Am 8. September 2021 – sechs Jahre nach den schweren islamistischen Terroranschlägen, die am Stade de France, mehreren Restaurants und dem Bataclan 130 Tote gefordert hatten – begann vor dem besonderen Schwurgericht für Terrorverfahren der Prozess gegen den einzigen Überlebenden des Terrorkommandos, Salah Abdeslam, sowie weitere Angeklagte, denen verschiedene Vorbereitungstaten und Beteiligungsgrade an den Attentaten vorgeworfen werden.
Die französischen Medien haben – im Gegensatz zu den Deutschen, die mit der Bundestagswahl ausgelastet waren – am Prozessauftakt regen Anteil genommen. Für die Hauptverhandlung wurde eigens ein riesiger Sitzungssaal im alten Gerichtsgebäude auf der Île de la Cité hergerichtet und der Prozess ist der bisher einzige in der französischen Justizgeschichte, der wegen seiner historischen Bedeutung vollständig gefilmt wird.
Ich habe einige Artikel, hauptsächlich von Le Parisien und Le Monde übersetzt, allerdings werde ich es nicht leisten können, immer aktuell zu sein. Weitere Übersetzungen werden im Verlauf folgen.
Zu Beginn der Hauptverhandlung haben zunächst die Tatortermittler und danach die Mitglieder des Sondereinsatzkommandos ausgesagt, die das Bataclan gestürmt hatten. Im weiteren Fortgang sagen derzeit die Zeugen und Nebenkläger aus.
Den Beginn dieser Artikelserie eröffnet ein Artikel aus Le Parisien, in welchem ein Tatortermittler als Zeuge aussagt, der direkt nach den Attentaten an den Restaurants die ersten Spuren sicherte.
Le Parisien, 16.09.2021 – (Terrassen, Le Carillon, Le Petit Cambodge)
Er kam am 13. November 2015 um 23 Uhr zum „Tatort 1“ als Leiter seiner Tatortgruppe der Kriminalpolizei von Paris. Er hat ihn als Letzter am nächsten Morgen um 8 Uhr 30 verlassen.
Die ganze Nacht über hat dieser Polizist, der vor dem Schwurgericht unter der Identität seiner Dienstnummer BC099 aussagt, die Tatortarbeit im Außenbereich der Restaurants „Le Carillon“ und „Le Petit Cambodge“ im 10. Arrondissement der Hauptstadt geleitet, wo dreizehn Personen unter den Kugeln des Terrorkommandos starben.
Wenn man seinem Bericht im Prozess der Attentate vom 13. November zuhört, den er mit einer emotionalen Stimme, unterbrochen von Schweigen, liefert, das frenetische Blinzeln seiner blauen Augen hinter der Brille beobachtet, dann errät man, dass dieser Polizist diese Nacht der Hölle ebenfalls nicht unbeschadet überstanden hat.
Ohne falsche Scham berichtet er von dem Entsetzen, das alle seine Kollegen bei der Ankunft am Ort des Geschehens ergriffen hat. „Wir sind alle erfahrene Ermittler und sind an Tatorte und Leichen gewöhnt. Aber im ersten Augenblick haben wir Fassungslosigkeit empfunden“, beginnt er. „Wir sind nicht sofort an die Arbeit gegangen. Es hat ein paar Momente gedauert, bis wir die menschliche Dimension integriert hatten, mit der wir konfrontiert waren: die ineinander verkeilten Körper, die Blutspuren. Und dann verdrängt man diese menschliche Dimension und fängt an, professionell zu arbeiten.“
„In dieser Nacht“, erklärt BC099, hat er nicht an einem Tatort gearbeitet, „sondern – einfach gesagt – an einem Kriegsschauplatz.“
Die Zahlen sprechen für sich. Die drei Mitglieder des Kommandos um Abdelhamid Abaaoud haben in zwei Minuten und dreißig Sekunden jeweils 56, 50 und 24 Schüsse mit ihren Sturmgewehren vom Typ Kalaschnikow abgefeuert. „Bei einem Opfer haben wir 36 Einschusslöcher festgestellt, 22 bei einem anderen, 14 bei einem dritten. Ich überlasse es Ihnen diese Tatsachen zu qualifizieren“, sagt der Ermittler zu einem Nebenklägeranwalt.
Nachdem sie den Schock absorbiert hatten, erklärt der Polizist, wie er mit seinem Team sorgfältig die unvermeidliche Arbeit der Beweismittelsicherung begonnen hat: jede Hülse, jedes Einschussloch wurde akkurat vermerkt und verwahrt. Ein genauer Plan wurde angefertigt, viele Lichtbilder aufgenommen.
Auf dem riesigen Bildschirm im Sitzungssaal des Schwurgerichts erscheint eine Großaufnahme der Örtlichkeiten. Selbst in dieser Großeinstellung fällt einen die Gewalttätigkeit an: die gesamte Fläche ist mit Plastikreitern bedeckt, den gelben Markierungsobjekten, die bei jeder Spur aufgestellt werden; eine Leiche liegt auf der Straße. „Wir konnten unter sehr guten Bedingungen arbeiten“, unterstreicht der Offizier. „Der Umkreis war abgeriegelt, es gab kein einziges Geräusch. Das einzige, was wir hörten, waren die Telefone der Opfer, die klingelten.“
Dem Ermittler der „Crim“ ist es ein Bedürfnis die Opfer, deren Identifikation die höchste Priorität besaß, einzeln namentlich zu benennen. „Wir hatten ein großes Problem“, sagt er mit plötzlich dumpfer Stimme. „Es handelt sich um einen Fehler, den ich selbst begangen habe, und dessen Verantwortung ich vollständig übernehme.“ Unter der Leiche einer jungen Frau erblickte er eine Handtasche mit den Papieren einer gewissen Aurélie. In der Nacht kommt er zu der Einschätzung, dass das Foto dem Gesicht der Verstorbenen entspricht. „Später wurde ich von einer Familie kontaktiert, die ihre Tochter Chloé nicht finden konnte und die kein Lebenszeichen von sich gab. Sie haben mir ihren senffarbenen Mantel beschrieben. Ich habe mich mit ihnen im Institut für Rechtsmedizin getroffen und dort haben wir sie formell identifizieren können. Diese Art von Fehlern hing damit zusammen, dass die Menschen in Panik übereinander fielen und auf persönliche Gegenstände, die ihnen nicht gehörten“, rechtfertigt er sich. Doch in diesem Augenblick kommt es niemandem in den Sinn, BC099 einen Vorwurf zu machen, dessen Menschlichkeit den Saal ergriffen hat.
Le Parisien, 17.09.2021 – Bataclan
Vor dem besonderen Schwurgericht sagte der Polizist Patrick Bourbotte, der nach der Erstürmung des Bataclan durch die BRI und der Evakuierung der Verletzten des Terroranschlags mit seinem Team eintraf, über seine Ankunft im Konzertsaal aus, der sich in einen gigantischen Tatort verwandelt hatte.
Die Erstürmung des Bataclan, der am Morgen des 14. November 2015 um 00:18 Uhr von der BRI (Brigade de recherches et d’interventions, französisches Pendant zum deutschen SEK) eingeleitet wurde, war gerade beendet worden.
Patrick Bourbotte, ein erfahrener Polizist der Kriminalpolizei begegnet einem Kollegen von der BRI, dessen Gesichtsausdruck gezeichnet ist.
Er sagt zu mir: „Viel Glück! Ihr werdet stundenlang mitten im Horror sein.“ Ich wollte ihn zu seiner Arbeit beglückwünschen, aber er fügt hinzu: „Was ihr durchmachen werdet, könnte ich nicht machen.“
Diese so grauenerregende Aufgabe, das sind die Ermittlungsarbeiten an diesem gigantischen Tatort, an dem 90 Menschen ums Leben gekommen sind.
Ein methodisches und klinisches Eintauchen in das Blut und die Kugeln, das der Ermittler ausführlich am Freitag, 17. September 2021, vor dem besonderen Schwurgericht referiert, das über 20 Angeklagte zu urteilen hat.
Als er am Abend der Terrorangriffe von Paris und Saint-Denis mit seinem Team am Einsatzort eintrifft, erfasst der Kommandant von 51 Jahren auf Anhieb das Ausmaß der Tragödie, die sich ereignete. „Wir spürten die Schockstarre“, erzählt er, „wir befanden uns mitten unter den Opfern, die rennen, schreien, blutbedeckt waren. Es ist schrecklich.“ Mehrere Leichen liegen bereits im Umkreis des Pariser Konzertsaals.
Um 5 Uhr morgens, nachdem die Verletzten evakuiert waren, das offizielle Gefolge den Ort verlassen und die Örtlichkeiten vom Munitionsräumkommando gesäubert worden waren, stößt der Mann mit dem schütteren Harr und dem grauen Kinnbart das Tor zur Hölle auf.
„Es ist ziemlich unbeschreiblich. Die Atmosphäre ist erschütternd, düster, kalt. Ein großes, weißes Licht taucht den Ort in fahles Licht. Die Decken sind sehr hoch, was dem Raum den Aspekt einer Kathedrale gibt. Die Leichen sind ineinander verkeilt. Es sind so viele, dass man ihre Anzahl nicht erfassen kann. Wir hatten so etwas noch nie gesehen, wir hatten so etwas noch nie gesehen“, wiederholt er, bevor er seinen grauenerregenden Bericht wieder aufnimmt.
„Wir liefen über geronnenes Blut, inmitten von Stücken aus menschlichem Fleisch, Zähnen. Die Telefone vibrieren und klingeln.“ Patrick Bourbotte muss Atem schöpfen. Der Gerichtssaal mit zahlreichen anwesenden Nebenklägern ebenfalls. „Leichen, Leichen, Leichen“, stößt er mit dumpfer Stimme hervor.
Mit diesem Chaos konfrontiert, erklärt der Ermittler sein methodisches Vorgehen. Eine Methode, die normalerweise bei Luftfahrtkatastophen angewandt wird, wenn der Bereich zu groß und die Opfer zu weit verstreut liegen.
Um keine Spur an diesem außergewöhnlichen Tatort zu übersehen, wird das Bataclan in elf Bereiche eingeteilt und von A bis K bezeichnet.
Mit sorgfältiger Didaktik erläutert Patrick Bourbotte dem Schwurgericht dieses unheilvolle Alphabet: A, das Treppenhaus, wie der Körper eines der Attentäter in zwei Teile zerrissen gefunden wurde, nachdem er seinen Sprengstoffgürtel zur Explosion gebracht hatte. I: die Logen, von wo einige Überlebende sich zum Dachboden geflüchtet hatten, nachdem sie die Decke durchbrochen hatten.
„Ich hatte nur Angst vor einer Sache“, betont der Ermittler, „dass wir ein verletztes Opfer übersehen, das sich in einem Mauseloch versteckt hätte. Wir haben alles durchsucht, so gut wir konnten.“
Dann widmet sich der Zeuge dem Erdgeschoss, der Zone C: der rechte Gang mit 15 Leichen, davon acht ineinander verkeilt. „Sie wurden gleichzeitig vom Tod erfasst.“
Zone B: die Bar. Sieben Leichen, vier Männer, drei Frauen.
„Wir hatten den Eindruck, dass es sich um einzelne Hinrichtungen handelte, dass die Opfer jeweils nacheinander getötet worden waren“, analysiert er.
Die Bereiche E, F und G: die Tanzfläche mit den 44 Toten. Der rechte Abschnitt in der Achse des Eingangs war besonders ins Schussfeld geraten.
„Dort fanden wir die Leichen, die am schwersten getroffen worden waren mit sehr zerstörerischen Wunden“, präzisiert er. „Sie wurden von den ersten Feuerstößen erfasst, dort wo die Entfernung zu den Terroristen am kürzesten war.“
Die Worte von Patrick Bourbotte reichen aus, um das Massaker zu beschreiben.
Der Polizist hat es nicht für gut befunden, seine Aussagen mit Fotos zu bebildern, auch wenn Bilder plötzlich erscheinen, als er Dateien auf seinem Computer öffnet und schließt.
Stattdessen bietet er eine virtuelle Begehung des Bataclan nach der Renovierung an und nennt dabei die Namen eines jeden Opfers am Ort seines Auffindens.
Der Kommandant der „Crim“ hat den Ton dem Bild vorgezogen. Das Aufnahmegerät eines Konzertteilnehmers hat die Gesamtheit des Angriffs aufgezeichnet.
Die Ermittler haben daher sekundengenau den Ablauf des Attentats nachvollziehen können. So weiß man, dass 32 Minuten zwischen dem ersten und dem letzten Schuss vergehen (mindestens 309 Schuss wurden abgegeben).
Der Polizist hat sich entschlossen, die ersten 22 Sekunden der Aufnahme abzuspielen. „Es kommt einem vor, als würde es eine Ewigkeit dauern, aber es ist notwendig, es zu hören“, rechtfertigt er sich und verwendet dabei den Begriff „Barbarei“.
Nachdem sie vorgewarnt worden waren, verlassen einige Nebenkläger den Saal.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen, startet das Abspielprogramm in einer tiefen Stille.
Der Sound der Gitarren der Band „Eagles of Death Metal“ erfüllt den Saal, das Konzert ist an seinem Siedepunkt angelangt, dann erklingen die ersten Schüsse. In Salven. Erschreckend.
Die Verstärker geben nur noch Rückkopplungsgeräusche von sich, doch ohne den Lärm der Kugeln zu übertonen, die knallen und töten. Überflüssig noch mehr zu hören, um sich das Entsetzen vorzustellen, das die Zuschauer erfasst hat.
Patrick Bourbotte und sein Team sind zwei Monate lang jeden Tag ins Bataclan gekommen, um ihre Spurensicherungsmission zum Ende zu führen.
Und erst am 27. November 2015, vierzehn Tage nach den Attentaten, finden sie ein Bein von Samy Amimour, des ersten getöteten Terroristen, der von seinem Sprengstoffgürtel zerfetzt worden war.
Die langen Stunden, die er in der nächsten Umgebung des Verbrechens verbracht hat, haben Spuren hinterlassen.
„Ich fühle von ganzem Herzen mit den Nebenklägern“, schließt der Offizier mit zusammengeschnürter Kehle. „Ich wünsche ihnen sehr viel Kraft für diesen Prozess.“
„Das « absolute Chaos » auf der Terrasse des Café „La Belle Equipe, Le Parisien vom 20.09.2021
Das Sonder-Schwurgericht für Antiterror-Verfahren hat am heutigen Montag sein Eintauchen in die Tatorte der Anschläge von Paris und Saint-Denis fortgesetzt.
Im Zeugenstand ein ehemaliger Leiter der Kriminalpolizei von Versailles, der die erste Tatortsicherung nach dem Massaker auf der Restaurant-Terrasse des Bistros im 11. Arrondissement vorgenommen hat.
Auf dem Bildschirm des Gerichtssaals im Prozess um die Attentate des 13. November 2015, erscheint jäh das Bild, brutal und erschütternd. Bedeckt von Laken, deren Farben von Blitzen der Fotoapparate übersättigt sind, ruhen Leichen gruppenweise auf dem Gehweg zwischen den Bistrotischen verkeilt. Der Polizist, der im Zeugenstand steht, kommentiert nüchtern: „Dies ist, was wir bei unserer Ankunft vorgefunden haben. Das absolute Chaos“.
Mit der Zeugenvernehmung des ehemaligen Leiters der Kriminalpolizei von Versailles, die am 13. November 2015 als Verstärkung beordert worden war, um die Tatort- und Spurensicherung in der Bar „La Belle Equipe“ vorzunehmen, setzt die Sonder-Schwurkammer die Erforschung der Tatorte der Attentate von Paris und Saint-Denis fort.
Das Attentat des Terrorkommandos auf der Außenterrasse der Rue de Charonne 92, das außergewöhnlich mörderisch war (21 getötete Personen, von denen 19 am Ort des Anschlags gestorben sind), hatte sich gegen 21 Uhr 36 abgespielt.
Er und seine Assistenten kamen, unterstützt von siebzehn Ermittlern und vierzehn spezialisierten Polizisten, gegen Null Uhr dreißig vor Ort an.
Es waren sehr schwere Verletzungen, die von den massiven Schäden der Kugeln aus den Kalaschnikows herrührten
„Die Stimmung war ziemlich bedrückend“, beginnt er. „Es gab keinen Verkehr in Paris. Kein Geräusch abgesehen von den Sirenen der Rettungsfahrzeuge.“ Er spricht jetzt im Präsens. „Die Straßen sind abgesperrt. Einige Personen sind noch am Ort versammelt. Es gibt eine etwas überraschende Stille“, bemerkt er, der im Kontrast „mit der Gewalt der Taten stand, die soeben begangen worden waren.“
Auf dieser Restaurant-Terrasse, „die relativ klein war“, fährt er fort, befinden sich „dreizehn Opfer, alle auf dem Boden liegend und mit Laken bedeckt“. Etwas weiter entfernt, vor einer anderen Bar in der Straße, die als improvisierter Verbandplatz diente, ruhten sechs weiter Leichen von Personen, „die nicht reanimiert werden konnten“, ebenfalls unter Laken.
„Wir haben vier Ermittlungsorte identifiziert“, erklärt der Polizist, der jede einzelne erklärt und dabei, unterstützt von Schemata, den Namen eines jeden Opfers samt Geburtsdatum nennt.
Ihre Lage ist durch eine Silhouette dargestellt. „Die erste Leiche, die den Baum berührt ist Romain F., 31 Jahre. Er wurde in Hals, Schlüsselbein, Bauch und Brust getroffen. Die zweite Leiche ist die von Marie-Aimée D., geboren 18. Juli 1981, sie wurde in Rückenlagen aufgefunden. Sie wurde in Mund, Hals, Bauch, die rechte Schulter und das linke Bein getroffen.“
Später präzisiert er: „Es gab keine Kampfspuren. Es waren sehr schwere Verletzungen, die von den massiven Schäden der Kugeln aus den Kalaschnikows herrührten.“
Vor ihnen hatten bereits Ersthelfer 128 ausgeschossene Hülsen aufgesammelt und in zwei große Pappsäcke gelagert.
Er und seine Teams bergen noch „73 zusätzliche ballistische Elemente“.
Das Innere des Bistros ist von Einschusslöchern übersät – „Boden, Decke, Wände“ – bis zum zweiten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes.
Die Ermittler sichern das Video eines Anwohners, auf dem man das Auto des Terrorkommandos mit offenen Türen erblickt und zwei der drei Angreifer – einer mit orangenen Schuhen (Abdelhamid Abaaoud) und eine anderer mit bläulicher Hose (Brahim Abdeslam).
Das Sonder-Schwurgericht lässt das 28 Sekunden lange Video abspielen, die „das Ende des Anschlags“ zeigen. „Wie viel Zeit hat er gedauert?“, fragt die Anwältin eines Opfers. „Ein bis zwei Minuten“, antwortet der Polizist. Und der Schrei, der gellt? Bevor sie das Weite suchten, haben die beiden Terroristen „Allahu Akbar“ geschrieben, präzisiert die Staatsanwaltschaft.
Die „Belle Equipe“ war erfüllt von Freundschaft. Die Opfer kannten sich. Es gab mindestens zwei Geburtstagsfeiern.
Die Fragen der Anwälte der Nebenkläger lassen das riesige Unverständnis der Überlebenden und der trauernden Angehörigen erahnen. So wie der der fragte, ob die vierzehn Minuten, die das vorherige Attentat trennte (bei den Bars „La Bonne Bière“ und „Casa Nostra“) es nicht ermöglichte, „ein Fahrzeug zu verfolgen, das bereits aufgefallen war.“
„Ich hatte die Vermutung, dass sie ein neues Ziel mit vielen Personen suchten und auch ihre Waffen nachgeladen haben“, antwortet der Polizist.
Angesichts eines anderen, der erwähnt, dass er sich bei dem Geburtsdatum eines Opfers geirrt hat, entschuldigt er sich vielmals: „Ich habe es hier vor mir liegen. Es muss die Emotion sein!“
Zuvor hatte er betont: „‘La Belle Equipe‘ das war keine anonyme Bar, sondern ein Ort der Begegnung. Sie war erfüllt von Freundschaft. Die Opfer kannten sich. Es gab mindestens zwei Geburtstagsfeiern…“. Er hatte auch von der Zeugenaussage zweier Passanten berichtet, die von den Terroristen, deren Auto an einer roten Ampel stand mit den Worten angesprochen wurden: „Heute Abend ist der Islamische Staat gekommen, um euch abzuschlachten!“
Auf der Anklagebank bittet Salah Abdeslam erneut um das Wort. Er möchte Anmerkungen zu den gezeigten Videos machen. „Während Frankreich seine Toten zählt, haben wir es aufgegeben unsere zu zählen“, rechtfertigt er, bevor er sein Gefasel mit den Worten beendet: „Diese Terroristen, das sind meine Brüder!“.
Nach dem folgenden Zeugen von der Polizei und dem Abspielen eines Videos, auf dem man seinen Bruder Brahim sieht, wie er sich auf der bedeckten Terrasse des Comptoir Voltaire in die Luft sprengt (drei schwer verletzte Personen) meldet er sich nicht mehr zu Wort.
Hier der Bericht desselben Verhandlungstags diesmal aus der Feder der Gerichtsreporterin von „Le Monde“, Pascale Robert-Diard
Prozess der Attentate vom 13. November. Die Grabrede der Polizei für die Toten der „Belle Equipe“.
Zwei Ermittler haben akribisch die Attacken gegen die Restaurants „Le Belle Equipe“ und das „Comptoir Voltaire“ nachgezeichnet. Eine Aussage, die von Zwischenrufen des Angeklagten Salah Abdeslam.
Die meisten kannten sich, sie hatten sich am 13. November 2015 auf der Außenterrasse der „Belle Equipe“ verabredet, um zwei Geburtstage zu feiern. Die Schießerei hat „ein bis zwei Minuten“ gedauert. Einundzwanzig Tote. An die zwanzig Verletzte.
Die Toten sind farbige Umrisse auf dem Bildschirm, deren Identität der Ermittler RIO1039672 am Montag, dem 20. September 2021 vor dem Sonder-Schwurgericht in Paris aufzählt:
„A blau: Romain Feuillade, getroffen in Hals, Schlüsselbein, Bauch, Brust; B gelb-orange: Marie-Aimée Dalloz, Mund, Hals, Bauch, rechte Schulter, linke Schulter; C grün: Thierry Hardouin, Brust, Bauch; D schwarz: Hyacinthe Koma, zwei Wunden in der Brust; E grau: Justine Dupont, drei Wunden in der Brust, zwei an der rechten Flanke, eine an der linken Flanke; F blau: Ciprian-Ionut Calcin, in Embryohaltung, getroffen in die linke Flanke, in Gesicht und Brust; G lila: Lamia Mondeguer, Gesicht, Hals, Brust, Unterbauch; H grün: Romain Didier, Seitenlage, vier Wunden an den unteren Extremitäten, Rücken; I dunkelgrün: Michelli Gil Jaimez, linke Flanke; J grau: Lacramioara Marina Pop, getroffen in die Leiste und den unteren Rücken; K grün, Anne-Laure Arruebo, auf einem Stuhl sitzend, Oberkörper herabgesunken, Bauch, Ohren, untere Extremitäten; L türkis, Cédric Ginestou, Halsbasis, Schlüsselbein, Oberschenkel; M gelb, Cécile Coudon Peccadeau de l’Isle, Schädel und unterer Hals“.
Man möchte bei dieser rimbaud’schen Totenrede innehalten, die das Entsetzen materialisiert. Bei diesen züchtigen Umrissen, von denen einige sich überlagern und ineinander verschlungen sind. Marie-Aimée Dalloz und Thierry Hardouin, Lamia Mondeguer und Romain Didier waren im Leben Paare, im Tod sind sie umschlungen. Auf einem Tisch im Inneren des Restaurants erfasst der Blick einen Strauß roter Rosen, unversehrt in seiner Vase mitten im Chaos.
Schwarze Bestandsaufnahme
Doch schon erscheint ein anderes Bild auf dem Schirm. In einem improvisierten Verbandplatz, einige Meter von der „Belle Equipe“ gelegen, liegen sechs andere Leichen, die die Ersthelfer nicht hatten reanimieren können. Der Ermittler setzt seine schwarze Bestandsaufnahme fort: „1. Djamila Houd: Schulter, Brustkorb, Nacken, Rücken; 2. Véronique Geoffroy verheiratete Ricour-Lagache de Bourgies: Schulterblatt, Flanke; 3. Guillaume Le Dramp : linke Achsel, obere und untere Extremitäten ; 4. Macathéo-Ludovic Boumbas: Schulterblatt, Flanke; 5. Halima Saadi verheiratete Ndiaye: Arm, Brust, Nacken, Schulterblatt; 6. Victor Munoz: Nacken, Schulterblatt, untere Extremitäten.“
René Bichon und Hodda Sâadi sind nicht auf dem Bild, sie sind wenig später ihren Verletzungen erlegen.
Von der Schießerei hat das Mobiltelefon des Bewohners eines der „Belle Equipe“ benachbarten Gebäudes 28 Sekunden aufgezeichnet. Sie werden im Gerichtssaal abgespielt. Zwei Männer schießen Salven auf Restaurantgäste, einer schießt auf ein vorbeifahrendes Auto, ohne es zu treffen. Dann erreicht Abdelhamid Abaaoud den schwarzen Seat und setzt sich ans Steuer, Brahim Abdeslam steigt an der Beifahrerseite ein. Auf dem Bildschirm sieht man nicht den dritten Terroristen Chakib Akrouh. „Allah Akbar“ schreien sie in eine Stille des Entsetzens.
164 ausgeschossene Hülsen werden auf dem Boden gefunden. Eine Kalaschnikow hat 56 Kugeln verschossen, eine andere 37, die dritte 71. Man notiert all diese Einzelheiten, die von den Ermittlern vorgetragen werden und fragt sich flüchtig, wer die mörderischste Waffe in Händen hielt.
Die Familie eines Opfers hat eine andere Frage, die sie über ihren Anwalt stellen lässt: „Weiß man, welcher der drei sie getötet hat?“ RIO1039672 bedauert. Nein, er kann diesen Abgrund nicht beantworten.
Was er allerdings weiß ist, dass wenige Minuten vor der Schießerei in der „Belle Equipe“ zwei angehende Ärzte, die zu einem benachbarten Restaurant spazierten, dem Auto des Terrorkommandos begegnet sind, das an einer roten Ampel stand.
Einer der Insassen hat sie angestarrt und ihnen zugerufen: „Heute ist der Islamische Staat gekommen, um euch abzuschlachten!“ Er muss ihren ungläubigen Blick bemerkt haben, so dass er hinzufügte: „Das ist kein Witz!“
Von der Anklagebank erhebt sich plötzlich die Stimme von Salah Abdeslam.
„Hört man mich? Hallo zusammen. Zu Beginn möchte ich etwas zu den Videos anmerken, die von den Ermittlern gezeigt wurden. Ich möchte sagen, dass wenn man sie aus dem Kontext reißt, dann bin ich der erste, der sie missbilligt. Aber wenn man sie im Kontext betrachtet, dann kann ich sie nicht verurteilen.
- In Ordnung. Und weiter?, antwortet ruhig die Stimme des Vorsitzenden Jean-Louis Périès.
- Es gibt Franzosen, Deutsche, Belgier, Leute unterschiedlicher Nationalität, manche von ihnen muslimischen Glaubens, die nach Syrien und den Irak ausgewandert sind, mit dem Ziel, dort in Würde ihre Religion praktizieren zu können. Und Frankreich hat sie ermordet, Frankreich hat sie getötet, Frankreich hat sie massakriert. Wenn Frankreich seine Toten zählt, haben wir aufgehört die unseren zu zählen. Man kann Krieg führen, sich hassen, aber die Tür des Dialogs muss immer geöffnet bleiben…“
Auf den Bänken der Nebenkläger mischt sich Gelächter mit Zornesausrufen.
- „Da ist ein wenig Provokation in Ihrem Vortrag“, unterbricht der Vorsitzende.
- Nein
- Doch, Monsieur Abdeslam, wenn man mit Kalaschnikows auf zivile Personen in einem Restaurant oder einer Konzerthalle schießt, dann ist man nicht in einem Dialog“.
- Frankreich stellt sich als Opfer dar, dabei wissen wir alle, dass es als erstes angegriffen hat.
- Die Personen, die im Restaurant erschossen wurden, waren nicht diejenigen, die in Syrien als Aggressoren aufgetreten sind. Zu dem Thema werden Personen als Zeugen aussagen. Lassen sie uns im Programm weitermachen.
- Was ich sagen will ist, dass der 13. November unvermeidbar war.
- Das ist eine Provokation.
- Nein. Allerdings können Sie weitere 13. November vermeiden. Aus diesem Grund spreche ich von Dialog. Wenn ihnen die Ermittler ihre Abschlussberichte vorlegen, dann ist es so, als wenn Sie nur die letzten Seiten eines Buches lesen. Wenn man aber ein Buch verstehen will, muss man es von Anfang an lesen.
- Das reicht.
- Ich will noch eine letzte Sache sagen. Diese Terroristen, das sind meine Brüder.
- Das haben wir schon verstanden.
Vom Plural zum Singular
Man hat noch diesen Plural – „meine Brüder“ – im Ohr als ein neuer Ermittler in den Zeugenstand tritt. Mit seinem Team der Kriminalpolizei aus Lille, war RIO1206362 seinen Pariser Kollegen zur Unterstützung gekommen. Ihm war der Tatort beim „Comptoir Voltaire“ zugeteilt worden, wo Brahim Abdeslam sich in die Luft gesprengt hatte, wobei elf Personen verletzt worden waren, zwei davon schwer.
Und da erscheint er auf dem Bildschirm des Schwurgerichts von der Kamera des Restaurants um 21 Uhr 41 erfasst. Bekleidet mit einer schwarzen Lederjacke und einer dunkelblauen Hose, geht er mit entschlossenen Schritten zur bedeckten Außenterrasse, wo an die dreißig Personen sitzen. Er tritt ein, sieht sich um, rempelt die Kellnerin an, sie ruft ihm etwas zu, er deutet eine Geste mit der linken Hand an, in Richtung Gesicht und Kragen. Eine Rauchwolke.
Brahim Abdeslam liegt auf dem Boden „mit klaffender Wunde auf Höhe der linken Niere“, präzisiert der Ermittler.
Das anschließende Geschehen wurde nicht gefilmt, sie wird von RIO1206362 berichtet. Ein Arzt von der Feuerwehr im Ruhestand und ein Sanitäter, die sich in der Nähe befanden, glauben zunächst an eine Gasexplosion. Sie stürzen zu dem Mann auf dem Boden, um eine Herzdruck-Massage zu unternehmen.
Sie öffnen seine Lederjacke, zerreißen sein T-Shirt, entdecken die elektrischen Drähte. Nur die Rückenpartie der Sprengstoffweste ist explodiert, dabei mehr als hundert Schraubenmuttern herauskatapultierend. Die intakte Brustpartie wurde von Entschärfern entfernt. Salah Abdeslam hat still die letzten Sekunden im Leben seines Bruders – im Singular – verfolgt.
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