Attentate vom 13. November 2015 in Paris – eine Analyse der Täter und ihrer Motive

Die französischen und belgischen Terrorermittler machen jeden Tag neue Fortschritte bei der Identifikation der Attentäter.

Eine andere Frage indes, die nicht nur die Strafverfolgungsbehörden beschäftigt, ist die, herauszufinden, welche Motive und Beweggründe die Täter haben und welches soziologische und psychologische Profil sie aufweisen.

Unter den vielen Artikeln der französischen Tagespresse finde ich zwei Analysen in ihrer Originalität und in ihrem Erkenntnisgewinn bemerkenswert.

Der erste Artikel stammt von Oliver Roy, seines Zeichens Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und zuvor Dozent an der Soziologen-Kaderschmiede EHESS und in Sciences Po. Zugegebenermaßen fällt es mir an einzelnen Stellen schwer, seinen Gedankengängen zu folgen. Bisweilen beschleicht mich auch der Eindruck, dass er manche seiner Argumente nicht konsequent zu Ende gedacht hat und einzelne Thesen auch anhand von Fakten überprüft werden müssten.

Dennoch finde ich, dass er einige interessante Aspekte herausarbeitet und dem Thema statt abgedroschener Betrachtungen neue Perspektiven abgewinnt.

Die zentralen Thesen seines Artikels haben bereits in seinen Wikipedia-Eintrag Eingang gefunden. Im Original ist der Text leider nur für zahlende Kundschaft reserviert. Hier ist die Übersetzung:

Der Dschihadismus ist ein nihilistisches Jugendphänomen

Frankreich befindet sich im Krieg! Vielleicht. Doch gegen wen oder gegen was? Der Islamische Staat schickt keine Syrer nach Frankreich, damit sie dort durch Anschläge die französische Regierung davon abhalten, ihn zu bombardieren.

Der IS schöpft aus einem Reservoir junger, radikalisierter Franzosen, die, egal, was im Nahen Osten passiert, ohnehin bereits mit allem gebrochen haben und ein Anliegen, ein Label, eine große Erzählung für sich suchen, um eine blutige Unterschrift unter ihre persönliche Revolte zu setzen. Die Zerschlagung des IS wird an dieser Revolte nichts ändern.

Der Zustrom dieser jungen Leute zum IS ist rein opportunistischer Natur: gestern waren sie bei Al Qaida, vorgestern (1995) waren sie die Subunternehmer der algerischen GIA oder reisten als Nomaden des individuellen Djihads nach Bosnien, Afghanistan oder nach Tschetschenien (wie die Gang von Roubaix). Und morgen werden sie unter einem anderen Banner kämpfen, es sei denn dass der Tod im Kampf, die einsetzende Reife oder die Desillusionierung ihre Reihen lichten, wie es bei den Linksextremen in den 1970er Jahren der Fall gewesen ist.

Es gibt keine „Dritte“, „Vierte“ oder „x-te Generation“ von Djihadisten. Seit 1996 werden wir mit einem sehr stabilen Phänomen konfrontiert: der Radikalisierung von zwei Kategorien junger Franzosen. Es handelt sich dabei um die „Zweite Generation“ von Muslimen sowie um konvertierte „einheimische“ Franzosen.

Das wesentliche Problem für Frankreich ist daher nicht das Kalifat in der syrischen Wüste, das sich früher oder später wie eine in einen Alptraum verwandelte Fata Morgana auflösen wird, das Problem ist die Revolte dieser Jugend. Die wichtigste Frage ist, herauszufinden, was diese jungen Leute repräsentieren: sind sie die Vorreiter eines kommenden Krieges oder sind sie im Gegenteil die Versager eines Bauchgrummelns der Geschichte?

Einige Tausend unter Millionen

Zwei Lesarten beherrschen den Diskursschauplatz und prägen die Fernsehdebatten und die Meinungsseiten in den Zeitungen: es handelt sich dabei im Wesentlichen um den kulturalistischen Ansatz und den Dritte-Welt-Ansatz.

Ersterer führt den wiederkehrenden und schmerzhaften Kampf der Zivilisationen an: die Rebellion der jungen Muslime zeigt nur, wie sehr es dem Islam unmöglich ist, sich zu integrieren, zumindest solange keine theologische Reform den Aufruf zum Djihad aus dem Koran getilgt hat.

Der zweite bringt beständig die postkolonialen Schmerzen, die Identifikation dieser jungen Leute mit der palästinensischen Sache, ihre Ablehnung der westlichen Interventionen im Nahen Osten und ihre Ausgrenzung durch die rassistische und islamophobe französische Gesellschaft vor; kurz die alte Leier: solange der israelisch-palästinensische Konflikt nicht gelöst ist, wird es diesen Aufruhr geben.

Und doch stoßen diese beiden Erklärungsansätze immer wieder auf dasselbe Problem: wenn die Ursachen der Radikalisierung strukturell sind, warum betrifft sie dann nur einen sehr geringen und sehr umgrenzten Teil derjenigen, die sich Muslime in Frankreich nennen können? Einige Tausend unter Millionen. Denn diese jungen Radikalen sind identifiziert. Alle Terroristen, die zur Tat geschritten sind, waren mit der berühmt-berüchtigten „Fiche S“ beim Inlandsgeheimdienst registriert.

Ich möchte hier nicht die Frage der Prävention diskutieren, ich möchte lediglich anmerken, dass die Informationen vorhanden und zugänglich sind. Lasst uns also analysieren, wer sie sind und versuchen wir daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Islamisierung der Radikalität

Fast alle französischen Djihadisten gehören zwei sehr präzisen Gruppen an: sie gehören entweder zur „Zweiten Generation“, also der in Frankreich geborenen oder als Kinder eingewanderten Muslime; oder es sind Konvertiten (deren Anzahl mit der Zeit zunimmt, doch gab es bereits 25 % Radikale Ende der 1990er Jahre). Das bedeutet, es gibt unter den Radikalen keine „Erste Generation“ (auch keine kürzlich Eingewanderten) und noch weniger eine „Dritte Generation“. Dabei existiert diese Gruppe durchaus, und sie wächst an: die marokkanischen Einwanderer der 1970er Jahre sind jetzt Großeltern, und doch findet man ihre Enkel nicht unter den Terroristen.

Und warum wollen die Konvertiten, die niemals unter Rassismus gelitten haben, plötzlich die von Muslimen erlittenen Demütigungen rächen? Überhaupt kommen viele Konvertiten, wie Maxime Hauchard, aus ländlichen Gebieten und haben wenig Grund, sich mit der muslimischen Community zu identifizieren, die für sie nur eine virtuelle Existenz besitzt. Kurz gesagt, es ist keine „Revolte des Islam“ oder der „Muslime“, sondern ein sehr präzises Problem, das zwei Kategorien von jungen Leuten betrifft, mit Migrationshintergrund aber auch ohne. Es handelt sich nicht um eine Radikalisierung des Islam, sondern um die Islamisierung der Radikalität.

Was haben diese „Zweite Generation“ und die Konvertiten gemeinsam? Es handelt sich zunächst einmal um eine Jugendrevolte: die Vertreter beider Gruppen brechen mit ihren Eltern oder, genauer gesagt, mit dem, was ihre Eltern in puncto Kultur und Religion repräsentieren. Die Vertreter der „Zweiten Generation“ befolgen nicht den Islam, wie ihn ihre Eltern leben, sie repräsentieren auch nie eine Tradition, die sich gegen die Verwestlichung auflehnen würde. Sie sind verwestlicht. Sie sprechen besser Französisch als ihre Eltern. Sie wurden allesamt von der Jugendkultur ihrer Generation geprägt, sie haben Alkohol getrunken, Joints geraucht und mit Mädchen in der Disco geflirtet. Ein großer Teil von ihnen hat einen Gefängnisaufenthalt hinter sich. Und eines schönen Tages (re-) konvertieren sie, indem sie den salafistischen Islam annehmen, d.h. einen Islam, der das Konzept der Kultur ablehnt, einen Islam der Regeln, der es ihnen erlaubt sich selbst wieder aufzubauen. Denn sie wollen weder die Kultur ihrer Eltern, noch eine „westliche“ Kultur, die das Symbol ihres Selbsthasses geworden ist.

Der Schlüssel zu dieser Revolte ist zunächst einmal die gescheiterte Vermittlung einer kulturell integrierbaren Religion. Dieses Problem betrifft weder die „Erste Generation“, Träger des kulturellen Islams ihrer Heimatländer, den sie jedoch nicht zu vermitteln vermocht haben, noch die „Dritte Generation“, die mit ihren Eltern Französisch sprechen und dank ihnen eine Ausdrucksform des Islam gefunden haben, der mit der französischen Gesellschaft kompatibel ist: auch wenn dies konfliktbeladen sein kann, ist zumindest eine Diskussion möglich.
Wenn sich viel weniger Türken als Maghrebiner in den radikalen Bewegungen finden, dann liegt das zweifelsohne daran, dass bei den Türken die Integration der Religion durch den türkische Staat sichergestellt werden konnte, der sich der Einbeziehung angenommen hat, indem er Imame und Lehrer schickte (was andere Probleme mit sich bringt, aber man umgeht damit das Anheimfallen an Salafismus und Gewalt).

Jugendliche, die mit allem gebrochen haben

Die jungen Konvertiten nehmen hingegen die „reine“ Religion an; der kulturelle Kompromiss interessiert sie nicht (sie haben nichts mit den vorherigen Generationen zu tun, die zum Sufismus konvertierten). Hier treffen sie auf die Vertreter der „Zweiten Generation“ in der Befolgung eines „Islam des Bruchs“, eines generationenbezogenen Bruchs, eines kulturellen Bruchs und schließlich eines politischen Bruchs. Kurz gesagt: es hilft nichts, ihnen einen „moderaten Islam“ anzubieten, es ist ja gerade per se die Radikalität, die sie anzieht. Der Salafismus ist nicht nur eine Frage von aus Saudi-Arabien finanzierten Predigten, sondern ist genau das Produkt, das diesen Jugendlichen, die alle Brücken hinter sich abgebrochen haben, zusagt.

Schließlich, und darin besteht der große Unterschied, zu den jungen Palästinensern, die verschiedene Formen der Intifada praktizieren, verstehen die muslimischen Eltern der französischen Radikalen diese Auflehnung ihres Nachwuchses nicht. Sie versuchen mehr und mehr, wie die Eltern der Konvertiten, die Radikalisierung ihrer Kinder zu verhindern: sie rufen die Polizei, sie fliegen in die Türkei, in dem Bestreben, sie zurück nach Hause zu holen, sie fürchten – zu Recht – , dass die älteren Geschwister, die jüngeren in die Radikalisierung mit hineinziehen. Kurz gesagt: weit entfernt davon, das Symbol der Radikalisierung der muslimischen Bevölkerungsschichten zu sein, sprengen sie die Generationenkluft, d.h. ganz einfach die Familie.

Sie haben nicht nur mit ihrer Familie gebrochen, sondern stehen auch abseits der muslimischen Gemeinden: sie haben fast nie ein frommes Leben geführt oder die Religion praktiziert, im Gegenteil. Die Presseartikel gleichen sich erstaunlich: nach jedem Attentat wird im Umfeld der Mörders recherchiert und alle geben sich überrascht: „Wir verstehen das nicht, er war doch so ein lieber Junge (Variante: „nur ein Kleinkrimineller), er betete nicht, er trank Alkohol, rauchte Joints, hatte Freundinnen…ja stimmt, seit ein paar Monaten hat er sich auf komische Weise verändert, er hat sich einen Bart wachsen lassen und hat angefangen, uns mit der Religion auf den Wecker zu gehen.“ Die weibliche Version kann man in den unzähligen Artikeln zu Hasna Aït Boulahcen, „Miss Djihad Frivole“, nachlesen.

Es ergibt keinen Sinn, hier die Taqiyya, die Verschleierung aus religiösen Gründen, anzuführen, denn wenn sie einmal „wiedergeboren“ sind, verheimlicht diese Jugend nichts, stattdessen breitet sie ihre neue Überzeugung auf Facebook aus. Sie stellen ihr neues allmächtiges Ich zur Schau, ihren Willen, Rache an einer unterdrückten Frustration zu üben, ihre Beglückung über ihre neue Allmacht, die ihnen ihr Wille zu töten und die Faszination ihres eigenen Todes verleihen. Die Gewalt, der sie sich verschreiben, ist eine moderne Gewalt, sie töten wie die Amokläufer in Amerika oder wie Breivik in Norwegen, kaltblütig und ruhig. Nihilismus und Hochmut gehen hier eine tiefe Verbindung ein.

Dieser fanatische Individualismus findet seine Entsprechung in der Isolation im Verhältnis zu den muslimischen Gemeinden. Nur wenige besuchten eine Moschee. Ihre jeweiligen Imame waren oft selbsternannt. Ihre Radikalisierung vollzieht sich in einer Vorstellungswelt des Heldentums, der Gewalt und des Todes, nicht der Scharia oder der Utopie. In Syrien führen sie nur Krieg, keiner von ihnen integriert sich in oder interessiert sich an der Zivilgesellschaft. Wenn sie sich Sexsklavinnen halten, oder junge Frauen im Internet rekrutieren, um sie zu Ehefrauen zukünftiger Märtyrer zu machen, bedeutet es nichts anderes als dass sie keinerlei soziale Integration in den muslimischen Gemeinden haben, die sie zu verteidigen vorgeben. Sie sind eher nihilistisch als utopisch.

Keiner interessiert sich für Theologie

Wenn einige von ihnen eine Tabligh (Gesellschaft für fundamentalistische muslimische Predigten) besucht haben, so hat keiner die Muslimbrüder (Union des organisations islamiques de France) frequentiert, keiner hat sich in einer politischen Bewegung betätigt, insbesondere nicht in den propalästinensischen Bewegungen. Keiner hat sich in den Gemeinden engagiert, z.B. durch Organisation der Mahlzeiten am Ende des Ramadans, Predigten in den Moscheen oder Tür-zu-Tür-Missionierung. Keiner hat ernsthafte religiöse Studien betrieben. Keiner interessiert sich für Theologie oder das Wesen des Dschihad oder des Islamischen Staats.

Sie radikalisieren sich in einer kleinen Gruppe von Freunden, die sich in einem bestimmten Ort kennengelernt haben (Siedlung, Gefängnis, Sportverein); sie erschaffen sich eine „Familie“, eine Bruderschaft. Es gibt hier ein wichtiges Schema, das noch niemand untersucht hat: bei der Bruderschaft handelt es sich auch oft tatsächlich um biologische Geschwister. Man findet sehr oft ein Brüderpaar, das gemeinsam zur Tat schreitet (die Brüder Kouachi oder Abdeslam; Abdelhamid Abaaoud, der seinen kleinen Bruder nach Syrien kidnappt; die Brüder Clain, die gemeinsam konvertiert sind oder die Brüder Tsarnayev, die Attentäter des Boston Marathon 2013). Es ist als ob die Radikalisierung der Geschwister (Schwestern eingeschlossen) ein Mittel wäre, um die generationenbezogene Dimension und den Bruch mit den Eltern zu unterstreichen.

Die so gegründete Terrorzelle strebt danach, emotionale Bindungen zwischen ihren Mitgliedern herzustellen. Oft heiratet ein Mitglied die Schwester eines Waffenbruders.

Die dschihadistischen Zellen ähneln nicht den radikalmarxistischen oder nationalistischen Bewegungen (algerischer FLN, IRA oder ETA). Da sie auf persönlichen Bindungen beruhen, sind sie kaum anfällig für eine Infiltration.

Die Terroristen sind folglich nicht der Ausdruck einer Radikalisierung muslimischer Bevölkerungsschichten, sondern spiegeln eine generationenbezogene Jugendrevolte wider, die eine präzise Kategorie junger Leute betrifft.

Warum der Islam? Für die „Zweite Generation“ liegt es auf der Hand: sie eignen sich eine Identität an, die ihre Eltern in ihren Augen, entwürdigt haben: sie sind „muslimischer als die Muslime“ und insbesondere ihre Eltern. Die Energie, die sie an den Tag legen, um ihre Eltern (vergeblich) zu rekonvertieren ist bezeichnend, zeigt sie doch, wie sehr sie auf einem anderen Planeten leben (alle Eltern haben ihre Erfahrungen mit diesen Diskussionen). Was die Konvertiten angeht, sie wählen den Islam, weil es nur das auf dem Markt der radikalen Revolte gibt. Dem Islamischen Staat beizutreten garantiert ihnen die Gewissheit, Grauen einzuflößen.

 

Der zweite Artikel stammt von Marcel Gauchet, Historiker und Philosoph und Studiendirektor an der EHESS. Er befasst sich sowohl mit dem soziologischen als auch mit der spirituell-metaphysischen Seite des Terrorphänomens:

 

Der islamische Fundamentalismus ist ein paradoxes Anzeichen für den Abschied vom Religiösen

Der Philosoph und Historiker Marcel Gauchet äußert sich zu den Ursachen der terroristischen Gewalt.

 Le Monde: Wie soll man die Attentate des 13. November und dieses Ausbruch des Hasses einordnen?

Marcel Gauchet: Die terroristische Gewalt erscheint uns im ersten Augenblick undenkbar, weil sie sich in keins der uns bekannten Verständnisraster einfügt. Wir wissen selbstverständlich, dass die Mörder im Namen des Islamismus handeln, doch unsere Vorstellung von Religion ist so weit entfernt von einem solchen Verhalten, dass wir diese Beweggründe nicht ernst nehmen. Wir suchen dann immer gleich nach ökonomischen oder sozialen Gründen, dabei spielen die höchstens die Rolle des Auslösers.

Und doch ist es ein religiöses Phänomen, mit dem wir konfrontiert sind. Solange wir dieser Tatsache nicht ins Auge sehen, werden wir nicht verstehen, was uns hier passiert. Das verlangt uns ab, vollständig zu überdenken, was wir unter dem Begriff „Religion“ verstehen und was der religiöse Fundamentalismus repräsentiert, in diesem Fall der islamische Fundamentalismus. Denn auch wenn alle religiösen Traditionen von Fundamentalismus betroffen sind, so ist doch der islamische Fundamentalismus besonders ausgeprägt und virulent. Wir müssen verstehen, warum.

Le Monde: Handelt es sich bei der Reaktivierung des Fundamentalismus im Islam paradoxerweise um die letzten Zuckungen eines globalen Verschwindens der Religion?

Marcel Gauchet: Ja, das kann man so zusammenfassen. Man darf natürlich nicht den Abschied der Religion auf den persönlichen und individuellen Glauben oder „Unglauben“ reduzieren. Es handelt sich um ein Phänomen, das die tiefsten Bereiche der Gesellschaft betrifft.

Die Religion hat das Leben in den Gesellschaften organisiert und die Neuerung der Moderne, ist, dieser Organisation zu entrinnen. Nun vollzieht sich der Rückgang dieser religiösen Organisation weltweit. In gewisser Weise könnte man sagen, dass dies der endgültige Zweck der Globalisierung ist. Die Globalisierung ist eine kulturelle Verwestlichung des Planeten unter wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Gesichtspunkten, doch die Gesichtspunkte sind in Wahrheit die Resultate des Verschwindens der Religion im Okzident. Und zwar dergestalt, dass ihre Verbreitung der Gesamtheit der Gesellschaften eine Abkehr der religiösen Ordnung der Welt auferlegt.

Man erkennt nicht sofort die Verbindung zwischen dieser ökonomischen und technischen Geisteshaltung und der Abkehr von der Religion, und doch ist sie direkt. Auch darf man sich nicht darüber wundern, dass das Eindringen dieser Modernität in gewissen Kontexten als eine kulturelle Aggression wahrgenommen wird, die eine vehemente Reaktivierung religiöser Bestände, die zwar in Auflösung begriffen sind, aber noch immer präsent genug sind, um mobilisiert werden zu können. Doch Vorsicht: Fundamentalismus ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Terrorismus. Dies sind Dinge, die unabhängig voneinander auftreten können.

Le Monde: Könnten man nicht im Gegenteil in diesem muslimischen Fundamentalismus ein Wiederaufrüsten des Religiösen erblicken?

Marcel Gauchet: Das ist eine absolut zulässige Hypothese. Doch scheint sie mir durch Tatsachen widerlegt.

Aus historischen Gründen ist in den europäischen Gesellschaften die Abkehr von der Religion am weitesten fortgeschritten. An sich müssten es also jene sein, die unter einem Mangel des Religiösen leiden. Nun können die Europäer in persönlicher Hinsicht von spirituellen Fragen gepeinigt sein und viele sind es auch, doch nimmt diese Suche überhaupt nicht die Form einer politischen Bewegung an. Ganz im Gegenteil. Das Spirituelle gehört in den europäischen Gesellschaften traditionell dem intimsten Bereich der Individuen an. Es hält sie von einen Einwirken auf die Gesellschaft ab.

Umgekehrt ist der wahre Fundamentalismus ein Projekt von revolutionärer Inspiration. Im Fall des Islam wird das Projekt, der Religion wieder im Leben der Gesellschaften zur Macht zu verhelfen, unschwer durch die Rückkehr der Scharia symbolisiert, ein Gesetz, das alle Bereiche des gemeinschaftlichen Lebens umfasst.

Der Fundamentalismus ist ein radikales, soziales Projekt, das ist der ganze Unterschied. Darum vergleichen manche den Fundamentalismus mit dem Totalitarismus, war mir nicht ganz einleuchtet. Die Religion ist etwas ganz anderes als die totalitären Ideologien, deren Auswirkungen wir in unserer Geschichte gesehen haben.

Le Monde: Man soll „keine vorschnellen Schlüsse ziehen“, wiederholt man uns ohne Unterlass. Haben denn diese Taten – verübt mit dem Ruf „Allah akbar!“ – etwas mit dem Islam und dem historischen Moment, den er durchlebt, zu tun?

Marcel Gauchet: Eindeutig. „Keine vorschnellen Schlüsse“ bedeutet nur, dass man nicht in undifferenzierter Weise den Islam beschuldigen darf und allen Muslimen vorzuwerfen, an diesem Phänomen mitzuwirken.

Umgekehrt kann man aber nicht sagen, dass der Islam damit überhaupt nichts zu tun hat. Ich wiederhole, dass der Fundamentalismus nicht kennzeichnend für den Islam ist. Er erscheint bei allen religiösen Traditionen dieser Welt unter mehr oder weniger militanten Formen. Dennoch sind wir gezwungen zu konstatieren, dass der islamische Fundamentalismus ausgeprägt und vehement ist. In ihm zeigt das Phänomen des Fundamentalismus heute seinen stärksten Ausdruck auf der Welt. Man muss also diese Verbindung zwischen Islam und seinen fundamentalistischen Ausdrucksformen hinterfragen. Und dies wiederum kann man nicht vom Zustand der muslimischen Gesellschaften trennen und ihrer sehr speziellen Situation, insbesondere im Nahen Osten.

Le Monde: Warum nimmt der Islamismus heute eine derart radikale Form an?

Marcel Gauchet: Der erste Punkt, den man sich bewusst machen muss, um den Islamismus zu verstehen, ist die Nähe des Islam zu unseren eigenen religiösen jüdisch-christlichen Traditionen. Vom Orient aus gesehen, vom Buddhismus oder Konfuzianismus, ist der Okzident sehr exotisch, er ist sehr weit weg, das sind zwei verschiedene Welten.

Vom Islam aus gesehen, ist er in religiöser Hinsicht aus gesehen, nah. Und die Nähe ist gefährlicher als die Entfernung. In der Nähe gibt es Rivalität und Konkurrenz.

Die monotheistische Linie, zu der der Islam hinzukommt, stellt ihn in eine besondere Situation. Er ist die zuletzt hinzugekommene monotheistische Religion und als solche sieht er sich als Erfüllung der monotheistischen Erfindung. Er reflektiert die Religionen, die ihm vorausgegangen sind, und behauptet, den Verlauf dieser Offenbarung abzuschließen.

Diese Nähe stellt ihn in eine konkurrierende und antagonistische Position den Religionen des Okzidents gegenüber. Es existiert ein Ressentiment im muslimischen Bewusstsein im Verhältnis zu seiner Situation, die ihm unverständlich ist. Die beste Religion ist gleichzeitig diejenige einer Bevölkerung, die von den Westlern zur Zeit der Kolonialisierung dominiert wurde und es heute ökonomisch noch bleibt.

Diese Stellung verträgt sich nicht mit dem religiösen Bewusstsein, das die Muslime von ihrem eigenen Platz in dieser religiösen Geschichte haben. Es gibt ein sehr spezifisches Konfliktgeschehen zwischen dem Islam und den Religionen des Okzidents.

Le Monde: Warum fasziniert dieser Fundamentalismus so sehr einen Teil der Jugend in den verarmten Vorstädten Europas?

Marcel Gauchet: Die fundamentalistische Botschaft nimmt eine andere Bedeutung an, sobald sie auf die Situation der Jugendlichen in den Vorstädten umgemünzt wird. Sie verknüpft sich mit der Schwierigkeit der Akkulturation dieser immigrierten Jugend an eine individualistische Kultur, die vollkommen von ihren religiös geprägten Bezugspunkten abgekoppelt ist. Einer individualistischen Kultur, die die Empfindlichsten unter ihnen gleichzeitig fasziniert und anekelt. Ich glaube, dass dies der Kern des mentalen Prozesses ist, der den westlichen Dschihadisten produziert.

Er ist ein Konveritit, der sich die Religion von außen aneignet und der oft genug sehr unwissend über die Religion bleibt, die er sich anzueignen vorgibt. Sein Bestreben durch diese Geste des Bruchs ist, ein Individuum im westlichen Sinne des Worts zu werden. Und sein Gründungsakt ist, sich einen persönlichen Glauben anzueignen.

In einer traditionellen Religion, zählt der persönliche Glaube weniger als die Riten zu befolgen und dieser Ritualismus ist wesentlich im herkömmlichen Islam. Mit diesem Rahmen bricht dieser äußerst persönliche Beitritt des Fundamentalisten.

Gleichzeitig ist dieser sehr individuelle Beitritt eine Möglichkeit, sich selbst als Individuum zu negieren, da man sich in den Dienst einer Sache stellen wird, für die man sein Leben geben wird. Dieser Widerspruch drückt einen sehr besonderen Schmerz aus, der an eine spezielle soziale und historische Situation anknüpft. In diesem Bereich entscheidet sich der Werdegang dieser jungen Leute, die uns so unbegreiflich sind.

Le Monde: In diesen so besonderen X. und XI. Pariser Bezirken standen sich zwei verschiedene Lebenswelten der Jugend gegenüber.

Marcel Gauchet: Ja. Die eine lebte einen vollkommen ruhigen Individualismus, der sich keine Fragen stellte und übersozialisiert war; die andere Jugendwelt wird von einer sehr widersprüchlichen Jugend gelebt. Sie ist sich auf der einen Seite jener anderen Welt vollkommen bewusst, und doch fühlt sie sich von ihr irritiert und verstört. Die Wahl der Opfer ist weniger politischer Natur, aber sie ist äußerst aufschlussreich im Hinblick auf das existenzielle Thema diese jungen Leute. Sie haben auf das geschossen, was sie kannten, was sie anstrebten und doch gleichzeitig radikal ablehnten. Sie zerstören sich, dadurch dass sie ihre Wünsche vor sich selbst nicht akzeptieren können.

Le Monde: Sagen Sie deswegen, dass „der Fundamentalismus trotz allem im Rückwärtsgang die Moderne betritt“?

Marcel Gauchet: Für mich stellt er keine Bedrohung dar, die es fertigbringen könnte, unsere Lebensart in Frage zu stellen. Natürlich kann er viele Menschen töten, schreckliche Schäden anrichten und grauenvolle Ereignisse schaffen, aber er stellt keine Alternative dar, die in der Lage wäre, uns zu überwältigen.

Bieten wir ihm die Stirn für das was er ist, ohne ihm eine Macht zuzugestehen, die er nicht hat.

Veröffentlicht unter Frankreich, Gesellschaft, Terrorismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Das Wirtshaus im Hindukusch

Mit Afghanistan verbindet man gemeinhin ein Reich der Finsternis, in dem Dummheit, Brutalität und Fundamentalismus eine unselige Verbindung eingegangen sind. Ein Unort, wo zwei Generationen von Menschen herangewachsen sind, ohne etwas anderes als Krieg und Gewalt zu kennen.

Kaum zu glauben, aber noch vor wenigen Jahrzehnten galt Afghanistan als beliebtes Reiseziel und Anziehungspunkt für Liebhaber friedlicher und gastfreundlicher Menschen und billigen Haschischs und Opiums. In den wilden 60er und 70er Jahren machte sich die europäische Jugend in zerbeulten Land Rovern, VW-Bullys und psychedelisch bemalten Bussen auf den Weg nach Asien: auf die Suche nach spiritueller Erleuchtung in Indien, einsamen Stränden in Goa, in die paradiesischen Gefilde von Kaschmir oder zum milden Bergklima und zu billigem Haschisch nach Kathmandu.

 

Zuerst waren es nur abenteuerlustige Studenten der britischen Oberschicht, die Ende der 50er Jahre in Richtung Orient aufbrachen. Zehn Jahre später war er fast schon ein Kult in San Francisco, Amsterdam und allen anderen Großstädten Europas. Die Rede ist vom Hippie Trail. Gute fünfzehn Jahre war er die wichtigste Route für Hippies, Studenten, Freaks, Junkies und Abenteurer mit wenig Geld und viel Neugier. Iran und Afghanistan waren damals noch Monarchien. Während Schah Reza Pahlevi langsam größenwahnsinnig wurde, versuchte sein afghanischer Amtskollege Mohammed Sahir Schah sein Land zu öffnen und seinem tief rückständigen Land einen Anschluss an die Moderne zu bieten. Der Putsch von 1973 und der Übergang der Staatsform von der Monarchie zur Republik taten der magnetischen Sogwirkung auf die jungen Leute keinen Abbruch. Erst die Saur-Revolution und der anschließende Einmarsch der sowjetischen Truppen beendeten die paradiesische Zeit und den kurzen Lichtblick für Afghanistan und stürzten das Land bis zum heutigen Tag in einen dunklen Abgrund.

 

Wichtige Wegmarken auf der langen und beschwerlichen Reise waren der Pudding Shop in Istanbul, das Amir Kabir Hotel in Teheran und Sigis Restaurant in Kabul. Adressen, die sich die Reisenden weitergaben, lange bevor es den „Lonely Planet“ gab. Tips, wo es sich angenehm entspannen lässt nach langen Stunden auf Schlaglochpisten durch die Wüste, wo man was rauchen kann und nette Leute zum Mitreisen trifft. Doch was hat es mit „Sigis Restaurant“ auf sich? In jedem Blog und in jedem Bericht wird dieser Ort erwähnt. Ein verrückter Deutscher, der in Kabul Schnitzel brät und Kartoffelsalat serviert. Wer ist der Mann, der auf so eine Idee gekommen ist? Die erste Spur liefert ein ungewöhnlich reißerischer Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1972. Ein Name taucht auf: Siegfried Zürn. Eine kurze Recherche und ich mache ihn ausfindig. Wenig später sitze ich ihm in seiner kleinen Wohnung in Stuttgart-Feuerbach gegenüber. Die Wohnung ist kärglich möbliert und etwas unordentlich, im einzigen Zimmer stehen ein Bett, ein Butterfly-Trainingsgerät, ein großer Computerbildschirm sowie zwei Stühle.

Der Mann, der mit tiefer und behäbiger Stimme in unverkennbar schwäbischer Dialektfärbung meine Fragen beantwortet, hat zunächst wenig von einem Haudegen und Abenteurer an sich. Eher wie jemand, der eher zufällig in diese Sache hineingeschlittert ist.

Zunächst fragt er mich: Wie bist du auf mich gekommen?

Über den Spiegel-Artikel, den ich hier mitgebracht habe, anworte ich.

Ach, der Artikel. Da stimmt so einiges nicht. Ich komme gar nicht aus Erlangen und an der Nadel habe ich auch nicht gehangen.

 Dann fangen wir doch ganz von vorne an. Woher kommst du ursprünglich?

Ich komme aus Waiblingen. Also, hier ganz aus der Nähe.

Aus was für einer Familie stammst du?

Mein Vater war selbst so eine Art Aussteiger. Er war ein Kleintierzüchter, Kommunist und sein Leben lang DKP-Mitglied. Er war sehr beliebt und saß sogar im Gemeinderat.

Meine Mutter hingegen war ziemlich religiös. Wir waren sechs Kinder zu Hause, und sie war etwas überfordert mit uns allen.

Wie bist du aufgewachsen?

Ich habe mich in der Schule sehr schwer getan. Ich war Hilfsschüler. Mein Lehrer an der Sonderschule war ein strammer Nazi und konnte meinen Vater wegen seiner Überzeugungen nicht leiden. Seine Abneigung hat er dann an mir ausgelassen. Ich bin von der Sonderschule abgegangen, ohne richtig lesen zu könne. Ich war nicht fähig in einem Beruf zu arbeiten.

Ich habe 33 Monate wegen schweren Diebstahls abgesessen und hatte danach mehrere Hilfsarbeiterjobs.

Wie ging es danach weiter?

Durch Zufall bin ich dann in den Club Voltaire in Stuttgart gekommen. Dort habe ich Leute wie Willi Hoss und Rezzo Schlauch kennengelernt.

Das Publikum und die Art und Weise miteinander umzugehen hat mir sehr gefallen. Und das war auch das Vorbild für das Restaurant in Kabul später.

Hattest du damals was mit Drogen zu tun?

Ich habe gelegentlich Haschisch geraucht, aber nie härtere Sachen genommen.

Warum bist du damals nach Afghanistan gegangen?

Ich hatte damals noch eine Bewährungsstrafe offen und eine Verurteilung wegen Versicherungsbetrugs nach einem schweren Unfall. Ich wollte dieser Strafe entgehen und bin dann quasi abgehauen. Die Bewährung wurde dann widerrufen.

Ich hatte während meines Gefängnisaufenthalts durch die Arbeit etwas Geld gespart und damit habe ich mich auf den Weg gemacht.

Wann war das?

So 1968.

Warst du allein?

Ja. Ich bin mit einem Studentenausweis mit der Bahn nach Istanbul und von dort an die persische Grenze. Von dort weiter mit dem Bus.

Was war dein erster Eindruck als du die afghanische Grenze überquert hast?

Das war sehr schön, sehr angenehm. Da hatte ich mein erstes richtiges Haschischerlebnis. Ein Polizist hat mir an der Grenze ein Haschischstück geschenkt, das ich mit Tee heruntergeschluckt habe. Ich war zwei Tage so bekifft, dass mir die Polizei helfen musste, mein Hotelzimmer zu finden.

Wie kam denn das?

Ich hab gesehen wie er einem Dealer was abgenommen hat und ihm die Hälfte zurückgegeben hat. Ich habe ihm zugerufen, dass ich das gesehen hätte und er mir die andere Hälfte geben könne.

Und dann hast du gleich das Restaurant aufgemacht?

Nein, ich wollte eigentlich nach Goa. Ich bin aber nur bis Pakistan gekommen, weil mich dort die Malaria erwischt hat, die ich mir wahrscheinlich in Kundus eingefangen hatte.

Ich habe während des Malariaschubs auf der Straße geschlafen. Die Ärmsten der Armen haben mir geholfen. Das hat so 14 Tagen gedauert, bis ich wieder halbwegs über die Straße gehen konnte.

Während meiner Bewusstlosigkeit wurde ich bestohlen. Ich hatte kein Geld und keinen Pass mehr.

Und wie ging es dann weiter?

Mit Hilfe der deutschen Botschaft wurde ich wieder zurückgeschickt. Auf dem Landweg. So kam ich dann wieder zurück nach Kabul.

Dort habe ich dann für wohlhabende Hippies aus San Francisco den Frühstückskoch gespielt. Das waren keine Durchreisenden, die haben dort richtig gelebt, sich für die Kultur und Antiquitätenhandel interessiert.

Wie hast du das Restaurant aufgemacht?

Bei diesen Hippies habe ich einen Engländer kennengelernt, der schon sieben Jahre im Land lebte. Er hieß David Lindell.

Er war ein hochgebildeter Germanist und sprach fließend Deutsch. Er war so eine Art Dandy. Es waren Gerüchte im Umlauf, dass er für den britischen Geheimdienst gearbeitet hat und die Opium- und Haschischnetzwerke auskundschaften sollte.

Gleichzeitig war er ein gewiefter Händler, der von Kabul aus mit Antiquitäten handelte. Er hat beschlagene afghanische Pferdegeschirre zu Gitarrengurten umgearbeitet und bunte Buzkashi-Stiefel an die Rolling Stones verkauft.

Das war einer der angenehmsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Mit seinen Antiquitäten habe ich mein Restaurant eingerichtet.

Der Engländer hat versprochen, mir zu helfen. Er hat mich mit meinem späteren Geschäftspartner Jabhoor zusammengebracht. Mit dem habe ich das Restaurant aufgemacht.

Brauchte man einen einheimischen Geschäftspartner, um dort ein Restaurant aufzumachen?

Nein, ich hatte einfach kein Geld und keine Beziehungen. Jabhoor hat mir 200 Dollar geliehen und die erste Miete gezahlt.

Als ich wieder in Deutschland war, hat er das Restaurant weiterbetrieben.

Wie kamst du eigentlich dazu, ein Restaurant aufzumachen:

Ich wollte keinen Diebstahl und keine kriminelle Tat begehen, ich wollte gutes Essen haben und Freundschaft praktizieren.

Wo war das Restaurant?

Im Diplomatenviertel. 100 Meter zum Amerikainstitut und 100 Meter zur Deutschen Botschaft.

Sigis Restaurant scheint ein bedeutender Orientierungs- und Treffpunkt gewesen zu sein. Warum wart ihr so beliebt?

Wir waren sehr preiswert. Wir boten so eine Art Jugendherbergsatmosphäre und europäische Küche.

Wie kamt ihr dazu europäische Küche anzubieten?

Das hat sich so ergeben. Die Rezepte kannte ich von meiner Mutter. Später haben dann andere Leute ihre Rezepte beigesteuert und sie den Angestellten beigebracht.

Wie sind die Afghanen diesem Hippie-Treiben begegnet?

(lacht) Mit Geschäftssinn.

Die haben das also nicht abgelehnt?

Nein, die waren sehr gastfreundlich. Die Gastfreundschaft wurde bei denen wirklich ganz groß geschrieben.

Es war unter anderem für Frauen eins der wenigen muslimischen Länder, in denen sie problemlos reisen konnte. Anders als in Pakistan.

Sind die Bewohner dieser Länder von der Mentalität her so verschieden?

Ja. Bei Afghanen und Pakistanern ist es so, als würde man einen Schweden mit einem Italiener vergleichen.

Was war dein schönstes Erlebnis in Afghanistan?

(überlegt lange) Die Live-Musik in meinem Restaurant. Oft haben sich Leute, die gut Musik machen konnten zu spontanen Jams zusammengeschlossen.

Da war zum Teil die gesamte aktuelle amerikanische Popszene. Aber ich kannte mich damals nicht so damit aus.

Ich bin auch mit dem David Lindell mit dem Pferd durch ganz Afghanistan geritten zu den Buddha-Statuen. Das war toll.

Hattest du auch Kontakt zu Afghanen?

Nein. Nur mit meinen Angestellten. Mit Ausnahme von einem afghanischen Studenten, mit dem ich befreundet war.

Mein Geschäftspartner wollte das nicht. Er meinte, die machen irgendwann Probleme und legen Haschisch oder Heroin unter den Teppich. Das sei die übliche Methode um Konkurrenten auszuschalten.

Hattest du Beziehungen zu afghanischen Frauen?

Nein, trotz der relativen Liberalität war das überhaupt nicht möglich.

Eine meiner Lieblingsbeschäftigung war, vor dem Restaurant im Schaukelstuhl zu sitzen. Gegenüber von dem Restaurant waren die deutschen und französischen Gymnasien und nach der Schule kamen die Mädchen aus dem Unterricht die Straße entlang und zwinkerten mir zu. Mein Kompagnon warnte mich: wenn du das nochmal machst, bist du ein toter Mann.

Wann bist du zurückgekommen und warum?

1972 habe ich mich wieder auf den Weg nach Deutschland gemacht. Das hatte verschiedene Gründe. Ich wollte noch einmal meine Mutter sehen. Ich hatte auch ein Mädchen im Restaurant kennengelernt, die in Marburg lebte.

Außerdem wollte ich auch endlich die Unklarheiten mit der Justiz beilegen und meine Reststrafe absitzen.

Die deutsche Justiz hatte ein Auslieferungsersuchen an Afghanistan gerichtet wegen der widerrufenen Bewährungsstrafe.

Da ich keinen Pass hatte, der war mir ja geklaut worden, musste ich mir dann einen „ausleihen“ von einem Studenten, der mit etwas ähnlich sah, Gerolf Hagen Krus hieß der. Er war aus Tübingen. Ich habe ihm dann einen Teppich dafür aus Afghanistan nach Tübingen geschickt.

Zurück in Deutschland musste ich dann zunächst 11 Monate absitzen und habe dann in Marburg meinen Volksschulabschluss nachgeholt. In Stuttgart habe ich dann eine Lehre zum Orthopädieschuhmacher absolviert.

Jabhoor hat dann Sigis Restaurant übernommen und weitergeführt.

Warum bist du zurück nach Stuttgart?

Ich hatte noch vom Club Voltaire gute Bekanntschaften und einen Bekanntenkreis.

Ich habe mich dann in Stuttgart als Orthopädieschuhmacher durchgeschlagen.

Warst du seitdem nochmal in Afghanistan?

Ich habe 1977 mit dem Auto nochmal einen Trip dahin gemacht, aber nicht ins Restaurant nach Kabul. Ich hatte damit irgendwie abgeschlossen. Ich wollte gleich nach Pakistan. Ich war in Karatschi mit einer Frau verabredet.

Denkst du noch oft an diese Zeit zurück?

Ja, schon.

War das die wichtigste Zeit in deinem Leben?

Das war eine Zeit, in der ich meine Persönlichkeit sehr entwickelt habe.

Erst durch die Zeit dort habe ich den Schwung bekommen, um später meinen Volksschulabschluss nachzuholen.

Mit der orientalischen Mentalität kam ich außerdem sehr gut zurecht.

Hast du noch Kontakt zu deinem ehemaligen Geschäftspartner Jabhoor?

Nein, eigentlich nicht. Zuletzt habe ich gehört, dass er schwer krank ist. Das war vor zwei Jahren. Ich weiß gar nicht, ob er noch lebt.

Was machst du jetzt? Seit wann lebst du hier in dieser Wohnung?

Ich mache gar nichts. Ich wohne jetzt seit drei Jahren hier in dieser Wohnung. Aus der letzten bin ich geflogen, weil ich das Geld für die Erstausstattung vom Sozialamt in eine Marihuana-Plantage investiert habe. Ich habe dann die ganze Zeit die Regale mit den Marihuana-Pflanzen hin- und hergerückt und habe eine Anzeige wegen Ruhestörung bekommen. Dann gab es auch noch einen Wasserschaden.

Im Haus hat mich jemand angezeigt, dass ich Marihuana züchte, aber das haben die Bullen nicht geglaubt (lacht).

Mir wurde dann der Strom abgestellt. Da habe ich Zeitungspapier im Ofenrohr angezündet, damit ich nicht erfriere. Das hat einen Schaden von 10.000 Euro verursacht, dann haben sie mich rausgeschmissen.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Die Gründung der PLC-Partei, die Partei für die Legalisierung von Cannabis.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , | 8 Kommentare

Zugriff in Dantes Inferno

 

Am Freitag, dem 13. November 2015, haben drei Terrorkommandos zeitgleiche Angriffe auf verschiedene Ziele in und um Paris unternommen.

Gegen 21:20 Uhr sprengen sich zwei Selbstmordattentäter vor dem Stade de France in Saint-Denis in die Luft. Ein weiteres Kommando beschießt mit Kalaschnikows Gäste und Nachtschwärmer, die sich an diesem milden Novemberabend vor Bars und Cafés in den X. und XI. Arrondissements von Paris niedergelassen haben.

Ein drittes Kommando fährt gegen 21:40 Uhr in einem schwarzen VW Polo, der in Belgien gemietet worden war, vor dem Konzertsaal „Bataclan“ vor. Drei Terroristen stürmen das Tanzlokal, in welchem die Rockband Eagles of Death Metal gerade ein Konzert spielt. Die drei Terroristen schießen in die Menschenmenge und töten dutzende Konzertgänger.
Zwei Zivilbeamte der BAC (Brigade anti-criminalité), die an sich auf dem Weg zu den Explosionen am Stade de France waren, sind gegen 22:00 Uhr die ersten Polizisten am Ort des Geschehens. Die Tanzfläche bietet ein alptraumartiges Bild. Tote liegen in ihrem Blut und Exkrementen. Verletzte versuchen sich unter Leichen zu verstecken.

Der Saal ist von den Bühnenscheinwerfern erhellt, die in Richtung des Haupteingangs gerichtet sind. Etwa 20 m entfernt auf der linken Seite der Bühne erblicken die beiden Beamten einen Terroristen, es ist Samy Amimour. Sie geben fünf oder sechs Schüsse auf ihn ab. Er gibt ein Röcheln von sich und fällt von der Bühne. Danach gibt es eine starke Explosion. Vermutlich hat der Attentäter sterbend seine Sprengstoffweste gezündet. Der Kopf und ein Bein des Terroristen werden von der Explosion auf die Bühne geschleudert. Die beiden anderen Terroristen feuern vom Balkon im ersten Stock auf die Polizisten, so dass sie sich wieder zurückziehen müssen.

Etwa fünfzehn Minuten später, um 22:15 Uhr, erscheinen die Spezialeinheit RAID sowie ein Zug der BRI (Brigade de recherche et d’intervention), einer Zugriffseinheit der französischen Kriminalpolizei, um die Attentäter zu neutralisieren und die Geiseln zu befreien. Während das RAID die Tanzfläche sichert, rücken zwei Züge der BRI über die Empore in das Obergeschoss vor, wo sich die Terroristen mit Geiseln verschanzt haben. Es vergeht eine sehr lange Zeit, bis um 00:20 Uhr schließlich der Zugriff erfolgt und beide Attentäter durch das Auslösen ihrer Sprengstoffwesten getötet werden.

Nach einigen Tagen kommen nunmehr auch die Beamten zu Wort, die an dem Einsatz beteiligt waren. Der Chef der BRI, Christophe Molmy, der den Zugriff geleitet hat, war gestern Gast beim Fernsehsender iTélé, wo er seine Eindrücke schildert und Details des Einsatzes preisgibt.

 

Er ist kein Draufgänger oder Bluthund, wie man sich vielleicht den Leiter einer solchen Sondereinheit vorstellt, sondern ein ruhiger und besonnener Mann, der mit bemerkenswerter Gelassenheit und Gemütsruhe vorträgt.

Ein packendes und interessantes Zeitdokument. Hier ist das Transkript des Interviews:

 

Frage: Sprechen wir vom Bataclan. Der Terrorangriff begann um 21:45 Uhr?

Christophe Molmy: Ja.

Frage: Der Zugriff fand um 00:20 Uhr statt?

Christophe Molmy: Ja.

Frage: Wann wurden sie über diese Angelegenheit informiert. Zu welchem Zeitpunkt sammelten Sie ihre Männer für den Einsatz? Wie gingen die Einsatzvorbereitungen und die Einteilung Ihrer Kräfte vor Ort vonstatten?

Christophe Molmy: Wir haben einen Einsatzplan in zwei verschiedenen Phasen. Wir haben eine Einheit für schwere Einsätze, die innerhalb von einer halben Stunde einsatzbereit ist und wir haben eine Einheit für Soforteinsätze, die ihre Ausrüstung immer mit sich führt und unmittelbar nach Meldung einer Gefahrenlage zum Einsatzort aufbrechen kann. Letztere kam letzten Freitag zum Einsatz. Wir hatten gerade zu Abend gegessen und haben davon im Prinzip aus den Medien erfahren. Es war die Rede von Explosionen in Saint-Denis. Wir haben zunächst einmal abgewartet, denn es konnte sich zu diesem Zeitpunkt auch um einen Unfall handeln. Erst als wir von Schießereien in Paris gehört haben, wußten wir, dass es etwas Ernstes ist. Wir sind dann sofort ausgerückt.

Frage: Sie haben nicht den Einsatzbefehl abgewartet?

Christophe Molmy: Es gab keinen Befehl. Das war wie bei der Geiselnahme an der Porte de Vincennes. Da sind wir auch von Amts wegen sofort zum Einsatzort aufgebrochen und waren 12 Minuten nach der Geiselnahme von Coulibaly vor Ort. Wir sind zuerst in Richtung Rue de Charonne gefahren, denn die Informationen erreichten uns zu diesem Zeitpunkt nur sehr bruchstückhaft und wurden dann zum Bataclan umgeleitet, wo wir um 22:15 Uhr ankamen. Dort haben wir die vorhandenen Polizeikräfte abgelöst. Man muss den außergewöhnlichen Mut, dieser Beamten hervorheben, denn sie waren die ersten, die in das Bataclan eingedrungen sind und das Massaker im Prinzip beendet haben.

Frage: Bitte erklären Sie diesen Punkt näher.

Christophe Molmy: Um 22:00 Uhr kamen Beamte der DSPAP (AdÜ: DSPAP = Direction de la sécurité de proximité de l’agglomération parisienne, Pariser Schutzpolizei; hier irrt Molmy offensichtlich, denn nach aktuellen Erkenntnissen waren es zwei Zivilbeamte der BAC) zum Tatort, betraten das Bataclan und griffen als erste die Terroristen an. Dies hat das Morden beendet. In einer solchen Situation muss man zunächst verstehen, dass man es mit Terroristen zu tun hat, die vollkommen anders sind, als Attentäter früherer Jahrzehnte. Heute sehen wir uns Terroristen gegenüber, die extrem entschlossen sind und Massenmorde begehen wollen. Sie töten, dann verschanzen sie sich und wollen als Märtyrer sterben. Sie wollen nicht über die Geiseln verhandeln.

Frage: Viele Zeugen und Überlebende des Bataclan haben berichtet, dass die Terroristen auf die Menschen schossen, ihre Waffen nachluden und dann weiterschossen. Das hätte also noch eine ganze Weile weitergehen können.

Christophe Molmy: Ich muss klarstellen, dass das in den ersten Minuten des Angriffs war. Danach kamen unsere Kollegen und töteten einen der Attentäter, der anschließend explodierte. Danach kamen wir um 22.15 Uhr und da wurde kein einziger Schuss von den Terroristen abgefeuert. Das war sogar sehr beeindruckend, denn es gab überhaupt kein Geräusch, keine Schreie oder Klagen der Verletzten. Auf der Tanzfläche lagen Tote, aber auch Verletzte und Unverletzte, die derart geschockt waren, dass sie sich nicht bewegten oder wagten, ein Geräusch von sich zu geben. Man muss sich also klarmachen, dass man an solche Situationen mit größter Umsicht herangehen muss, denn jede Person, die aufsteht und Ihnen entgegenkommt, kann ein Terrorist sein. Diese Zweifel muss man erst einmal ausräumen. Wir haben Hunde, die Sprengstoff aufspüren können. Wir müssen sicherstellen, dass sie keinen Sprengstoffgürtel tragen, wir müssen sie anschließend hinausbringen. In der ersten Viertelstunde haben wir also zunächst das Erdgeschoss gesichert, haben die Unverletzten nach draußen geleitet und begonnen die Verletzten zu evakuieren.

Frage: Und die Terroristen waren zu diesem Zeitpunkt oben, in der ersten Etage, oder in anderen Räumen?

Christophe Molmy: Wir haben sie schließlich dort entdeckt, wo sie sich gleich nachdem unsere Kollegen einen von ihnen erschossen hatten, hinter einer Tür mit ungefähr zwanzig Geiseln verschanzt hatten. Wir haben also die Verletzten abtransportiert, als um 22:30 Uhr Verstärkung durch einen weiteren Zug mit 15 Mann von der BRI eintraf. Wir waren also nun 30 Mann. Wir sind dann in zwei Zügen über die beiden Treppen in das obere Stockwerk vorgerückt. Das hat sehr lange gedauert, denn jedes Mal, wenn wir eine Tür oder eine Kammer geöffnet haben oder um die Ecke gebogen sind, kamen uns Trauben von schockierten Geiseln entgegen. Die muss man zunächst einmal in Empfang nehmen und sicherstellen, dass sie keine Sprengvorrichtung an sich haben. Dann sind die Bedingungen entsetzlich, weil man über Leichen steigen muss. Dass hat also sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Das ist richtig, aber wir waren nicht in einer unmittelbaren Notfallsituation. Diese liegt vor, wenn beispielsweise noch ein Feuergefecht im Gang ist. Wenn bei unserem Eintreffen also noch Geiseln erschossen worden wären, wären wir direkt hineingegangen.

Frage: Das ist ein wichtiger Aspekt, denn einige Personen haben sich gefragt, wieso es mehr als zwei Stunden gedauert hat, bis es zum Zugriff gekommen ist.

Christophe Molmy: Ja, natürlich. Diese Fragen sind verständlich. Aber noch einmal: Sie müssen verstehen, unter welchen Bedingungen wir eingeschritten sind. Es gab die permanente Gefahr, dass wir einer Person gegenüberstehen, die sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft sprengt.

Wir rücken also weiter in zwei Zügen vor. Wir müssen jeden einzelnen Schrank und jede Toilette überprüfen. Das kostete sehr viel Zeit und die Lage war von einer extremen Anspannung. Erst um 23:15 Uhr gelangten wir an eine Tür. Von hinter der Tür rief uns eine Geisel, die von den Terroristen als Sprachrohr genutzt wurde, zu, nicht mehr weiterzugehen. Wir blieben also stehen. Die Geisel erklärt uns, dass dort zwei Terroristen mit Sprengstoffgürteln und zwanzig weitere Geiseln wären und dass sie sich in die Luft sprengen, die Geiseln töten und enthaupten würden, wenn wir uns nähern. Wir erhalten auf Zuruf eine Telefonnummer. Wir geben diese Nummer an den auf Verhandlungen spezialisierten Beamten weiter. Es gab fünf Telefongespräche mit dem Verhandler. Denn obwohl wir annehmen müssen, dass die Terroristen als Märtyrer sterben wollen, hatten wir die Hoffnung, dass wir die Geiseln vor dem Zugriff retten konnten.

Frage: Wie lange dauerten die Gespräche?

Christophe Molmy: Jeweils einige Minuten.

Frage: Stellt sich ein wirklicher Dialog ein oder ist es nur ein Monolog der Terroristen?

Christophe Molmy: Im Unterschied zu der Geiselnahme an der Porte de Vincennes, wo die Beziehung zwischen Coulibaly und dem Verhandler tragfähiger war, der übrigens auch in diesem Fall Verhandlungsführer war, hatten wir hier Schwierigkeiten eine Beziehung zu den Terroristen aufzubauen.

Frage: Gab es irgendwelche Forderungen?

Christophe Molmy: Es waren die üblichen Erklärungen. Wir hätten den Islamischen Staat angegriffen und sie würden nur auf die Aggression reagieren.

Frage: Gab es keine präzise Forderung? Etwa ihre Flucht zu ermöglichen?

Christophe Molmy: Nein. Wie schon gesagt: was man verstehen muss ist, dass im Gegensatz zu Terroristen früherer Generationen Geiseln keine Verhandlungsmasse mehr sind. Diese Terroristen wollen keinen Fluchtwagen, Geld oder die Freilassung von Gesinnungsgenossen.

Frage: Wollten die Terroristen Zugang zu Medien erhalten?

Christophe Molmy: Ja, das wollten sie, aber das haben wir abgelehnt. Denn wir fürchteten, ihnen damit eine Bühne zu geben, auf der sie sich live in die Luft sprengen konnten.

Wir haben dann den Zugriff vorbereitet. Der anwesende Polizeipräfekt hat seine Zustimmung erteilt, zur Tat zu schreiten. Im Unterscheid zu einer Notmaßnahme, haben wir sehr genau ausgelotet, wann, wie und mit welchen Mitteln wir einschreiten und den Zug formiert, wissend, dass die Terroristen in einem engen Gang mit ungefähr zwanzig Geiseln verschanzt sind. Das ist eins der schwierigsten Szenarien. Schrecklich.

Wir haben die erste Kolonne formiert. Der Zugführer hat eine hervorragende Arbeit geleistet. Und sie haben es nicht an Mut mangeln lassen, denn die Männer, die an vorderster Stelle stehen, sind großen Risiken ausgesetzt. Bei ihnen besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass sie getötet werden. Eine zweite Kolonne stand in Bereitschaft für den Fall, dass die ersten Männer fallen sollten. Zusätzlich stand eine Sanitätereinheit unten an der Treppe bereit, um Verletzte und Todesopfer zu bergen.

Frage: Das sind wahre Kriegsszenen, die Sie beschreiben.

Christophe Molmy: Ja, aber das wird und so aufgezwungen. Wir passen uns dem nur an. Unsere Beamten und die Verhandlungsführer sind in Sachen radikaler Islam geschult worden, damit wir wissen, womit wir konfrontiert sind. Wir müssen heute sehr, sehr viel schneller handeln und agieren. Früher hatten wir mehr Zeit, wenn es um eine Geiselnahme im Rahmen einer Familienstreitigkeit ging oder Täter, die sich nach einem Überfall auf einen Werttransport irgendwo verschanzt haben. Man konnte die Situation stabilisieren, zur Dienststelle gehen, seine Ausrüstung holen. Diese Zeit haben wir nicht mehr. Dazu kommt noch, dass in solchen Szenarien der Zugriff in der Regel unumkehrbar ist. Wenn wir reingehen, dann müssen wir bis zum Ende gehen und die Täter neutralisieren. Wir haben nicht viele andere Optionen.

Frage: Ich möchte, dass wir uns den Schild ansehen, der beim Zugriff zum Einsatz kam. Er gibt einen Eindruck von der extremen Gewalt der Konfrontation.

Christophe Molmy: Dort sind 27 Einschusslöcher. Der Schild war an der Stirn des Zugs in einem sehr engen Gang. Die beiden Kollegen, die ihn getragen haben, waren von beispielhaftem Mut, denn es bestand die Gefahr, dass ein Terrorist sich mit seinem Sprengstoffgürtel auf sie warf und in die Luft sprengte. Zunächst haben sie nicht zurückgeschossen, um keine Geiseln zu gefährden. Die Geiseln konnten entkommen, ohne dass es Verletzte oder Tote unter ihnen gegeben hätte, was überwältigend ist. Wir hatten aber auch großes Glück. Wir mussten den Schild, der 80 kg schwer ist, über die Geiseln heben oder ihn zur Seite schwenken, um die Geiseln vorbeizulassen. Erst als alle Geiseln in Sicherheit waren, kam es dann zum zweiten Teil des Zugriffs, dem eigentlichen Zugriff. Das war von einer schrecklichen Gewalt. Wir trafen frontal aufeinander. Ein Ausweichen war unmöglich. Man konnte sich nicht hinter einer Wand oder einer Tür verstecken oder zurückweichen. Man musste vorgehen. Wir haben sie zurückgedrängt und irgendwann konnten wir den Schild nicht mehr nutzen, weil es eine Stufe gab. Der Gang machte einen Knick um nach rechts mit Stufen. Der Schild ist nach vorne gekippt. Die ersten beiden Männer in der Kolonne waren ohne Schutz. Sie haben einen Schatten gesehen und geschossen. Danach ging es sehr schnell. Was dann genau passiert ist, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Ob der erste Terrorist getötet und der zweite sich in die Luft sprengt oder ob der erste Terrorist noch seine Sprengstoffweste aktivieren konnte oder durch die Schüsse explodierte, wissen wir nicht. Jedenfalls sind beide explodiert und der eigentliche Zugriff war damit beendet.

Frage: Wie war Ihre Denkweise zum Zeitpunkt des Zugriffs, wollten Sie die Terroristen festnehmen oder war die Lage hierfür zu angespannt?

Christophe Molmy: Diese Frage hat jetzt keinen Sinn mehr und ohnehin wird unser Handeln von den Terroristen vorgegeben. Wir passen uns dem an. Wir sind Profis. Wenn sie plötzlich die Hände hochnehmen und aufhören zu schießen, dann nehmen wir sie fest.

Frage: Und das wollten sie nicht?

Christophe Molmy: Sie haben Leute vor sich, die schießen, nachladen und dann weiterschießen. Es gibt im Schild 27 Einschusslöcher. Das bedeutet, dass noch viel mehr Schüsse abgefeuert wurden, die an den Wänden und an der Decke abgeprallt sind. Einer meiner Kollegen, der sich im hinteren Drittel der Kolonne befand, wurde durch solch einen Abpraller an der Hand verletzt. Wenn er sie direkt abbekommen hätte, wäre seine Hand jetzt zerfetzt.

Frage: Sie waren jetzt zum ersten Mal mit Selbstmordattentätern konfrontiert. Waren Sie darauf vorbereitet?

Christophe Molmy: Wir hatten das vorausgesehen. Bei der Geiselnahme im Supermarkt Hypercasher war es ungefähr die gleiche Situation. Coulibaly hatte 20 Stangen Sprengstoff bei sich. Die Lage war insoweit anders, als sich die Sache in einem Supermarkt abspielte und wir mehr Platz hatten. Es gab allerdings nur zwei Möglichkeiten: entweder sein Sprengstoff explodierte, dann wären wir alle tot gewesen. Oder eben nicht und dann waren wir im Vorteil.

Hier hatten wir zwei Selbstmordattentäter mit der Gefahr für die Geiseln und zusätzlich, dass sich einer der Terroristen auf die vorrückende Kolonne stürzt.

Im Hypercasher hatten wir telefonischen Kontakt mit den Geiseln, so dass wir ihnen sagen konnten, sich zu sammeln und auf den Boden zu legen. Hier waren die Geiseln zwischen den Fronten gefangen, wir hatten vorher auch keinen Kontakt mit ihnen. Der Zugriff im Bataclan war viel brisanter.

Veröffentlicht unter Frankreich, Kriminalität, Terrorismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 7 Kommentare

Panoramabilder

Veröffentlicht unter Berlin, DDR, Stadtleben | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wettlauf gegen die Zeit

Die Zeit ist schon fast abgelaufen. In etwas mehr als drei Monaten werden die Ermittlungen von Rechts wegen beendet werden müssen. Die Verbrechen der in Belgien präzedenzlosen Mordserie werden für immer ungesühnt bleiben.

Eigenbrakel%252038

Während die Verjährung bereits ihre Schatten vorauswirft, befinden sich die Ermittlungen gegen die Mörder mit den Masken im Stadium des klinischen Todes. Doch bevor die lebenserhaltenden Maßnahmen am 9. November 2015 abgestellt werden, verfällt die Untersuchungsrichterin Martine Michel in Aktionismus. Anscheinend wollen sich die Verantwortlichen kurz vor dem unausweichlichen Scheitern der Aufklärung der außergewöhnlichen Mordserie nicht dem Vorwurf aussetzen nicht noch einmal alle Ermittlungsansätze überprüft zu haben.

Westland New Post

Zuletzt wurde ein Aktivist aus dem rechtsextremen Milieu verhaftet und zum Verhör nach Brüssel gebracht. Es handelt sich hierbei um Michel Libert, der ehemaligen Nummer 2 der neonazistischen Geheimorganisation „Westland New Post“ (WNP), von der nicht wenige überzeugt sind, dass sie ein Kettenglied des NATO-Geheimnetzwerks Gladio gewesen sei.

Der WNP, der sich aus Neonazis, rechtsextremen Militärs und Gendarmen zusammensetzte, hatte sich die Aufgabe gesetzt, Parteien und Verbände zu infiltrieren, um seinerseits eine angenommene kommunistische Unterwanderung der belgischen Politik zu vereiteln und Politiker und Funktionsträger zu beeinflussen.

Mit dem Verhör bezweckte die Untersuchungsrichterin, frühere Aussagen Liberts mit aktuellen Erkenntnissen abzugleichen. Diese betrafen angebliche Anweisungen Liberts, Supermärkte zu observieren und auszukundschaften. Supermärkte waren die bevorzugten Ziele der Raubüberfälle der Mörder von Brabant.

Interessante Erkenntnisse hat die Befragung nicht erbracht, so dass Libert wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Die verfolgte Spur ist dennoch symptomatisch für das jahrzehntelange plan- und ergebnislose Stochern im Nebel. Je länger sich die Ermittlungen hinzogen und je mehr sich unfassbare Pannen häuften, desto mehr wucherten die abenteuerlichsten und absonderlichere Theorien über die Täter und ihre Motive. Große Kriminalfälle, ungreifbare Täter, Ermittlungspannen sind das perfekte Biotop auf dem Verschwörungstheorien blühen, deren Verbreiter von der Implikation staatlicher Stellen, ausländischen Geheimdiensten und Vertuschungen von „ganz oben“ raunen.

Bis heute hält sich beispielsweise der Verdacht, die Morde seien in Wirklichkeit ein Putschversuch durch rechtsextreme Teile des Sicherheitsapparats gewesen, die durch Morde und Anschläge eine Verstärkung der inneren Sicherheit erzwingen und somit mehr Befugnisse, mehr Einfluss und mehr Macht für ihre Organe herbeiführen wollten.

Unseriöse „Wissenschaftler“ und sensationsgierige Journalisten haben ihren eigenen Anteil daran, dass Verschwörungstheorien in den Rang der Wahrheit erhoben werden. Daniele Ganser, seines Zeichens Historiker und selbst ernannter Experte auf dem Gebiet von Gladio ist überzeugt, dass die Mordserie in Wirklichkeit fingierte Anschläge im Zuge der Strategie der Spannung waren. Allerdings präsentiert er seine Theorie ohne nachprüfbare Belege, seine „Nachweise“ sind im Ergebnis nur äußerst schlampig begründete Zirkelschlüsse.

Alle Theorien lassen sich zwar hören und einzelne Indizien können tatsächlich in die Richtung der einen oder anderen Hypothese deuten. Das große Manko ist jedoch: es wurden keinerlei objektive Nachweise gefunden, mit denen diese Theorien bewiesen werden konnten.

Es scheint fast so, dass die Realität, wie so oft, viel profaner ist.

Raubtiere

„Ce sont des prédateurs“, hämmerte der Staatsanwalt seinen Gesprächspartnern bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein. Er meinte damit, dass die Täter keine Terroristen, keine Monster und keine Geheimdienstkiller waren, die mit Terroranschlägen den belgischen Staat aus den Angeln heben wollten, sondern nichts weiter als dreckige, kleine Kriminelle mit niedrigen, dreckigen Motiven. Räuber, denen es nur um die Beute ging, egal wie gering sie auch sein mochte.

Damals wollte niemand auf den umstrittenen und autoritären Ankläger Jean Deprêtre hören. Man hielt ihn für einen starrsinnigen Staatsanwalt, der auf dem einfachsten Weg und ohne Vorstellungskraft für andere Motive oder Tätergruppierungen seine Anklage durchboxen wollte. Zu banal und zu wenig „sexy“ war seine Sichtweise auf die Affäre. Manche warfen ihm auch vor, die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung zu lenken, um die wahren Täter zu schützen. Im Nachhinein könnte er Recht behalten haben.

Profiling

Führt das „Profiling“ auf die Spur der Täter? Eine Neubeurteilung der Fakten und Tatsachen erfolgte durch das Gutachten einer Fallanalytikerin, die vom Gericht mit der operativen Fallanalyse der Taten beauftragt worden war. Mehr als zwei Jahre hat sich Danièle Zucker in die mehrere zehntausend Seiten umfassende Akte vertieft,

Ohne sich von Theorien und Motiven ablenken zu lassen, hat sie eine verhaltenspsychologische Methode mit der geografischen Fallanalyse der Tatorte verbunden, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Auf diese Weise ist es ihr gelungen, neue Verbindungen zwischen Personen und Orten herzustellen, die zuvor übersehen oder vernachlässigt worden waren. Mehr noch: sie konnte Verdächtige, die vorher gar nicht im Fokus der Ermittlungen standen, eindeutig benennen und dadurch neue konkrete Ermittlungsansätze vorschlagen.

Zunächst identifizierte sie die Komfortzone der Täter, ausgehend von den mehrfach genutzten Örtlichkeiten, an denen die Mörder die Gewohnheit hatten, Fluchtfahrzeuge zu verbrennen oder Waffen zurückzulassen. Diese Orte scheinen für die Täter Orientierungspunkte zu sein, die sie sehr gut kannten, so dass man mit einiger Sicherheit davon ausgehen kann, dass sie in einem bestimmten Radius um diese Orte aufgewachsen sind oder leben.

Orte TBW Detail 1a

Nach Abschluss ihrer Expertise, die sich allerdings nur auf die erste Welle der Angriffe 1982 – 1983 beschränkt, zeichnet sie ein Bild der Bande, das deutlich von dem zuvor vorherrschenden Bild politischer Terroristen abweicht.

Es handelt sich danach um eine Gruppierung psychopathischer Täter, mit einer Tendenz zum Drogengebrauch. Die Bande selbst besteht aus ungefähr 5 bis 6 Mitgliedern, die zum Tatzeitpunkt zwischen 18 und 45 Jahre alt waren und von verschiedener ethnischer Herkunft. Sie haben, bis auf den engsten Kern, keine sehr feste Bindung zueinander, sondern sind eher eine Zufallsgemeinschaft. Die Täter werden von keiner Ideologie angetrieben. Ihre Taten haben keinen politischen Charakter. Ihre Beweggründe liegen im alleinigen Bereicherungs- und Gewinnstreben.

Die meisten Bandenmitglieder haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen kriminellen Hintergrund. Teils kann es sich um Vorstrafen ohne Gewaltdelikte handeln, beispielsweise Autodiebstähle oder Einbrüche. Andere haben sehr wahrscheinlich Gewaltvorstrafen (Körperverletzung, Raub, Mord).

Bei den verschiedenen Taten setzen sich die unterschiedlichen Mitglieder je nach ihrem kriminellen Know-how zusammen. Nach Beendigung des Delikts kehren sie jeweils zu ihren (teilweise) legalen Aktivitäten zurück.

Nach Auffassung der Profilerin üben die Täter vermutlich folgende Berufe aus: Mechaniker, Schweißer, Schrotthändler, Koch. Allgemeiner gesprochen muss man die Täter in den Reihen von Werkstattpersonal, Lagerarbeitern, Autohauspersonal, Restaurantpersonal suchen. In der Quintessenz der Täterprofile sieht sie eine schnell mobilisierbare und zu allem bereite Gruppierung.

Bei ihren Taten sind die Killer nur am Unmittelbaren interessiert. Das Geld wird in keiner Form „kapitalisiert“, also gespart, sondern es wird sofort ausgegeben, ohne es zu zählen. Die Täter holen das Geld dort, wo es zu finden ist; dasselbe gilt für Waren und Gebrauchsgegenstände, die sie an Ort und Stelle mitnehmen.

Entgegen früher vertretener Thesen gibt es bei den Taten keine ausgefeilte Planung der Operationen und der Fluchtwege. Der einzige Plan besteht darin, im Fall von Widerstand, sich den Weg freizuschießen.

Aus der Gruppe stechen drei Individuen heraus, die den engsten Kern der Bande bilden. Es handelt sich dabei um ein Zweierteam, das mit den blutigsten Attentaten der ersten Welle in Verbindung steht. Über das Bereicherungsstreben hinaus werden sie von einem Gefühl der Unbesiegbarkeit getrieben. Diese beiden Killer stehen unter dem Befehl eines Anführers, der in seiner Mordgier noch extremer ist.

19

4

Der Anführer ist schießwütig und kaltblütig. Er ist sehr wahrscheinlich derjenige, der seine Morde mit seiner Handschrift signiert, indem er seine Opfer mit einem Schuss hinter das Ohr tötet.

PR_23

Diesem Anführer schreibt die Profilerin die Ermordung

zu.

Von dem Anführer entwirft die Fallanalytikerin Zucker das folgende Psychogramm:

Ein Mann, vermutlich mindestens 40 Jahre alt oder älter, ungefähr 1,70 m groß, untersetzt und hat gräuliche Haare. Er stammt aus einem niedrigen Sozialmilieu. Er verfügt über eine Intelligenz im mittleren Bereich, möglicherweise bis oberes Mittel. Er hat einen Hauptschulabschluss, eventuell eine mittlere Schulbildung. Seinem Charakter nach hat er eine hedonistische Lebensauffassung. Seine Interessen drehen sich um schöne Autos, Frauen, Glücksspiele, Feiern, Drogen, Alkohol. Zum Zeitpunkt der Tat hat er seinen Wohnsitz innerhalb eines Umkreises von 2,5 km um den Brüsseler Stadtteil Ixelles.

Er hat Vorstrafen und saß schon im Gefängnis. Die Taten, für die er verurteilt wurde, könnten aus dem Bereich eheliche Gewalt, Betäubungsmittelkriminalität, Autodiebstahl und –raub, Überfälle und sehr wahrscheinlich Tötungsdelikte stammen. Der Anführer ist eine psychopathisch-narzisstische Persönlichkeit, kalt, zur Empathie unfähig, gewalttätig, manipulativ, einzelgängerisch und nimmt übertriebene Risiken in Kauf. Er ist das Alphatier der Gruppe.

In welchen Bereichen könnte die Suche nach Mitgliedern der Bande ansetzen? Die Fallanalytikerin identifiziert zwei Domänen, die aus der Akte hervorstechen: Autodiebstahl und –hehlerei sowie das Restaurant- und Gastronomiegewerbe.

Mit diesen beiden Milieus unterhalten die Täter sehr enge Bindungen und arbeiten möglicherweise in diesen Branchen. Viele Indizien und Anhaltspunkte in der Ermittlungsakte legen Verbindungen zwischen verschiedenen Protagonisten in der Akte einerseits (Opfer, Verdächtige, Zeugen) und Autohäusern und Werkstätten sowie Restaurants nahe.

Die Auswertung des Aktenmaterials erbringt konkrete Anhaltspunkte für die Beteiligung von zwei konkret bezeichneten Personen an den Taten, von denen der eine Verdächtige in einer Werkstatt oder Autohaus arbeitete und der andere in der Küche eines Restaurants.

Der erste Verdächtigte ist ein Spanier, der in Akte mit dem Pseudonym „Alfonso“ bezeichnet wird. Er ist wegen Diebstahls vorbestraft und ein Spezialist im Umgang mit Schweißgeräten und Schneidbrennern. „Alfonso“ ist ein Knotenpunkt, bei dem drei Fäden aus der Akte zusammenlaufen: zwei Autodiebstähle und der Einbruch und Doppelmord in Nivelles im September 1983.

Die Schweizer Spur

Die wichtigste Person ist jedoch ein gewisser „Eddy“, ein Belgier. Im Jahr 1982 war er 18 Jahre alt und wohnte in Lembeek, einem Vorort südlich von Brüssel. Er arbeitete damals als Koch. Ein Detail, das Bedeutung haben könnten, weil bei der Ermordung des Hauswirtschafters José Van den Eynde in Beersel ungewöhnliche Küchenutensilien gestohlen werden. „Eddy“ kannte das Restaurant „Auberge des Chevaliers“ gut, denn seine Schwester hat dort zwischen 1981 und 1982 als Putzfrau gearbeitet.

Mit 18 Jahren hatte „Eddy“ bereits ein ungewöhnlich schweres Strafregister: Gebrauch von Betäubungsmitteln, Einbruch, Gewalttaten, Körperverletzungen, Bedrohung, Vergewaltigung.

Die schwerwiegenden Taten und das junge Alter deuten auf eine antisoziale Persönlichkeit mit einem psychopathischen Profil hin. Seine Mutter und seine damalige Freundin bestätigten im Nachhinein seine Gewaltausbrüche und seine Gefühlskälte.

Interessant ist auch, dass sich unter seinen Vorstrafen auch ein Angriff auf einen Taxifahrer auf der Strecke zwischen Beersel und Mons mit einem Messer findet. In Mons wurde der Taxifahrer Constantin Angelou im Januar 1983 mit einem Kopfschuss im Kofferraum seines Taxis aufgefunden. Er wurde mit derselben Waffe ermordet wie der Hausmeister José Van den Eynde im Restaurant in Beersel.

Nach Auffassung der Profilerin besteht absolute Gewissheit, dass „Eddy“ vor Ort war, als José Van den Eynde ermordet wurde. Wenn er kein Mittäter am Mord war, so war er ihrer Meinung nach mindestens eine Kontaktperson oder Gehilfe der Mörder. Auffällig sei auch, dass der Verdächtige ist am Tag nach der Ermordung des Hausmeister verschwunden ist.

„Eddy“ hat Belgien 1988 für immer verlassen und ist nie mehr zurückgekehrt. Wohin er gegangen ist, bleibt an vielen Stellen im Dunkeln. Später ist er in der Schweiz wiederaufgetaucht, wo er auch heute noch lebt. Danièle Zucker hat ihn dort gemeinsam mit einem Ermittler aufgesucht und befragt.

Nachspiel

Die Justiz hat sich für das Gutachten nicht besonders interessiert. Nach Einreichung der Analyse im Jahr 2010 ist nichts geschehen. Die Untersuchungsrichterin hat die Täterprofilanalyse in der Ausbeute was den Aufwand an Zeit und Geld gemessen am Ergebnis für recht mager befunden. Folglich unterblieb auch eine Untersuchung der zweiten Welle von 1985. Keiner der Vorschläge und Empfehlungen, die Ermittlungen neu aufzunehmen oder zu vertiefen, wurde aufgegriffen.

Das von Danièle Zucker gezeichnete Täterprofil ist ziemlich weit entfernt von den abenteuerlichen Szenarien, die eine großangelegte Verschwörung von Geheimdiensten, rechtsextreme Milizionären, Gangstern und Terroristen gegen den belgischen Staat zusammenphantasieren. Doch führt die Täterprofilanalyse tatsächlich zur Identifikation der Killer ohne Gesicht?

Die Hoffnung schwindet mit jedem Tag.

Veröffentlicht unter Kriminalität | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Eine Feier für Baschar al-Assad

Lesenswert

Avatar von Andreas MoserDer reisende Reporter

Diktator, Massenmörder, Kriegsverbrecher. Das ist Baschar al-Assad.

In einer europäischen Hauptstadt findet eine Feier zu seinen Ehren statt. Das ist freie Meinungsäußerung. So beobachtet im April 2015 in Budapest, passenderweise auf dem „Heldenplatz„, zwischen Kunsthalle und dem Museum der Bildenden Künste.

Ich wunderte mich schon von Weitem, wieso an jenem Abend fröhliche und arabische Tanzmusik erklang. Zuerst vermutete ich ein harmloses Fest, aber als ich die Flaggen Venezuelas und dann die Syriens erblickte, erschien mir das Treiben mit Saft und Kuchen schon verdächtiger. Und tatsächlich: Es waren gerahmte Fotos von Baschar al-Assad aufgestellt und -gehängt.

AssadFest1AssadFest2

Nun kann ich durchaus nachvollziehen, dass sich manche Syrer die Zeit vor dem Arabischen Frühling zurück wünschen, als sie noch nicht von der eigenen Regierung bombardiert oder von Terroristen geköpft wurden. Naturgemäß wird während eines Bürgerkriegs immer die vorher bestanden habende Stabilität verklärt, auch wenn diese durch Unterdrückung aufrecht erhalten wurde. Doch übersieht diese Sichtweise Ursache…

Ursprünglichen Post anzeigen 133 weitere Wörter

Veröffentlicht unter Krieg, Naher Osten, Syrien | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Der Levantiner

Unterwegs zum Internationalen Flughafen war mein Taxi in einen Stau geraten. Da sah ich plötzlich zu meiner Rechten vier Männer mit Pistolen im Hosenbund. Sie schleiften einen fünften zur Tür seines Hauses heraus. Eine Frau – vermutlich seine Ehefrau – stand, die Hände in den Stoff ihres Bademantels gekrallt, hinter der Tür im Schatten und weinte. Der Mann wehrte sich nach Kräften; er schlug um sich und trat mit den Füßen nach den Angreifern. In seinen Augen lag nacktes Entsetzen. Für den Bruchteil einer Sekunde, kurz bevor das unglückselige Opfer in einen bereitstehenden Wagen verfrachtet wurde, trafen sich unsere Blicke. Seine Augen sagten nicht: Hilf mir! Aus ihnen sprach nichts als Angst. Der Mann wußte genau, dass ich ihm nicht helfen konnte. Das war Beirut.

Thomas L. Friedman, Von Beirut nach Jerusalem

Der Abend war angebrochen als die Maschine aus Paris auf der Landepiste in der geteilten und umkämpften Stadt aufsetzte.

Michel_Seurat

Als die beiden Franzosen aus der Ankunftshalle traten, war ein Feuerkampf im Gange. Direkt neben dem Flughafen, auf der anderen Straßenseite, erstreckt sich das palästinensische Lager Bourj al-Brajneh. Milizionäre der schiitischen Amal beschossen die PLO-Kämpfer, die sich in dem Lager verschanzt hatten. Der Gefechtslärm der Kalaschnikows und der abgefeuerten RPG-7 drang zu den Familien, Geschäftsleuten und Journalisten, die sich um ein Taxi balgten, das sie in die Innenstadt bringen sollten.

Doch das Taxi, das die beiden Männer schließlich ergattern konnten, kam nicht an seinem Bestimmungsort an. Auf der schnurgeraden Schnellstraße stellte sich ein Auto vor dem Taxi quer. Bewaffnete packten die beiden Männer, warfen sie in ein Auto und fuhren davon.

Vor dreißig Jahren wurde der französische Soziologe Michel Seurat gemeinsam mit dem Journalisten Jean-Paul Kauffmann in Beirut von der Organisation „Islamischer Dschihad“ entführt. Michel Seurat hat die Geiselhaft nicht überlebt. Heute soll seiner gedacht werden.

Michel Seurat

Michel Seurat war ein Grenzgänger. Ein intimer Kenner des Nahen Ostens, ein in den Orient verliebter, ein Experte, der fließend Arabisch sprach und in den Ländern seiner Feldforschungen lebte. Sein Witwe Marie Seurat sagte später über ihn: Von der Nationalität her war er zwar Franzose, aber im europäischen Alltag fand er sich nicht zurecht.

1947 im tunesischen Bizerte geboren, erlebte er als Jugendlicher den Beschuss der Stadt durch französische Truppen. Ein einschneidendes Erlebnis, das ihn für immer prägen sollte. Michel Seurat, der fast sein gesamtes erwachsenes Leben in den Ländern des Nahen Ostens lebte, war ein Einzelgänger, der mit der Beharrlichkeit und dem Eigensinn des Sonderlings seine soziologischen Studien für das französische Forschungszentrum CNRS betrieb.

Noch heute inspirieren sich jüngere Kollegen wie Gilles Kepel von seinen Erkenntnissen. Sein großes Verdienst ist das Verstehen und das Herausarbeiten der Ursprünge der Herrschafts- und Machtzirkel und ihrer Entscheidungsprozesse in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens.

Im Gegensatz zu vielen seiner damaligen Kollegen, denen man entweder ideologische Borniertheit oder aber intellektuelle Faulheit vorwerfen kann, begnügte er sich nicht mit den einfachen Erklärungsansätzen und dürftigen Schablonen wie die Gegensätze Imperialismus/Kommunismus oder der Ost-West-Konflikt, wenn es darum ging, bestimmte Handlungsweisen zu bewerten oder Reaktionen zu antizipieren. Seine Forschungen haben nachgewiesen, dass die Prozesse der Entscheidungsfindung und Willensbildung im Nahen Osten unverändert nach dem Konzept der Asabiya, also nach dem Prinzip des Stammeszugehörigkeitsgefühl und der tribalen Sippensolidarität erfolgen so wie sie Ibn Khaldoun vor hunderten von Jahren beschrieben hatte.

Auch und gerade heute haben seine leider nur schwer zugänglichen Texte für das Verständnis der Hintergründe des Auseinanderfallens der Staaten im Maschreq eine große Bedeutung und sind noch immer aktuell, da heute wie vor dreißig Jahren Verschwörungstheoretiker, Wichtigtuer und Pseudoexperten die Aufmerksamkeit der Medien haben.

Neben seinen soziologischen Feldforschungen hatte Michel Seurat zwei besondere Interessensschwerpunkte, die ihn fesselten: der islamische Extremismus und die syrische Diktatur der Assad-Familie, deren Repressionssystem er in mehreren Artikeln unter dem Pseudonym „Gérard Michaud“ analysierte.

Es gelang ihm, Insiderinformationen über das Massaker von Hama 1982 und über die Ermordung von hunderten Häftlingen im Gefängnis von Tadmor zu beschaffen. Nebenher stellte er Studien über sunnitische Extremisten in der nordlibanesischen Stadt Tripoli an.

Seine Sammlung von Essays und Artikeln über die syrische Gewaltherrschaft, die er unter dem Titel „L’État de barbarie“ veröffentlichte, brachte ihm die Feindschaft des syrischen Diktators ein, obwohl dieser nicht wusste, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg.

Die Entführung

Entführungen waren seit Beginn der Kampfhandlungen im Libanon ein übliches Mittel der Kriegsführung der verschiedenen Konfliktparteien. Seit dem Beginn der 1980er Jahre, nachdem die „Islamische Revolution“ im Iran die Mullahs an die Macht gebracht hatte, gerieten vor allem US-Amerikaner und Franzosen ins Fadenkreuz der Kidnapper.

Michel Seurat war im Mai 1985 für einige Tage in Paris gewesen und wollte nun zu seiner Frau und seinen beiden Töchter, mit denen er in Beirut lebte, zurückkehren. Stattdessen landete er in einem finsteren Verlies.

Über die Gefangenschaft, die Michel Seurat erdulden musste, gibt es nur bruchstückhafte Informationen. Sein Leidensgefährte Jean-Paul Kauffmann wurde im Mai 1988 nach fast dreijähriger Geiselhaft freigelassen. Von dieser Erfahrung schwer gezeichnet hat er sich bis auf einige Interviews kurz nach seiner Freilassung geweigert, über die Zeit seiner Gefangenschaft zu sprechen.

Wie es ist, Geisel des „Islamischen Dschihad“ zu sein, darüber kann ein anders Entführungsopfer präzise Auskunft geben.

Der französische Journalist Roger Auque wurde im Januar 1987 vor seinem Wohnhaus in der Rue Azar in West-Beirut von einem bewaffneten Kommando entführt.

An dieser Stelle bietet sich ein kleiner Exkurs zur Person an. Roger Auque, der im vergangenen Jahr einem Krebsleiden erlegen ist, war eine schillernde und illustre Persönlichkeit mit vielen Geheimnissen. Vor seiner Karriere als Reporter war er als junger Mann schon einmal im Libanon gewesen. Kurz nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges kämpfte er auf Seiten der christlichen Phalange gegen die Palästinenser. Auch wenn er sich nach der Geiselhaft geschworen hatte, den Journalistenberuf an den Nagel zu hängen, berichtete er noch mehrere Jahre aus dem Irak. Nach seiner Karriere als Reporter wurde er zum französischen Botschafter in Eritrea ernannt. Kurz vor seinem Tod wurde bekannt, dass er der leibliche Vater von Marion Maréchal-Le Pen, der hübschen Front-National-Nachwuchshoffnung und Enkelin des Parteipatriarchen Jean-Marie Le Pen ist.

Posthum kam auch heraus, dass er unter der Alibi seiner Reportagen Aufklärungsmissionen für den Mossad und die CIA betrieben hat, was im Hinblick auf seine journalistische Neutralitätspflicht und das journalistische Berufsethos einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

Auque hat kurz nach seiner Freilassung mit seiner scharfen und präzisen Beobachtungsgabe, die nicht nur den guten Journalisten, sondern auch den guten Agenten ausmacht, einen minutiösen Bericht über seine Erlebnisse geschrieben. Der Bericht trägt den lakonischen Titel „Un otage à Beyrouth“. Ein äußerst spannendes Buch und wertvolles Dokument über die Täter, ihre Motive und ihre Hintergründe.

Den ersten Tag seiner Gefangenschaft verbringt er sitzend in einer Tiefgarage in einem Auto mit einer Papiertüte auf dem Kopf, während seine Entführer ihn immer wieder in eine falsche Sicherheit wiegen, es sei alles nur ein Fehler und eine Verwechslung, spätestens morgen sei er wieder frei.

Doch Roger Auque kommt nicht frei. Er wird noch am selben Abend in ein winziges unterirdisches Verlies verschleppt, das sich im Kellergeschoss eines Hochhauses befindet, das Auque anhand mehrerer Indizien im Stadtteil Ouzai ganz in der Nähe des Flughafens lokalisiert. Die Entführerorganisation hat einen Teil des Kellergeschosses mit mehreren winzigen Zellen ausgebaut. Es sind noch andere Geiseln in den Zellen, aber Auque ist es verboten, sich bemerkbar zu machen. In seinem winzigen Verlies von 1,75 m x 1,75 m x 1,80 m muss er sich zwingen, nicht zu brüllen und nicht den Verstand zu verlieren. Nach einem Monat wird er in ein anderes Gefängnis gebracht. Es ist ein vollständig abgedunkeltes Zimmer in einer Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses, das die Bewohner verlassen haben, vermutlich im Stadtteil Bir el-Abed, der Hisbollah-Hochburg in Süd-Beirut.

Später wird eine andere Geisel zu ihm in das Zimmer gesperrt, der koreanische Botschaftsangehörige Chae Sueng Do, der schon mehr als ein Jahr länger gefangen ist und das Gefühl für Raum und Zeit verloren hat. Auch der Koreaner war zu Beginn der Gefangenschaft in der winzigen Zelle in Ouzai. Er erzählt eine groteske Geschichte, wie er versuchte durch einen kleinen Spalt im Mauerwerk Kinder auf sich aufmerksam zu machen, die auf der Straße spielten. Doch die Kinder helfen ihm nicht, sondern wiederholen lachend und singend den fremdartigen Namen. Kurz darauf nimmt der Gemüseverkäufer die Melodie auf, um die Kunden anzulocken. Die Absurdität im Horror. Selbstverständlich ist keiner der umliegenden Anwohner, die Eltern der Kinder oder sonst wer dem Koreaner zu Hilfe gekommen.

Die Entführer

Roger Auque, der während seiner Gefangenschaft stets eine Augenbinde tragen musste, konnte seine Entführer dennoch sehr genau analysieren und durchschauen.

Sie nannten ihre Organisation „Islamischer Dschihad“, aber die Entführer waren trotz des martialischen Namens keine islamischen Fanatiker. Mit Ausnahme der höheren Dienstränge waren es kleine Kriminelle, die nur am Geld interessiert waren.

Die wechselnden Wächter und Kindnapper bestanden aus einer sowohl religiös als auch ethnisch gemischten Gruppe. Es waren Libanesen, Drusen und Palästinenser. Es waren Schiiten dabei und Sunniten, sogar ein christlicher Libanese.

Die angeblichen „Organisationen“ mit den klingenden Namen sind nur Etiketten, ob sie nun „Islamischer Dschihad“, „Organisation der revolutionären Gerechtigkeit“ oder „Kraft der Benachteiligten der Erde“ oder anders heißen: es sind nur Unterorganisationen ohne „Inhalt“ und Konzept. Es sind Täter, die unter dem Oberbegriff: „Islamischer Widerstand“ – dessen ist sich Roger Auque sicher – von Teheran gelenkt wurden. Die zahlreichen Namen der Organisationen dienen nur der Desinformation. Im Endeffekt gab es nur eine Entführergruppe bestehend aus ungefähr 50 Männern. Die Hintermänner konnten diese „Subunternehmer des Enführungsbusiness“ für einzelne Jobs mieten mitsamt der Logistik und Infrastruktur aus Verliesen, Wohnungen, Autos, Bewachern, Essen und Waffen.

Es war genau diese Gruppierung, die auch Michel Seurat entführt hatte.

In einem der seltenen Interviews (hier ein sehr lesenswerter Artikel) erzählte Jean-Paul Kauffmann, dass auch sie zunächst in eine Zelle in einer Tiefgarage gesperrt wurden. Es war das erste Verlies in einer Reihe von zahlreichen anderen. Zunächst ist Michel Seurat optimistisch. Er glaubt nicht daran, dass er, der Freund des Orients und der Araber, lange in Gefangenschaft bleiben wird. Er ist davon überzeugt, dass seine Entführer in kürzester Zeit ihren bedauerlichen Fehler einsehen werden. Doch auch Seurat und Kauffmann werden von den Entführern belogen. „Morgen“ kämen sie frei, „nächste Woche“, „bald“. Taqiyya. Als absehbar ist, dass die Gefangenschaft noch andauern wird, versucht Seurat das Beste aus der Situation zu machen. Er macht sich Notizen für ein Buchprojekt, das er nach seiner Freilassung fertigstellen will. Um dem Tag eine Struktur zu geben, um bei geistiger und mentaler Gesundheit zu bleiben und schließlich um einen Teil ihrer Würde zu bewahren, beschließen Seurat und Kauffmann jeden Tag drei Stunden zu kommunizieren: Seurat hält Kauffmann Vorlesungen über Soziologie und Philosophie, spricht über Kant und Hegel. Kauffmann referiert über Literatur.

Die Haftbedingungen zerren an ihren Nerven. Auch wenn ihre Bewacher keine Fanatiker sind, sind sie trotzdem unberechenbar. An einem Tag holen sie einen der Gefangenen zu einer Scheinexekution ab, am nächsten Tag bitten sie kindlich darum, ihnen Französisch beizubringen. Je länger die Gefangenschaft andauert, desto größer wird Seurats Sorge, dass sein Pseudonym „Gérard Michaud“ herauskommt, unter dem er in Artikeln die Funktionsweise und die Verbrechen des syrischen Repressionsapparats seziert.

Irgendwann wird Seurat krank. Ernsthaft krank. Eine andere Geisel, der jüdische Arzt Elia Hallat, diagnostiziert eine Virushepatitis. Ohne Medikamente kann er aber nichts für ihn tun. Seurat wird mit der Zeit immer schwächer, doch natürlich bringen die Kidnapper Seurat nicht ins Krankenhaus. Sie holen auch keine Medikamente für ihn.

Die Hintermänner

Warum wurde Seurat entführt? Und warum Kauffmann, Auque, die Diplomaten Marcel Carton und Marcel Fontaine und die vielen anderen Franzosen?

In den Communiqués der Entführer wurden die Geiseln und vor allem die Reporter als Spione im Solde der Zionisten bezeichnet. Frankreich und die anderen Länder sollten für ihre Unterstützung Israels bestraft werden. Doch das war nur die Propaganda für die Galerie. Die wahren Strippenzieher der Entführungen saßen in Teheran. Das fanatische Geschrei und die großsprecherischen Communiqués überließen sie ihren Fußtruppen in Beirut. Die Iraner spielten über Bande und ihnen ging es weniger um Israel als um handfeste wirtschaftliche und militärische Interessen.

Die Entführung von Michel Seurat und der anderen Franzosen steht im Zusammenhang mit der „Islamischen Revolution“ der Ayatollahs im Iran und der französischen Innen- und Außenpolitik, auf die die Mullahs Einfluss nehmen wollen. Die Iraner haben eine direkte Beteiligung oder eine Auftragserteilung der Entführungen stets zurückgewiesen, sie ließen nur dunkel andeuten, dass sie auf die Entführer einwirken könnten, falls ihre Forderungen erfüllt würden.

Es waren vier sehr konkrete Forderungen:

Frankreich sollten ein Darlehen in Höhe von einer Milliarde Dollar zurückzahlen, das der Schah dem französischen Staat zur Errichtung einer Urananreicherungsanlage gewährt hatte, um sich dadurch Zugang zu moderner Nukleartechnologie zu sichern.

Zweitens sollte das Killerkommando um Anis Naccache, das versucht hatte, den ehemaligen Premierminister des Schahs, Schapour Bakhtiar zu ermorden, freigelassen werden.

Drittens sollte Frankreich aufhören, moderne Waffen an den Irak zu liefern, mit dem sich der Iran im Krieg befand, oder Frankreich sollte dieselben Waffen an den Iran liefern.

Schließlich sollte Frankreich seine Asylpolitik überdenken und aufhören, Feinde der islamischen Republik aufzunehmen.

In der Tat verfolgte Frankreich eine eigenartige, inkonsequente und auch widersprüchliche Politik in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens.

In den 1970er Jahren hatte Frankreich Ruhollah Chomeini Asyl gewährt, der aus dem Irak gejagt worden war. Sie wiesen ihm eine Residenz in Neauphle-le-Chateau zu, einem Vorort von Paris. Die französischen Behörden hielten Chomeini damals für eine Art harmlosen, alten, versponnenen Guru – ein schwerer Fehler und eine krasse Fehleinschätzung.

Nachdem die von ihm betriebene „Islamische Revolution“ den Schah gestürzt und ebendieser Chomeini im Iran die Macht übernommen hatte, nahm Frankreich die ehemaligen Funktionsträger des persischen Ancien Régime bei sich auf, unter anderem den Premierminister Schapour Bakhtiar. Später kamen noch der erste Präsident der islamischen Republik, Abolhassan Bani Sadr, der nach einem Zerwürfnis mit den Mullahs außer Landes fliehen musste und der Führer der stalinistischen Volksmodschahedin, Massoud Radjavi, der die Mullahkratie mit Waffengewalt bekämpfte, hinzu.

Frankreich, das traditionell sehr enge Beziehungen zu den arabischen Staaten pflegt, weigerte sich kategorisch die Waffenlieferungen an den Irak, unter anderem Mirage-Flugzeuge und Exocet-Raketen, einzustellen. Auch eine Lieferung derselben Waffen an den Iran lehnte Frankreich ab. Über inoffizielle Kanäle gelangten dennoch Waffen an den Iran, ob dies mit Wissen und Zustimmung der französischen Regierung geschah, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt – eine Art französischer Iran-Contra-Affäre.

Das ungeschickte Taktieren und Verhandeln der französischen Regierung, die Waffenlieferungen, die Lösegeldzahlungen und das anschließende Dementi erschwerten die Freilassung der Geiseln sehr. Allerdings erhöhten die iranischen Mullahs den Druck durch weitere Entführungen und Bombenattentate in Frankreich.

Die französischen Geiseln wurden letztendlich entführt, weil sie Franzosen waren. Auf Anweisung der Mullahs büßten sie nicht nur für die französische Außenpolitik, vielmehr beeinflussten die Iraner auf zynische Weise die Politik anderer Länder, indem sie mithilfe des Leids der Elenden ihre eigene Machtpolitik durchzusetzen versuchten.

Im Fall von Seurat ist die Rolle der Syrer bis heute nicht ganz geklärt. Es liegt auf der Hand, dass die Recherchen von Seurat, die Syrer extrem störten. Seine Erkenntnisse über den islamischen Extremismus in Tripoli und die Muslimbrüder, deren Aufstand in Hama Hafez Al-Assad unter Inkaufnahme von 20.000 bis 30.000 Toten niedergeschlagen hatte, schadeten Syrien in der öffentlichen Wahrnehmung enorm.

Die syrischen Sicherheitskräfte, die zum damaligen Zeitpunkt große Teile des Libanon und ganz Beirut kontrollierten, wussten definitiv von den Geiseln und sehr wahrscheinlich auch, dass sich Michel Seurat unter den Geiseln befand. Hatten sie herausgefunden, wer sich hinter dem Pseudonym „Gérard Michaud“ verbarg? Bis heute liegt die Antwort auf diese Frage im Dunkeln.

Das Ende

Seurat ging es immer schlechter. Die Krankheit führte zu einem Mangel an roten Blutkörperchen. Statt ihn in ein Krankenhaus zu bringen, verabreichtge ihm ein schiitischer Milizionär eine Transfusion seines eigenen Blutes.

Ende Dezember, zieht sich Seurat zum Sterben zurück. Er ist am Ende seiner Kräfte, die Wärter bringen ihn weg. Michel Seurat starb nach langer Agonie vermutlich am 25. Dezember 1985.

Der „Islamische Dschihad“ lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, seinen Tod propagandistisch auszuschlachten. Zwei Monate nach seinem Tod verkünden die Entführer die Exekution des zionistischen Spions Michel Seurat.

Selbst nach seinem Tod logen seine Geiselnehmer. Seiner Witwe erzählten sie, dass sein Leichnam auf dem schiitischen Friedhof Raoudat al-Schahidayn (Garten der beiden Märtyrer) beerdigt worden sei. Eine Herausgabe seines Körpers an seine Angehörigen lehnten sie ab.

Seine sterblichen Überreste wurden erst im Jahr 2006, vermutlich als Resultat geheimer Verhandlungen zwischen der Hisbollah und dem französischen Geheimdienst, auf einem Trümmergelände im südlichen Bezirk Bourj-al-Brajneh, nur in ein einfaches Laken gehüllt, gefunden.

Seine Witwe Marie Seurat resümierte bitter: der Verehrer der arabischen Sprache wurde von den Arabern ermordet, der Korangelehrte wurde von den Fanatikern ums Leben gebracht, der Orientalist wurde von seinem Orient getötet. Selbst sein Tod hat ihn verraten.

Veröffentlicht unter Naher Osten, Terrorismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Palmyra – Stätte des Leids

Ein kalter Wintermorgen in Damaskus. Am heruntergekommenen Busbahnhof durchsuchten schnauzbärtige Geheimdienstler die Koffer, Taschen und Rucksäcke der Reisenden auf schartigen Holztischen.

Auf Außenstehende wie mich wirkten diese Männer befremdlich. Trotz ihrer ärmlichen Uniformierung aus schwarzen Lederimitatjacken, Polyesterhosen und Funkgeräten flößten sie den Menschen Angst ein. Man ahnte es an ihren verschlossenen Gesichtern und ihrem misstrauischen Schweigen bis sie die Prozedur überstanden haben. Ich weiß noch, wie ich vor dem Einsteigen in den Bus ein komisches Gefühl hatte. Der arabische Name von Palmyra, Tadmor, klingt auf Französisch wie „tas de morts“ (Leichenhaufen). Im Bus wieseln junge, magere, flinke Männer durch den Mittelgang und servieren Wasser und Tee. Auf dem Bordfernseher läuft die neueste Raubkopie „Banlieue 13“, der in der deutschen Fassung den debilen Titel „Ghettogangz – Die Hölle vor Paris“ bekommen hat.

Der Bus schaukelt träge aber zielstrebig durch die neblige Wüste. An der Abzweigung nach Bagdad, klemmt sich ein LKW-Rastplatz an die Kurve. Große Radachsen rosten im Sand. An der Hütte hängt ein Schild „Bagdad Café“. Ein kleines Augenzwinkern an die Reisenden, dass die Menschen in dieser gottverlassenen Gegend dieses abgeriegelten und kontrollierten Landes nicht hinter dem Mond leben und Zitate der Filmgeschichte kennen, nämlich den Film „Out of Rosenheim“ mit Marianne Sägebrecht.

Palmyra ist ein uralter Knotenpunkt der Karawanen. Händler rasteten hier, bevor sie auf dem Weg nach China oder Indien die irakische Wüste durchquerten. Die römischen Kaiser inkorporierten die fruchtbare und üppige Oase in ihr Reich. Neben den Bädern, der Agora und den Kolonnaden errichteten die römischen Siedler ein Theater, denn die Untertanen des Reichs sollten nicht ohne kulturelle Erbauung leben. Es ist ein für die antike Welt seltenes freistehendes Theater, das sich nicht sonst üblich in einen Hügel einfügt.

Das Theater verschwand irgendwann für lange Jahrhunderte unter dem Wüstensand, bis es von Archäologen in den 1950er Jahren wieder freigelegt wurde.

Die Assad-Familie erkannte sehr schnell den kommerziellen Wert, den die Attraktion hatte. Sinnigerweise errichtete das Regime in der Neustadt ein berüchtigtes Foltergefängnis, in welchem die Assad-Familie unter den Häftlingen ab und an Blutbäder anrichtete.

Der bescheidene Verfasser dieser Zeilen hatte von dem Gefängnis keine Ahnung und bewegte sich durch das Theater, überwältigt wie jeder, der noch zum Staunen fähig ist, vor der Kunstfertigkeit der Menschen. Ich saß auf den Steintribünen und stellte mir vor, wer hier vor fast zweitausend Jahren wohl gesessen haben mag, nachdenklich oder beseelt von einer künstlerischen Darbietung. Ein römischer Beamter? Ein reicher Händler aus entfernten Ländern? Ein jüdischer Kaufmann?

Palmyra 2006

Das war vor neun Jahren. Niemand hätte damals auch nur im entferntesten ahnen können, dass sich an dieser einzementierten angstvollen Apathie etwas ändern könnte. Ebensowenig hätte man sich die Albtraumvisionen ausmalen können, die seit letztem Jahr über dem Land hereinbrechen.

Im Mai 2015 überrannte ISIS die Wüstenstadt. Die erste Amtshandlung der Milizionäre des IS war, den Löwen von Al-Lat neben dem Baal-Tempel aus assyrischer Zeit zu zerstören, die zweite war, das Foltergefängnis in die Luft zu sprengen.

In ihrem Bestreben, alles, was in ihren Augen den verhassten, hedonistischen westlichen Lebensstil repräsentiert zu pervertieren, war ihre nächste Aktion, ein Kommando aus halbwüchsigen Knaben in das Theater zu schicken, wo sie ein Dutzend Gefangener der syrischen Armee mit einem Schuss in den Hinterkopf exekutierten.

Palmyra Execution 1

Wie vor tausenden von Jahren waren die Ränge des Theaters, dessen Bühne so manches antike Drama erlebt hatte, mit Publikum angefüllt. Das Drama, das sich vor ein paar Wochen abspielte, war ganz eigener Art. Gefangene starben, Kinder wurden zu Mördern.

Palmyra Execution 2

Die schaulustigen Voyeure, die mit ihren Kindern auf den Rängen saßen, schauten sich die Elenden an. Was denken diese Verurteilten wohl gerade? Wie es wohl ist, zu wissen, dass dieses alte Theater das letzte sein wird, das man sehen wird?

Angesichts dieser Bilder stellt sich mir nur eine Frage: Welcher degenerierte, pervertierte, entmenschlichte Abschaum kann Kinder dazu bringen, so etwas zu tun?

Veröffentlicht unter Krieg, Naher Osten, Syrien, Terrorismus | Verschlagwortet mit , , , , | 3 Kommentare

Leiche im Keller

Dass es so kommen würde, hatten Christines Eltern vorausgesehen. Das Wortlaut des Gesetzes ist eindeutig und erlaubt keinen Zweifel. Dennoch lag es den Anklägern am Herzen, Christines Eltern persönlich im Gebäude der Brüsseler Staatsanwaltschaft zu empfangen und ihnen auf möglichst feinfühlige Weise mitzuteilen, dass es vorbei ist. Die Akte über die Ermittlungen zum Mord an ihrer Tochter wurde am 30. Januar 2015 zugeklappt. Für immer. Das belgische Strafgesetzbuch sieht auch für Mord eine Verjährungsfrist vor, die dreißig Jahre nach Vollendung der Tat eintritt.

Christine Van Hees

Der oder die Mörder von Christine Van Hees werden nie mehr ermittelt, angeklagt und verurteilt werden können. Die Hintergründe eines der brutalsten Verbrechen der belgischen Kriminalgeschichte bleiben von nun an für immer im Dunkeln.

Ein kleiner Brand loderte in der ehemaligen Champignonzüchterei gegenüber der Freien Universität Brüssel. Ein Routineeinsatz für die Feuerwehr an diesem Abend des 13. Februar 1984. Wahrscheinlich hatte ein Obdachloser in einem der verlassenen Gebäude sein Lagerfeuer nicht richtig ausgetreten oder ein paar Kinder hatten wieder gezündelt.

Seit mehr als zehn Jahren wurden hier keine Champignons mehr gezüchtet, dort wo die Rue de la Stratégie in den Boulevard du Triomphe mündet. Trotz der pompösen Straßennamen ist die Gegend heruntergekommen. Das Areal mit den baufälligen Häuser und Lagerhallen ist zum Abriss freigegeben.

Champignonnière Auderghem Bruxelles

Das aufgegebene Betriebsgelände der Züchterei ist ein unheimlicher Ort. Obwohl noch in der Innenstadt gelegen, ist die Gegend menschenleer und verwahrlost. Das Grundstück ein verwildertes und mit Sträuchern und Gestrüpp überwachsenes Brachgelände, das mit Schutt, Abfall und vermoderten Holzbrettern übersät ist.

Champignonnière

In den leeren Gebäuden mit den weiträumigen Kellern und Untergeschossen begegnen sich Obdachlose und alle Arten von Vagabunden, die sich dort für eine Weile häuslich einrichten. Jugendbanden lungern herum. Kinder stromern in den Ruinen und werfen die wenigen verbliebenen Fensterscheiben ein.

Die kleinen Brandherde sind schon unter Kontrolle, als ein Feuerwehrmann die Rauchsäule entdeckt, die aus einem Belüftungsschacht aus den Untiefen der Keller aufsteigt. Die Treppe zu den Untergeschossen liegt in vollständiger Finsternis. Die niedrigen und langestreckten Keller sind mit den Überresten abertausender aufgestapelter Holzrahmen, auf denen die Pilze gezüchtet wurden, verstellt.

Champignonnière entrée Auderghem Bruxelles

Auf der Suche nach dem Brandherd finden die Feuerwehrmänner schließlich auf einem aus Kartons, Brettern und Holzgestellen improvisierten Scheiterhaufen eine noch brennende weibliche Leiche. Hände und Füße sind mit Draht gefesselt. Um den Hals liegt eine Schlinge aus Kabeln. Es ist die Leiche der 16-jährigen Christine Van Hees, Schülerin an einer Sprachenschule. Christine wurde vermutlich erdrosselt und möglicherweise vergewaltigt. Genauere Feststellungen konnten nicht getroffen werden, da die Leiche mehrere Stunden gebrannt hatte und der Körper durch das Feuer zu stark beschädigt war. Sicher ist nur, dass Christine schon tot war, als man sie mit Kartons und Holzkisten bedeckte und anzündete.

Zuletzt wurde sie gegen sechs Uhr abends desselben Tages in der Nähe des Geländes der Champignonzucht in Begleitung eines jungen Mannes gesehen, den Zeugen als langhaarig und mit nachlässigem Äußeren beschreiben. Weder ihre Eltern noch die Ermittler können sich erklären, was Christine an diesem Ort machte, auch wenn er nicht weit von ihrem zuhause war. Christine hatte allerdings ein aufgeschlossenes Wesen und kam leicht mit anderen Menschen ins Gespräch. Sie mochte auch etwas außergewöhnliche Typen, Punks oder Straßenmusiker. Andere Anhaltspunkte oder Ermittlungsansätze gibt es nicht.

Etwa ein halbes Jahr später, im Juli 1984, wird ein Verdächtiger in Aachen festgenommen: es ist ein 18 Jahre alter Punk namens Serge C., genannt „l’Iroquois“ (der Irokese), aufgrund seines rotgefärbten Haarkamms. Er gilt als jähzornig und cholerisch und ist bei der belgischen Polizei schon wegen Gewalttaten aktenkundig. Er kennt die Örtlichkeit und es wurde angeblich sein Fingerabdruck in der Nähe des Tatorts nachgewiesen. Die Ermittler, die aufgrund des grausamen Verbrechens seit Monaten unter mächtigem Druck stehen, nehmen die unverhoffte Fügung des Schicksals dankbar an und drehen ihren Hauptverdächtigen bei den Verhören durch die Mangel. Serge C. gesteht den Mord, widerruft dann das Geständnis, gesteht wieder und widerruft erneut.

Nach drei Jahren zwingt der Europäische Gerichtshof die Justiz, Serge C. aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Es war ihnen nicht gelungen, ihm die Tat nachzuweisen. Serge C. hatte zwar die Tat gestanden, blieb aber immer im Ungefähren. Er konnte keine präzisen Angaben machen, er hat kein Wissen preisgegeben, das nur der Täter haben konnte. Heute gilt er von Rechts wegen als unschuldig. Die Akte wurde wegsortiert und verstaubte.

Mitte der 90er Jahre schlug der Fall noch einmal Wellen. Der Pädokriminelle Marc Dutroux war soeben festgenommen worden. In Belgien ging die Paranoia vor Kinderschändern um. Dass die Ermittler die Akte Christine Van Hees wieder aus dem Archiv holten, dafür war eine Zeugin verantwortlich, die sich als Opfer von Marc Dutroux ausgab. Es war die „Zeugin X1“ alias Régina Louf, eine Frau, die in ihrer Kindheit schwer sexuell missbraucht worden war. Ihre eigene Mutter hatte sie mit Wissen des Vaters an ihre Großmutter „vermietet“, die zwei Bordelle betrieb. „X1“ machte detaillierte Angaben über Dutroux‘ angebliches Pädokriminellennetzwerk und seine Verbindung zu Politikern und anderen hochgestellten Persönlichkeiten der belgischen Society. Im Laufe ihrer Aussagen berichtete sie von einer gewissen „Christine“, die Anfang der 80er Jahre in einer Pilzzüchterin in Anwesenheit von Marc Dutroux und seines Komplizen Michel Nihoul umgebracht worden sei, weil sie über das Netzwerk auspacken wollte. Sie selbst habe die Ermordung miterlebt.

Die Ermittler schöpfen Hoffnung, den zwölf Jahre alten Mordfall endlich aufzuklären, denn die Zeugin offenbarte verblüffend detailliertes Insiderwissen über die Tat und das Verletzungsbild. Es passt auch sonst alles perfekt zusammen. Der Ort erinnert in der Tat an die Horrorkulissen, die Marc Dutroux für seine Opfer so sehr liebte.

Doch erst als die Aussagen von „X1“ ins Abstruse abdriften und nicht nur der belgische König sondern auch die ermittelnden Staatsanwälte und Untersuchungsrichter als Mitglieder des Pädophilennetzwerks beschuldigt werden, zogen die Ermittler die Reißleine. Im Nachhinein haben sich alle Aussagen der Zeugin als falsch herausgestellt. Sie waren das Ergebnis einer Suggestivbefragung durch Beamte der Gendarmerie, die auf dem Höhepunkt der Dutroux-Affäre wegen der haarsträubenden Ermittlungspannen unter Druck standen und Ergebnisse vorweisen mussten. Die Aussagen der durch den Missbrauch in der Kindheit schwer traumatisierten und psychisch instabilen Zeugin, die vermutlich die Aufmerksamkeit und Anteilnahme der Polizisten auskostete, haben die Ermittlungen für geraume Zeit in die falsche Richtung gelenkt. Die Ermittler konnten wieder am Ausgangspunkt anfangen.

In der verbleibenden Zeit, ist es ihnen nicht gelungen, die Tat aufzuklären. Da die Akte von Rechts wegen geschlossen werden musste, können die Ermittler über das Motiv und die Täter nur spekulieren. Sie favorisieren ein Szenario, wonach Christine Van Hees Kontakt zu einer Gruppe von Punks oder einer anderen Jugendgruppe genknüpft haben könnte, die die Ruine der Champignonzucht als Treffpunkt auserkoren hatte. Am Tattag kam es vermutlich zu einem Annäherungsversuch durch einen Täter – möglicherweise waren auch Drogen im Spiel -, den Christine abgelehnt hatte, worauf der Zurückgewiesene sie im Affekt umbrachte.

Doch Mutmaßungen und Hypothesen sind jetzt nutzlos, denn die vom Gesetz vorgegebene Zeit ist abgelaufen. Das Verbrechen ist verjährt und bleibt damit auf ewig ungesühnt. Der Täter kann sich jetzt zu seiner Tat bekennen oder ein Fernsehinterview geben. Von Rechts wegen kann er nicht mehr strafrechtlich belangt werden.

Veröffentlicht unter Kriminalität | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Stöhnende Wände

Eine Fellini-hafte Kulisse, besudelte Wände, obszöne Bilder. Normalerweise nicht das, was man mit einem Krankenhaus und seinen aseptischen, nach Desinfektionsmitteln riechenden Fluren in Verbindung bringt.

Und doch sind gerade diese Elemente, wie so manche andere kulturelle Ausnahme in Frankreich, ein fester Bestandteil des Krankenhausuniversums.

moqq26yz_scalewidth_714

Die unbedachte Verbreitung eines Bildes über ein bekanntes soziales Netzwerk durch einen angehenden Arzt, hat nicht nur ein Schlaglicht auf ein der Öffentlichkeit größtenteils unbekanntes Phänomen geworfen, sondern könnte auch gleichzeitig das Ende einer alten Tradition in den französischen Krankenhäusern einläuten.

Es sind dies die pornographischen Wandgemälde in den Krankenhäusern, die von den Jungärzten vornehm und ganz unironisch Fresken genannt werden.

Stein des Anstoßes ist ein Wandgemälde im Aufenthaltsraum der Uniklinik Clermont-Ferrand. Darauf zu sehen sind die vier Superhelden Flash, Superman, Batman und Superwoman, die mit Wonder Woman in einer ausschweifenden Orgie verstrickt sind. In den Sprechblasen finden sich abfällige Anspielungen auf ein Gesetzesvorhaben der Gesundheitsministerin Marisol Touraine.

Die Organisation „Osez le féminisme“ erblickt in der Darstellung indes keinen einvernehmlichen „Gang Bang“, sondern eine Gruppenvergewaltigung und prangert das frauenfeindliche Angehen der Ministerin an, das in den Sprechblasen zum Ausdruck komme. Diese gibt sich von dem Bild selbst „außerordentlich schockiert“ und verurteilt die mit dem Bild ihrer Meinung nach vermittelte „inakzeptable Anstiftung zur Vergewaltigung“.

Die Darstellung ist tatsächlich drastisch. Es wäre allerdings eine ungerechte Verkürzung, reduzierte man das Bild nur auf eine Art pennälerhafte Wandschmiererei oder als ein Relikt einer machistischen Mentalität, reiht es sich doch in die lange Tradition einer Symbiose von Künstlern und Ärzten ein.

Alle großen Eliteuniversitäten in Frankreich, die „grandes écoles“, haben ihre spezifischen Traditionen und teilweise demütigenden Aufnahmerituale. Diese sogenannten „bizutage“ sind seit einigen Jahren gesetzlich verboten, wenngleich diese Bräuche noch immer lebendig sind.

Die Mediziner wiederum haben ihre eigenen Riten und Traditionen. Sie spielen sich ab in der sogenannten „salle de garde“, dem Dienstzimmer der „internes“. Diese sind meist noch sehr junge Universitätsabsolventen, die keine Studenten mehr sind und doch noch keine fertig ausgebildeten Ärzte. Während ihrer dreijährigen praktischen Ausbildung im Krankenhaus arbeiten sie den Assistenz-, Ober- und Chefärzten und bilden im Prinzip das Rückgrat der Krankenhäuser.

Die Tradition der erotischen Wandbilder in den Aufenthaltsräumen entstammt einer Zeit als die Arbeit im Krankenhaus eine reine Männerdomäne war.

Die „salle de garde“ diente in früheren Zeiten, als die Medizin eher einem blutigen Handwerk denn einer Wissenschaft ähnelte, zunächst dem medizinischen Hilfspersonal als Aufenthalts- und Wohnraum. Die „chirurgiens barbier“ nahmen nicht nur Operationen vor, sondern schienten Knochen, richteten gebrochene Rippen und ließen zur Ader. Ihnen wurde ein Saal oder manchmal auch ein eigenes Gebäude zugewiesen, wo sie ihre Mahlzeiten einnehmen, schlafen und ihre freie Zeit verbringen sollten.

So entwickelte sich über die Jahrhunderte eine Parallelgesellschaft abseits vom Krankenhausbetrieb und der Patientenversorgung, die der Verwaltung und der Krankenhaushierarchie mit deren stillschweigendem Einverständnis entzogen war.

In der morbiden Umgebung, in der die angehenden Ärzte tagtäglich mit einer hohen Sterblichkeitsrate und schweren Krankheiten konfrontiert waren, diente die „salle de garde“ nicht nur als bloßer Aufenthaltsraum, sondern war ein Rückzugsraum, ein Schutzraum vor den Belastungen und Ängsten, denen die künftigen Ärzte in diesem Zwischenstadium aus nicht-mehr-Student und noch-nicht-Arzt unvorbereitet ausgesetzt wurden.

Die „salle de garde“ wurde mehr als ein Raum, sie wurde zu einer eigenen Institution, die nur der Kaste der „internes“ zugänglich war, die allesamt dieselben Erfahrungen bei ihrem abrupten Eintritt ins Berufsleben machten: harte Dienste, stressige Arbeit, die auf ihnen lastende große Verantwortung, miese Bezahlung, Versagensängste und die Allgegenwart des Todes.

Sie ist ein Ort mit einer wichtigen sozialen Rolle, in der sich eine intuitive Rangordnung bildet und wichtige Beziehungen geknüpft werden. Dort liegt auch der Ursprung der teilweise recht albernen Ritualen: dem Verbot Korkenzieher zu benutzen, der Pflicht vor dem Essen alle Kollegen mit einem Klaps auf die Schulter zu begrüßen oder dem Verbot während der Mahlzeit von Politik oder medizinischen Themen zu sprechen, bis der Kaffee serviert wird.

Auch zu heutigen Zeiten, in denen die Patienten nicht mehr in Massen sterben, hat das Dienstzimmer der Jungärzte die Funktion eines Ventils, eines Ortes zum herunterkommen, um nach harten Diensten abzuschalten und auszuspannen, eines Refugiums, in welchem die kommenden Ärzte und Ärztinnen dem furchteinflößenden Moloch Krankenhaus für kurze Zeit entfliehen können. Mehr als das: Es wird zum Ort, an dem das strotzende Leben sein Recht beansprucht, einem Ort der Austreibung des Todes, in dem nur die reine Lebensfreude herrschen darf und wo sich die Anspannung und die explodierenden Ängste in Exzessen und pornographischen Übersprungshandlungen entladen.

Mit der Zeit bildete sich so ein den Moden unterworfenes größtenteils unbekanntes und verkanntes Kulturgut eigener Art heraus. Angefertigt werden die Wandgemälde traditionell von Studenten der Kunsthochschule in tage- und wochenlanger Arbeit, die von den Ärzten in spe beauftragt und gemeinschaftlich bezahlt werden. Toulouse-Lautrec und andere später berühmte Maler haben die Dienstzimmer in den Pariser Krankenhäusern verschönert, als sie noch arm und unbekannt waren. In der Anfangszeit dominierten humoristische Bilder, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekamen die Fresken einen erotischen Touch. Offen pornographisch wurden die Bilder erst später und es ist wahr, dass Qualität und Originalität beträchtlich schwanken können.In der jüngster Zeit scheint es Mode zu sein, alle Mitglieder eines Jahrgangs in einer Orgie zu porträtieren und dabei die primären Geschlechtsmerkmale möglichst grotesk zu übertreiben.

odm1

01

NeckerORdetail4

0625aneGTStilistisch und qualitativ gibt es große Abweichungen bei den Fresken. Vom einfachen Comic-Stil …

CochinDupontetHad…über hyperrealistische Gang-bang-Darstellungen…

dt2HtGbasM

… und Werken in einer 80er-Jahre-New-Age-Ästhetik…

CL3

…bis zu einer an die „Art naïf“ des Zöllners Rousseau gemahnende Elaborate ist alles vertreten.

fresque

Diese absonderliche und kuriose Tradition wird in der letzten Jahren immer mehr zurückgedrängt, was jedoch nur teilweise der um sich greifenden „Political correctness“ anzulasten ist. Auch die medizinische Ausbildung selbst hat sich gewandelt. Heute bleiben die „internes“ nicht mehr drei Jahre in einem Krankenhaus, sondern absolvieren verschiedene halbjährige Stationen in unterschiedlichen Abteilungen und Krankenhäusern. Durch diese Fluktuation entfällt die traditionell enge Bindung der „internes“ aneinander und an das Krankenhaus und in der Folge die Atmosphäre einer verschworenen Gemeinschaft, die solche Bilder ermöglicht.

Die Pläne zur Verbesserung der Patientenversorgung mit ihren effizienten Abläufen und klinisch reinen Cafeterien tun ihr Übriges. In diesen Plänen sind diese unordentlichen, schmutzigen Orte nicht vorgesehen. Heute steht den Jungärzten meist nur ein simpler Kaffeeautomat auf dem Gang für die Pause zur Verfügung. Die „salles de garde“, als krankenhauseigene Inseln der Anarchie sind bald nur noch Geschichte. So geht nicht nur eine Tradition verloren, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass in gewisser Weise auch, die „salle de garde“ als eigene Kultur endet.

Nach dem massiven Shitstorm wurde das Bild in der Uniklinik Clermont-Ferrand zwischenzeitlich übermalt. Interessant ist allerdings, dass das Bild dort schon seit 15 Jahren die Wand verziert, ohne dass jemand daran Anstoß genommen hätte.

Capture-d’écran-2015-01-20-à-12.54.07Ein wenig überraschend ist es schon, das erst die Sprechblasen mit Bezug zur Gesundheitsministerin, die ein Witzbold Anfang des Jahres als Kommentar zur Reform des Medizinsektors hinzugefügt hatte, Grund für die allseitige Polemik und Empörungsbereitschaft sind.

Weitere Fresken finden sich auf dieser Seite.

Veröffentlicht unter Frankreich, Gesellschaft, Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare