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Ein bemerkenswerter Film von Matthew Van Dyke

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Die letzte Zigarette

Am 09. September 1977 wurde in Frankreich die letzte Hinrichtung durchgeführt. Der Verurteilte, Hamida Djandoubi, ein tunesischer Zuhälter, hatte seine Liebhaberin, die ihn bei der Polizei angeschwärzt hatte, erst stundenlang gefoltert und sie dann in einer abgelegenen Hütte außerhalb von Marseille erwürgt. Das Schwurgericht kannte keine Gnade für ihn.

Die Untersuchungsrichterin Monique Mabelly wurde vom Gericht dazu ausersehen, der Hinrichtung beizuwohnen. Noch unter dem Eindruck des Geschehens verfasste sie anschließend ein Protokoll des Ablaufs der Prozedur und ihrer Empfindungen. 36 Jahre später hat der ehemalige französische Justizminister Robert Badinter die Aufzeichnungen der Richterin der Tageszeitung „Le Monde“ übergeben. Dem kultivierten Mann mit der beeindruckenden Gedankentiefe, der in ebendiesem Jahr 1977 noch als Anwalt praktizierte, war es kurz zuvor gelungen, seinen Mandanten, den Kindermörder Patrick Henry, vor der Guillotine zu bewahren. 1981 schaffte Frankreich auf sein Betreiben als Justizminister hin, als letztes Land der Europäischen Gemeinschaft, die Todesstrafe ab.

Die nun veröffentlichten drei handschriftlichen Seiten, geben eine nüchterne, sachliche und präzise Zusammenfassung einer Hinrichtung. Gleichzeitig sind sie ein packendes und auf gewisse Weise auch faszinierendes historisches Dokument, das Einblick gibt in eine heute archaisch anmutende Praktik, die fast aus einem anderen Zeitalter zu stammen scheint. Die Aufzeichnungen legen Zeugnis ab über das irritierende Institut, einen Menschen auf justizförmige, zivile Weise gewaltsam zum Tode zu befördern.

Hier ist die Übersetzung der Aufzeichnungen der Untersuchungsrichterin Monique Mabelly:

„Der 9. September 1977

Hinrichtung des Djandoubi, tunesischer Staatsangehöriger.

Um 15 Uhr teilt mir der Vorsitzende R. mit, dass ich dazu bestimmt bin, der Hinrichtung beizuwohnen.

Widerwillen erfüllt mich, aber ich kann mich nicht entziehen. Ich muss den ganzen Nachmittag daran denken. Meine Aufgabe wird sein, eventuelle Erklärungen des Verurteilten entgegenzunehmen.

Um 19 Uhr gehe ich mit B. und B.B. ins Kino, dann essen wir bei ihr und sehen einen Film im Fernsehen bis 1 Uhr. Ich kehre nach Hause zurück, ich schlage Zeit tot, dann strecke ich mich auf dem Bett aus. Herr B. L. ruft mich, wie von mir erbeten, um Viertel nach 3 an. Ich mache mich fertig. Ein Polizeiauto holt mich um Viertel nach 4 ab. Während der Fahrt spricht niemand ein Wort.

Ankunft im Gefängnis Les Baumettes. Alle sind da. Der Staatsanwalt kommt als letzter. Die Prozession formiert sich. Ungefähr zwanzig (oder dreißig?) Gefängniswärter, die „Persönlichkeiten“. Auf der gesamten Wegstrecke sind braune Decken auf dem Boden ausgelegt, um die Schritte zu dämpfen. An drei Stellen auf dem Parcours steht ein Tisch mit einer Wasserschüssel und einem Handtuch.

Die Zellentür wird geöffnet. Ich höre sagen, dass der Verurteilte nur döste, aber nicht schlief. Man „macht ihn bereit“. Es dauert recht lang, weil er ein künstliches Bein hat, das man ihm anlegen muss. Wir warten. Niemand spricht. Die Stille und die scheinbare Fügsamkeit des Verurteilten, erleichtern, glaube ich, die Anwesenden. Niemand hätte jetzt gerne Schreie oder Protestäußerungen gehört. Der Zug formiert sich wieder und wir beschreiten den Weg in umgekehrter Richtung. Die Decken auf dem Boden sind jetzt ein wenig verschoben, aber jetzt kommt es auch nicht mehr so sehr darauf an, die Schritte zu dämpfen.

Der Zug hält an einem der Tische an. Man setzt den Verurteilten auf einen Stuhl. Seine Hände sind mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt. Ein Wärter gibt ihm eine Filterzigarette. Er raucht, ohne ein Wort zu sagen. Er ist jung. Seine Haare sind sehr schwarz und gut frisiert. Das Gesicht ist hübsch, mit ebenmäßigen Zügen, aber er ist aschfahl und hat dunkle Ränder unter den Augen. Er sieht überhaupt nicht wie ein Schwachsinniger aus oder wie ein grober Schläger. Er ist ein eher gutaussehender Bursche. Er raucht und beschwert sich sofort, dass die Handschellen zu eng seien. Ein Wärter nähert sich, um sie zu lockern. Er beschwert sich weiter. In diesem Augenblick sehe ich in den Händen des Scharfrichters, der von zwei Gehilfen flankiert wird, einen Strick.

Einen Augenblick lang wird erwogen, die Handschellen durch den Strick zu ersetzen, aber dann nimmt man ihm einfach die Handschellen ab. Der Scharfrichter sagt diesen schrecklichen und zugleich tragischen Satz: „Sehen Sie, sie sind frei!…“. Es läuft einem kalt den Rücken herunter… Er raucht seine Zigarette, die fast zu Ende ist, dann gibt man ihm eine andere. Seine Hände sind frei, und er raucht langsam. In diesem Moment sehe ich, dass er erst jetzt wirklich zu begreifen beginnt, dass es vorbei ist – dass er nicht mehr entkommen kann, dass sein Leben und die Augenblicke, die ihm noch bleiben, noch genau so lange dauern werden, wie diese Zigarette.

Er bittet darum, seine Anwälte zu sprechen. Die Herren P. und G. nähern sich. Er spricht so leise wie möglich mit ihnen, denn die beiden Gehilfen des Scharfrichters stehen sehr nah neben ihm, fast so als wollten sie ihm seine letzten Augenblicke stehlen, die er als lebender Mensch verbringt. Er übergibt Rechtsanwalt P. ein Papier, das dieser auf seine Anweisung hin zerreißt, und einen Umschlag an Rechtsanwalt G. Er spricht sehr wenig mit ihnen. Sie stehen jeweils seitlich von ihm und sprechen auch nicht miteinander. Das Warten zieht sich hin. Er bittet, den Gefängnisdirektor zu sprechen und fragt ihn, was mit seinen Sachen passieren wird.

Die zweite Zigarette ist aufgeraucht. Eine Viertelstunde ist um. Ein junger und freundlicher Wärter nähert sich mit einer Rumflasche und einem Glas. Er fragt den Verurteilten, ob er trinken will und gießt ihm ein halbes Glas ein. Der Verurteilte beginnt langsam zu trinken. Jetzt hat er verstanden, dass sein Leben endet, wenn er ausgetrunken hat. Er spricht noch ein wenig mit seinen Anwälten. Er ruft den Wärter zurück, der ihm Rum eingeschenkt hat, und bittet ihn, die Papierschnipsel aufzuheben, die Rechtsanwalt P. auf den Boden geworfen hatte. Der Wärter bückt sich, hebt die Papierschnipsel auf und gibt sie Rechtsanwalt P., der sie in seine Tasche steckt.

In diesem Augenblick vermischen sich die Gefühle. Dieser Mann wird sterben, er ist sich dessen bewußt, und er weiß, dass er nichts anderes tun kann, als das Ende um einige Minuten hinauszuzögern. Fast wie ein trotziges Kind, das mit allen Mitteln versucht, das Zubettgehen aufzuschieben. Ein Kind, das weiß, dass man ihm Wohlwollen entgegenbringt, und das ausnutzt. Der Verurteilte trinkt weiter mit kleinen Schlucken seinen Rum. Er ruft den Imam, der sich nähert und auf Arabisch mit ihm spricht. Er antwortet einige Worte auf Arabisch.

Das Glas ist jetzt fast leer. Als letzten Versuch, bittet er um eine weitere Zigarette, eine Gauloise oder eine Gitane, weil er die anderen nicht mochte. Er hat die Bitte ruhig und fast würdevoll vorgebracht. Aber der Scharfrichter wird ungeduldig und geht dazwischen: „Wir waren schon sehr wohlgesonnen, sehr menschlich mit ihm, jetzt muss langsam Schluss sein.“ Der Staatsanwalt schaltet sich ebenfalls ein und lehnt die Zigarette ab trotz der wiederholten Bitte des Verurteilten, der er Nachdruck zu verleihen versucht, indem er hinzufügt: „Die letzte“. Eine gewisse Verlegenheit bemächtigt sich der Anwesenden. Ungefähr 20 Minuten sind vergangen, während derer der Verurteilte auf einem Stuhl sitzt. Zwanzig so lange, so kurze Minuten. Alles gerät durcheinander.

Die Bitte um die letzte Zigarette gibt der Zeit, die abgelaufen ist, ihre Realität zurück, ihre „Identität“. Man war geduldig gewesen, hatte zwanzig Minuten stehend gewartet, während der Verurteilte sitzend Wünsche äußerte, die man sogleich erfüllt hat. Man hatte ihm die Herrschaft über den Inhalt dieser Zeit überlassen. Es war seine Sache. Jetzt überlagert eine andere Realität diese Zeit, die man ihm gegeben hatte. Man entzieht ihm die Herrschaft wieder. Die letzte Zigarette wurde verweigert und, um der Sache ein Ende zu machen, drängt man ihn, das Glas auszutrinken. Er trinkt den letzten Schluck. Reicht dem Wärter das Glas. Sogleich zieht einer der Gehilfen des Scharfrichters behende eine Schere aus seiner Westentasche und beginnt, den Kragen des blauen Hemdes des Verurteilten abzuschneiden. Der Scharfrichter gibt zu verstehen, dass der Einschnitt nicht groß genug ist. Also macht der Gehilfe zwei große Schnitte in den Hemdrücken und entblößt der Einfachheit halber den oberen Rücken.

Rasch (bevor der Kragen abgeschnitten wurde) hat man ihm die Hände mit dem Strick auf den Rücken gebunden. Man stellt den Verurteilten auf die Beine. Die Wärter öffnen eine Tür im Gang. Die Guillotine erscheint im Türrahmen. Fast ohne zu zögern folge ich den Wärtern die den Verurteilten vor sich herschieben und betrete den Raum (oder vielleicht ein Innenhof?), in dem sich die „Maschine“ befindet. Neben ihr ein geöffneter brauner Weidenkorb. Alles geht sehr schnell. Fast werfen sie den Körper bäuchlings hin. Doch in diesem Moment wende ich den Kopf ab, nicht aus Sorge „umzukippen“, sondern aus einer Art instinktiver, tiefempfundener Schamhaftigkeit (ich finde kein anderes Wort).

Ich höre ein dumpfes Geräusch. Ich drehe mich um – Blut, sehr viel Blut, sehr rotes Blut, der Körper ist in den Korb gekippt. Innerhalb einer Sekunde wurde ein Leben durchgeschnitten. Der Mann, der kaum eine Minute zuvor noch sprach, ist nichts weiter mehr als ein blauer Pyjama in einem Korb. Ein Wärter holt einen Wasserschlauch. Die Spuren des Verbrechens müssen schnell verwischt werden. Eine Übelkeit steigt in mir auf, doch ich beherrsche sie. In mir ist kalter Abscheu.

Wir gehen in das Büro, wo der Staatsanwalt sich kindisch aufspielt, als es um die Abfassung des Protokolls geht. D. überprüft sorgfältig jedes Wort. Das Protokoll einer Hinrichtung ist eine wichtige Sache! Um 5 Uhr 10 bin ich zu Hause.

Es ist 6 Uhr 10 als ich diese Zeilen schreibe.

Monique Mabelly (Untersuchungsrichterin)“

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Für eine Handvoll Francs – oder: wenn Mord doch verjährt

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Karnevalsmasken, Regenmäntel, Schrotflinten – das Trauma ist in Belgien noch immer nicht überwunden. Vor dreißig Jahren erschütterte eine brutale Mordserie das kleine Königreich, die bis heute ohne Beispiel ist.

Eine Gruppierung von kaltblütigen Tätern marodierte zwischen 1982 und 1985 in der Gegend südlich von Brüssel, wo sie Angst und Schrecken verbreitete. Die Angehörigen von 28 Mordopfern warten noch immer auf Gerechtigkeit, denn die Mörder wurden nie gefasst. Heute befindet sich die belgische Polizei in einem Wettlauf mit der Zeit, denn nach dem anzuwendenden Recht verjährt Mord nach 30 Jahren. Im Jahr 2015 können die Täter nicht mehr für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie nicht doch noch identifiziert, überführt und angeklagt werden.

Die Taten der „Mörder von Brabant“ haben die belgische Gesellschaft seinerzeit in einen Schockzustand versetzt. Verständnislos blickte sie auf die maß- und grenzenlose Gewalt, auf die sie sich keinen Reim machen konnte. Dass Geld das Motiv für die Taten war, glauben nur die wenigsten – für die niedrige Beute war der Blutzoll viel zu hoch.

Die Ermittler stemmen sich gegen die tickende Uhr und versuchen fieberhaft die verbliebenen Beweismittel und Indizien auszuwerten, bevor die Verjährung die jahrzehntelangen Ermittlungen für immer zunichte macht.

Die Taten

Am Beginn einer der spektakulärsten Mordserien steht ein blitzartiger Diebstahl in einem Waffengeschäft in der südbelgischen Kleinstadt Dinant am 13. März 1982. Zwei Männer stürmen in das Geschäft, ergreifen eine große und unhandliche doppelläufige Schrotflinte, die in einem Ständer neben der Eingangstür steht, und verlassen das Geschäft sofort wieder fluchtartig.

Diese Tat lässt noch nicht das Ausmaß der Gewalt und der Brutalität erahnen, die sehr bald über die Belgier hereinbrechen wird. Der erste Vorgeschmack kommt im Sommer desselben Jahres. In der Nacht vom 13. auf den 14. August 1982 machen sich Einbrecher an einem Lebensmittelgeschäft im Zentrum von Maubeuge zu schaffen, einem kleinen Städtchen auf französischer Seite, nahe der belgischen Grenze. Ein anonymer Anruf verständigt die Polizei von diesem Treiben, und Beamte schlendern von der nahe gelegenen Polizeiwache über den Platz, um nachzusehen. Dass sie es nicht mit kleinen Strauchdieben zu tun haben, wird den Beamten schlagartig klar, als sie ohne Vorwarnung von einem Späher der Bande mit großkalibriger Munition beschossen werden. Ein Beamter erleidet einen lebensgefährlichen Bauchschuss. Im Durcheinander gelingt den Tätern die Flucht. Über Schleichwege, die nur Ortskundigen bekannt sein können, überschreiten sie die Grenze nach Belgien und tauchen unter. Ihre Beute besteht aus einigen Teepackungen, Wein- und Champagnerflaschen.

Einige Wochen später ist wieder ein Waffengeschäft das Ziel der Täter, doch diesmal begnügen sie sich nicht mit einem Blitzdiebstahl, diesmal wollen sie ein Arsenal erbeuten. Am Morgen des 30. September 1982 dringen zwei Männer in das Waffengeschäft Dekaise in Wavre ein. Brutal schlagen sie den Ladeninhaber und zwei Kunden zusammen, bedrohen sie mit dem Tod. Nachdem sie aufs Geratewohl Gewehre, Maschinenpistolen und Faustfeuerwaffen zusammengerafft haben, stürzen sie ins Freie. Doch der Überfall hat zu lange gedauert, um unbemerkt zu bleiben. Ein Polizist nähert sich dem Ort des Geschehens, wird jedoch nach kurzem Schusswechsel vom Fahrer des Fluchtwagens mit einem Kopfschuss getötet. Die Täter flüchten mit dem Wagen Richtung Brüssel, eine Zivilstreife der Gendarmerie heftet sich an ihre Fersen. In einem Verkehrsstau müssen die Täter halten. Doch der Zugriff der Beamten misslingt. Ohne Vorwarnung eröffnen die Killer mit Pump-guns das Feuer auf die Gendarmen. Beide Beamten werden verletzt, einer lebensgefährlich. Das Fluchtauto findet man abends brennend in einem kleinen Wäldchen  in der südlichen Peripherie von Brüssel.

Einen Tag vor Weihnachten 1983 wird ein Hauswirtschafter, der in einer Gaststätte in Beersel ein Zimmer bewohnt, von den Tätern erst gefoltert und dann mit Kopfschüssen in seinem Bett hingerichtet. Nach der Tat plündern die Mörder die Speisekammer, essen Wild und Torte und verschwinden mit einigen Wein- und Champagnerflaschen und Porzellantellern.

Am 9. Januar 1983 töten sie in Brüssel mit derselben Schusswaffe einen Taxifahrer, dessen Leiche erst nach drei Tagen im Kofferraum seines Taxis gefunden wird. 60 km von Brüssel entfernt in Mons.

Im Februar und März 1983 beginnen die Attacken auf die Supermärkte – das Markenzeichen der „Tueurs fous“, für das sie bis heute berühmt-berüchtigt sind. Zweimal sind Supermärkte von „Delhaize“ das Ziel, einmal von „Colruyt“. Beim letzten Überfall gibt es einen Toten: den Filialleiter des „Colruyt“.

Dann geschieht ein halbes Jahr lang nichts. Anfang September 1983 brechen die Täter in eine versteckt gelegene Zeltbahnfabrik in Tamise ein. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass in dieser Fabrik neuartige Prototypen einer schußsicheren Weste hergestellt werden – die angestrebte Beute der Bande. Die Täter gehen nicht gerade unauffällig vor. Ein Anwohner erblickt bewaffnete Gestalten auf der Straße  vor der Fabrik. Als ihn einer der Täter am Fenster stehend entdeckt, feuert er aus der Hüfte eine Salve aus seiner Maschinenpistole. Im Innern der Fabrik treffen seine Komplizen auf den Hausmeister, den sie kaltblütig töten, seine Frau überlebt mit lebensgefährlichen Schussverletzungen. Nur die dreijährige Tochter und ein kleines Baby lassen sie am Leben – die Kinder haben Glück. Später machen die Mörder keinen Unterschied mehr zwischen Erwachsenen und Kindern. Mit sieben Schußwesten flüchten die Killer in die Nacht.

Eine Woche nach dem blutigen Raub der Schußwesten begreifen die Ermittler, dass sie es nicht nur mit Serientätern zu tun haben, sondern mit einer Gruppierung von unberechenbaren Gewalttätern, denen Menschenleben nichts bedeuten.

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In der Nacht vom 17. September 1983 schweißen Einbrecher die Rückseite eines „Colruyt“-Supermarkts auf, der in der Nähe der Autobahnauffahrt der Stadt Nivelles liegt. Ein stummer Alarm wird ausgelöst, und zwei Gendarmen machen sich mit ihrem Ford-Transit auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Auf dem dunklen Parkplatz angekommen, haben die beiden Beamten keine Zeit, um sich einen Überblick zu verschaffen. Mehrere Täter nehmen die vollkommen überrumpelten Ordnungshüter unter Beschuss. Ein Beamter wird getötet, der andere stellt sich tot und überlebt. Die Täter rauben die Dienstwaffen der Gendarmen und flüchten vom Tatort mit zwei Wagen. Ein Wagen gehört einem Ehepaar, das kurz vorher auf dem Parkplatz gehalten hatte, um zu tanken. Dabei haben sie die Täter vermutlich gestört, denn sie wurden kaltblütig erschossen. Eintreffende Gendarmen finden zu ihrer Überraschung nicht nur ihren toten und den verletzten Kollegen, sondern die Leichen  des Mannes und der Frau, notdürftig verborgen unter einer Reihe von Einkaufswagen.

Die sofort zur Verfolgung ausgesandten Polizeieinheiten haben Mühe, den Tätern zu folgen. Sie kennen sich sehr genau in der Gegend aus, nutzen Abkürzungen und Schleichwege, die nur Ortskundigen bekannt sein können. Und dann geschieht das Unfassbare: die Täter parken die Autos auf beiden Seiten der Straße, steigen seelenruhig aus und nehmen die Beamten mit automatischen Waffen und Pump-guns in ein Kreuzfeuer. Die Beamten treten das Gaspedal durch und werden bis auf Schnittwunden durch die zersplitterten Scheiben nicht verletzt. Die Täter lassen ein Fahrzeug am Fahrbahnrand zurück und fahren mit dem anderen in die Ortschaft Braine l’Alleud, wo sie es fahruntüchtig zurücklassen. Im Kofferraum findet man Kaffeepackungen, Speiseölkanister und Pralinen. Die Beute, für die drei Menschen sterben mussten. Die Frage ist, ob der Ort, an dem die Täter das zweite Auto aufgegeben haben, zufällig gewählt wurde oder ob sie einen Wink geben wollten. Zwei Jahre später werden sie an genau diesen Ort zurückkehren und ein Massaker veranstalten.

Am 7. Oktober 1983 dringen zwei maskierte Täter nach der Sperrstunde in ein Restaurant in Ohain ein, wo der Inhaber mit seiner Familie und Angestellten beim Essen sitzt. Sie töten den Eigentümer des Restaurants und rauben den Golf seiner Tochter.

Zwei Monate später, am 01. Dezember 1983 töten die Mörder ein Juweliersehepaar in Anderlues, wobei sie merkwürdigerweise nur wertlose Schmuckstücke mitnehmen.

Dann folgt eine fast zwei Jahre währende Pause. Die Belgier und die Bevölkerung des Wallonischen Brabant atmen auf. Sie halten die Ereignisse der letzten Jahre für einen bösen Traum, eine zufällige Häufung von Verbrechen, die sicherlich bald aufgeklärt werden. Sie irren sich.

Am 27. September 1985 attackieren kurz vor Geschäftschluss drei maskierte Männer den „Delhaize“-Supermarkt in Braine-l’Alleud – dort wo sie fast genau zwei Jahre zuvor ihren Fluchtwagen zurückgelassen hatten. Einer der Männer hat einen grünen Schal vor dem Gesicht, ein anderer eine Karnevalsmaske mit dem Konterfei von Jacques Chirac, der dritte trägt einen dunklen Hut. Auf dem Parkplatz nehmen sie eine Geisel, erschießen einen Familienvater, der mit seinem Sohn im Auto sitzt und im Supermarkt noch zwei Kunden. Sie flüchten mit einer Beute von ungerechnet weniger als 20.000 €. Doch für die Mörder ist der Abend noch nicht zu ende. 15 Minuten später erscheinen sie auf dem Parkplatz des „Delhaize“ in Overijse. Auch hier wollen sie eine Geisel nehmen, doch etwas läuft schief. Der 14jährige Stéphane Notte stirbt durch einen Gewehrschuss, genauso wie ein Plakatekleber, der auf der anderen Straßenseite stand. Im Innern des Supermarkts sterben noch drei weitere Menschen.

Für eine Beute von ungefähr 80.000 € haben acht Menschen ihr Leben gelassen.

Eineinhalb Monate später, am 9. November 1985, schlagen die Mörder wieder zu. Diesmal trifft es den „Delhaize“ von Alost. Drei Männer bewegen sich auf dem Parkplatz des Supermarkts. Sie tragen lange Mäntel, haben schwarze Perücken aufgesetzt und dunkle Tarnschminke im Gesicht. Auf dem Weg zum Eingang des Supermarkts schießen sie auf alles, was sich bewegt. Sie leeren die Kassen und fliehen zu ihrem Fluchtfahrzeug. Polizei ist inzwischen aufgekreuzt, doch die Beamten sind überfordert und machtlos angesichts der kaltblütigen Entschlossenheit der Täter, von denen sie sofort unter Beschuss genommen werden. Für eine Beute von weniger als 20.000 € sind acht Menschen gestorben.

Die Täter flüchten Richtung Süden und verbrennen das Tatfahrzeug in einem Wald. Dann entledigen sie sich ihrer Waffen. In mehreren Säcken, die man in einem Kanal ganz in der Nähe des Schiffshebewerks von Ronquières findet, tauchen alle möglichen Beweismittel auf: die Schrotflinte, die drei Jahre zuvor in Dinant gestohlen worden war, eine Schußweste aus der Zeltbahnfabrik in Tamise, die geraubte Dienstwaffe eines der Gendarmen und diverse andere Waffen und Patronen. Fast so als wollten die Täter den Ermittlern auf die Sprünge helfen, ihnen die Serie und alle Verbindungsstücke unter die Nase halten  – oder als wollten sie die Beamten zum Narren halten.

Heute sind die Ermittler keinen wirklichen Schritt weiter bei der Identifizierung der Täter. Auch das Motiv liegt im Unklaren. Nicht wenige glauben, dass Geld nicht der Grund für Attacken war, denn für die teilweise lächerliche Beute haben unverhältnismäßig viele Menschen sterben müssen. Beuteorientierte Täter versuchen jedoch unbeteiligte Opfer in der Regel zu vermeiden. Zeugen waren der Ansicht, dass es den Tätern um das Töten an sich gegangen sei und nicht um Geld.

Im Lauf der Jahre waren die Ermittlungen geprägt von unfassbaren Ermittlungspannen, dem ständigen Austausch von Untersuchungsrichtern, der Vernichtung von Beweismitteln, Konkurrenzgerangel zwischen verschiedenen Polizeieinheiten, korrupten Beamten und unerklärlichen Freisprüchen von Verdächtigen. Den Gipfel bildete ein unterdrücktes ballistisches Gutachten, das das Bundeskriminalamt in Wiesbaden angefertigt hatte.

Nicht nur die  Taten der Supermarktkiller mit den Karnevalsmasken, auch die Inkompetenz der Sicherheitsbehörden und die Unfähigkeit die Taten zu verhindern oder im Nachhinein wenigstens aufzuklären, haben zu einem Misstrauen gegenüber der Polizei geführt. Bis heute hält sich der Verdacht, dass Polizisten an den Taten beteiligt waren oder zumindest die Ermittlungen behindert hätten.

Die fruchtlosen Ermittlungen und die ausbleibenden Ergebnisse führten dazu, dass die kuriosesten Verschwörungstheorien die Runde machten – doch was kann in dieser Akte noch wahrhaftig ausgeschlossen werden?

Hartnäckig hält sich die Theorie, die Taten seien in Wahrheit terroristische Aktionen gewesen, mit dem Ziel die belgische Regierung aus den Angeln zu heben. Andere glauben eher an eine Erpressung der Supermarktkette „Delhaize“. Wieder andere halten die Taten für das Werk von außer Kontrolle geratenen „Gladio“-Einheiten. Andere halten libanesische Waffenhändler für die Mörder, wieder andere einen Pädopholenring. In der Zwischenzeit treten die Ermittler auf der Stelle.

Dabei ist so einiges mysteriös an den Begebenheiten: warum versenkten die Täter die Säcke mit den Waffen und den Beweismitteln im Kanal? Warum servierten sie den Ermittlern eine lückenlose Beweiskette auf dem Präsentierteller, die alle Taten miteinander verbindet? Sehr ungewöhnlich ist auch, dass die  – noch immer gültige – Belohnung der „Delhaize“-Geschäftsführung in Höhe von 250.000 € zu keinem einzigen Hinweis aus dem Unterweltmilieu geführt hat. Auch habe die Täter den ungeschriebenen „Kodex“ der Unterwelt verletzt, indem sie Kinder ermordeten. Warum gab es die Pause von fast zwei Jahren? Waren vielleicht zwei verschiedene Banden am Werk?

Am wahrscheinlichsten ist, dass die Täter bereits über Tötungserfahrungen verfügten, und zwar vermutlich als Soldaten oder Söldner in einem bewaffneten Konflikt. Doch wozu dienten die Morde? Ging es wirklich um die im Vergleich zu den geopferten Menschenleben magere Beute? Sollte die Tötungshemmung weiter gesenkt werden, sollten neue Gefolgsleute ihre Entschlossenheit unter Beweis stellen? Mit welchem Ziel?

Sicher ist, dass die Täter Einheimische aus dem wallonischen Brabant sind. Kein Ortsfremder kann eine solche Ortskenntnis besitzen, die die Mörder bei Verfolgsungsjagden und bei der Wahl der Orte, an denen sie Fluchtwagen und Beweismittel zurückließen, an den Tag  gelegt haben. Das Rückzugsgebiet der Bande, eine ziemlich genau eingrenzbare Zone zwischen Brüssel und Charleroi, wurde identifiziert. Nur gefunden hat man niemanden.

Heute ruht die Hoffnung auf DNA-Spuren, die man an Zigarettenstummeln und einem von den Tätern verlorenen Hut gesichert hat. Wenn denn die Beweismittel adäquat gesichert wurden.

Die Ermittler haben jetzt noch zwei Jahre Zeit, um die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.

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Massacre chimique à Damas. Les activistes syriens diffusent des centaines de preuves et témoignages.

Massacre chimique à Damas. Les activistes syriens diffusent des centaines de preuves et témoignages..

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Wo ist Xavier Dupont de Ligonnès?

Nach mehr als zwei Jahren haben die französischen Behörden noch immer keine Spur von dem Mann, der offiziell als wichtiger Zeuge gesucht wird aber in Wahrheit der einzige Verdächtige eines Verbrechens ist, das die Stadt Nantes und die französische Gesellschaft schockiert hat.

Am 21. April 2011 finden Polizeibeamte unter der Terrasse des Hauses 55, Boulevard Robert-Schuman die Leichen seiner Frau, seiner vier Kinder zwischen 13 und 20 Jahren und der beiden Labradorhunde der Familie. Alle wurden mit einer Schusswaffe hingerichtet.

Das ärgerlich banale und triviale Wort „Familientragödie“ vermag keinen ausreichenden Begriff vom Ausmaß der Tat zu geben, vom Ausmaß des Verlusts von 4 jungen Menschenleben, vom Ausmaß des Egoismus, der Verzweiflung und des Wahns, der schon lange im Kopf des Täters geglommen haben mag und auch vom Ausmaß des Horrors und des Entsetzens, das aufkommt, wenn man sich den Ablauf der Tat vergegenwärtigt.

Xavier Dupont de Ligonnès konnte – sehr ähnlich wie Jean-Claude Romand – seine Lebenslüge nicht mehr aufrechterhalten.

Wenige Tage bevor der Gerichtsvollzieher eine Forderung von 20.000 € eintreiben wollte, nur ein kleiner Teil seiner immensen Schulden, schaffte es der Mann nicht mehr seine Familie und letztendlich sich selbst zu belügen. Der Schlag, den sein Selbstbild abbekam, hat ihn ausgeknockt. Der Einbruch der Realität in sein von Lügen getrübtes Bewußtsein setzte eine mörderisch, präzise Mechanik in Gang, die der Mann schon zuvor ausgebrütet und ausgefeilt hatte.

Xavier Dupont de Ligonnès entstammt einer alten Familie aus dem verarmten Adel im Süden Frankreichs. Er wächst in einer bürgerlichen und nach außen hin angepassten Familie in Versailles auf. Wie so oft sind jedoch Sein und Schein zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Sein Vater verließ die Familie als Xavier ungefähr 10 Jahre alt war. Seine Mutter erzog ihn in einer extremen, frömmlerischen, apokalyptischen Auslegung des katholischen Glaubens. Zwei Elemente seiner Biographie, die ihn tief zu prägen scheinen. Nach außen hin ließ sich der Junge nichts anmerken. Auch wenn er als Kind um 6 Uhr vor der Schule die Messe besuchen musste, erlebten ihn seine Klassenkameraden als fröhlich, ausgelassen und gar nicht als gehemmten, gottesfürchtigen Sonderling. Vielleicht hat er schon diesem jungen Alter die Verstellung eingeübt und gelernt, dass das Verbergen der Wahrheit und die Kultivierung eines Anscheins die Dinge erleichtern – zumindest für eine gewisse Zeit.

Xavier Dupont de Ligonnès fasst niemals richtig Fuß im Berufsleben. Nie bleibt er länger als ein paar Monate oder wenige Jahre bei einem Arbeitgeber. Er reist viel und zieht häufig um. Zu Beginn der 90er Jahre heiratet er Agnès, eine Jugendfreundin, die einen Sohn aus einer anderen Beziehung in die Ehe mitbringt. In kurzen Abständen kommen Kinder. Die Familie wechselt immer noch alle zwei Jahre den Wohnsitz innerhalb Frankreichs. Als wollte sie ihre Spuren vor Gläubigern verwischen.

Xavier beschließt, sich selbständig zu machen. Mit der beginnenden Verbreitung des Internets erstellt er Webseiten mit Hotelverzeichnissen für reisende Vertreter gekoppelt mit Getränkegutscheinen für die dort eingenommenen Abendessen. Die Einnahmen sind mager. Nebenher arbeitet er für Hotelketten als Testkunde. Pro Einsatz gibt es 100 oder 150 € Aufwandsentschädigung. Diese sind die meiste Zeit über seine einzige Einnahmequelle. Obwohl Xavier die ganze Woche über unterwegs ist, gehen die Geschäfte schlecht. Das Erbe seiner Frau, immerhin 80.000 € verschleudert er in seinen nutz- und fruchtlosen Projekten.

Wie lange schafft er es, sich selbst zu belügen, den Schein zu wahren? Obwohl er nur ein Einkommen von 4.000 € pro Jahr beim Finanzamt angibt, führt die Familie ein fast großbürgerliches Leben, leistet sich drei Autos und Privatschulen für die Kinder.

Als der Abgrund nicht mehr zu ignorieren ist, im Jahr 2008, lässt er die Beziehung zu einer Jugendliebe wieder aufleben. Die Frau ist mittlerweile Unternehmerin und Geschäftsführerin. Er leiht sich 50.000 € von ihr, um die hartnäckigsten Gläubiger ruhigzustellen und die dringendsten Rechnungen zu bezahlen. Doch das Geld reicht nicht.

Was mag ihm wohl durch den Kopf gegangen sein, in den anonymen Hotels irgendwo in Frankreich, nach einem Tag ohne einen werthaltigen Vertragsabschluss, nur mit einem Taschengeld von 100 € als einziger Einnahmequelle? Hat er das finanzielle Fiasko in seiner Gesamtheit wahrgenommen, hat er über seine Rolle als Vater seiner vier Kinder nachgedacht und das Bild, das er ihnen gegenüber abgibt? Grübelte er darüber nach, dass er als mittlerweile 50jähriger Mann nichts aufgebaut hatte, eine Lüge lebte, die er nicht mehr aufrechtzuerhalten in der Lage war? Bereute er vielleicht das Leben, das er geführt hatte, oder dass er nicht rechtzeitig ausgebrochen war und wie sein Vater? Peinigte ihn die brennende und nagende Einsicht, dass er zwar erfolgreich sein wollte, dass er aber einfach nicht konnte und auch niemals mehr können würde? Führte ihn die Achterbahn aus Größenwahn und Unvermögen zu den morbiden Gedanken, seine Familie aus der Welt zu schaffen?

Die Ausweglosigkeit wurde ihm vermutlich bewußt, als seine Mätresse das Darlehen von 50.000 € von ihm zurückforderte und eine Klage gegen ihn erhob. Hat der Lügner, Träumer und Prokrastinierer erst in diesem Augenblick verstanden, dass sein Leben ins Wanken geraten war und in Richtung Abgrund zutrieb?

Im Dezember 2010 beginnt Xaver Dupont de Ligonnès, in einem Schützenverein zu trainieren. Zunächst mit einer einfachen Kleinkaliberpistole, später mit einem Karabiner Kaliber .22 LR, den er von seinem Vater geerbt hatte. Mitglieder des Vereins sind unangenehm berührt, als der das Gewehr zum Schießen mit einem Schalldämpfer versieht. Im März 2011 ist er mit der Miete drei Monate im Rückstand, kann Strom und Krankenversicherung nicht mehr zahlen. Der Gerichtsvollzieher kündigt sich an. Der tödliche Mechanismus setzt sich in Gang ausgelöst durch eine Mischung aus psychischer Erregtheit und einem Allmachtsgefühl, vielleicht auch einer verdrehten, perversen Mitleidsempfindung mit seiner Familie, das ihm eingab, ihr durch den Tod die Schande und die häßliche Wahrheit zu ersparen.

Am 01. April 2011 kauft er eine Schaufel, eine Sackkarre, Jutesäcke, 40 kg ungelöschten Kalk und ein starkes Reinigungsmittel, dann trainiert er ein letztes Mal im Schützenverein. Am Sonntag, dem 03. April 2011, geht er mit seiner Familie und drei seiner Kinder in ein Restaurant. Alles scheint normal, eine gewöhnliche Familie, die ein alltägliches Abendessen in einem Restaurant zu sich nimmt.  Vermutlich nach diesem Abendessen betäubt Xavier seine Kinder und tötet sie und seine Frau im Schlaf mit Kopfschüssen. Der 13jährige Benoît scheint während der Tat aufgewacht zu sein, denn er hatte drei Einschußlöcher in der Brust.

Am nächsten Tag meldet Xavier seine Frau bei der Arbeit ab und seine Kinder in der Schule. Abends besucht er seinen mittleren Sohn Thomas in Angers, wo er Musik studiert und isst mit ihm in einem Restaurant. Die Bedienung erinnert sich an ein schweigsames, verkrampftes Vater-Sohn-Essen. Spürte Thomas die Anwesenheit des Todes in seinem Vater? Am nächsten Tag erhält Thomas eine SMS von seinem Vater, er solle sofort nach Hause nach Nantes kommen, die Mutter haben einen Fahrradunfall gehabt und liege nun im Krankenhaus. Thomas nimmt den Zug nach Hause, wo ihn der Tod erwartete.

In den folgenden Tagen läuft die wahnsinnige Mechanik weiter. Xavier beschäftigt sich mit dem Verscharren der Leichen unter der Terrasse. Nach vollbrachter Tat fährt er in die Studentenwohnheime der älteren Söhne und räumt ihre Zimmer leer. Einem Studenten, der sein Tun beobachtet, ruft er leichthin zu: „Was tut man nicht alles für seine Kinder!“.

Wieder zu Hause verfasst er einen Brief an Freunde und Verwandte, in dem er erklärt, dass er mit sofortiger Wirkung das Land verlassen müsse. Die amerikanische Drogenbehörde DEA habe ihn als verdeckten Ermittler eingesetzt, jedoch sei er bei seiner Tätigkeit enttarnt worden. Nun werde er ins amerikanische Zeugenschutzprogramm aufgenommen, müsse eine neue Identität annehmen und müsse von nun an jeden Kontakt abbrechen.

Am 10. April 2011 schraubt Xavier Dupont de Ligonnés den Briefkasten von Haus und fährt mit seinem Auto davon. Im Haus hat er alle Gegenstände, selbst die kleinsten, die einen Hinweis auf die ehemaligen Bewohner des Hause geben könnten, entfernt. Er hat seine Frau und seine Kinder nicht nur getötet, sondern ihr Leben und jegliche Erinnerung an ihr Dasein auf Erden ausgelöscht.

Wo er sich in den folgenden Tagen aufhält und was er tut, ist bis heute größtenteils ein Rätsel. Man kann einzelne Übernachtungen in Hotels auf dem Weg in den Süden rekonstruieren. In der Nacht vom 12. auf den 13. April 2011 übernachtet er in einem 5-Sterne-Hotel in Le Pontet in der Vaucluse. Er hebt 1000 € an einem Automaten ab und begleicht eine Hotel- und Restaurantrechnung von fast 600 € per Karte. Angestellten bleibt er als sehr selbstbewußt und freundlich in Erinnerung. Er habe einen entspannten und gelösten Eindruck gemacht.

Am 14. April hebt er 30 € an einem Automaten in Roquebrunes-sur-Argens ab und übernachtet in einem Hotel der Billigkette Formule 1. Am nächsten Morgen verlässt Xavier Dupont de Ligonnès das Hotel mit dem Auto.  An diesem Tag verschwindet die 50jährige Colette Deromme aus dem südfranzösischen Örtchen Lorgues, etwa 30 km von Roquebrunes entfernt. Man findet ihre Leiche einen Monat später unter einem Steinhaufen. Die Familie de Ligonnès hatte im Jahr 1992 in diesem Städtchen gelebt. Ein seltsamer Zufall? Niemand kann sich daran erinnern, dass die Frau und Xavier Dupont de Ligonnès sich kannten. Bis heute wird offiziell ein Zusammenhang zwischen dem fünffachen Mord und dem gewaltsamen Tod der Frau zurückgewiesen.

Am Nachmittag desselben Tages erscheint der Gesuchte wieder und parkt das Auto neben dem Hotelparkplatz im toten Winkel der Überwachungskameras. Zeugen sehen ihn, wie er zu Fuß mit einem Rucksack den Parkplatz verlässt. Danach verliert sich seine Spur.

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Die Augen von Berlin

Ihre Augen sind anders, ihre  Neugier anders. Es kommt vor, dass ein halberwachsener Zigeunerjüngling mit dem Schnitzmesser über seine Kehle geht – die Zigeuner kenne nur den Tod in der Liebe oder den Tod im Leben, und wenn sie glauben, die Sonne stehe tief  genug oder die Mondsichel erhelle das Stück Himmel über ihren Köpfen im  richtigen Licht, sterben sie einfach. Sie sterben meist an einem starken Gefühl. Ihre Sehnsucht ist anders. Ihre Augenblicke sind anders. Es reißen keine Wunden in ihren Lungen auf, sie kommen aufgerissen und aufgewühlt zur Welt.

Feridun Zaimoglu, Leyla

Diese Augen kenne ich auch. Diese seltsamen Augen habe ich im Osten Berlins gesehen, in den 90ern. Als ich da war, ist sind sie mir bewusst gar nicht so aufgefallen. Erst im Nachhinein, als ich das Bild des kleinen Postmanns gesehen habe.

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Ein armes kleines Geschöpf in einem Hinterhof. Fast schon ein androgynes Aussehen. Schmächtige, fallende Schultern unter dem schäbigen Postlermantel und der häßlichen Postlertschapka. Darunter ein abgemagertes Gesicht, das eine verprügelte, unterdrückte Seele zeigt. Ein von Alkohol, Hoffnungslosigkeit, stumpfsinniger Arbeit und noch stumpfsinnigerer Ideologie gezeichnetes Gesicht. Eine zerzauste und gebeutelte Gestalt wie aus einer Geschichte von Wolfgang Borchert. Aber diese seltsamen Augen. Schräg, erloschen, hoffnungslos aber doch von einem eigentümlichen Leben erfüllt. Und diese Augen hatten viele, denn ich habe sie im Osten in den 90er Jahren oft gesehen.

In meinen Augen ist in den Gesichtern und in diesen Augen der Niedergang der DDR eingekerbt. Der Verfall, die politische, soziale und gesellschaftliche Krise, die sich in den 1980ern zuspitzte. Aber der Zusammenbruch war mit dem Mauerfall noch nicht beendet. Die DDR lebte in den Menschen weiter, in ihrem Verhalten und ihren Gesichtern.

Diese Szenerie im Berlin der 90er hatte eine sehr spezielle Atmosphäre, die mit der heutigen nicht zu vergleichen ist. Eine Stimmung der Bewegung und des Übergangs, das noch ziemlich lange anhielt. Viele Paare auf Fahrrädern, die durch die mit Altbauruinen gesäumten Straßen fuhren, viele Leute mit riesigen Rucksäcken auf dem Weg von irgendwoher nach irgendwohin mit einem Zwischenstop in Berlin und eben diese Mädchen mit den seltsamen Augen. Ihre Augen waren in den 90er Jahren nicht mehr mit Hoffnungslosigkeit angefüllt, sonder waren neugierig und lebendig. Dabei waren sie oft hart und gefühllos.

Gastronomie Prenzl.Berg ab 1998

Ich sehe den Übergang hier, die Reste der fleckigen Hausruinen, den Lebenshunger, die noch nicht genormten Lebenswelten. Wo ist jetzt dieser Billy Corgan Typ mit der Glatze?

Jetzt kann ich diese Epoche selbst nur noch aus der zeitlichen Entfernung betrachten, und solche kleinen Mosaiksteinchen meiner Jugend einsammeln. Mit der Jahrtausendwende begann der Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte, eigentlich ganz Berlin begannen „hip“ und „sexy“ zu werden. In die Sauf- und Absturzkneipen sind  Edelitaliener und Yogastudios eingezogen. Es ist nichts mehr übrig vom Schmutz und vom Verkommenen und Gebrochenen. Das Jahr 2000 hat die 10 Jahre währende postmortale Agonie beendet, und die DDR hat aufgehört in den Menschen und Gesichtern zu existieren, diese seltsamen Augen, die diesen eigenartigen Blick erzeugten, sind jetzt verschwunden. Die DDR ist auch aus den Physiognomien der Menschen verschwunden. Sie lebt jetzt nur noch heimlich und verborgen in den Gehirnen sterbender.

Aber wo sind jetzt diese Mädchen mit den seltsamen, schrägen Augen?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur: Ich bin noch da, und mein Herz schlägt und die Flamme in meinen Herzen lodert noch.

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Does Snuff really exist?

„Snuff ist ein Mythos!“, sagte der Sexshopbetreiber zum Privatdetektiv mit einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Der Satz aus dem Film „8 MM“ von Joel Schumacher war vor 15 Jahren vermutlich wahr. Der Reiz, einen Menschen beim Sterben zu betrachten, hat wahrscheinlich schon immer eine bizarre Faszination auf manche Männer ausgeübt, die sich früher allerdings auf schlecht gemachte Mondos-Filme beschränken mussten. Zwei Jahre später endete das ruhige, langweilige und auch etwas überspannte Jahrzehnt, das dem Mauerfall folgte. Das World Trade Center stürzte, von Flugzeugen getroffen, in sich zusammen. Menschen verbrannten im Kerosin oder wählten den Tod durch einen Sprung aus dem 100. Stockwerk. Es folgten Kriege und mit den Kriegen Bilder der Gewalt. Fotos von verletzten, blutenden oder toter Menschen, dazu Berichte von Reportern, Opfern, Soldaten. All diese Bilder und Berichte blieben noch auf merkwürdige Weise abstrakt, auch wenn sie schockierten. Sie kamen in Form von Artikeln und redaktionell ausgewählten Fotos. Der Schmerz, das Grauen, das Leid wurden gefiltert und dadurch gemildert.
Youtube hat den Horror noch eine Umdrehung weitergetrieben. Mit dem Beginn des „Arabischen Frühlings“ kamen auch die Bilder und vor allem die Handyfilme. Vor allem aus Syrien. Sie kommen ungefiltert, ungemildert roh und brutal, treffen auf die Pupille und dringen in die Seele ein. Sie kommen mit Macht und bringen eine Realität, die kaum erträglich ist: Sterbende, die ihre letzten Atemzüge tun. Menschen, mit zerfetzten Kiefern und abgerissenen Beinen. Kleine Mädchen, denen ein Fuß fehlt, denen der Beinstumpf in Fetzen hängt. Menschen, die gefoltert werden; denen anderen Menschen (?Tiere?, nein Menschen, Tiere wären zu solchen Taten nicht fähig) mit einer Eisenstange ein Auge ausstechen. Menschen, die mit Messern erstochen und anschließend mit Betonbrocken beworfen werden, gefilmt von einem sadistischen Mordkomplizen. Exekutionen von Soldaten, Offizieren, Kollaborateuren. Vermeintliche? Zerfetzte Körper in einem Zustand, denen noch nicht einmal der winzigste Rest an Würde geblieben ist. Die vollständige Abwesenheit von Menschlichkeit oder besser gesagt: von Menschsein.
Bilder, die sich in die Seele brennen und fressen, von denen man wünscht, man hätte sie nie gesehen. Jeden Tag und jederzeit online verfügbar.
Snuff ist kein Mythos. Heute ist es real. Das Schlimme ist nur, dass das, was man auf diesen Bildern sieht, tagtäglich in Syrien geschieht und das einen hindert, es zu vergessen oder zu verdrängen, so wie man einen schlechten Horrorfilm schon am nächsten Tag lange vergessen hat.
Wo bleibt der Aufschrei, das Handeln? Tun die Verantwortlichen nichts, weil sie diese Bilder nicht kennen oder weil man sie ihnen vorenthält? Weil sie nur die Artikel und Pressemappen bekommen, in denen abstrakt von „Opfern“ die Rede ist? Oder sind auch sie nur Snuff-Freaks, die heimlich ihrem perversen Hobby hinter heruntergelassenen Rolläden nachgehen und hoffen, dass der Nachbar nichts mitbekommt? Es sind nicht nur Bilder. Es tut weh, sie zu sehen, und doch ist es unmöglich auch nur eine Ahnung zu bekommen, was die Menschen dort durchmachen.
Wer kann das Grauen beenden?

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Skyscraper Blues

Rossi

In der Teeküche im Bürohochhaus gegenüber steht eine Frau traurig am Fenster.

Was mag bloß los sein? Wird sie gemobbt? Haßt sie ihren Job? Ist ihr die Absurdität einer Existenz in einem Großraumbüro für die nächsten 30 Jahre schlagartig klar geworden?

Weint sie jetzt gleich?

Nein. Das Teewasser ist jetzt heiß. Sie geht hinüber zum Wasserkocher. Jetzt brüht sie sich ihren Sonnengruß-Wohlfühltee auf und geht wieder glücklich und zufrieden an ihren Arbeitsplatz zurück.

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Der ostdeutsche Amoklauf

Einige allgemeine Gedanken kurz vor Beginn des Prozesses.

Die Mitglieder der Terrorzelle, die sich selbst den Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ gegeben hat, waren allesamt in der DDR und in Ostdeutschland sozialisiert. Auch das gesamte Unterstützerumfeld aus NPD und freien Kameradschaften hat denselben lebensweltlichen Hintergrund. Ein Umstand, auf den bisher – obwohl offensichtlich  – nicht nachdrücklich genug eingegangen wurde. Der gewaltbereite und terroristisch organisierte Rechtsextremismus hat eine größtenteils ostdeutsche Prägung. Es ist mit Sicherheit lohnenswert die Hintergründe näher zu untersuchen, wobei die folgenden Gedanken keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit haben. Sofern von „Ostdeutschen“ die Rede ist, so handelt es sich hierbei nicht um eine geschlechtsneutrale Sammelbezeichnung, sondern um ein sozialtypisches Phänomen, mit dem Tendenzen herausgestellt werden sollen und ohne die Absicht, Individuen zu stigmatisieren.

Offensichtlich ist die starke Affinität zu autoritären Strukturen bei Ostdeutschen. Das mag daran liegen, dass eine autoritäre Konstante seit dem Dritten Reich stattgefunden hat und es in Ostdeutschland an zivilgesellschaftlichen Korrektiven fehlt. Diese Tendenzen werden auch noch begünstigt durch den Wegzug des klügeren oder besser: des gebildeteren Teils der Bevölkerung vor dem Mauerbau und nach dem Mauerfall. Nach der Wende hat eine neonazistische Kultur die Freizeit und das Leben eines großen Teils der ostdeutschen Jugendlichen in Beschlag genommen, und zwar über viele Jahre, ohne dass dagegen wirksam eingeschritten worden wäre. Toralf Staud spricht in seinem Buch „Moderne Nazis“ von einer „Faschisierung der ostdeutschen Provinz“. Es wußte aber auch niemand, was diesem Umsichgreifen entgegenzusetzen war. Es gibt nur sehr begrenzte Lösungsansätze, da diese Mentalität schon derart verfestigt ist, dass man ihr nur mit sehr langfristigen Konzepten beikommen kann: die über Jahrzehnte nicht vorhandene Zivilgesellschaft stärken und Strukturen aufzubauen, mit denen die nazistische Ideologie durch eine Mentalität der Toleranz ersetzt wird.

Erste These: die Bejahung der neonazistischen Kultur ist ein Ausdruck der Frustration und eines Minderwertigkeitskomplexes, gepaart mit einer Ablehnung des westdeutsch geprägten Gesellschaftskonzepts.

Doch warum ist das so? Aus welchem Grund äußert sich diese Ablehnung dieses Staats und dieser Gesellschaft in Neonazismus und nicht auf andere Weise?

Ein Erklärungsansatz: In der DDR war die Ablehnung des sozialistischen Staats die normale Haltung in weiten Teilen der Bevölkerung. Die Menschen durchschauten die offensichtlichen Lügen der Führung. Das Leben in der DDR mit ihrem extremen sozial-politischen Gesellschaftsentwurf war mit Widersprüchen und Tabus gespickt. Aber diesen Staat zu kritisieren war riskant. Man tat es nur hinter vorgehaltener Hand. Alle taten es, und das schuf ein Gemeinschaftsgefühl innerhalb der DDR. Die Bevölkerung der DDR war sich einig in der Kritik am Staat und in der Gefahr, die eine laute Äußerung dieser Kritik bedeutete.

Ganz anders in der Bundesrepublik: hier konnte man alles und jeden kritisieren, ohne dass es zu bitteren Konsequenzen wie Gefängnis, staatlichen Repressalien, Berufsverbot o.ä. geführt hätte. Mit einer Ausnahme: der gesellschaftliche Konsens der Bundesrepublik hat feine aber äußerst robuste Stolperdrähte um das Thema Holocaust und Drittes Reich ausgelegt, die denjenigen um Amt und Reputation bringen, der unbedarft auf sei tritt. Die Meinungsfreiheit geht also in einem bestimmten thematischen Sektor in ein Minenfeld über, in das sich nur begibt, wer sich sehr sicher ist oder wem sein Ruf, sein Amt und seine Reputation komplett egal sind.

Will man also gegen den jetzigen Staat und seinen Konsens opponieren, dann gibt es als einzige Möglichkeit nur das sensible Thema des Dritten Reiches, und zwar indem man das Thema anders als vom gesellschaftlichen Konsens akzeptiert behandelt. Nur durch den Bruch eines „Tabus“ kann man einen Skandal entfachen, die persönliche Ablehnung und Unzufriedenheit mit den vorgefundenen Zuständen kundtun. Und da das Dritte Reiche der letzte sensible Bereich ist, den es in der ansonsten toleranten oder gleichgültigen (?) Bundesrepublik gibt, wird er von den Ostdeutschen aufgegriffen und angegriffen.

Dies wäre eine These, die zu überprüfen sich lohnen würde: ist das Verherrlichen des Nationalsozialismus, das Leugnen des Holocausts usw. durch die Ostdeutschen im Kern möglicherweise eine Kritik an der westlich geprägten Gesellschaft und ihren Werten? Gewissermaßen die einzig wirksame und wahrnehmbare Protest- und Trotzreaktion auf den Verlust der eigenen Identität. Besorgniserregender ist folgende These: Ist der Rechtsextremismus das einzige Amalgam, auf das sich große Teile der Ostdeutschen einigen können, um ihre Unzufriedenheit mit diesem Staat und seinem Gesellschaftskonzept zu artikulieren?

Zweite These: Die Neonazis werden als die wahren Oppositionellen angesehen.

Von der DDR-Führung vehement bestritten, waren Neonazis in der DDR jedoch spätestens in den 1980er Jahren ein nicht mehr zu leugnendes Phänomen der DDR-Gesellschaft. Die Neonazis der DDR traten in ihrer Gesinnung und ihrem Auftreten der sozialistischen Verfasstheit des Staates fundamental entgegen. Sie waren eine Provokation, ein „Ding der Unmöglichkeit“. Die Neonazis der DDR liefen dem staatlich verordneten Mainstream entgegen. Forderten sogar: Die Mauer muss weg!

Kann es somit sein, dass Neonazis bei vielen Ostdeutschen als die wahren Widerständler und Systemkritiker angesehen werden? Im Gegensatz zu den intellektuell-verquasten Bürgerrechtlern? Und kann es – konsequent weitergedacht – sein, dass die Neonazis auch heute in Ostdeutschland al die wahren Systemkritiker am westdeutsch geprägten System angesehen werden?

Woher kommt diese Sympathie für den Rechtsextremismus, die Anbetung des Autoritären, auch diese befremdende Unbefangenheit und Ungeniertheit, mit der im Jugendjargon Worte wie Hitler, Juden, Zecken, Fidschis usw. ausgesprochen werden?

Es ist ganz offensichtlich, dass sich bedeutende Teile der Gesellschaft vom gesellschaftlichen Konsens abgewandt haben. Doch warum? Vielleicht weil sie sich nicht mehr als „Bürger“ dieser Gesellschaft sehen und der Ansicht sind, dass sie an dieser Gesellschaft nicht mehr teilhaben. Zu früheren Zeiten war das Schicksal schon vorgegeben. Man war Sklave, Leibeigener, Untertan. Der willensgesteuerte, „hedonistische“ Aufstieg, die freie Wahl des Lebenswegs kam es sehr viel später. In der DDR hatten große Teile der Bevölkerung keine freie Wahl, wie sie ihr Leben gestalten wollten oder nur innerhalb großer Zwänge und Grenzen.

Mit dem Mauerfall war jedoch schlagartig alles auf einmal möglich. Alle Chancen und Möglichkeiten standen allen offen. Die allseits offenstehenden Möglichkeiten müssen jedoch ergriffen werden, das erfordert Anstrengungen. Die heutige Gesellschaft ist eine Wissens- und Leistungsgesellschaft. Die vielen Wahlmöglichkeiten und die Anstrengungen, die zur Verwirklichung der Träume und Ziele erforderlich sind, können überfordern, stoßen manchen ab. Vielleicht auch gerade die intelligenten und gebildeten. Möglicherweise auch Uwe Mundlos, der doch aus einem Professorenhaushalt stammte. Ähnliches kennt man von islamistischen Attentätern, die häufig aus gutsituierten Verhältnissen kommen, z.B. Mohammed Atta, den 9/11-Attentäter.

Wenn man aber nicht mitschwimmt, nicht mitkommt in dieser Anstrengungen fordernden Gesellschaft, kann sich bei einigen das Gefühl einstellen, kein „Bürger“ mehr zu sein. Man bekommt ein frustrierendes Gefühl des „Abgehängtseins“. Gefühle von Misstrauen, Überforderung, Ablehnung, Aggression und schließlich von Hass.

Ist das eine Erklärung für das mörderische Wüten von drei Nazis, die sie jedoch nach den rassischen Kriterien der reinen Ideologie gar nicht sein konnten?

Nachtrag: Einige interessante Gedanken auch hier und hier.

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Frankreich – Eine Allegorie

Wenn man mich fragen würde, womit man Frankreich vergleichen könnte, um einen Eindruck von seiner Mentalität zu erhalten, dann ist für mich das griffigste Beispiel der Sender TF1.

Exemplarisch dafür ist der Jingle zum Programmstart vom Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre. Gleichzeitig für mich auch eine der frühesten Kindheitserinnerungen. Dieser Vorspann drückt die Zuversicht einer selbstbewußten Nation aus, die führend in Industrie, Design und Eleganz ist und an der sich andere Länder ein Beispiel nehmen. Es war die Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Wandels. Mitterand kam an die Macht. Frankreich baute den TGV, der gesamte Strom kam aus modernen Kernkraftwerken, man flog mit der Concorde in drei Stunden nach New York, Stil und Mode wurden in Paris geprägt. So wie die Werbung für Air France von den renommiertesten Designern gestaltet wurde, so wurde auch die Titelmusik des wichtigsten staatlichen Fernsehsenders vom Filmkomponisten Vladimir Cosma geschrieben.

Man sieht deutlich den Einfluß der psychedelischen 70er Jahre, die Verspieltheit und die Kraft großer Träume.

Heute hingegen ist TF1 ein Privatsender und einer der miesesten und miserabelsten noch dazu. Das Programm ist der letzte Schrott. Es wäre ungerecht und zu hart zu sagen, dass Frankreich „Schrott“ ist, dafür liebe ich dieses Land viel zu sehr, aber die sozialen Verwerfungen, die Spannungen in der Gesellschaft, der Rückstand in vielen Bereichen sind unübersehbar.

Durch Zufall habe ich dieses Video entdeckt, ich sehe es mir an und denke nostalgisch an Sommertage in der Kindheit zurück. Viele Franzosen, die es sehen geht es – den Kommentaren nach – ebenso.

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