhafte Wandschmiererei oder als ein Relikt einer machistischen Mentalität, reiht es sich doch in die lange Tradition einer Symbiose von Künstlern und Ärzten ein.

Alle großen Eliteuniversitäten in Frankreich, die „grandes écoles“, haben ihre spezifischen Traditionen und teilweise demütigenden Aufnahmerituale. Diese sogenannten „bizutage“ sind seit einigen Jahren gesetzlich verboten, wenngleich diese Bräuche noch immer lebendig sind.

Die Mediziner wiederum haben ihre eigenen Riten und Traditionen. Sie spielen sich ab in der sogenannten „salle de garde“, dem Dienstzimmer der „internes“. Diese sind meist noch sehr junge Universitätsabsolventen, die keine Studenten mehr sind und doch noch keine fertig ausgebildeten Ärzte. Während ihrer dreijährigen praktischen Ausbildung im Krankenhaus arbeiten sie den Assistenz-, Ober- und Chefärzten und bilden im Prinzip das Rückgrat der Krankenhäuser.

Die Tradition der erotischen Wandbilder in den Aufenthaltsräumen entstammt einer Zeit als die Arbeit im Krankenhaus eine reine Männerdomäne war.

Die „salle de garde“ diente in früheren Zeiten, als die Medizin eher einem blutigen Handwerk denn einer Wissenschaft ähnelte, zunächst dem medizinischen Hilfspersonal als Aufenthalts- und Wohnraum. Die „chirurgiens barbier“ nahmen nicht nur Operationen vor, sondern schienten Knochen, richteten gebrochene Rippen und ließen zur Ader. Ihnen wurde ein Saal oder manchmal auch ein eigenes Gebäude zugewiesen, wo sie ihre Mahlzeiten einnehmen, schlafen und ihre freie Zeit verbringen sollten.

So entwickelte sich über die Jahrhunderte eine Parallelgesellschaft abseits vom Krankenhausbetrieb und der Patientenversorgung, die der Verwaltung und der Krankenhaushierarchie mit deren stillschweigendem Einverständnis entzogen war.

In der morbiden Umgebung, in der die angehenden Ärzte tagtäglich mit einer hohen Sterblichkeitsrate und schweren Krankheiten konfrontiert waren, diente die „salle de garde“ nicht nur als bloßer Aufenthaltsraum, sondern war ein Rückzugsraum, ein Schutzraum vor den Belastungen und Ängsten, denen die künftigen Ärzte in diesem Zwischenstadium aus nicht-mehr-Student und noch-nicht-Arzt unvorbereitet ausgesetzt wurden.

Die „salle de garde“ wurde mehr als ein Raum, sie wurde zu einer eigenen Institution, die nur der Kaste der „internes“ zugänglich war, die allesamt dieselben Erfahrungen bei ihrem abrupten Eintritt ins Berufsleben machten: harte Dienste, stressige Arbeit, die auf ihnen lastende große Verantwortung, miese Bezahlung, Versagensängste und die Allgegenwart des Todes.

Sie ist ein Ort mit einer wichtigen sozialen Rolle, in der sich eine intuitive Rangordnung bildet und wichtige Beziehungen geknüpft werden. Dort liegt auch der Ursprung der teilweise recht albernen Ritualen: dem Verbot Korkenzieher zu benutzen, der Pflicht vor dem Essen alle Kollegen mit einem Klaps auf die Schulter zu begrüßen oder dem Verbot während der Mahlzeit von Politik oder medizinischen Themen zu sprechen, bis der Kaffee serviert wird.

Auch zu heutigen Zeiten, in denen die Patienten nicht mehr in Massen sterben, hat das Dienstzimmer der Jungärzte die Funktion eines Ventils, eines Ortes zum herunterkommen, um nach harten Diensten abzuschalten und auszuspannen, eines Refugiums, in welchem die kommenden Ärzte und Ärztinnen dem furchteinflößenden Moloch Krankenhaus für kurze Zeit entfliehen können. Mehr als das: Es wird zum Ort, an dem das strotzende Leben sein Recht beansprucht, einem Ort der Austreibung des Todes, in dem nur die reine Lebensfreude herrschen darf und wo sich die Anspannung und die explodierenden Ängste in Exzessen und pornographischen Übersprungshandlungen entladen.

Mit der Zeit bildete sich so ein den Moden unterworfenes größtenteils unbekanntes und verkanntes Kulturgut eigener Art heraus. Angefertigt werden die Wandgemälde traditionell von Studenten der Kunsthochschule in tage- und wochenlanger Arbeit, die von den Ärzten in spe beauftragt und gemeinschaftlich bezahlt werden. Toulouse-Lautrec und andere später berühmte Maler haben die Dienstzimmer in den Pariser Krankenhäusern verschönert, als sie noch arm und unbekannt waren. In der Anfangszeit dominierten humoristische Bilder, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekamen die Fresken einen erotischen Touch. Offen pornographisch wurden die Bilder erst später und es ist wahr, dass Qualität und Originalität beträchtlich schwanken können.In der jüngster Zeit scheint es Mode zu sein, alle Mitglieder eines Jahrgangs in einer Orgie zu porträtieren und dabei die primären Geschlechtsmerkmale möglichst grotesk zu übertreiben.

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0625aneGTStilistisch und qualitativ gibt es große Abweichungen bei den Fresken. Vom einfachen Comic-Stil …

CochinDupontetHad…über hyperrealistische Gang-bang-Darstellungen…

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… und Werken in einer 80er-Jahre-New-Age-Ästhetik…

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…bis zu einer an die „Art naïf“ des Zöllners Rousseau gemahnende Elaborate ist alles vertreten.

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Diese absonderliche und kuriose Tradition wird in der letzten Jahren immer mehr zurückgedrängt, was jedoch nur teilweise der um sich greifenden „Political correctness“ anzulasten ist. Auch die medizinische Ausbildung selbst hat sich gewandelt. Heute bleiben die „internes“ nicht mehr drei Jahre in einem Krankenhaus, sondern absolvieren verschiedene halbjährige Stationen in unterschiedlichen Abteilungen und Krankenhäusern. Durch diese Fluktuation entfällt die traditionell enge Bindung der „internes“ aneinander und an das Krankenhaus und in der Folge die Atmosphäre einer verschworenen Gemeinschaft, die solche Bilder ermöglicht.

Die Pläne zur Verbesserung der Patientenversorgung mit ihren effizienten Abläufen und klinisch reinen Cafeterien tun ihr Übriges. In diesen Plänen sind diese unordentlichen, schmutzigen Orte nicht vorgesehen. Heute steht den Jungärzten meist nur ein simpler Kaffeeautomat auf dem Gang für die Pause zur Verfügung. Die „salles de garde“, als krankenhauseigene Inseln der Anarchie sind bald nur noch Geschichte. So geht nicht nur eine Tradition verloren, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass in gewisser Weise auch, die „salle de garde“ als eigene Kultur endet.

Nach dem massiven Shitstorm wurde das Bild in der Uniklinik Clermont-Ferrand zwischenzeitlich übermalt. Interessant ist allerdings, dass das Bild dort schon seit 15 Jahren die Wand verziert, ohne dass jemand daran Anstoß genommen hätte.

Capture-d’écran-2015-01-20-à-12.54.07Ein wenig überraschend ist es schon, das erst die Sprechblasen mit Bezug zur Gesundheitsministerin, die ein Witzbold Anfang des Jahres als Kommentar zur Reform des Medizinsektors hinzugefügt hatte, Grund für die allseitige Polemik und Empörungsbereitschaft sind.

Weitere Fresken finden sich auf dieser Seite.

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Adrenalin, PTBS und die Suche nach der Wahrheit

Und nachts wars schön. Sogar was auf uns abgefeuert wurde, war nachts schön, schön und äußerst schrecklich.

Ich erinnerte mich, wie ein Phantom-Pilot davon erzählt hatte, wie schön Boden-Luft-Raketen aussähen, wenn sie rauf zu seinem Flugzeug gezogen kämen, um ihn zu töten, und ich entsann mich, wie wunderschön .50-Kaliber-Leuchtspurgeschosse sein konnten, während sie auf dich zukamen, wenn du nachts im Hubschrauber flogst, so langsam und anmutig, wie sie mühelos raufkurvten, ein Traum, so weit weg von allem, das dir Böses tun konnte. Du konntest dann eine vollkommene heitere Gelassenheit empfinden, eine Erhabenheit, die dich über den Tod hinaushob, aber das dauerte nie sehr lange. Ein Treffer irgendwo am Helikopter brachte dich zurück, zerbissene Lippen, weiße Handknöchel und alles, und dann wusstest du, wo du warst.

Michael Herr, Dispatches

Dennis Hopper Apocalypse_Now

Das ganze Leben müsste ein Abenteuer sein. Fremde Länder bereisen, exotische Städte mit klangvollen Namen bereisen wie Bagdad, Grosny, Sarajevo, Herat, Kabul, Beirut oder Damaskus, mit interessanten Menschen sprechen, Gefahren überstehen, aufregende Geschichten hören, Fotos machen und nach alldem einen spannenden Artikel schreiben.

Dieses romantisierende Bild des Kriegsreporters ist seit dem August des letzten Jahres einer ziemlich brutalen Ernüchterung gewichen, als die beiden Journalisten James Foley und Steven Sotloff nach ihrer Verschleppung in syrische Folterkeller vor laufender Kamera auf barbarische Weise enthauptet wurden.

Trotz allem scheint diese Dekade, die noch mehr und noch brutalere Konflikte zu generieren scheint, als die vorige und in der Journalisten als Beute behandelt werden, die man verkauft oder köpft, wenn der gewünschte Kaufpreis nicht erzielt wird, junge Freelancer mit Laptops und Kameras magisch zu Reisen ins Kampfgebiet zu animieren.

Sebastian Haffner hat in seinem Psychogramm des Dritten Reiches „Germany: Jekyll & Hyde“ Krieg, als „die Rettung und die letzte Zuflucht für so viele gescheiterte Existenzen“ bezeichnet.

Andererseits ist es für eine beträchtliche Anzahl von Menschen, darunter nicht wenige Frauen, aus friedlichen und wohlhabenden Ländern, eine erstrebenswerte Option, sich absichtlich und willentlich in die Gefahr zu begeben, erschossen, in Stücke gerissen oder entführt und ermordet zu werden.

Manche große Reporter sind zunächst gar nicht mit der Intention in den Krieg gezogen, um über ihn zu berichten. George Orwell, dessen Werk leider oft nur auf „1984“ reduziert wird, ist mit dem Idealismus nach Spanien gefahren, dort Faschisten zu bekämpfen, was ihm einen Halsdurschuss durch einen phalangistischen Scharfschützen einbrachte. Seine Erlebnisse hat er erst später in seinem Buch „Mein Katalonien“ verarbeitet.

Wieder andere werden die noblen Aspekte herausstreichen, nämlich über Leid zu berichten, das der Öffentlichkeit völlig unbekannt ist; die Menschen und die Welt aufzurütteln; Schicksale zu erzählen und Menschen eine Stimme zu geben, die keine haben. Vielleicht auch eine Art professionellen Ehrgeiz gestehen, über eine bestimmte Begebenheit als einziger und als erster zu berichten.

Unzweifelhaft ist der Lockruf des Abenteuers verführerischer und sexier als ein von Zwängen bestimmter Alltag mit seinen Routinen und täglichen Kompromissen, seinen banalen Ärgernissen, den unfreundlichen Verkäuferinnen, den schmutzigen Windeln, der Steuererklärung, den Elternabenden und vor allem dem Gefühl sein Leben einfach nur hinter sich zu bringen.

Hierin sind Kriegsreporter manchen Jung-Dschihadisten nicht unnähnlich, die das Schicksal eines schlechtbezahlten Jobs als Paketzusteller oder am Leergutautomaten bei Rewe mit Freuden eintauschen gegen die Möglichkeit, eine Kalaschnikow mit sich zu führen und zu bedienen, Zivilisten zu terrorisieren, Frauen zu mißbrauchen, also all die Dinge zu genießen, die in Friedenszeiten, wenn man dafür arbeiten muss, langwierig und kostspielig sind.

Die Kriegsreporterin Janine di Giovanni schreibt in ihrem Buch „Die Geister, die uns folgen“, das die Spätfolgen traumatisierender Erlebnisse und das Zerbrechen ihrer Ehe thematisiert: „Angst vor dem Krieg hatte ich nicht, aber vor Cocktailpartys in London, vor New Yorker Büros und davor, mich um mein Bankkonto zu kümmern.“

Ähnliches schreibt die russische Journalistin Anna Politkowskaja in ihrem Buch „Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg“: „Ich bin dem Krieg dankbar, in den ich zufällig geraten bin und in dem ich genauso zufällig stecken geblieben bin, weil ich gelernt habe, über den Dingen zu stehen. Der Krieg ist eine schreckliche Sache, aber er hat mich von allem Überflüssigen befreit und alles Unnötige abgehackt. Wie kann ich meinem Schicksal also nicht dankbar sein?“

Nur wenige Reporter werden sich und anderen eingestehen, dass ihr Beruf auch mit der Faszination für Krieg und Gewalt zu tun hat. Mit Nervenkitzel, Mut und Selbstüberwindung. Dieser speziellen Mischung aus Angst und Adrenalin, die süchtig macht, etwa so wie es Hooligans berichten, die sich auf freiem Feld zu Schlägereien verabreden. Vielleicht auch mit der etwas scheinheiligen Haltung, ein Soldatenleben führen zu können, nur ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen.

Diejenigen – meist sind es männliche Reporter – die sich zu dieser Faszination bekennen, stehen vor dem immer gleichen Problem: dem Unvermögen, über den Krieg so zu schreiben, dass es für einen Unbeteiligten nachempfindbar wird. Und zwar als das, was der Krieg ist: Etwas Schreckliches und Faszinierendes zugleich. Ein Ereignis, das die elementarsten Emotionen anspricht. Angst, Neugier, Tötungstrieb. Es bleibt stets nur eine Annäherung. Als Leser erhascht man nur kleine Ahnungs-Fetzen, von dem, was es bedeutet, sich im Krieg oder unter Beschuss zu befinden.

Für Michael Herr hat der bewaffnete Kampf auf gewisse Weise eine erotische Konnotation: „Aber wenn es erst mal wirklich losging, war alles anders. Du warst einfach wie alle anderen auch, du konntest weder blinzeln noch Spucke produzieren. Es kam jedesmal genauso wieder, gefürchtet und willkommen, deine Eier und Eingeweide gleichermaßen drunter und drüber, deine Sinne funktionierten wie Flackerblitze, stürzten frei hinunter bis ins Absolute und stoben dann wieder stürmisch im Brennpunkt zusammen, wie beim ersten heftigen Wirkungsstoß nach ner Psilocybin-Spritze, kamen an einem Ruhepunkt an und sprengten alle je gekannten Freude und Angst, je gekannt von jedem, der je lebte, unaussprechlich in ihrer rasenden Klarheit, rührten an alle äußersten Grenzen und vergingen dann, als wäre das alles von außen gelenkt worden, von einem Gott oder vom Mond. Und jedesmal warst du hinterher so müde, so entleert von allem, außer vom Gefühl, am Leben zu sein, dass du dich an nichts erinnern konntest, außer du wusstest, es wär wie irgendwas gewesen, das du schon mal früher empfunden hattest. Es blieb dir lange unklar, aber nach genügend vielen Malen nahm die Erinnerung Umriss und Gestalt an und enthüllte sich schließlich eines Nachmittags beim Ausbruch eines Gefechts. Es war das Gefühl, das du gehabt hattest, als du, viel viel jünger, zum ersten Mal ein Mädchen auszogst.“

Michael Herr, der für Esquire aus Vietnam berichtete, beschreibt in seinem sperrigen und stark assoziativ, wie im LSD-Rausch geschriebenen Bericht „Dispatches“ eine fast schon surreale Szenerie, wo Reporter Helikopter wie Taxis besteigen und sich an die Front oder in entlegene Dschungelstellungen fliegen lassen konnten, um mit den Soldaten zu plaudern und Gras zu rauchen. Einen gigantischen Männerspielplatz mit Gewalt, Action, Frauen und Drogen.

In der bunten Korrespondentenfauna von Saigon waren die Korrespondenten selbst so etwas wie Rockstars. Der Brite Tim Page, der seinen Kampfanzug mit Schals, Ketten, Ringen und anderen Freakutensilien ausstaffierte und auf die Soldaten den Eindruck eines Aliens machte, war die Vorlage für das von Dennis Hopper dargestellte kamerabehängte Drogenwrack in „Apocalypse Now“.

Sean Flynn, der das Aussehen eines Male Models seinem berühmten Vater Errol zu verdanken hatte, hängte eine drittklassigen Karriere als B-Movie-Schauspieler an den Nagel, um sich gemeinsam mit seinem Freund Dana Stone einen Wettbewerb zu liefern, wer noch spektakulärere Bilder von noch gefährlicheren Aufklärungsmissionen mit Special Forces oder Lurp-Einheiten mitbringt.

Dana Stone

Dana Stone

Michael Herr ist auch einer der ersten, der etwas beschreibt, was sich nur ganz wenige Soldaten und Reporter vor sich selbst eingestehen wollen, eine Art Rausch der Gewalt:

Unter Beschuss sein löst dich von deinem Kopf und auch von deinem Körper, den Abstand, den du noch ne Sekunde vorher zwischen Subjekt und Objekt gesehen hattest, gabs nicht mehr, er schlug in einem schnellen Adrenalinwirbel zusammen. Erstaunlich, unglaublich, Jungs, die viel harten Sport getrieben hatten, sagten, sie hätten nie was Ähnliches gefühlt, das plötzliche Niedergehen und Raketensausen des Treffers, die Adrenalinreserve, die du dir selber nutzbar machen konntest, indem du sie hochpumptest und freisetztest, bis du verloren darin rumtriebst ohne Angst, fast bereitwillig, darin heiter-wollüstig zu ersaufen, wirklich entspannt. Außer natürlich du schissest dir die Hosen voll oder schriest oder betetest oder gabst überhaupt was von dir zu der Hundert-Kanal-Panik, die Wortsalat um dich rumfetzte und manchmal sauber durch dich durch. Mag sein, du konntest den Krieg nicht im selben Moment lieben und hassen, aber manchmal wechselten sich diese Empfindungen so schnell ab, dass sie in einem Wirbel zusammentrudelten, der sich drehte, bis du buchstäblich High On War warst, wie es auf allen Helmbezügen stand. Von so ´nem Rausch runterzukommen, konnte dich wirklich fertigmachen.

Sebastian Junger, Autor des Buchs „The Perfect Storm“, hat über den Zeitraum eines Jahres eine Einheit von amerikanischen Soldaten im afghanischen Korengaltal begleitet. Diese berichten in seinem Buch „War“ von einer ähnlichen Erfahrung: „Jeder Kampf bringt einen solchen Adrenalinrausch“, sagte er, „und ich fürchte fast, dass ich dieses Adrenalin suchen werde, wenn ich nach Hause komme. Und wenn ich es nicht finde, fang ich zu trinken an und krieg Ärger. Die Leute zu Hause meinen, wir trinken wegen der schlimmen Sachen, aber das stimmt nicht … wir trinken, weil uns die guten Sachen fehlen.“

Eine überraschende und völlig neue Perspektive auf die Ursache des Phänomens „PTBS“, die Junger folgendermaßen beschreibt:

„Nur sehr wenige Menschen wollen es sich eingestehen. Krieg muss als schlecht gelten, denn im Krieg geschehen zweifellos schlechte Dinge, aber ein Neunzehnjähriger am Abzug eines .50-Kal.-Maschinengewehrs während eines Feuergefechts, das alle heil überstehen, erlebt den Krieg als einen so extremen Nervenkitzel, wie ihn sich niemand vorstellen kann. In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das mit anderem beschäftigt ist. Der Kampf ist nicht der Ort, an dem man stirbt – obwohl auch das geschieht -, sondern der Ort, an dem man herausfindet, ob es einem gegeben ist, weiterzuleben. Die Kraft dieser Offenbarung möge niemand unterschätzen. Und niemand unterschätze das, was junge Männer einsetzen, um das Spiel noch einmal mehr zu spielen.“

Und ähnlich den Soldaten, fällt es den meisten Kriegsreportern schwer, in ein bürgerliches Leben zurückzufinden, Michael Herr, der Mann der treffenden Metaphern, schrieb:

„Wir kamen zurück oder zogen weiter, blieben aber von New York oder San Francisco, von Paris oder London, Afrika oder dem Nahen Osten aus in Verbindung; einige landeten in Redaktionen in Chicago oder Hongkong oder Bangkok und vermissten mit der Zeit das Leben so schmerzlich (ein paar von uns), dass wir begriffen, was Amputierte durchmachen, wenn es sie in den Fingern oder Zehen der vor Monaten verlorenen Gliedmaßen juckt. Ein paar extreme Fälle hatten das Gefühl, das Erlebnis sei dort ruhmvoll gewesen, während die meisten von uns die Empfindung hatten, dass es bloß wunderschön gewesen sei. Ich glaube, Vietnam war etwas, das bei uns die Stelle einer glücklichen Kindheit einnahm.“

Der Preis für das Spiel mit dem Feuer oder für die Suche nach der Wahrheit ist hoch. Der Krieg, das Adrenalin, das Abenteuer hinterlassen Spuren. Nur wenige kommen unbeschadet aus diesem Beruf und den Kriegen heraus.

Janine Di Giovannis Ehe mit dem France 2-Kameramann Bruno Girodon hielt den Belastungen nicht stand. Di Giovanni zog sich nach der Geburt des gemeinsamen Sohns für eine Zeit aus dem Beruf zurück. Ihr Mann wurde die Alpträume und Dämonen (oder den Mangel an Adrenalin?) nicht los, wurde depressiv und alkoholkrank. Bei einem Auftrag während des Aufstands in Libyen gegen Gaddafi erlitt er eine Schusswunde im Gesicht.

Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006, Putins Geburtstag, in der Eingangshalle ihres Wohnhauses erschossen. Für diese Tat wurden im Mai 2014 fünf Männer, darunter drei Tschetschenen, verurteilt. Wer den Mordauftrag erteilt und bezahlt hat, ist noch immer unklar.

Sebastian Jungers Kollege Tim Hetherington, mit dem er für den Dokumentarfilm Restrepo recherchierte, wurde in Misrata getötet, als er über den Aufstand gegen Gaddafi berichtete. Junger selbst arbeitet an einem neuen Dokumentarfilm mit dem Titel „Korengal“.

Tim Page lebt heute in Australien und beschäftigt sich mit Naturfotografie.

Dana Stone und Sean Flynn wurden während einer Reportage über die Kämpfe in Kambodscha vermutlich von Roten Khmer verschleppt und sind seitdem verschollen.

Michael Herr schrieb gemeinsam mit Gustav Hasford das Drehbuch zu Stanley Kubricks Film „Full Metal Jacket“. Nach eigenen Angaben hat er mit dem Thema Vietnam abgeschlossen. In der Zeit danach scheint er nicht mehr besonders produktiv gewesen zu sein. Anscheinend war Vietnam wirklich die schönste Zeit in seinem Leben.

James Foley

Egal nun, was die Motivation von James Foley und Steven Sotloff (und auch ihrer anderen Leidensgenossen) war, sie können sich nicht mehr über PTBS oder ein bedeutungsloses Zivilistenleben beschweren. Ich will gern glauben, dass Steven Sotloff und James Foley, der so verwegen mit der Zigarette in der einen und der aufgepflanzten Kamera in der anderen Hand in die Kamera blickt, ein ehrliches Interesse an den Menschen hatten. Dass sie den Ehrgeiz hatten, eine fremde Zivilisation ergründen und einen verwickelten Konflikt zu verstehen, über den kaum noch jemand berichtet.

Sie haben für ihr Interesse, ihre Neugier und ihre Hingabe an einen gefährlichen Beruf einen hohen Preis bezahlt. Sie sind nicht einfach gestorben, sondern wurden verschleppt, gefoltert und dann auf barbarische und unmenschliche Weise ermordet. Sie sind es, die ihr Leben riskieren, um zu berichten, was vor sich geht. Damit abends die Menschen ihre zweiminütigen Informationshäppchen und das Gefühl bekommen, Durchblick und Orientierung zu haben.

Dieser Bericht ist für diese tapferen Frauen und Männer geschrieben, die für das tägliche Informationsbedürfnis in Ausübung ihrer Arbeit getötet oder auf bestialische Weise ermordet wurden und all die anderen mutigen Kriegsreporter, die in diesem Text keinen Platz gefunden haben. Vor allem die Frauen, die oft das eine Quentchen mehr Empathie statt des Testosteron haben und daher mit etwas besserer Analyse von den Kriegen berichten: Oriana Fallaci, Anna Politkowskaja, Marie Colvin, Mika Yamamoto.

Update: Eine Grafik über die Identität und das Schicksal der IS-Geiseln findet sich hier. Eine Übersicht über weltweit im Einsatz vermisste und entführte Reporter und Journalisten ist hier.

(über tangentcode).

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„Charlie“ – wer oder was ist das eigentlich?

An dieser Stelle wollte ich an sich einen anderen Artikel veröffentlichen, aber nach dem grauenhaften Massaker in Paris, durch das ein Großteil der Redaktion von Charlie Hebdo ausgelöscht wurde, kommt mir derzeit jedes andere Thema unwichtig, belanglos und unpassend banal vor.

Mir ist bewusst, dass es schon eine Fülle an Beiträgen und Posts hierzu gibt. Viele haben mit einem schwarzen Profilbild bei Facebook ein kleines Zeichen ihrer Wertschätzung der Presse- und Meinungsfreiheit gesetzt oder sich auf andere Weise mit den Menschen solidarisiert, die wehrlos ermordet wurden.

Ich selbst war eher ein beiläufiger und unregelmäßiger Leser der Online-Ausgabe von Charlie Hebdo. Ich konnte mit der aggressiven Vehemenz mit der die Religionen, ihre Würdenträger und französische Politiker attackiert wurden, nicht immer etwas anfangen, dafür waren diese Themen zu weit von meiner Lebenswirklichkeit entfernt.

In diesem Artikel geht es mir nicht darum, einmal mehr religiösen Fanatismus zu geißeln oder die bisher bekannten Fakten zu Tätern und Tat zu kommentieren. Es geht mir zum einen um eine Art Würdigung von zwei Zeichner (Cabu und Wolinski), die unter anderem bei Charlie Hebdo veröffentlichten und die mich seit meiner Jugend begleiten. Dazu später mehr.

Ich glaube, dass die meisten Menschen in Deutschland – Journalisten eingeschlossen-, die so eifrig ihre Profilbilder für ein „Je suis Charlie“ auswechseln, dieses Wochenblatt erst am vergangenen Mittwoch wirklich zur Kenntnis genommen haben. Es ist für Nicht-Franzosen nicht ganz einfach, den Stellenwert dieser Zeitung, die in ihrer mittlerweile mehr als fünfzigjährigen Geschichte verboten, geschmäht, verflucht und vor den Kadi gezerrt wurde, der man aber den Status einer nationalen Institution nicht mehr verwehren kann, zu ermessen.

Daher zunächst der Versuch einer Erklärung, was den „Geist“ von Charlie Hebdo ausmacht.

Es wäre zu kurz gegriffen, Charlie Hebdo als bloßes „liberales“ Satireblatt zu qualifizieren. Charlie Hebdo stand von Beginn an für die Freiheit der Sprache, der Worte und der Gedanken, für Provokation, für ätzenden Humor, für dezidiert linke Werte und vor allem die unbedingte Verteidigung des Laizismus.

Ein gemeines, bissiges Blatt, dass sich weder füttern noch streicheln ließ und sich mit niemanden gemein machte . Der Stolz und die Unerbietigkeit seiner Autoren und Zeichner verbot es ihnen, irgendeiner der Gesinnungsdiktaturen, seien es nun „religiöse Gefühle“, „die guten Sitten“, „der Feminismus“ oder was auch immer auf der Tagesordnung stand, Respekt zu erweisen.

Vielleicht hilft es bei der Orientierung, wenn man sich die französische Presselandschaft wie eine Schulklasse vorstellt. Wenn der Platz des braven, doch gebildeten Strebers von „Le Monde“ besetzt wird und „Libération“ die linke Klassenschönheit ist, die später trotzdem zur bourgeoisen Spießerin mutiert, dann ist „Charlie Hebdo“ der schon zweimal sitzengebliebene Klassenclown, der sich einen Dreck um Noten oder Anerkennung schert.

Ursprünglich hieß die Zeitung „Hara-kiri“, 1960 gegründet, wie so oft von ein paar idealistischen und motivierten Freunden, die das muffige, gaullistische Frankreich reizen wollten. Dort wo bei anderen Zeitungen als Motto „unabhängig und überparteilich“ oder „der Wahrheit verpflichtet“ oder ähnlich trivialer, da selbstverständlicher Schmonzes steht, stand bei Hara-kiri: „Journal bête et méchant“ (dumme und bösartige Zeitung).

Mit von der Partie waren von Beginn an die Schriftsteller Cavanna und Roland Topor und als Zeichner Cabu, Wolinski und Jean-Marc Reiser, um nur die bekanntesten zu nennen. Die Zeitung brachte einen frischen Luftzug in das konservativ-prüde Frankreich mit seinem respektlosen Witz, seinem beißenden Spott und vor allem mit – damals verbotener –Nacktheit in Bildern und Zeichnungen.

1961 wurde die Zeitung zum ersten Mal für sieben Monate verboten. Laut Urteil waren die Zeichnungen „morbide“. 1970 erfolgte ein weiteres Verbot für das heute fast schon legendäre Titelblatt „Bal tragique à Colombey – 1 mort“. Die Zeitung hatte nicht nur 146 Menschen, die in einer Feuersbrunst umgekommen waren, sondern auch den eben verstorbenen Ex-Präsidenten De Gaulle verunglimpft, also eine Art Majestätsbeleidigung begangen.

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Um das Verbot zu umgehen, benannte sich Hara-kiri um und wurde Charlie Hebdo. Die Jahre zwischen 1970 und 1974 waren die Jahre der Sorglosigkeit mit einer Auflage von 150.000 pro Woche. Doch das schöne Leben fand aufgrund von Nachlässigkeit im finanziellen Bereich ein Ende. 1981 wurde die Zeitung eingestellt. Rund zehn Jahre später, 1992, erhob sich die Zeitung – mit einem Großteil der alten Mannschaft – wieder aus der Asche und pendelte sich mit dem alten Konzept aus Provokation und Respektlosigkeitbei  einer stabilen Auflage von 140.000 Stück ein. So schleppte sich die Zeitung, deren Glanz sich mit der Zeit abgenutzt hatte, dahin – bis zum Februar 2006.

Charlie Hebdo war eines der ganz wenigen Presseorgane, welches die „Mohammed-Karikaturen“ aus der dänischen Zeitung Jyllands-Posten publizierte. Die Ausgabe musste, einzigartiges Ereignis in der Geschichte des Blattes, eine zweite Auflage drucken. Mit dieser Veröffentlichung begann gewissermaßen eine neue Zeitrechnung. Charlie Hebdo wurde von der Union der islamischen Organisationen Frankreichs, der Großen Moschee von Paris und der Islamischen Weltliga verklagt, obsiegte jedoch vor Gericht. Die Drohungen blieben jedoch seit jenem Tag.

Seit seiner Wiederkehr in die Pressearena 1992 wurde Charlie Hebdo 48 mal verklagt und hat davon 9 Prozesse verloren. 1995 wurde die Zeitung wegen Beleidung verurteilt, weil ein Redakteur die Front-National-Politikerin Marie-Caroline Le Pen als „chienne de Buchenwald“ bezeichnet hatte (diesen Namen hatte sich ursprünglich die KZ-Kommandeuse Ilse Koch redlich verdient). Gewonnen hatte Charlie Hebdo jedoch den Prozess, den der ebenfalls frontistische Politiker Bruno Mégret angestrengt hatte, weil er sich durch die Bezeichnung „kleine Ratte“ verunglimpft fühlte. Mit freundlichen Betitelungen wie „pape de merde“ (für Johannes Paul II.) oder der Aufforderung in alle Weihwasserbecken der Kirchen zu scheißen, geriet Charlie Hebdo ins Fadenkreuz katholischer Organisationen, von denen die Zeitung zwischen 1994 und 1998 fünfmal verklagt wird.

Es fällt auf, dass in den letzten Jahren eher rechtsextreme Politiker gegen Charlie Hebdo klagten und sich islamische Organisationen damit eher zurückhielten.

Die Organisationen waren von den Misserfolgen vor Gericht wohl entmutigt. Das fanatische Fußvolk indes wählte nicht mehr den Rechtsweg, sondern den der Gewalt. Im November 2011 wurde die Redaktion mit Molotowcocktails verwüstet und brannte vollständig aus. Knapp drei Jahre nach dem Vandalismus kam der Terror.

Zurück zu den Zeichnern.

Aus dem Besitz meiner Mutter habe ich mir zwei Comicalben unter den Nagel gerissen: „Le grand Duduche en vacances“ von Cabu und „J’étais un sale phallocrate“ von Wolinski. Ich habe als Kind diese Bücher durchgeblättert, aber damals den Kontext und den hintersinnigen Witz nicht richtig verstanden.

Später wurden diese Bildbände für mich meine wichtigste Verbindung nach Frankreich und letztendlich sind sie auch ein Schlüssel zum Verständnis der Mentalität Frankreichs.

Cabu Le Grand Duduche en vacances

Cabu und Wolinski sind nicht nur Grundungsväter von Charlie Hebdo, sondern auch Urgesteine, der französischen Zeichenkunst. Ungefähr jeder Franzose der heute 25-70-jährigen kennt sie, da sie in so gut wie allen wichtigen Publikationen Frankreichs veröffentlich wurden.

Beide waren geprägt durch die wichtigsten Ereignisse in ihrer Jugend: dem Algerienkrieg und ´68. Bis in ihr hohes Alter haben sie den Funken der Revolte bewahrt: die Frechheit, den Rotz, eine kindliche Begeisterungsfähigkeit, den Idealismus und die Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten.

Cabu trug (der Gebrauch der Vergangenheitsform fällt mir noch immer schwer) mit fast 77 Jahren noch immer sein verschmitztes, jugendliches Gesicht spazieren wie sein Alter Ego „Le grand Duduche“. Beharrlich nahm er den Militarismus, Borniertheit und die Spießigkeit und den Muff von vor ´68 und darüber hinaus aufs Korn. Neben seinen Beiträgen für Charlie Hebdo war er Stammzeichner für das zweite, seriösere und weniger aggressive Satireblatt „Le canard enchaîné“.

Wolinski Sale Phallocrate

Georges Wolinski, kam als Kind jüdischer Emigranten aus Italien und Polen in Tunis zur Welt und wuchs anschließend in Frankreich auf. Er war von 1970 bis 1981 Chefredakteur von Charlie Hebdo. In seinen Zeichnungen nahm er bevorzugt die Scheinheiligkeit der sexuellen Befreiung nach ´68 mit ihren alten Verboten und neuen Tabus auf die Schippe.

Wolinski Vibrations

Vielleicht haben die beiden Schwachköpfe, die ihre Leben ausgelöscht haben, tief in ihrem Inneren geahnt, dass sie in ihrem armseligen Leben niemals die intellektuelle Größe, die Bildung, den Humor, die Schlagfertigkeit und somit diese immense persönliche Freiheit dieser beiden Männer würden erlangen können. So haben diese Nichtsnutze zwei 76 und 80 Jahre alte Legenden aus dem Leben gerissen.

Charb kannte ich als Zeichner am wenigsten, er war der jüngste in der Redaktion und doch seit 2009 Chefredakteur. In sehr lustiger Erinnerung habe ich allerdings die Videos, in denen er einen fiktiven Islamkonvertiten, Steven le Troudec’h, verkörperte. Schon sein Name ist ein vulgäres und doch sehr französisches Wortspiel: le Troudec’h = trouduc‘ = trou du cul = Arschloch. Sein Dschihad-Kampfname ist auch nicht viel besser: Abdelkader ben Charmouta (wobei man wissen muss, dass „Scharmuta“ das arabische Wort für Hure ist).

 

Im Grunde hat Charb nicht viel mehr getan, als die Fanatiker in ihrer Verblendung, ihrer bodenlosen Dummheit und ihrer grenzenlosen Vermessenheit und ihrer Lächerlichkeit zu porträtieren. Die Videos sind vielleicht nicht jedermanns Geschmack, doch ich kann darüber auf jeden Fall herzhaft lachen.

Ungemein witzig ist ich auch das Video, in dem Charb nichts anderes tut, als die unter Antisemiten und Aluhüten weitverbreitete Verschwörungstheorie wiedergibt, dass die Juden hinter den Anschlägen von 11. September stecken.

Am Rande sei bemerkt, dass nach dem Tod des Mannes, der immer von sich sagte, er habe weder Frau noch Kind noch Auto, ein Geheimnis gelüftet wurde. Durch ihr bewegendes Interview am Tag des Massakers wurde bekannt, dass Charb eine Lebensgefährtin hatte, die er der Öffentlichkeit aus Sicherheitsgründen verschwiegen hatte. Es ist die algerischstämmige Juristin und Wissenschaftlerin Jeannette Bougrab, die unter dem konservativen – und von Charlie Hebdo hemmungs- und gnadenlos gemobbten – Präsidenten Sarkozy den Posten einer Staatssekretärin innehatte.

Nur soviel als kleines interessantes Detail zu den unlösbaren Widersprüchen, die in einer multikulturellen Gesellschaft auftreten, wobei – dies muss man zugeben -, diese in Frankreich schon viel weiter fortgeschritten ist, als hierzulande.

Weiter oben habe ich geschrieben, dass die beiden Terroristen vielleicht geahnt haben, wen sie vor sich hatten, als sie das Büro stürmten. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher, ob das ganze Ausmaß ihrer Tat in ihre drogen- und religionsvernebelten Losergehirne eingedrungen ist. Sei’s drum. Die einzig treffenden Worte zu dieser Angelegenheit findet Freund und Kollege Patrick Pelloux, ausgebildeter Notfallmediziner mit eigener regelmäßiger Kolumne in der Zeitung und der als einer der ersten am Ort der Hinrichtung eintraf:

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10:15 Monday Night

EZB a

Der dramatische Umzug von einem Hochhaus ins andere ist bewerkstelligt. Wichtige monetäre Transaktionen mussten für einige Tage aufgeschoben werden. Nach diesem nervenaufreibenden Ereignis sitzen die gezähmten Lurche wieder brav bis spät abends in ihren kleinen, gläsernen Terrarien.

EZB b

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Die Stadt, der Müll und das Hasch

Es war ein schöner Sommer, und die kommenden Sommer würden noch schöner werden. In Berlin war Andreas Baader aus der Haft befreit worden. Ulrike Meinhof rief aus dem Untergrund zum bewaffneten Kampf auf. Ich ging in der Mittagspause zur Hasch-Wiese hoch und besorgte mir Morphium aus Apothekeneinbrüchen. Die Ampulle kostete zehn Mark.

Jörg Fauser, Rohstoff

 

Manchmal, in so einer Art Nachmittagsnostalgie beschäftige ich mich mit der Stadt, die einige Jahre lang mein Lebensmittelpunkt gewesen ist und mit dem Viertel, in dem ich damals gewohnt habe: Kreuzberg, dort wo der Landwehrkanal sich in einem weiten Becken teilt und Richtung Spree abkippt. Im Görlitzer Park dealen die Dealer, Polizisten stochern im Gebüsch nach Grastütchen, Anwohner maulen, Gewerbetreibende prügeln sich mit Dealern.

Wenn ich heute aus meinem Büro in der Frankfurter Innenstadt trete, muss ich nur einige Schritte gehen und bin in der Bockenheimer Anlage, Frankfurts berüchtigter, ehemaliger „Haschwiese“.

Die Haschwiese, Deutschlands Drogenmagnet Nummer 1, bekannt zwischen Flensburg und Berchtesgaden und europaweit darüberhinaus, wo man problemlos Gras, LSD, „Cappies“ oder Morphium bekam.

Vor mir steht die „hippe“ „Bar ohne Namen“ die, als ich ein Kind war, ein dubioses Kiosk war, eine Trinkhalle, wo sich jahrelang die selben verlorenen Gestalten mit ihren vom Alkohol aufgedunsenen und gleichzeitig zerklüfteten Gesichtern versammelten.

Bar ohne Namen

Ich laufe ein paar Schritte hinter das Stadtbad Mitte. Hier war sie also, Deutschlands erste offene Drogenszene. Von der Bevölkerung größtenteils akzeptiert und von den Behörden mehr oder weniger geduldet.

Hier soll er also gewesen sein, der Treffpunkt der Studenten, der „Gammler“, der Kiffer, der Hippies und der US-Soldaten, um zu kiffen und Drogen zu kaufen. Ehrlichgesagt fällt es mir schwer, mir das vorzustellen, wo diese angeblichen Massen hier in diesem schmalen, langgestreckten Anlagenstück, in dem sich auch noch ein großer Teich befindet, sich versammelt haben sollen. Diese Anlage begann 1965 zum Sammelpunkt für Studenten und sogenannter „Gammler“ zu werden, später kamen noch Hippies hinzu und subkulturelle Anteile der US-Armee.

Haschwiese Frankfurt Stadtbad Mitte

An jedem „Payday“ kamen Massen von GI’s aus Hessen und Rheinland-Pfalz in diesen Park zwischen Eschenheimer Turm und Alter Oper, um sich hinter dem Stadtbad Mitte mit Hasch und LSD zu versorgen.

Ab und zu raffte sich die „Schmiere“ zu einer Razzia auf, die sie arbeitsteilig mit uniformierten und behelmten Militärpolizisten durchführte, weil die Haschwiese für amerikanische Soldaten „off limits“ war. Während die deutschen Polizisten unter dem Gemaule und Genöle der Kiffer die Personalien überprüfte und Verdächtige durchsuchte, kassierte die amerikanische Militärpolizei einfach alles ein, was die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß.

All das war Teil der bunten Folklore der damaligen Zeit, die von den Frankfurtern mit schmunzelnder Gelassenheit hingenommen wurde.

Dann kam das Heroin. Massiv.

Mitte der 70er Jahre kippte die Stimmung in der Bockenheimer Anlage. Sie war nicht mehr der gemütliche Hippietreff, wo man immer ein paar Freunde und Bekannte traf, um eine Erdhuka zu rauchen. Sie war jetzt nur noch eine verwahrloste Grünanlage, übersät mit leeren Spritzen und aufgeschlitzten Handtaschen in den Gebüschen. Die Apotheken im Umkreis hatten regelmäßig eingeworfene Schaufenster, weil die Süchtigen nach Morphium und anderen Betäubungsmitteln gierten.

Wenn man sich die Berichterstattung aus dieser Zeit durchliest, ist es wie ein Déjà-vu. Dieselben öden, müßigen sich im Kreise drehenden Argumentationsschleifen, so als hätten die Verantwortlichen nichts dazu gelernt. Wie einem diese unendlichen, elenden Debatten bekannt vorkommen.

Die Frankfurter Neue Presse nahm sich 1979 dem Thema in einer ganzseitigen Reportage mit dem schönen Titel „Eine Eiterbeule im Herzen der Stadt“ an. Die Protagonisten, genau dieselben wie heute in der Wiener Straße in Kreuzberg: die empörten Anwohner, überforderte Polizisten, verantwortungsscheue Politiker.

Die Anwohner fühlen sich durch die Junkies belästigt und fordern: Weg mit der Haschwiese. Das Frankfurter Stadtoberhaupt Dr. Walter Wallmann steht dem Problem ohnmächtig gegenüber: Ich kann nichts dagegen tun. Die Polizei, die etwas tun könnte, möchte nicht: Eine Verdrängung des Problems hilft nicht weiter. Jetzt haben wir die Szene wenigstens unter Kontrolle.

Ein Anwohner namens Willy, laut Artikel Angestellter einer großen Bank beschwert sich: „Erst wurden wir von den Pennern und Wermutbrüdern belästigt, jetzt sind es die Fixer.“ Er beklagt sich auch darüber, dass so mancher Dealer auf der Wiese schon mal aggressiv reagiere. Auch die Waffen, die die „Haschbrüder“ und Drogenhändler bei sich tragen, verstärken die Angst und die Unsicherheit der Bürger.

Eine Frau namens Elvira meint: „Ich weiß ja, dass es keine Lösung ist, die Fixer zu vertreiben. Aber man muss uns doch auch mal verstehen. Meine Kinder müssen durch diesen Park, wenn sie zur Schule gehen. Kann ich wissen, ob sie nicht irgendwann ‚high‘ heimkommen?“

Oberbürgermeister Wallmann flüchtet aus der Verantwortung: „Ich kenne das Problem, doch bin ich leider nicht zuständig. Zwar habe ich laufend Kontakt zur Polizei in dieser Sache und bitte immer wieder nachdrücklich darum vorzugehen gegen das, was sich da abspielt. Ich habe auch schon entsprechende Gespräche mit dem Innenminister geführt. Aber die Polizeihoheit liegt nicht bei mir. Durch eigene Entscheidung kann ich, obwohl genauso unzufrieden wie viele Bürger, nichts an den Zuständen ändern.“

Im Wiesbadener Innenministerium verweist man auf die Frankfurter Polizei. Beim zuständigen Leiter der Kriminalabteilung im hessischen Innenministerium weiß man offensichtlich nichts von den Beschwerden der Frankfurter Bürger.

Der Leiter der zuständigen Abteilung K 44, Knut Stroh weiß auch keine Lösung und will alles so lassen, wie es ist: „Wir stehen echt vor der Frage, wie wir dem Problem Herr werden sollen. Gehen wir jeden Tag hin, um einige ‚abzugreifen‘ dann verlagert sich die ‚Szene‘ sicherlich. Das Problem wird dadurch jedoch nicht beseitigt. Wir haben jetzt die Möglichkeit, auf die Haschwiese zu gehen und mit den Leuten zu reden. Dadurch kommen wir an Informationen über die größten Dealer ran. Wird diese Kette unterbrochen, dann ist jahrelange Arbeit vernichtet. Wir können es uns nicht leisten, unsere Informationsquellen zu verlieren. Natürlich verstehen wir die Sorgen und Probleme der Bürger; von uns aber erwartet man die Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität. Das können wir aber nur, wenn die Szene überschaubar bleibt. Deshalb ist die ‚Haschwiese‘ für uns wichtig.“

Does that ring a bell, Kreuzberger?

Die FAZ, kommentiert die Situation in einer Art, durch die ich verstehe, warum sie damals das Magenblatt der Konservativen war. Ein Schreiber mit dem Kürzel „Wsm.“ glossiert in einem mit drolligen Ausdrücken gespickten Meinungsartikel das Dilemma folgendermaßen: „In Kreisen einer intellektuellen Schickeria mag es schick sein, aus purer Langeweile und weil man von allem zuviel hat, sich gelegentlich eine Prise „Hasch“ zu genehmigen, aber die armen Teufel, die über die Drogenszene taumeln und zur Beute der gnadenlosen Dealer werden, ist kaum gedient, wenn ihr Elend verniedlicht und verharmlost wird.“

1980 ging dann schließlich doch was. Wiederholte Razzien mit massiver Polizeipräsenz verunsicherten die Szene. Insider munkeln, dass der Grund hierfür nicht auf ein Umdenken bei OB Wallmann zurückzuführen gewesen sei, sondern weil er sich mit einer regen Bautätigkeit verewigen wollte. Die Alte Oper, die bis dahin als Kriegsruine vor sich hinmoderte, sollte neu eröffnet werden und Wallmann wollte den eleganten Bildungsbürgern, die er in die Stadt locken wollte, nicht den Anblick der Junkies und Freaks in der unmittelbaren Umgebung zumuten.

Am 30.Mai 1980 meldete das Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt: „Die Haschwiese existiert nicht mehr.“

Das Doofe war nur, dass die Szene tatsächlich nicht einfach so verschwand. Sie ging nur ein paar hundert Meter weiter, in die Taunusanlage. Direkt vor die Bankentürme.

Dort war dann Europas größte offene Heroinszene.

In der Taunusanlage versammelten sich bis Mitte der 90er Jahre täglich mehrere hundert, manchmal tausend Junkies in der Anlage vor den Banken. Ich erinnere mich noch gut an dieses fremdartige und absonderliche Schauspiel: Junkies, die in Gruppen zusammenstehen und mit rauher, heiserer Stimme krakeelen, weil sie es verlernt haben, sich ganz normal zu unterhalten. Junkies, die sich zu ihrem Heroin noch Barbiturate eingefahren haben und mitten ihm Gehen nach vorne kippen und im Stehen einschlafen. Andere sitzen auf einem Mauervorsprung, haben ihr gesamtes Zeug um sich herum verteilt: Feuerzeug, Kippen, Schlüssel und sind im Heroinflash in sich zusammengesunken.

Die meisten versammelten sich in einer gepflasterten Wanne, die die Stadt niedlicherweise „Lesegarten“ nennt. Ich habe dort noch niemanden lesen sehen und an den betonierten Schachbrettern habe ich nur Junkies gesehen, die mit ihren Drogenutensilien hantierten.

Das waren die Zeiten, als es jährlich durchschnittlich 150 Herointote in Frankfurt gab.

Ende der 80er zogen die Grünen in den Magistrat ein. Nach jahrelangen, endlosen, ideologisch geführten Debatten wurde die elende Lage durch die Einrichtung von Druckräumen entschärft. Es kam zu einer für Frankfurt typischen pragmatischen Entscheidung: die Konservativen gaben ihr Dogma auf, dass die Drogensucht nur durch Repression zu besiegen sei und stimmten der Einrichtung von Druckräumen zu; die Grünen mussten dafür der CDU dahingegen entgegenkommen, dass sich die Repression danach gegen die Dealer richtete – und konnten damit gut leben.

Heute gibt es keine offene Drogenszene mehr in Frankfurt. Auch Heroin dominiert nicht mehr den Markt. Die harte Droge der Zeit ist Crack und wird in den Hauseingängen, den schäbigen Billighotels und den Seitenstraßen des Bahnhofsviertels konsumiert.

Im Lesegarten wurde vor einiger Zeit eine Gedenkplatte für die Drogentoten der vergangenen Jahrzehnte eingelassen.

Gedenktafel Drogenabhängige Taunusanlage

Wenn ich heute durch die ehemalige Haschwiese laufe ist es ruhig. Nirgendwo ist ein einsamer Althippie mit Chillum zu sehen. Nur ein paar dieser übertrieben selbstbewußten, jungen, aufstrebenden, hochbezahlten Leistungsträger in Anzügen und teuren Schuhen laufen gockelhaft durch den Park nachdem sie „geluncht“ haben. Abends sieht man die schon älteren hochbezahlten Spezialisten auf ihren teuren Fahrrädern und ihren mit einem kleinen Rückspiegel versehen Fahrradhelmen mit dem Gesichtsausdruck eines gehetzten Nagetiers durch die Anlage sausen.

Das Stadtbad Mitte, wo ich als Kind mit meiner Schulklasse schwimmen ging, wurde in das Hilton Hotel integriert. Man kann dort nur noch gegen einen horrenden Geldbetrag und eine Mitgliedschaft bei Fitness First schwimmen gehen.

Stadtbad Mitte

Der Kiosk, der vorher ein Spielsalon war, ist jetzt eine Bar, wo die Schnösel, die Gegelten und die Erfolgreichen mittags „lunchen“ und abends ihre Cocktails schlürfen.

Tja, Berlin, das ist deine Zukunft. Kreuzberg, du kannst Dir schon mal deinen Gedenkplatte bestellen.

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