Ein Jahr vor der endgültigen Verjährung ist im Zusammenhang mit der von einer unbekannten Gruppierung in Belgien begangenen Mordserie mit 28 Toten am vergangenen Wochenende ein Mann verhaftet und in Untersuchungshaft genommen worden.
Es handelt sich um den heute 68 Jahre alten Jean-Marie Tinck. Der bereits wegen eines Tötungsdelikts im Jahr 1991 zu einer 8-jährigen Freiheitsstrafe verurteilte Mann hatte zu Beginn dieses Jahres einem französischen Staatsbürger seine angebliche Beteiligung an den Taten in den Jahren 1982 bis 1985 offenbart.
Der ständige Ermittlerstab in Charleroi hat sich mehrere Monate Zeit gelassen, bevor er sich zum Zugriff entschlossen hat. Mehrere Elemente haben den Verdacht gegen den Beschuldigten bestärkt.
Nachdem im Jahr 1997 Phantombilder der Täter veröffentlicht wurden, haben drei Personen unabhängig voneinander im Phantombild mit der Nummer 17 den Beschuldigten erkannt. Seinerzeit wurde er von den Ermittlern befragt, der Tatverdacht konnte jedoch damals gegen ihn nicht erhärtet werden. Die Möglichkeiten zur Überführung der Täter mittels einer DNA-Analyse waren zur damaligen Zeit noch sehr eingeschränkt und kaum verbreitet.
Der Beschuldigte ist nach Berichten wegen mehrerer Gewaltdelikte vorbestraft. Im Jahr 1991 hat der Beschuldigte im Streit einen Kneipier erstochen, weil er nicht damit einverstanden war, dass dieser Araber in seiner Gaststätte bewirtete. Für diese Tat hat der Beschuldigte, der von Beruf angeblich Matrose war, eine mehrjährige Gefängnisstrafe verbüßt. Nach bisher unbestätigten Berichten wurde an einer der in bei dem blutigen Raub in Temse erbeuteten Schußwesten DNA-Material des Beschuldigten gesichert. Die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen stehen indes noch aus.
Die Ermittlungsakten aus dem Jahr 1991 und 1997 wurden jedoch zwischenzeitlich nach der gesetzlichen Höchstfrist vollständig vernichtet. Auch zwei der Zeugen, die den Mann 1997 erkannt hatten, sind mittlerweile verstorben.
Die Opfer und Hinterbliebenen, die seit Jahren für eine Verlängerung der Verjährungsfrist kämpfen, damit die Taten doch noch eines Tages gesühnt werden können, sind nach der Verhaftung skeptisch. Zu oft haben sich sichere Ermittlungsansätze im Nachhinein als falsch herausgestellt.
In den 80er Jahren war Paris eine unruhige Metropole. Der Aufruhr von Mai ´68 lag schon einige Jahre zurück. Der Duft der Freiheit, das erhoffte Abschütteln von unzeitgemäßen Konventionen und Moralvorstellungen und auch die von manchen ersehnte Weltrevolution waren in einer faden Epoche unter Präsident Giscard d’Estaing versandet. 1982 jedoch kamen die Dinge in Bewegung. Nach einem konservativen Interregnum von fast dreißig Jahren kam ein sozialistischer Präsident an die Macht. Mitterand versprach den Franzosen viele Änderungen: soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Wohlstand. Er konnte damals noch nicht wissen, dass die die Epoche, die man „Trente Glorieuses“ nennen sollte, damals schon lange vorüber war. Die Jugendlichen aus den Banlieues verlangten Teilhabe an der Gesellschaft und drängten in die Pariser Innenstadt, wo sie von den Reichen und Aristokraten und solchen, die sich dafür hielten, mit Naserümpfen aufgenommen wurden. Maghrebinische Jugendliche demonstrierten auf der „Marche des Beurs“ und in der großen Stadt, in der die einfachen Menschen trotz der sozialistischen Versprechen mehr und mehr aus dem Stadtkern und in die Außenbezirke gedrängt wurden, gingen Mörder um.
Zwei der bekanntesten Serienmörder hat man gefasst. Thierry Paulin, der mindestens 18 alte Frauen ermordet hat – wahrscheinlich eher an die 30 –, stirbt im April 1989 im Gefängnis an AIDS noch bevor er für seine Taten verurteilt werden konnte. Guy Georges, der Mörder aus dem Pariser Osten, wird erst 1998 geschnappt und verbüßt für 7 Morde an jungen Frauen eine lebenslange Freiheitsstrafe. Im Gefängnis führt er einen regen Briefverkehr mit zahlreichen weiblichen Verehrerinnen.
Doch einer, der diese unruhigen, chaotischen und desorganisierten Jahre zum Töten genutzt hat, läuft noch frei herum. Sofern er noch lebt. Der Täter wurde am 30.09.2021 identifiziert, siehe weiter unten.
Sie nannten ihn das Pockengesicht
Es ist der 5. Mai 1986, morgens gegen 8 Uhr 30 als sich die 11-jährige Cécile Bloch auf den Weg zur Schule macht. An diesem Morgen hat sie einen rosa Jogginganzug angezogen und ein weißes Stirnband aufgesetzt. Sie verlässt ihre Wohnung im 3. Stock der Rue Petit 116 im 19. Arrondissement und steigt in den Aufzug. Im Aufzug lehnt ein seltsamer Mann. Cécile Bloch steigt nicht im Erdgeschoss aus und geht auch nicht in die Schule. Sie verlässt auch das Wohnhaus nicht mehr.
Am Nachmittag gegen 15 Uhr 30 findet ein Hausmeister im stockfinsteren 3. Untergeschoss der großen Wohnanlage die Leiche der kleinen Cécile. Sie liegt in einem winzigen Abstellraum ganz in der Nähe der Treppe auf dem Bauch und ist mit einem großen alten Teppichstück bedeckt. Das weiße Stirnband ist ihr quer über das Gesicht gerutscht. Die Jogginghose ist ausgezogen. Sie wurde vergewaltigt und erdrosselt. Ihr Mörder hat ihr, als sie schon tot war, einen Messerstich ins Herz zugefügt. Die Menschen in der riesigen Wohnanlage sind entsetzt und erschüttert als sie die Nachricht erhalten.
Einige Nachbarn und auch Céciles Eltern und ihr Bruder erinnern sich ebenfalls an den sonderbaren Mann im Aufzug. Sie hatten ihn noch nie zuvor im Haus gesehen und es kam ihnen komisch vor, dass er nicht gemeinsam mit ihnen im Erdgeschoss mit ihnen ausstieg, sondern im Fahrstuhl blieb.
Es fallen ihnen auch eine ganze Reihe von Unregelmäßigkeiten ein, die in ihrer Gesamtheit mehr als auffällig sind: Die Sprechanlage an der Eingangstür funktioniert nicht, obwohl sie erst vor dem Wochenende repariert worden war. Auf dem Stockwerk von Céciles Wohnung ist das Licht defekt und einer der beiden Aufzüge ist außer Betrieb. Es scheint so, als ob der Täter eine perfekte Falle aufgestellt hat und wie eine Spinne im Netz auf sein Opfer gewartet hat.
Offenbar hatte er fast eine ganze Stunde auf diese Weise im Aufzug gestanden, ist auf und ab gefahren und hat gewartet. Dabei hat er in Kauf genommen, dass viele Hausbewohner, die das Haus in Richtung Arbeit verließen, sein Gesicht sehen. Als die kleine Cécile schließlich im Aufzug war, hat er sie am Aussteigen gehindert, sie in die dunklen Abgründe des Gebäudes geschleift, sie vergewaltigt und ermordet.
Céciles Bruder Luc erinnert sich, dass ihn an dem Mann erst die übertriebene Art, mit der er versuchte unauffällig zu wirken, argwöhnisch gemacht hat. Er sagte banale Sätze in der Art „Ich hoffe, dass Sie einen angenehmen Tag verbringen“, doch gerade diese penetrante Höflichkeit obwohl sie sich noch nie gesehen hatten, war es, was ihn suspekt wirken ließ.
Die Zeugen beschreiben einen jungen Mann, 25 – 30 Jahre alt, groß, athletisch, die Kleider etwas nachlässig und unordentlich, staubige Turnschuhe, etwas längere Haare mit einer Strähne über der Stirn. Und dann ein sehr auffälliges Merkmal: seine Gesichtshaut ist von unzähligen kleinen Narben wie von Akne oder Pocken übersät. Die Ermittler geben ihm den Namen „Le Grêlé“: das Pockengesicht. Sie sind sich sicher, dass er diese Tat lange und sorgfältig vorbereitet hat.
Die Wohnanlage in der Rue Petit ist sehr groß, 850 Wohnungen befinden sich in dem Haus. Zur damaligen Zeit konnte man noch relativ einfach in das Gebäude eindringen. Der „Digicode“, der heute überall in Paris die Eingangstüren sichert, war damals noch nicht verbreitet. Auch über die Tiefgarage konnte ein Fremder in die Keller und in die Treppenhäuser der gesamten Wohnanlage eindringen und sich dort frei bewegen. Die Ermittler halten es für undenkbar, dass der Mörder spontan in das Haus eingedrungen ist. Er muss sich vielmehr mit der Wohnanlage und der Anordnung ihrer Räumlichkeiten vertraut gemacht haben. Er muss auch den kleinen Abstellraum entdeckt haben und am Tag zuvor die Tür zum 3. Untergeschoss mit einer zusammengeknüllten Zigarettenpackung offengehalten haben.
Die Ermittler sind sich außerdem sicher, dass der Mörder ein sehr gefährlicher Täter ist und mit Sicherheit bereits kriminelle Erfahrung hat. Die Beamten durchforsten ihre Archive nach Fällen in der jüngeren Vergangenheit mit einer ähnlichen Vorgehensweise. Damals ist das eine mühevolle, langwierige und fehleranfällige Handarbeit, da Computer in den 80er Jahren in Frankreich bei der Polizeiarbeit so gut wir nicht genutzt wurden.
Doch sie landen bald einen Treffer: Am 7. April 1986, einen Monat vor der Mord, wurde in einem großen Wohnkomplex an der Place de la Vénétie in Chinatown ein fast identisches Verbrechen begangen. Ein Täter fängt morgens um kurz nach 8 Uhr die 8-jährige Sarah im Aufzug ab, zwingt sie in das 4. Untergeschoss, wo er sie vergewaltigt und stranguliert. Wie durch ein Wunder überlebt das kleine Mädchen. Der Täter hatte sie, im Glauben, sie sei tot, im dunklen Keller zurückgelassen. Das Mädchen kann einen jungen Mann mit vernarbter Gesichtshaut beschreiben.
In der Rue Boulitte im 14. Arrondissement spricht derselbe Täter die 14-jährige Marianne im Aufzug an. Er hält ihr eine Art Ausweis in den Farben der französischen Trikolore unter die Nase und erklärt ihr, er sei Polizist und auf der Suche nach einer Ausreißerin. Ob Sie ihren Personalausweis dabei habe. In der Wohnung bedroht er das eingeschüchterte Mädchen mit einer Pistole, vergewaltigt sie und verschwindet, nachdem er einige Gegenstände – zwei Fotoapparate, einen CD-Player und Klassik-LPs – entwendet hat.
Bei ihren Nachforschungen stoßen die Ermittler auf mindestens 10 Fälle, bei denen entweder der modus operandi oder die Beschreibung auf den „Fahrstuhl-Vergewaltiger“ passt. Bevorzugt schlägt er in jenen Jahren im Osten und Süden der Stadt zu.
Es ist ein ausgesprochen außergewöhnlicher Täter, den sie suchen. Er ist nicht nur auf Mädchen im Kindesalter fixiert, sonder greift auch erwachsene Frauen an. Seine Tatbegehungsweise ist mit der Zeit elaborierter geworden. Es kommt die Finte mit dem Polizeiausweis hinzu.
Zwei Elemente prägen jedoch seine Taten: Sexualität und sadistische Gewalt. Forensische Psychiater halten ihn für einen intelligenten, entschlossenen, sadistischen, pädophilen Jäger. Er genießt seine Allmacht und spielt Gott. So wie Gott tötet er oder lässt seine Opfer am Leben. Das lange Warten vor der Tatumsetzung und das Risiko von vielen Personen gesehen zu werden, birgt möglicherweise einen besonderen Reiz und Nervenkitzel für ihn.
Die Ermittlungen versanden irgendwann. DNA-Analysen werden in den 80er Jahren bei der Aufklärung von Verbrechen noch nicht durchgeführt. Geistesgegenwärtige Forensiker sichern jedoch DNA-Proben.
Es dauert jedoch 10 Jahre bis die Proben der bisher bekannten Taten ausgewertet werden. Sofort wird das Ergebnis in die forensische Datenbank FNAEG eingegeben. Doch kein Täter ist unter dem genetischen Code 16171617793 gespeichert.
Allerdings erbringt die Überprüfung einen Treffer anderer Art. Der Täter hat im Jahr 1994 nochmals zugeschlagen. Diesmal außerhalb von Paris, in der Nähe des Flughafens Charles-de-Gaulle. Im kleinen Städtchen Mitry-Mory spricht er die 11-jährige Ingrid an, die auf einem Feldweg Fahrrad fährt, gibt sich als Polizist aus und bringt sie in seinem Wagen unter Kontrolle. Er fährt eine Stunde lang ins 60 km entfernte Saclay zu einem verlassenen Gehöft, wo er das Mädchen missbraucht und anschließend verschwindet.
Sieben Jahre lang hatte er keine Verbrechen mehr begangen – zumindest keine, die ihm nachgewiesen werden konnten. Es ist jetzt ein anderer Mann, der nach diesem Intervall von sieben Jahren zuschlägt. Das Opfer beschreibt keinen jungen, etwas nachlässigen Kerl, sondern einen ungepflegten Mann mit einer Tendenz zur Verwahrlosung. Er sieht ungesund aus, er riecht schlecht.
Wo war er in den sieben Jahren zuvor? Die Ermittler halten es für ausgeschlossen, dass ein Verbrecher mit der gezeigten Gewaltbereitschaft und psychischen Deformation sieben Jahre lang seinen Trieben entsagen konnte. Möglicherweise war er im Gefängnis wegen anderer Sexualdelikte, die nicht in der DNA-Datenbank gespeichert waren. Der Zeitraum entspricht ziemlich genau einer Freiheitsstrafe für Wiederholungstäter von 10 Jahren und einer Freilassung nach dem 2/3-Termin wegen guter Führung.
Es dauert wiederum bis zum Jahr 2001 als neue Analysen des DNA-Materials für einen Paukenschlag sorgen. Unter die DNA-Sequenz lässt sich zwar noch immer kein Name setzen, dafür kann ein ungelöster Doppelmord aus dem Jahr 1987 dem Pockengesicht zugeordnet werden.
Am 29. April 1987 wurden in der Rue-Sainte-Croix-de-la-Bretonnerie Nr. 7 im Marais die Leichen von Gilles Politi und des deutschen Au-Pair-Mädchens Irmgard Müller aufgefunden. Beide gefoltert und erdrosselt. Den Ermittlern bietet sich ein chaotischer, unbegreiflicher Tatort.
Im Schlafzimmer liegt der 38-jährige Gilles Politi mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett. Seine Hände sind an seine Unterschenkel gefesselt. An der Schulter sind Brandwunden von einer Zigarette, an der Kehle eine Schnittverletzung. Gestorben ist er jedoch an Strangulation durch eine perfide Fesselung, die sein Mörder aus einem Gewirr aus Tüchern, Schals und Gürteln konstruiert hat. Mit einem Schürhaken als Hebel hat er den Air-France-Mechaniker wie mit einer Garotte erdrosselt.
Im Kinderzimmer hängt das Au-Pair-Mädchen gekreuzigt am Doppelstockbett. Sie hat einen Knebel im Mund und weist einen post mortem zugefügten Kehlschnitt auf. Ihr Tod trat jedoch durch Erhängen mit ihrem eigenen Körpergewicht ein. DNA-Material findet sich auf einer Zigarettenkippe, mit der die Opfer gefoltert wurden, und auf einem Tampon. Es ist der genetische Fingerabdruck des Pockengesichts.
Bis heute ist unklar, wie sich das Tatgeschehen in der Wohnung abgespielt hat. Den Ermittlern fällt jedoch auf, dass Einbruchsspuren fehlen. Der Täter muss von einem der Bewohner in die Wohnung gelassen worden sein. Sehr wahrscheinlich hatte er eine Beziehung zu einem der Opfer.
Der Fokus liegt sehr schnell auf der 20-jährigen Irmgard Müller aus Kempten. Das Au-Pair-Mädchen bewohnt eine Mansarde, nicht weit entfernt in der Rue de Sévigné, die die Familie Politi für diese Zwecke gemietet hat. In ihrem Zimmer findet sich ein Kalender, in dem die junge Frau jeden ihrer zahlreichen Liebhaber samt Anmerkungen über ihre jeweiligen sexuellen Fähigkeiten notiert hat. Alle dort vermerkten jungen Männer werden identifiziert und befragt – alle, bis auf einen. Im Dezember 1986 ist ein gewisser Elie Lauringe eingetragen, mit der Zusatz, dass er im Bett eine Niete ist. Als Adresse ist die Rue Rubens Nr. 13 notiert.
Vielversprechende Ansätze, doch die Ermittler kommen nicht weiter. Der Name Elie Lauringe ist nirgends in Frankreich im Personenstandsregister eingetragen. Als die Beamten die angegebene Adresse im 13. Arrondissement aufsuchen, steht dort eine moderne, neue errichtete Wohnanlage. Nachbarn erinnern sich, dass sich 15 Jahre zuvor an dieser Stelle ein leerstehendes Haus befand, das Obdachlose und Außenseiter zum Schlafen nutzten.
Der junge Mann aus dem Kalender hat also nicht nur einen falschen Namen, sondern auch eine falsche Adresse genannt. Handelt es sich bei Elie Lauringe um den mysteriösen Mörder mit dem Pockengesicht? Vielleicht ist es eine falsche Spur, dennoch ist es sehr auffällig.
Außergewöhnlich ist bereits der Name. Üblicherweise nutzen Kriminelle zur Verschleierung ihrer Identität irgendeinen Dutzendnamen. Der merkwürdige Name scheint für seinen Erfinder jedoch eine besondere Bedeutung zu haben.
Auch die Adresse 13, rue Rubens muss der Täter auf jeden Fall gekannt haben. Vielleicht ist er dort selbst zeitweise untergekommen?
Die Ermittler stellen folgendes Szenario auf: Der Mörder und das Au-Pair-Mädchen haben eine intime Beziehung. Die junge Frau nimmt den Mann mit in ihre Mansarde, wo sie einvernehmlichen Geschlechtsverkehr haben. Am nächsten Morgen, nachdem er ausgeschlafen hat, bringt er den Mansardenschlüssel in die Wohnung der Politis. Dort kommt es aus irgendeinem Grund zu einem Konflikt, bei dem der Täter völlig die Beherrschung verliert und zwei erwachsene Menschen foltert und tötet.
Die Ermittler haben große Schwierigkeiten, die Persönlichkeit des Täters einzuordnen. Ansatzweise lässt sich konstatieren, dass es sich bei ihm um eine instabile Persönlichkeit mit perversen und sadistischen Zügen handelt. Er genießt das Zufügen von Leid und kostet die Angst und das Entsetzen seiner Opfer, meistens Kinder, aus.
Obwohl er stark und athletisch ist und seine kindlichen Opfer leicht überwältigen könnte, fesselt er sie. Vermutlich kostet er dadurch eine Macht aus, die er im wirklichen Leben nicht hat. Bei seinen Taten geht er ein hohes Risiko ein und ergötzt sich an seiner Allmacht, die ihm wahrscheinlich einen besonderen Kick verschafft. Er spielt Gott und entscheidet, wen er am Leben lässt und wen nicht.
Sehr wahrscheinlich hat er einen Hass auf Frauen und gleichzeitig Angst vor ihnen. Andererseits hatte er einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit einem seiner Opfer. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass er in einer Partnerschaft lebt und eine Familie hat. Möglicherweise führt er ein Doppelleben: ein verborgenes, in dem seine dunklen Triebe zum Vorschein kommen und ein angepasstes mit Familie und Freunden, die vollkommen ahnungslos sind.
Seit 1994 ist sein genetischer Fingerabdruck in keinem Zusammenhang mehr aufgetaucht. Das Pockengesicht hat sich in Luft aufgelöst. Möglicherweise sitzt er im Gefängnis, in einer psychiatrischen Einrichtung oder ist im Ausland. Vielleicht ist er auch tot. Die Ermittler schließen aber auch die unwahrscheinliche Möglichkeit nicht aus, dass der Täter, der heute zwischen 50 und 60 Jahre alt sein dürfte, im Alter seine Triebe und Dämonen unter Kontrolle bekommen und einfach aufgehört hat.
Die Ermittler in Paris setzen ihre letzten Hoffnungen auf einen Zufallstreffer aus der DNA-Datenbank. Sie halten es für möglich, dass der genetische Code eines seiner Verwandten gespeichert wird und sie ihn eines Tages durch die Abstammungslinie identifizieren können.
Anmerkung Juni 2019 für die Frankophilen und Frankophonen: die französische Journalistin Patricia Tourancheau hat eine sehr ausführliche 12-teilige Artikelserie mit bisher noch nicht bekannten Details auf „Les Jours“ zu dem Fall des Pockengesichts veröffentlicht. Teil 1 hier (erster Teil frei, die anderen kostenpflichtig).
Update 30. September 2021: Le Parisien meldet, dass ein 59-jähriger Mann sich das Leben genommen hat und in einem Abschiedsbrief die Morde gestanden hat. Der ehemalige Gendarm lebte in der Gegend von Montpellier, wo er auch starb. Zuvor hatten die Ermittler die Schlinge um ihn zusammengezogen. DNA-Tests zur Bestätigung dieser Aussage stehen noch aus.
Update 01. Oktober 2021: Unverhoffte und unglaubliche Aufklärung des ältesten Cold Case der Pariser Kriminalpolizei! Die DNA-Tests haben bestätigt, dass der Mann, der sich in einer Wohnung im Badeort Le-Grau-du-Roi das Leben genommen hat, tatsächlich der mysteriöse und nicht zu fassende Mörder mit dem Pockengesicht gewesen ist. Medien teilen mit, der Name des Verdächtigen sei François Vérove. Er war Vater von zwei Kindern und lebte unbehelligt in Südfrankreich, wo er bei den Nachbarn beliebt war und sich um seine Enkelkinder kümmerte. Ersten Informationen zufolge war er zwischen 1983 und 1988 Gendarm bei der Republikanischen Garde und anschließend Polizist. In seinem Abschiedsbrief versichert er, nach 1997 nichts mehr gemacht zu haben. Die letzte Tat, die ihm offiziell vorgeworfen wird, fand allerdings 1994 statt. In den kommenden Tagen werden Journalisten sein Leben und seinen Werdegang recherchieren. Updates folgen.
Nunmehr drei Monate nach dem Selbstmord des mysteriösen Serienmörders haben die Ermittler neue Details zusammengetragen. Erschwert durch den Selbstmord von François Vérove versucht, die Polizei aufzuklären, ob der Serienmörder noch weitere Opfer auf dem Gewissen hat und wenn ja, wie viele. Die genaue Anzahl hat er wahrscheinlich auf ewig mit ins Grab genommen.
Gewissheit besteht bisher nur darüber, dass er drei Morde (Cécile Bloch (1986), Irmgard Müller und Gilles Politi (1987)) sowie drei Vergewaltigungen (Sarah 1986 mit Mordversuch, Marianne 1987 und Ingrid 1994) begangen hat.
Doch die Ermittler und Profiler haben sich mehrere ungeklärte Altfälle aus der Mitte der 80er Jahre nochmals vorgenommen und kommen aufgrund der Vorgehensweise – die Fälle, bei denen François Vérove durch seine DNA überführt wurde eingeschlossen – auf 28 Taten, bei denen er als Täter in Betracht kommt, wie Le Parisien berichtet.
Für die Ermittler besteht beispielsweise kein Zweifel, dass François Vérove am 7. April 1986 die kleine Sarah im Aufzug ihres Wohnhauses angegriffen, in den Keller verschleppt und vergewaltigt hat. Seinen Mordversuch überlebte sie glücklicherweise. Es war die Blaupause für den Mord an der kleinen Cécile Bloch knapp drei Wochen später. Hier wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen, um Gewissheit zu erlangen.
Die Ermittler stellten zudem fest, dass François Vérove seinen Modus operandi mit der Zeit geändert hat. Zu Beginn seiner Tatserie attackierte er junge Mädchen in den Aufzügen ihrer Wohngebäude, fuhr mit ihnen in den Keller und vergewaltigte sie dort. Diesbezüglich steht er in mindestens drei weiteren ungeklärten Fällen als Täter im Fokus.
Später nutzte er seinen Dienstausweis – bei dem sich erst jetzt herausstellt, dass dieser keine Attrappe, sondern authentisch war – um seine Opfer einzuschüchtern. Er gab vor, nach Ausreißern, Drogensüchtigen und sogar nach Terroristen zu suchen. (Siehe zu diesem Komplex den neuesten Teil der ausführlichen Artikelserie der Kriminalreporterin Patricia Tourancheau auf Les Jours).
Zwar haben die Ermittler keine objektiven Beweismittel, aber die örtlichen und zeitlichen Übereinstimmungen mit weiteren Taten halten sie für sehr verdächtig, insbesondere die folgenden Ähnlichkeiten: die Taten wurden immer an Werktagen, und zwar nur morgens oder tagsüber begangen, niemals abends oder nachts.
Auch schreiben die Polizisten François Vérove zwei weitere Morde zu.
Am 4. Dezember 1991 wurde die 23-jährige Sophie Narme in der rue Manin, in unmittelbarer Nähe der rue Petit, wo François Vérove fünf Jahre zuvor die kleine Cécile Bloch umgebracht hatte, ermordet aufgefunden. Sie wurde vergewaltigt und mit einem Gürtel erdrosselt und hatte einen Messerstich, genau wie Cécile Bloch. Die junge Frau war Mitarbeiterin bei einem Immobilienmakler und hatte die Wohnung zur Besichtigung annonciert. Der Täter hatte einen falschen Namen und eine falsche Telefonnummer angegeben. Im Terminkalender der jungen Frau fand sich der Name „Dubost“, dies ist der Name der Baufirma, die in dem Gebäude Arbeiten vorgenommen hatte. Die angegebene Telefonnummer war in Wirklichkeit die Faxnummer einer anderen Baufirma.
Auffällig ist auch der Mord an Karine Leroy in Meaux am 9. Juni 1994. François Vérove war nach seinem Ausscheiden aus der Gendarmerie zur Polizei gewechselt und wohnte in der östlichen Peripherie von Paris, wo Karine Leroy ermordet wurde und genau dort, wo er 1994 auch die kleine Ingrid angesprochen, vom Fahrrad gezogen und nach Saclay verschleppt hatte.
Der letzte Tag des Pockengesichts / Der Abschiedsbrief
Weitere Ermittlungen, die die Zeitung Le Parisien öffentlich gemacht hat, bringen Licht in den letzten Tag des Serienmörders und über den Inhalt seines Abschiedsbriefs.
Nachdem die hartnäckige Ermittlungsrichterin Nathalie Turquey zur Überzeugung gelangt war, dass es bei dem bis dato unbekannten Serienmörder um einen – möglicherweise ehemaligen – Gendarm handeln müsse, ordnete sie DNA-Tests bei allen Gendarmen an, die in der Zeit zwischen 1982 und 1987 in Paris Dienst getan hatten.
Der Anruf der Kriminalpolizei von Montpellier, wohin Francois Vérove seinen Wohnsitz verlegt hatte, mit der Bitte um Terminvereinbarung erreichte seine Frau am 24. September 2021. Diese berichtete später in einer Befragung bei der Ermittlungsrichterin, dass sie nach der Weitergabe der Rückrufbitte bei ihrem Mann nicht die geringste Gemütsregung festgestellt hatte als er einen Termin für den. 29. September vereinbarte. Ihm jedoch musste nach diesem Anruf klar geworden sein, dass ihn nun seine Vergangenheit einholte und es für ihn kein Entrinnen mehr gab.
Am Montag, dem 27. September unternahm das Ehepaar noch einen Spaziergang am Strand, Francois Vérove hielt einen Mittagsschlaf, trank Kaffee und war dann mit seinem Pedelec losgefahren. Seiner Frau erklärte er, er wolle die kleine Wohnung, die sie in Le-Grau-du-Roi auf Airbnb anboten, für ankommende Gäste herrichten.
In Wahrheit war er nach La-Grande-Motte aufgebrochen, wo er ein kleines Apartment gemietet hatte. Er sollte es nie mehr lebend verlassen.
In der kleinen Wohnung hat sich Francois Vérove entweder noch am selben Tag oder einen Tag später mit einer Medikamentenüberdosis das Leben genommen. Gendarmen fanden ihn am 29. September.
Auf der Dunstabzugshaube hatte er zwei Zettel postiert. Auf dem einen Stand: „Selbstmord. 17 anrufen (Anm.: die „17“ ist die Nummer der Gendarmerie).
Auf dem zweiten Zettel war zu lesen: „Mein Name ist Francois Vérove. Ich habe soeben Selbstmord begangen. Sollte ich im Koma liegen, nicht wiederbeleben“.
In einem Umschlag auf der Küchenzeile lag ein Umschlag mit dem Abschiedsbrief, in welchem er sich an seine Frau wandte. Er gab keinerlei Details über seine Verbrechen oder auch nur ihre Anzahl an. Er begründet, warum er aus dem Leben scheiden müsse: „Du hast mich 1984 als jungen Gendarm kennengelernt. Damals hast Du schon Schwierigkeiten erahnen können, die ich hatte. Periodenweise hatte ich eine wahnsinnige Wut in mir, die aus mir einen Kriminellen gemacht hat. Zu manchen Zeiten konnte ich nicht mehr und ich musste jemand Unschuldigen zerstören, besudeln, töten!“
Erst eine Psychotherapie im Jahr 1997 habe es ihm ermöglicht, sich von seinen Dämonen zu befreien. Er reflektierte, dass er mit seinem Todestrieb unbewusst seine eigenen Leiden als Kind habe töten wollen. Die Psychotherapie sei für ihn eine Erlösung, wie eine Wiedergeburt, gewesen.
Das Geheimnis von „Elie Lauringe“
Woher kommt dieser Name, der nirgendwo in den Standesämtern existiert? Woher hatte er ihn? Dieser Name fand sich im Notizbuch des deutschen Au-pair-Mädchens Irmgard Müller, das gemeinsam mit dem Familienvater Gilles Politi am 29. April 1987 unter entsetzlichen Umständen ermordet worden war.
Allen überlebenden Opfern wurde dieser Name genannt, niemand konnte etwas mit ihm anfangen. Auch Francois Véroves Ehefrau, die doch vierzig Jahre mit ihm zusammengelebt hatte, sagte dieser Name nichts. War es ein Anagramm oder ein Wortspiel.
Die Ermittler forschten in der Fremdenlegion und sogar, wegen des jüdisch klingenden Vornamens, in Israel.
Als eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen bedrohliche mit schwarzer Tinte und auf Schulpapier geschriebene Briefe erhielten, mit der Aufforderung weitere Botschaften in einer Buchhandlung in dem Roman „Oblomow“ von Iwan Gontscharow entgegenzunehmen, war ein Privatdetektiv überzeugt, es handele sich bei „Lauringe“ um die in lateinische Buchstaben übertragene augenscheinliche Schreibweise des russischen Namens Gontscharow. Die Hauptperson in dem Roman „Oblomow“ des Schrifstellers heißt im Übrigen Ilja, die russische Form von Elie oder Elias. Allerdings stellte sich heraus, dass der anonyme Briefeschreiber ein Schulkamerad war. Er starb 2010 in London.
Das Geheimnis der Herkunft dieses mysteriösen Namens bleibt also bisher ungelöst, wie auch so vieles andere. Francois Vérove stahl bei seinen Opfern Fotoapparate, machte sich aber nichts aus Fotografie. Man nannte ihn das „Pockengesicht“, dabei hatte er in Wirklichkeit keine Aknenarben. Je mehr Details über ihn bekannt werden, desto mehr wird klar, wie vielen falschen Fährten man aufgesessen ist.
Update Januar 2023: Hat die hartnäckige und beharrliche Ermittlungsrichterin Nathalie Turquey, die schon das Pockengesicht zur Strecke gebracht, zwei weitere „Cold cases“ gelöst?
Der Mord an Sophie Narme (s.o.) geht anscheinend nicht auf das Konto von François Vérove. Der Beschuldigte, dem der Mord vorgeworfen wird, ist ein 70-jähriger Mann, der in Südfrankreich im Jahr 2020 in anderer Sache festgenommen worden war.
Ein Zufall brachte die Ermittler auf seine Spur. Im Sommer 2020 wurde er in einem Supermarkt in Carpentras dabei erwischt, wie er mit seinem Telefon unter dem Rock einer jungen Frau filmte. Bei Auswertung seines Smartphones fanden die Polizisten scheußliche Videos, auf denen er seine eigene unter Drogen gesetzte Frau von zahlreichen Männern (49 von mehr als 70 Tätern konnten ermittelt werden) missbrauchen und vergewaltigen ließ. Seine Frau war so stark betäubt, dass sie das Treiben überhaupt nicht mitbekommen hatte. Seitdem saß er im Gefängnis.
Aufgrund dieser äußerst ungewöhnlichen Taten, entschlossen sich die Ermittler die Vergangenheit des Verdächtigen genauer unter die Lupe zu nehmen. Dominique Pélicot lebte zu Beginn der 1990er Jahre im Pariser Raum , wo er für Immobilienunternehmen arbeitete. Sophie Narme war bei einem Immobilienmakler angestellt und hatte am Tag ihres Todes im Jahr 1991 einen Termin mit einem Interessenten für eine leerstehende Wohnung in der Rue Manin im 19. Arrondissement. Sie wurde mit Äther betäubt, vergewaltigt, erdrosselt und mit einem Stich in die Brust getötet. Die Asservate in diesem Fall wurden leider nicht aufbewahrt. Wie die Ermittler Dominique Pélicot außer durch seinen damaligen Wohnsitz und seine Tätigkeit konkret mit dem Mord in Verbindung bringen konnten, ist bis jetzt nicht ganz klar.
Außerdem wird er noch einer weiteren bisher ungeklärten versuchten Vergewaltigung im Jahr 1999 in Villeparisis verdächtigt. Das Opfer war auch hier Angestellte eines Immobilienmaklers. Hier konnte eine DNA-Spur gesichert werden. Durch eine DNA-Entnahme in der aktuellen Sache ist er dieser Tat dringend verdächtig. Die Tat von 1999 hat Dominique Pélicot angesichts der erdrückenden Beweislage gestanden. Den Mord an Sophie Narme leugnet er.
Update Januar 2026: Ermittler der Cold-Case-Einheit (Pôle national crimes sériels ou non élucidés (PCSNE), sind sich sicher, einen Mord aus dem Jahr 1990 aufgeklärt zu haben und ihn dem mörderischen Ex-Gendarmen, François Vérove, zurechnen zu können, der sich im Jahr 2021 das Leben genommen hatte.
Am 6. Juni 1990 war der technische Zeichner Gilbert Gaudry im Wald der kleinen Gemeinde Saint-Aubin an einen Baum gefesselt und mit einem Kopfschuss getötet aufgefunden worden. Der Wald liegt südwestlich von Paris und nicht weit weg von Saclay, wo im Jahr 1994 die 11-jährige Ingrid nach ihrer Entführung aus Mitry-Mory in dem verlassenen Haus missbraucht und ihrem Schicksal überlassen worden war. Der Wald war zur damaligen Zeit als Begegnungsstätte für Exhibitionisten und Voyeure bekannt. Gilbert Gaudry war mit einer Kugel aus der französischen Ordonnanzwaffe von Militär und Gendarmerie MAC 50 erschossen worden. Die Kugel wurde zwischenzeitlich vernichtet. Allerdings hatte der Täter nach dem Mord mit dem entwendeten Scheckheft des Opfers Zahlungen vorgenommen. Die Schrift auf den Schecks konnte nun ohne jeden Zweifel, so die Ermittler, dem jahrelang unfassbaren Mörder und Vergewaltiger mit dem Pockengesicht zugeordnet werden.
Genau zehn Jahre ist es her, dass der zehnjährige Jonathan Coulom aus einem Ferienlager an der französischen Atlantikküste verschwand und Wochen später ermordet aufgefunden wurde. Fast genau sieben Jahre später wurde der pädophile Serienmörder Martin Ney verhaftet, der als „Schwarzer Mann“ in Norddeutschland sein Unwesen trieb und bis heute der Tat verdächtigt wird.
Anlass genug, die Tat und ihre Umstände zu beleuchten und zu studieren.
Jonathan Coulom stammte aus dem kleinen Städtchen Orval. Er war ein kleiner, schmächtiger Junge, der noch nicht oft von zu Hause weg war. Das Meer hatte er noch nie zuvor gesehen. Im April 2004 nimmt er an einer Jugendfreizeit in Saint-Brévins-les-Pins an der Atlantikküste teil. Die Jugendeinrichtung „PEP 18“, in der die Kinder untergebracht sind, ist zum damaligen Zeitpunkt zwar nicht eigentlich heruntergekommen, aber auch nicht in einem besonders guten Zustand. Türen und Fenster der Räume lassen sich teilweise nicht schließen, der Zaun, der das Gelände von der vielbefahrenen Landstraße „Route Bleue“ abgrenzt, ist an einer Stelle niedergedrückt.
In der Nacht vom 06. auf den 07. April 2004 verschwindet Jonathan aus seinem Zimmer, das er mit fünf anderen gleichaltrigen Jungen teilt, und ist fortan unauffindbar. Den gesamten Tag und auch an den darauffolgenden Tagen suchen Betreuer, Kinder, Freiwillige, seine Eltern und Gendarmen nach Jonathan, doch er bleibt verschwunden. Die beklommenen Schulkameraden fahren zurück nach Orval. Die Tage vergehen. Jonathan ist wie vom Erdboden verschluckt.
Etwa sechs Wochen später wird die Gendarmerie zu einem abgelegenen Herrenhaus im dreißig Kilometer entfernten Guérande gerufen. Die Bewohner des Manoir de la Porte Calon hatten seit zwei Wochen ein merkwürdiges Objekt im Teich hinter dem Gutshaus treiben sehen, das sie zunächst für ein totes Tier hielten.
Nachdem die Gendarmen das Objekt gelandet haben, bewahrheiten sich für Jonathans Eltern die schlimmsten Befürchtungen. Der Körper, der im Teich treibt, ist Jonathans Leichnam. Der Körper des Jungen ist mit einem Nylonstrick in fötaler Haltung gefesselt. Die Fesselung ist komplex. Eine Schlinge läuft um den Hals und verbindet Hände und Füße. Der Leichnam ist mit einem 18 kg schweren Block beschwert.
Nach der langen Liegezeit im Wasser sind DNA-Spuren nicht mehr nachweisbar. Das Obduktionsergebnis kann keine Feststellung darüber treffen, ob Jonathan vor seinem Tod sexuell missbraucht wurde. Auch die Todesursache bleibt unklar. Es kann festgestellt werden, dass Jonathan nicht erwürgt wurde und auch nicht ertrunken ist, denn es kann kein Wasser in seinen Lungen nachgewiesen werden. Im Ausschlussverfahren kommt die Rechtsmedizin zu dem Ergebnis, dass Jonathan erstickt wurde.
Nachdem die Ermordung des kleinen Jonathan und die ungewöhnlichen Begleitumstände des Verschwindens aus dem an sich geschützten Bereich eines Schullandheims über das Informationssystem der europäische Polizeibehörden bekannt wird, macht es bei den deutschen Ermittlern „klick“. Seit Jahren schon jagen sie einen dunkel gekleideten Maskenmann, der nachts in Schullandheime und Ferienlager eindringt und männliche Kinder missbraucht, sexuell belästigt und manchmal auch tötet.
Die Ermittler schreiben dem unbekannten Täter eine Mordserie mit bereits vier Opfern zu. Der mysteriöse Täter mordet immer nur alle drei Jahre: Im Jahr 1992 stirbt der 13jährige Stefan Jahr, der aus einem Internat in Scheeßel entführt wurde. 1995 wird der 13jährige Dennis Rostel aus dem Zeltlager Selker Noor entführt und zwei Wochen später ermordet und in einer Düne in Dänemark vergraben von Spaziergängern gefunden. 1998 verschwindet nachts ein holländischer Junge, der 11jährige Nicky Verstappen, aus einem Zeltlager in Brunssum und wird am nächsten Tag bei einer Tannenschonung tot aufgefunden. Im Jahr 2001 verschafft sich der Täter Zutritt zu einem Landschulheim in Wulsbüttel, entführt den 9jährigen Dennis Klein und tötet ihn.
Das Verschwinden von Jonathan im Jahr 2004 elektrisiert die Fahnder in Deutschland. Die große Frage ist nur, ob die jüngste Tat, das Werk eines einheimischen Täters ist oder sie Teil der Serie des schwarzen Maskenmannes aus Deutschland ist. Den Fahndern fällt als erstes auf, dass die bisher bekannten Tatorte auf einer annähernd diagonalen Linie liegen.
Eine weitere Frage, die sich die Ermittler stellen ist, ob Jonathan zufällig oder gezielt als Opfer ausgewählt wurde. Aus dem Vorgehen des Täters folgern die Beamten, dass es sich bei ihm um einen planenden und berechnenden Täter handeln muss. Ein berechnender Täter wählt sowohl das Opfer als auch dessen Umfeld sehr sorgfältig aus. In Saint-Brévin-les-Pins muss sich der Täter mit dem Gelände und dem Gebäude vertraut gemacht haben. Er muss gewusst haben, dass der Zaun, der das Jugendherbergsgelände zur Straße hin abgrenzt, niedergedrückt war. Muss gewusst haben, dass er im verwilderten Unterholz unauffällig und ungestört die Kinder beobachten kann. Er muss genau den Nutzen der Landstraße erkannt haben, die direkt an das Grundstück grenzt und welchen Vorteil das für ein Eintreffen und eine Flucht mit dem Auto bedeutet. Er musste die Anordnung der Räume in der Herberge kennen, musste wissen, dass die Tür von Jonathans Zimmer keine Klinke hatte und daher einfach aufgedrückt werden konnte.
Viel spricht für die beunruhigende Vermutung, dass Jonathans Mörder lange im Verborgenen die Kinder beobachtet hat und mit zielsicherem Instinkt ein verletzliches Kind ausgewählt hat, das ihm keinen Widerstand entgegensetzen würde.
Jonathan war ein schmächtiges, zurückhaltendes, schüchternes Kind.
Besondere Aufmerksamkeit widmen die Ermittler dem Auffindeort der Leiche, dem Manoir de la Porte Calon.
Die Ermittler rätseln, ob es einen bestimmten Grund für den Täter gab, die Leiche ausgerechnet dort abzulegen. Vom Standpunkt eines rationalen, planenden Täters wäre es viel einfacher gewesen, den Leichnam ins Meer zu werfen oder ihn im nahen Fluss Loire verschwinden zu lassen, der dort kurz vor der Mündung ins Meer eine starke Strömung hat. Stattdessen hat der Täter mit dem noch lebenden oder toten Jonathan eine relativ lange Strecke von 30 km zurückgelegt und dabei auch noch den Pont de Saint-Nazaire überquert (wobei nicht gesagt ist, dass der Täter diese Strecke in direktem Weg gefahren ist). Aus Sicht der Ermittler ein äußerst unlogisches Verhalten, das die Gefahr einer Entdeckung außerordentlich erhöht hat. Oder war der Täter möglicherweise nicht ortskundig und kannte sich in der Gegend gar nicht aus? War der Täter ein Fremder? Vielleicht der „Schwarze Mann“ aus Deutschland?
Die Ermittler sind sich anderseits sicher, dass der Täter das Gutshaus, wo er die Leiche im Teich ablegte, sehr gut gekannt haben muss. Diesen Ort konnte er nicht aufs Geratewohl auswählen.
Der Teich war im Jahr 2004 von außen nicht zu sehen. Die Straße hinter dem Teich existierte im Jahr 2004 noch nicht. Eine Mauer und eine dichte Reihe von Bäumen entzogen ihn den Blicken. Wer das Grundstück mit dem Gutshaus nicht kannte, wusste auch nichts von der Existenz des Teichs hinter der Mauer.
Ein weiteres wichtiges Detail: Der Täter hat die Kinderleiche nicht durch das Eingangstor getragen, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Betreten des Grundstücks eine kleine Bresche in der hinteren Mauer genutzt, die nur mit einer auf Kniehöhe baumelnden, rostigen Kette gesichert war. Diese Bresche war nur sehr wenigen Menschen bekannt.
Diese Indizien deuten eher darauf hin, dass der Täter eher ein Einheimischer ist. Andererseits haben die Eigentümer des Herrenhauses einzelne Wohnungen an Touristen als Ferienappartements vermietet. Der Gedanke, dass der Täter von außerhalb kam, ist daher nicht vollkommen abwegig.
Nach Ansicht der Ermittler hat sich die Tat folgendermaßen abgespielt: Der Täter ist, nachdem er die Kinder über einen längeren Zeitraum beobachtet hat, in der Nacht vom 06. auf den 07. April 2004 in die Jugendherberge eingedrungen. Er ist zielgerichtet in Jonathans Zimmer gegangen (das zweite von oben, schräg gegenüber der Eingangstür)
Er hat den schlaftrunkenen oder angststarren Jonathan genommen und hat mit ihm die 50 Meter durch die Bäume und das Unterholz zur Landstraße zurückgelegt, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Entweder hat er Jonathan noch im Wagen getötet oder ist mit ihm an einen anderen Ort gefahren. Jedenfalls sind sich die Ermittler sicher, dass Jonathan noch in derselben Nacht gestorben ist. Nach dem Mord hat der Täter die Leiche mit dem Nylonstrick gefesselt, mit dem Block beschwert und in dem Teich hinter dem Gutshaus in Guérande versenkt.
Martin Ney wurde am 27. Februar 2012 wegen Mordes in drei Fällen und mehreren Missbrauchstaten zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Die ebenfalls verhängte Sicherungsverwahrung wurde vom BGH aufgehoben. Während der Hauptverhandlung hat Martin Ney von seinen Schweigerecht Gebrauch gemacht. Seine Täterschaft an den Morden an Nicky Verstappen und Jonathan Coulom hat er von Beginn an geleugnet. Die Ermittler sind jedoch überzeugt, dass noch mehr Tötungsdelikte auf das Konto von Martin Ney gehen.
Der Mord an Jonathan Coulom lässt deutliche Parallelen zur charakteristischen Tatbegehungsweise Martin Neys erkennen.
Es frappiert zunächst der Drei-Jahres-Rhythmus der Serie: 1992: Stefan Jahr, 1995: Dennis Rostel, 1998: Nicky Verstappen, 2001: Dennis Klein, 2004: Jonathan Coulom.
Dann fallen die gleichartigen Örtlichkeiten und Einrichtungen auf: Jugendherbergen, Schullandheime, Zeltlager, Internate. Schließlich das Alter und das Geschlecht der Opfer.
Atypisch ist bei Martin Ney, dass er bei seinen Taten die ihm vertraute Umgebung verließ und ein großes Risiko einging, als er mit dem noch lebenden Dennis Rostel die dänische Grenze überquerte, wo er ihn schließlich ermordete. Martin Ney ging bei der Tatbegehung äußerst dreist vor und ging oft ein hohes Entdeckungsrisiko ein. Im Ermittlungsverfahren wurde bekannt, dass er nicht nur Jugendfreizeiten begleitete, sondern auch viele Auslandsreisen unternommen hat. Ein Mann, der mit seinem Opfer in ein fremdes Land fährt – warum soll er nicht auch in Frankreich zuschlagen?
Andererseits deutet der sehr außergewöhnliche und selbst vielen Einheimischen nicht bekannte Ablageort darauf hin, dass der Täter sehr gute Ortskenntnisse haben musste, die eigentlich nur ein Einheimischer haben konnte. Nach Berichten in französischen Medien, die in Deutschland bisher nicht bestätigt wurden, hat es zum Zeitpunkt von Jonathans Verschwinden Abhebungen mit Martin Neys EC-Karte in Deutschland gegeben. Dies würde ihn aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen.
Es bleiben jedoch noch einige Unklarheiten in diesem Fall, zu dem auch Ermittlungspannen beitrugen. Ney hatte drei Festplatten, einen USB-Stick und eine CD unter dem Fettfilter seiner Dunstabzugshaube versteckt. Erst der Nachmieter seiner Wohnung hatte diese Gegenstände bei der Renovierung gefunden. Bisher ist es den Beamten nicht gelungen, den Passwortschutz der Datenträger zu knacken.
Martin Ney schweigt indes weiter, obwohl es für ihn ohnehin keinen Unterschied mehr machte, ob er noch zwei oder zehn weitere Morde gesteht.
Vielleicht, so mutmaßen die Profiler, die ihn jagten, will er einen Teil seiner dunklen Seite nicht offenlegen. Will wie in einem Schatzkästlein etwas eigenes für sich behalten.
Update Mai 2017: Im vergangenen Jahr hat sich Martin Ney allem Anschein nach dazu entschlossen, den Ermittlern die Passwörter der Festplatten zu verraten.
Update August 2018: Mit dem Mord an Nicky Verstappen im August 1998 in Brunssum scheint Martin Ney nichts zu tun zu haben. Die Polizei hat als Tatverdächtigen Jos Brech im Visier.
Update Januar 2021: Französische Medien, darunter Le Parisien und Ouest-France, melden, dass Martin Ney nach Frankreich ausgeliefert wird, um von einem Ermittlungsrichter zum Verschwinden von Jonathan Coulom angehört zu werden. Richter Stéphane Lorentz hat offenbar die Gewissheit, dass Martin Ney den Mord an Jonathan begangen hat. Den Mord habe er einem Mitgefangenen gestanden. Zudem habe er angegeben, am Ablageort der Leiche einen Rucksack verloren zu haben. Die Gendarmerie hatte sich im Jahr 2018 wegen dieses Rucksacks an die Öffentlichkeit gewandt:
— Gendarmerie nationale (@Gendarmerie) April 6, 2018
Update Mai 2026: Auf den Tag genau 22 Jahre nach dem Auffinden der Leiche des Jungen, steht Martin Ney wegen des Mordes anJonathan Coulom vor dem Schwurgericht von Nantes. Der Prozess soll aufklären, ob der „Schwarze Mann“ für den Tod des Zehnjährigen verantwortlich ist.
Update Juni 2026: Martin Ney ist am 5. Juni 2026 für den Mord an Jonathan Coulom zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden, die er in Deutschland verbüßen wird, wo er ebenfalls schon zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.
Obwohl es keine materiellen Beweismittel wie DNA oder Fingerabdrücke gab, war das Gericht von seiner Täterschaft überzeugt. Als belastende Indizien nannte das Gericht den unverkennbaren Modus operandi (das Entführen von männlichen prä-pubertären Kindern aus Schullandheimen), Einträge in einem Pädophilenforum, die Martin Ney zugeschrieben wurden, in welchem der Autor sich des Mordes an dem Kind bezichtigt und zwei Zeugenaussagen. Die eine stammt von einem Landwirt, der wenige Tage nach dem Mord in der Nähe des Teiches ein Auto mit deutschem Kennzeichen gesehen habe und einen Mann, der den Kofferraum geschlossen habe; die andere stammt von einem Mithäftling des Verurteilten namens Mario Tilly, der aussagte, Martin Ney habe ihm die Tat gestanden.
Alles in allem recht wackelig. Wie die Geldabhebung in Hamburg in unmittelbarer zeitlichen Nähe zur Tat eingeordnet wurde, ist nicht klar. Ob Martin Ney Berufung einlegt, ist derzeit auch nicht klar.
Update: Martin Ney hat gegen die Verurteilung wegen Mordes an Jonathan Coulom Berufung eingelegt. Es wird also einen neuen Prozess geben.
Während sich die deutsche Ochlokratie mit der spannenden Frage beschäftigt, ob Larissa Marolt die nächste Dschungelprüfung schafft oder Petitionen gegen Moderatoren unterschreibt, sterben in Syrien die Menschen wie die Fliegen. Der Tyrann Assad führt einen erklärten Krieg gegen „Terroristen“, das bedeutet im Klartext: alle, die sich nicht freiwillig vor seinen Folterkellern anstellen. Eigentümlich, wie die „Terroristen“ durch syrische Sicherheitskräfte „bekämpft“ werden, nämlich indem zivile Wohngebiete in Schutt und Asche gelegt werden.
Dieses kleine Mädchen aus Aleppo wurde glücklicherweise aus den Trümmern gerettet. Hunderte und Tausende anderer Kinder hatten dieses Glück nicht. Man kann nur erahnen, was für eine traumatisierte Generation heranwächst
„Jetzt ist schon nicht mehr so viel los“, sagt der Kriminaloberkommissar während wir über die Zeil laufen. „Kurz vor Weihnachten fahren auch die Diebesbanden nach Rumänien zurück. Anfang des Jahres sind sie dann wieder da.“
Die Buden des Weihnachtsmarkts werden nach und nach abgebaut, die Menschen eilen hektisch und mit gestresstem Gesichtsausdruck von Geschäft zu Geschäft, um noch auf den letzten Drücker Geschenke zu besorgen. Das Zivilkommando, das mich mit auf Streife zur Bekämpfung der „Tasche-Trick-Delikte“ mitgenommen hat, schlendert gelassen aber wachsam durch die Menschenmenge.
Ich versuche mich möglichst diskret bei dem Team zu halten, aber ich weiß genau, dass ich wie ein Anfänger viel zu auffällig starre und beobachte. Die Mitglieder der Einheit bewegen sich ruhig, beobachten, spähen. Sie wissen genau, worauf und auf wen sie achten müssen. Ihnen Fallen Personen auf, die „irgendwie nicht an diesen oder jenen Platz gehören“, ohne das genau begründen zu können. Personen, die sie innerhalb kurzer Zeit mehrfach am selben Ort sehen, ohne dass sich das durch Einkaufstätigkeiten erklären lassen könnte. Gruppen von Männern und Frauen, die sich nicht für die Auslagen interessieren, sondern deren Blicke sicher eher auf die Jacken, Taschen und Rucksäcke der Leute richten. Es ist viel Intuition mit im Spiel, aber sie liegen oft richtig. Ich sehe nur eine unförmige Menschenmasse, die sich über die Zeil wälzt. „Es dauert Jahre, bis man den geschulten Blick hat“, erklärt der Kommissar, „mittlerweile kann ich sogar die einzelnen Team-Mitglieder erkennen und wie sie sich mit Blicken verständigen.“ Die Taschen- und Trickdiebe arbeiten nur selten alleine. Fast immer sind es hochorganisierte Gruppierungen, die in verschiedenen Städten in verschiedenen Teams arbeiten. In der Regel hat ein Taschendieb-Team drei bis vier Mitglieder, den „Abdecker“, den „Blocker“, den „Zieher“ und den „Transporteur“.
Fast immer handelt es sich bei den Taschen- und Trickdieben um Mitglieder von Roma-Familien aus Rumänien oder Bulgarien. Eine Kommissarin, die mir erklärt, dass sie bis jetzt noch nie einen deutschen Taschendieb festgenommen hat, sieht mich ein wenig besorgt an. Die Befürchtung durch die Aussprache solcher Fakten als rassistisch zu gelten, ist bei vielen Polizisten vorhanden. Doch wie kann man die Realität zensieren?
Andere Nationalitäten haben sich auf sehr komplexe Diebstahlstechniken spezialisiert, zum Beispiel den „Jacke-Jacke-Tricke“. Er wird ausschließlich von Tätern aus einer bestimmten Region Algeriens benutzt, um in Cafés und Restaurants Geld und Wertsachen aus Manteltaschen zu stehlen, indem der Dieb durch den Ärmel seiner Jacke greift und mit verblüffender Nervenstärke in die Jacke seiner Tischnachbarn greift. Südamerikaner, meist Chilenen, haben sich auf Hoteldiebstähle und Taten am Flughafen spezialisiert.
Ich muss an meine Alt-68er-Eltern denken und dass sie zwar nicht die Nase rümpfen aber wahrscheinlich eine Augenbraue hochziehen würden, wenn sie wüßten, dass ich mit „Bullen“ unterwegs bin. Polizei und Militär standen bei ihnen nie besonders hoch im Kurs. Ich muss ihnen zugestehen, dass sie in ihrer Jugend sicherlich andere Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben, die alles andere als angenehm waren, doch ich denke, dass sich die Dinge seitdem erheblich verändert haben.
Die Polizisten, mit denen ich unterwegs bin, haben keinen Oberlippenbart und ihnen steht auch nicht der Schäferhund und den Jägerzaun auf der Stirn geschrieben.
Sie gehören auch nicht zum Typ Polizisten, den man schon meterweit an seiner „Uniform“ erkennt, auch wenn er in Zivil arbeitet: Windjacke, Bauchtasche, billig-spießige Sportschuhe. Ganz im Gegenteil sind es äußerst freundliche, umgängliche und gut ausgebildete Menschen, die nach der ersten Skepsis ob meines Anliegens sehr offen und auskunftsfreudig sind. Bei ihnen herrscht kein Jagd- oder Bestrafungstrieb vor. Sie müssen mit einem sozialen Problem fertigwerden, das seit dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien und dem Wegfall der Visumpflicht gigantische Ausmaße angenommen hat.
Die Beamten erzählen Anekdoten von ihren Festnahmen: Diebe, die sich in den Haftzellen den Kopf gegen die Zellentür donnern, gefakte Ohnmachtsanfälle. Einer wand sich in einem vermeintlichen epileptischen Anfall auf dem Boden. Der Kommissar schaute ihn über den Schreibtischrand an und meinte trocken: „Komm, Junge, lass den Scheiß!“, woraufhin eine wundersame Spontanheilung eintrat und der Dieb sich wieder auf seinen Stuhl setzte.
Ich muss an einen Satz aus einem Buch von Andreas Altmann denken: „Wie so vielen ist mir eine gewisse Bewunderung für Kriminelle nicht fremd. Sie erinnern uns unter anderem daran, dass noch hitzigere Lebensträume existieren, als bei Wüstenrot zu unterschreiben und in einem Wüstenrot-Häuschen die Restzeit abzusitzen.“
Vor allem über den zweiten Satz, habe ich längere Zeit nachgedacht. Dieser Satz reizt einen und provoziert eine voreilige Zustimmung. Doch ist die Alternative zur Narkose in der Reihenhaussiedlung tatsächlich die Kriminalität? Ich weiß, dass AA den Satz mit dieser Aussage definitiv nicht so beabsichtigt hat. Doch ein gewisses Faszinosum bleibt bestehen. Warum?
Nachdem ich meine jugendliche Naivität doch schon eine Weile hinter mir gelassen habe, habe ich mittlerweile einen großen Widerwillen, jemanden Bewunderung entgegenzubringen, der die ihm von Mutter Natur geschenkten Talente und seine Intelligenz dazu nutzt, um anderen Menschen zu schaden – es sei denn er begeht die Tat aus großer Not und Bedrängnis. Doch ist das bei den rumänischen Armutsmigranten nicht auch teilweise der Fall? Ich muss mir eingestehen, dass ich zu wenig über die tatsächlichen Lebensbedingungen dieser Menschen weiß.
Plötzliche Aktivität hindert mich am weiteren Sinnieren. Das Kommando hat eine alte „Kundin“ entdeckt. Sie observieren sie, doch es passiert nichts. Entweder hat sie den Braten gerochen oder sie wollte selbst einfach nur Weihnachtsgeschenke einkaufen.
Eine überraschende Wendung hat die Festnahme des mysteriösen Schützen von Paris erbracht. Dieser hatte am 15. November 2013 in der Eingangshalle des Nachrichtensenders BFM TV die Anwesenden mit einer Pump-gun bedroht und drei Tage später einen jungen Fotografen in der Eingangshalle der Tageszeitung „Libération“ mit einer Schrotladung in der Oberkörper lebensgefährlich verletzt. Anschließend hatte er im Geschäftsviertel La Défense auf eine Filiale der Société Générale geschossen, ohne Personen zu verletzten, und anschließend einen Autofahrer als Geisel genommen. Eine Jagd der Polizei mit einem nur selten gesehenen Einsatz an Mitteln und Personal folgte.
Nach dem Tip an die Polizei eines Bekannten, bei dem der Schütze untergekommen war, verabreichte sich der Phantomschütze in suizidaler Absicht eine Überdosis Medikamente und zog sich zum Sterben in ein Auto zurück, das in einem Parkhaus in Bois-Colombes nordwestlich von Paris abgestellt war, wo er am 20. November gegen 19 Uhr in halbbewusstlosen Zustand von der Polizei aufgegriffen wurde.
Ein DNA-Abgleich brachte die Gewissheit: der hellhäutige Mann mit der Daunenweste ist Abdelhakim Dekhar. Ein Mann, dessen erratische Taten eine bittere Begebenheit wieder in Erinnerung rufen. Vor rund 20 Jahren war der Mann in einen Amoklauf mit 5 Toten verwickelt. Ein Ereignis das Frankreich schockiert und zugleich auch fasziniert hat. Eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
Die Affäre Rey-Maupin
Die erste Seite der Morgenzeitung am 05. Oktober 1994 ist den Franzosen bis heute im Gedächtnis geblieben. Auf allen Zeitungen starrte ihnen das Antlitz einer jungen Frau entgegen, deren Augen den Betrachter mit einem seltsam leeren, dunklen Blick fixieren: unverwandt, traurig und doch direkt und herausfordernd.
Es ist das Gesicht von Florence Rey, einem 19jährigen Mädchen aus Argenteuil, einem Vorort von Paris. Das Portrait wurde im Polizeigewahrsam aufgenommen, wo sie nach einer Schießerei mit 5 Toten am Abend zuvor eingeliefert wurde. Terrorakt oder aus dem Ruder gelaufener Überfall? Niemand weiß es, und man wird es vermutlich auch niemals wissen. Die Polizisten, die sie verhören, beißen auf Granit. Sie sagt kein einziges Wort und zeigt nicht die geringste Reaktion auf die Fragen. Alle gängigen Polizeitaktiken – guter Bulle/böser Bulle, Vater-Tochter, Freund – fruchten nicht. Erst nach zehn Stunden spricht sie zwei Worte aus: Ihren Vor- und ihren Nachnamen.
In den darauffolgenden Tagen klärt sich Stück für Stück auf, was geschehen ist: zwei junge Studienabbrecher, Florence Rey und ihr Freund Audry Maupin haben drei Polizisten und einen Taxifahrer erschossen. Doch das Mysterium bleibt, wie zwei junge Leute, die niemals vorher mit der Polizei in Berührung gekommen waren, zu einem derartigen Gewaltausbruch fähig sein konnten. Spekulationen und einfache Erklärungen sind schnell zur Hand: verzogene Bürgerkinder, die sich von Oliver Stones Film „Natural Born Killers“ inspirieren ließen, der zur damaligen Zeit in den Kinos lief; linksextreme Terroristen; eine neue Generation der „Action Directe“ (dem französischen Pendant zur Roten Armee Fraktion); Wahnsinnige; ein Gangsterpärchen à la Bonnie & Clyde…
Doch keine Erklärung befriedigt wirklich. Instinktiv weiß die Öffentlichkeit, dass diese vorschnellen Erklärungsversuche die Wahrheit nicht abbilden. Das Unbehagen bleibt. Das Gesicht des schmächtigen Mädchens lässt sich mit den drei erschossenen Polizisten so gar nicht zusammenbringen.
Doch wer ist das Mädchen mit dem Gesicht, das niemanden kalt lässt und was war passiert?
Florence Rey und ihr Freund Audry Maupin stammen aus dem nordwestlichen Pariser Umland. Sie studiert Literatur an der Universität Nanterre. Audry, drei Jahre älter als sie, hat sein Philosophiestudium schon geschmissen. Er hat einen übersteigerten Gerechtigkeitssinn und einen kompromisslosen Charakter, der sich während der Proteste gegen den ersten Golfkrieg 1991 und den Schüler- und Studentendemos noch akzentuiert. Er frequentiert linksradikale Kreise und betätigt sich bei dem antirassistischen Netzwerk SCALP (Séction carrément anti Le Pen). Nach seinem Studienabbruch lebt er bei Autonomen in besetzten Häusern in Paris. Er ist die erste große Liebe des schüchternen Mädchens. Ihr Ausweg aus einem engen und aufgrund der psychischen Erkrankung ihres Vaters auch abgeschotteten Elternhauses. Auch Florence wirft ihr Studium hin und beide ziehen in eine verlassene Villa in Nanterre, die sie besetzen. In den radikalen Kreisen, in denen Audry sich bewegt, machen sie im Jahr 1994 auch die Bekanntschaft eines gewissen Abdelhakim Dekhar, ein hellhäutiger Kabyle aus dem Elsass, einige Jahre älter als sie und in den Kreisen schon lange dabei.
Im Zuge seiner Radikalisierung fasst Audry den Entschluss, sich Waffen zu verschaffen und Überfälle zu begehen. Florence folgt ihm in seine Militanz. Aus Liebe? Um sich vor ihm zu beweisen, um mit ihm mitzuhalten? Um vor seinem unerbittlichen zu Urteil bestehen?
Im Juli 1994 kauft Abdelhakim Dekhar im Kaufhaus La Samaritaine unter Vorlage seines Personalausweises eine Pump-gun. Am 29. September 1994 kauft Florence Rey im selben Kaufhaus eine weitere Schrotflinte Marke Mossberg Kal .12. Am 4. Oktober 1994, gegen Mittag, kauft sie in einem Motorradgeschäft Sturmhauben und Handschuhe. Am Abend desselben Tages fahren Audry und Florence mit der S-Bahn ans andere Ende der Stadt, an die Porte de Pantin, wo sich ein Stellplatz für abgeschleppte Autos befindet. An beiden Schrotflinten haben sie Kolben und Lauf abgesägt. Vor dem Stellplatz erwartet sie eine weitere Person und steht Schmiere – es ist Abdelhakim Dekhar.
Audry und Florence klettern über den Zaun des Abstellplatzes und bedrohen die beiden Wachmänner mit den Gewehren. Sie rauben ihnen die Dienstwaffen, zwei Revolver Marke Manurhin Kal .38. Sie wollen die Männer mit ihren Handschellen fesseln, doch die beiden Wachleute haben keine. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, der unausgegorene Plan läuft bereits aus dem Ruder. Audry besprüht die beiden Männer mit CS-Gas und springt mit Florence wieder über den Zaun auf die Straße. Er übergibt einen Revolver an Abdelhakim Dekhar, der in Panik zu Fuß flüchtet. Auch Audry und Florence sind in Panik. Aus dem Plan, mit der S-Bahn wieder nach Nanterre zurückzufahren, wird nichts mehr. Sie halten ein Taxi an, in dem ein Fahrgast sitzt. Sie steigen ein und bedrohen den Fahrer, Amadou Diallo aus Guinea, mit ihren Waffen. Er soll sie schnell zur Place de la Nation fahren. Dort – so stellen sie sich das in ihrer Hektik vor – können sie in der Menge untertauchen und mit der U-Bahn verschwinden. Der Fahrgast im Taxi, ein Arzt, versucht beruhigend und begütigend auf die beiden jungen Räuber einzuwirken. Er merkt, dass sie von den Ereignissen vollkommen überfordert sind. Doch der Taxifahrer hat Todesangst und verliert die Nerven. An der Place de la Nation rammt er ein Polizeiauto, springt heraus und ruft den Polizeibeamten panisch zu: „Sie wollen mich töten! Sie wollen mich töten!“ In diesem Augenblick eröffnen Audry Maupin und Florence Rey das Feuer. Der Taxifahrer und zwei Polizisten sterben im Schußwechsel. Im allgemeinen Chaos flüchten Audry und Florence zu einem anderen Auto, dessen Fahrer sie als Geisel nehmen. Er soll sie schnell aus der Stadt bringen. Beamte einer Motorradeinheit nehmen die Verfolgung auf. Florence, auf der Rückbank, schießt durch die zersplitterte Heckscheibe. Im Bois de Vincennes ist Endstation. Eine Straßensperre verhindert die Weiterfahrt. Der Fahrer, Jacky Bensimon, hat Todesangst, weil er – zu Recht – annimmt, dass ihn die Polizisten ebenfalls für einen Täter halten. Etwa 200 Meter vor der Straßensperre zieht er die Handbremse, das Auto dreht sich zweimal um die eigene Achse und kommt zum Stehen. Der Fahrer verlässt das Auto und rennt geduckt, wobei er schreit: „Ich bin eine Geisel! Ich bin eine Geisel!“ Dennoch wird wer von einer Polizeikugel ins Knie getroffen. Audry und Florence eröffnen wieder das Feuer. Ein weiterer Polizist stirbt und auch Audry Maupin wird tödlich getroffen. Florence hat sich hinter den Vordersitzen verkrochen. Als die Schüsse abebben, steigt sie aus und küsst ihren sterbenden Geliebten, der auf der Straße liegt. Erst jetzt begreifen die Polizisten, dass der zweite Geiselnehmer eine Frau ist. Eigentlich ein junges Mädchen.
Florence Rey wird festgenommen. Sie hält den Vernehmungen stundenlang stand. Wochen- und monatelang wird sie keine Aussagen zu ihren Motiven und Absichten und ihrer eigenen Rolle bei der Schießerei machen.
Da sie selbst keinerlei Erklärungen gibt, ist sie den Interpretationen und Urteilen ausgeliefert, die sich die Menschen aufgrund des einzigen über sie existierenden Elements machen: ihres Verbrecherfotos. Schnell hat sie den Beinamen „Tueuse de flic“ (Bullenkillerin), die kalte Terroristin mit dem glimmenden Hass in den Augen.
Doch das Bild ihrer glühenden schwarzen Augen mit dem Kratzer auf der rechten Wange hat gleichzeitig eine Faszination auf Intellektuelle und Poeten, auf Regisseure und Schriftsteller ausgeübt. Alles Mögliche wurde in sie und die Tat hineininterpretiert: Sie war wahlweise eine linke Revolutionärin, eine Terroristin, eine Ikone der Revolte, der Freiheit und des Rock’n’Roll. Jugendliche druckten sich das Polizeifoto auf T-Shirts zusammen mit dem mehrdeutigen Slogan „Freedom Florence“, so dass unklar blieb, ob sie Freiheit für Florence Rey forderten oder ob sie sie für ein Symbol der Freiheit hielten. Bücher, Filme, Theaterstücke und Lieder beschäftigten sich mit ihr. Bei den Rappern in den Banlieues genoss sie hohes Ansehen. Die Punkband Les Perfusés widmete ihre das Lied „J’t’aurais aimée“ (Ich hätte dich geliebt).
Die französische Kriminalserie „Faites entrer l’accusé“ widmete ihr später eine Folge.
Doch was Florence Rey selbst von all dem dachte, weiß kein Mensch. In ihren seltenen Erklärungen aus der Haft ließ sie nur mitteilen, ihr einziger Wunsch sei, dass niemand über sie spreche und dass die Welt sie vergesse. Nach ihrer Entlassung wolle sie in völliger Anonymität leben.
Am 30. September 1998 wird Florence Rey zu 20 Jahren Freiheitsstrafe wegen Mordes in Mittäterschaft und Beihilfe zu drei weiteren Morden verurteilt. Die wirklichen Motive lagen auch nach dem Urteil weitgehend im Dunkeln. Die Gründe, warum Florence Rey und Audry Maupin die Gefahr auf sich nahmen, zwei Polizeiwaffen zu rauben, obwohl sie doch Schrotflinten kinderleicht im Kaufhaus kaufen konnten, wurden nicht aufgeklärt.
Die Zeitung „Le Monde“ fand hierfür den schönen Satz: Die Ergründung des Mysteriums ist vermutlich am Kreuzweg ihrer jugendlichen Auflehnung und ihrer Überzeugungen als Erwachsene zu suchen.
Im Mai 2009 wurde Florence Rey wegen vorbildlicher und mustergültiger Führung im Strafvollzug nach 15 Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen und hat seither nicht mehr von sich reden gemacht. Im Jahr 2010 erhielt sie eine kleine Filmrolle im Film „L’Orpheline avec en plus un bras en moins“, den ihr Lebensgefährte, der Regisseur Jacques Richard, gedreht hatte.
Eine gute Zusammenfassung der Ereignisse – allerdings mit vereinzelten Ungenauigkeiten – findet sich hier. Die beste Zusammenfassung – wer des Französischen mächtig ist – bei Wikipedia.
Der dritte Mann
Doch wie passt Abdelhakim Dekhar in diese Geschichte?
Er nannte sich „Toumi“ als er Ende der 80er Jahre nach Paris kommt und bei den Autonomen mitmischt. Toumi, wie der Held der „Marche des beurs“ 1983. Die Leute, mit denen er damals zu tun hatte, haben ihn als schwer greifbare Persönlichkeit in Erinnerung. Als einen Menschen mit großem Geltungsbedürfnis und großer Schnauze. Ein Demagoge und Mythomane, der Lügen und Geschichten erzählte und bei politischen Diskussionen aufbrauste. Der Taten statt Worte forderte und die anderen als Waschlappen und Weicheier bezeichnete. Doch am Ende war er derjenige, der im Hintergrund blieb, wenn es zu Aktionen kam. Nicht wenige in den linksradikalen und autonomen Kreisen betrachteten ihn mit Skepsis. Manche hielten ihn für einen Spitzel oder gar einen agent provocateur. Für den sieben Jahre jüngeren Audry Maupin, den unbehausten Suchenden, wird er eine Art unheilvoller Mentor, der ihn aufstachelt und manipuliert und letztlich auch zum Überfall auf den Stellplatz anstiftet, ohne selbst mitzumachen, sondern nur Schmiere zu stehen.
Bei den Ermittlungen nach der Schießerei gerät Dekhar ins Fadenkreuz der Ermittler, weil er nachweislich eine der Tatwaffen gekauft hatte. Er hingegen streitet jegliche Bekanntschaft mit Florence und Audry ab. Stattdessen bezichtigt er andere Mitglieder der Szene und liefert sie ans Messer. Die zu Unrecht verdächtigten werden mehrere Monate in Untersuchungshaft verbringen. Viele Freunde wird er sich in der autonomen Szene damit nicht gemacht haben.
Wegen Mittäterschaft an den Morden angeklagt, verstrickt er sich in ein Gespinst aus Lügen und phantastischen und abenteuerlichen Märchen: Er sei ein Agent des algerischen Geheimdienstes und damit beauftragt, die Verbindungen zwischen islamistischen Terroristen und der französischen Linksextremen aufzuklären. Er erzählt sich und anderen Lügen, die nur er selbst glaubt.
Gemeinsam mit Florence Rey angeklagt, wird er 1998 lediglich wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, auf die jedoch die Untersuchungshaft angerechnet wird, so dass er das Gericht als freier Mann verlassen kann.
Danach verschwindet er von der Bildfläche. Die Ermittler rekonstruieren jetzt die letzten 15 Jahre. Bekannt ist bis jetzt nur, dass er sich kurz nach dem Prozess nach London abgesetzt hat, wo er eine türkische Studentin geheiratet hat. Doch was er in der Zeit getan hat, ist größtenteils unklar.
Offensichtlich hat er einen tiefen Groll in sich getragen und über die Jahre den ohnehin fragilen Kontakt zur Realität verloren. Die Kränkung, nach drei Monaten Wehrdienst wegen eines Augenleidens aus der Armee entlassen worden zu sein, verwindet er nie. Danach erfindet er sich eine Agentenlegende und bleibt vernarrt in alles Militärische. Dies ist vermutlich für ihn die einzige Möglichkeit, die Niederlage – mangels anderer Erfolgserlebnisse – für sich positiv umzudeuten.
Doch sein Zorn bleibt: auf sein klägliches Leben ohne Aussicht auf irgendeinen Aufstieg oder Erfolg und das er so verzweifelt mit Bedeutung aufzuladen versucht.
Mangels einer Fähigkeit zur Selbstbegegnung kann er sein Versagen nur anderen zuschreiben. Den Widerspruch zwischen Anspruch, Selbstbild und Wirklichkeit konnte er nur verdrängen aber nicht auflösen. Ziel seines Zorns ist ein diffuser Gegner: die französische Gesellschaft, die arabische Einwanderer, seiner Auffassung nach, systematisch diskriminiert.
Doch warum kam er nach Paris zurück? War es Zufall, dass er sich in einem Hotel in der „Rue des mauvais garçons“ (Straße der bösen Jungen) einquartierte? War es auch ein Zufall, dass er sich zum Sterben nach Bois Colombes zurückzog, ganz in der Nähe von Bezons und Argenteuil, den Orten in denen Audry Maupin und Florence Rey aufwuchsen?
Abdelhakim Dekhar hat wirre und konfuse Abschiedsbriefe geschrieben, die er jedoch ohne einen einzigen Syntax- oder Rechtschreibfehler verfasste. Darin drückt er seinen Zorn aus über die Situation in den Banlieues, die Diskriminierung der maghrebinischen Einwanderer, als deren Opfer er sich sieht, die Berichterstattung durch die Medien, die Rolle der Banken und der Reichen und macht dafür ein umfassendes „faschistisches Komplott“ verantwortlich.
Die Journalistin Patricia Tourancheau, die die Ereignisse schon vor 20 Jahren begleitete, plädiert dafür, in diese Taten und Erklärungen nicht allzu viel hineinzugeheimnissen. Ihrer Ansicht nach bricht sich hier ein tiefer Hass Bahn: Hass auf alles aber vor allem Hass auf ein verpfuschtes Leben.
Was denkt Florence Rey über all das? Über ihren Anwalt Henri Leclerc lässt sie ausrichten, sie habe ihre Schuld gegenüber der Gesellschaft gezahlt und möchte nicht mit dieser „sinistren Gestalt“ Abdelhakim Dekhar in Verbindung gebracht werden.
Bei unserer ersten Begegnung hat er mir einen Korb gegeben. Er hat mich abfahren lassen, wie einen pickligen Teenager, der die Schulhofschönheit linkisch und schüchtern anspricht. Man muss auch sagen, dass ich es in meiner Unwissenheit völlig falsch angegangen bin.
Ich hatte zwei kalte Becks gekauft und war leutselig auf seine Bank zugegangen an einem warmen Sommerabend. Ich hatte ihm das kühle Helle angeboten und mich neben ihn auf die Bank gesetzt. Ich hatte alles Mögliche erwartet, Freude, Überraschung und vor allem interessante Geschichten, aber nicht dass er die Hände in Abwehr hob und „Nein, nein!“ rief, wobei seine Augen in dem Zwielicht unter dem Dach der Tischtennisplatte bedrohlich glommen. Ich konnte nicht wissen, dass die Becks ein kapitaler Fehler waren.
Er war mir schon lange aufgefallen, abends wenn ich wie ein Esel am Mühlstein meine Runden im Grüneburgpark drehte. Ich beobachtete ihn, wie er in seinem Schlafsack lag, eine Zigarette rauchte und die Jogger betrachtete. Was mag er wohl gedacht haben? Vielleicht: Was für Idioten, die einer idiotischen Tätigkeit nachgehen.
Nach einem Scheißtag im Büro, kam mir dieses diogenes-artige Leben irgendwie romantisch vor. Nach der vierten oder fünften Runde, wenn das Hirn vom Joggen langsam weich wird, nannte ich ihn für mich „Grüni-Mann“ oder auch, wenn die passagere Laufverblödung weiter vorangeschritten war, „Dr. Greenthumb“ und in demselben Augenblick, in dem ich das dachte, ertönte in meinem Kopf automatisch wie eine Zwangsvorstellung ein Sample von Cypress Hills Debiltrack, was mich ärgerte.
So sah ich ihn jahraus jahrein im Vorbeilaufen aus dem Augenwinkel unter seiner Tischtennisplatte, in der Dämmerung an einem Sommerabend, in der herbstlichen Dunkelheit oder an einem kalten und düsteren Winternachmittag, während Leise der Verkehr von der Autobahn rauschte. Manchmal war er schon da, manchmal hat er sich still und heimlich wie ein Geist eingefunden, wenn ich bei der nächsten Runde um die Kurve bog.
Der zweite Anlauf kam an einem stürmischen Herbsttag. Die Dämmerung war gerade hereingebrochen. Das Bier hatte er zwar verschmäht, aber niemand kann einer Tafel Schokolade widerstehen, dachte ich mir. Und ich hatte recht.
Zögerlich, nach der Art eines Mannes, der schon lange mit keiner Menschenseele mehr gesprochen hat, erzählte er mir seine Geschichte.
„Ich brauche einfach die Einsamkeit“, sagt er. „Ich halte Menschen nicht aus. Aber so langsam möchte ich doch wieder eine eigene Wohnung haben. Vielleicht in ein paar Monaten oder in einem Jahr.“
Der kleine Mann beschenkt mich nicht mit Abenteuergeschichten oder romanhaften Schilderungen der Freuden der Unabhängigkeit in seiner reinsten Form, sondern mit einer bedrückenden Familiengeschichte: der Vater Alkoholiker, eine traurige Kindheit an verschiedenen Orten und dann kam sein eigener Abstieg in die Hölle aus Alkohol und harten Drogen.
„Eines Tages habe ich all das, die Drogen, den Alkohol und die darin verstrickten Menschen, die mich umgaben – meine Freunde und Bekannte – nicht mehr ausgehalten“, erzählt er. Er hat eines Tages einfach die Tür seiner Wohnung hinter sich zugezogen und „sich auf die Straße gelegt“, wie er es ausdrückt. Das war vor 12 Jahren und gleich darauf hat er sich den Platz an der Tischtennisplatte zum Übernachten erobert. Passiert ist ihm noch nie etwas, auch nachts sei es hier nicht gefährlich.
Am Anfang auf der Straße war er schwer krank von den jahrelangen Drogenexzessen. „Es hat Jahre gedauert bis all die Gifte meinen Körper vollständig verlassen hatten“, erzählt er. Jetzt begreife ich, weshalb mein gutgemeintes Angebot, ein kühles Becks zu trinken, ein furchtbarer Fauxpas war.
Er hat alle Brücken hinter sich abgebrochen, will nichts mehr von seiner Familie wissen. Auch von seinen ehemaligen Drogenkumpanen nicht. Ein übermächtiges Bedürfnis nach Einsamkeit beherrschte ihn. Es geht ihm schon besser, aber er ist immer noch voller Hass und Zorn auf sein Leben. Für die Zukunft wünscht er sich, langsam wieder unter Menschen gehen zu können, sich wieder an sie zu gewöhnen, ihnen wieder vertrauen zu können und vielleicht eines Tages wieder zu arbeiten.
Das schönste Erlebnis in seinem Leben?
„Dass ich endlich vollkommen frei von Drogen und Alkohol bin!“