Adrenalin, PTBS und die Suche nach der Wahrheit

Und nachts wars schön. Sogar was auf uns abgefeuert wurde, war nachts schön, schön und äußerst schrecklich.

Ich erinnerte mich, wie ein Phantom-Pilot davon erzählt hatte, wie schön Boden-Luft-Raketen aussähen, wenn sie rauf zu seinem Flugzeug gezogen kämen, um ihn zu töten, und ich entsann mich, wie wunderschön .50-Kaliber-Leuchtspurgeschosse sein konnten, während sie auf dich zukamen, wenn du nachts im Hubschrauber flogst, so langsam und anmutig, wie sie mühelos raufkurvten, ein Traum, so weit weg von allem, das dir Böses tun konnte. Du konntest dann eine vollkommene heitere Gelassenheit empfinden, eine Erhabenheit, die dich über den Tod hinaushob, aber das dauerte nie sehr lange. Ein Treffer irgendwo am Helikopter brachte dich zurück, zerbissene Lippen, weiße Handknöchel und alles, und dann wusstest du, wo du warst.

Michael Herr, Dispatches

Dennis Hopper Apocalypse_Now

Das ganze Leben müsste ein Abenteuer sein. Fremde Länder bereisen, exotische Städte mit klangvollen Namen bereisen wie Bagdad, Grosny, Sarajevo, Herat, Kabul, Beirut oder Damaskus, mit interessanten Menschen sprechen, Gefahren überstehen, aufregende Geschichten hören, Fotos machen und nach alldem einen spannenden Artikel schreiben.

Dieses romantisierende Bild des Kriegsreporters ist seit dem August des letzten Jahres einer ziemlich brutalen Ernüchterung gewichen, als die beiden Journalisten James Foley und Steven Sotloff nach ihrer Verschleppung in syrische Folterkeller vor laufender Kamera auf barbarische Weise enthauptet wurden.

Trotz allem scheint diese Dekade, die noch mehr und noch brutalere Konflikte zu generieren scheint, als die vorige und in der Journalisten als Beute behandelt werden, die man verkauft oder köpft, wenn der gewünschte Kaufpreis nicht erzielt wird, junge Freelancer mit Laptops und Kameras magisch zu Reisen ins Kampfgebiet zu animieren.

Sebastian Haffner hat in seinem Psychogramm des Dritten Reiches „Germany: Jekyll & Hyde“ Krieg, als „die Rettung und die letzte Zuflucht für so viele gescheiterte Existenzen“ bezeichnet.

Andererseits ist es für eine beträchtliche Anzahl von Menschen, darunter nicht wenige Frauen, aus friedlichen und wohlhabenden Ländern, eine erstrebenswerte Option, sich absichtlich und willentlich in die Gefahr zu begeben, erschossen, in Stücke gerissen oder entführt und ermordet zu werden.

Manche große Reporter sind zunächst gar nicht mit der Intention in den Krieg gezogen, um über ihn zu berichten. George Orwell, dessen Werk leider oft nur auf „1984“ reduziert wird, ist mit dem Idealismus nach Spanien gefahren, dort Faschisten zu bekämpfen, was ihm einen Halsdurschuss durch einen phalangistischen Scharfschützen einbrachte. Seine Erlebnisse hat er erst später in seinem Buch „Mein Katalonien“ verarbeitet.

Wieder andere werden die noblen Aspekte herausstreichen, nämlich über Leid zu berichten, das der Öffentlichkeit völlig unbekannt ist; die Menschen und die Welt aufzurütteln; Schicksale zu erzählen und Menschen eine Stimme zu geben, die keine haben. Vielleicht auch eine Art professionellen Ehrgeiz gestehen, über eine bestimmte Begebenheit als einziger und als erster zu berichten.

Unzweifelhaft ist der Lockruf des Abenteuers verführerischer und sexier als ein von Zwängen bestimmter Alltag mit seinen Routinen und täglichen Kompromissen, seinen banalen Ärgernissen, den unfreundlichen Verkäuferinnen, den schmutzigen Windeln, der Steuererklärung, den Elternabenden und vor allem dem Gefühl sein Leben einfach nur hinter sich zu bringen.

Hierin sind Kriegsreporter manchen Jung-Dschihadisten nicht unnähnlich, die das Schicksal eines schlechtbezahlten Jobs als Paketzusteller oder am Leergutautomaten bei Rewe mit Freuden eintauschen gegen die Möglichkeit, eine Kalaschnikow mit sich zu führen und zu bedienen, Zivilisten zu terrorisieren, Frauen zu mißbrauchen, also all die Dinge zu genießen, die in Friedenszeiten, wenn man dafür arbeiten muss, langwierig und kostspielig sind.

Die Kriegsreporterin Janine di Giovanni schreibt in ihrem Buch „Die Geister, die uns folgen“, das die Spätfolgen traumatisierender Erlebnisse und das Zerbrechen ihrer Ehe thematisiert: „Angst vor dem Krieg hatte ich nicht, aber vor Cocktailpartys in London, vor New Yorker Büros und davor, mich um mein Bankkonto zu kümmern.“

Ähnliches schreibt die russische Journalistin Anna Politkowskaja in ihrem Buch „Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg“: „Ich bin dem Krieg dankbar, in den ich zufällig geraten bin und in dem ich genauso zufällig stecken geblieben bin, weil ich gelernt habe, über den Dingen zu stehen. Der Krieg ist eine schreckliche Sache, aber er hat mich von allem Überflüssigen befreit und alles Unnötige abgehackt. Wie kann ich meinem Schicksal also nicht dankbar sein?“

Nur wenige Reporter werden sich und anderen eingestehen, dass ihr Beruf auch mit der Faszination für Krieg und Gewalt zu tun hat. Mit Nervenkitzel, Mut und Selbstüberwindung. Dieser speziellen Mischung aus Angst und Adrenalin, die süchtig macht, etwa so wie es Hooligans berichten, die sich auf freiem Feld zu Schlägereien verabreden. Vielleicht auch mit der etwas scheinheiligen Haltung, ein Soldatenleben führen zu können, nur ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen.

Diejenigen – meist sind es männliche Reporter – die sich zu dieser Faszination bekennen, stehen vor dem immer gleichen Problem: dem Unvermögen, über den Krieg so zu schreiben, dass es für einen Unbeteiligten nachempfindbar wird. Und zwar als das, was der Krieg ist: Etwas Schreckliches und Faszinierendes zugleich. Ein Ereignis, das die elementarsten Emotionen anspricht. Angst, Neugier, Tötungstrieb. Es bleibt stets nur eine Annäherung. Als Leser erhascht man nur kleine Ahnungs-Fetzen, von dem, was es bedeutet, sich im Krieg oder unter Beschuss zu befinden.

Für Michael Herr hat der bewaffnete Kampf auf gewisse Weise eine erotische Konnotation: „Aber wenn es erst mal wirklich losging, war alles anders. Du warst einfach wie alle anderen auch, du konntest weder blinzeln noch Spucke produzieren. Es kam jedesmal genauso wieder, gefürchtet und willkommen, deine Eier und Eingeweide gleichermaßen drunter und drüber, deine Sinne funktionierten wie Flackerblitze, stürzten frei hinunter bis ins Absolute und stoben dann wieder stürmisch im Brennpunkt zusammen, wie beim ersten heftigen Wirkungsstoß nach ner Psilocybin-Spritze, kamen an einem Ruhepunkt an und sprengten alle je gekannten Freude und Angst, je gekannt von jedem, der je lebte, unaussprechlich in ihrer rasenden Klarheit, rührten an alle äußersten Grenzen und vergingen dann, als wäre das alles von außen gelenkt worden, von einem Gott oder vom Mond. Und jedesmal warst du hinterher so müde, so entleert von allem, außer vom Gefühl, am Leben zu sein, dass du dich an nichts erinnern konntest, außer du wusstest, es wär wie irgendwas gewesen, das du schon mal früher empfunden hattest. Es blieb dir lange unklar, aber nach genügend vielen Malen nahm die Erinnerung Umriss und Gestalt an und enthüllte sich schließlich eines Nachmittags beim Ausbruch eines Gefechts. Es war das Gefühl, das du gehabt hattest, als du, viel viel jünger, zum ersten Mal ein Mädchen auszogst.“

Michael Herr, der für Esquire aus Vietnam berichtete, beschreibt in seinem sperrigen und stark assoziativ, wie im LSD-Rausch geschriebenen Bericht „Dispatches“ eine fast schon surreale Szenerie, wo Reporter Helikopter wie Taxis besteigen und sich an die Front oder in entlegene Dschungelstellungen fliegen lassen konnten, um mit den Soldaten zu plaudern und Gras zu rauchen. Einen gigantischen Männerspielplatz mit Gewalt, Action, Frauen und Drogen.

In der bunten Korrespondentenfauna von Saigon waren die Korrespondenten selbst so etwas wie Rockstars. Der Brite Tim Page, der seinen Kampfanzug mit Schals, Ketten, Ringen und anderen Freakutensilien ausstaffierte und auf die Soldaten den Eindruck eines Aliens machte, war die Vorlage für das von Dennis Hopper dargestellte kamerabehängte Drogenwrack in „Apocalypse Now“.

Sean Flynn, der das Aussehen eines Male Models seinem berühmten Vater Errol zu verdanken hatte, hängte eine drittklassigen Karriere als B-Movie-Schauspieler an den Nagel, um sich gemeinsam mit seinem Freund Dana Stone einen Wettbewerb zu liefern, wer noch spektakulärere Bilder von noch gefährlicheren Aufklärungsmissionen mit Special Forces oder Lurp-Einheiten mitbringt.

Dana Stone

Dana Stone

Michael Herr ist auch einer der ersten, der etwas beschreibt, was sich nur ganz wenige Soldaten und Reporter vor sich selbst eingestehen wollen, eine Art Rausch der Gewalt:

Unter Beschuss sein löst dich von deinem Kopf und auch von deinem Körper, den Abstand, den du noch ne Sekunde vorher zwischen Subjekt und Objekt gesehen hattest, gabs nicht mehr, er schlug in einem schnellen Adrenalinwirbel zusammen. Erstaunlich, unglaublich, Jungs, die viel harten Sport getrieben hatten, sagten, sie hätten nie was Ähnliches gefühlt, das plötzliche Niedergehen und Raketensausen des Treffers, die Adrenalinreserve, die du dir selber nutzbar machen konntest, indem du sie hochpumptest und freisetztest, bis du verloren darin rumtriebst ohne Angst, fast bereitwillig, darin heiter-wollüstig zu ersaufen, wirklich entspannt. Außer natürlich du schissest dir die Hosen voll oder schriest oder betetest oder gabst überhaupt was von dir zu der Hundert-Kanal-Panik, die Wortsalat um dich rumfetzte und manchmal sauber durch dich durch. Mag sein, du konntest den Krieg nicht im selben Moment lieben und hassen, aber manchmal wechselten sich diese Empfindungen so schnell ab, dass sie in einem Wirbel zusammentrudelten, der sich drehte, bis du buchstäblich High On War warst, wie es auf allen Helmbezügen stand. Von so ´nem Rausch runterzukommen, konnte dich wirklich fertigmachen.

Sebastian Junger, Autor des Buchs „The Perfect Storm“, hat über den Zeitraum eines Jahres eine Einheit von amerikanischen Soldaten im afghanischen Korengaltal begleitet. Diese berichten in seinem Buch „War“ von einer ähnlichen Erfahrung: „Jeder Kampf bringt einen solchen Adrenalinrausch“, sagte er, „und ich fürchte fast, dass ich dieses Adrenalin suchen werde, wenn ich nach Hause komme. Und wenn ich es nicht finde, fang ich zu trinken an und krieg Ärger. Die Leute zu Hause meinen, wir trinken wegen der schlimmen Sachen, aber das stimmt nicht … wir trinken, weil uns die guten Sachen fehlen.“

Eine überraschende und völlig neue Perspektive auf die Ursache des Phänomens „PTBS“, die Junger folgendermaßen beschreibt:

„Nur sehr wenige Menschen wollen es sich eingestehen. Krieg muss als schlecht gelten, denn im Krieg geschehen zweifellos schlechte Dinge, aber ein Neunzehnjähriger am Abzug eines .50-Kal.-Maschinengewehrs während eines Feuergefechts, das alle heil überstehen, erlebt den Krieg als einen so extremen Nervenkitzel, wie ihn sich niemand vorstellen kann. In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das mit anderem beschäftigt ist. Der Kampf ist nicht der Ort, an dem man stirbt – obwohl auch das geschieht -, sondern der Ort, an dem man herausfindet, ob es einem gegeben ist, weiterzuleben. Die Kraft dieser Offenbarung möge niemand unterschätzen. Und niemand unterschätze das, was junge Männer einsetzen, um das Spiel noch einmal mehr zu spielen.“

Und ähnlich den Soldaten, fällt es den meisten Kriegsreportern schwer, in ein bürgerliches Leben zurückzufinden, Michael Herr, der Mann der treffenden Metaphern, schrieb:

„Wir kamen zurück oder zogen weiter, blieben aber von New York oder San Francisco, von Paris oder London, Afrika oder dem Nahen Osten aus in Verbindung; einige landeten in Redaktionen in Chicago oder Hongkong oder Bangkok und vermissten mit der Zeit das Leben so schmerzlich (ein paar von uns), dass wir begriffen, was Amputierte durchmachen, wenn es sie in den Fingern oder Zehen der vor Monaten verlorenen Gliedmaßen juckt. Ein paar extreme Fälle hatten das Gefühl, das Erlebnis sei dort ruhmvoll gewesen, während die meisten von uns die Empfindung hatten, dass es bloß wunderschön gewesen sei. Ich glaube, Vietnam war etwas, das bei uns die Stelle einer glücklichen Kindheit einnahm.“

Der Preis für das Spiel mit dem Feuer oder für die Suche nach der Wahrheit ist hoch. Der Krieg, das Adrenalin, das Abenteuer hinterlassen Spuren. Nur wenige kommen unbeschadet aus diesem Beruf und den Kriegen heraus.

Janine Di Giovannis Ehe mit dem France 2-Kameramann Bruno Girodon hielt den Belastungen nicht stand. Di Giovanni zog sich nach der Geburt des gemeinsamen Sohns für eine Zeit aus dem Beruf zurück. Ihr Mann wurde die Alpträume und Dämonen (oder den Mangel an Adrenalin?) nicht los, wurde depressiv und alkoholkrank. Bei einem Auftrag während des Aufstands in Libyen gegen Gaddafi erlitt er eine Schusswunde im Gesicht.

Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006, Putins Geburtstag, in der Eingangshalle ihres Wohnhauses erschossen. Für diese Tat wurden im Mai 2014 fünf Männer, darunter drei Tschetschenen, verurteilt. Wer den Mordauftrag erteilt und bezahlt hat, ist noch immer unklar.

Sebastian Jungers Kollege Tim Hetherington, mit dem er für den Dokumentarfilm Restrepo recherchierte, wurde in Misrata getötet, als er über den Aufstand gegen Gaddafi berichtete. Junger selbst arbeitet an einem neuen Dokumentarfilm mit dem Titel „Korengal“.

Tim Page lebt heute in Australien und beschäftigt sich mit Naturfotografie.

Dana Stone und Sean Flynn wurden während einer Reportage über die Kämpfe in Kambodscha vermutlich von Roten Khmer verschleppt und sind seitdem verschollen.

Michael Herr schrieb gemeinsam mit Gustav Hasford das Drehbuch zu Stanley Kubricks Film „Full Metal Jacket“. Nach eigenen Angaben hat er mit dem Thema Vietnam abgeschlossen. In der Zeit danach scheint er nicht mehr besonders produktiv gewesen zu sein. Anscheinend war Vietnam wirklich die schönste Zeit in seinem Leben.

James Foley

Egal nun, was die Motivation von James Foley und Steven Sotloff (und auch ihrer anderen Leidensgenossen) war, sie können sich nicht mehr über PTBS oder ein bedeutungsloses Zivilistenleben beschweren. Ich will gern glauben, dass Steven Sotloff und James Foley, der so verwegen mit der Zigarette in der einen und der aufgepflanzten Kamera in der anderen Hand in die Kamera blickt, ein ehrliches Interesse an den Menschen hatten. Dass sie den Ehrgeiz hatten, eine fremde Zivilisation ergründen und einen verwickelten Konflikt zu verstehen, über den kaum noch jemand berichtet.

Sie haben für ihr Interesse, ihre Neugier und ihre Hingabe an einen gefährlichen Beruf einen hohen Preis bezahlt. Sie sind nicht einfach gestorben, sondern wurden verschleppt, gefoltert und dann auf barbarische und unmenschliche Weise ermordet. Sie sind es, die ihr Leben riskieren, um zu berichten, was vor sich geht. Damit abends die Menschen ihre zweiminütigen Informationshäppchen und das Gefühl bekommen, Durchblick und Orientierung zu haben.

Dieser Bericht ist für diese tapferen Frauen und Männer geschrieben, die für das tägliche Informationsbedürfnis in Ausübung ihrer Arbeit getötet oder auf bestialische Weise ermordet wurden und all die anderen mutigen Kriegsreporter, die in diesem Text keinen Platz gefunden haben. Vor allem die Frauen, die oft das eine Quentchen mehr Empathie statt des Testosteron haben und daher mit etwas besserer Analyse von den Kriegen berichten: Oriana Fallaci, Anna Politkowskaja, Marie Colvin, Mika Yamamoto.

Update: Eine Grafik über die Identität und das Schicksal der IS-Geiseln findet sich hier. Eine Übersicht über weltweit im Einsatz vermisste und entführte Reporter und Journalisten ist hier.

(über tangentcode).

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„Charlie“ – wer oder was ist das eigentlich?

An dieser Stelle wollte ich an sich einen anderen Artikel veröffentlichen, aber nach dem grauenhaften Massaker in Paris, durch das ein Großteil der Redaktion von Charlie Hebdo ausgelöscht wurde, kommt mir derzeit jedes andere Thema unwichtig, belanglos und unpassend banal vor.

Mir ist bewusst, dass es schon eine Fülle an Beiträgen und Posts hierzu gibt. Viele haben mit einem schwarzen Profilbild bei Facebook ein kleines Zeichen ihrer Wertschätzung der Presse- und Meinungsfreiheit gesetzt oder sich auf andere Weise mit den Menschen solidarisiert, die wehrlos ermordet wurden.

Ich selbst war eher ein beiläufiger und unregelmäßiger Leser der Online-Ausgabe von Charlie Hebdo. Ich konnte mit der aggressiven Vehemenz mit der die Religionen, ihre Würdenträger und französische Politiker attackiert wurden, nicht immer etwas anfangen, dafür waren diese Themen zu weit von meiner Lebenswirklichkeit entfernt.

In diesem Artikel geht es mir nicht darum, einmal mehr religiösen Fanatismus zu geißeln oder die bisher bekannten Fakten zu Tätern und Tat zu kommentieren. Es geht mir zum einen um eine Art Würdigung von zwei Zeichner (Cabu und Wolinski), die unter anderem bei Charlie Hebdo veröffentlichten und die mich seit meiner Jugend begleiten. Dazu später mehr.

Ich glaube, dass die meisten Menschen in Deutschland – Journalisten eingeschlossen-, die so eifrig ihre Profilbilder für ein „Je suis Charlie“ auswechseln, dieses Wochenblatt erst am vergangenen Mittwoch wirklich zur Kenntnis genommen haben. Es ist für Nicht-Franzosen nicht ganz einfach, den Stellenwert dieser Zeitung, die in ihrer mittlerweile mehr als fünfzigjährigen Geschichte verboten, geschmäht, verflucht und vor den Kadi gezerrt wurde, der man aber den Status einer nationalen Institution nicht mehr verwehren kann, zu ermessen.

Daher zunächst der Versuch einer Erklärung, was den „Geist“ von Charlie Hebdo ausmacht.

Es wäre zu kurz gegriffen, Charlie Hebdo als bloßes „liberales“ Satireblatt zu qualifizieren. Charlie Hebdo stand von Beginn an für die Freiheit der Sprache, der Worte und der Gedanken, für Provokation, für ätzenden Humor, für dezidiert linke Werte und vor allem die unbedingte Verteidigung des Laizismus.

Ein gemeines, bissiges Blatt, dass sich weder füttern noch streicheln ließ und sich mit niemanden gemein machte . Der Stolz und die Unerbietigkeit seiner Autoren und Zeichner verbot es ihnen, irgendeiner der Gesinnungsdiktaturen, seien es nun „religiöse Gefühle“, „die guten Sitten“, „der Feminismus“ oder was auch immer auf der Tagesordnung stand, Respekt zu erweisen.

Vielleicht hilft es bei der Orientierung, wenn man sich die französische Presselandschaft wie eine Schulklasse vorstellt. Wenn der Platz des braven, doch gebildeten Strebers von „Le Monde“ besetzt wird und „Libération“ die linke Klassenschönheit ist, die später trotzdem zur bourgeoisen Spießerin mutiert, dann ist „Charlie Hebdo“ der schon zweimal sitzengebliebene Klassenclown, der sich einen Dreck um Noten oder Anerkennung schert.

Ursprünglich hieß die Zeitung „Hara-kiri“, 1960 gegründet, wie so oft von ein paar idealistischen und motivierten Freunden, die das muffige, gaullistische Frankreich reizen wollten. Dort wo bei anderen Zeitungen als Motto „unabhängig und überparteilich“ oder „der Wahrheit verpflichtet“ oder ähnlich trivialer, da selbstverständlicher Schmonzes steht, stand bei Hara-kiri: „Journal bête et méchant“ (dumme und bösartige Zeitung).

Mit von der Partie waren von Beginn an die Schriftsteller Cavanna und Roland Topor und als Zeichner Cabu, Wolinski und Jean-Marc Reiser, um nur die bekanntesten zu nennen. Die Zeitung brachte einen frischen Luftzug in das konservativ-prüde Frankreich mit seinem respektlosen Witz, seinem beißenden Spott und vor allem mit – damals verbotener –Nacktheit in Bildern und Zeichnungen.

1961 wurde die Zeitung zum ersten Mal für sieben Monate verboten. Laut Urteil waren die Zeichnungen „morbide“. 1970 erfolgte ein weiteres Verbot für das heute fast schon legendäre Titelblatt „Bal tragique à Colombey – 1 mort“. Die Zeitung hatte nicht nur 146 Menschen, die in einer Feuersbrunst umgekommen waren, sondern auch den eben verstorbenen Ex-Präsidenten De Gaulle verunglimpft, also eine Art Majestätsbeleidigung begangen.

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Um das Verbot zu umgehen, benannte sich Hara-kiri um und wurde Charlie Hebdo. Die Jahre zwischen 1970 und 1974 waren die Jahre der Sorglosigkeit mit einer Auflage von 150.000 pro Woche. Doch das schöne Leben fand aufgrund von Nachlässigkeit im finanziellen Bereich ein Ende. 1981 wurde die Zeitung eingestellt. Rund zehn Jahre später, 1992, erhob sich die Zeitung – mit einem Großteil der alten Mannschaft – wieder aus der Asche und pendelte sich mit dem alten Konzept aus Provokation und Respektlosigkeitbei  einer stabilen Auflage von 140.000 Stück ein. So schleppte sich die Zeitung, deren Glanz sich mit der Zeit abgenutzt hatte, dahin – bis zum Februar 2006.

Charlie Hebdo war eines der ganz wenigen Presseorgane, welches die „Mohammed-Karikaturen“ aus der dänischen Zeitung Jyllands-Posten publizierte. Die Ausgabe musste, einzigartiges Ereignis in der Geschichte des Blattes, eine zweite Auflage drucken. Mit dieser Veröffentlichung begann gewissermaßen eine neue Zeitrechnung. Charlie Hebdo wurde von der Union der islamischen Organisationen Frankreichs, der Großen Moschee von Paris und der Islamischen Weltliga verklagt, obsiegte jedoch vor Gericht. Die Drohungen blieben jedoch seit jenem Tag.

Seit seiner Wiederkehr in die Pressearena 1992 wurde Charlie Hebdo 48 mal verklagt und hat davon 9 Prozesse verloren. 1995 wurde die Zeitung wegen Beleidung verurteilt, weil ein Redakteur die Front-National-Politikerin Marie-Caroline Le Pen als „chienne de Buchenwald“ bezeichnet hatte (diesen Namen hatte sich ursprünglich die KZ-Kommandeuse Ilse Koch redlich verdient). Gewonnen hatte Charlie Hebdo jedoch den Prozess, den der ebenfalls frontistische Politiker Bruno Mégret angestrengt hatte, weil er sich durch die Bezeichnung „kleine Ratte“ verunglimpft fühlte. Mit freundlichen Betitelungen wie „pape de merde“ (für Johannes Paul II.) oder der Aufforderung in alle Weihwasserbecken der Kirchen zu scheißen, geriet Charlie Hebdo ins Fadenkreuz katholischer Organisationen, von denen die Zeitung zwischen 1994 und 1998 fünfmal verklagt wird.

Es fällt auf, dass in den letzten Jahren eher rechtsextreme Politiker gegen Charlie Hebdo klagten und sich islamische Organisationen damit eher zurückhielten.

Die Organisationen waren von den Misserfolgen vor Gericht wohl entmutigt. Das fanatische Fußvolk indes wählte nicht mehr den Rechtsweg, sondern den der Gewalt. Im November 2011 wurde die Redaktion mit Molotowcocktails verwüstet und brannte vollständig aus. Knapp drei Jahre nach dem Vandalismus kam der Terror.

Zurück zu den Zeichnern.

Aus dem Besitz meiner Mutter habe ich mir zwei Comicalben unter den Nagel gerissen: „Le grand Duduche en vacances“ von Cabu und „J’étais un sale phallocrate“ von Wolinski. Ich habe als Kind diese Bücher durchgeblättert, aber damals den Kontext und den hintersinnigen Witz nicht richtig verstanden.

Später wurden diese Bildbände für mich meine wichtigste Verbindung nach Frankreich und letztendlich sind sie auch ein Schlüssel zum Verständnis der Mentalität Frankreichs.

Cabu Le Grand Duduche en vacances

Cabu und Wolinski sind nicht nur Grundungsväter von Charlie Hebdo, sondern auch Urgesteine, der französischen Zeichenkunst. Ungefähr jeder Franzose der heute 25-70-jährigen kennt sie, da sie in so gut wie allen wichtigen Publikationen Frankreichs veröffentlich wurden.

Beide waren geprägt durch die wichtigsten Ereignisse in ihrer Jugend: dem Algerienkrieg und ´68. Bis in ihr hohes Alter haben sie den Funken der Revolte bewahrt: die Frechheit, den Rotz, eine kindliche Begeisterungsfähigkeit, den Idealismus und die Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten.

Cabu trug (der Gebrauch der Vergangenheitsform fällt mir noch immer schwer) mit fast 77 Jahren noch immer sein verschmitztes, jugendliches Gesicht spazieren wie sein Alter Ego „Le grand Duduche“. Beharrlich nahm er den Militarismus, Borniertheit und die Spießigkeit und den Muff von vor ´68 und darüber hinaus aufs Korn. Neben seinen Beiträgen für Charlie Hebdo war er Stammzeichner für das zweite, seriösere und weniger aggressive Satireblatt „Le canard enchaîné“.

Wolinski Sale Phallocrate

Georges Wolinski, kam als Kind jüdischer Emigranten aus Italien und Polen in Tunis zur Welt und wuchs anschließend in Frankreich auf. Er war von 1970 bis 1981 Chefredakteur von Charlie Hebdo. In seinen Zeichnungen nahm er bevorzugt die Scheinheiligkeit der sexuellen Befreiung nach ´68 mit ihren alten Verboten und neuen Tabus auf die Schippe.

Wolinski Vibrations

Vielleicht haben die beiden Schwachköpfe, die ihre Leben ausgelöscht haben, tief in ihrem Inneren geahnt, dass sie in ihrem armseligen Leben niemals die intellektuelle Größe, die Bildung, den Humor, die Schlagfertigkeit und somit diese immense persönliche Freiheit dieser beiden Männer würden erlangen können. So haben diese Nichtsnutze zwei 76 und 80 Jahre alte Legenden aus dem Leben gerissen.

Charb kannte ich als Zeichner am wenigsten, er war der jüngste in der Redaktion und doch seit 2009 Chefredakteur. In sehr lustiger Erinnerung habe ich allerdings die Videos, in denen er einen fiktiven Islamkonvertiten, Steven le Troudec’h, verkörperte. Schon sein Name ist ein vulgäres und doch sehr französisches Wortspiel: le Troudec’h = trouduc‘ = trou du cul = Arschloch. Sein Dschihad-Kampfname ist auch nicht viel besser: Abdelkader ben Charmouta (wobei man wissen muss, dass „Scharmuta“ das arabische Wort für Hure ist).

 

Im Grunde hat Charb nicht viel mehr getan, als die Fanatiker in ihrer Verblendung, ihrer bodenlosen Dummheit und ihrer grenzenlosen Vermessenheit und ihrer Lächerlichkeit zu porträtieren. Die Videos sind vielleicht nicht jedermanns Geschmack, doch ich kann darüber auf jeden Fall herzhaft lachen.

Ungemein witzig ist ich auch das Video, in dem Charb nichts anderes tut, als die unter Antisemiten und Aluhüten weitverbreitete Verschwörungstheorie wiedergibt, dass die Juden hinter den Anschlägen von 11. September stecken.

Am Rande sei bemerkt, dass nach dem Tod des Mannes, der immer von sich sagte, er habe weder Frau noch Kind noch Auto, ein Geheimnis gelüftet wurde. Durch ihr bewegendes Interview am Tag des Massakers wurde bekannt, dass Charb eine Lebensgefährtin hatte, die er der Öffentlichkeit aus Sicherheitsgründen verschwiegen hatte. Es ist die algerischstämmige Juristin und Wissenschaftlerin Jeannette Bougrab, die unter dem konservativen – und von Charlie Hebdo hemmungs- und gnadenlos gemobbten – Präsidenten Sarkozy den Posten einer Staatssekretärin innehatte.

Nur soviel als kleines interessantes Detail zu den unlösbaren Widersprüchen, die in einer multikulturellen Gesellschaft auftreten, wobei – dies muss man zugeben -, diese in Frankreich schon viel weiter fortgeschritten ist, als hierzulande.

Weiter oben habe ich geschrieben, dass die beiden Terroristen vielleicht geahnt haben, wen sie vor sich hatten, als sie das Büro stürmten. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher, ob das ganze Ausmaß ihrer Tat in ihre drogen- und religionsvernebelten Losergehirne eingedrungen ist. Sei’s drum. Die einzig treffenden Worte zu dieser Angelegenheit findet Freund und Kollege Patrick Pelloux, ausgebildeter Notfallmediziner mit eigener regelmäßiger Kolumne in der Zeitung und der als einer der ersten am Ort der Hinrichtung eintraf:

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10:15 Monday Night

EZB a

Der dramatische Umzug von einem Hochhaus ins andere ist bewerkstelligt. Wichtige monetäre Transaktionen mussten für einige Tage aufgeschoben werden. Nach diesem nervenaufreibenden Ereignis sitzen die gezähmten Lurche wieder brav bis spät abends in ihren kleinen, gläsernen Terrarien.

EZB b

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Die Stadt, der Müll und das Hasch

Es war ein schöner Sommer, und die kommenden Sommer würden noch schöner werden. In Berlin war Andreas Baader aus der Haft befreit worden. Ulrike Meinhof rief aus dem Untergrund zum bewaffneten Kampf auf. Ich ging in der Mittagspause zur Hasch-Wiese hoch und besorgte mir Morphium aus Apothekeneinbrüchen. Die Ampulle kostete zehn Mark.

Jörg Fauser, Rohstoff

 

Manchmal, in so einer Art Nachmittagsnostalgie beschäftige ich mich mit der Stadt, die einige Jahre lang mein Lebensmittelpunkt gewesen ist und mit dem Viertel, in dem ich damals gewohnt habe: Kreuzberg, dort wo der Landwehrkanal sich in einem weiten Becken teilt und Richtung Spree abkippt. Im Görlitzer Park dealen die Dealer, Polizisten stochern im Gebüsch nach Grastütchen, Anwohner maulen, Gewerbetreibende prügeln sich mit Dealern.

Wenn ich heute aus meinem Büro in der Frankfurter Innenstadt trete, muss ich nur einige Schritte gehen und bin in der Bockenheimer Anlage, Frankfurts berüchtigter, ehemaliger „Haschwiese“.

Die Haschwiese, Deutschlands Drogenmagnet Nummer 1, bekannt zwischen Flensburg und Berchtesgaden und europaweit darüberhinaus, wo man problemlos Gras, LSD, „Cappies“ oder Morphium bekam.

Vor mir steht die „hippe“ „Bar ohne Namen“ die, als ich ein Kind war, ein dubioses Kiosk war, eine Trinkhalle, wo sich jahrelang die selben verlorenen Gestalten mit ihren vom Alkohol aufgedunsenen und gleichzeitig zerklüfteten Gesichtern versammelten.

Bar ohne Namen

Ich laufe ein paar Schritte hinter das Stadtbad Mitte. Hier war sie also, Deutschlands erste offene Drogenszene. Von der Bevölkerung größtenteils akzeptiert und von den Behörden mehr oder weniger geduldet.

Hier soll er also gewesen sein, der Treffpunkt der Studenten, der „Gammler“, der Kiffer, der Hippies und der US-Soldaten, um zu kiffen und Drogen zu kaufen. Ehrlichgesagt fällt es mir schwer, mir das vorzustellen, wo diese angeblichen Massen hier in diesem schmalen, langgestreckten Anlagenstück, in dem sich auch noch ein großer Teich befindet, sich versammelt haben sollen. Diese Anlage begann 1965 zum Sammelpunkt für Studenten und sogenannter „Gammler“ zu werden, später kamen noch Hippies hinzu und subkulturelle Anteile der US-Armee.

Haschwiese Frankfurt Stadtbad Mitte

An jedem „Payday“ kamen Massen von GI’s aus Hessen und Rheinland-Pfalz in diesen Park zwischen Eschenheimer Turm und Alter Oper, um sich hinter dem Stadtbad Mitte mit Hasch und LSD zu versorgen.

Ab und zu raffte sich die „Schmiere“ zu einer Razzia auf, die sie arbeitsteilig mit uniformierten und behelmten Militärpolizisten durchführte, weil die Haschwiese für amerikanische Soldaten „off limits“ war. Während die deutschen Polizisten unter dem Gemaule und Genöle der Kiffer die Personalien überprüfte und Verdächtige durchsuchte, kassierte die amerikanische Militärpolizei einfach alles ein, was die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß.

All das war Teil der bunten Folklore der damaligen Zeit, die von den Frankfurtern mit schmunzelnder Gelassenheit hingenommen wurde.

Dann kam das Heroin. Massiv.

Mitte der 70er Jahre kippte die Stimmung in der Bockenheimer Anlage. Sie war nicht mehr der gemütliche Hippietreff, wo man immer ein paar Freunde und Bekannte traf, um eine Erdhuka zu rauchen. Sie war jetzt nur noch eine verwahrloste Grünanlage, übersät mit leeren Spritzen und aufgeschlitzten Handtaschen in den Gebüschen. Die Apotheken im Umkreis hatten regelmäßig eingeworfene Schaufenster, weil die Süchtigen nach Morphium und anderen Betäubungsmitteln gierten.

Wenn man sich die Berichterstattung aus dieser Zeit durchliest, ist es wie ein Déjà-vu. Dieselben öden, müßigen sich im Kreise drehenden Argumentationsschleifen, so als hätten die Verantwortlichen nichts dazu gelernt. Wie einem diese unendlichen, elenden Debatten bekannt vorkommen.

Die Frankfurter Neue Presse nahm sich 1979 dem Thema in einer ganzseitigen Reportage mit dem schönen Titel „Eine Eiterbeule im Herzen der Stadt“ an. Die Protagonisten, genau dieselben wie heute in der Wiener Straße in Kreuzberg: die empörten Anwohner, überforderte Polizisten, verantwortungsscheue Politiker.

Die Anwohner fühlen sich durch die Junkies belästigt und fordern: Weg mit der Haschwiese. Das Frankfurter Stadtoberhaupt Dr. Walter Wallmann steht dem Problem ohnmächtig gegenüber: Ich kann nichts dagegen tun. Die Polizei, die etwas tun könnte, möchte nicht: Eine Verdrängung des Problems hilft nicht weiter. Jetzt haben wir die Szene wenigstens unter Kontrolle.

Ein Anwohner namens Willy, laut Artikel Angestellter einer großen Bank beschwert sich: „Erst wurden wir von den Pennern und Wermutbrüdern belästigt, jetzt sind es die Fixer.“ Er beklagt sich auch darüber, dass so mancher Dealer auf der Wiese schon mal aggressiv reagiere. Auch die Waffen, die die „Haschbrüder“ und Drogenhändler bei sich tragen, verstärken die Angst und die Unsicherheit der Bürger.

Eine Frau namens Elvira meint: „Ich weiß ja, dass es keine Lösung ist, die Fixer zu vertreiben. Aber man muss uns doch auch mal verstehen. Meine Kinder müssen durch diesen Park, wenn sie zur Schule gehen. Kann ich wissen, ob sie nicht irgendwann ‚high‘ heimkommen?“

Oberbürgermeister Wallmann flüchtet aus der Verantwortung: „Ich kenne das Problem, doch bin ich leider nicht zuständig. Zwar habe ich laufend Kontakt zur Polizei in dieser Sache und bitte immer wieder nachdrücklich darum vorzugehen gegen das, was sich da abspielt. Ich habe auch schon entsprechende Gespräche mit dem Innenminister geführt. Aber die Polizeihoheit liegt nicht bei mir. Durch eigene Entscheidung kann ich, obwohl genauso unzufrieden wie viele Bürger, nichts an den Zuständen ändern.“

Im Wiesbadener Innenministerium verweist man auf die Frankfurter Polizei. Beim zuständigen Leiter der Kriminalabteilung im hessischen Innenministerium weiß man offensichtlich nichts von den Beschwerden der Frankfurter Bürger.

Der Leiter der zuständigen Abteilung K 44, Knut Stroh weiß auch keine Lösung und will alles so lassen, wie es ist: „Wir stehen echt vor der Frage, wie wir dem Problem Herr werden sollen. Gehen wir jeden Tag hin, um einige ‚abzugreifen‘ dann verlagert sich die ‚Szene‘ sicherlich. Das Problem wird dadurch jedoch nicht beseitigt. Wir haben jetzt die Möglichkeit, auf die Haschwiese zu gehen und mit den Leuten zu reden. Dadurch kommen wir an Informationen über die größten Dealer ran. Wird diese Kette unterbrochen, dann ist jahrelange Arbeit vernichtet. Wir können es uns nicht leisten, unsere Informationsquellen zu verlieren. Natürlich verstehen wir die Sorgen und Probleme der Bürger; von uns aber erwartet man die Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität. Das können wir aber nur, wenn die Szene überschaubar bleibt. Deshalb ist die ‚Haschwiese‘ für uns wichtig.“

Does that ring a bell, Kreuzberger?

Die FAZ, kommentiert die Situation in einer Art, durch die ich verstehe, warum sie damals das Magenblatt der Konservativen war. Ein Schreiber mit dem Kürzel „Wsm.“ glossiert in einem mit drolligen Ausdrücken gespickten Meinungsartikel das Dilemma folgendermaßen: „In Kreisen einer intellektuellen Schickeria mag es schick sein, aus purer Langeweile und weil man von allem zuviel hat, sich gelegentlich eine Prise „Hasch“ zu genehmigen, aber die armen Teufel, die über die Drogenszene taumeln und zur Beute der gnadenlosen Dealer werden, ist kaum gedient, wenn ihr Elend verniedlicht und verharmlost wird.“

1980 ging dann schließlich doch was. Wiederholte Razzien mit massiver Polizeipräsenz verunsicherten die Szene. Insider munkeln, dass der Grund hierfür nicht auf ein Umdenken bei OB Wallmann zurückzuführen gewesen sei, sondern weil er sich mit einer regen Bautätigkeit verewigen wollte. Die Alte Oper, die bis dahin als Kriegsruine vor sich hinmoderte, sollte neu eröffnet werden und Wallmann wollte den eleganten Bildungsbürgern, die er in die Stadt locken wollte, nicht den Anblick der Junkies und Freaks in der unmittelbaren Umgebung zumuten.

Am 30.Mai 1980 meldete das Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt: „Die Haschwiese existiert nicht mehr.“

Das Doofe war nur, dass die Szene tatsächlich nicht einfach so verschwand. Sie ging nur ein paar hundert Meter weiter, in die Taunusanlage. Direkt vor die Bankentürme.

Dort war dann Europas größte offene Heroinszene.

In der Taunusanlage versammelten sich bis Mitte der 90er Jahre täglich mehrere hundert, manchmal tausend Junkies in der Anlage vor den Banken. Ich erinnere mich noch gut an dieses fremdartige und absonderliche Schauspiel: Junkies, die in Gruppen zusammenstehen und mit rauher, heiserer Stimme krakeelen, weil sie es verlernt haben, sich ganz normal zu unterhalten. Junkies, die sich zu ihrem Heroin noch Barbiturate eingefahren haben und mitten ihm Gehen nach vorne kippen und im Stehen einschlafen. Andere sitzen auf einem Mauervorsprung, haben ihr gesamtes Zeug um sich herum verteilt: Feuerzeug, Kippen, Schlüssel und sind im Heroinflash in sich zusammengesunken.

Die meisten versammelten sich in einer gepflasterten Wanne, die die Stadt niedlicherweise „Lesegarten“ nennt. Ich habe dort noch niemanden lesen sehen und an den betonierten Schachbrettern habe ich nur Junkies gesehen, die mit ihren Drogenutensilien hantierten.

Das waren die Zeiten, als es jährlich durchschnittlich 150 Herointote in Frankfurt gab.

Ende der 80er zogen die Grünen in den Magistrat ein. Nach jahrelangen, endlosen, ideologisch geführten Debatten wurde die elende Lage durch die Einrichtung von Druckräumen entschärft. Es kam zu einer für Frankfurt typischen pragmatischen Entscheidung: die Konservativen gaben ihr Dogma auf, dass die Drogensucht nur durch Repression zu besiegen sei und stimmten der Einrichtung von Druckräumen zu; die Grünen mussten dafür der CDU dahingegen entgegenkommen, dass sich die Repression danach gegen die Dealer richtete – und konnten damit gut leben.

Heute gibt es keine offene Drogenszene mehr in Frankfurt. Auch Heroin dominiert nicht mehr den Markt. Die harte Droge der Zeit ist Crack und wird in den Hauseingängen, den schäbigen Billighotels und den Seitenstraßen des Bahnhofsviertels konsumiert.

Im Lesegarten wurde vor einiger Zeit eine Gedenkplatte für die Drogentoten der vergangenen Jahrzehnte eingelassen.

Gedenktafel Drogenabhängige Taunusanlage

Wenn ich heute durch die ehemalige Haschwiese laufe ist es ruhig. Nirgendwo ist ein einsamer Althippie mit Chillum zu sehen. Nur ein paar dieser übertrieben selbstbewußten, jungen, aufstrebenden, hochbezahlten Leistungsträger in Anzügen und teuren Schuhen laufen gockelhaft durch den Park nachdem sie „geluncht“ haben. Abends sieht man die schon älteren hochbezahlten Spezialisten auf ihren teuren Fahrrädern und ihren mit einem kleinen Rückspiegel versehen Fahrradhelmen mit dem Gesichtsausdruck eines gehetzten Nagetiers durch die Anlage sausen.

Das Stadtbad Mitte, wo ich als Kind mit meiner Schulklasse schwimmen ging, wurde in das Hilton Hotel integriert. Man kann dort nur noch gegen einen horrenden Geldbetrag und eine Mitgliedschaft bei Fitness First schwimmen gehen.

Stadtbad Mitte

Der Kiosk, der vorher ein Spielsalon war, ist jetzt eine Bar, wo die Schnösel, die Gegelten und die Erfolgreichen mittags „lunchen“ und abends ihre Cocktails schlürfen.

Tja, Berlin, das ist deine Zukunft. Kreuzberg, du kannst Dir schon mal deinen Gedenkplatte bestellen.

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Vor 35 Jahren – Das Ende des Staatsfeindes

Den „Périphérique“ hat er nicht mehr erreicht. Das Leben des Staatsfeindes Nr. 1 endete vor 35 Jahren, am 2. November 1979 an der Porte de Clignancourt. Der Mann, den seine Instinkte sonst niemals im Stich ließen, hatte nicht bemerkt, dass die Polizei ihn seit Tagen auf Schritt und Tritt beschattete. Auch dem Lastwagen, der sich an einer Ampel vor seinem BMW 528i einfädelte, maß er keine Bedeutung bei.

Plötzlich hob sich die Plane über der Ladefläche, ein Scharfschützenkommando eröffnete das Feuer. Jacques Mesrine war auf der Stelle tot.

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Innerhalb weniger Augenblicke strömten hunderte Menschen auf den weiten Platz und brachten den Verkehr zum Erliegen. Robert Broussard, der Kommissar mit der markanten grauen Schifferkrause, Chef der Einheit zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität „Antigang“, der Mesrine seit Jahren gejagt hatte, lachte wie gelöst und ließ sich neben der im Sicherheitsgurt hängenden Leiche fotografieren.

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Eine Stunde lang hing Mesrines Leiche in dieser Position – vornübergebeugt, nur vom Sicherheitsgurt gehalten – wie eine Jahrmarktsattraktion, dem Gaffen der Reporter, Polizisten und Schaulustigen ausgesetzt.

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Augenblicklich kursierte die sensationelle Nachricht: „Mesrine est mort!“. Broussard hatte den Staatsfeind Nummer 1 zur Strecke gebracht.

Das offizielle Frankreich atmete auf, doch nicht wenige linke Intellektuelle beklagten den „Mord im Staatsauftrag“ und auch gewöhnliche Franzosen trauerten mehr oder weniger offen über den Verlust ihres Volkshelden.

Im Allgemeinen sind Franzosen empfänglich für die Taten schneidiger Männer, die sich nichts gefallen lassen und sich nehmen, was sie brauchen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Ist der Mann auch noch schlagfertig, charmant, redegewandt und unterhaltsam, kann ihn nichts vor der Zuneigung der Franzosen retten.

All diese Eigenschaften vereinte Jacques Mesrine in seiner Persönlichkeit. Gleichzeitig war er damit auch das Lehrbuchbeispiel eines Psychopathen: charmant, furchtlos, gewalttätig.

Besonders der Zeitgeist der 70er Jahre, in denen die Theorien beinhart aufeinanderprallten, die ideologischen Debatten hart und unerbittlich geführt wurden und Gewalt ein akzeptiertes Mittel zur Durchsetzung der jeweiligen Position war, hatte viel Sympathie übrig für Gewalttäter, wenn sie ihre Morde und Verbrechen mit „progressiven“, linken Theorien rechtfertigten.

Jacques Mesrine imponierte durch seinen hedonistischen Lebensstil, den er unter anderem durch Geiselnahmen und Erpressungen von Millionären bestritt. Sein Kampf gegen die von ihm als unmenschlich bezeichneten Hochsicherheitstrakte in den Gefängnissen, den er gemeinsam mit seinem Komplizen, dem Gangster Charlie Bauer, einem Kind jüdischer, kommunistischer Résistancekämpfer aus dem Marseiller Arbeiterviertel L‘Estaque, focht, machte beide zu Lieblingen der linken, französischen Intelligenzija.

Mit seiner Ausstrahlung, seinem Charisma und einem schalkhaften Sinn für Humor schlug er Freunde wie Gegner in seinen Bann. Den Kommissar Broussard, der ihn bereits 1973 in seiner Wohnung verhaftet, empfing er mit Zigarre im Mund und zwei Champagnerkelchen, die sie gemeinsam leerten, bevor sich Mesrine abführen ließ.

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Sein anderes Gesicht zeigte er, als er in Kanada zwei Waldhüter erschoss, die seine Papiere kontrollieren wollten. Auch der Journalist Jacques Tillier, der einen Artikel über ihn geschrieben hatte, der ihm nicht gefiel, bekam seinen Zorn zu spüren. Mesrine lockte ihn mit der Aussicht auf ein Exklusivinterview in eine Höhle im Wald, wo er ihn folterte und schließlich mit drei Schüssen niederstreckte. Er demütigte Tillier, indem er ihn fotografierte und dann sterbend zurückließ. Mit dem ihm eigenen Sinn für die verdrehte Pointe erklärte er später, er habe ihm eine Kugel in den Mund verpasst, „damit er aufhört, dummes Zeug zu reden“, eine Kugel in den Arm, „damit er aufhört, dummes Zeug zu schreiben“ und eine Kugel ins Bein, „einfach so zum Spaß“.

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Mesrine lebte ein Leben voller Gewalt. Er überfiel Banken in Kanada und Casinos in Frankreich, nahm Geiseln, erpresste Lösegeld. Dem „Mann mit den tausend Gesichtern“ bereitete es ein boshaftes Vergnügen, seine Beute mit seinen Geliebten in teuren Restaurants mitten in Paris zu verjubeln, während die Fahndung nach dem Staatsfeind Nummer 1 auf Hochtouren lief. Er liebte es auch, sich einer dienstfertigen Presse als Interviewparter und martialisches Fotomodell zur Verfügung zu stellen.

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Nach seinem gewaltsamen Tod versuchten seine Hinterbliebenen eine Verurteilung des Staates zu erreichen, weil keine Notwehrlage vorgelegen habe. Die Scharfschützen hätten ohne Vorwarnung das Feuer eröffnet. Im Fußraum wurden allerdings Handgranaten und zwei Faustfeuerwaffen gefunden. Einer der Schützen gab an, Mesrine habe eine verdächtige Handbewegung gemacht, bevor er erschossen wurde. Erst 2004 wies der französische Kassationsgerichtshof die Klage endgültig ab.

Die Frage bleibt, was den hübschen Jungen mit dem ernsten Blick, dessen Herkunft aus einer wohlhabenden Familie von Textilindustriellen ihn eigentlich nicht für eine kriminelle Karriere prädestinierte, in ein Leben im Gewaltrausch geführt hat.

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Der französische Regisseur Jean-Francois Richet hat einen sehr detailgetreuen und sehenswerten zweiteiligen Film über das außergewöhnlichen Leben von Jacques Mesrine mit Vincent Cassel in der Hauptrolle gedreht. Hier die Trailer:

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Die Raserei der Kretins

Viel ist in den letzen Wochen und Monaten über die Mordbande namens ISIS, neuerdings IS, geschrieben worden. Fieberhaft versuchen Geheimdienstanalytiker, Soziologen, Orientalisten und Journalisten sich einen Reim auf den Gewaltausbruch zu machen. Sie versuchen der Gewalt einen Sinn zu geben, die Beweggründe und Motive zu ergründen, versuchen zu verstehen, was das für ein Wahn ist, der in diese Männer gefahren ist, welche Dämonen sie reiten, die sie dazu bringen, unbeteiligte Verkehrsteilnehmer mit Kalaschnikows drive-by-shooting-style zu exekutieren.

Doch ist es wirklich möglich, dem einen Sinn zu geben?

Aus deutscher Sicht ist allzuviel Anmaßung hier nicht angebracht, denn die jüngere Geschichte zeigt, wie dünn der zivilisatorische Firniß doch ist. Dennoch fragt man sich, was für eine Vertierung zu solch einem Verhalten führt. Ist es religiöse Verblendung, die den Geist umnachtet, gewissermaßen eine religionsinduzierte Psychose? Oder ist es eine tiefe, bisher unbekannte Form der Soziopathie und Misanthropie, die aus den dunkelsten Tiefen der menschlichen Seele schöpft?

Was mich persönlich am meisten schockiert, sind die sogenannten „Nasheeds“, die die Videos dieser Ausbrüche von Hass, Menschenverachtung und grenzenlosen Abgestumpftheit gegenüber menschlichem Leben begleiten. Schwuchtelige Falsettgesänge, die den Terror und das Morden rühmen, preisen und rechtfertigen.

Mindestens genauso schlimm: das Erkennungszeichen des IS.

erigierter zeigefinger

Sie bekräftigen mit dem nach oben deutenden Zeigefinger die Festigkeit ihres Glaubens. Ich sehe nur den erhobenen Zeigefinger des Besserwissers, Spießers und Rechthabers. Das wäre nicht so schlimm, wenn diese Barbaren keine blutrünstigen Psychopathen wären, denen Dummheit und Bildungsferne ins Gesicht geschrieben stehen.

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Same shit, different decade

Als ich mir neulich den Film „Auge um Auge“ angesehen habe, hatte ich irgendwann ein merkwürdiges Déjà-vu. Das Setting des Films in Pennsylvania, das Stahlwerk, der Veteran, der von der Gewalt nicht lassen kann, riefen eine ferne Erinnerung hervor. Ich kam erst bei der Szene mit der Hirschjagd dahinter.

Vor knapp 35 Jahren hatte schon einmal ein amerikanischer Film das Panorama der vom Krieg demoralisierten USA ausgebreitet. Das Monumentalepos „Deer Hunter“ hatte damals schon die charakteristischen narrativen Elemente besetzt: die Arbeit im Stahlwerk, die Industrie im Niedergang, die Jagd, Veteranen, die von der Gewalt nicht lassen können, und, als bedrohlicher Mahlstrom im Hintergrund, der Krieg.

Trotz seiner hochkarätigen Besetzung mit Woody Harrelson, Christian Bale, Forest Whitaker und dem auch in kleinen Rollen glänzenden Willem Dafoe entwickelt „Auge um Auge“ nicht die Intensität von „Deer Hunter“, wo Robert De Niro seine charakteristisch reservierte, kontrollierte und zurückgenommene Art des Spiels entfalten konnte. Auch lässt der Film keinen Raum für eine Darbietung wie die unfassbar starke Szene von Robert De Niro und Christopher Walken beim Russischen Roulette, die heute schon ins kulturelle Allgemeingut eingegangen ist.

Doch im Gegensatz zu „Deer Hunter“ hat „Auge um Auge“ nicht den Anspruch, mit dem falschen Krieg im Irak abzurechnen und auch nicht mit den Verheerungen, die der Krieg in den Seelen der Soldaten anrichtet. Er ist vielmehr eine Momentaufnahme der Vereinigten Staaten im Sinkflug. Er zeigt ein heruntergekommenes, drogenverseuchtes, amoralisches Hinterhofamerika, das seinen moralischen und ethischen Kompass durch einen mit Lügen herbeigeführten Krieg verloren hat und mit einer Armee von Männern umgehen muss, die aus dem Krieg heimkehrten und ihn doch in jeder Sekunde mit sich im Kopf herumtragen.

Etwas irritiert. Es ist nicht nur die Gleichartigkeit des Schauplatzes und des Themas, das die Wahrnehmung von etwas schon mal Dagewesenem erzeugt. Es hat etwas Fatalistisches an sich, die Bilder der beiden Filme zu betrachten und festzustellen, dass 35 Jahre nach „Deer Hunter“ das äußere Erscheinungsbild der USA fast unverändert ist. Und dass fast 40 Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs, dessen nicht nur militärische, sondern auch moralische Niederlage in der gesamten Bevölkerung widerhallte, Amerika sich erneut in dieser deprimierenden Lage befindet. Fast so als hingen die Menschen in einer unheilvollen Schleife fest. Als ob sie aus den Irrtümern des Vietnamkriegs nichts gelernt hätten und hierdurch verurteilt seien, ihre Fehler zu wiederholen.

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Wahrheit oder Seemannsgarn?

Jean-Marie Tinck

Die Hoffnung der belgischen Polizei, eine dreißig Jahre zurückliegende Serie gewalttätiger Überfälle auf Supermärkte mit 28 Toten aufklären zu können, hat sich wieder zerschlagen.

Der Beschuldigte Jean-Marie Tinck, 68, genannt „der Seemann“, ist wieder aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Der Mann war der letzte Strohhalm, an den sich die Ermittler knapp ein Jahr vor der endgültigen Verjährung der Taten geklammert hatten. Dabei hatte sich die Sache gut angelassen. Nachdem Tinck einem bekannten gegebnüber behauptet hatte, Mitglied der „Killerbande von Brabant“ gewesen zu sein und auch Kinder getötet zu haben, griff die Polizei zu. Bei der Verhaftung trug Tinck dieselbe Seemannswollmütze wie der Täter auf dem Phantombild Nr. 17 auf dem Fahndungsaufruf der Polizei.

Fahndungsplakat

Konkret werfen die Ermittler ihm vor, der Mann zu sein, der am 10. Mai 1982 unter Waffengewalt einen Austin Allegro in Brüssel geraubt zu haben. Dieses Fahrzeug war Tatmittel für den Diebstahl eines weiteren Autos, eines VW Santana, mit dem gewaltsame Überfälle begangen wurden. Der VW Santana wurde am 30. September 1982 ausgebrannt in einem kleinen Wald in der südlichen Brüsseler Agglomeration im Stadteil Uccle gefunden, dem damaligen Wohnort Tincks.

Die Ermittler verdächtigen ihn außerdem aktiver Mittäter an der ersten Welle der Angriffe zwischen 1982 und 1983 gewesen zu sein und in der zweiten Welle 1985 als Fahrer der Bande Beihilfe geleistet zu haben.

Seltsamer Zufall: bereits im Jahr 1997 wurde Tinck aufgrund des Phantombilds von drei unterschiedlichen Zeugen als Täter wiedererkannt und deswegen von der Polizei verhört.

Die damaligen DNA-Analysen waren jedoch zu ungenau, um ihn eine Tatbeteiligung nachzuweisen. Aktuelle DNA-Analysen haben im Juli jedoch erneut keine konkreten Ergebnisse erbracht ebenso wenig wie die gründliche Überprüfung seines Umfelds im Hinblick auf Verbindungen zu den Tätern. Auch ein Lügendetektortest, dem Tinck sich unterzogen hatte, verlief unauffällig.

Zwar hat er im Lauf des Ermittlungsverfahrens zugegeben, mit seiner Beteiligung an den Morden geprahlt zu haben, jedoch nur um sich wichtig und interessant zu machen. Alle Details habe er sich ausgedacht.

Die vorhandenen Elemente reichen als Beweise nicht aus und rechtfertigten eine Fortdauer der Untersuchungshaft nicht, weswegen er auf freien Fuß gesetzt wurde.

Es bleibt der ambivalente Eindruck, dass der Mann mehr weiß, als er zugibt.

Unterdessen laufen Bestrebungen im belgischen Parlament, die Verjährungsfrist um weitere zehn Jahre zu verlängern. Nach gegenwärtiger Rechtslage können die Taten nach dem 10. November 2015 nicht mehr verfolgt und die Täter nicht mehr bestraft werden.

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Ein kurzes, leuchtendes Dasein

Eines der vielversprechendsten und begabtesten Talente hat unsere Welt zu früh verlassen. Nein, die Rede ist nicht vom jüngst dahingegangenen Frank Schirrmacher. Der junge Künstler, von dem dieser Bericht handelt, war eines dieser lebenshungrigen „Kids“ aus der Generation der in den 90er Jahren Geborenen, die sich ohne jeglichen ideologischen Ballast einfach nehmen, was sie brauchen und hedonistisch ihren Neigungen nachgehen, dabei jedoch keine Zeit verschwenden und unfassbar produktiv sind. Zoo Project alias Bilal Berreni hat in seinem viel zu kurzen Leben mehr Mut und Herz gezeigt und mehr vollbracht hat, als andere Menschen in einem ganzen Leben.

Bilal Zoo Project

Mit 15 begann er durch die Straßen von Paris zu streunen, nach Wänden Ausschau haltend, auf die er nachts seine zoomorphen Figuren mit Pinsel und Farbroller malte, die meist schon nach ein paar Wochen oder Monaten hinter einem Neubau verschwunden waren.

Seine großflächige Werke konnte man einige Jahre lang auf Hauswänden und Baulücken in Paris, vor allem im Norden und Osten, im XX. Arrondissement und Belleville betrachten. Es waren fast immer überlebensgroße, schwarz-weiße Figuren, meist Menschen mit Tierköpfen, die an Gestalten aus der griechischen Mythologie oder an altägyptische Gottheiten erinnerten und die in der Wirrnis der postmodernen Gesellschaft mit ihrer Entfremdung und ihrer elektronisch generierten Reizüberflutung die Orientierung verloren zu haben schienen.

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Mit seiner hintersinnig-ironischen Kritik an der modernen Gesellschaft hatte er sich, obwohl anonym, eine große Fangemeinde erarbeitet. Viele glaubten, hinter Zoo Project stecke ein Kollektiv, dabei war es ein einzelner Junge, der nachts allein und einsam die Wände bemalte und seinen Hunger nach Anerkennung stillte und seinem Drang, sich der Welt mitzuteilen, nachgab.

„Am Anfang sollte Zoo Project nicht nur aus mir bestehen. Ich habe es mir als Kollektiv vorgestellt. Ich wollte ansteckend sein, aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Ich bin immer noch allein“, erklärte er der Zeitung „Le Monde“.

Mit einer bemerkenswerten Abgeklärtheit, die das Zeichen seiner Generation ist, fügte er hinzu: „Wenn du tust, was du liebst, lassen dich die Leute fallen. Du erzeugst eine Leere um dich herum. Die Leute wollen mit dir was trinken gehen, aber du hast eine Wand zu bemalen. Nach und nach wirst du nicht mehr angerufen, wenn du nicht mitkommst. Man wirft dir Egoismus vor. Es ist eine harte Lektion: wenn du wirklich das tust, was du willst, bleibst du allein. Jedesmal, wenn ich nach Paris zurückkomme, spüre ich diese Leere.“

Einer größeren Öffentlichkeit wurde er erstmals bekannt durch seine lebensgroßen Portraits von Opfern der Revolte in Tunesien im Jahr 2011.

Tunesien

Er ist 20 Jahre alt und hat 600 € in der Tasche als er im Frühjahr 2011 nach Tunis fliegt, um an der Revolution teilzunehmen, die man den „Arabischen Frühling“ nennen sollte. „Für mich war die Revolution ein Ereignis von großer Hoffnung“, erklärte der Franko-Algerier, „und ich wollte dabei sein, denn die Kunst kann nicht außerhalb des Lebens sein“.

Doch gleich zu Beginn hat er Pech. Sein Laptop mit seinen Projektskizzen, die er vor der Abreise angefertigt hatte, wird gestohlen. Doch dann entschließt er sich wie in Paris einfach draufloszumalen. Leute schauen ihm neugierig über die Schulter. Irgendwann spricht ihn ein junger Typ an, ob er nicht ein Portrait von seinem Bruder malen könne, der kurz zuvor getötet worden war. Und so malt Zoo Project das erste seiner Märtyrerportraits, das von Mohamed Hanchi, der am 25. März 2011 von einer verirrten Polizeikugel getötet wurde, als er den Sieg seines Fußballclubs auf der Straße feierte. Andere Leute bitten ihn, Portraits ihrer getöteten Verwandten in Lebensgröße zu zeichnen.

Beim Zeichnen spürt eine ungekannte Energie und eine große Kraft in sich. Zum ersten Mal ist seine Kunst nicht mehr nur egozentrisch, ichbezogen und onanistisch, sondern ergibt einen Sinn. Niemand lacht ihn aus oder sagt ihm, dass er zu jung ist.

Das Anfertigen der Portraits der unschuldigen Opfer der Revolte, mit denen er sie dem Vergessen entriss, ist für ihn ein gleichsam staatsbürgerlicher Akt, der in direktem Bezug zur Welt und zum Leben steht.

Seine Portraits öffnen ihm überall Türen. Der tunesische Arbeitgeberverband bewilligt 30.000,- €, damit er weiterarbeiten kann. Natürlich sieht er die Chance, sich einen Namen zu machen und berühmt zu werden. Aber gleichzeitig wittert er auch die Einbahnstraße, die Gefahr, vereinnahmt und benutzt zu werden. Und so verschwindet er einfach, ohne sich bei irgendwem zu verabschieden.

Er zieht weiter in das Flüchtlingslager Choucha an der libyschen Grenze, von dem ihm ein Mann vom Roten Halbmond erzählt hatte.

Zoo Project Libye

Etwa 8 km von der Grenze entfernt erstreckt sich ein Meer aus Zelten. Ungefähr 10.000 bis 20.000 Menschen leben hier. Es sind afrikanische Flüchtlinge aus dem Senegal oder Liberia, die als Tagelöhner nach Libyen kamen und durch den Bürgerkrieg über die Grenze nach Tunesien getrieben wurde, wo sie in einem Niemandsland feststecken. Bilal freundet sich mit Ivorern an, die ihm ein Zelt ganz für sich allein zur Verfügung stellen. Er kauft Farbe, Pinsel und große Stoffbahnen und zeichnet die Bewohner der Zeltstadt. Er will Not dieser Menschen darstellen, die nicht mehr wie menschliche Wesen behandelt werden und in Nicht-Orten vergessen werden. Und um den Flüchtlingen ihre Würde wiederzugeben.

Da es in der Zeltstadt keine Mauern gibt, hängt er seine Portraits an große Masten, die ihm Wind flattern.

Nach Paris zurückgekehrt nimmt er das nächste Projekt in Angriff. Gemeinsam mit seinem Freund Antoine Page bereist er die Länder des Ostblocks bis zum Pazifik auf der Suche nach den Geistern der untergegangenen Sowjetunion. Bilal malt und sein Freund filmt ihn und hält die Begegnungen mit den Einheimischen fest. Es entsteht der Film mit dem Titel: „C´est assez bien d’être fou“ (Es ist ziemlich gut, verrückt zu sein).

Kaum zurück hat Bilal ein neues Projekt ausgebrütet: er will mit Bildern auf die Selbstmordserie bei France Télécom reagieren. Er will eine Arbeitswelt künstlerisch ergründen, die Menschen, die ihre Arbeit lieben, dazu bringt, sie zu hassen, sich selbst zu hassen und sich dann umzubringen.

Doch zunächst folgt er seinem Reisefieber. In den USA springt er wie ein Hobo auf Güterzüge und fährt quer durch das Land, schläft in Parks oder Abbruchhäusern, sitzt für kurze Zeit in Ohio im Gefängnis.

Detroit besucht er zweimal. Er lässt sich von der bankrotten, morbiden Stadt künstlerisch inspirieren, die für ihn das Versagen des kapitalistischen Systems symbolisierte. Er will sehen, wie aus der Zerstörung und dem Chaos etwas Neues geboren wird.

Was genau er dort getan hat, ist heute nicht geklärt. Für seine Eltern war es nicht ungewöhnlich, dass er für längere Zeit verschwand ohne sich zu melden. Sie stellten sich vor, dass ihr Sohn durch die Welt zog und dabei künstlerische Aktivitäten und interessante Begegnungen verband.

Am 29. Juli 2013 wird die Leiche eines Jungen in einer heruntergekommenen Gegend in der Nähe der Brewster Projects mit einem Kopfschuss aufgefunden. In der Kleidung, die von der Heilsarmee stammte, fanden sich keine Ausweispapiere. Acht Monate lang lag der unidentifizierte Leichnam im Wayne County Medical Examiner’s Office. Erst danach gelang es, die sterblichen Überreste als diejenigen von Bilal Berreni alias Zoo Project zu identifizieren. Er wurde nur 23 Jahre alt.

Seinem Vater Mourad ist es wichtig, herauszustellen, dass sein Sohn ein freies Leben gelebt hat, wie es nur den wenigsten Menschen gelingt: „Bilal war ein intellektueller Nonkonformist, der keine Zugeständnisse an die Gesellschaft gemacht hat.“

Sein tragischer Tod hat ein extremes Leben voller Kraft und Enthusiasmus auf brutale Weise beendet. Der Welt ist ein Künstler voller Potential verlorengegangen.

Neben einem seiner Bilder aus der Anfangszeit, die er manchmal mit Sprüchen versah, stand: „Ne demandez jamais votre chemin à quelqu’un qui le connait, vous risqueriez de ne pas vous perdre” (Fragt niemals einen Menschen nach dem Weg, der ihn kennt, ihr lauft sonst Gefahr euch nicht zu verlaufen).

Update:

Zwischenzeitlich wurden drei junge Männer festgenommen, von denen zwei schuldig plädiert haben, Bilal Berreni ausgeraubt und bei Ausübung des Raubes erschossen zu haben. Mit der Beute in Höhe zwischen 50 und 300 $ haben sie „Junk Food und Weed“ gekauft.

Update Oktober 2023:

Ein tragisches Schicksal hat nun auch Zoo Projects Bruder ereilt. Marwan Berreni war ein in ganz Frankreich bekannter Schauspieler, der in der Serie „Plus belle la vie“ (dem französischen Pendant zu „Gute Zeiten, Schlechte zeiten“) eine Hauptrolle spielte. Der SUV des 34-jährigen Schauspielers war am 3. August 2023, fast genau zehn Jahre nach Zoo Projects Tod, in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt, bei dem eine Frau vor einer Diskothek in Mâcon überfahren und schwer verletzt. Der Schauspieler war seit diesem Datum unauffindbar. Sein Wagen wurde verlassen aufgefunden. Am 12. Oktober 2023 wurde Marwan Berreni in einem verlassenen Haus erhängt aufgefunden. Ein doppelter Schlag für seine Eltern, die beide Söhne begraben mussten. Freunde und Familienmitglieder hatten schon seit längerem darauf hingewiesen, dass Marwan den Tod seines jüngeren Bruders nie verwunden hatte.

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Ibrahim, der Lügner

„Der Brandfleck in ihrer Bluse stammte von ihrem letzten, ihrem wirklich allerletzten Treffen mit dem graumelierten Genossen. Der war wie in sich zusammengefallen und erloschen. Die Schultern hingen, der Blick war stumpf, die Stimme leise, die Sprache schleppend. Er zitterte. Er schlurfte. Vor vier Wochen war er schon nicht mehr der seriöse Herr. Da flackerten seine Augen wild, die Stimme bebte, er war fahrig und unkonzentriert. Jetzt war es ganz vorbei. Es hatte was von einer Supernova: Aus einem roten Riesen wurde ein weißer Zwerg.

Ein Wrack trieb durch Berlin. Ein Geisterschiff.

Der Mann hatte nichts mehr von einem distinguierten Herren. Er war ein Rentner, der verwahrloste. Der Verfall war noch weiter fortgeschritten seit der letzten Begegnung in seinem Büro Anfang Dezember, als Gisela Blank ihre Akte eigenhändig, Blatt für Blatt, verbrannte. Jetzt war er in Hauslatschen unterwegs und in einer braungestreiften Schlafanzughose. Am Handgelenk baumelte leer ein bunt ornamentierter Stoffbeutel. Er ging langsam, stoisch, mit kleinen wackligen Schritten. Sein Gesicht war von einer ausdrucklosen, allumspannenden Härte, und sein stierer Blick erschreckte die Passanten und ließ sie ausweichen.“

 

Thomas Brussig, Wie es leuchtet.

 

Er war der politische Shootingstar der Nachwende. Die Geheimwaffe der SPD, mit der sie den Osten dem übermächtigen Einheitskanzler Helmut Kohl entwinden wollte. Ein energischer, eloquenter, schlagfertiger Rhetoriker mit blitzenden Augen, Lafontaines Protégé.

Ibrahim Böhme. Eine fast vergessene Gestalt aus der turbulenten Nachwendezeit, in der Nobodys wie Kometen aufsteigen und auch gleich ebenso schnell verglühen konnten. Ibrahim. Der Mann mit dem eigentümlichen, in der DDR überhaupt nicht geläufigen Namen und der heute nur noch eine vage Erinnerung hervorruft. Ibrahim, der eigentlich Manfred Otto hieß.

Der Spiegel widmete ihm ein freundliches, wohlgesonnenes Portrait. Dabei hat es Ibrahim Böhme sogar fertiggebracht, den Reporter des Magazins einzuseifen, das doch so stolz auf seine grandiosen Enthüllungs- und Recherchefähigkeiten ist. Historiker, Theaterwissenschaftler und Dramaturg sei er. Daran stimmt nur, dass er gerne Geschichte mochte und noch viel lieber den Leuten etwas vorspielte, sonst stimmte rein gar nichts. Was der Reporter zu dem Zeitpunkt auch nicht wusste, war, dass Ibrahim Böhme ein Stasi-Spitzel war.

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Am 25. Februar 1990 hat Ibrahim Böhme es geschafft. Er ist zum Vorsitzenden der Ost-SPD gewählt worden. Er ist Spitzenkandidat seiner Partei für die Volkskammerwahlen. Er kann sich Hoffnungen auf den Einzug in den Bundesvorstand machen. Eine steile Karriere für den gelernten Maurer und Aushilfslehrer mit den großen Ambitionen. Doch unangenehme Hintergrundgeräusche stören die Euphorie. Hässliche Spitzelgerüchte umschwirren das Polittalent und werden immer vernehmlicher.

Es ist zunächst sein ehemaliger Führungsoffizier Berthold Freese, der die Informationen an den Spiegel durchsticht. Verbittert muss dieser zusehen, wie sein ehemaliger devoter Zuträger nach seiner Blitzkarriere auf der politischen Bühne den großen Zampano gibt, während unter den Angehörigen der Staatssicherheit die Angst vor Lynchjustiz grassiert.

Doch der wortgewandte Böhme kann diese Angriffe leicht und überzeugend als Rache- und Verleumdungsaktion des untergegangenen Repressionsapparats parieren.

Doch die Gerüchte bleiben hartnäckig, werden dichter und drängender. Vor der ersten Gesamtdeutschen Bundestagswahl werden seine Parteigenossen unruhig.

Böhme sieht sich bemüßigt, im Spiegel eine Gegendarstellung abzugeben:

„Ich bin zu keiner Zeit und an keinem Ort, weder mit noch ohne Decknamen, als Mitarbeiter der Stasi tätig gewesen und habe auch nicht mit Stasi-Führungsoffizieren zusammengearbeitet“

Seine Parteifreunde glauben ihm. Wollen ihm glauben. Zu sehr würde sie der Verlust ihres charismatischen Zugpferds schmerzen.

Doch dann kommt der Augenblick, an dem ein Abstreiten nicht mehr möglich ist. Der Dichter Reiner Kunze, ein wichtiger Kopf der Opposition und 1977 aus der DDR geekelt, hatte seine Stasi-Akte gefunden. In wenigen Wochen stellt er in akribischer Arbeit aus Zitaten und Auszügen seiner Akten den schmalen Band „Deckname Lyrik“ zusammen, eine Dokumentation seiner Überwachung und Zermürbung durch die Stasi. Ein Dokument der menschlichen Verkommenheit, Würdelosigkeit und Niedertracht. Einer der eifrigsten und schäbigsten Denunzianten ist Ibrahim Böhme alias „IM August Drempker“ alias „IM Paul Bonkarz“.

Die Tatsache seiner Tätigkeit für die Staatssicherheit kann nun nicht mehr geleugnet werden, doch paradoxerweise ist es genau das, was Ibrahim Böhme tut. Als man ihm seine wörtlichen Spitzelberichte vorhält und nachweist, dass keine andrere Person Interna aus einem bestimmten Gespräch an die Stasi weitergetragen haben kann, antwortete er: „Das interessiert mich nicht. Ich kann nur sagen, dass ich damit nichts zu tun habe.“

Angesichts der erdrückenden Beweislast, wird er zum Rücktritt gedrängt. Für kurze Zeit ist er Polizeibeauftragter des Ostberliner Magistrats, dann verschwindet er von der Bildfläche. Er verbarrikadiert sich in seiner Einraumwohnung in der Chodowieckistr. 41 in Prenzlauer Berg und lässt nur noch wenige Menschen an sich heran.

Eine der wenigen Personen, die er vorlässt ist die damalige Stern-Journalistin Birgit Lahann.

Der Mann, der in der einst von ihm so geschätzten Öffentlichkeit nicht mehr auftrat, sprach eitel und gespreizt. Erst später begriff Lahann, dass sie für ihn wie ein Führungsoffizier war: Wenn das Tonband lief, sprach er. Allerdings war sein verschobener Realitätssinn für sie gewöhnungsbedürftig. Als ihm ein Tonband vorgespielt wurde, auf dem er bei der Berichterstattung an seinen Führungsoffizier zu hören ist, antwortet er: „Das ist meine Stimme, aber ich habe das nicht gesagt.“

Über einen Zeitraum von mehreren Monaten spricht sie mit dem aparten, intelligenten und charismatischen Selbstdarsteller. Sie versucht zu ergründen, warum er seine engsten Freunde verraten hat, wie er dieses jahrzehntelange Doppelleben durchhalten konnte und wie er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Doch der pathologische Mythomane weicht einer Antwort wortreich aus. Er belügt die Reporterin, so wie er jeden Menschen in seiner Umgebung gewohnheitsmäßig belogen hat.

Schon um sein Geburtsjahr und seinen Geburtsort macht er ein Geheimnis. Er sei „um 1944“ geboren, genau wisse er es nicht. Zur Welt gekommen sei er in Mexiko als Kind eines jüdischen Rechtsanwalts und Emigranten. Später ändert er die Version. Nur seine Mutter sei Jüdin gewesen. Geboren sei er in Frankreich.

In Wahrheit wurde er 1944 in dem kleinen Ort Dürrenberg bei Leipzig geboren. Sein Vater schob das Kind schon früh in Heime und zu Pflegeeltern ab. Statt seiner Eltern werden Erzieher und Lehrer seine Bezugspersonen. Schon in früher Jugend wurde er ein gläubiger Sozialist. Der Staat und die Partei wurden seine Ersatzfamilie. Christiane Baumann, die seinen Lebensweg rekonstruiert hat, folgert, dass eine „gleichsam ideologische Geborgenheit den Mangel an familiärem Rückhalt ersetzte“.

Der Journalistin Birgit Lahann gestand er, dass er ein großartiger Revolutionär sein wollte. Er wollte hart, kalt und zynisch sein, sich keine Schwäche erlauben. Andererseits pflegte und kümmerte er sich rührend um ein krebskrankes Kind. Obwohl er der abgebrühte und hartgesottene Revolutionär sein wollte, erinnern seine Weggefährten als hervorstechende Charaktereigenschaft seine Hilfsbereitschaft und seine fast schon devote Freundlichkeit.

Es gehört zu den zahlreichen Widersprüchen seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit, dass er zwar gläubiger Sozialist war, aber dennoch nicht in allen Punkten einverstanden war, wie die SED-Machtclique das Land führte. Manchmal eckte er an, wurde schriftlich gerügt, wurde entlassen. Er kritisierte in Parteiversammlungen die Politik und forderte Änderungen, protestierte gegen den Einmarsch in Prag. Dabei trug er aber stets das SED-Parteiabzeichen und eine Leninnadel am Revers seines Anzugs.

Seine wichtigsten und ständigen Bezugspersonen waren in all den Jahren jedoch seine wechselnden Führungsoffiziere.

Vielleicht als Akt der Selbstrechtfertigung erzählte er später in seinen Zwiegesprächen mit der Journalistin Birgit Lahann, dass er die Palastrevolution, also eine Revolution aus dem Inneren des Machtapparats, wollte. Er wollte die DDR-Diktatur von innen bekämpfen und war dadurch gezwungen mit der Staatssicherheit zu paktieren und ihnen Informationen zu liefern. Sagte er. Vielleicht hat er das sogar selbst geglaubt.

Dem steht seine eigene in den Akten festgehaltene Erklärung entgegen: „Ich habe mehrfach betont, und ich stehe auch heute noch dazu, dass ich im Ministerium für Staatssicherheit die Kraft sehe, die vor allem diesen Staat, der meine volle Sympathie und Verbundenheit besitzt, erhalten hat in zahlreichen gefährlichen Situationen.“

Wie ist es diesem eigenartigen, ambivalenten Chamäleon gelungen, eine solche Faszination auf andere ausüben auszuüben? Wie konnte Böhme ihr Vertrauen erwerben?

Alle Weggefährten bestätigen, dass er zwar undurchsichtig und irgendwie dubios wirkte und auch seine devote Freundlichkeit fand nicht bei überall Anklang. Und doch stand er immer im Mittelpunkt. Die Leute hatten ihn gern um sich, weil er anders war, „exotisch“, nicht alltäglich, interessant. Er war ein Paradiesvogel, der Puschkin zitierte und Dostojewskis Romanfiguren liebte. Er schrieb Gedichte, schlug im Gespräch weite Bögen von der Weltgeschichte zu aktuellen Ereignissen. Der ehemalige Bürgerrechtler und spätere sächsischer Umweltminister Arnold Vaatz erinnert sich: „Er hatte was Exotisches, der Böhme, war nicht wie die Parteischachteln, war politisch, philosophisch und literarisch interessiert und gebildet. Er war ein idealer Gesprächspartner, brachte mich auf neue Gedanken, regte an, stellte mich seinen Freunden vor, ja, das hat mir Eindruck gemacht.“

Doch was seine Freunde nicht wussten: seine Spitzelberichte enthüllen eine vollkommen andere Persönlichkeit: boshaft, verschlagen, dienstbeflissen, unterwürfig und kriecherisch. Fast scheint es, als wären es zwei Persönlichkeiten wie Jekyll und Mr. Hyde, die in seinem Inneren miteinander ringen oder besser: vollkommen unabhängig voneinander bestehen.

Warum dieses ständige pathologische Lügen? Christiane Baumann fällt bei Durchsicht der über ihn erhaltenen Akten als hervorstechende Charaktereigenschaft „sein spielerischer Umgang mit einer auch ins Täuschende und Kriminelle gehenden Intelligenz“ auf.

Möglicherweise war Böhme einfach nur eine emblematische Erscheinung, die als extremes Beispiel für die vielen menschlichen Charaktere steht, die eine Diktatur deformiert hat und die die Ausprägung einer pathologische Mythomanie, der gewohnheitsmäßigen Lüge, der Persönlichkeitsabspaltung, der Schizophrenie begünstigt.

Die Frage drängt sich auf: Ist es die Diktatur, die Menschen zu solchen persönlichkeitsgespaltene Soziopathen. werden lässt oder zieht die Diktatur von Natur aus Psychopathen an, die sich erst unter den Bedingungen der Diktatur wie in einem perfekten Biotop entfalten und gedeihen können?

Ein MfS-Psychiater, der Böhme begutachtet, attestiert ihm eine „Unfähigkeit, tragfähige, gefühlsmäßige Bindungen zu anderen Menschen zu entwickeln.“

Genau dieses Charakterbild machte ihn zu einem perfekten Werkzeug der Diktatur. Vielleicht bietet diese Charakteranalyse auch eine Erklärung dafür, warum solche Personen in Diktaturen immer besonders steile Karrieren machen.

Andererseits war er in dem Diktatursystem der DDR ohne die Stasi nichts. Statt einer Bezugsperson oder einer Familie hatte er den Geheimdienst und seine Führungsoffiziere, die ihm Aufmerksamkeit, Beachtung und eine Art von perverser Zuwendung gaben, während sie ihn ausnutzten und insgeheim vermutlich verachteten.

Die Journalistin Birgit Lahann hielt ihm vor: „Aber Ihre Wirklichkeit wurde von der Schizophrenie eines Staates bestimmt. Und der Staat ist Ihnen alles. Der Marxismus alles. So war es Ihnen beigebracht worden. Gewollt vom Staat, bezahlt vom Staat, sanktioniert vom Staat. Sie waren ein lebendiges Werkzeug Ihres Staates.“

Böhme hatte immer einen sehr hohen Anspruch an sich selbst und ein unrealistisch großartiges Selbstbild, doch in der Realität lebte er in der kleinen Welt der miesen Schnüffelschweine und der untertänigen Zuträger.

Dann kam die Wende.

Der Zusammenbruch der DDR muss Ibrahim Böhme wie eine Fügung des Schicksals vorkommen. Endlich kann er die Lüge und das schizophrene Leben hinter sich lassen

Er ist einer der Mitgründer der Ost-SPD, deren Gründung er im Auftrag der Stasi noch verhindern sollte und deren übrige Teilnehmer er noch kurz zuvor ausgehorcht und bespitzelt hat.

Im Nachwendechaos ergreift er die unverhoffte Gelegenheit, ein neues Leben zu beginnen. Er hat seine Vergangenheit ganz einfach wie eine Haut abgestreift, er kann wieder von vorne anfangen. . In dem Chaos kurz nach dem Mauerfall legt er eine rasende Karriere in der SPD hin. Er kann sein Talent zur Selbstdarstellung voll ausleben. Er schafft es sogar, seiner Umgebung zu verkaufen, er sei ein Bürgerrechtler und Oppositioneller gewesen. Niemand kennt ihn. Vorerst nicht. Ibrahim Böhme ist innerhalb kürzester Zeit ganz oben angekommen.

Auf einem Bild sieht man ihn zwischen Egon Bahr und Willy Brand sitzen und entrückt in die Ferne blicken.

Böhme Brand Bahr

Er treibt die Dreistigkeit sogar soweit, am 15. Januar 1990 mit dem Bürgerkomitee zu verhandeln, das die Stasizentrale in der Normannenstraße stürmen und die Stasi-Akten sicherstellen will. Auf einer gespenstischen Aufnahme sieht man ihn fast verdeckt von Hans Modrows Schulter auf einem Wagen stehen. Vor ihm das Schild eines Demonstranten mit der Aufschrift: „Nennt die Namen der Spitzel“.

Berlin, Demonstration gegen MfS, Modrow spricht

Wollte Böhme vielleicht in allerletzter Sekunde ein Eindringen der Bürgerrechtler unterbinden und seine Enttarnung verhindern?

Doch die Wahrheit kam dennoch ans Tageslicht.

Nach seinem Absturz bleibt er vielen Freunden und Weggefährten ein Rätsel; niemand hat ihn wirklich gekannt. Sie bleiben ratlos zurück. Das überraschendste ist, dass ihm fast alle Freunde vergeben. Es herrscht kein Gefühl der Vergeltung vor. Sie wollen mit ihm sprechen, verstehen, warum er sie verraten hat. Seine eigenen Opfer empfinden viel Milde für ihn, vielleicht sogar Verständnis, dass er unter den gegebenen Umständen schwach wurde.

Doch Ibrahim Böhme schweigt. Niemandem gibt er eine Erklärung, bei niemandem entschuldigt er sich.

Am Ende lebte er zurückgezogen, krank und abgemagert in seiner abgedunkelten Wohnung in der Chodowieckistr. 41.Er ließ sich Haare und Bart wachsen und ähnelte immer mehr einem greisenhaften Jesus, was seine Schwäche für melodramatische Auftritte unterstreichen sollte.

Seine Freunde, mit denen er so viel Zeit verbracht und die er bei oppositionellen Aktionen unterstützt hat, fragen sich, ob er ihnen wirklich die ganze Zeit nur etwas vorgespielt hat.

Seine Weggefährtin Marianne Birthler, die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, glaubt: „Er war ein zerissener Mensch. Und seine Zerrissenheit ging nicht auf das Konto der Stasi. Ich glaube, dass er auch identifiziert mit uns war.“

Ein anderer Weggefährte, Harald Seidel, urteilt kritischer: „Er spielte den genialen Juden, er spielte mit dem Staat, mit der Partei, mit jungen Leuten aus der Gosse, und wenn er genug hatte, ließ er sie stehen. Er spielte uns den Freund vor und spielte mit uns Freunden, und wenn wir ihm zu nahe kamen – Schnitt. Geliebt, sagt Seidel, hat er wohl nur sich selbst.“

Böhme wollte immer der Beste, Klügste und Bestinformierte sein. In Wahrheit war er aber nur ein Blender, der über seine Kenntnisse und Fähigkeiten täuschte. Ein pathologischer Lügner, der zwanghaft übertrieb und sein Leben ausschmückte – vielleicht weil die Realität zu erbärmlich war.

Möglicherweise hat er das Kunststück vollbracht, mit seiner fragmentierten, schwach ausgebildeten Identität und den antrainierten Eigenschaften (Verdrängung, Lüge, Abspaltung, Schizophrenie) beide Rollen – den Dissidenten und den Denunzianten – mit derselben Überzeugung sich selbst vorzuspielen.

Vielleicht ist die Erklärung aber auch verblüffend einfach, nämlich so wie es der MfS-Psychiater ausdrückt: „Psychopathen wie Böhme bleiben immer Psychopathen.“

 

Anmerkung: Die zitierten Textstellen stammen, sofern sie nicht den verlinkten „Spiegel“-Artikeln entnommen wurden, aus den Büchern „Genosse Judas. Die zwei Leben des Ibrahim Böhme“ von Birgit Lahann und „Manfred „Ibrahim“ Böhme. Ein rekonstruierter Lebenslauf“ von Christiane Baumann.

 

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